Eine zweite Gemse die unten geschossen worden, war jetzt auch herbei

gebracht und Martin beschrieb gerade wie er von oben hereingekommen, und

den erlegten Bock an der Wand hinaufklettern gesehn, als er seinen Bericht

plötzlich mit dem halbunterdrückten aber ängstlich hervorgestoßenen »Ein

Bock!« unterbrach, und zu gleicher Zeit deutete der Arm mitten in den

Kessel hinein, derselben Wand zu, von der Rainer sich vor noch kaum einer

halben Stunde die größte Mühe gegeben hatte Alles niet- und nagellose

nieder zu senden.

Und er hatte recht; trotz dem Lärm, trotz dem Rufen und Schreien, trotz dem

vielen Schießen endlich, da wir nach dem Treiben unsere Büchsen abgefeuert,

kam da schon wieder ein Bock in's Thal herein, und schien die Wand entlang

die Richtung gerade auf uns zu zu nehmen.

Noch war er allerdings so klein, als ob eine Maus auf der Schneebahn

hinliefe; die Thiere äugen aber ganz vortrefflich und wir wußten Alle daß

wir uns nicht rühren durften, wenn er nicht augenblicklich umdrehen und den

Rückwechsel annehmen sollte.

»Was thun wir jetzt?«

»Ich laufe hinten herum und schneid' ihm den Weg ab,« rief Martin schnell

bereit, »wenn die Anderen dann wieder oben auf den Rand gehn und die paar

Pässe besetzen, _muß_ er hier heraus.«

»Aber es sind außen herum zwei Stunden Wegs bis zu der Wand dort drüben,«

sagte Einer.

»Ich lauf's in einer halben,« versicherte Martin, und versprach keinesfalls

mehr als er leisten konnte.

»Sowie wir hier aufstehn sieht uns der Bock,« flüsterte Ragg.

»Wir brauchen nicht aufzustehn,« lachte der Herr und gab das Beispiel zum

allgemeinen Rückzug, indem er sich langsam hinten überbog. Ohne den Körper

oben wieder zu zeigen glitt er so nach hinten, und rasch, aber mit nur

mühsam unterdrücktem Lachen folgten Alle in derselben Art. Komisch genug

muß es auch ausgesehn haben, und wenn Jemand hätte oben vom Berg aus diese

plötzliche wunderbare Bewegung der ganzen Jagdgesellschaft beobachten

können, ohne die Ursache zu wissen, wäre er mit Recht erstaunt gewesen. Das

Manoeuvre hatte jedoch vollständigen Erfolg; der Bock gewahrte nicht das

Mindeste und Alle eilten jetzt, von dem Hang gedeckt, den ihnen bestimmten

Plätzen zu. Es konnte auch wahrlich kaum eine halbe Stunde gedauert

haben als Martin, der die Ausdauer eines Windhundes hat, sich an dem

entgegengesetzten Felsvorsprung zeigte und der Bock, also beunruhigt rasch

dem bequemsten Ausgang zueilte der gerade vor ihm lag. Da freilich mußte

er in etwa hundertfünfzig Schritt von dem Felsblock vorbei hinter dem unser

Gastherr geschickt sich verborgen hatte. Daß er in voller Flucht ging half

ihm ebenfalls Nichts. Er bekam die Kugel seines Namenvetters[3] mitten

auf's Blatt, lief noch etwa sechzig Schritt, und brach dann zusammen.

[3]: Die doppelläufigen Büchsen in denen die Läufe übereinander liegen,

werden _Böcke_ genannt.

Durch dieses Intermezzo war nun freilich der Tag für ein zweites Treiben

zu weit vorgerückt, und Martin wurde mit Pirschmann auf meinen kranken Bock

geschickt. Leider brachte er von der Nachsuche blos meinen Hut zurück, denn

der Bock der jedenfalls hoch und hohl durchgeschossen worden, hatte den

Berg angenommen und war, obgleich tüchtig schweißend, über die Grenze

gegangen. -- Gemsen sind überhaupt entsetzlich hart, und laufen, selbst bei

tödtlichem Schuß, oft noch eine lange Zeit. Eine _hoch_ geschossene Gemse,

wenn die Kugel nicht gerade das Rückgrat zerschlägt, kommt fast immer

durch, oder ist wenigstens in den meisten Fällen für den Jäger verloren.

