aber jetzt erregt es mir nur Langeweile und macht mich nervös. Seit
ich Exzellenz geworden und eine Zeitlang Dekan der Fakultät gewesen
bin, hat meine Familie es aus einem mir unverständlichen Grunde für
nötig befunden, das Menü und die gesamte Ordnung unseres Mittagessens
vollständig umzuändern. Statt der einfachen Gerichte, an die ich
mich gewöhnt hatte, als ich noch Student und praktischer Arzt war,
bekomme ich jetzt eine Püree-Suppe, in der irgendwelche weiße Klütern
schwimmen, und Nieren in Madeira zu essen. Mein Generalsrang und
meine Berühmtheit haben mich auf immer der Kohlsuppe beraubt und der
schmackhaften Piroggen und des Gänsebratens mit Äpfeln und des Brassens
mit Grütze. Sie haben mich auch des Stubenmädchens Agascha beraubt,
einer geschwätzigen, lachlustigen alten Person, statt deren jetzt
beim Mittagessen Jegor serviert, ein dummer, hochmütiger Bursche, mit
einem weißen Handschuh auf der rechten Hand. Die Pausen zwischen den
Gerichten sind nur kurz, erscheinen aber außerordentlich lang, weil wir
nichts haben, womit wir sie ausfüllen könnten. Es fehlt die frühere
Heiterkeit, die ungezwungenen Gespräche, die Scherze, das Gelächter,
die gegenseitigen Zärtlichkeiten und jene Freude, die ehemals die
Kinder und meine Frau und ich schon darüber zu empfinden pflegten, daß
wir uns im Eßzimmer zusammenfanden; für mich, einen vielbeschäftigten
Mann, war das Mittagessen eine Zeit der Erholung, des Wiedersehens
mit den Meinen, und für meine Frau und die Kinder war es eine wenn
auch kurze, so doch vergnügte und fröhliche Feierzeit, wo sie wußten,
daß ich für eine halbe Stunde nicht der Wissenschaft und nicht den
Studenten, sondern einzig und allein ihnen und sonst niemandem gehörte.
Jetzt kann ich nicht mehr das Kunststück ausführen, mich an einem
einzigen Gläschen zu betrinken, und Agascha ist nicht mehr da, und der
Brassen mit Grütze ist nicht mehr da, und auch der Lärm fehlt, der
immer die kleinen aufregenden Ereignisse beim Mittagessen begleitete,
wenn z. B. der Hund und die Katze sich unter dem Tische bissen oder
das Tuch, das sich Katja um die Backe gebunden hatte, ihr in den
Suppenteller fiel.
Die jetzige Mittagsmahlzeit zu schildern ist ebenso unerfreulich wie
sie wirklich durchzumachen. Auf dem Gesichte meiner Frau liegt eine
gewisse Feierlichkeit, eine gekünstelte Würde und der gewöhnliche
sorgenvolle Ausdruck. Unruhig blickt sie auf unsere Teller und sagt:
»Ich sehe, der Braten schmeckt euch nicht. Sagt doch die Wahrheit:
er schmeckt euch wirklich nicht?« Und ich bin dann genötigt zu
antworten: »Du machst dir unnütze Sorge, liebe Frau; der Braten
schmeckt sehr gut.« Und dann sie wieder: »Du willst mich immer
verteidigen, Nikolai Stepanowitsch, und sagst nie, was Du wirklich
denkst. Warum hat denn Alexander Adolfowitsch so wenig gegessen?« Und
in dieser Art geht es während des ganzen Mittagessens weiter. Lisa
lacht in ihrer abgebrochenen Manier und kneift die Augen zusammen.
