Käse, allerlei Obst und eine Flasche Krim-Schaumwein auf den Tisch,
einen ziemlich schlechten Wein, an dem aber Katja, als sie in der
Krim wohnte, Geschmack gewonnen hat. Michail Fedorowitsch nimmt von
einer Etagère zwei Spiele Karten und legt Patience. Nach seiner
Versicherung erfordern einige Arten von Patience viel Kombinationssinn
und Aufmerksamkeit; aber trotzdem redet er während des Legens munter
weiter. Katja verfolgt aufmerksam seine Manipulationen mit den Karten
und ist ihm mehr durch Mimik als durch Worte behilflich. Von dem Weine
trinkt sie den ganzen Abend über nicht mehr als zwei Gläser, und ich
trinke ein Viertel Glas; der übrige Teil der Flasche entfällt auf
Michail Fedorowitsch, der viel trinken kann, ohne daß es ihm in den
Kopf steigt.
Während des Patiencelegens disputieren wir über allerlei Fragen,
namentlich höherer Art, wobei das, was wir beide am meisten lieben, am
schlimmsten wegkommt, nämlich die Wissenschaft.
»Die Wissenschaft ist, Gott sei Dank, am Ende ihres Daseins angelangt,«
sagt Michail Fedorowitsch; er spricht in einzelnen Absätzen. »Mit der
geht es auf die Neige. Ja, ja. Die Menschheit verspürt bereits das
Bedürfnis, etwas anderes an die Stelle der Wissenschaft zu setzen.
Die Wissenschaft ist auf einem Boden von falschen Vorstellungen
entsprossen, hat sich von falschen Vorstellungen genährt und bildet
jetzt eine ebensolche Quintessenz von falschen Vorstellungen, wie
ihre abgelebten Großmütter: Alchimie, Metaphysik und Philosophie. Und
wirklich, was hat sie der Menschheit gegeben? Zwischen den gelehrten
Europäern und den aller Wissenschaft entbehrenden Chinesen ist doch der
Unterschied nur ein minimaler, rein äußerlicher. Die Chinesen haben
keine Wissenschaft gekannt; aber was haben sie dadurch verloren?«
»Auch die Fliegen kennen keine Wissenschaft,« entgegne ich, »aber was
folgt daraus?«
»Sie ärgern sich ganz unnötigerweise, Nikolai Stepanowitsch. Ich
rede ja so nur hier, wo wir unter uns sind. Ich bin vorsichtiger,
als Sie meinen, und werde das nicht öffentlich aussprechen, Gott
behüte. Die große Menge ist in der falschen Vorstellung befangen,
die Wissenschaften und Künste ständen höher als Ackerbau, Handel und
Gewerbe. Unsere Sekte lebt von dieser falschen Vorstellung, und es
ist nicht meine und Ihre Sache, diese Vorstellung zu zerstören. Gott
behüte!« Während des Patiencelegens bekommt auch die Jugend gehörig
etwas ab.
»Unsere Hörerschaft ist heutzutage einer argen Verflachung anheim
gefallen,« bemerkt Michail Fedorowitsch seufzend. »Ich will gar nicht
einmal von Idealen und solchen Dingen reden; wenn sie nur wenigstens zu
arbeiten und vernünftig zu denken verständen! Da trifft das Wort zu:
›Ich schaue nur mit Schmerz das heutige Geschlecht.‹«
»Ja, die jetzige Generation ist entsetzlich verflacht,« stimmt ihm
Katja bei. »Sagen Sie, haben Sie in den letzten fünf, zehn Jahren unter
Ihren Hörern auch nur einen einzigen hervorragenden Menschen gehabt?«
»Ich weiß nicht, wie es damit bei andern Professoren steht; aber unter
meinen eigenen Hörern kann ich mich auf keinen solchen besinnen.«
»Ich habe in meinem Leben viele Studenten, viele junge Gelehrte, viele
Schauspieler kennen gelernt; aber nie habe ich das Glück gehabt, ich
will gar nicht einmal sagen einem Geistesheros oder einem Talente,
sondern nur ganz einfach einem interessanten Menschen darunter zu
begegnen. Alles grau, talentlos, voll Dünkel und Anmaßung ...«
Alle diese Gespräche über Verflachung wirken auf mich jedesmal ebenso,
wie wenn ich unversehens häßliche Bemerkungen über meine Tochter
erlauschte. Es ist mir verdrießlich, daß die Anklagen sich so allgemein
gegen die ganze Jugend richten und sich auf solche längst abgenutzten
Schlagwörter gründen, wie es die Redensarten von Verflachung und von
einem Mangel an Idealen und der Hinweis auf die schöne Vergangenheit
sind. Jede Anklage, auch wenn sie in Damengesellschaft vorgebracht
wird, muß möglichst präzise formuliert sein; sonst ist es eben keine
Anklage, sondern eine leere, anständiger Menschen unwürdige Verleumdung.
