Entwickelung einer Leidenschaft zu verfolgen, in deren Bann Katja schon
im Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren vollständig hineingeraten
war. Ich meine ihre leidenschaftliche Liebe zum Theater. Wenn sie
für die Ferienzeit aus dem Institute zu uns kam und bei uns lebte,
sprach sie von nichts mit solchem Vergnügen und solcher Wärme wie
von Theaterstücken und Schauspielern. Sie ermüdete uns durch ihre
beständigen Gespräche über das Theater. Meine Frau und meine Kinder
hörten ihr nicht mehr zu. Nur ich hatte nicht den Mut, ihr meine
Aufmerksamkeit zu verweigern. Wenn bei ihr der Wunsch rege wurde,
ihren Enthusiasmus mit jemandem zu teilen, so kam sie zu mir in mein
Arbeitszimmer und sagte in flehendem Tone:
»Nikolai Stepanowitsch, erlauben Sie mir, mit Ihnen ein bißchen vom
Theater zu reden?«
Ich wies auf die Uhr und sagte: »Ich gewähre dir eine halbe Stunde.
Fang an!«
Später brachte sie ganze Dutzende von Porträts der von ihr angebeteten
Schauspieler und Schauspielerinnen mit; darauf versuchte sie einige
Male, bei Liebhabervorstellungen mitzuwirken, und schließlich, als
sie die Schule durchgemacht hatte, erklärte sie mir, sie sei zur
Schauspielerin geboren.
Ich habe Katjas Schwärmerei für das Theater nie geteilt. Meine Ansicht
ist die: wenn ein Stück gut ist, so braucht man, damit es den richtigen
Eindruck macht, nicht erst die Schauspieler zu bemühen; man kann sich
mit der Lektüre begnügen; wenn das Stück aber schlecht ist, so ist kein
Spiel imstande, ein gutes daraus zu machen.
In meiner Jugend habe ich häufig das Theater besucht, und jetzt nimmt
meine Familie zweimal im Jahre eine Loge und schleppt mich auch
mit hin, »zum Auslüften«. Das reicht ja freilich nicht dazu aus,
um mich zu einem Urteil über das Theater zu berechtigen; aber ich
will doch ein paar Worte darüber sagen. Meiner Ansicht nach ist das
Theater nicht besser geworden, als es vor dreißig bis vierzig Jahren
war. Wie früher kann ich weder in den Korridoren des Theaters noch
im Foyer ein einfaches Glas Wasser bekommen. Wie früher nehmen mich
die Theaterdiener für meinen Pelz in eine Geldstrafe von zwanzig
Kopeken, obwohl doch in dem Tragen warmer Kleidung zur Winterszeit
nichts Anstößiges liegt. Wie früher spielt in den Zwischenakten ohne
jeden Anlaß die Musik und fügt zu dem durch das Stück hervorgerufenen
Eindruck einen neuen, unerbetenen hinzu. Wie früher gehen die Männer
in den Zwischenakten zum Büfett, um alkoholische Getränke zu genießen.
Wenn so in Kleinigkeiten kein Fortschritt sichtbar ist, so würde ich
ihn auch in wichtigeren Dingen vergebens suchen. Wenn ein Schauspieler,
der sich vom Kopf bis zu den Füßen in die Traditionen und Vorurteile
des Theaterwesens verstrickt hat, seine Bemühung darauf richtet, den
ganz schlichten, gewöhnlichen Monolog »Sein oder nicht sein« nicht in
schlichter Art, sondern aus einem unerfindlichen Grunde mit obligatem
Zischen und mit Krämpfen im ganzen Körper vorzutragen, oder wenn er
mir um jeden Preis einzureden sucht, daß Tschazki[1], der sich so viel
mit Dummköpfen unterhält und eine dumme Frauensperson liebt, ein sehr
verständiger Mensch und »Verstand schafft Leiden« ein interessantes
Stück sei, dann weht mich von der Bühne ebenderselbe öde Geist an,
der mir schon vor vierzig Jahren langweilig war, als man mich mit
klassisch sein sollender Heulerei und An-die-Brust-schlagen regalierte.