Ich sehe meine Frau und meine Tochter an und werde mir gerade jetzt
beim Mittagessen vollständig klar darüber, daß das innere Leben der
beiden schon längst meiner Beobachtung entschlüpft ist. Ich habe ein
Gefühl, als hätte ich früher einmal mit meiner richtigen Familie
zu Hause gelebt, wäre aber jetzt bei einer fremden Dame, nicht bei
meiner richtigen Frau, zum Mittagessen und sähe da ein fremdes junges
Mädchen, nicht meine richtige Lisa, vor mir. Mit beiden ist eine starke
Veränderung vorgegangen, und ich habe diesen langen Veränderungsprozeß
gewissermaßen verschlafen, und so ist es denn kein Wunder, daß ich
jetzt nichts begreife. Wie ist es zu dieser Veränderung gekommen?
Ich weiß es nicht. Möglicherweise rührt das ganze Unglück daher, daß
Gott meiner Frau und meiner Tochter nicht so viel Kraft verliehen hat
wie mir. Ich war von meiner Kindheit an gewöhnt, äußeren Einflüssen
Widerstand zu leisten, und habe mich hinlänglich abgehärtet; solche
Katastrophen im Leben wie das Berühmtwerden, die Erlangung des
Generalsranges, der Übergang von einem auskömmlichen Leben zu einem
Leben, das die Mittel übersteigt, der Eintritt in den Verkehr mit
vornehmen Leuten, und mehr dergleichen, all das hat mich daher kaum
berührt, und ich bin heil und unversehrt geblieben; aber auf meine
Frau und Lisa, die schwach und nicht abgehärtet waren, ist dies alles
zusammengestürzt wie eine große Schneewand und hat sie erdrückt.
Die jungen Damen und Herr Gnecker reden über Fugen, über Kontrapunkt,
über Sänger und Pianisten, über Bach und Brahms; meine Frau aber,
welche in den Verdacht der Unwissenheit auf musikalischem Gebiete
zu kommen fürchtet, lächelt interessiert und murmelt: »Ganz reizend
... Wirklich? Gewiß, gewiß ...« Herr Gnecker ißt tüchtig, macht
wohlanständige Scherze und hört nachsichtig die Bemerkungen der
jungen Damen an. Mitunter bekundet er das Bestreben, ein schlechtes
Französisch zu sprechen, und dann hält er (ich weiß nicht warum) für
nötig, mich ~votre excellence~ zu titulieren.
Ich aber bin ärgerlich. Augenscheinlich geniere ich sie alle, und sie
genieren mich. Nie habe ich früher etwas von Feindschaft gegen einen
andern Stand gewußt; jetzt aber quält mich tatsächlich etwas von dieser
Art. Ich bemühe mich, an Herrn Gnecker nur schlechte Eigenschaften
herauszufinden, finde solche auch wirklich bald und bin mißgestimmt
darüber, daß da als Bewerber um die Hand meiner Tochter ein Mensch
sitzt, der einem ganz andern Kreise angehört als ich. Seine Anwesenheit
hat auch noch in einer andern Hinsicht einen schlechten Einfluß auf
mich. Gewöhnlich, wenn ich allein bin oder mich in Gesellschaft von
Leuten befinde, die mir sympathisch sind, denke ich gar nicht an meine
Verdienste, oder wenn mir doch der Gedanke an sie kommt, so erscheinen
sie mir so geringfügig, als wäre ich erst gestern ein Gelehrter
geworden; aber in Gegenwart solcher Leute, wie Herr Gnecker, kommen
mir meine Verdienste wie ein sehr hoher Berg vor, dessen Gipfel in den
Wolken verschwindet, und an dessen Fuße, für das Auge kaum sichtbar,
die Menschen von der Art des Herrn Gnecker sich herumbewegen.
Nach Tische gehe ich in mein Arbeitszimmer und rauche dort ein
Pfeifchen, das einzige während des ganzen Tages; mehr ist von meiner
früheren schlechten Gewohnheit, vom frühen Morgen bis in die Nacht
hinein zu paffen, nicht übriggeblieben. Während ich rauche, kommt meine
Frau zu mir herein und setzt sich hin, um mit mir zu reden. Gerade so
wie am Vormittage weiß ich auch jetzt, wovon unser Gespräch handeln
wird.
