überdrüssig und schicke ihn in die Küche, wo er Mittagessen erhält.
Peter Ignatjewitsch kommt gleichfalls an Sonn- und Festtagen zu mir,
speziell um mich zu besuchen, und zum Zwecke des Gedankenaustausches.
Er sitzt gewöhnlich bei mir in meinem Zimmer am Tische, bescheiden,
sauber, vernünftig, und erlaubt sich nicht, ein Bein über das andere zu
schlagen oder die Ellbogen auf den Tisch zu bringen; und die ganze Zeit
über erzählt er mir mit seiner leisen, gleichmäßigen Stimme geläufig
und buchmäßig allerlei nach seiner Meinung sehr interessante und
amüsante Neuigkeiten, die er in Journalen und Büchern gelesen hat. Alle
diese Neuigkeiten haben untereinander eine große Ähnlichkeit und lassen
sich auf folgenden Typus zurückführen: ein Franzose hat behauptet,
eine Entdeckung gemacht zu haben; ein anderer, ein Deutscher, hat ihn
der Unredlichkeit überführt durch den Nachweis, daß diese Entdeckung
schon im Jahre 1870 von einem Amerikaner gemacht worden ist; und
ein dritter, ebenfalls ein Deutscher, ist klüger gewesen als sie
beide, indem er gezeigt hat, daß sie sich arg blamiert und unter dem
Mikroskop Luftbläschen für dunkles Pigment gehalten haben. Peter
Ignatjewitsch erzählt sogar dann, wenn er es darauf anlegt, mich zum
Lachen zu bringen, langsam und umständlich, als ob er eine Dissertation
verteidigte, mit detaillierter Aufzählung der literarischen Quellen,
die er benutzt hat, und bemüht sich, in den Zahlen, in den Nummern der
Journale und in den Namen jeden Irrtum zu vermeiden, wobei er nicht
einfach Petit sagt, sondern stets Jean Jacques Petit. Manchmal bleibt
er bei uns zum Mittagessen, und dann erzählt er während der ganzen
Mahlzeit jene selben amüsanten Geschichten, die auf alle Tischgenossen
niederdrückend wirken. Wenn Herr Gnecker und Lisa in seiner Gegenwart
das Gespräch auf Fugen und Kontrapunkt, auf Brahms und Bach bringen,
so schlägt er bescheiden die Augen nieder und wird verlegen; er schämt
sich, daß in Anwesenheit so ernsthafter Leute, wie ich und er, von so
unwürdigen Dingen gesprochen wird.
Bei meiner jetzigen Gemütsverfassung genügen mir fünf Minuten, um
seiner so überdrüssig zu werden, als hätte ich ihn schon eine ganze
Ewigkeit gesehen und angehört. Ich hasse den armen Kerl. Von seiner
leisen, gleichmäßigen Stimme und buchmäßigen Ausdrucksweise wird mir
ganz schwach, seine Erzählungen machen mich stumpfsinnig. Er hegt
gegen mich die treueste Gesinnung und redet mit mir lediglich, um
mir Vergnügen zu bereiten, und ich lohne es ihm damit, daß ich ihm
hartnäckig ins Gesicht sehe, als ob ich ihn hypnotisieren wollte, und
dabei denke: »Scher dich weg, scher dich weg, scher dich weg!« Aber er
reagiert nicht auf meine schweigende Aufforderung, sondern sitzt und
sitzt und sitzt ...
