gesagt der beste Platz -- auf die höchste Kuppe hinauf beordert worden.
Aufgescheuchte Gemsen nahmen gern gerad' dort hinüber ihren Wechsel.
Schweres Steigen hatten indeß bei diesem Treiben die Jäger, die sich ihre
Bahn an den steilen schroffen Hängen suchen mußten. Es dauerte auch lange,
bis sich das Mindeste zeigte oder hören ließ, und ich lag wohl anderthalb
Stunden lang ungestört auf der achttausend Fuß hohen Kuppe des Jochs -- in
deren Nachbarschaft alle Fenster und Thüren auf sein mußten, denn es zog
furchtbar. Die Aussicht war aber wundervoll, und ich ließ den Blick
frei über die herrlichen, mit Schnee dicht bedeckten Alpenriesen,
den Großglockner und seine Nachbaren hinausschweifen, die unter ihrer
weißfunkelnden Hülle in unbeschreiblicher Pracht die zackigen wilden Gipfel
gen Himmel reckten.
Hinter mir, nach Norden hinauf, öffneten sich dagegen die Berge; das
weite flache Land mit einzelnen weißen hervorragenden Gebäuden und kleinen
Städtchen, wurde sichtbar, und im Süd-Westen lagen wild und zackig die
steyrischen Alpen dazwischen, ein weites Meer von Felsenjoch und Graten.
Was für ungeheuere Wogen reckten da die weißen Häupter, züngelnd, wie
wirkliche schaumdurchwühlte Wellen empor.
Auf dem Gemsjoch selber lag, trotz der Höhe desselben noch kein Schnee,
denn der darauf gelegene war durch die letzten warmen Tage wieder
fortgeschmolzen. Merkwürdig ist es auch, daß dieser Theil der Alpen keine
Gletscher hat -- ein einziger kleiner ausgenommen der dort in der Nähe sein
soll, den ich aber nicht sah. Ihre Höhe berechtigt sie vollkommen dazu,
denn in der Schweiz reichen die Gletscher viel tiefer hinab, und sieben und
achttausend Fuß hohe Kuppen sind dort drei Viertheile des Jahres mit Schnee
bedeckt. Dazu mag aber auch wohl die zusammengedrängte Masse _höherer_
Gebirge, die fortwährend ihre Schneekronen tragen und deshalb eine viel
größere Kälte um sich her verbreiten, mit beitragen.
Eine große Anhäufung von Schnee und Eis muß in sehr natürlicher Folge eine
solche Wirkung hervorbringen, wie wir den Unterschied z. B. außerordentlich
auffallend in den beiden Continenten von Europa und Nordamerika sehn.
Europa, das im Norden einen weit größeren Flächenraum an eisfreiem Meer,
und deshalb die eigentliche Eisregion auf einem weit kleineren Raum
zusammengedrängt hat, ist deshalb auch viel wärmer als Nordamerika, dessen
breite Basis nach Norden zu, mit den ausgedehnten Süß-Wasser-Binnenlandseen
und dem enormen Flächenraum Eis und Schnee bedeckter Regionen den
Unterschied um viele Grade spüren läßt. Philadelphia z. B. das mit Neapel
auf einem Breitegrad liegt, hat eben so strenge und strengere Winter, als
wir im höchsten Norden von Deutschland. In Louisiana, das mit der Wüste
Sahara gleiche Breite hat, ist leichter Schnee nichts Seltenes. Stehendes
Wasser friert oft selber in New-Orleans das, nur wenige Fuß über der
Meeresfläche, auf einer Breite mit Cairo liegt.
Von Gemsen war noch Nichts zu sehn, als ich aber so dalag fest in meinem
Regenmantel gewickelt, die kalte Zugluft abzuhalten, konnte ich nicht
umhin die kleinen dichten Büschel außerordentlich zarten feinen Grases zu
bemerken, die um mich her ziemlich reichlich wuchsen. Ich pflückte von
dem zunächst stehenden etwas ab, kostete es, und fand es nicht allein
außerordentlich weich, sondern auch zuckersüß -- so süß und angenehm in
der That von Geschmack daß ich Alles, was ich um mich her erreichen
konnte, rein abäste und Nebucadnezars Geschmack, der bekanntlich den Salat
erfunden, ganz begreiflich fand -- wenn er nämlich dort so treffliche Weide
hatte.