»Ich habe mit dir etwas Ernstes zu besprechen, Nikolai Stepanowitsch,«
beginnt sie. »Ich wollte von Lisa reden. Warum wendest du darauf keine
Aufmerksamkeit?«
»Was meinst du damit?«
»Du tust, als ob du nichts merktest; aber das ist doch ein falsches
Benehmen. Man darf die Sache nicht so gehen lassen, ohne sich darum zu
kümmern. Gnecker hat ernste Absichten auf Lisa. Was sagst du dazu?«
»Daß er ein schlechter Mensch ist, kann ich nicht sagen, da ich
ihn nicht kenne; aber daß er mir nicht gefällt, habe ich dir schon
tausendmal gesagt.«
»Aber es ist unrecht ... es ist unrecht ...«
Sie steht auf und geht in großer Erregung auf und ab.
»Es ist unrecht, einer ernsten Sache gegenüber einen solchen Standpunkt
einzunehmen,« sagt sie. »Wenn es sich um das Lebensglück der Tochter
handelt, dann muß man alles Persönliche ausschalten. Ich weiß, daß er
dir nicht gefällt ... Das kann ja sein ... Aber wenn wir ihn jetzt
abweisen und die Sache verhindern, dann ist zu befürchten, daß Lisa
uns ihr ganzes Leben lang Vorwürfe machen wird. Es wimmelt heutzutage
nicht von Freiern, und es kann leicht kommen, daß sich ihr keine andere
Partie mehr bietet. Er liebt Lisa sehr, und anscheinend findet auch sie
an ihm Gefallen. Er hat ja allerdings keine gesicherte Stellung; aber
was ist da zu machen? So Gott will, wird er schon mit der Zeit irgendwo
ankommen. Er ist aus guter Familie und reich.«
»Woher weißt du das?«
»Er hat es gesagt. Sein Vater besitzt in Charkow ein großes Haus und in
der Nähe von Charkow ein Gut. Kurz gesagt, Nikolai Stepanowitsch, du
mußt unbedingt nach Charkow reisen.«
»Warum?«
»Du mußt da Erkundigungen anstellen. Du bist ja dort mit einigen
Professoren bekannt; die werden dir behilflich sein. Ich würde selbst
hinfahren; aber ich bin ein Weib. Ich kann es nicht.«
»Ich reise nicht nach Charkow,« erwidere ich mürrisch.
Meine Frau bekommt einen Schreck, und auf ihrem Gesichte erscheint ein
Ausdruck qualvollen Schmerzes.
»Um Gottes willen, Nikolai Stepanowitsch!« fleht sie mich schluchzend
an. »Um Gottes willen, nimm mir diese schwere Sorge von der Seele! Ich
leide darunter entsetzlich!«
Wie ich sie so ansehe, tut sie mir leid.
»Nun gut, Warja,« sage ich freundlich. »Wenn du es wünschest, will ich
meinetwegen nach Charkow fahren und alles tun, was du möchtest.«
Sie drückt das Taschentuch gegen die Augen und geht auf ihr Zimmer, um
zu weinen. Ich bleibe allein.
Nach einiger Zeit bringt man mir Licht. Von den Sesseln und dem
Lampenschirm lagern sich auf den Wänden und auf dem Fußboden die mir
längst bekannten, längst zuwider gewordenen Schatten, und wenn ich sie
ansehe, so will es mir scheinen, daß es schon Nacht sei, und daß meine
nichtswürdige Schlaflosigkeit schon beginne. Ich lege mich ins Bett;
dann stehe ich wieder auf und wandere im Zimmer auf und ab; dann lege
ich mich wieder hin ... Gewöhnlich erreicht nach dem Mittagessen, vor
dem Abend, meine nervöse Erregung ihren höchsten Grad. Ich fange ohne
Veranlassung zu weinen an und stecke den Kopf unter das Kopfkissen.