Solange er bei mir sitzt, kann ich schlechterdings nicht von dem
Gedanken loskommen: »Sehr möglich, daß, wenn ich sterbe, er meine
Stelle bekommt«, und mein armes Auditorium erscheint mir dann wie
eine Oase, in der der Bach vertrocknet ist, und ich bin gegen Peter
Ignatjewitsch unliebenswürdig, schweigsam, mürrisch, als wäre er an
diesen meinen Gedanken schuld und nicht vielmehr ich selbst. Wenn er
anfängt, nach seiner Gewohnheit die deutschen Gelehrten zu preisen, so
mache ich nicht mehr wie früher gutmütige Scherze, sondern ich brumme
verdrießlich:
»Ihre Deutschen sind Esel.«
Mein Benehmen hat Ähnlichkeit mit dem des verstorbenen Professors
Nikita Krylow, der sich einmal in Reval mit Pirogow zusammen badete,
sich über das sehr kalte Wasser ärgerte und nun schimpfte: »Diese
Schufte, die Deutschen!« Ich benehme mich gegen Peter Ignatjewitsch
häßlich, und erst wenn er fortgeht und ich durch das Fenster sehe, wie
sein grauer Hut hinter dem Gartenzaun vorbeistreift, möchte ich ihn
anrufen und zu ihm sagen:
»Verzeihen Sie mir, lieber Freund!«
Das Mittagessen verläuft jetzt bei uns langweiliger als im Winter. Eben
jener Herr Gnecker, den ich jetzt hasse und verachte, ißt bei uns fast
täglich mit. Früher duldete ich schweigend seine Anwesenheit; aber
jetzt richte ich an seine Adresse Stichelreden, über die meine Frau und
Lisa rot werden. Von meinem Ingrimm hingerissen, rede ich oft geradezu
Dummheiten und weiß nicht einmal recht, warum ich sie rede. So kam es
einmal vor, daß ich Herrn Gnecker lange verächtlich ansah und ohne jede
Veranlassung plötzlich herausstieß:
»Der Aar schwebt wohl einmal hinab zum Hühnervolke,
Doch schwingt sich nie das Huhn zu jenem in die Wolke.«
Und das Ärgerlichste ist, daß bei solchen Gelegenheiten das Huhn
Gnecker sich weit verständiger benimmt als der Aar Professor. Da er
weiß, daß meine Frau und meine Tochter auf seiner Seite stehen, so
beobachtet er folgende Taktik: er beantwortet meine Stichelreden mit
herablassendem Schweigen, welches besagt: »Der Alte ist verrückt
geworden; wozu da lange mit ihm reden?« oder er macht sich in
gutmütiger Weise über mich lustig. Es ist wirklich erstaunlich, bis zu
welchem Grade der Mensch verflachen kann: ich bin imstande, während
des ganzen Mittagessens mich in Gedanken darüber zu ergehen, wie Herr
Gnecker sich als Abenteurer entpuppen wird, wie Lisa und meine Frau
ihren Irrtum einsehen werden, und wie ich sie dann damit aufziehen
werde. Solchen und ähnlichen törichten Gedanken überlasse ich mich zu
einer Zeit, wo ich doch schon mit einem Fuße im Grabe stehe!
Jetzt kommen auch Mißhelligkeiten vor, von denen ich früher nur durch
Hörensagen einen Begriff hatte. Wie beschämend es auch für mich ist, so
will ich doch einen derartigen Vorfall erzählen, der sich neulich nach
dem Mittagessen zutrug.
Ich saß in meinem Zimmer und rauchte eine Pfeife. Da kam wie gewöhnlich
meine Frau herein, setzte sich hin und fing an davon zu reden, daß es
doch gut wäre, wenn ich jetzt, solange es noch warm sei und ich freie
Zeit hätte, nach Charkow reisen und mich dort erkundigen wollte, was
unser Herr Gnecker für ein Mensch sei.
»Schön, ich werde hinreisen,« erwiderte ich.