Dicht neben mir, denn ich lag auf dem allerhöchsten gar nicht etwa sehr
breiten Gipfel, ging es steil und bergetief hinab. Wie wild und furchtbar
sah es dort unten aus. Die steile Nordwand dieses Jochs, die vielleicht
einige tausend Fuß hoch ohne Absatz niederging, bestand allerdings
nicht aus einem glatten Fels, sondern aus bröcklichem zerrissenem und
zerklüftetem Gestein. Man hätte selber hineinklettern können, wäre den
Zacken eben nur zu trauen gewesen; aber unter dem Fuß oder Griff brachen
die wettermürben Brocken los, und dann -- es schwindelte mir als ich in die
dunkle, Wind durchbrauste fürchterliche Tiefe hinabsah, und ich wandte mich
schaudernd ab.
Und doch giebt es Menschen die an diesen Wänden an denen ihr Leben wie an
dünner Faser hängt, ihre kärgliche Nahrung suchen. Die Enzianwurzelgräber
klettern dort, an die Gefahr gewöhnt und gegen sie vollkommen abgestumpft,
mit einem Sack, die gefundenen Wurzeln hinein zu thun, und einer kleinen
Hacke, sie aus ihrem rauhen Bett heraus zu heben, sorglos herum, und die
Gemse selbst hebt staunend den Kopf, wenn sie an _solchen_ Stellen
einen Menschen sieht. Kameraden finden auch wohl dann und wann eine alte
verrostete Hacke, einen halb verfaulten Sack, und werfen einen scheuen
Blick in den Abgrund nieder. Selbst unter dem leisen Ave Maria aber, für
die Seele des Verunglückten, dessen Gebeine dort in irgend einem Abgrund
bleichen, schauen sie sich schon wieder nach neuen Wurzeln um -- der da
unten ist wohl aufgehoben.
_Das_ waren Gemsen -- vorsichtig hob ich den Kopf zwischen den wild
umhergestreuten Steinen empor, und sah eins der schönsten Schauspiele, das
sich der Gemsjäger nur wünschen und ersehnen kann.
Der Gipfel des Gemsjochs theilte sich in drei ungleiche Spitzen, von
denen die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste, die vielleicht
tausend Schritt von der westlichsten entfernt ist, etwas, aber nur wenig
niedriger liegt und in einen kleinen spitzen Kopf aufläuft.
Auf dieser Spitze, die vier Läufe dicht zusammengedrängt, den schönen Kopf
hoch und sichernd gehoben, stand eine Gemse und etwa zwanzig Schritt weit
unter ihr, während noch andere über den Rand des Abhangs, scheinbar aus
der blauen Luft, heraufstiegen, befand sich das Rudel, im Ganzen vielleicht
zwölf oder dreizehn Stück.
[Illustration]
Die Wachtgemse stand voll und klar gegen den lichtblauen Himmel
abgezeichnet, und die sichere Ruhe mit der das prachtvolle Thier den weiten
Plan, auf dem es jede nahende Gefahr leicht und rasch erkennen konnte,
als Schildwache oben für das ihr anvertraute Rudel überschaute, war ein
Anblick, den ich im Leben nicht vergessen werde. Das Rudel selber, das
jedenfalls durch einen der unten durchgehenden Treiber heraufgescheucht
worden, schien sich indessen auch ganz auf seine Wache zu verlassen, und
vollkommen sicher zu fühlen. Die jungen Thiere spielten mit einander, und
die Alten pflückten hie und da an den süßen Grasbüscheln herum -- mehr
wahrscheinlich zum Desert und aus Naschhaftigkeit, als aus wirklichem
Hunger.