Ich bin ein alter Mann und stehe schon dreißig Jahre in meinem
Amte; aber ich bemerke weder eine Verflachung noch einen Mangel an
Idealen und kann nicht finden, daß es jetzt in dieser Hinsicht übler
bestellt wäre als früher. Mein Portier Nikolai, dessen Erfahrung
auf diesem Gebiet nicht ohne Wert ist, sagt, die heutigen Studenten
seien nicht besser und nicht schlechter als die früheren. Wenn mich
jemand fragte, was mir an meinen jetzigen Hörern mißfalle, so würde
ich keine zusammenfassende Antwort geben, sondern einige Punkte mit
hinlänglicher Präzision aufzählen. Die Mängel meiner Studenten
kenne ich genau und brauche daher nicht zu nebelhaften, allgemeinen
Schlagworten meine Zuflucht zu nehmen. Mir mißfällt, daß sie Tabak
rauchen, alkoholische Getränke genießen und spät heiraten; ferner
daß sie gedankenlos in den Tag hineinleben und oft eine solche
Gleichgültigkeit zeigen, daß sie unter sich Hungernde dulden und an
den Verein zur Unterstützung bedürftiger Studenten ihre fälligen
Beiträge nicht bezahlen. Sie verstehen die neueren Sprachen nicht
und können sich auf russisch nicht korrekt ausdrücken; erst gestern
klagte mir mein Kollege, der Hygieniker, er müsse die Zeitdauer seiner
Vorlesung verdoppeln, weil sie so wenig Physik verständen und mit
der Meteorologie gar nicht Bescheid wüßten. Sie lassen sich in ihren
Ansichten gern von den Schriftstellern der neuesten Zeit leiten,
aber keineswegs von den besten; dagegen stehen sie Klassikern wie
Shakespeare, Marc Aurel, Epiktet, Pascal völlig kühl gegenüber. In
dieser Unfähigkeit, das Große vom Kleinen zu unterscheiden, zeigt
sich am allermeisten das Unpraktische ihres Wesens. Alle schwierigen
Fragen, die mehr oder weniger eine soziale Bedeutung haben, wie z. B.
die Frage der Freizügigkeit, entscheiden sie durch Abstimmungslisten
statt auf dem Wege wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung,
wiewohl dieser Weg ihnen durchaus zugänglich ist und ihrem Berufe am
meisten entsprechen würde. Gern werden sie Präparatoren, Assistenten,
Laboranten, Repetenten, und es kommt ihnen nicht darauf an, in solchen
Stellungen bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahre zu verbleiben, obwohl
Selbständigkeit, Freiheitssinn und persönliche Initiative in der
Wissenschaft nicht minder notwendig sind als beispielsweise in der
Kunst oder im Handel. Ich habe Schüler und Hörer, aber keine Gehilfen
und Nachfolger, und daher mag ich sie zwar gern leiden und habe für sie
alle Teilnahme, aber ich bin nicht stolz auf sie. Usw. usw. ...