In solchen Augenblicken fürchte ich mich davor, daß jemand eintreten
könnte; ich fürchte, plötzlich zu sterben, schäme mich meiner Tränen,
und meine ganze Seele ist von einem allgemeinen, unerträglichen
Schmerz erfüllt. Ich fühle, daß ich nicht länger imstande bin, meine
Lampe, meine Bücher, die Schatten auf dem Fußboden anzusehen und die
aus dem Salon herübertönenden Stimmen anzuhören. Eine unsichtbare,
unbegreifliche Macht zieht mich gewaltsam aus meiner Wohnung hinaus.
Ich springe auf, kleide mich hastig an und gehe vorsichtig, damit
meine Hausgenossen es nicht gewahr werden, auf die Straße. Wo soll ich
hingehen?
Die Antwort auf diese Frage steckt schon längst fertig in meinem
Gehirn: zu Katja.
III
Sie liegt wie gewöhnlich auf dem türkischen Sofa oder einer
Chaiselongue und liest ein Buch. Sobald sie mich erblickt, hebt sie
träge den Kopf in die Höhe, setzt sich aufrecht und streckt mir die
Hand entgegen.
»Immer liegst du,« sage ich, nachdem ich ein Weilchen geschwiegen
und mich erholt habe. »Das ist ungesund. Du solltest dir irgendeine
Tätigkeit zurechtmachen.«
»Was sagen Sie?«
»Ich sage, du solltest dir irgendeine Tätigkeit zurechtmachen.«
»Was für eine Tätigkeit? Eine Frau kann weiter nichts sein als entweder
einfache Arbeiterin oder Schauspielerin.«
»Nun gut: wenn du also nicht Arbeiterin sein kannst, so werde wieder
Schauspielerin.«
Sie schweigt.
»Du solltest heiraten,« sage ich halb im Scherz.
»Ich wüßte nicht, wen. Und es liegt mir auch nichts daran.«
»So, wie du lebst, das ist kein Leben.«
»Ohne Mann? Große Sache! Männer könnte ich haben, soviel ich wollte,
wenn ich nur Lust hätte.«
»Das ist häßlich, Katja.«
»Was ist häßlich?«
»Was du da eben gesagt hast.«
Da sie merkt, daß ich mich verletzt fühle, möchte sie den üblen
Eindruck wieder gutmachen und sagt:
»Kommen Sie! Wir wollen anderswohin gehen. Dorthin.«
Sie führt mich in ein kleines, sehr behagliches Zimmerchen und sagt,
indem sie auf einen Schreibtisch hinweist:
»Da! Ich habe ihn für Sie angeschafft. Hier können Sie arbeiten. Kommen
Sie alle Tage her und bringen Sie Ihre Arbeit mit! Dort bei Ihnen zu
Hause stört man Sie doch nur. Wollen Sie hier arbeiten? Ja? Wollen Sie?«
Um sie nicht durch eine abschlägige Antwort zu kränken, erwidere
ich ihr, ich würde bei ihr arbeiten, und das Zimmer gefalle mir
außerordentlich. Darauf lassen wir uns beide in dem gemütlichen
Zimmerchen nieder und fangen an, uns zu unterhalten.
Die Wärme, die anheimelnde Umgebung und die Anwesenheit eines mir
sympathischen Menschen erwecken in mir jetzt nicht wie in früheren
Zeiten ein Gefühl des Vergnügens, sondern einen starken Drang zu klagen
und zu murren. Ich habe die Vorstellung, wenn ich murre und klage, wird
mir leichter ums Herz werden.