Meine Frau war mit mir zufrieden, stand auf und ging zur Tür, kehrte
aber sogleich wieder zurück und sagte:
»Bei der Gelegenheit möchte ich dir noch eine Bitte aussprechen. Ich
weiß, du wirst ärgerlich werden; aber es ist meine Pflicht, dich zu
warnen. Nimm es nicht übel, Nikolai Stepanowitsch, aber alle unsere
Bekannten und Nachbarn fangen schon an darüber zu reden, daß du so
viel bei Katja verkehrst. Sie ist ja klug und gebildet, das stelle ich
nicht in Abrede, und man verbringt in ihrer Gesellschaft die Zeit sehr
angenehm; aber du mußt selbst zugeben, es ist einigermaßen sonderbar,
wenn ein Mann in deinen Jahren und in deiner gesellschaftlichen
Stellung an ihrer Gesellschaft Vergnügen findet. Und außerdem ist ihr
Renommee von der Art, daß ...«
Alles Blut strömte plötzlich von meinem Gehirn fort, Funken sprühten
mir aus den Augen; ich sprang auf, griff mir an den Kopf, stampfte mit
den Füßen und schrie mit entstellter Stimme:
»Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe! Laßt mich in Ruhe!«
Mein Gesicht mußte wohl schrecklich aussehen und meine Stimme seltsam
klingen; denn meine Frau wurde auf einmal ganz blaß und schrie mit
gleichfalls fremdartig klingender, verzweifelter Stimme laut auf.
Auf unser Geschrei kamen Lisa, Herr Gnecker und dann auch Jegor
herbeigelaufen.
»Laßt mich in Ruhe!« schrie ich. »Geht hinaus! Laßt mich in Ruhe!«
Die Füße wurden mir taub, als ob sie gar nicht da wären; ich fühlte,
wie ich jemandem in die Arme sank; dann hörte ich eine kurze Zeit
Weinen und fiel in eine Ohnmacht, die zwei bis drei Stunden dauerte.
Jetzt von Katja. Sie besucht mich täglich gegen Abend, und das muß
natürlich den Bekannten und Nachbarn auffallen. Sie kommt angefahren,
tritt nur auf einen Augenblick bei mir ein und nimmt mich dann mit auf
ihre Spazierfahrt. Sie hat ein eigenes Pferd und einen neuen ~char à
banc~, den sie sich in diesem Sommer gekauft hat. Überhaupt lebt sie
auf großem Fuße: sie hat sich ein teures Landhaus mit großem Garten
für sich allein gemietet und ihr ganzes Mobiliar aus der Stadt dorthin
schaffen lassen, hält sich zwei Stubenmädchen und einen Kutscher ...
Oft frage ich sie:
»Katja, wovon wirst du leben, wenn du das väterliche Geld vergeudet
haben wirst?«
»Das wollen wir später sehen,« antwortet sie.
»Dieses Geld, liebes Kind, würde wohl eine etwas rücksichtsvollere
Behandlung verdienen. Es ist von einem braven Manne durch ehrliche
Arbeit erworben.«
»Das haben Sie mir schon früher gesagt. Ich weiß es.«
Zuerst fahren wir zwischen Feldern hin, dann durch den Nadelwald, den
ich von meinem Fenster aus sehen kann. Die Natur erscheint mir ebenso
schön wie früher, obwohl mir der Böse zuflüstert, daß alle diese Tannen
und Fichten, diese Vögel und weißen Wolken am Himmel, wenn ich nach
drei bis vier Monaten tot sein werde, von meinem Fehlen nichts merken
werden. Katja findet Vergnügen daran, das Pferd selbst zu lenken, und
sie freut sich, daß es schönes Wetter ist und ich neben ihr sitze. Sie
ist guter Laune und führt keine bissigen Reden.
»Sie sind ein sehr guter Mensch, Nikolai Stepanowitsch,« sagt sie. »Sie
sind ein seltenes Exemplar, und es gibt keinen Schauspieler, der Sie
spielen könnte. Mich oder z. B. Michail Fedorowitsch kann selbst ein
schlechter Schauspieler kopieren, Sie aber niemand. Und ich beneide
Sie, gewaltig beneide ich Sie! Denn ich, was bin ich? Was bin ich?«
Sie denkt einen Augenblick nach und fragt mich dann:
»Nikolai Stepanowitsch, ich bin ja doch wohl eine negative Erscheinung,
nicht wahr?«
»Ja«, antworte ich.
