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Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt.
Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
Buches.
ANTON TSCHECHOW
EINE LANGWEILIGE GESCHICHTE
Aus den Aufzeichnungen eines alten Mannes
[Illustration]
Aus dem Russischen
übertragen von H. Röhl
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Gedruckt bei Breitkopf & Härtel in Leipzig
I
Es lebt in Rußland ein hochverdienter Professor, namens Nikolai
Stepanowitsch *** (ich unterdrücke den Familiennamen), Geheimrat,
Ritter pp.; er besitzt so viele russische und ausländische Orden, daß,
wenn er Veranlassung hat sie anzulegen, die Studenten ihn mit der
bunten Bilderwand in der Kirche vergleichen. Sein Bekanntenkreis ist
ein höchst vornehmer; wenigstens hat es in den letzten fünfundzwanzig
bis dreißig Jahren in Rußland keinen berühmten Gelehrten gegeben, mit
dem er nicht näher bekannt gewesen wäre. Jetzt mag er sich mit niemand
mehr anfreunden; aber wenn von der Vergangenheit die Rede sein soll,
so schließen die lange Reihe seiner berühmten Freunde Männer wie
Pirogow, Kawelin und der Dichter Nekrasow, die ihm ihre aufrichtige,
warme Freundschaft schenkten. Er ist Ehrenmitglied aller russischen und
dreier ausländischen Universitäten, usw. usw. Alles dies und vieles,
was man noch hinzufügen könnte, bildet das, was man meinen Namen nennt.
Dieser mein Name erfreut sich einer großen Popularität. In Rußland
ist er jedem gebildeten Menschen bekannt, und im Auslande wird er auf
den Kathedern mit den Beiworten »der bekannte« und »der verehrte«
erwähnt. Er gehört zu jenen wenigen glücklichen Namen, die zu schmähen
oder leichtfertig in den Mund zu nehmen beim Publikum und bei der
Presse als schlechter Ton gilt. Und das ist auch nur in der Ordnung.
Ist doch mit meinem Namen der Begriff eines berühmten, reich begabten
und der Menschheit zweifellos nützlichen Mannes eng verbunden. Ich
bin arbeitsam und ausdauernd wie ein Kamel, was von Wichtigkeit
ist, und ich besitze Talent, was von noch größerer Wichtigkeit ist.
Außerdem bin ich, beiläufig gesagt, ein wohlerzogener, bescheidener,
ehrenhafter Mensch. Niemals habe ich meine Nase in Literatur und
Politik hineingesteckt, habe nie durch Polemik mit Unwissenden populär
zu werden gesucht, nie Reden bei Diners oder am Grabe von Kollegen
gehalten. Überhaupt haftet an meinem Gelehrtennamen kein Flecken, und
mein Name hat keinen Grund sich zu beklagen. Er ist glücklich.
Der Träger dieses Namens, also mein Ich, ist ein Mann von
zweiundsechzig Jahren, mit kahlem Kopfe, falschen Zähnen und einem
unheilbaren Gesichtsschmerz, einem ~tic~. So glänzend und schön
mein Name ist, ebenso trübselig und häßlich bin ich selbst. Kopf und
Hände zittern mir vor Schwäche; mein Hals hat, wie bei der Heldin
einer Turgenjewschen Erzählung, Ähnlichkeit mit dem Griffe eines
Kontrabasses; die Brust ist eingefallen, der Rücken schmal. Wenn ich
spreche oder Vorlesung halte, so zieht sich mein Mund schräg nach der
Seite hin; wenn ich lächle, so bedeckt sich mein ganzes Gesicht mit
greisenhaften, starren Runzeln. An meiner ganzen kläglichen Figur ist
nichts, was Interesse erwecken könnte; nur etwa wenn ich an meinem
Gesichtsschmerz krank bin, tritt bei mir ein gewisser besonderer
Ausdruck hervor, der wohl bei jedem, der mich ansieht, den ernsten,
bedeutsamen Gedanken hervorruft: »Wahrscheinlich wird dieser Mensch
bald sterben.«
Ich trage bei meinen Vorlesungen, wie früher, nicht schlecht vor;
wie in früheren Zeiten vermag ich die Aufmerksamkeit der Hörer zwei
Stunden lang zu fesseln. Über meiner Wärme für den Gegenstand, der
Klarheit der Erörterung und dem guten Humor, den ich dabei entwickele,
vergißt man fast die Mängel meiner Stimme, die trocken und scharf ist
und etwas Singendes hat, wie man es sonst bei Frömmlern findet. Das
Schreiben dagegen gelingt mir schlecht. Jener Teil meines Gehirnes,
der die schriftstellerische Fähigkeit dirigieren soll, versagt den
Dienst. Mein Gedächtnis ist schwach geworden, meinem Denken fehlt die
nötige Folgerichtigkeit, und sobald ich meine Gedanken auf das Papier
bringe, habe ich jedesmal die Empfindung, daß ich das Gefühl für ihre
organische Verknüpfung verloren habe; die Konstruktion ist eintönig,
die Ausgestaltung der Sätze gar zu bescheiden und ärmlich. Oft schreibe
ich gar nicht das, was ich eigentlich beabsichtige; wenn ich das Ende
schreibe, habe ich den Anfang nicht mehr im Kopfe. Oft kann ich mich
auf die gewöhnlichsten Ausdrücke nicht besinnen, und ich muß immer
erst große Energie aufwenden, um bei einem Schriftstück überflüssige
Redensarten und unnötige Eingangssätze zu vermeiden; beides zeugt
deutlich von einem Verfalle der geistigen Fähigkeiten. Und merkwürdig:
je einfacher das betreffende Schriftstück ist, um so qualvollere
Anstrengung kostet es mich. Bei der Abfassung eines wissenschaftlichen
Aufsatzes fühle ich mich weit freier und fähiger als bei einem
Gratulationsbriefe oder bei einem amtlichen Berichte. Noch eines: es
wird mir leichter, Deutsch oder Englisch zu schreiben als Russisch.
Was meine jetzige Lebensweise anlangt, so muß ich vor allem die
Schlaflosigkeit erwähnen, an der ich in der letzten Zeit leide.