Endlich stieg die Wachtgemse, gewöhnlich eine Geis, von ihrem hohen
Standpunkt langsam nieder. Ob sie da unten wieder etwas Verdächtiges
gewittert, oder sonst mehr Verlangen nach der Seite trug, auf der ich
lauernd mit gespannter Büchse lag, aber plötzlich setzte sie sich an die
Spitze des Zuges, und kam in kurzem Galop auf dem äußersten Rand des Berges
ein Stück hin, verschwand dann in einer scharf eingeschnittenen Schlucht,
die die beiden Kuppen von einander trennte, mit dem ganzen Rudel, und stieg
klappernd und die lockeren Steine hinter sich ausstoßend, den kleinen
Hang herauf, an dessen äußersten Rand ich, vollständig gedeckt, ihrer
herzklopfend harrte.
Nun ist es eine alte Gemsjägerregel, die mir von allen Seiten wieder
und wieder gegeben worden, _nie_ auf ein ankommendes Rudel zu schießen.
Erstlich kommen sie spitz, -- immer schon ein _böser_ Schuß; dann ist die
erste im Zug _jedesmal_ eine alte Geis, während die Böcke nachfolgen, und
dann -- ist es eben gar nicht nöthig. In solchem Fall, besonders wenn
man gedeckt ist, muß man _die ersten_ des Rudels erst vollständig vorüber
lassen, ja womöglich ein Dritttheil desselben, und sich dann erst einen
Bock heraussuchen, auf den man in solchem Fall auch viel ruhiger und
sicherer schießt. Außerdem hat man bei solchem Verfahren auch noch die
Gewißheit, daß die schon vorbeigesprungenen Gemsen unter keiner Bedingung
wieder umkehren, und die anderen, die noch zurück _sind_, _folgen_ ihnen,
es mag auf sie geschossen werden so viel da will. Der zweite Schuß ist
daher eben so sicher anzubringen als der erste.
Hätt' ich also dort oben meine Zeit ruhig abgewartet, so mußte das ganze
Rudel auf kaum zehn Schritt an mir vorbei, und an Ausweichen war auf dem
schmalen Kamm gar nicht zu denken. Wie ich aber das immer stärker werdende
Klappern auf den Steinen hörte, das gerade so klang, als ob es links und
rechts um mich her in allen Ecken und Spalten lebendig würde, da ging mir
der Athem aus, das Herz fing an zu hämmern als ob es mit hinaus wollte,
ebenfalls zuzusehn was da passire, und alle Warnungen und Rathschläge,
alle guten Vorsätze, alle Erfahrungen selbst, waren in dem einen Moment
unbeschreiblicher Aufregung und Leidenschaft vergessen. Die Büchse im
Anschlag richtete ich mich in meinem Versteck auf, und wie die ersten
Krickeln nur hinter den Steinen vorsahen, und ich den dunklen Schatten
eines Körpers erkennen konnte, gab ich Feuer.
Ich weiß nicht einmal ob es geknallt hat -- weiter Nichts als das wilde
Hals-über-Kopf-Hinabstürzen der erschreckten Thiere hörte ich, die aber
auch im nächsten Augenblick in der Schlucht verschwunden waren, und als
ich dort nachsprang, und noch einmal hinter den Flüchtigen auf etwa
zweihundertfünfzig Schritt -- und ich muß zu meiner Schande gestehn,
_nachfeuerte_, stob das ganze Rudel auseinander, und eilte wieder der
Stelle zu, auf der ich sie zuerst gesehen hatte.
Allerdings sonderte sich ein Bock vom Rudel ab und rutschte, zu meiner
innigen Freude, ein ganzes Stück den ziemlich steil da ablaufenden Hang
hinunter, ob er aber vielleicht nur ausgerutscht war -- und warum sollte
das einer Gemse nicht auch geschehen können -- oder mich gar damit
verhöhnen wollte, ich weiß es nicht, spätere Nachsuche auf der Fährte ergab
nicht einen Tropfen Schweiß, der auf dem grauen Geröll überall deutlich
sichtbar gewesen wäre. Bald darauf schloß er sich auch wieder seinem Rudel
an.
Gleich nach dem Schuß kam ein ganzer Flug Alpendohlen -- sonst entsetzlich
scheue Vögel, die den Jäger nicht auf hundert Schritt hinanlassen -- um
den Gipfel des Jochs herum. So wie sie mich da oben aufrecht stehen sahen
flogen sie auf mich zu, kreisten mir, auf kaum zwanzig Schritt um den Kopf
und stießen sogar nach mir, wobei mir ein paar so nahe kamen, daß ich sie
fast hätte mit der Flinte schlagen können.