»Hm ... Was soll ich denn aber nun tun?«
Was soll ich ihr erwidern? Es ist leicht zu sagen: »Arbeite!« oder:
»Gib deine Habe den Armen!« oder: »Erkenne dich selbst!«, und weil das
eben so leicht zu sagen ist, so weiß ich nicht, was ich ihr erwidern
soll.
Meine Kollegen, die Therapeuten, geben in der Lehre von der Behandlung
der Kranken den Rat, man solle jeden einzelnen Fall individuell
behandeln. Wer diesen Rat befolgt, wird sich überzeugen, daß die
Mittel, die in den Lehrbüchern schablonenmäßig als die besten und als
durchaus brauchbar empfohlen werden, sich in den Einzelfällen als
völlig unbrauchbar erweisen. Dasselbe gilt auch von seelischen Leiden.
Aber irgend etwas muß ich ihr doch antworten, und so sage ich denn:
»Du hast zuviel freie Zeit, meine Liebe. Du mußt dich mit etwas
beschäftigen. Wirklich, warum willst du nicht wieder Schauspielerin
werden, wenn du doch einen inneren Beruf dazu hast?«
»Ich kann es nicht.«
»Dein Ton und deine Art machen den Eindruck, als ob du dir wie ein
Opfer vorkommst. Das gefällt mir nicht, meine Liebe. Du trägst selbst
die Schuld. Erinnere dich nur: du begannst damit, dich über die
Schauspieler und ihre Art zu ärgern, hast aber nichts getan, um diese
und andere Menschen zu bessern. Du hast mit dem Schlechten nicht
gerungen, sondern bist vorzeitig müde geworden und bist nicht ein Opfer
des Ringens, sondern deiner Kraftlosigkeit. Nun freilich, du warst
damals noch jung und unerfahren; aber jetzt kann alles einen anderen
Verlauf nehmen. Wirklich, geh zur Bühne! Da wirst du arbeiten, der
heiligen Kunst dienen ...«
»Reden Sie nicht, was Sie selbst nicht meinen, Nikolai Stepanowitsch!«
unterbricht mich Katja. »Lassen Sie uns ein für allemal die Verabredung
treffen: wir wollen über Schauspieler reden, über Schauspielerinnen,
über Schriftsteller; die Kunst aber wollen wir aus dem Spiele lassen.
Sie sind ein prächtiger Mensch, ein seltener Mensch; aber Sie besitzen
nicht so viel Verständnis für die Kunst, daß Sie sie mit gutem Gewissen
›die heilige Kunst‹ nennen dürften. Sie haben für die Kunst keinen
Sinn und kein Gefühl. Ihr ganzes Leben lang sind Sie mit Ihrer Arbeit
beschäftigt gewesen und haben keine Zeit gehabt, sich dieses Gefühl
zu erwerben. Überhaupt ... ich kann diese Gespräche über Kunst nicht
leiden!« fuhr sie nervös fort; »ich kann sie nicht leiden! Die Kunst
ist so schon hinlänglich profaniert worden. Ich mag nichts weiter
hören!«
»Wer hat die Kunst profaniert?«
»Die Schauspieler haben die Kunst profaniert durch ihre Trunksucht, die
Zeitungen durch eine gar zu familiäre Stellungnahme ihr gegenüber, die
verständigen Leute durch ihre Philosophie.«
»Die Philosophie hat damit nichts zu schaffen.«
»O doch. Wenn jemand über einen Gegenstand philosophiert, so bedeutet
das, daß er kein Verständnis für ihn hat.«
Damit das Gespräch nicht zu scharf wird, beeile ich mich, das Thema zu
wechseln, und schweige dann längere Zeit. Erst in dem Augenblicke, wo
wir aus dem Walde herausfahren und die Richtung nach Katjas Landhause
einschlagen, kehre ich wieder zu dem früheren Gegenstande zurück und
frage:
»Du hast mir immer noch nicht geantwortet: Warum willst du nicht wieder
Schauspielerin werden?«
»Nikolai Stepanowitsch, das ist aber doch gar zu grausam von Ihnen!«
ruft sie aus und wird plötzlich dunkelrot. »Wollen Sie wirklich,
daß ich Ihnen laut die Wahrheit sage? Nun, wenn Sie es wünschen,
meinetwegen: ich besitze kein Talent. Ich besitze kein Talent, wohl
aber einen großen Ehrgeiz! Das ist der Grund!«
Nachdem sie mir dieses Geständnis gemacht hat, wendet sie das Gesicht
von mir weg und zieht, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, stark
an den Zügeln.