Wenn mich jemand fragen wollte: »Was bildet jetzt den wichtigsten,
den fundamentalen Zug deines Daseins?« so müßte ich antworten: die
Schlaflosigkeit. Wie früher entkleide ich mich gewohnheitsmäßig
pünktlich um Mitternacht und lege mich ins Bett. Ich schlafe schnell
ein; aber zwischen eins und zwei wache ich auf, und zwar mit einem
Gefühle, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen. Ich muß aufstehen
und die Lampe anzünden. Eine oder zwei Stunden lang gehe ich dann
im Zimmer von einer Ecke nach der anderen und betrachte die mir
längst bekannten Bilder und Photographien. Wenn ich dieser Wanderung
überdrüssig werde, setze ich mich an meinen Schreibtisch. Ich sitze
unbeweglich, ohne etwas zu denken und ohne irgendwelchen Wunsch zu
empfinden; liegt ein Buch vor mir, so ziehe ich es mechanisch zu mir
heran und lese ohne alles Interesse. So habe ich neulich in einer
einzigen Nacht mechanisch einen ganzen Roman mit dem sonderbaren
Titel: »Was die Schwalbe sang« durchgelesen. Oder aber ich zwinge
mich, um meinen Geist zu beschäftigen, bis tausend zu zählen, oder
ich vergegenwärtige mir das Gesicht irgendeines meiner Kollegen und
suche mich zu besinnen, in welchem Jahre und unter welchen Umständen
er ins Amt getreten ist. Gern horche ich auch auf allerlei Geräusche.
Bald redet zwei Zimmer von mir entfernt meine Tochter Lisa hastig
etwas im Traume vor sich hin; bald geht meine Frau mit einer Kerze
durch den Saal und läßt unfehlbar das Streichholzschächtelchen auf den
Boden fallen; bald knackt ein zusammentrocknender Schrank, oder der
Brenner an meiner Lampe beginnt unerwartet zu summen, -- und alle diese
Geräusche haben, ich weiß nicht warum, für mich etwas Aufregendes.
Wenn man in der Nacht nicht schläft, so ist man sich dabei jeden
Augenblick bewußt, daß man sich nicht in normalem Zustande befindet,
und daher warte ich mit Ungeduld auf den Morgen und den Tag, wo ich
ein Recht habe nicht zu schlafen. Aber es vergeht viel qualvolle
Zeit, bis auf dem Hofe der Hahn zu krähen beginnt. Dies ist mein
erster Freudenbote. Sobald er kräht, weiß ich, daß nun in einer Stunde
unten der Portier aufwachen und, ärgerlich hustend, zu irgendwelcher
Verrichtung die Treppe heraufkommen wird. Und dann wird es draußen vor
den Fenstern allmählich heller werden, auf der Straße werden Stimmen
laut werden usw.
Der Tag beginnt bei mir mit dem Eintreten meiner Frau. Sie kommt zu
mir ins Zimmer im Unterrock, unfrisiert, aber bereits gewaschen und
nach Eau de Cologne duftend. Sie macht ein Gesicht, als käme sie nur so
zufällig herein, und sagt jedesmal ein und dasselbe:
»Entschuldige, ich wollte nur einen Augenblick ... Hast du wieder nicht
geschlafen?«
Dann löscht sie die Lampe aus, setzt sich an den Tisch und beginnt
zu reden. Obwohl ich kein Prophet bin, weiß ich im voraus, wovon sie
sprechen wird. Es ist jeden Morgen dasselbe. Nachdem sie sich besorgt
nach meinem Befinden erkundigt hat, fällt ihr gewöhnlich auf einmal
unser Sohn ein, der als Offizier in Warschau steht. Am zwanzigsten
jedes Monats schicken wir ihm fünfzig Rubel hin, und das dient nun als
hauptsächlichstes Thema unseres Gespräches.
»Es fällt uns ja freilich schwer,« sagt meine Frau seufzend, »aber
solange er noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann, ist es doch unsere
Pflicht, ihn zu unterstützen. Der Junge wohnt an einem fremden Orte,
und sein Gehalt ist nur klein ... Indessen, wenn du willst, können wir
ihm ja im nächsten Monat statt fünfzig nur vierzig Rubel schicken. Was
meinst du?«
Aus der täglichen Erfahrung könnte meine Frau lernen, daß Ausgaben
dadurch nicht kleiner werden, daß man oft von ihnen spricht; aber meine
Frau läßt die Erfahrung nicht gelten und unterhält mich pünktlich jeden
Morgen von unserem Offizier und davon, daß das Brot Gott sei Dank
billiger geworden sei, der Zucker aber leider zwei Kopeken teurer, --
und alles das in einem Tone, als ob sie mir eine Neuigkeit mitteilte.
Ich höre zu und äußere mechanisch meine Beistimmung; aber
wahrscheinlich infolge der schlaflosen Nacht kommen mir sonderbare,
unnütze Gedanken. Ich sehe meine Frau an und wundere mich wie ein
Kind. Verständnislos frage ich mich: ist diese alte, sehr korpulente,
plumpe Frau mit dem stumpfen Ausdruck kleinlicher Sorge und Angst um
das tägliche Brot, mit diesem von steten Gedanken an Schulden und Not
verschleierten Blicke, diese Frau, die von weiter nichts zu reden weiß
als von Ausgaben, und der nur die Wohlfeilheit der Lebensmittel ein
Lächeln entlockt, ist diese Frau wirklich einmal jene schlanke Warja
gewesen, in die ich mich leidenschaftlich verliebte wegen ihres guten,
klaren Verstandes, wegen ihrer reinen Seele, wegen ihrer Schönheit
und, wie Othello in Desdemona, wegen ihres »Mitleides« mit meiner
Wissenschaft? Ist diese Frau wirklich jene meine Warja, die mir einst
einen Sohn gebar?
Ich blicke der fetten, plumpen alten Frau forschend in das Gesicht und
suche in ihr meine Warja; aber von ihrem gesamten früheren Wesen ist
nur die Angst um meine Gesundheit bestehen geblieben, und dann noch
ihre wunderliche Art, mein Gehalt »unser Gehalt« zu nennen und meine
Mütze »unsere Mütze«. Es ist mir schmerzlich, sie anzusehen, und um ihr
wenigstens eine kleine Liebe anzutun, lasse ich sie sprechen, was sie
mag, und schweige sogar still, wenn sie über andere Menschen ungerecht
urteilt oder mir Vorwürfe macht, weil ich keine Praxis ausübe und keine
Lehrbücher herausgebe.
Unser Gespräch endet immer auf die gleiche Weise. Meiner Frau fällt zu
ihrem Schrecken plötzlich ein, daß ich noch keinen Tee getrunken habe.
»Was sitze ich hier?« sagt sie, sich erhebend. »Der Samowar steht
längst auf dem Tische, und ich plaudere hier. Wie gedankenlos ich
geworden bin, o Gott!«
Sie geht schnell zur Tür, bleibt aber dort stehen, um zu sagen:
»Wir sind Jegor noch seinen Lohn für fünf Monate schuldig. Du weißt es
doch? Man darf mit der Lohnzahlung an die Dienstboten nicht nachlässig
sein, das habe ich dir doch schon wer weiß wie oft gesagt! Zehn Rubel
jeden Monat zu bezahlen ist viel leichter als fünfzig mit einem Mal für
fünf Monate.«
Wenn sie aus der Tür hinaus ist, bleibt sie wieder stehen und sagt:
»Niemand tut mir so leid wie unsere arme Lisa. Das Kind besucht doch
das Konservatorium und verkehrt stets in guter Gesellschaft; aber
dabei ist ihre Toilette so kümmerlich. Ihr Pelz befindet sich in
einem solchen Zustande, daß sie sich schämen muß, sich damit auf der
Straße zu zeigen. Wäre sie aus anderer Familie, dann käme es ja nicht
darauf an; aber so wissen doch alle Leute, daß ihr Vater ein berühmter
Professor und Geheimrat ist!«
Nachdem sie mir so meinen Ruf und Stand zum Vorwurfe gemacht hat, geht
sie endlich fort. Auf diese Weise beginnt mein Tag. Und der weitere
Verlauf ist nicht besser.