Solche Mängel, wieviel ihrer auch sein mögen, können eine
pessimistische oder zornige Stimmung nur bei kleinmütigen, ängstlichen
Menschen erzeugen. Alle diese Mängel sind ihrem ganzen Wesen nach
nur zufällig und vorübergehend und hängen durchaus von den gesamten
Lebensverhältnissen ab; ein paar Jahrzehnte genügen, damit sie
verschwinden oder, da es nun einmal ohne Mängel nicht geht, ihren
Platz andern neuen Mängeln abtreten, die dann ihrerseits wieder den
Kleinmütigen einen Schreck einjagen werden. Die Studentensünden
ärgern mich oft; aber dieser Ärger will nichts besagen im Vergleiche
mit der Freude, die ich nun schon dreißig Jahre lang empfinde, wenn
ich mit meinen Schülern ein Gespräch führe, ihnen Vorlesungen halte,
ihr Verhalten untereinander beobachte und sie mit Angehörigen anderer
Kreise vergleiche.
Michail Fedorowitsch führt Lästerreden, Katja hört ihm zu, und beide
merken nicht, in was für einen tiefen Abgrund ein anscheinend so
unschuldiges Vergnügen wie das Aburteilen über den Nächsten sie
allmählich hineinzieht. Sie fühlen nicht, wie ein harmloses Gespräch
Schritt für Schritt in Verspottung und Verhöhnung übergeht, und wie sie
beide sogar die Kunstgriffe der Verleumdung zu gebrauchen anfangen.
»Es gibt doch gar zu komische Kunden,« sagt Michail Fedorowitsch.
»Gestern komme ich zu unserem Jegor Petrowitsch und treffe dort einen
Studiosus, einen von Ihren Medizinern, ich glaube aus dem dritten
Kursus. Ein Gesicht hatte er so im Stile des Kritikers Dobroljubow,
auf der Stirn den Stempel tiefen Denkens. Wir kamen miteinander ins
Gespräch. ›Ja, junger Mann,‹ sage ich, ›es passieren die wunderbarsten
Dinge. Da habe ich gelesen, daß ein Deutscher (seinen Namen habe ich
vergessen) aus dem menschlichen Gehirn ein neues Alkaloid, Idiotin,
gewonnen hat.‹ Was meinen Sie? Er glaubte es, und es malte sich sogar
auf seinem Gesicht eine Art von Respekt: ›Ja, das ist eine Leistung
unserer Berufsgenossen!‹ Und neulich komme ich ins Theater und setze
mich auf meinen Platz. Gerade vor mir in der nächsten Reihe sitzen zwei
junge Männer, der eine ›einer von unsere Lait‹ und anscheinend Jurist,
der andere mit strubbligem Kopf ein Mediziner. Der Mediziner war
betrunken wie ein Schuster und achtete gar nicht auf das, was auf der
Bühne vorging. Er schlief, und der Kopf fiel ihm fortwährend nach vorn.
Aber sowie ein Schauspieler laut einen Monolog sprach oder überhaupt
die Stimme erhob, fuhr mein Mediziner zusammen, stieß seinen Nachbar
in die Seite und fragte: ›Was hat er gesagt? Etwas Moralisches?‹
›Ja, etwas Moralisches,‹ antwortete der Jude. ›Bravo!‹ brüllte der
Mediziner. ›Sehr gut! Bravo!‹ Sehen Sie, dieser betrunkene Tölpel war
nicht um der Kunst willen, sondern um der moralischen Gedanken willen
ins Theater gekommen. Moralische Gedanken, das war ihm ein Bedürfnis.«
Katja hört zu und lacht. Sie hat eine ganz sonderbare Art zu
lachen: Einatmen und Ausatmen wechseln schnell und mit rhythmischer
Regelmäßigkeit miteinander ab, ähnlich wie wenn sie Harmonika spielte,
und dabei lachen auf ihrem Gesichte nur die Nasenflügel. Mir wird ganz
schwach zumute, und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ganz außer mir,
werde ich blutrot, springe von meinem Platze auf und schreie:
»So schweigt doch endlich! Was sitzt ihr da wie zwei Kröten und
vergiftet die Luft mit eurem Atem? Laßt's genug sein!«
Und ohne abzuwarten, bis sie mit ihren Lästerreden aufhören, schicke
ich mich an, nach Hause zu gehen. Auch ist es schon Zeit: zehn Uhr
durch.