Als wir uns ihrem Landhause nähern, sehen wir schon von weitem Michail
Fedorowitsch, der am Tore auf und ab geht und ungeduldig auf uns
wartet.
»Wieder dieser Michail Fedorowitsch!« sagt Katja ärgerlich. »Bitte,
schaffen Sie ihn mir vom Halse! Ich bin seiner überdrüssig; er ist
schal geworden ... Ich mag ihn nicht!«
Michail Fedorowitsch sollte schon längst im Auslande sein; aber er
schiebt seine Abreise von einer Woche zur andern auf. In der letzten
Zeit sind mit ihm einige Veränderungen vorgegangen: er ist magerer
geworden, wird vom Weine berauscht, was früher bei ihm nie der Fall
war, und seine schwarzen Augenbrauen beginnen grau zu werden. Wenn
unser ~char à banc~ am Tore hält, macht er aus seiner Freude und
seiner Ungeduld kein Hehl. Mit großer Beflissenheit ist er Katja und
mir beim Aussteigen behilflich, stellt eilig allerlei Fragen, lacht
und reibt sich die Hände; und jener sanfte, flehende, reine Ausdruck,
den ich früher nur in seinem Blicke wahrnahm, hat sich jetzt über sein
ganzes Gesicht ausgebreitet. Er freut sich, und gleichzeitig schämt
er sich seiner Freude, schämt sich dieser Gewohnheit, Katja jeden
Abend zu besuchen, und hält es für nötig, sein Kommen durch irgendeine
handgreifliche Abgeschmacktheit zu motivieren, von dieser Art: »Ich kam
gerade vorbei, als ich mir etwas besorgen wollte, und da dachte ich:
ich will doch auf einen Augenblick herangehen.«
Wir gehen alle drei in die Wohnung; zuerst trinken wir Tee; dann
erscheinen auf dem Tische die mir längst bekannten zwei Spiele
Karten, ein großes Stück Käse, Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein.
Die Themata unserer Gespräche sind keine neuen, sondern immer noch
dieselben wie im Winter. Die Universität und die Studenten und die
Literatur und das Theater müssen tüchtig herhalten; die Luft wird von
den Lästerreden dichter und schwüler, und es vergiften sie jetzt nicht
mehr zwei Kröten mit ihrem Atem wie im Winter, sondern drei. Außer dem
samtweichen Lachen eines Baritons und einem andern Lachen, das wie eine
Harmonika klingt, hört das Stubenmädchen, das uns bedient, noch ein
drittes, unangenehm knarrendes Lachen, so wie in den Vaudevilles die
Generale lachen: »He-he-he!«
V
Es kommen manchmal schreckliche Nächte vor, mit Blitz und Donner, Regen
und Wind, die das Volk Sperlingsnächte nennt, weil die Sperlinge dabei
vor Angst aus den Nestern herauskommen. Eine solche Sperlingsnacht
habe ich in meinem eigenen Leben durchgemacht ...
Ich wache nach Mitternacht auf und springe plötzlich vom Bette in die
Höhe. Aus einem unverständlichen Grunde glaube ich, daß ich im nächsten
Augenblick sterben werde. Warum glaube ich das? Im Körper habe ich
keine derartige Empfindung, die auf ein schnelles Ende hinwiese; aber
auf meiner Seele lastet eine solche Angst, als ob ich auf einmal den
riesigen roten Schein einer entsetzlichen Feuersbrunst erblicke.