Und jedesmal komme ich aus dem Theater mit konservativerer Gesinnung
heraus, als ich hineingegangen bin.
Der empfindsamen, leichtgläubigen Menge kann man einreden, daß das
Theater in seinem jetzigen Zustande eine Bildungsstätte sei. Aber
wer da weiß, was eine Bildungsstätte im wahren Sinne des Wortes ist,
den fängt man nicht mit diesem Köder. Wie die Sache nach fünfzig bis
hundert Jahren aussehen wird, weiß ich nicht; unter den gegenwärtigen
Verhältnissen jedoch kann das Theater nur als Mittel zur Zerstreuung
dienen. Aber diese Zerstreuung kommt der menschlichen Gesellschaft
auf die Dauer denn doch etwas zu teuer zu stehen. Denn sie entzieht
dem Staate Tausende von jungen, gesunden, talentvollen Männern und
Frauen, die, wenn sie sich nicht dem Theater gewidmet hätten, gute
Ärzte, Landwirte, Lehrerinnen und Offiziere sein könnten; sie entzieht
dem Publikum die Abendstunden, die beste Zeit zu geistiger Arbeit und
geselliger Unterhaltung. Ich rede gar nicht einmal von den Geldausgaben
und von dem sittlichen Schaden, den der Zuschauer erleidet, wenn er
sieht, wie auf der Bühne Mord, Ehebruch und Verleumdung in unrichtiger
Weise behandelt werden.
Katja aber war ganz anderer Meinung. Sie beteuerte mir, das Theater
stehe, auch in seinem jetzigen Zustande, hoch über allen Auditorien und
Büchern und über allem, was es in der Welt gebe. Das Theater sei eine
Macht, die alle Künste in sich vereinige, und die Schauspieler seien
Missionare der wahren Bildung. Keine Kunst und keine Wissenschaft sei
für sich allein imstande, so stark und so sicher auf die menschliche
Seele zu wirken wie die Bühne, und daher erfreue sich mit gutem Grunde
selbst ein Schauspieler mittleren Ranges im Lande einer weit größeren
Popularität als der trefflichste Gelehrte oder Künstler. Und keine
andere gemeinnützige Tätigkeit könne einen solchen Genuß und eine
solche Befriedigung gewähren wie die schauspielerische.
Und eines schönen Tages trat Katja in eine Schauspielertruppe ein und
reiste weg, ich glaube nach Ufa; sie nahm eine bedeutende Geldsumme,
eine Unmenge buntschillernder Hoffnungen und eine ideale Auffassung
ihres Berufes mit.
Ihre ersten Briefe von der Fahrt waren bewundernswürdig. Ich las sie
und war geradezu erstaunt, wie diese kleinen Papierbogen so viel
Jugendfrische, seelische Reinheit, heilige Naivität und gleichzeitig
so viel feine sachliche Urteile, die einem guten Männerverstande Ehre
gemacht hätten, enthalten konnten. Die Wolga, die Natur, die Städte,
die sie besuchte, die Kollegen, was sie an Erfolgen und Mißerfolgen
erlebte, alles das schilderte sie nicht sowohl, sondern sie besang es;
jede Zeile atmete die Zutraulichkeit, die ich auf ihrem Gesichte zu
sehen gewohnt gewesen war, -- und dabei eine Masse von orthographischen
Fehlern, und die Interpunktionszeichen fehlten fast vollständig.
Es verging kein halbes Jahr, da empfing ich einen im höchsten Grade
poetischen, schwärmerischen Brief, der mit den Worten begann: »Ich
habe mich verliebt.« Beigelegt war diesem Briefe eine Photographie,
die einen jungen Mann mit glatt rasiertem Gesichte darstellte, einen
breitkrempigen Hut auf dem Kopfe, ein Plaid über die Schulter geworfen.