Daß sich die Böcke übrigens, wie wir heut mehre gesehn, schon von den

Rudeln abhielten und einzeln umher zogen, war ein Zeichen daß die

Brunft bei ihnen begonnen hatte. In der Zeit ist der Gemsbock ein so

eigenthümliches wie merkwürdiges Thier. Ehe er sich wieder mit seines

Gleichen einläßt, scheint er sich erst eine Zeitlang in sich selbst

zurückzuziehn, stellt sich ganz allein, und nur mit seinen eigenen Gedanken

beschäftigt in steile Wände und Klammen ein, nimmt sehr wenig Nahrung zu

sich, und spielt mit einem Wort den ächten »Oansiedl vom Berge.« Sowie

aber die wirkliche Brunftzeit beginnt verläßt er diese verdeckten Orte und

steigt auf die Joche, am liebsten zu schmalen Stellen auf, von wo er nach

beiden Seiten hinab und nach den vorbeiziehenden Rudeln niederschauen kann.

Auch auf einzelne vorspringende Felsen geht er gern hinaus, einen besseren

Ueberblick über die Thäler zu gewinnen. Schließt er sich endlich einem

Rudel an, so setzt es gewöhnlich hartnäckige Kämpfe zwischen den schon

dabei befindlichen Böcken, wo dann natürlich das Recht des Stärkeren

entscheidet.

Laute giebt er in dieser Zeit nicht von sich, ein leises, nur in geringer

Entfernung hörbares Mekkern ausgenommen. Er soll aber dann, besonders wenn

die Jahreszeit weiter vorgerückt ist, außerordentlich neugierig werden,

und herbei kommen sobald er etwas Ungewöhnliches sieht -- vorausgesetzt

natürlich, daß er keinen Feind wittert.

Die Jäger bethören ihn auch wohl manchmal, indem sie, dicht versteckt

hinter einem Fels oder Busch, ihren Hut mit dem weißen Stoß von Schneehuhn

oder Birkwild daran, langsam hin und her bewegen, worauf der Bock gar nicht

selten herbei kommen soll, zu sehn was es gäbe. Einzelne haben sich auch

schon schwarze wollene Mützen mit einem breiten weißen Streifen an jeder

Seite stricken lassen, die sie dann über den Kopf ziehn, und diesen an

irgend einem Felsenvorsprung oder aus einem Busch heraus zeigen. Merkwürdig

ist, daß sich in dieser Zeit, dicht hinter den Krickeln des Bocks, am

oberen Theil des Kopfes, eine eben nicht ambraduftende Anschwellung,

der sogenannte Brunftknopf bildet, der etwa zu der Größe einer Haselnuß

anwächst.

[Illustration]

So scheu der Bock im Allgemeinen ist, und so sehr er besonders den Menschen

fürchtet, ist doch in der Riß schon einmal ein Fall vorgekommen, wo eine

Gemse unten im Thal, und auf dem Fahrweg, einen dort vorbeikommenden

Menschen aus freien Stücken angefallen, und bös gestoßen hat.

Merkwürdig bleibt das überhaupt in der Naturgeschichte der Thiere, und

für uns ein bis jetzt noch keineswegs aufgeklärtes Geheimniß, daß

ausnahmsweise, und in einem uns nicht erklärbaren Zustand von Aufregung

und Wuth sonst ganz friedliche und furchtsame, wenigstens den Menschen

_fürchtende_ Geschöpfe diesen anfallen, und dann auch nicht eher ablassen

bis sie getödtet oder unschädlich gemacht werden. Ich weiß solche Beispiele

von Füchsen, Wieseln, Mardern, wilden Katzen, ja selbst mit dem Hasen soll

es vorgekommen sein, und jener Gemsbock liefert ebenfalls den Beweis dafür.