»Ich bleibe noch ein Weilchen hier,« sagt Michail Fedorowitsch;
»gestatten Sie, Jekaterina Wladimirowna?«
»Gewiß,« antwortet Katja.
»~Bene.~ Dann lassen Sie also, bitte, noch ein Fläschchen bringen!«
Beide begleiten mich mit Licht in das Vorzimmer, und während ich mir
den Pelz anziehe, sagt Michail Fedorowitsch:
»Sie sind in der letzten Zeit furchtbar abgemagert und gealtert,
Nikolai Stepanowitsch. Was fehlt Ihnen? Sind Sie krank?«
»Ja, ein wenig.«
»Und dabei unternimmt er keine Kur ...« fügt Katja unwillig hinzu.
»Aber warum denn nicht? Das ist ja unverantwortlich. Den Vorsichtigen
behütet Gott, lieber Freund. Empfehlen Sie mich Ihren Angehörigen, und
entschuldigen Sie mich bei ihnen, daß ich nicht hinkomme. In diesen
Tagen, vor meiner Abreise ins Ausland, werde ich vorsprechen, um
Lebewohl zu sagen. Ganz bestimmt! Ich reise in der nächsten Woche.«
Ich gehe von Katja in gereizter Stimmung weg, erschreckt durch das
Gespräch über meine Krankheit und unzufrieden mit mir selbst. Ich lege
mir die Frage vor: Soll ich mich wirklich von einem meiner Kollegen
behandeln lassen? Und sogleich male ich mir auch aus, wie der Kollege,
nachdem er mich untersucht hat, schweigend von mir weg zum Fenster
geht, eine Weile nachdenkt, sich dann zu mir umwendet und, indem er
sich Mühe gibt, mich nicht auf seinem Gesichte die Wahrheit lesen
zu lassen, in gleichgültigem Tone sagt: »Vorläufig sehe ich nichts
Besonderes; aber doch möchte ich Ihnen raten, Herr Kollege, Ihre
Tätigkeit zu unterbrechen.« Und das wird mich dann der letzten Hoffnung
berauben.
Wo gäbe es jemand, der nicht hoffte? Seht, wo ich mir selbst die
Diagnose stelle und mich selbst behandle, hoffe ich zeitweilig, daß
mich meine Unwissenheit täuscht und ich mich hinsichtlich des Eiweißes
und des Zuckers irre, die ich bei mir finde, und hinsichtlich des
Herzens und hinsichtlich der Anschwellungen, die ich schon zweimal
bei mir morgens entdeckt habe; jetzt, wo ich mit dem Eifer eines
Hypochonders die Lehrbücher der Therapie durchblättere und täglich mit
der Arznei wechsle, jetzt meine ich immer, ich würde noch auf irgend
etwas Tröstliches stoßen. Dieses ganze Benehmen ist kleinlich.
Mag der Himmel mit Wolken bedeckt sein oder mögen Mond und Sterne an
ihm glänzen, jedesmal, wenn ich nach Hause zurückkehre, blicke ich
zu ihm hinauf und denke daran, daß mir bald der Tod kommen wird. Man
könnte meinen, meine Gedanken müßten zu dieser Zeit tief sein wie der
Himmel und klar und großartig; aber nein! Ich denke an mich selbst,
an meine Frau, an Lisa, an Herrn Gnecker, an die Studenten, an die
Menschen überhaupt; ich denke häßlich und kleinlich, mache vor mir
selbst Winkelzüge, und meine Weltanschauung in solchen Augenblicken
läßt sich mit den Worten ausdrücken, die der berühmte Araktschejew
in einem seiner intimen Briefe schrieb: »Alles Gute in der Welt kann
nicht ohne Schlechtes sein, und gibt es immer mehr Schlechtes als
Gutes.« Das heißt: alles ist garstig, und das Leben ist zwecklos, und
die zweiundsechzig Jahre, die ich bereits gelebt habe, muß ich als
verloren betrachten. Ich ertappe mich auf diesen Gedanken und suche mir
einzureden, sie seien nur zufällig und vorübergehend in meinem Kopfe
vorhanden und säßen da nicht tief; aber sogleich denke ich wieder:
»Wenn es so ist, warum zieht es mich denn jeden Abend zu diesen beiden
Kröten hin?«
Und ich schwöre es mir zu, nie wieder zu Katja hinzugehen, obwohl ich
weiß, daß ich morgen doch wieder zu ihr gehen werde.