Während ich Tee trinke, kommt meine Tochter Lisa zu mir ins Zimmer,
in Pelz und Mützchen, die Notenmappe am Arm, völlig fertig, um ins
Konservatorium zu gehen. Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt. Nach ihrem
Äußeren würde man sie für jünger halten; sie ist recht hübsch und hat
einige Ähnlichkeit mit meiner Frau, wie diese in ihrer Jugend aussah.
Sie küßt mir zärtlich die Schläfe und die Hand und sagt:
»Guten Morgen, Papachen. Fühlst du dich wohl?«
Als sie noch ein Kind war, aß sie sehr gern Gefrorenes, und ich
mußte sie oft in die Konditorei führen. Eis war ihr der Maßstab
für alles Schöne. Wenn sie mich loben wollte, so sagte sie: »Du
bist von Sahneneis, Papa.« Von ihren Fingerchen hieß eines das
Pistazienfingerchen, das andere das Sahnenfingerchen, das dritte das
Himbeerfingerchen usw. Wenn sie morgens zu mir kam, um mir Guten Tag
zu sagen, setzte ich sie gewöhnlich auf meinen Schoß, küßte ihre
Fingerchen und sagte dabei:
»Sahnenfingerchen, Pistazienfingerchen, Zitronenfingerchen ...«
Auch jetzt küsse ich aus alter Gewohnheit Lisas Finger und murmele:
»Pistazienfingerchen, Sahnenfingerchen, Zitronenfingerchen ...«; aber
es hat nicht mehr den richtigen Klang. Ich bin kalt dabei, und darüber
schäme ich mich. Wenn meine Tochter zu mir hereinkommt und mit den
Lippen meine Schläfe berührt, so zucke ich zusammen, wie wenn mich eine
Biene in die Schläfe stäche, lächle gezwungen und wende mein Gesicht
ab. Seit ich an Schlaflosigkeit leide, bohrt in meinem Gehirn ein
bestimmter Gedanke herum: meine Tochter sieht oft, daß ich, ein alter
Mann, ein berühmter Professor, peinlich erröte, weil ich dem Diener
Geld schulde; sie sieht, daß die Sorge um kleine Schulden mich oft
zwingt, die Arbeit hinzuwerfen, ganze Stunden lang von einer Ecke nach
der andern zu gehen und nachzudenken; aber warum ist sie nie hinter dem
Rücken ihrer Mutter zu mir gekommen und hat mir zugeflüstert: »Vater,
da sind meine Armbänder, meine Uhr, meine Ohrringe, meine Kleider. Trag
das alles ins Leihhaus, wenn du Geld brauchst!«? Sie sieht doch, daß
wir, ihre Mutter und ich, aus einem falschen Schamgefühle den Leuten
unsere Armut zu verbergen suchen; warum verzichtet sie da nicht auf das
kostspielige Vergnügen, Musik zu studieren? Annehmen würde ich ja weder
die Uhr noch die Armbänder noch sonstige Opfer, Gott behüte; das liegt
nicht in meinen Wünschen.
Dabei denke ich dann auch an meinen Sohn, den Warschauer Offizier. Er
ist ein verständiger, ehrenhafter, nüchterner Mensch. Aber mir genügt
das nicht. Ich meine, wenn ich einen alten Vater hätte und wüßte, daß
bei ihm Augenblicke vorkommen, wo er sich seiner Armut schämt, dann
würde ich meine Offizierstelle jemand anders überlassen und selbst
eine Erwerbstätigkeit ergreifen. Solche Gedanken über meine Kinder
vergiften mir meine Seele. Was haben solche Gedanken für Zweck? Gegen
Menschen gewöhnlichen Schlages nur deshalb ein böses Gefühl hegen, weil
sie keine Helden sind, das kann nur ein engherziger oder verbitterter
Mensch. Aber genug davon.
Um dreiviertel zehn muß ich zu meinen lieben Studenten gehen, um ihnen
eine Vorlesung zu halten. Ich kleide mich an und wandere auf dem Wege
hin, der mir schon seit dreißig Jahren bekannt ist und für mich seine
Geschichte hat. Hier steht ein großes, graues Haus mit einer Apotheke;
da stand ehemals ein kleines Häuschen, und darin befand sich ein
Bierlokal; in diesem Bierlokale überlegte ich meine Dissertation und
schrieb ich meinen ersten Liebesbrief an Warja. Ich schrieb ihn mit
Bleistift auf einen Bogen mit dem Kopfdruck: ~Historia morbi~. Da ist
ein kleiner Viktualienladen; einstmals gehörte er einem Juden, der
mir Zigaretten auf Kredit verkaufte, dann einer dicken Frau, die alle
Studenten in ihr Herz geschlossen hatte, weil doch jeder von ihnen
eine Mutter habe; jetzt sitzt ein rothaariger Kaufmann darin, ein sehr
gleichmütiger Mensch, der aus einer kupfernen Kanne Tee trinkt. Und da
ist ja auch schon das seit langer Zeit nicht renovierte Universitätstor
und der sich langweilende Hausknecht in seinem Schafpelz und ein paar
Besen und große Schneehaufen. Auf einen frischen jungen Menschen,
der aus der Provinz kommt und die Vorstellung mitbringt, der Tempel
der Wissenschaft werde auch in seiner äußeren Erscheinung ein Tempel
sein, kann ein solches Tor keinen guten Eindruck machen. Überhaupt muß
man sagen: die Baufälligkeit der Universitätsgebäude, die Dunkelheit
der Korridore, die verstaubten, verräucherten Wände, der Mangel an
Licht, das klägliche Aussehen der Stufen, der Kleiderhaken und der
Bänke, dies alles nimmt in der Geschichte des russischen Pessimismus
einen der ersten Plätze unter den prädisponierenden Ursachen ein. Da
ist auch unser Universitätsgarten. Seit meiner eigenen Studentenzeit
ist er, wie ich glaube, nicht besser und nicht schlechter geworden.