Von großen Thieren bieten Elephanten und Rhinocerosse ähnliche Beispiele,

diese aber meist in der Brunftzeit, wenn sie von einem stärkeren Gegner

besiegt wurden und nun in höchst verdrießlicher Laune allein den Wald

durchziehn. Sie fallen dann Alles an was ihnen in den Weg kommt. Die

Wallfischfänger ebenfalls kennen die Gefahr der ihre Boote ausgesetzt sind,

wenn sie einen einzeln umherstreifenden Pottfisch (Cachelot, Spermfisch)

angreifen. Ist ja doch schon der Fall mit dem englischen Schiff Essex

vorgekommen, daß es ein einzelner Spermfisch selber ungereizt angefallen

und in Grund gebohrt hat.

Ueberhaupt kennen wir bis jetzt nur erst leider die alleräußersten Umrisse

des Familienlebens der wilden Thiere, denn die eingefangenen leben in einem

ganz unnatürlichen Zustand, und können keinen Maßstab geben, während in der

Wildniß selber eine genauere Beobachtung unmöglich ist. Es fehlt uns der

Schlüssel zu ihren Handlungen, wir verstehen ihre _Sprache_ nicht, und

begnügen uns gewöhnlich mit dem einen nichtssagenden Wort _Instinkt_ das,

was wir Außergewöhnliches von ihnen zu sehn bekommen, zu erklären.

[Illustration: =Der Bock in Sicht.=]

11.

Die Grasberg-Alm.

Die Nacht wehte ein fliegender Sturm, und der Mundkoch behauptete am

nächsten Morgen, daß ihm gerade um Mitternacht die Mütze, die er im Bett

aufbehalten, im Bett vom Kopf geflogen sei. Rein und wolkenlos brach

aber der nächste Morgen wieder an, und da hier nicht weiter gejagt werden

sollte, wurde das Lager zum Abend auf die Grasberg-Alm beordert. -- Weiter

war Nichts nöthig, und der Kammerdiener besorgte das Uebrige.

Auf dem Weg dorthin sollten einige, zwischen der Baumgart- und der

Grasberg-Alm liegende Gräben geriegelt werden. Gemsen zeigten sich hier

überall, und wenn auch natürlich die wenigsten zum Schuß kamen, wurden doch

wieder vier erlegt; drei von des Herzogs eigener Hand.

Ich saß unten, ziemlich tief im Graben in einer schattigen Felsspalte

drin, da die Sonne warm auf die Berghänge schien, und die Luft dort aufzog.

Völlig gedeckt mußte ich übrigens Alles, was mir etwa hätte schußmäßig

kommen können, schon zeitig genug hören oder sehen, mich fertig zu machen.

Ich vertrieb mir also damit die Zeit, durch mein Perspektiv zwei alte

Kitzgeisen zu beobachten die sich an einem grasigen Abhang ästen, während

die beiden kleinen niedlichen Kitzen, die eben die kurzen Krickeln etwa

zwei Zoll hoch zeigten, lustig um sie herumsprangen, auf den beiden

Hinterläufen tanzten, die kleinen kaum bewehrten Köpfchen gegeneinander

andrückten, und sich gerade so benahmen, wie sich ein paar junge

übermüthige Ziegenböckchen an ihrer Statt benommen haben würden. Obgleich

die Gemse nicht zum Ziegen-, sondern zum Antilopengeschlecht gehört, hat

sie in der Bewegung und Lebensart doch manche Aehnlichkeit mit ihr.

Sonst halten sich die beiden aber in den Bergen, wo sie doch manchmal

zusammentreffen, ziemlich entfernt von einander, und man soll eher Gemsen

zwischen Schafheerden auf der Aesung finden, als zwischen Ziegen, obgleich

das erstere ebenfalls sehr selten geschieht.

Von da wo ich lag konnte ich den oberen Pirschweg ziemlich deutlich

erkennen, der sich wie ein matt-lichter Streifen hie und da über nacktes

Gestein hinzog, bald zwischen Laatschenbüschen verschwand und an einer

kleinen Lanne oder sonst offenen Stelle wieder zum Vorschein kam. Wie ich

zufällig einmal den Blick hinaufwarf, sah ich sich etwas bewegen, und das

Fernrohr dorthin richtend erkannte ich bald einen geringen Hirsch -- es

mochte ein Sechs- oder Achtender sein -- der, von einem Thier gefolgt,

langsam den Pirschweg hin und zwar nach Osten zuhielt. Der Hirsch blieb

dabei manchmal stehn und äugte zurück, trollte aber dann immer wieder

rascher vorwärts, als ob ihm da hinten etwas nicht recht gefalle.