Ich zünde schnell Licht an, trinke Wasser unmittelbar aus der Karaffe
und eile dann zum offenen Fenster. Draußen ist herrliches Wetter. Es
duftet nach Heu und sonst noch nach etwas Schönem. Ich sehe die Zacken
des Gartenzaunes, die verschlafenen, kümmerlichen Bäume am Fenster, den
Weg, den dunklen Waldstreifen; an dem wolkenlosen Himmel steht ruhig
der sehr helle Mond. Tiefe Stille; kein Blatt regt sich. Mir scheint,
daß alles mich anschaut und lauscht, wie ich sterben werde ...
Mir ist bange zumute. Ich schließe das Fenster und laufe wieder zum
Bette hin. Ich fühle mir den Puls, und da ich ihn an der Hand nicht
finde, suche ich ihn an den Schläfen, dann am Kinn und wieder an der
Hand; alles ist an mir kalt und schlüpfrig von Schweiß. Mein Atem wird
schneller und schneller; der ganze Körper zittert; alle inneren Teile
sind in Bewegung; auf dem Gesicht und auf der Glatze habe ich ein
Gefühl, als ob sich ein Spinngewebe darauf lege.
Was soll ich tun? Soll ich die Meinigen rufen? Nein, das hat keinen
Zweck. Ich wüßte gar nicht, was meine Frau und Lisa tun sollten, wenn
sie zu mir herein kämen.
Ich stecke den Kopf unter das Kissen, schließe die Augen und warte,
warte ... Mich friert am Rücken; es ist mir, als zöge er sich nach
innen hinein, und ich habe ein Gefühl, als werde der Tod sich mir
jedenfalls von hinten nahen, ganz leise ...
»Kwi, kwi!« ertönt auf einmal ein Kreischen in der nächtlichen Stille,
und ich weiß nicht, wo es ist, ob in meiner Brust oder auf der Straße.
»Kwi, kwi!«
Mein Gott, wie entsetzlich! Ich möchte gern noch mehr Wasser trinken;
aber ich fürchte mich, auch nur die Augen aufzumachen und den Kopf
in die Höhe zu heben. Ich habe eine sinnlose, animalische Angst und
kann gar nicht begreifen, warum ich mich eigentlich fürchte: weil ich
weiterleben möchte, oder weil mir ein neuer Schmerz bevorsteht, den ich
noch nicht kenne?
Oben, in dem Zimmer über mir, klingt es halb wie Stöhnen, halb wie
Lachen. Ich lausche. Nach einer kleinen Weile sind auf der Treppe
Schritte zu hören. Es kommt jemand eilig herunter, steigt aber dann
wieder hinauf. Eine Minute später werden die Schritte wieder unten
vernehmbar; es bleibt jemand an meiner Tür stehen und horcht.
»Wer ist da?« rufe ich.
Die Tür öffnet sich; mit einem kühnen Entschlusse mache ich die Augen
auf und sehe meine Frau vor mir. Ihr Gesicht ist blaß, ihre Augen
verweint.
»Du schläfst nicht, Nikolai Stepanowitsch?« fragte sie.
»Was willst du?«
»Um Gottes willen, komm doch mit zu Lisa und sieh sie dir einmal an. Es
muß ihr etwas zugestoßen sein ...«
»Gut ... gern ...« murmele ich, sehr zufrieden damit, daß ich nicht
mehr allein bin. »Gut ... den Augenblick.«
Ich gehe hinter meiner Frau her, höre an, was sie mir mitteilt, und
verstehe vor Aufregung nichts davon. Das Licht, das sie trägt, läßt auf
den Treppenstufen helle Flecke umherhüpfen und unsere langen Schatten
sich zitternd bewegen; meine Füße verwickeln sich in den Schößen meines
Schlafrockes; ich kann kaum atmen, und es ist mir, als ob mich jemand
verfolgte und mich am Rücken packen wollte. »Jetzt werde ich gleich
hier auf dieser Treppe sterben,« denke ich. »Gleich diesen Augenblick
...« Aber da sind wir schon die Treppe hinaufgestiegen, haben bereits
den dunklen Korridor mit dem italienischen Fenster passiert und treten
in Lisas Zimmer. Sie sitzt im bloßen Hemde auf dem Bette, läßt die
nackten Beine herunterhängen und stöhnt.