Ich kann ihn nicht leiden. Es wäre weit verständiger, wenn statt
der schwindsüchtigen Linden, der gelblichgrünen Akazien und des
dürftigen, beschnittenen Flieders dort hohe Fichten und kräftige Eichen
wüchsen. Der Student, dessen Stimmung meist durch seine Umgebung stark
beeinflußt wird, muß da, wo er studiert, auf Schritt und Tritt nur
Hohes, Kräftiges und Schönes sehen. Bewahre ihn Gott vor dem Anblick
dürrer Bäume, zerbrochener Fensterscheiben, grau gewordener Wände und
mit zerrissenem Wachstuch beschlagener Türen!
Wenn ich mich derjenigen Tür des Universitätsgebäudes nähere, die zu
meinen Räumen führt, so öffnet sie sich, und es begrüßt mich mein
langjähriger Dienstgenosse, Altersgenosse und Namensvetter, der Portier
Nikolai. Nachdem er mich eingelassen hat, räuspert er sich und sagt:
»Es ist kalt heute, Euer Exzellenz!«
Oder wenn mein Pelz naß ist, bemerkt er:
»Es regnet heute, Euer Exzellenz!«
Darauf läuft er vor mir her und öffnet auf meinem Wege alle Türen. In
meinem Arbeitszimmer nimmt er mir behutsam den Pelz ab und teilt mir
gleichzeitig schleunigst irgendeine Universitätsneuigkeit mit. Dank
der nahen Bekanntschaft, die zwischen allen Universitätsportiers und
-pedellen besteht, weiß er alles, was in den vier Fakultäten, in der
Kanzlei, im Arbeitszimmer des Rektors und in der Bibliothek vorgeht.
Was bliebe ihm unbekannt? Zu Zeiten, wo bei uns z. B. der Rücktritt
des Rektors oder eines Dekanes die brennende Tagesfrage bildet, höre
ich manchmal, wie er im Gespräche mit jüngeren Pedellen die Kandidaten
aufzählt und zugleich erläuternd bemerkt, den und den werde der
Minister nicht bestätigen, der und der werde selbst verzichten, und wie
er sich dann in phantastischen Einzelheiten ergeht über geheimnisvolle
Schriftstücke, die in der Kanzlei eingegangen seien, über eine geheime
Unterredung zwischen dem Minister und dem Kurator usw. Sieht man von
diesen Einzelheiten ab, so erweist sich, daß er im allgemeinen fast
immer recht hat. Die Charakteristiken, die er von einem jeden der
Kandidaten gibt, sind originell, aber gleichfalls zutreffend. Wer
etwa zu erfahren wünscht, in welchem Jahre jemand seine Dissertation
verteidigt hat, ins Amt getreten ist, sich hat pensionieren lassen oder
gestorben ist, der rufe das gewaltige Gedächtnis dieses ehemaligen
Soldaten zu Hilfe; dieser wird nicht nur das Jahr, den Monat und den
Tag angeben, sondern auch über die näheren Umstände Mitteilung machen,
die das eine oder andere Ereignis begleitet haben. So sich erinnern
kann nur, wer mit dem Herzen dabei ist.
Er ist der Hüter der Universitätstradition. Von seinen Vorgängern im
Portieramt hat er viele Legenden aus dem Universitätsleben geerbt; zu
diesem Schatze hat er dann viel eigenes Gut hinzugefügt, das er in
seiner Dienstzeit erworben hat, und wenn jemand ein Verlangen danach
äußert, so erzählt er ihm eine Menge langer und kurzer Geschichten. Er
kann von außerordentlich klugen Männern erzählen, die »alles wußten«,
von merkwürdig arbeitsfähigen Professoren, die ganze Wochen lang nicht
schliefen, von zahlreichen Märtyrern und Opfern der Wissenschaft;
das Gute triumphiert in seinen Erzählungen immer über das Böse, der
Schwache besiegt den Starken, der Kluge den Dummen, der Bescheidene den
Stolzen, der Junge den Alten. Man braucht ja nicht gerade alle diese
Legenden und Erdichtungen für bare Münze zu nehmen; aber man filtriere
sie, und es wird als Rückstand etwas Brauchbares auf dem Filter
bleiben: unsere guten Traditionen und die Namen wahrer, allgemein
anerkannter Geistesheroen.
Was man in der sogenannten besseren Gesellschaft unserer Stadt
über die Welt der Gelehrten weiß, das sind lediglich Anekdoten
über außergewöhnliche Zerstreutheit alter Professoren, sowie zwei
oder drei Witze, die bald auf Gruber, bald auf mich, bald auf
Babuchin zurückgeführt werden. Für die gebildete Gesellschaft ist
das eigentlich etwas wenig. Wenn diese Kreise die Wissenschaft, die
Gelehrten und die Studenten so liebten, wie es Nikolai tut, so würde
die hiesige Literatur schon längst ganze Heldengedichte, Erzählungen
und Biographien aus diesem Gebiete besitzen, deren sie jetzt leider
ermangelt.
Nachdem Nikolai mir seine Neuigkeit mitgeteilt hat, nimmt sein Gesicht
einen sehr ernsten Ausdruck an, und es entspinnt sich zwischen uns ein
fachmännisches Gespräch. Wenn ein Fremder dabei mit anhörte, wie flott
Nikolai die Terminologie handhabt, so könnte er vielleicht gar denken,
das sei ein als Portier maskierter Gelehrter. Aber beiläufig gesagt:
die Gerüchte über die Gelehrsamkeit der Universitätsunterbeamten sind
stark übertrieben. Allerdings kennt Nikolai über hundert lateinische
Benennungen, versteht sich darauf, ein Skelett zusammenzufügen,
unter Umständen auch ein Präparat herzustellen, die Studenten durch
irgendein langes, gelehrtes Zitat zum Lachen zu bringen; aber z. B. die
so einfache Lehre vom Blutumlaufe ist ihm jetzt noch ebenso dunkel wie
vor zwanzig Jahren.
An einem Tische in meinem Arbeitszimmer sitzt, tief über ein Buch
oder ein Präparat gebeugt, mein Prosektor Peter Ignatjewitsch, ein
fleißiger, bescheidener, aber talentloser Mensch, etwa fünfunddreißig
Jahre alt, aber schon kahlköpfig und dickbäuchig. Arbeiten tut er
vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein; er liest eine große Menge
und hat für alles Gelesene ein vorzügliches Gedächtnis. In dieser
Hinsicht ist er Goldes wert; aber im übrigen ist er ein Lastpferd
oder, wie man sich auch auszudrücken pflegt, ein gelehrter Dummkopf.