Die Alpendohle, oder auch Schneekrähe genannt, ist ein wunderhübscher
zierlicher Vogel, etwa von der Größe einer Elster, wenn nicht noch etwas
stärker, nur ohne die langen Schwanzfedern, mit bläulichem Schiller auf
ihrem schwarzen Gefieder, hellgelbem Schnabel, grellrothen Ständern und gar
so munteren braunen Augen. Ihr Pfeifen klingt auch fast melodisch, und wie
sie munter und gesellig in den Alpen herumtummeln und in der Luft kreisend
zusammen spielen, hab' ich sie immer gern gehabt. Jetzt aber kamen sie mir
ungelegen. Das Pfeifen nach dem schlechten Schuß behagte mir auch nicht.
Ich zielte auf den rasch über mir hinstreichenden Vogel, und schoß ihm mit
der Kugel eine seiner Flügelfedern durch. Das nahmen jedoch die anderen
sehr übel, begannen einen Heidenlärm, wobei sie sich übrigens in weiterer
Entfernung hielten, und strichen dann nach unten. Gleich darauf fiel dort
auch ein Schuß und unser Jagdgeber hatte einer der ebenfalls nach ihm
stoßenden Krähen mit der Kugel Kopf und Hals abgeschossen.
Das ist Alles recht schön und gut -- übereilt hat sich schon mancher sonst
vollkommen ruhige alte Jäger und vorbeigeschossen auch. Der Schütze soll
noch geboren werden, der da sagen kann er habe nie gefehlt, aber der
Heimweg -- der Abend nach solchem Fehlschuß. Wenn man gleich mit einem
Satz darüber hinweg auf den nächsten Tag und in das nächste Treiben
hinein springen könnte möcht's noch gehn, aber so überdenkt man die letzte
unglückliche Scene wieder und wieder, hört den ganzen Abend, die ganze
Nacht das Rudel über die Steine klappern, weiß jetzt ganz genau _wie_ man
es hätte machen sollen, und daß trotzdem _der_ Augenblick im ganzen Leben
nicht wiederkehrt, und ist mit einem Wort, in einer verzweifelten Stimmung.
[Illustration]
13.
Die Nebeljagd.
Kalt und trübe brach der nächste Morgen an, und dicker undurchdringlicher
Nebel lag im Thal, in dem er erst etwa um zehn Uhr Morgens ein wenig
in Bewegung kam. Nichts ist aber peinlicher, als in den Bergen durch
schlechtes Wetter einen Jagdtag zu verlieren, und wie sich deshalb auch
nur die Luft ein klein wenig günstiger gestaltete, und die Jäger ihr »Ich
meinet halt doch es sollt' schon etwas besser werden,« herausgegeben, wurde
der Aufbruch bestimmt.
Unser Ziel lag an diesem Tag an dem oberen Theil des Engthals, das
vom Laritterthal, in dem wir uns befanden, nur durch einen sogenannten
»Hügelrücken« getrennt war, und leicht erreicht werden konnte.
»Leicht erreicht werden,« ja. Der Paß lag allerdings dicht unter der
Carwendelwand, und bestand aus nicht sehr steilen Grashängen, was aber hier
zu Land ein _Hügel_ heißt, ist anderswo ein _Berg_ -- wie ja die Leute auch
ein stundenbreites Thal einen _Graben_ nennen. Wir mußten auch, immer noch
im dicken Nebel, wacker zusteigen den höchsten Kamm zu erreichen und waren
tüchtig warm dabei geworden. Oben wurden wir dann angestellt, und den
angeblichen Kessel vor uns -- denn sehen konnte man keine fünfzig Schritte
weit -- die Jäger abgeschickt ihn einzuriegeln. Standen Gemsen darin so
mußten sie Wind von den Treibern bekommen, in welchem Fall sie dann rascher
flüchtig werden, als wenn sie den Feind erkennen konnten.