»Ach mein Gott ... ach mein Gott!« murmelt sie und kneift, von unserem
Lichte geblendet, die Augen zusammen. »Ich kann nicht, ich kann
nicht ...«
»Lisa, mein Kind,« sage ich, »was fehlt dir?«
Sobald sie mich erblickt, schreit sie auf und fällt mir um den Hals.
»Mein guter Papa ...« schluchzt sie. »Mein lieber Papa ... Mein süßer,
bester Papa! ... Ich weiß nicht, was mit mir ist ... Mir ist so schwer
ums Herz!«
Sie umarmt mich, küßt mich und stammelt zärtliche Koseworte, wie ich
sie von ihr gehört habe, als sie noch ein kleines Kind war.
»Beruhige dich, mein Kind! Gott möge dir beistehen!« sage ich. »Du mußt
nicht weinen. Mir ist selbst traurig zumute.«
Ich gebe mir Mühe, sie zuzudecken, meine Frau reicht ihr zu trinken,
und wir beide bewegen uns ungeschickt an ihrem Bette umher, so daß wir
einander stoßen: mit meiner Schulter stoße ich an die Schulter meiner
Frau, und in diesem Augenblicke schießt mir die Erinnerung durch den
Kopf, wie wir früher einmal unsere Kinder zusammen gebadet haben.
»Hilf ihr doch, hilf ihr doch!« fleht mich meine Frau an. »Gib ihr doch
etwas zum Einnehmen!«
Aber was kann ich tun? Gar nichts. Dem Mädchen lastet etwas Schweres
auf der Seele; aber ich begreife nichts davon, weiß nichts und kann nur
murmeln:
»Es ist nichts Schlimmes, nichts Schlimmes ... Das wird vorübergehen
... Schlaf nur, schlaf! ...«
Gerade in diesem Augenblick ertönt auf einmal auf unserem Hofe
Hundegeheul, anfangs leise und unentschlossen, dann laut, zweistimmig.
Ich habe solchen Vorzeichen wie Hundegeheul und Eulenruf nie
irgendwelche Bedeutung beigemessen; aber jetzt krampft sich mein Herz
schmerzlich zusammen, und ich beeile mich, mir über dieses Geheul klar
zu werden.
»Dummes Zeug ...« denke ich. »Der Einfluß eines Organismus auf
einen andern. Meine starke nervöse Spannung hat sich auf meine Frau
und auf Lisa und auf den Hund übertragen, weiter nichts ... Durch
eine derartige Übertragung lassen sich alle Vorahnungen und alles
Vorhersehen erklären ...«
Als ich bald darauf in mein Zimmer zurückkehre, um für Lisa ein Rezept
zu schreiben, denke ich nicht mehr an meinen nahe bevorstehenden Tod,
sondern empfinde nur ein drückendes, widerwärtiges Gefühl am Herzen, so
daß es mir sogar leid tut, daß ich nicht plötzlich gestorben bin. Lange
stehe ich regungslos mitten im Zimmer und überlege, was ich wohl meiner
Tochter verschreiben könnte; aber das Stöhnen in dem über mir gelegenen
Zimmer verstummt, und so entscheide ich mich denn dafür, nichts zu
verschreiben; aber ich bleibe trotzdem stehen ...
Es herrscht eine Totenstille, eine solche Stille, daß, wie sich einmal
ein Schriftsteller ausgedrückt hat, sie einem sogar in den Ohren
klingt. Die Zeit vergeht nur ganz langsam; die Streifen des Mondlichtes
auf dem Fensterbrette ändern ihre Lage nicht, gerade wie wenn sie
erstarrt wären ... Bis zur Morgendämmerung ist es noch lange hin.