Die darauf folgenden Briefe waren ebenso prächtig wie die früheren;
aber es tauchten in ihnen schon zahlreichere Interpunktionszeichen
auf, die orthographischen Fehler waren verschwunden, und alles an
ihnen deutete auf die Mitarbeiterschaft eines Mannes hin. Katja
begann mir solche Dinge zu schreiben: es würde ein guter Gedanke
sein, irgendwo an der Wolga ein großes Theater zu erbauen, und zwar
jedenfalls auf Aktien, und zu diesem Unternehmen reiche Kaufleute und
Dampfschiffsreeder heranzuziehen; Geld werde auf diese Art in Menge
zur Verfügung stehen; die Einnahmen würden ganz gewaltige sein; die
Schauspieler würden auf Grund eines Gesellschaftsvertrages spielen.
Vielleicht war das alles wirklich ein guter Gedanke; aber es schien
mir, daß solche Pläne nur aus dem Kopfe eines Mannes hervorgegangen
sein könnten.
Wie dem auch sein mochte, anderthalb bis zwei Jahre lang schien alles
gut und nach Wunsch zu gehen: Katja liebte, sie glaubte an ihren Beruf
und war glücklich; aber dann begann ich in ihren Briefen deutliche
Anzeichen des Niederganges wahrzunehmen. Dies fing damit an, daß Katja
sich bei mir über ihre Kollegen beklagte; das ist immer das erste und
mißlichste Symptom; wenn ein junger Gelehrter oder Schriftsteller bei
Ausübung seiner Tätigkeit sich über andere Gelehrte oder Schriftsteller
bitter beklagt, so bedeutet das, daß er bereits müde geworden ist
und zu seiner Berufsarbeit nicht mehr taugt. Katja schrieb mir, ihre
Kollegen kämen nicht zu den Proben und könnten ihre Rollen niemals
ordentlich; an dem Dringen auf Ausführung abgeschmackter Stücke und
an ihrer Art, sich auf der Bühne zu benehmen, merke man bei einem
jeden von ihnen eine völlige Mißachtung des Publikums; den einzigen
Gegenstand ihres Gespräches bildeten die Einnahmen, und im Interesse
der Einnahmen erniedrigten sich die dramatischen Schauspielerinnen
zum Singen von Chansons, und die Tragöden sängen Couplets, deren
Inhalt Späße über betrogene Ehemänner und über die Schwangerschaft
treuloser Gattinnen bildeten. Überhaupt müsse man sich wundern, daß das
Bühnenwesen in der Provinz noch nicht vollständig zugrunde gegangen sei
und sich auf einer so schwachen, morschen Grundlage halten könne.
