Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht
eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst vervollständigt. Du sagst,
damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, müsse seine physiologische
Seite erst erörtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph
nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.
Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter gehegten Ei, genährt
von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er
den Entwickelungsprozeß einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive
Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur
weist darauf hin, daß das Kind der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz
haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde
entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten auf ihr Recht, um die
damit zusammenhängende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt
deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind
verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen Gott, gegen
das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger
Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter
mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr Gottesbewußtsein
mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt vertritt.
Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich das Beste
vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem Weibe seine Persönlichkeit vor,
damit sie sie dem Kinde einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein
Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen Kraft;
die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichen Geist selbst,
welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. »Das
Ewig-Weibliche zieht uns hinan.« Der Vater gibt das Fürsichsein, die
Persönlichkeit, die Mutter das Allsein.
Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater
aller Menschen. »Denn wer da bekennt«, heißt es bei Luther, »daß eine
Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten,
daß die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob
sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; sonst würde daraus folgen, daß
keine Frau eines Kindes Mutter wäre.« Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht
zwei Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von
Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß nach Luthers Ansicht jede
Mutter den Heiligen Geist empfängt, und daß jeder Mensch göttlich und
menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst?
»Laßt uns Redefiguren mit den Manichäern erdichten«, sagt Luther an anderer
Stelle ironisch, »auf daß Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine
Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas,
hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein
behandeln!« Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther möchte ich dir
anführen: »Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war
Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen.
Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das
Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und
gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.«
Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung
des Sündenfalls der Eva. Eva wurde Gott untreu, indem sie den selbstischen
Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme
Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfüllt.
Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen
hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den
Malern als älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; das
bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater
empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur
Gottheit erweiterte Persönlichkeit. Wir erfahren, daß Christus vom Teufel
versucht wurde und ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf
dieser Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von ihr nicht
fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie ihm als Werkzeug Gottes
heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade
weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie
ihm keine dauernde Kraftquelle sein.
Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine Begabung von der
Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden
wird. Man hat sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden
Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewiß
hat man wenigstens das von ihnen gesagt, daß sie fromm waren, und darauf
kommt es ja einzig an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die
Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann auch ein anderes Wort
wählen, das manchem vielleicht mehr sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist
Phantasie, die Fähigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher
Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte;
Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssig durch die
Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fähigkeit, sich
allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was
unsichtbar, aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. Weil sie
Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Göttliche einzubilden, weil sie
geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und
hört wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des
Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter
schließen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus
dem Vollen geschöpft oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht
sinnlos, daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen und den
Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte,
hat derartige Nachhilfe nicht nötig, denn sie sieht Schönes, das ist
Göttliches, überall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.
Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder daß sie sich
leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu unglückliche Ehe
führten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen
möchte, insofern sie auf göttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne
seine Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge welcher er
sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie
ihm; der Mann verehrt das Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott
betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.
»Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt«, sagt Goethe. Diejenigen Söhne,
deren Väter so weltlich waren, daß sie das Göttliche in der Frau überhaupt
nicht erkannten oder es unterdrückten, oder deren Mütter Gott an den Mann
verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht
gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am
wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als
den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat,
vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu werden; so
waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, die für die Liebe eine
besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialität
eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade
immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie
aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Völkern -- und
das sind jetzt alle -- Formen an, die ihr Gutes und Schönes aufheben und
sie ins Widerwärtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den
nachchristlichen Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht
Gott zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine Marienfrau mehr
heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit,
ihre reine Schönheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm
ein Gefühl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade
diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem
Schutze Gottes.
Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der
wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, daß man sich unter Maria,
der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie
der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich
Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die Holdselige voller Gnaden,
Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll
freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von
Goethe:
Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.
Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies
höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. Daraus, daß er vom Teufel
dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, daß er
Selbstbewußtsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte
es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes
erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewußtsein, sondern
auch ganz voll Gottbewußtsein. Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in
dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen
Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte:
Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in
die göttliche Form über; es war nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung
der Einzelpersönlichkeit zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit deckte
sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes
ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugänglich,
weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein.
Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem Höheren
aufzugehen, ist in der Hölle.
Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher Mensch wie wir alle,
liegt zu folgern nahe, daß wir auch Götter, wenigstens werdende Götter,
mögliche Götter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch
gezogen der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott durch Christus,
unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese veränderte Stellung des
Menschen zu Gott gehört zum wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments.
Luther erinnert unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr
seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß Christus selbst
im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, daß diejenigen Götter sind,
zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine
Meinungsäußerung Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis
Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schöpfer.
In bezug darauf schreibt Luther: »Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist
Schöpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es dennoch
nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, daß Gott
Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so daß Mensch Kreatur und Gott
Schöpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie
sie lästern, und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden,
daß Gott Mensch sei.« Man sieht, in welches Gestrüpp von Mißverständnissen
Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie
bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte
wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich
klargemacht, daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts daran
auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, das heißt
Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heißt, an das Göttliche im
Menschen glauben, glauben, daß der Mensch Geist hat.
So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht ganz befriedigt
bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen hören willst, worauf du
so viel zu geben pflegst, natürlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind
auch Leistungen. Vielleicht findest du, daß man, wenn Christus das Genie
der Menschheit ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte.
In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die Heilkunst; er war der
Heiland der Welt, das heißt, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von
Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder,
und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen sei. Und zwar
machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der
Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewußtsein der
Zusammengehörigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus
ein humaner Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen;
aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete Traurige, heilte Kranke
durch Wort und Berührung und erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig
machen, wird klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein Wort
schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, daß es
sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie dem Geiste bewußt werden: Christus
machte der Menschheit ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er
lehrte die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von seinen
Lippen, insofern war er der größte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, daß
er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er
selbst, wie es heißt, voll göttlicher Gestalt war.
Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre
Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und
Erscheinen. Er zerriß sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person
offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das
selbstbewußte, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare
und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden
durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein
verantwortliches Ich. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich zusammen,
es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich
betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es
selbst vereinzelt und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich bloß
erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche
Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch
ein einheitliches Selbst. Im Inneren des bloß erkennenden Menschen ist ein
Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein
Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der
nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus
dem Herzen entspringendes und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich
gemußtes und gewolltes Handeln.
Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem
Wort zu wählen hätte, würde er ohne Zögern sein Wort wählen; denn Christus
sei in seinem Wort. Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen
möchten wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit die
Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veräußerlichung oder
Moralisierung die Folge wäre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie
Christus gewöhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von ihm, um
Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß auf seine Mörder, andere
stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt
Luther, es stehe geschrieben, daß man Christus anziehen solle, und Christus
anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen
könne, müsse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklärte er einmal, er
fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen,
sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht
gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das
alles, er wolle in uns sein, nicht außer uns.
Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus
dem Herzen tun. Man kann beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich
blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel
Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder
Weisen nicht tun würden. Sie spüren die starke Persönlichkeit, das
selbstbewußte Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann.
Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es
ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht
unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus
siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern
beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an.
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet das Christentum
von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die
Persönlichkeit nicht dadurch überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern
daß wir sie erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen
vertreten. Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen ist, findet
sich doch jeder in ihm wieder.
Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir
nicht fragen; denn er soll für uns weniger der historische Mensch sein als
der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben
das auch stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es
tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige
Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und
diese mögen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt
haben; im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer in
Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit Überwiegen
der göttlichen Form, die Germanen mit Überwiegen der persönlichen. Sie
idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer
schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige
Maler unreligiös und unkünstlerisch genug waren zu tun, so kann man
darunter schreiben: Wenn er lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die
Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.
Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die Christus schön
darstellten, und daß es ein Mißverständnis ist, ihn häßlich zu denken.
Häßlich kommt von Haß und bedeutet Haß der göttlichen Form. Die
Sklavenvölker und Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden,
weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, und ebenso drückt
sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit gegen die göttliche Idee als
Häßlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas
Ungeformtes, in sich haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie
auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich sein muß.
Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, weil sie unpersönlicher,
weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er
sich Paulus nicht als schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das
maßlos Leidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich
ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen
Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, daß Christus
das Persönliche hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er
muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht werden.
Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschön
malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen
oder jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß er leuchtet.
Die Erscheinung strömt in das Sein über.