»Es ist ein übles Ding, mein liebes Kind!« beginne ich mit einem
Seufzer. »Ein sehr übles Ding ...«
»Was denn?«
»Ich will dir sagen, um was es sich handelt, meine Liebe. Das schönste
und heiligste Recht der Könige ist das Recht der Begnadigung. Und
ich bin mir immer wie ein König vorgekommen, da ich dieses Recht in
unbegrenztem Maße ausübte. Ich habe nie über jemand den Stab gebrochen,
bin nachsichtig gewesen und habe gern allen Menschen rings um mich
herum verziehen. Wo andere protestierten und empört waren, da habe ich
nur durch Ratschläge und Überredung zu wirken gesucht. Mein ganzes
Leben hindurch ist mein Bestreben nur darauf gerichtet gewesen, meiner
Familie, den Studenten, den Kollegen, den Dienstboten den Verkehr
mit mir erträglich zu machen. Und dieses mein Betragen den Menschen
gegenüber hat, das weiß ich, auf alle, die mit mir zu tun hatten,
erzieherisch gewirkt. Aber jetzt bin ich kein König mehr. In meiner
Seele bildet sich eine Gesinnung heraus, die nur für Sklavenseelen
paßt; in meinem Kopfe wimmelt es Tag und Nacht von bösen Gedanken,
und in meinem Herzen hat sich ein ganzer Schwarm von Empfindungen
eingenistet, wie ich sie früher nie gekannt habe. Ich hasse, verachte,
bin mißvergnügt und empört und fürchte mich. Ich bin über die Maßen
streng, anspruchsvoll, reizbar, unliebenswürdig und argwöhnisch
geworden. Selbst Dinge, die mir früher lediglich Anlaß gaben, einen
munteren Scherz zu machen und gutmütig zu lachen, rufen jetzt bei mir
ein drückendes, beängstigendes Gefühl hervor. Auch meine Logik hat sich
geändert: früher richtete sich meine Verachtung nur gegen das Geld;
jetzt aber hege ich ein feindseliges Gefühl gegen die Reichen, als ob
diese irgendwelche Schuld träfe; früher haßte ich Gewalttätigkeit und
Willkür; aber jetzt hasse ich die Menschen, die gewalttätig verfahren,
als ob sie allein schuld wären und nicht vielmehr wir alle, die wir
einander nicht zu erziehen verstehen. Woher kommt das? Wenn diese
neuen Gedanken und neuen Empfindungen in einer Veränderung meiner
Überzeugungen ihren Ursprung haben, welchen Grund mag dann diese
Veränderung haben? Ist die Welt schlechter geworden und ich besser,
oder war ich früher blind und achtlos? Wenn aber diese Veränderung
von einem allgemeinen Verfall meiner körperlichen und geistigen
Kräfte herrührt (ich bin ja tatsächlich krank und verliere täglich an
Gewicht), dann ist meine Lage eine ganz klägliche, dann sind meine
neuen Gedanken nicht normal, sondern krankhaft, und ich muß mich ihrer
schämen und sie für völlig wertlos erachten ...«
»Ihre Krankheit hat damit nichts zu tun,« unterbricht mich Katja; »es
sind Ihnen einfach die Augen aufgegangen; das ist das Ganze. So haben
Sie erblickt, was Sie früher aus irgendwelchem Grunde nicht wahrnehmen
wollten. Meiner Ansicht nach ist vor allen Dingen notwendig, daß Sie
sich von Ihrer Familie trennen und von ihr fortgehen.«
»Du redest Torheiten.«
»Sie lieben sie nicht mehr; wozu da noch heucheln? Und ist denn das
eine Familie für Sie? Ganz wertlose Geschöpfe! Wenn sie heute stürben,
so würde sie schon morgen kein Mensch mehr vermissen.«
Katja verachtet meine Frau und meine Tochter ebenso stark, wie diese
beiden sie hassen. Man darf in unserer Zeit ja kaum von einem Rechte
der Menschen reden, einander zu verachten. Aber wenn man sich auf
Katjas Standpunkt stellt und das Vorhandensein eines solchen Rechtes
behauptet, dann muß man allerdings sagen, daß sie mit demselben Rechte
meine Frau und Lisa verachtet, mit welchem diese sie hassen.