Die charakteristischen Merkmale des Lastpferdes, durch die dieses
sich von einem talentvollen Manne unterscheidet, sind folgende:
sein Gesichtskreis ist eng und scharf begrenzt, da er eben nur ein
Spezialfach umfaßt; außerhalb seines Spezialfaches ist ein solcher Mann
naiv wie ein Kind. Ich erinnere mich, daß ich eines Morgens in das
Arbeitszimmer hereinkam und sagte:
»Denken Sie sich, dieses Unglück! Es heißt, Skobelew sei gestorben.«
Nikolai bekreuzte sich, Peter Ignatjewitsch aber sah mich an und fragte:
»Was für ein Skobelew?«
Ein andermal (es war etwas früher) teilte ich ihm mit, daß Professor
Perow gestorben sei. Der gute Peter Ignatjewitsch fragte:
»Worüber hat er denn gelesen?«
Und wenn dicht vor seinen Ohren die Patti zu singen anfinge, wenn
Chinesenhorden über Rußland herfielen, wenn ein Erdbeben stattfände,
so würde er vermutlich kein Glied rühren und seelenruhig mit
zusammengekniffenem Auge in sein Mikroskop hineinsehen. Mit einem
Worte: was kümmert ihn Hekuba? Ich würde viel darum geben, einmal zu
sehen, wie dieser trockene Stock bei seiner Frau schläft.
Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer
Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich alles
dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen zu
sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner Überzeugung
den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts von jenen
Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle Männer graue Haare
bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt vor Autoritäten; das
Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er nicht. Ihn zu einer andern
Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm zu disputieren unmöglich. Man
disputiere einmal mit einem Menschen, der fest überzeugt ist, die
beste Wissenschaft sei die Medizin, die besten Menschen die Ärzte, die
besten Traditionen die medizinischen. In Wirklichkeit hat sich von der
recht üblen Vergangenheit der Medizin nur ein einziger traditioneller
Brauch erhalten: die weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen,
und für einen Gelehrten und überhaupt für einen Gebildeten gibt
es nur allgemein akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in
medizinische, juristische usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich
nicht entschließen, das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders
Gesinnten darüber bis zum Jüngsten Tage zu debattieren.
Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe seines
ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate
anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben, etwa ein
Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das Pulver wird er
nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie, Erfindungsgabe,
Kombinationssinn, und von solchen Dingen besitzt Peter Ignatjewitsch
nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft nicht ein Hausherr, sondern
ein Arbeitsmann.
Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut
miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch
ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür die
Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig Jahren
habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde es jeden
Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den Rock zu, richte an
Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über mich selbst. Es sieht
ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist nicht Feigheit, sondern
etwas anderes, was ich weder zu benennen noch zu beschreiben imstande
bin.
Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage:
»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.«
Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai mit
den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich, und hinter
mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd; oder aber
es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre ein Leichnam
getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei meinem Erscheinen
stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich wieder, und das Getöse
des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt Windstille ein.
Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie
ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In meinem
Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich brauche
nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch gebaut) und
die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung sind wir bei ...
stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die Sätze in langer Reihe aus
meinem Innern herausgeströmt, und nun bin ich im Zuge! Ich rede mit
unaufhaltsamer Schnelligkeit und großer Wärme, und man möchte glauben,
daß es keine Gewalt gebe, die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte.
Um gut vorzutragen, d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt
wird und sie Nutzen davon haben, muß man außer dem Talente auch noch
eine gewisse Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare
Vorstellung von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer
und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß man ein
energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf keinen Teil des
Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den Augen verlieren.
Ein guter Kapellmeister verrichtet, wenn er den Gedanken eines
Komponisten zu Gehör bringt, zwanzig verschiedene Dinge zu gleicher
Zeit: er liest die Partitur, schwingt den Taktstock, beobachtet den
Sänger, macht eine Bewegung zur Seite hin bald nach der Trommel, bald
nach dem Waldhorn usw. Ebenso mache auch ich es, wenn ich vortrage. Vor
mir habe ich hundertfünfzig Gesichter, von denen keines dem anderen
ähnlich ist, und dreihundert Augen, die mir gerade ins Gesicht schauen.
Mein Ziel ist, diese vielköpfige Hydra zu besiegen. Wenn ich während
meines Vortrages in jedem Augenblicke eine klare Vorstellung von dem
Grade der Aufmerksamkeit und des Verständnisses meiner Zuhörer habe,
dann sind diese in meiner Gewalt. Ein anderer Gegner steckt in mir
selbst. Dies ist die endlose Mannigfaltigkeit der Formen, Erscheinungen
und Gesetze und die dadurch bedingte Fülle eigener und fremder
Gedanken. In jedem Augenblick muß ich die Geschicklichkeit besitzen,
aus diesem gewaltigen Material das Wichtigste und Notwendigste
herauszugreifen und ebenso schnell, wie meine Rede dahinfließt, meine
Gedanken in eine solche Form zu kleiden, daß sie dem Verständnis der
vielköpfigen Zuhörerschaft angemessen ist und deren Interesse erwecken
kann, wobei genau darauf zu achten ist, daß die Gedanken nicht so, wie
sie sich angehäuft haben, sondern in einer gewissen Ordnung übermittelt
werden, die zu einer regelrechten Komposition des Gemäldes, das ich
entwerfen will, unerläßlich ist. Ferner gebe ich mir Mühe, dafür zu
sorgen, daß mein Vortrag sprachlich korrekt, die Definitionen kurz und
bestimmt, der Satzbau möglichst einfach und schön sei. Jeden Augenblick
muß ich mich selbst zügeln und mir ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich
nur eine Stunde und vierzig Minuten zur Verfügung habe. Kurz, es ist
genug zu tun. Ich muß mich gleichzeitig als Gelehrter, als Pädagog und
als Redner betätigen, und es wäre ein schlimmes Ding, wenn der Redner
in mir über den Pädagogen und Gelehrten den Sieg davontrüge, oder
umgekehrt.
Man trägt eine Viertelstunde, eine halbe Stunde vor, und da
bemerkt man, daß die Studenten nach der Zimmerdecke und nach Peter
Ignatjewitsch zu blicken anfangen, und daß einer sein Taschentuch
hervorholt, ein anderer sich bequemer hinsetzt, ein dritter über
seine eigenen Gedanken lächelt. Das sind Anzeichen dafür, daß die
Aufmerksamkeit müde und stumpf wird. Dagegen müssen Maßregeln ergriffen
werden. Ich benutze die erste geeignete Gelegenheit, um irgendein
Späßchen anzubringen. Alle hundertfünfzig Gesichter verziehen sich zu
einem breiten Lächeln, die Augen leuchten vergnügt auf, das Brausen des
Meeres läßt sich für kurze Zeit wieder vernehmen. Ich lache ebenfalls.
Die Aufmerksamkeit ist wieder angefrischt, und ich kann fortfahren.
Kein Sport, keine Zerstreuungen und Spiele haben mir jemals einen
solchen Genuß gewährt wie das Halten von Vorlesungen. Nur bei den
Vorlesungen konnte ich mich ganz meinem Affekte überlassen und
verstand, daß die Eingebung nicht eine Erfindung der Dichter ist,
sondern tatsächlich existiert. Und ich glaube, Herkules hat nach der
großartigsten seiner Heldentaten nicht eine so wonnige Ermattung
empfunden, wie ich sie jedesmal nach einer Vorlesung durchmachte.