Ich zerbrach mir noch den Kopf darüber, was ihn in aller Welt könne

beunruhigt haben, da er sich vollständig außerhalb des Treibens befand, als

ich plötzlich zur Linken, auf demselben Pfad, etwas Weißes aus den Büschen

vorleuchten sah. Rasch richtete ich mein Glas dorthin, und erkannte bald

zu meiner innigen Freude den Kammerdiener und den Koch die, Beide in

Hemdsärmeln -- und der heiße Tag rechtfertigte vollkommen eine solche

Erleichterung -- die Röcke durch den linken Arm gesteckt Einer hinter dem

Anderen in angenehmer Unterhaltung daher kamen, und den Hirsch mit

dem Thier ebenfalls zu einem, wahrscheinlich gar nicht beabsichtigten

Spatziergang nöthigten. Der Mundkoch trug dabei etwas in der Hand, das hin

und her schaukelte und eigenthümlich in der Sonne blitzte, was es sei, ließ

sich indeß in solcher Entfernung nicht gut erkennen. Es war dies übrigens

das friedlichste Hirschtreiben das ich je gesehn, und hätte der Hirsch

ebensowenig von seinen Treibern gewußt, wie diese von ihm, wären sie

beide jedenfalls näher zusammen gekommen. So ließ sich das Wild noch eine

Zeitlang den Pirschweg gefallen, und verschwand dann endlich in einem, nach

unten in den Graben führenden Dickicht.

Einen eigenthümlichen Anblick hatten wir an dem Abend, als wir, schon etwas

nach Dunkelwerden, die Grasberg-Alm-Hütte erreichten. Unten die Thäler

lagen schon in tiefer Nacht, und selbst die Berge zeichneten sich düster

gegen den noch hellen Horizont ab. Dicht hinter den Häusern stieg eine

kahle, nur von breiten Streifen, fast wie angelegten Beeten von Alpenrosen

bedeckte Anhöhe hinauf, und lief, nach dem Kumpar hinüberführend, mit

ziemlich ebenem Rücken etwa tausend Schritt von Nord nach Süd. Der kahle

Rand stach jetzt desto auffallender gegen den noch lichtgrauen Himmel

ab. Oben aber, daß der ganze Körper bis zu den Klauen hinunter deutlich

sichtbar blieb und fast so aussah, als ob er zierlich aus schwarzem

Papier geschnitten wäre, stand ein Hirsch, spitz gegen uns gekehrt, und

beobachtete aufmerksam den Einzug der _ihm_ jedenfalls unwillkommenen

Gäste. Regungslos verharrte er dabei in seiner Stellung und man konnte mit

dem Fernglas deutlich das ausgreifende Geweih erkennen, bis wir durch eine

Senkung des Hügelhangs seinen Blicken entzogen wurden. Aber selbst dann

beruhigte er sich noch nicht, und wenige Secunden später tauchte der

schlanke Körper wieder auf einer anderen etwas vorragenden Stelle des

Hügelrückens auf, von wo aus er die Häuser selber überschauen konnte. Dort

stand er bis es so dunkel geworden war, daß man ihn kaum noch erkennen

konnte, und verschwand endlich, wie in den Berg hinein.

Das Wetter blieb die letzten Tage ziemlich schwankend. Den Tag über hatte

es manchmal ein wenig geregnet, manchmal die Höhen mit dichtem Nebel

umzogen; auch der Wind war eben nicht zum Besten gewesen. In der Nacht

drehte er sich indessen nach Südost herum, die Luft wurde kalt und rein,

vom Himmel funkelten Myriaden Sterne, und gegen Morgen deckte leichter Reif

den Boden.