»Ganz wertlose Geschöpfe!« sagt sie noch einmal. »Haben Sie heute
zu Mittag gegessen? Mich wundert nur, daß Ihre Angehörigen nicht
vergessen haben, Sie zu Tisch zu rufen, daß sie überhaupt noch an Ihre
Existenz denken.«
»Katja,« sage ich in strengem Tone, »ich bitte dich zu schweigen.«
»Meinen Sie denn, daß es mir Vergnügen macht, von ihnen zu reden? Ich
wäre froh, wenn ich sie überhaupt nicht kennte. Hören Sie auf mich,
teurer Freund: lassen Sie alles im Stich, und reisen Sie weg! Reisen
Sie ins Ausland! Je eher, um so besser.«
»Was für Unsinn! Und die Universität?«
»Lassen Sie auch die Universität im Stich! Was haben Sie von der?
Etwas Gescheites kommt ja doch nicht dabei heraus. Da halten Sie nun
schon dreißig Jahre lang Vorlesungen, und was ist aus Ihren Schülern
geworden? Haben Sie etwa viele berühmte Gelehrte herangebildet?
Zählen Sie sie doch einmal zusammen! Und um die Zahl dieser Ärzte
zu vermehren, die die Unwissenheit der Patienten ausbeuten und
Hunderttausende von Rubeln zusammenscharren, dazu bedarf es keines
talentvollen, herzensguten Menschen. Sie sind hier völlig entbehrlich.«
»Mein Gott, was hast du für eine scharfe Zunge!« sage ich erschrocken.
»Was für eine scharfe Zunge! Schweig still, sonst gehe ich fort. Ich
verstehe mich nicht darauf, auf deine bissigen Reden zu antworten.«
Das Stubenmädchen tritt ein und ruft uns zum Tee. Beim Samowar
wendet sich unser Gespräch glücklicherweise anderen Gegenständen zu.
Nachdem ich bereits zur Genüge geklagt habe, bekomme ich Lust, der
andern Schwäche, die mein Alter mit sich gebracht hat, freien Lauf
zu lassen, dem Umherkramen in Erinnerungen. Ich erzähle Katja aus
meiner Vergangenheit und teile ihr zu meinem eigenen größten Erstaunen
allerlei Einzelheiten mit, von denen ich gar nicht geahnt habe, daß
sie sich noch in meinem Gedächtnis erhalten haben. Sie aber hört mir
gerührt, stolz, mit angehaltenem Atem zu. Besondere Freude macht es
mir, ihr davon zu erzählen, wie ich ehemals Seminarschüler war, und wie
es das Ziel meiner Sehnsucht war, die Universität zu beziehen.
»Manchmal ging ich in unserem Seminargarten spazieren,« erzähle ich.
»Da trug der Wind aus irgendeiner fernen Schenke die Töne einer
quiekenden Harmonika und eines Liedes herüber, oder es jagte an dem
Zaune des Seminargartens eine Troika mit Schellengeklingel vorbei, und
dies genügte vollständig, um plötzlich ein Gefühl des Glückes nicht
nur in meiner Brust, sondern auch in meinem Bauche, in den Beinen,
in den Händen hervorzurufen. Ich horchte nach der Harmonika oder dem
verklingenden Schellengeläute hin und stellte mir vor, ich sei Arzt,
und malte mir Bilder aus, eines immer schöner als das andere. Und nun
sind, wie du siehst, meine Träume in Erfüllung gegangen. Ich habe
mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte. Dreißig Jahre lang bin ich
ein beliebter Professor gewesen, habe vortreffliche Kollegen gehabt
und mich eines ehrenvollen Renommees erfreut. Ich habe geliebt, habe
aus leidenschaftlicher Liebe geheiratet; es sind mir Kinder geboren.