So war das früher. Jetzt dagegen empfinde ich bei den Vorlesungen nur
Qual. Es vergeht keine halbe Stunde, so beginne ich in den Beinen und
Schultern eine unüberwindliche Schwäche zu fühlen; ich setze mich auf
den Stuhl; aber im Sitzen vorzutragen ist mir ungewohnt; eine Minute
darauf stehe ich wieder auf und fahre stehend fort; dann setze ich mich
von neuem hin. Die Mundhöhle wird mir trocken, die Stimme heiser, der
Kopf schwindlig. Um den Zuhörern meinen Zustand zu verbergen, trinke
ich öfters Wasser, huste, schneuze mich oft, als ob mir ein Schnupfen
lästig wäre, mache an unpassenden Stellen Späße und schließe zuletzt
die Vorlesung früher, als es in der Ordnung ist. Aber hauptsächlich
schäme ich mich.
Gewissen und Verstand sagen mir, daß das Beste, was ich jetzt tun
könnte, wäre: den Studenten eine Abschiedsvorlesung zu halten, ihnen
Lebewohl zu sagen, ihnen alles Gute für ihren weiteren Lebensweg zu
wünschen und meinen Platz jemandem abzutreten, der jünger und kräftiger
ist als ich. Aber Gott möge mich richten: es fehlt mir der Mut, so
zu handeln, wie mich mein Gewissen handeln heißt. Unglücklicherweise
bin ich weder ein Philosoph noch ein Theologe. Ich weiß ganz genau,
daß ich nicht mehr länger als ein halbes Jahr leben werde; man sollte
nun meinen, jetzt müßten mich vor allem die Fragen nach den Visionen,
die meinen Schlaf im Grabe vielleicht heimsuchen werden, und nach dem
dunklen Dasein im Jenseits beschäftigen. Aber merkwürdigerweise will
meine Seele von diesen Fragen nichts wissen, obwohl der Verstand die
hohe Wichtigkeit derselben anerkennt. Wie vor zwanzig bis dreißig
Jahren, so interessiert mich auch jetzt vor dem Tode ausschließlich
die Wissenschaft. Wenn ich meinen letzten Seufzer ausstoße, so werde
ich doch noch an dem Glauben festhalten, daß die Wissenschaft das
Wichtigste, Schönste und Notwendigste im Leben ist, daß sie immer die
höchste Offenbarung der Liebe gewesen ist und sein wird, und daß nur
durch sie der Mensch die Natur und sich selbst besiegen kann. Dieser
Glaube ist vielleicht naiv und mangelhaft begründet; aber ich kann
nichts dafür, daß ich diesen Glauben habe und keinen andern; und diesen
Glauben in mir zu zerstören, dazu bin ich außerstande.
Aber darum handelt es sich nicht. Ich bitte nur, man wolle meine
Schwäche nachsichtig beurteilen und es sich klar machen, daß, wenn
man einen Menschen, den die Veränderungen des Knochenmarkes mehr
interessieren als das Endziel des Weltgebäudes, von seinem Katheder
und von seinen Schülern wegreißt, dies dasselbe bedeutet, wie wenn
man, ohne zu warten, bis er gestorben ist, ihn in einen Sarg legen und
diesen zunageln wollte.
Infolge der Schlaflosigkeit und des anstrengenden Kampfes mit der
zunehmenden Schwäche begegnet mir etwas ganz Seltsames. Mitten in der
Vorlesung steigen mir plötzlich die Tränen in die Kehle, die Augen
fangen mir an zu jucken, und ich empfinde den leidenschaftlichen,
hysterischen Wunsch, die Arme nach vorn zu strecken und laut zu
klagen. Ich möchte es laut hinausschreien, daß das Schicksal mich, den
berühmten Mann, zum Tode verurteilt hat, daß nach ungefähr einem halben
Jahre hier in diesem Auditorium schon ein anderer walten wird. Ich
möchte es hinausschreien, daß ich vergiftet bin; neue Gedanken, die ich
früher nicht gekannt habe, haben meine letzten Lebenstage vergiftet und
stechen fortdauernd mein Gehirn wie Moskitos. Und meine Lage erscheint
mir bei solchen Anfällen so furchtbar, daß ich wünsche, alle meine
Hörer möchten einen entsetzlichen Schreck bekommen, von ihren Plätzen
aufspringen und in panischer Angst mit verzweifeltem Geschrei zum
Ausgang hinstürzen.
Es ist nicht leicht, solche Augenblicke zu durchleben.
II
Nach der Vorlesung sitze ich bei mir zu Hause und arbeite. Ich lese
Zeitschriften und Dissertationen oder bereite mich auf die folgende
Vorlesung vor; manchmal schreibe ich auch etwas. Ich arbeite mit
Unterbrechungen, da ich dabei Besucher empfangen muß.
Die Klingel ertönt. Ein Kollege ist gekommen, um mit mir etwas
Geschäftliches zu besprechen. Er tritt mit Hut und Stock in mein
Zimmer, streckt mir in jeder Hand einen dieser Gegenstände entgegen und
sagt:
»Ich komme nur auf einen Augenblick, nur auf einen Augenblick! Bleiben
Sie sitzen, Kollege! Nur zwei Worte!«
Zunächst suchen wir einander zu zeigen, daß wir beide außerordentlich
höfliche Menschen und beide sehr erfreut sind, einander zu sehen.
Ich nötige ihn in einen Lehnsessel, und er sucht mich zum Sitzen zu
veranlassen; dabei streicheln wir uns wechselseitig behutsam an der
Rocktaille und berühren die Knöpfe des andern; es sieht so aus, als ob
wir einander betasteten, uns aber hierbei zu verbrennen fürchteten.
Wir lachen beide, obwohl wir nichts Lächerliches sagen. Nachdem wir
zum Sitzen gekommen sind, beugen wir uns mit den Köpfen zueinander und
beginnen halblaut zu reden. Mögen wir einander auch noch so freundlich
gesinnt sein, es ist dennoch unumgänglich nötig, daß wir unsere
Reden mit allerlei chinesischen Phrasen vergolden, als da sind: »Sie
beliebten sehr richtig zu bemerken«, oder: »Wie ich schon die Ehre
hatte Ihnen zu sagen«, und es ist unumgänglich nötig, daß wir lachen,
wenn einer von uns einen Witz macht, mag er auch noch so geringwertig
sein. Nach Beendigung des geschäftlichen Gespräches steht der Kollege
mit einer hastigen Bewegung auf, weist mit seinem Hute nach meiner
Arbeit hin und beginnt sich zu empfehlen. Wieder betasten wir uns
gegenseitig und lachen dabei. Ich begleite ihn bis ins Vorzimmer; hier
bin ich meinem Kollegen beim Anziehen des Pelzes behilflich; aber er
wehrt sich in jeder Weise gegen diese hohe Ehre. Wenn dann Jegor die
Tür öffnet, versichert mir der Kollege, ich würde mich erkälten; ich
aber tue, als hätte ich vor, sogar bis auf die Straße hinter ihm her zu
gehen. Und wenn ich dann endlich in mein Arbeitszimmer zurückkehre, so
fährt mein Gesicht, wohl infolge des Beharrungsvermögens, immer noch
fort zu lächeln.