Als Antwort schickte ich Katja einen langen und, wie ich bekennen
muß, sehr langweiligen Brief. Unter anderem schrieb ich ihr: »Ich
habe nicht selten Gelegenheit gehabt, mit älteren Schauspielern zu
reden, vornehm denkenden Männern, die mir ihr freundliches Wohlwollen
zuwandten; aus den Gesprächen mit ihnen konnte ich entnehmen, daß die
Art ihrer Tätigkeit nicht sowohl von ihrem eigenen Urteil und ihrem
freien Willen als vielmehr von der Mode und der Stimmung des Publikums
abhing; selbst die besten unter ihnen mußten ihr Leben lang bald in
Tragödien, bald in Operetten, bald in Pariser Schwänken, bald in
Feerien spielen, und hatten dabei doch immer gleichmäßig das Gefühl,
daß sie auf geradem Wege wanderten und Nutzen stifteten. Somit hat man,
wie du siehst, die Ursache des Übels nicht bei den Schauspielern zu
suchen, sondern tiefer, in der Kunst selbst und in dem Verhältnisse des
ganzen Publikums zur Kunst.« Dieser mein Brief hatte nur den Erfolg,
Katja in heftige Erregung zu versetzen. Sie antwortete mir: »Wir beide,
Sie und ich, reden von ganz verschiedenen Dingen. Ich schrieb Ihnen
nicht von den vornehm denkenden Männern, die Ihnen ihr freundliches
Wohlwollen zuwandten, sondern von einer Gaunerbande, die von vornehmer
Gesinnung nichts weiß. Es ist eine Horde von Wilden, die nur deswegen
auf die Bühne geraten sind, weil man sie an keiner andern Stelle
angenommen haben würde, und die sich lediglich aus Unverschämtheit
Künstler nennen. Kein einziges Talent ist darunter, wohl aber viele
Unbegabte, Trunkenbolde, Intriganten und Zwischenträger. Ich kann Ihnen
gar nicht sagen, wie es mich schmerzt, daß die Kunst, die ich so sehr
liebe, in die Hände dieser mir verhaßten Menschen geraten ist, und wie
weh es mir tut, daß die besten Menschen das Übel nur von fern sehen,
nicht näher herantreten mögen und, statt sich der Sache anzunehmen, in
schwerfälligem Stile Gemeinplätze und Moralpredigten schreiben, die
niemandem etwas nützen können ...« und so weiter, immer in demselben
Tone.
Es verging wieder einige Zeit, da erhielt ich folgenden Brief: »Ich bin
in unmenschlicher Weise betrogen worden. Ich kann nicht weiterleben.
Verfügen Sie über mein Geld, wie Sie es für angemessen halten! Ich habe
Sie geliebt wie einen Vater und als meinen einzigen Freund. Verzeihen
Sie mir!«
Es hatte sich herausgestellt, daß auch ihr »Er« zu der »Horde von
Wilden« gehörte. Später konnte ich aus einigen Andeutungen erraten,
daß sie einen Versuch gemacht hatte, sich das Leben zu nehmen. Sie
hatte versucht, sich zu vergiften. Ich mußte annehmen, daß sie darauf
ernstlich krank geworden war, da ich den nächsten Brief schon aus Jalta
erhielt, wohin sie wahrscheinlich von den Ärzten geschickt worden war.
Dieser enthielt die Bitte, ihr möglichst schnell tausend Rubel nach
Jalta zu schicken, und schloß folgendermaßen: »Entschuldigen Sie, daß
dieser Brief so trübe klingt. Ich habe gestern mein Kind begraben.«
Nachdem sie in der Krim etwa ein Jahr lang gelebt hatte, kehrte sie
nach Hause zurück.
Ihr Umherreisen von Ort zu Ort hatte ungefähr vier Jahre gedauert, und
während dieser ganzen vier Jahre hatte ich, wie ich eingestehen muß,
ihr gegenüber eine sonderbare, ziemlich klägliche Rolle gespielt. Als
sie mir zuerst erklärt hatte, sie wolle Schauspielerin werden, und
mir dann von ihrer Liebe geschrieben hatte, und als sie periodisch
von Verschwendungssucht ergriffen worden war und ich ihr häufig auf
ihr Verlangen bald tausend, bald zweitausend Rubel hatte schicken
müssen, und als sie mir von ihrer Absicht zu sterben und dann von
dem Tode ihres Kindes geschrieben hatte, da hatte ich jedesmal nicht
recht gewußt, was ich tun sollte, und meine ganze Anteilnahme an ihrem
Geschick hatte sich nur darin geäußert, daß ich viel nachdachte und ihr
umfängliche, langweilige Briefe schrieb, die ich gut und gern hätte
ungeschrieben lassen können. Und dabei sollte ich ihr doch eigentlich
den leiblichen Vater ersetzen und liebte sie auch wirklich wie eine
Tochter!