Der kalte Luftzug der aus dem Thal heraufstieg that mir im Anfang, nach dem
scharfen Steigen wohl -- von Erkältung weiß man ja hier überhaupt Nichts.
-- Ich nahm also meinen Mantel aus dem Bergsack, hing ihn um, drückte mich
hinter einen einzelnen Stein von der Größe eines mäßigen Elephanten,
der allein zu meiner Bequemlichkeit dort von irgend einem Bergriesen
hingeschleudert schien, und erwartete geduldig den Beginn der Jagd -- d. h.
das Klappern der Steine, das die heranprellenden Gemsen verrathen würde.
Es war ein wunderlicher Platz -- der Nebel lag voll und schwer auf dem
ganzen Thal, in das der Hügel, auf dessen Kamm ich saß niedersenkte. Der
Phantasie blieb dabei der weiteste Spielraum gelassen, sich dort hinein den
Horizont des Auges nach Gefallen auszudehnen. Wie ich deshalb so träumend
auf das ungewisse milchige Dämmerlicht hinausschaute, aus dem nur, von den
Wänden zurückgeworfen, das dumpfe Rauschen des Bergbachs herüber tönte,
kam es mir plötzlich vor, als ob ich am kahlen felsigen Strand des Meeres
sitze, das an dem Fuß desselben Hügels seine Wellen peitschte, und seiner
Brandung Donnern im dumpfen hohlen Brausen zu mir herübersandte.
Lebhafter hab' ich wachend noch nie geträumt, und in der Erinnerung an
frühere ähnliche Scenen, konnt' ich mir jetzt schon gar keine Berge
dort hinein mehr denken. Das _mußte_ Meer sein. Wie das dumpf kochte und
rauschte, und wenn der Nebel sank und dort hinaus dem Auge Freiheit gab,
dann lag auch sicher die blaue See vor mir, und einzelne weiße Segel zogen
wie leuchtende Punkte darüber hin.
Wenn es nur nicht so schmählig kalt gewesen wäre.
Jetzt wurde der Nebel oben lichter; die Sonne brach sich mit einem
einzelnen Strahl wenigstens Bahn, und im Zenith erschien der blaue Himmel.
Endlich! Jetzt zog auch der Wind schärfer aus dem Thal herauf -- er schnitt
im wahren Sinn des Worts durch Mark und Bein -- und dort -- ich vergaß
Gemsen und Jagd über das Schauspiel das sich plötzlich, als ob ein
riesiger Vorhang mit einem Wurf zurückgeschleudert würde, vor meinem Blick
entfaltete. Mit Windesschnelle öffnete sich der Nebel und wich nach beiden
Seiten so zurück, daß er wie durch ein gigantisches Medaillon den Blick
hinausgestattete. Vor mir aber -- so dicht daß meiner Meinung nach
die Armbrust einen Bolzen hätte hinübertragen müssen stieg dunkel
und massenhaft, eine Riesenmauer, die Carwendelwand empor, und blaue
zerfließende Lichter schossen dabei, wie nach einem Brennpunkt, in der
Mitte dieses wunderbaren Bildes zusammen und schmolzen für jetzt noch die
einzelnen Theile ineinander. Allmählig löste sich aber auch dies -- das
Bild wurde rein und klar, und scharf gezeichnet lag plötzlich dort drüben,
wo ich die See geträumt und so hoch aufragend daß ich empor schauen mußte
ihre dunklen Ränder in dem sich wieder mit Nebel bedeckenden Himmel zu
suchen, die schroffe Wand, mit allen ihren einzelnen Spalten und Rissen
vor mir da. Während aber fast den vierten Theil der ganzen Höhe, die Reißen
einnahmen, die sich der Berg in's Thal hinabgeschüttelt, lag auf diesen
Reißen wieder, noch immer von dem jetzt lichter gewordenen blauen Schein
übergossen, ein breiter Streifen Schnee den dort der letzte Winter noch
gelassen.
Wunderbarer Weise zog sich der Nebelrahmen jetzt mehr und mehr zusammen,
die schärfsten Lichter auf die Mitte werfend und dort -- auf dem Schnee --
deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen -- regte sich ein dunkler
Gegenstand, und kroch langsam und gerade, dem Zug der Wand folgend, darüber
hin.