Nach einem Weilchen klingelt es wieder. Es tritt jemand ins Vorzimmer,
zieht sich lange aus und hustet. Jegor meldet, es sei ein Student
da. Ich sage: »Ich lasse bitten.« Einen Augenblick darauf tritt ein
junger Mensch von angenehmem Äußern in mein Zimmer. Schon seit einem
Jahre stehen wir beide miteinander auf gespanntem Fuße: er gibt bei
mir im Examen abscheulich schlechte Antworten, und ich erteile ihm das
Prädikat Nicht genügend. Solcher jungen Leute, die ich, um studentisch
zu reden, durchplumpsen oder durchrasseln lasse, sammeln sich bei
mir im Laufe eines Jahres ungefähr sieben Stück an. Diejenigen unter
ihnen, die das Examen wegen Unfähigkeit oder wegen Krankheit nicht
bestehen, tragen ihr Kreuz gewöhnlich mit Geduld und machen nicht den
Versuch, mich umzustimmen; dagegen neigen die Sanguiniker dazu, zu
mir ins Haus zu kommen und mit mir zu feilschen und zu handeln; das
sind leichtlebige Naturen, denen die Nötigung, das Examen noch einmal
abzulegen, den Appetit verdirbt und an regelmäßigem Besuche der Oper
hinderlich ist. Den ersteren gegenüber übe ich gern Nachsicht; aber die
zweite Sorte lasse ich ein ganzes Jahr lang durchfallen.
»Nehmen Sie Platz,« sage ich zu dem Besucher. »Was bringen Sie?«
»Entschuldigen Sie die Störung, Herr Professor,« beginnt er stotternd
und ohne mir ins Gesicht zu sehen. »Ich hätte nicht gewagt, Sie zu
belästigen, wenn ich nicht ... Ich habe bei Ihnen schon fünfmal das
Examen gemacht und ... und bin durchgefallen. Ich bitte Sie inständig,
haben Sie die Güte und geben Sie mir Genügend; denn ...«
Die Begründung, die alle Faulpelze zu ihren Gunsten vorbringen, ist
immer ein und dieselbe: sie hätten das Examen in allen Fächern sehr
gut bestanden, nur in meinem seien sie durchgefallen, und dies sei um
so erstaunlicher, da sie gerade in meinem Fache immer sehr fleißig
studiert hätten und gut darin Bescheid wüßten; sie seien nur infolge
irgendeines unbegreiflichen Mißverständnisses durchgefallen.
»Entschuldigen Sie, lieber Freund,« sage ich zu dem Besucher, »genügend
kann ich Ihnen nicht geben. Repetieren Sie noch ein bißchen, und kommen
Sie dann wieder! Dann wollen wir sehen.«
Es tritt in dem Gespräche eine Pause ein. Es reizt mich, den Studenten
ein bißchen zu quälen, zur Strafe dafür, daß er das Bier und die Oper
mehr liebt als die Wissenschaft, und ich sage mit einem Seufzer:
»Meiner Ansicht nach ist das Beste, was Sie jetzt tun können, ganz aus
der medizinischen Fakultät auszutreten. Wenn es Ihnen bei Ihren Anlagen
schlechterdings nicht gelingen will, das Examen zu bestehen, so haben
Sie offenbar weder die Neigung noch den Beruf dazu, Arzt zu werden.«
Das Gesicht des Sanguinikers zieht sich in die Länge.
»Verzeihen Sie, Herr Professor,« erwidert er lächelnd, »aber das würde
doch von meiner Seite wenigstens sehr sonderbar sein. Fünf Jahre zu
studieren und dann auf einmal abzuspringen!«
»Nun ja, gewiß! Aber es ist doch besser, fünf Jahre zu verlieren, als
nachher das ganze Leben lang eine Tätigkeit auszuüben, die man nicht
liebt.«
Aber sogleich fängt er mir auch an leid zu tun, und ich beeile mich
hinzuzufügen:
»Handeln Sie übrigens, wie es Ihnen gut scheint! Also arbeiten Sie noch
ein bißchen, und kommen Sie dann wieder!«
»Wann?« fragt der Faulpelz in dumpfem Tone.
»Wann Sie wollen. Meinetwegen morgen.«
Und in seinen gutmütigen Augen lese ich den Gedanken: »Kommen könnte
ich schon; aber du Racker würdest mich ja doch wieder durchfallen
lassen!«
»Gewiß,« sage ich, »Sie werden nicht gelehrter dadurch werden, wenn Sie
sich noch fünfzehnmal von mir examinieren lassen; aber es wird zu Ihrer
Charakterbildung beitragen. Und das ist doch auch ein schöner Gewinn.«
Es folgt wieder eine Pause. Ich erhebe mich und warte, daß der Besucher
fortgeht; aber er bleibt stehen, blickt nach dem Fenster hin, zupft an
seinem Bärtchen und überlegt. Die Sache beginnt langweilig zu werden.
Die Stimme des Sanguinikers ist angenehm und volltönend, seine
Augen verständig und etwas spöttisch, das Gesicht seelengut, vom
vielen Biertrinken und dem langen Herumliegen auf dem Sofa ein wenig
aufgedunsen; anscheinend könnte er mir viel Interessantes über die
Oper, über seine Liebesabenteuer und über die Kommilitonen, die er gern
hat, erzählen; aber leider ist es nicht üblich, von dergleichen zu
sprechen. Ich würde es ganz gern hören.
»Herr Professor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: wenn Sie mir Genügend
geben, so werde ich ...«
Sowie das Gespräch beim Ehrenworte angelangt ist, winke ich abwehrend
mit den Händen und setze mich an den Tisch. Der Student denkt noch eine
Minute lang nach und sagt dann niedergeschlagen:
»Dann also adieu ... Entschuldigen Sie!«
»Adieu, lieber Freund. Möge es Ihnen gut gehen!«
Er geht unentschlossen in das Vorzimmer und zieht sich dort langsam an;
nachdem er auf die Straße hinausgetreten ist, denkt er wahrscheinlich
nochmals lange nach. Aber da ihm nichts weiter einfällt als mit
Bezug auf mich »Alter Satan!« vor sich hinzumurmeln, geht er in ein
schlechtes Restaurant, um Bier zu trinken und Mittagbrot zu essen, und
dann nach Hause, um zu schlafen. Friede deiner Asche, du ehrlicher
Freund der Arbeit!