Jetzt wohnt Katja nur eine halbe Werst von mir entfernt. Sie hat
sich eine Wohnung von fünf Zimmern gemietet und sich darin ziemlich
komfortabel und nach ihrem persönlichen Geschmack eingerichtet. Wenn
jemand ihre Einrichtung charakterisieren wollte, so müßte er als das
bedeutsamste Moment die Trägheit bezeichnen. Da sind für den trägen
Körper weiche Chaiselongues und weiche Sessel, für die trägen Füße
weiche Teppiche, für das träge Auge blasse, trübe, matte Farben, für
den trägen Geist an den Wänden eine Unmasse billiger, buntbemalter
Fächer und kleiner Bilder, bei denen der dargestellte Gegenstand hinter
der Originalität der Ausführung zurücktritt, eine Menge von Tischchen
und Regalen, die mit unnützen, wertlosen Dingen ganz vollgestellt sind,
formlose Lappen statt der Vorhänge usw. Diese ganze Einrichtung mit
der sich darin bekundenden Scheu vor hellen Farben, vor Symmetrie und
vor freiem Raum zeugt nicht nur von seelischer Trägheit, sondern auch
von einer Verbildung des natürlichen Geschmacks. Ganze Tage lang liegt
Katja auf einer Chaiselongue und liest Bücher, vorzugsweise Romane und
Novellen. Das Haus verläßt sie nur einmal am Tage, nachmittags, um mich
zu besuchen.
Ich arbeite; Katja aber sitzt nicht weit von mir auf dem Sofa, schweigt
und wickelt sich in ihren Schal, als ob sie fröre. Sei es, weil sie
mir sympathisch ist, oder weil ich an ihre Besuche noch von der Zeit
her gewöhnt bin, wo sie als Mädchen so oft in meinem Zimmer war: ihre
Anwesenheit hindert mich nicht, meine Aufmerksamkeit auf meine Arbeit
zu konzentrieren. Ab und zu richte ich mechanisch irgendeine Frage an
sie, und sie gibt mir eine sehr kurze Antwort; oder ich wende mich,
um mich einen Augenblick zu erholen, zu ihr und sehe, wie sie, in
Gedanken versunken, in irgendein medizinisches Journal oder in eine
Zeitung blickt. Und dabei bemerke ich, daß der frühere Ausdruck von
Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte nicht mehr vorhanden ist. Ihr Gesicht
sieht jetzt kalt, gleichgültig und zerstreut aus, wie bei Reisenden,
die lange auf den Zug warten müssen. Gekleidet ist sie wie früher schön
und einfach, aber nachlässig; man sieht, daß ihrer Toilette und ihrer
Frisur die Chaiselongues und Schaukelstühle, auf denen sie tagelang
umherliegt, nicht gut bekommen. Auch ist sie nicht mehr wißbegierig,
wie sie es doch früher war. Sie richtet an mich keine Fragen mehr; es
ist, als hätte sie im Leben schon alles durchgemacht und erwartete
nicht mehr etwas Neues zu hören.
Kurz vor vier Uhr macht sich im Saale und im Salon eine Bewegung
bemerklich. Es ist Lisa, die aus dem Konservatorium gekommen ist
und ein paar Freundinnen mitgebracht hat. Man hört, wie sie Klavier
spielen, ihre Stimmen versuchen und lachen. Im Eßzimmer deckt Jegor den
Tisch und klappert mit dem Geschirr.
»Leben Sie wohl,« sagt Katja. »Zu Ihren Damen gehe ich heute nicht
mehr hinein; sie müssen mich schon entschuldigen; ich habe keine Zeit.