Ich war früh aufgestanden, in erster Morgendämmerung die Aussicht nach den

gegenüberliegenden Bergen zu haben. Von hier aus hatten wir den Blick auch

in ein anderes Thal, dessen Pulsader, der klare muntere Bergstrom, wie der

Johannisbach, an der Carwendelwand entsprang, und sein Wasser von Nord nach

Süd in die Riß hinein jagte. Laut aufjauchzen hätte ich aber mögen, als

ich hinaus vor die Thür der Hütte trat und von dem nächsten, kaum dreißig

Schritt entfernten Grashang das zu meinen Füßen liegende Thal, die

gegenüber liegende Berggruppe überschaute.

Ich will versuchen den Anblick zu beschreiben aber, lieber Gott, wie weit

bleiben da Worte hinter dem wundervollen zauberschönen Bild zurück das sich

hier, wie durch den Stab eines Magiers heraufbeschworen, vor meinen Blicken

entrollte, und mir die Seele mit Lust und Jubel füllte. Das ganze Rißthal

unter uns, soweit das Auge darin nach rechts hinunter, nach links hinauf

schweifen konnte, wie das schmale, zwischen dem Falken und Roßkopf nach

der Carwendelwand zulaufende Laritter Thal war in der Tiefe mit dichtem

milchweißem Nebel angefüllt, aus dem die grünen bewaldeten Wände wie die

dunklen Ufer eines Nebelstroms emporstiegen. Darüber hoch hinaus ragten

die starren Kuppen der ewig schönen Berge vor uns, mit den kühn gerissenen

Gipfeln des Gemsjochs während links der Kumpar sein spitzes Haupt in die

blaue Luft hineinreckte. Ein Duft lag dabei über dem Allen, wie er sich

weder mit Farbe noch Feder schildern läßt, und wie die Sonne höher und

höher stieg, und der Nebel da unten Leben und Bewegung bekam, wie es

den Wiederschein von den Gipfeln in's Thal hinunterwarf, wie sich die

schneeigen luftigen Schichten anfingen zu rollen und ineinander zu drängen,

und ihre Ränder jenen eigenen wunderbaren fast durchsichtigen Rosenschimmer

annahmen -- wie es da endlich mehr und mehr zu wogen begann, als ob die

Bergriesen dadrinnen die Schultern gegengestemmt hätten, und die weiße

Fluth mit aller Macht zum Thal hinaus schöben, wie hie und da ein kleiner

Bergesvorsprung inselgleich und dunkel daraus empor stieg, daß ihm die

weißen Schwaden durch die Wipfel seiner Bäume schwindend, schmelzend über

den Nacken flossen und die ganze Pracht des morgenglühenden Thales jetzt

plötzlich sichtbar ward, da wußte ich gar nicht mehr wie mir geschah, so

leicht, so froh, so glücklich fühlt' ich mich, und hätt' ich mich nicht

vor den Jägern geschämt, ich glaube, ich wäre dem nächsten Baum um den Hals

gefallen, und hätte laut geweint.

Es giebt ja aber auch nichts Edleres, nichts Reineres als die Natur. Wer

sich ihrer freut, wem Gott Empfänglichkeit dafür in's Herz gelegt, der hat

ein Recht sich den bevorzugt Glücklichen zu zu zählen, denn überall auf

dieser weiten wunderschönen Welt sind ja Genüsse für ihn ausgestreut.

Eigenthümlicher Weise erfaßte mich hier ein ganz ähnliches Gefühl als

damals, als ich das erste Rauschen der Palmen über mir hörte. In jener

heiligen Ruhe der Tropenwelt unter den mächtigen wunderbaren Bäumen

vermochte ich _den_ Eindruck unwillkürlich nichts Anderem zu vergleichen,

als dem stillen heimischen Schneefall in einem Fichtenwald, wenn die

großen Flocken so langsam und sanft hernieder sinken, zwischen den grünen

schützenden Zweigen durch, und mit der weichen reinen Decke den Boden

warm belegen. So zitterte mir hier, den wilden trotzigen Alpen, dieser

gigantischen, kühn gerissenen Bergesschönheit gegenüber, dasselbe selige

Gefühl durch's Herz das ich empfand, als ich vom Megamendong in Java nieder

das herrliche Preanger Thal mit seinen einzelnen Fruchtbaum-Oasen, seinen

dichten Wäldern und all seiner tropischen Pracht vor mir ausgebreitet sah

-- und doch wie ganz verschieden sind die beiden Scenen.