Ich würde es für eine einzelne Gemse gehalten haben, wenn es mir nicht
so entsetzlich klein vorgekommen wäre -- aber was konnte es sonst sein
-- vielleicht ein Fuchs? Ich nahm das Fernrohr rasch aus seinem Futteral,
richtete es und erkannte in dem kleinen Punkt -- einen Menschen -- einen
Jäger der dort an der scheinbar senkrechten Wand in solcher ungeheueren
Entfernung noch seine mühsame Bahn verfolgte.
Als ob der Nebel sich aber nur geöffnet mir _das_ zu zeigen, flossen in
diesem Augenblick wieder breite glänzende Strahlen nach der Mitte zu -- das
Medaillon schloß sich, und dichter als vorher lagerte die weiße Nacht auf
Berg und Thal.
Und was für ein kalter Zug _mit_ dem Nebel wieder von da unten herauf und
über den Hügel strich -- die Zähne fingen mir an zu klappern und in der
Aussicht jetzt, daß wir hier sitzen müßten bis der Jäger, den ich eben
erst als kleinen dunklen Punkt gesehn, seinen _Bogen_gang um den Kessel her
vollendet hätte, wickelte ich mich nur fester und verzweifelter in meinen
Mantel.
Wie lange ich so gesessen weiß ich nicht; der Nebel wurde aber immer
dichter, und das einzige Vergnügen das ich mir unter der Zeit machen konnte
war, an eine recht gut geheizte Stube zu denken. Wie die Aufregung dieses
plötzlichen Phänomens, -- ich kann es kaum anders nennen -- vorüber war,
kam der Frost mit verdoppelter Schärfe wieder, und ich fror, wie nur ein
unglückseliges auf einem kalten Stein, in einem solchen Nebel und auf
solcher Höhe sitzendes Menschenkind frieren _kann_.
Das Treiben nahm auch kein Ende -- der Nebelvorhang war wieder gefallen,
und auf's Neue träumte ich mich an der Seeküste -- irgendwo in der
unmittelbaren Nähe des Eismeers. Endlich -- Gott sei Dank das war ein
Geräusch -- endlich doch ein Wild zum Schuß, denn wenn es hier nur
_sichtbar_ wurde hätt' ich es auch mit einem Blasrohr treffen können. Ich
machte mich rasch fertig, konnte aber kaum den Hahn der Büchse spannen,
so steif war ich gefroren. Da kam's über das lockere Gestein herauf --
mit Gewalt brachte ich den Kolben an den Backen -- schon sah ich, über den
Büchsenlauf hin, sich einen dunklen Schatten bewegen -- sobald sich das
als ein alter Bock auswies. -- Erschrocken setzte ich die Büchse ab und den
Hahn in Ruh -- der Schatten gehörte einem der Jäger und der Mann stieg in
Schweiß gebadet, den rauhen mühseligen Hang herauf. -- Ich konnte ihn nur
um seine Temperatur beneiden.
Das Treiben war vorbei; die Schützen kamen, ohne daß ein einziger Schuß
gefallen wäre, auf dem Hügelrücken zusammen und wie froren sie. Wir sahen
alle blau und roth marmorirt im Gesicht aus, und wenigstens eine halbe
Stunde scharfen Marschirens war nöthig, mich nur einigermaßen wieder
biegsam zu machen.
Heute blieb freilich nicht mehr viel zu thun. Nichts destoweniger wäre es
Schade gewesen den ganzen übrigen Tag ohne weiteren Versuch aufzugeben.
Bei dem gestrigen Auszug hatten wir an einer der, dicht unter der
Carwendelwand liegenden Reißen zwei starke Böcke gesehen. Wenn die alten
Burschen jetzt noch dort oder in der Nähe standen, war es vielleicht
möglich ihnen mit Hülfe des Nebels anzukommen. Die Luft schlug abwärts,
und wenn die Schützen unten und seitwärts vorgestellt wurden, konnte sie
nachher ein einziger Treiber losgehn.