Besuchen Sie mich!«
Während ich sie bis ins Vorzimmer begleite, blickt sie mich unzufrieden
vom Kopfe bis zu den Füßen an und sagt ärgerlich:
»Aber Sie werden immer magerer! Warum gebrauchen Sie keine Kur? Ich
werde mich an Sergei Fedorowitsch wenden und ihn herschicken. Der soll
Sie gründlich untersuchen.«
»Das ist nicht nötig, Katja.«
»Ich begreife nicht, wie Ihre Angehörigen das mitansehen können! Es ist
geradezu eine Sünde!«
Sie zieht mit heftigen Bewegungen ihren Pelz an, wobei aus ihrer
nachlässig hergestellten Frisur mit Sicherheit zwei oder drei
Haarnadeln auf den Fußboden fallen. Die Frisur wieder zurechtzumachen,
ist sie zu träge, hat auch keine Zeit dazu; sie schiebt die
heruntergefallenen Locken unordentlich unter ihr Mützchen und geht.
Wenn ich in das Eßzimmer trete, fragt mich meine Frau:
»Katja ist eben bei dir gewesen? Warum ist sie denn nicht zu uns
hereingekommen? Das ist doch geradezu sonderbar ...«
»Aber Mama!« sagt Lisa in vorwurfsvollem Tone. »Wenn sie nicht will,
dann läßt sie es bleiben. Wir werden sie doch nicht auf den Knien darum
bitten!«
»Jedenfalls ist es eine arge Nichtachtung. Sitzt da drei Stunden lang
in Papas Arbeitszimmer und denkt nicht an uns. Na, aber wie es ihr
beliebt!«
Warja und Lisa hassen Katja. Dieser Haß ist mir unverständlich, und
wahrscheinlich muß man, um ihn zu verstehen, ein Weib sein. Ich möchte
mich mit meinem Kopfe dafür verbürgen, daß unter den hundertfünfzig
jungen Männern, die ich fast täglich in meinem Auditorium sehe, und
den hundert älteren, mit denen ich jede Woche zusammenkomme, sich kaum
einer findet, der für diesen Haß und Abscheu gegen Katjas Vergangenheit
(weil sie nämlich ein uneheliches Kind gehabt hat) ein Verständnis
besäße; und gleichzeitig kann ich mich auf kein weibliches Wesen unter
den Frauen und jungen Mädchen meiner Bekanntschaft besinnen, das nicht,
sei es bewußt, sei es instinktiv, gegen eine solche Geschlechtsgenossin
von jenen Gefühlen des Hasses und Abscheus erfüllt wäre. Und das kommt
nicht etwa daher, daß die Frau keuscher und reiner ist als der Mann;
denn wenn Keuschheit und Reinheit mit solchen boshaften Gefühlen
verbunden sind, so sind sie nur wenig besser als das Laster. Sondern
ich erkläre mir das einfach aus der Rückständigkeit der Frau. Wenn der
heutige Mann beim Anblick eines solchen Unglücks ein wehmütiges Gefühl
des Mitleids empfindet und sein Gewissen ihn peinigt, so lassen mich
diese Empfindungen eher auf eine hohe Stufe der Kultur und Sittlichkeit
schließen als jener Haß und Abscheu. Das heutige Weib besitzt noch
dieselbe Neigung zum Weinen und dieselbe Härte des Herzens wie das Weib
des Mittelalters. Und meines Erachtens handeln diejenigen ganz richtig,
die den Frauen raten, ihrer Bildung dieselbe Richtung zu geben wie die
Männer.
Meine Frau kann Katja auch deswegen nicht leiden, weil sie
Schauspielerin gewesen ist, ferner wegen ihrer Undankbarkeit und wegen
ihres Stolzes und wegen ihres exzentrischen Benehmens und wegen all der
zahlreichen Laster, die eine Frau immer an einer andern herauszufinden
versteht.