Dichter und compakter sammelte sich indeß, während die Sonne höher stieg,

der Nebel, rollte langsam, ein Zeichen guten Wetters, zum Thal hinaus und

weiter in's flache Land --, und unsere Jagd begann.

Aber ich darf den Leser auch nicht mit Wiederholungen ermüden. Wohl hätt'

ich ihm freilich gewünscht das wundervolle Schauspiel mit zu genießen, das

uns noch einmal über Tag am Heimjoch der Nebel in seinen eigenthümlichen

Schatten und Formen gab, oder ihn einmal über einen der dortigen Pirschwege

in die Bockgräben, und so mitten in die wilde Fels- und Schluchtenwelt da

eingeführt, doch versäumen wir leider zu viel Zeit dabei.

Diese _Pirschwege_, so behaglich das Wort _Weg_ auch in den Bergen klingt,

darf man sich übrigens nicht etwa zu bequem denken. Sie sind meist immer

nur angelegt vollkommen unerreichbare Klammen und Wände passiren zu können,

und dort hinein zu pirschen, oder -- wenn man auf die andere Seite will --

weite, oft stundenlange Umwege, zu sparen. Das würde aber einestheils sehr

viel und hier in den Bergen äußerst werthvolle Zeit kosten, und dann ist

auch ein _Anschleichen_ an die scheuen, mit so scharfen Sinnen begabten

Gemsen an solchen Stellen ohne derartige Hülfe fast ganz unmöglich --

wenn man nicht eben Tagelang darauf verwenden will und kann, sie zu

durchkriechen. Die Spitzhacke hat dabei oft nur in sehr rauher Weise eine

natürliche Ader des Felsens benutzt, dem Fuß geringen Halt zu bieten, oder

das Jagdmesser über die Klippen hier nur einfach durch die Laatschen Bahn

gehauen. Gar nicht selten aber ziehn sich diese sehr schmalen Pfade an

schroffen wilden überhängenden Wänden schwindelnd hin, und der Wanderer muß

sich wohl hüten dem Steine nicht nachzuschauen der von seinem Fuß berührt

mit dumpfem langem -- langem Fall die blaue Tiefe sucht.

Die Jäger sagen daß ein solcher Stein den Menschen nachziehe, und

Unglücksfälle dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen

sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber

auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand

niederfällt muß er allmälig, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem

Gesichtskreis des Nachschauenden kommen der, um ihm mit den Augen zu

folgen, gezwungen ist sich weiter und weiter nach Außen zu biegen. Dadurch

kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich _über_ den Abgrund, und mag

er so schwindelfrei sein wie er will, er _muß_ das Gleichgewicht verlieren.

Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich,

wie der Amerikaner sagt »viel zu interessant, um angenehm zu sein.«

[Illustration: =Stillleben.=]

[Illustration: =Ein Pirschpfad.=]

12.

Das Gemsjoch.

Dem Grasberg gegenüber, und der steilen Carwendelwand zu, zieht sich ein

enges, von steilen Wänden eingedrängtes Thal. Die Scenerie ist hier viel

wilder wie an der Riß, weil die Felshänge viel schroffere und deshalb auch

weit weniger und nur stellenweis bewaldete Vorsprünge, zum unten vorbei

quillenden Bach hinunter schieben. Sieht man dabei von dort zu ihnen auf,

so hält man es auch wahrlich nicht für möglich, daß weder die Gemse, noch

viel weniger ein keckes Menschenkind an ihnen fußen und sich ihren fast

senkrechten Schluchten anvertrauen dürfe. Und doch bieten sie dem kühnen

Gemsjäger nur geringes Hinderniß. Mit dem scharfen Eisen unter dem Fuß, den

spitzen starken Stock in der Hand, laufen diese Bergmenschen furchtlos die

schmale Bahn entlang, jede Hülfe die ihnen hie und da der Boden bietet

mehr in einer Art von Instinkt als mit Vorbedacht benutzend. Ihre Uebung

in dergleichen Werk, die ähnlichen Hindernisse die ihnen überall

entgegenstehen, geben ihnen auch schon den raschen und höchst nöthigen

Ueberblick, die besten -- oft die allein möglichen -- Stellen zum Uebergang

rasch und unverzagt zu wählen und zu behaupten.