Es klingelt zum dritten Male. In mein Zimmer tritt ein junger Arzt
in einem neuen, schwarzen Anzuge, mit einer goldenen Brille und
selbstverständlich mit einer weißen Krawatte. Er stellt sich vor.
Ich bitte ihn, Platz zu nehmen, und frage, was zu seinen Diensten
steht. Nicht ohne eine gewisse Erregung beginnt der junge Priester der
Wissenschaft mir zu erzählen, er habe in diesem Jahre sein Doktorexamen
bestanden und müsse jetzt nur noch eine Dissertation schreiben. Er
möchte gern bei mir, unter meiner Leitung, arbeiten, und ich würde
ihn zu großem Dank verpflichten, wenn ich ihm ein Thema für seine
Dissertation angeben wollte.
»Ich freue mich sehr, Ihnen nützlich sein zu können, Herr Kollege,«
sage ich. »Aber lassen Sie uns zunächst darüber einig werden, was denn
eigentlich eine Dissertation ist. Unter diesem Worte pflegt man doch
eine Abhandlung zu verstehen, die ein Produkt selbständigen Schaffens
darstellt. Nicht wahr? Eine Abhandlung aber, die über ein fremdes Thema
und unter fremder Leitung geschrieben ist, die nennt man anders ...«
Der Doktorand schweigt. Ich werde hitzig und springe von meinem Stuhle
auf.
»Ich begreife nicht, warum die Herren alle zu mir kommen!« rufe
ich ärgerlich. »Bin ich denn ein Händler? Ich habe keine Themata
feil! Zum tausendundersten Male bitte ich Sie alle, mich in Ruhe zu
lassen! Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit; aber die Sache ist mir
wahrhaftig schließlich zum Ekel geworden!«
Der Doktorand schweigt, und nur in der Gegend der Backenknochen
erscheint auf seinem Gesicht eine leichte Röte. Seine Miene drückt eine
hohe Achtung vor meinem berühmten Namen und vor meiner Gelehrsamkeit
aus; aber an seinen Augen sehe ich, daß er mich wegen meines erregten
Tones und wegen meiner kläglichen Gestalt und wegen meiner nervösen
Bewegungen geringschätzt. Ich erscheine ihm in meinem Zorne als ein
wunderlicher Geselle.
»Ich bin kein Händler!« wiederhole ich ärgerlich. »Es ist doch auch
wunderlich: warum wollen Sie denn nicht selbständig sein? Warum ist
Ihnen denn die Freiheit so zuwider?«
Ich rede viel; er aber schweigt dauernd. Schließlich beruhige ich mich
allmählich und gebe natürlich nach. Der Doktorand wird von mir ein
Thema erhalten, das keinen Dreier wert ist, wird unter meiner Aufsicht
eine Dissertation schreiben, von der niemand etwas hat, wird mit Würde
die langweilige Disputation überstehen und einen akademischen Grad
erhalten, der ihm nichts nützt.
Manchmal wird meine Klingel einmal nach dem andern in Bewegung gesetzt,
ohne Ende; aber hier beschränke ich mich darauf, nur noch einen vierten
Besuch zu erwähnen. Es klingelt zum viertenmal, und ich höre bekannte
Schritte, das Rascheln eines Frauenkleides und eine liebe Stimme ...
Vor achtzehn Jahren starb ein Kollege von mir, ein Augenarzt, und
hinterließ eine siebenjährige Tochter Katja und etwa sechzigtausend
Rubel. In seinem Testamente hatte er mich als Vormund eingesetzt.
Bis zu ihrem zehnten Lebensjahre lebte Katja in meiner Familie; dann
gab ich sie in ein Erziehungsinstitut, und sie verlebte bei mir nur
die Sommermonate, wo sie Ferien hatte. Mich mit ihrer Erziehung zu
beschäftigen, dazu hatte ich keine Zeit; ich beobachtete das Mädchen
nur in meinen Mußestunden und kann daher über ihre Kindheit nur sehr
wenig sagen.
Das Erste, was mir im Gedächtnis haftet und mir eine liebe Erinnerung
bildet, ist die außerordentliche Zutraulichkeit, mit der sie in
mein Haus eintrat, mit der sie sich in Krankheitsfällen von den
Ärzten behandeln ließ, und die überhaupt immer auf ihrem Gesichtchen
leuchtete. Manchmal saß sie mit verbundener Backe irgendwo in einem
Eckchen, und dann konnte man sicher sein, daß sie irgend etwas mit
Aufmerksamkeit betrachtete. Und ob sie nun zu solchen Zeiten zusah,
wie ich schrieb und in Büchern blätterte, oder wie meine Frau in
der Wirtschaft tätig war, oder wie die Köchin in der Küche die
Kartoffeln wusch, oder wie der Hund spielte: immer drückten dabei
ihre Augen unabänderlich einen und denselben Gedanken aus: »Alles,
was in dieser Welt geschieht, ist schön und vernünftig.« Sie war
wißbegierig und sprach sehr gern mit mir. Oft saß sie am Tische mir
gegenüber, verfolgte mit den Augen meine Bewegungen und stellte Fragen.
Es interessierte sie, zu wissen, was ich läse, und was ich in der
Universität täte, und ob ich mich vor den Leichen nicht fürchtete, und
was ich mit meinem Gehalt anfinge.
»Prügeln sich die Studenten in der Universität?« fragte sie.
»Ja, das tun sie, liebes Kind.«
»Und lassen Sie sie dafür zur Strafe knien?«
»Ja, das tue ich.«
Und es kam ihr komisch vor, daß die Studenten sich prügelten und ich
sie knien ließe, und sie lachte herzlich darüber. Sie war ein sanftes,
geduldiges, seelengutes Kind. Nicht selten bekam ich zu sehen, wie
man ihr etwas wegnahm, sie ohne Grund bestrafte oder ihre Wißbegierde
nicht befriedigte; dann gesellte sich zu dem ständigen Ausdrucke von
Zutraulichkeit auf ihrem Gesichte noch ein Ausdruck von Traurigkeit,
aber weiter nichts. Ich verstand nicht, sie gebührend in Schutz zu
nehmen, und nur wenn ich ihre Traurigkeit sah, regte sich in mir das
Verlangen, sie an mich zu ziehen und im Tone einer alten Kinderfrau
bedauernd zu ihr zu sagen:
»O du meine liebe Waise!«
Ich besinne mich auch, daß sie Freude daran hatte, sich gut zu kleiden
und sich mit Parfüm zu bespritzen. In dieser Hinsicht hatte sie mit mir
Ähnlichkeit. Auch ich habe schöne Garderobe und gute Parfüms sehr gern.