Außer mir und meiner Familie pflegen bei uns noch zwei oder drei
Freundinnen meiner Tochter zu Mittag zu speisen, sowie ein Herr
Alexander Adolfowitsch Gnecker, ein Verehrer Lisas, der sich um
ihre Hand bewirbt. Er ist ein junger Mann, kaum dreißig Jahre alt,
blond, von mittlerer Statur, sehr wohlgenährt, breitschultrig, mit
einem rötlichen Backenbart an den Ohren und einem dunkelgefärbten
Schnurrbärtchen, das seinem vollen, glatten Gesichte das Aussehen
einer Spielzeugfigur verleiht. Er trägt ein sehr kurzes Jackett, eine
bunte Weste, großkarierte Beinkleider, die oben sehr weit und unten
sehr eng sind, und gelbe Halbstiefel ohne Absätze. Seine Augen stehen
hervor wie bei einem Krebse; die Krawatte hat mit einem Krebsschwanze
Ähnlichkeit, und es will mir sogar so vorkommen, als ob dieser ganze
junge Mensch nach Krebssuppe röche. Er ist bei uns täglich zu Besuch;
aber niemand in meiner Familie weiß, von welcher Herkunft er ist,
wo er seine Bildung genossen hat, und wo er die Mittel zum Leben
herbekommt. Er spielt kein Instrument und singt nicht, hat aber doch
eine gewisse Beziehung sowohl zur Instrumentalmusik als auch zum
Gesange; er verkauft irgendwo für irgend jemand Klaviere, hält sich oft
im Konservatorium auf, ist mit allen Berühmtheiten bekannt und hat bei
Konzerten allerlei zu arrangieren. Er urteilt über Musik mit großer
Bestimmtheit, und wie ich bemerkt habe, schließen sich alle seinem
Urteile willig an.
Wie reiche Leute immer ein paar Parasiten um sich haben, so ist es auch
mit der Wissenschaft und mit der Kunst. Es gibt wohl auf der Welt
keine Kunst oder Wissenschaft, die von Fremdkörpern, in der Art dieses
Herrn Gnecker, frei wäre. Ich bin kein Musiker und irre mich vielleicht
hinsichtlich dieses Herrn, den ich zudem nur wenig kenne; aber die
autoritative Würde, mit der er am Flügel steht und zuhört, wenn jemand
singt oder spielt, kommt mir gar zu verdächtig vor.
Man mag hundertmal ein Gentleman und Geheimrat sein, aber wenn man
eine Tochter hat, so kann man sich durch nichts vor dem Spießbürgertum
sichern, das einem durch die Courmacherei, den Heiratsantrag und die
Hochzeit ins Haus hineingetragen wird und einem die Stimmung verdirbt.
So kann ich mich z. B. schlechterdings nicht mit der feierlichen Miene
abfinden, die meine Frau jedesmal annimmt, wenn Herr Gnecker bei uns
sitzt, auch nicht mit den Flaschen Lafitte, Portwein und Sherry, die
nur seinetwegen auf den Tisch kommen, um ihn durch den Augenschein zu
überzeugen, wie behaglich und luxuriös wir leben. Ich kann auch Lisas
abgebrochenes Lachen nicht vertragen, das sie sich im Konservatorium
angewöhnt hat, und ihre Manier, die Augen zusammenzukneifen, wenn
Herren bei uns zu Besuch sind. Und vor allen Dingen kann ich absolut
nicht begreifen, warum da tagtäglich ein Mensch in mein Haus kommt
und mit mir zu Mittag speist, der zu meinen Gewohnheiten, zu meiner
Wissenschaft, zu meiner ganzen Lebensweise nicht im geringsten paßt
und mit denjenigen Menschen, die ich gern habe, nicht die geringste
Ähnlichkeit besitzt. Meine Frau und die Dienerschaft flüstern heimlich,
das sei »ein Freiersmann«; aber ich habe trotzdem kein Verständnis
für seine Anwesenheit; sie erregt bei mir eine solche Verwunderung,
als hätte sich ein Zulukaffer zu mir an den Tisch gesetzt. Und ebenso
seltsam kommt es mir vor, daß meine Tochter, die ich für ein Kind
anzusehen gewohnt bin, diese Krawatte und diese Augen und diese weichen
Backen liebt ...