Vorsichtig schlugen wir deshalb, von einem der Treiber geführt, einen
schmalen Vieh- und Gemspfad ein, der quer unter den Reißen, aber noch in
ihrem Bereich hinführte, und merkwürdig war in der That diese wilde Welt,
durch die wir jetzt hinschritten. In eine Wolke von Nebel gehüllt, blieb
nur die nächste Nähe sichtbar, und diese bestand einzig und allein aus
Steinen die von der Größe eines mäßigen Wohnhauses, bis hinunter zu der
eines Chausseesteines in toller Mischung durcheinander lagen. Kein Busch,
kein Grashalm war dabei zu sehn, nur Nebel und Felsgeröll und das Rücktheil
des vor Einem hinschreitenden Jägers. Und wie mußte das hier donnern und
schmettern wenn die Felsstücke von der mehre tausend Fuß hohen steilen Wand
unter der wir hinschritten, zu Thal stürzten. Und wenn nun gerade _jetzt_
ein solcher Brocken sich losgebrochen und seinen Weg hierher gefunden
hätte? An ein Ausweichen wäre gar nicht zu denken gewesen, denn wie
Kanonenkugeln prellen solche Stücke, nur einmal in Schwung gebracht,
bergab. Störend war in der That der Gedanke, daß wahrscheinlich in diesem
selben Augenblick hunderte solcher Blöcke über uns, nur vielleicht noch
durch ein wenig Erdreich gehalten, hingen, und von der geringsten Ursache
losgestoßen werden konnten. Wenn die jetzt niederbrachen, über uns -- um
uns her -- --
Es ist ein unbehagliches Gefühl an solchen Stellen hinzugehn, an denen das
Leben eigentlich nur an einem nicht zu verhindernden Zufall hängt -- es hat
Aehnliches mit dem Spatzierengehen in den Straßen einer verpesteten Stadt,
wo man kaum zu athmen vermag.
Alle Wetter -- da oben ging's schon los! --
Wie wir eben an einer Stelle vorüberschritten die solch unnöthiges
Baumaterial in außergewöhnlicher Masse geliefert zu haben schien,
polterte es plötzlich über uns in den Steinen, und einzelne kleine
Carwendelwandsplitter, von der Größe eines gewöhnlichen Kinderkopfes kamen
springend nieder.
Das waren jedenfalls Gemsen -- deutlich konnten wir sie auch, vielleicht
nur wenige hundert Schritt von uns entfernt, davon klappern hören -- aber
zu sehn war weiter Nichts, als die unerbittliche weiße Decke, die uns
umhüllte. Rasch wurden jetzt die nöthigen Befehle ertheilt den Platz auf
dem die Gemsen plötzlich zu halten schienen, zu umstellen, und sie doch
vielleicht noch zum Schuß zu bekommen. Martin, dem der Boden schon lange
unter den Füßen brannte, sprang dann in seinem wolfsähnlichen langen Galop
zurück, den äußersten Vorposten so rasch als möglich zu besetzen, während
unser Jagdherr selber sich noch weiter vorpirschte, um später mit Rainer
die beschwerlichen Reißen hinan bis unter die Wand zu klettern. Waren die
Gemsen noch darin, so _mußten_ sie jetzt einem der Schützen kommen, denn
die steile vielleicht mehre tausend Fuß hohe Carwendelwand konnten selbst
diese Thiere nicht empor. Was nicht Flügel hatte kam da nicht hinüber.
Der hohe Herr stand senkrecht über mir, und als der Windzug einmal auf
Momente die oberen Nebelschichten in Bewegung setzte, daß der düstere
Schatten der nahen Wand wie eine drohende Gewitterwolke über uns stand,
konnt' ich seine hohe dunkle Gestalt, nur eben wie fast in der Luft
schwebend, erkennen. Tiefer im Thal stand ein jüngerer Anverwandter
desselben, der schon einige Tage mit in den Bergen gejagt hatte, und neben
ihm, seinen schottischen Plaid über der Schulter und seinen breiträndigen
Hut auf, der ihm den Namen eines »falschen Spaniers« zugezogen, der
Zeichner dieser Skizzen.