Aber da knarrt das Pförtchen im Gartenzaun; es schleicht jemand herein,
bricht von einem der dürftigen Bäume einen Zweig ab und klopft damit
vorsichtig ans Fenster.
»Nikolai Stepanowitsch!« höre ich eine Stimme flüstern; »Nikolai
Stepanowitsch!«
Ich öffne das Fenster und glaube zu träumen: unter dem Fenster, sich
gegen die Wand drückend, steht eine Frau in schwarzem Kleide, hell vom
Monde beleuchtet, und blickt mich mit großen Augen an. Ihr im Mondlicht
blaß, streng und seltsam erscheinendes Gesicht sieht wie von Marmor
aus; ihr Kinn zittert.
»Ich bin es,« sagt sie. »Ich ... Katja!«
Bei Mondlicht erscheinen alle Frauenaugen groß und schwarz, und die
Menschen größer und blasser; dies ist wohl der Grund, weshalb ich sie
im ersten Augenblicke nicht erkannt hatte.
»Was willst du?«
»Verzeihen Sie,« sagt sie. »Mir wurde plötzlich, ich weiß nicht warum,
so unerträglich schwer ums Herz ... Ich konnte es nicht aushalten
und fuhr hierher ... Ich sah Licht hinter Ihrem Fenster ... und da
entschloß ich mich, anzuklopfen ... Entschuldigen Sie ... Ach, wenn Sie
wüßten, wie schrecklich mir zumute war! Was tun Sie denn jetzt?«
»Nichts ... Ich kann nicht schlafen.«
»Ich hatte eine Art Ahnung. Aber das ist ja dummes Zeug.«
Ihre Brauen ziehen sich in die Höhe, ihre Augen glänzen von Tränen, und
auf ihrem ganzen Gesichte strahlt wie ein helles Licht jener Ausdruck
von Zutraulichkeit auf, der mir so wohl bekannt ist, den ich aber so
lange nicht mehr gesehen habe.
»Nikolai Stepanowitsch!« sagt sie in flehendem Tone und streckt beide
Hände nach mir hin. »Teurer Freund, ich bitte Sie ... ich flehe Sie an
... Wenn Sie meine Freundschaft und Verehrung für Sie nicht verachten,
so erfüllen Sie mir eine Bitte!«
»Was für eine Bitte?«
»Nehmen Sie das Geld, das ich noch besitze, von mir an!«
»Aber was sind das für Einfälle! Was soll ich mit deinem Gelde?«
»Fahren Sie irgendwohin, um eine Kur zu gebrauchen! ... Sie haben eine
Kur durchaus nötig. Wollen Sie es annehmen? Ja? Lieber, Guter, ja?«
Sie sieht mir in gespannter Erwartung ins Gesicht und wiederholt:
»Ja? Wollen Sie es annehmen?«
»Nein, meine Liebe, das nehme ich nicht an ...«, antworte ich; »ich
danke dir.«
Sie wendet mir den Rücken zu und läßt den Kopf herunterhängen.
Wahrscheinlich habe ich bei der abschlägigen Antwort mich eines Tones
bedient, durch den ein weiteres Gespräch über die Geldangelegenheit
unmöglich gemacht wurde.
»Fahre wieder nach Hause,« sage ich, »und lege dich schlafen! Morgen
sehen wir uns wieder.«
»Also Sie halten mich nicht für Ihre Freundin?« fragt sie
niedergeschlagen.
»Das habe ich nicht gesagt. Aber von deinem Gelde kann ich jetzt keinen
Gebrauch machen.«
»Verzeihen Sie!« erwidert sie und läßt dabei die Stimme um eine ganze
Oktave sinken. »Ich verstehe Sie. Einer Frau, wie ich, verpflichtet zu
sein, einer ehemaligen Schauspielerin, das ist ... Nun, dann leben Sie
wohl! ...«
Sie geht so schnell fort, daß ich nicht einmal Zeit habe, ihr Lebewohl
zu sagen.
VI
Ich bin in Charkow.