Nachdem ich an meiner Haustüre die Klingel gezogen habe, und während
ich dann die Treppe hinaufsteige, fühle ich, daß ich keine Familie
mehr habe und nicht einmal den Wunsch hege, sie wiederzugewinnen. Es
ist offenbar, daß die neuen Araktschejewschen Gedanken sich nicht
nur so zufällig und nur für kurze Zeit bei mir eingefunden, sondern
mein ganzes Wesen in Besitz genommen haben. Mit krankem Gewissen,
niedergeschlagen, träge, kaum die Glieder bewegend, als ob ich viele
Zentner an Gewicht zugenommen hätte, lege ich mich ins Bett und schlafe
bald ein.
Aber dann folgt die Schlaflosigkeit.
IV
Der Sommer kommt heran, und das Leben ändert sich.
Eines schönen Morgens kommt Lisa zu mir in mein Zimmer und sagt in
scherzendem Tone:
»Wollen Euer Exzellenz kommen! Es ist alles bereit.«
Man führt meine Exzellenz auf die Straße, läßt sie in eine Droschke
steigen und fährt mit ihr davon. Beim Fahren lese ich aus Langerweile
die Schilder von rechts nach links. Aus dem Worte ~traktir~[2] wird
dann Ritkart. Das wäre ein passender Name für eine freiherrliche
Familie: Baronesse Ritkart. Weiter geht die Fahrt zwischen Feldern hin
an einem Kirchhof vorbei, der aber auf mich gar keinen Eindruck macht,
obwohl ich bald auf ihm liegen werde; dann fahre ich durch einen Wald
und wieder zwischen Feldern. Alles sehr uninteressant. Nach einer
zweistündigen Fahrt wird meine Exzellenz in die untere Etage eines
Landhauses geführt und in einem kleinen, sehr freundlichen Zimmerchen
mit himmelblauen Tapeten einquartiert.
In der Nacht leide ich wie früher an Schlaflosigkeit; am Morgen aber
kann ich lange Zeit nicht recht wach werden, höre auch meine Frau
nicht aufstehen, sondern mache, im Bette liegend, ohne zu schlafen,
eine Art Dämmerzustand durch, bei dem man nur ein halbes Bewußtsein
hat und zwar weiß, daß man nicht schläft, aber doch träumt. Um Mittag
stehe ich auf und setze mich gewohnheitsmäßig an meinen Schreibtisch;
aber ich arbeite nicht, sondern zerstreue mich durch die Lektüre
französischer Bücher in gelben Umschlägen, die mir Katja schickt.
Es wäre ja freilich patriotischer, russische Autoren zu lesen; aber
offen gestanden, ich verspüre zu diesen keine besondere Neigung. Von
zwei bis drei etwas älteren Schriftstellern abgesehen, kommt mir die
ganze moderne russische Literatur nicht wie eine wirkliche Literatur,
sondern wie ein Zweig einer Hausindustrie vor, die nur dazu da ist,
daß man sie fördert, deren Erzeugnisse man aber nur ungern benutzt.