Kurz, wenn ich zurückblicke, so erscheint mir mein ganzes Leben wie
eine hübsche, talentvolle Komposition. Jetzt bleibt mir nur noch eines
zu tun: dafür zu sorgen, daß ich das Finale nicht verderbe. Zu diesem
Zwecke muß ich in einer menschenwürdigen Weise sterben. Wenn der Tod
wirklich eine Gefahr ist, so muß ich ihm so entgegentreten, wie es
sich für einen Lehrer, für einen Gelehrten und für den Bürger eines
christlichen Staates ziemt: mutig und ruhigen Herzens. Aber ich werde
das Finale verderben. Ich bin nahe daran, zu ertrinken, komme zu dir
hergelaufen und bitte um Hilfe; du aber sagst zu mir: ›Ertrinken Sie
nur; das muß so sein!‹«
Aber in diesem Augenblick ertönt im Vorzimmer die Klingel. Wir beide,
Katja und ich, erkennen diese Art zu klingeln und sagen:
»Das ist gewiß Michail Fedorowitsch.«
Und wirklich tritt einen Augenblick darauf mein Kollege, der Philologe
Michail Fedorowitsch, ins Zimmer, ein hochgewachsener, wohlgebildeter
Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dichtem, grauem Haar, schwarzen
Brauen und glatt rasiertem Gesicht. Er ist ein guter Mensch und ein
vorzüglicher Kollege. Er stammt aus einer alten Adelsfamilie, die eine
recht glückliche Vergangenheit hat, viele talentvolle Männer zu ihren
Mitgliedern zählt und in der Geschichte unserer Literatur und Bildung
eine bedeutende Rolle spielt. Auch er selbst ist klug, talentvoll
und hochgebildet, aber nicht frei von Sonderbarkeiten. Bis zu einem
gewissen Grade sind wir ja alle seltsame, wunderliche Käuze; aber seine
Sonderbarkeiten zeigen sich ausschließlich seinen Bekannten gegenüber
und sind für diese nicht ungefährlich. Unter seinen Bekannten kenne ich
nicht wenige, die über seinen Sonderbarkeiten gar kein Auge für seine
zahlreichen guten Eigenschaften haben.
Als er zu uns ins Zimmer tritt, zieht er langsam die Handschuhe aus und
sagt mit seiner weichen, tiefen Stimme:
»Guten Abend. Sie sind beim Tee? Das kommt mir sehr zupaß. Es ist
nichtswürdig kalt draußen.«
Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt sich ein Glas und beginnt
sogleich zu reden. Das Charakteristischste an seiner Art zu reden ist
sein beständig scherzhafter Ton, eine Art Mischung von Philosophie
und Possenreißerei, wie bei den Shakespearischen Totengräbern. Er
redet immer über ernste Dinge, aber niemals in ernster Art. Seine
Urteile sind immer scharf und spöttisch; aber infolge des weichen,
gleichmäßigen, scherzhaften Tones verletzen die Schärfe und der Spott
nicht das Ohr des Hörers, und man gewöhnt sich bald daran. Jeden Abend
bringt er fünf bis sechs Anekdoten aus dem Universitätsleben mit und
fängt sie meist zu erzählen an, sobald er sich an den Tisch setzt.
»Mein Gott!« seufzt er und bewegt dabei spöttisch seine schwarzen
Augenbrauen. »Was gibt es doch für komische Gesellen auf der Welt!«
»Wieso?« fragt Katja.