Dort zogen wir hinauf, dem engen Thal folgend, das hier durch die breiten

Wände des kleinen Falken und Gemsjochs rechts und links gebildet wurde.

Dicht an den Ufern eines ziemlich starken rauschenden Bergbachs, dessen

breites steiniges Bett von der furchtbaren Gewalt Kunde gab mit der diese

Wasser im Frühjahr nieder stürzen, und Alles mitnehmen, was sie in ihrem

Wege finden, lag unser Pfad. Da plötzlich, wie durch Zauberei, war der

Strom verschwunden, selbst unter unseren Füßen fort, und nur die gähe

Stille um uns her, machte uns erstaunt niederschauen in das noch allerdings

eben so breite und steinige, aber vollkommen _trockene_ Strombett. Dies

plötzliche Verschwinden war so merkwürdig, daß wir zwanzig oder dreißig

Schritt zurückgingen, wo wir den hier etwa drei Fuß breiten, mächtig

quellenden Bach von der kleinen Falkenwand herüber unter dem Geröll

vorbrechen sahen, während ein schwächerer Zufluß von oben her, aber

ebenfalls tief unter dem Gestein hervor zu kommen schien. So eigenthümlich

es auch aussah und so sehr es uns im Anfang überraschte, so leicht erklärte

es sich doch, denn diese steilen Wände lösen durch Lawinen und Thauwetter

ununterbrochen kleinere oder größere Massen Steine los, und schleudern sie

in das Thal hinab. Diese sogenannten _Reißen_, die aus Nichts als wilden

unfruchtbaren toll durcheinander gestreuten Felsmassen und kleinerem Geröll

bestehn und an manchen Stellen hunderte von Fußen hoch liegen, nehmen

deshalb auch schon einen ungeheueren Flächenraum im Gebirge ein, und

scheinen sich von Jahr zu Jahr zu vergrößern. Es läßt sich denken, daß

sie dadurch oft ganze Bäche verschütten, die sich jetzt unter der lockeren

Decke die Bahn suchen müssen. Eben so wenig unterliegt es einem Zweifel,

daß durch diese ewigen Bergstürze und Abscheidungen des Gesteins die

scharfen und schroffen Gipfel der höchsten Kuppen mit der Zeit eine

Veränderung erleiden, und niedriger werden müssen; ihr Umfang ist nur zu

gewaltig, als daß ein einzelnes Jahrhundert es auffallend bemerkbar machen

sollte. So sieht die vollkommen senkrechte Carwendelwand, an deren Fuß

ungeheuere Reißen, ja wirklich Berge von Steinen liegen, die das Herz eines

Chausseesteinklopfers mit Entzücken füllen würden, gerade so von unten

aus, als ob sie durch diese Abbrüche jährlich wenigstens einen Fuß an

Höhe verlieren müsse. Kommt man aber an die Südseite der grasbewachsenen,

allmählig aufdachenden Hänge hinauf, und berechnet erst ihre Höhe, dann

begreift man freilich, wie eines einzigen _Zolles_ Dicke, von der Wand

abgeschält, ganze Berge von Geröll in's Thal hinab schleudern müssen. Wären

es aber auch selbst zwanzig Fuß so würden sie doch kaum den oberen Rand

verändern können.

Aufwärts jetzt, Freund Leser, aufwärts! Das ist ein mühsamer, langer Stieg

das Gemsjoch hinan. Wetter nocheinmal, wie massenhaft sich das Gebirg hier

aufthürmt und in Lanne und Felsgeröll aus dem bewaldeten Thal empor sich

hebt. S'ist auch am Besten man sieht sich gar nicht um, und steigt nur

ruhig, unverdrossen fort; einmal erreicht man den Gipfel doch.

Eine Gemsjagd in Tyrol · 第 8 / 11 段