Selbst das beste von den materiellen Erzeugnissen der Hausindustrie
kann man nicht »gut« nennen und kann es nicht aufrichtig loben, ohne
ein »aber« hinzuzufügen; und dasselbe muß ich auch von allen jenen
literarischen Neuheiten sagen, die ich in den letzten zehn bis fünfzehn
Jahren gelesen habe: nicht eine darunter ist »gut«, und bei keiner geht
es ohne ein »aber«. Manche sind verständig und moralisch, aber nicht
talentvoll; andere talentvoll und moralisch, aber nicht verständig;
wieder andere endlich talentvoll und verständig, aber nicht moralisch.
Ich will nicht sagen, daß die französischen Bücher zugleich talentvoll
und verständig und moralisch wären. Auch sie befriedigen mich nicht.
Aber sie sind nicht so langweilig wie die russischen, und man
findet in ihnen nicht selten das wichtigste Moment schöpferischer
Tätigkeit: ein Gefühl der persönlichen Freiheit, das bei den
russischen Schriftstellern fehlt. Ich besinne mich auf keine einzige
russische Novität, bei der der Verfasser sich nicht gleich von der
ersten Seite an bemüht zeigte, sich durch alle möglichen mit seinem
Gewissen abgeschlossenen Abmachungen und Verträge zu binden. Der eine
scheut sich, von einem nackten Körper zu reden; ein anderer hat sich
durch den selbstauferlegten Zwang zu psychologischen Erörterungen
an Händen und Füßen gebunden; ein dritter bedarf »eines warmen
Verhältnisses zur Menschheit«; ein vierter schmiert absichtlich
ganze Seiten mit Naturschilderungen voll, um nicht in den Verdacht
der Tendenzschriftstellerei zu kommen. Der eine möchte in seinen
Schriften um jeden Preis eine bürgerliche, der andere um jeden Preis
eine aristokratische Gesinnung an den Tag legen usw. Absichtlichkeit,
Behutsamkeit, Querköpfigkeit, aber keine Freiheit, kein Mut, so zu
schreiben, wie man möchte, und infolgedessen auch keine schöpferische
Kraft.
Alles dies bezieht sich auf die sogenannte schöne Literatur.
Was nun russische Abhandlungen ernsten Inhalts anlangt, z. B. über
Nationalökonomie, über Kunst u. dgl., so ist der Grund, weshalb ich
sie nicht lese, einfach meine Zaghaftigkeit. Als kleines Kind und
als Knabe empfand ich eine eigentümliche Furcht vor Portiers und
Theaterdienern, und diese Furcht ist mir bis auf den heutigen Tag
geblieben; ich fürchte mich auch jetzt noch vor ihnen. Man sagt,
furchtbar erscheine nur das, was man nicht verstehe. Und es ist auch
wirklich sehr schwer zu verstehen, warum die Portiers und Theaterdiener
eine solche Grandezza, Aufgeblasenheit und majestätische Unhöflichkeit
an den Tag legen. Wenn ich ernste russische Abhandlungen lese, empfinde
ich eine ganz ähnliche unbestimmte Furcht. Die gewaltige Wichtigtuerei,
der scherzhafte Ton der Überlegenheit, die familiäre Manier, in
der auswärtige Autoren behandelt werden, die Geschicklichkeit, mit
Würde leeres Stroh zu dreschen: alles dies ist mir unverständlich
und beängstigend und gleicht so gar nicht der Bescheidenheit und
dem vornehm-ruhigen Tone, an den ich bei der Lektüre der Schriften
unserer älteren Ärzte und Naturforscher gewöhnt bin. Und nicht nur
solche ernsten Abhandlungen, die ursprünglich russisch geschrieben
sind, sondern auch solche, die ins Russische übersetzt sind, zu lesen
fällt mir schwer. Der hoffärtige, herablassende Ton der Vorworte,
die Unmenge von Anmerkungen des Übersetzers, die mich hindern, meine
Aufmerksamkeit auf die Sache zu konzentrieren, die Fragezeichen und
eingeklammerten ~sic~, die der Übersetzer mit freigebiger Hand über die
ganze Abhandlung oder über das ganze Buch ausstreut, erscheinen mir wie
ein Attentat auf die Person des Verfassers und auf meine, des Lesers,
Selbständigkeit.