»Ich komme heute aus meiner Vorlesung und treffe auf der Treppe diesen
alten Idioten, unsern N. N. Er steigt die Treppe hinauf, hält wie
gewöhnlich sein Pferdekinn nach vorn gestreckt und sucht jemand, dem er
über seine Migräne, über seine Frau und über die Studenten, die seine
Vorlesungen nicht besuchen wollen, etwas vorklagen kann. ›Na,‹ denke
ich, ›gesehen hat er mich nun einmal; jetzt bin ich geliefert, es wird
mir schlimm ergehen ...‹«
Und so fort, immer in derselben Art. Oder er beginnt so:
»Gestern war ich in der öffentlichen Vorlesung unseres Kollegen Z.
Ich wundere mich, wie unsere ~alma mater~ es übers Herz bringen kann,
dem Publikum (mit Verlaub gesagt) solche Tölpel und patentierten
Holzköpfe zu präsentieren wie diesen Z. Er ist ja doch ein Dummrian
erster Klasse! Ich bitte Sie, in ganz Europa findet man bei Tage mit
der Laterne kein zweites derartiges Exemplar! Stellen Sie sich das nur
einmal vor: er liest, als wenn er Kandiszucker lutschte! Zju, zju,
zju ... Er bekam es mit der Angst, konnte sein Manuskript schlecht
lesen, und die dürftigen Gedanken krochen nur ganz langsam dahin, mit
der Geschwindigkeit eines radfahrenden Archimandriten; und, was die
Hauptsache war, man konnte absolut nicht verstehen, was er eigentlich
sagen wollte. Es herrschte eine furchtbare Langeweile, so daß die
Fliegen davon starben. Diese Langeweile läßt sich nur mit derjenigen
vergleichen, die in unserer Aula bei dem jährlichen Aktus herrscht,
wenn die herkömmliche Rede gehalten wird. Hol sie der Teufel!«
Und dann fährt er mit einem scharfen Übergange fort:
»Vor drei Jahren (hier unser Nikolai Stepanowitsch wird sich noch daran
erinnern) hatte ich diese Rede zu halten. Es war heiß und schwül, die
Uniform kniff mich unter den Armen, -- es war zum Krepieren! Ich las
eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden, zwei Stunden. ›Na,‹
dachte ich, ›Gott sei Dank, jetzt sind es nur noch zehn Seiten.‹ Und
ganz am Schluß hatte ich vier Seiten, die ich gut und gern ungelesen
lassen konnte, und ich nahm mir vor, sie wegzulassen. ›Also dann
bleiben nur noch sechs,‹ dachte ich. Aber denken Sie sich: ich warf
einen flüchtigen Blick nach den Zuhörern und sah, daß da in der ersten
Reihe nebeneinander ein General mit einem Ordensbande und ein Bischof
saßen. Die armen Kerle waren ganz starr vor Langerweile und rissen
krampfhaft die Augen auf, um nicht einzuschlafen; aber sie bemühten
sich trotzdem, ihren Gesichtern den Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit
zu geben, und taten, als ob sie meine Vorlesung verständen und Genuß
davon hätten. ›Na,‹ dachte ich, ›wenn es euch so viel Vergnügen macht,
dann will ich es euch gründlich geben! Euch zum Possen!‹ Und ich las
auch noch die ganzen vier letzten Seiten mit.«
Wenn er spricht, so lächeln bei ihm, wie überhaupt bei spottlustigen
Leuten, nur die Augen und die Brauen. In seinen Augen liegt zu solcher
Zeit nichts von Haß oder Bosheit, wohl aber viel Witz und jene
besondere fuchsartige Schlauheit, die man nur bei Menschen mit sehr
gut entwickelter Beobachtungsgabe bemerken kann. Von seinen Augen
möchte ich ferner erwähnen, daß ich an ihnen noch eine besondere
Eigentümlichkeit wahrgenommen habe. Jedesmal wenn er von Katja ein
gefülltes Glas hinnimmt oder eine von ihr gemachte Bemerkung anhört
oder ihr mit dem Blicke folgt, wenn sie einmal für kurze Zeit das
Zimmer verläßt, bemerke ich in seinem Blicke etwas Sanftes, Flehendes,
Reines ...