Ich war einmal zu einer Verhandlung des Bezirksgerichtes als
Sachverständiger zugezogen; in einer Pause machte mich ein anderer
Sachverständiger, ein Kollege von mir, auf das grobe Benehmen des
Staatsanwaltes gegen die Angeklagten aufmerksam, unter denen sich
zwei gebildete Frauen befanden. Ich glaube, ich machte mich keiner
Übertreibung schuldig, als ich meinem Kollegen antwortete, dieses
Benehmen sei nicht gröber als das, welches die Verfasser ernster
Abhandlungen wechselseitig zur Anwendung brächten. Und tatsächlich
ist dieses Benehmen so grob, daß man davon nur mit einer peinlichen
Empfindung reden kann. Sie benehmen sich untereinander und gegen die
Schriftsteller, deren Werke sie kritisieren, entweder so übermäßig
respektvoll, daß sie dabei ihre eigene Würde nicht wahren, oder sie
behandeln sie umgekehrt weit dreister, als ich in meinen Gedanken
und in diesen Aufzeichnungen meinen künftigen Schwiegersohn Herrn
Gnecker behandle. Beschuldigungen der Unzurechnungsfähigkeit,
unlauterer Absichten, ja sogar aller möglichen Kriminalverbrechen
bilden den gewöhnlichen Schmuck ernster Abhandlungen. Und nun gar die
Art, in der sich unsere jungen Ärzte in ihren kleinen Aufsätzen mit
Vorliebe ausdrücken, das ist das Nonplusultra! Ein solches Benehmen
muß unvermeidlich in der Darstellungsweise der jungen Generationen
unserer belletristischen Schriftsteller seinen Reflex finden, und
daher wundere ich mich gar nicht darüber, daß in den Novitäten, die
unsere belletristische Literatur in den letzten zehn bis fünfzehn
Jahren hervorgebracht hat, die Helden viel Branntwein trinken und die
Keuschheit der Heldinnen zu wünschen übrig läßt.
Ich lese französische Bücher und blicke ab und zu nach dem
offenstehenden Fenster hin; dort sehe ich die Zacken meines
Gartenzaunes, zwei oder drei kümmerliche Bäume und weiterhin hinter dem
Zaune einen Weg, ein Feld und dann einen breiten Streifen Nadelwald.
Oft beobachte ich mit Vergnügen, wie zwei Kinder, ein Knabe und ein
Mädchen, beide blondhaarig und in zerrissenen Kleidern, an dem Zaune
in die Höhe klettern und sich über meine Glatze lustig machen. In
ihren glänzenden Äuglein lese ich deutlich die Worte: »Guck mal, ein
Kahlkopf!« Das sind hier fast die einzigen Menschen, die sich weder um
meine Berühmtheit noch um meinen Rang kümmern.
Besucher stellen sich jetzt nicht alle Tage ein. Ich erwähne nur
die Besuche Nikolais und Peter Ignatjewitschs. Nikolai kommt
gewöhnlich an Sonn- und Festtagen zu mir, angeblich in geschäftlichen
Angelegenheiten, hauptsächlich aber um mich wiederzusehen. Er kommt
stark angeheitert, was bei ihm im Winter nie vorkommt.
»Nun, was bringst du?« frage ich ihn, wenn ich zu ihm auf den Flur
hinaustrete.
»Euer Exzellenz!« sagt er, indem er die Hand aufs Herz drückt und mich
entzückt wie ein Verliebter anblickt. »Euer Exzellenz! Gott straf mich!
Der Donner soll mich gleich auf dem Fleck rühren! ~Gaudeamus igitur
juvenestus!~«
Und er küßt mich eifrig auf die Schulter, auf die Rockärmel, auf die
Knöpfe.
»Ist in der Stadt alles bei uns in Ordnung« frage ich ihn.
»Euer Exzellenz! Beim heiligen Gott ...«