Ich hatte mich in einen Laatschenbusch gedrückt, und Platz genug zum

Schießen -- wenn eben nur etwas kam -- auch heute zwei Büchsen neben

mir, da die Erinnerung an das gestrige Rudel den Verdacht in mir hatte

aufsteigen lassen, daß mir heute etwas Aehnliches wiederfahren würde. Der

Mensch giebt sich manchmal solchen angenehmen Träumen hin.

Ein paar Mal schwankte der Nebel, und es schien fast als ob er sich

zerstreuen wolle -- das wäre für die Jagd prächtig gewesen. Jedenfalls

hatte sich der Wind gedreht, und kam jetzt mehr von Norden als heut Morgen

-- aber der Nebel wich und wankte nicht. Da fing es plötzlich über mir an

in den Steinen zu donnern und zu prasseln, daß ich glaubte, der ganze Berg

käme herunter. Piff -- paff, gingen dabei oben die Schüsse rechts und links

-- _eine_ Kugel konnte ich auf die Steine aufschlagen hören -- und ein

ganzes Rudel mußte dort irgend wo aufgestanden und nach allen Richtungen

gleich hin flüchtig geworden sein.

Wie als ob Jemand auf dünnem Eise geht, es plötzlich links und rechts um

sich knackern hört, und nun in Todesangst, die Augen rasch hinüber und

herüber wirft, von welcher Seite die Gefahr, der schlimmste Riß zuerst wohl

kommen könne, _so_ hing ich in der Laatsche. Nebel daß man keine dreißig

Schritt weit sehen konnte, und jetzt rings um das tolle Poltern, ja sogar

soweit das Auge nach rechts und links schauen konnte, niederspringende

Steine -- es war ein Augenblick der peinlichsten Spannung und Erwartung,

einer der wenigen Momente im Leben, in denen man auf jeder Schulter und

besonders auf dem Rücken noch ein Gesicht mit ein paar Augen haben möchte,

und sich fast den Kopf in den vollkommen nutzlosen Versuchen abdreht,

überall hin, zu gleicher Zeit zu schauen.

Schüsse jetzt nach allen Richtungen -- Schreckschüsse wie sich später

auswies, die Gemsen die oben durchbrechen wollten zurückzubringen und

springende Steine von allen Seiten her. -- Wie Rettung aus dieser Noth,

brachen da plötzlich drei dunkle Schatten quer vor mir hinüber. Wenn ich

aber auch ziemlich deutlich sah daß es Gemsen waren durfte ich doch nach

_der_ Richtung hin nicht schießen, da leicht schon ein Treiber hier herüber

gekommen sein konnte, und die Kugeln auf den eckigen Steinen oft nach

ganz verkehrten Richtungen abprallen. Ehe ich aber auch nur hätte anlegen

können, waren sie von einer Schlucht oder vom Nebel verschlungen, und ich

hörte nur noch, wie sie bergab und der Richtung zusprangen, in der Prinz C.

stand.

_Paff!_ knallte ein Schuß, kurz und trocken von dort herüber, und es fiel

mir jetzt auf, was ich schon bei den früheren Schüssen bemerkt hatte, wie

wenig Schall sie nämlich in solchem Nebel haben. Bei klarem Wetter hätte

die rauhe mächtige Wand das Echo sicherlich mit donnerndem Getös hinab in's

Thal geworfen.

Aber ich brauchte meine fünf Sinne jetzt zu etwas Anderem, als

naturhistorischen Studien. Links von mir hatte ich einen, nur mit

Alpenrosenbüschen bewachsenen Hügelhang, den ich eben, als der Nebel vom

Wind darüber hingejagt wurde, erkennen konnte. Dorthin hörte ich auch

Getrappel und entdeckte gleich nach dem Schuß ziemlich deutlich die dunklen

Gestalten zweier Gemsen -- so groß dem Anschein nach wie Kälber --, die am

Hügelhang flüchtig aufwärts gingen. Das mußten jedenfalls Böcke sein, und

das war die letzte Gelegenheit für mich. Wenn sie mir auch in den dichten

Nebelschichten ein paar Mal unter den Augen weg verschwanden, schickte ich

ihnen doch, sobald sie wieder sichtbar wurden, rasch hintereinander drei

Kugeln nach.

Nach jedem Schuß -- und das Einschlagen der Kugeln mußten sie an dem

steilen Hang hören -- blieben sie allerdings einen Moment wie erstaunt

stehn, setzten aber auch dann eben so ungenirt ihre Flucht fort, bis mir

Hügelhang und Gemsen und Nebel vor den Augen zu einer grauen unbestimmten

Masse zusammenschmolz.

Bei der Nachsuche später fanden wir übrigens keinen Tropfen Schweiß, und

ein älterer erfahrener Schütze der mit unten gestanden und das Wild weit

näher gehabt als ich, aber nicht geschossen hatte, weil er behauptete es

sei eine Geis und Kitz gewesen, versicherte: die alte Geis wäre nach jedem

Schuß stehen geblieben, hätte sich nach dem Kleinen umgesehn und zu ihm

gesagt, »komm nur mit, mein Kindchen, du hast _gar_ Nichts zu fürchten.«

[Illustration]

Unser Jagdherr hatte in dem nichtswürdigen Nebel ebenfalls vorbeigeschossen

oder doch eine Gemse nur gestreift; die Nachsuche am nächsten Tag ergab

trotz hie und da gefundenem Schweiß kein Resultat.

Glücklicher dagegen war mein junger Nachbar gewesen, und als wir hinunter

kamen, fanden wir Michel emsig damit beschäftigt einen prachtvollen

Bock, der in voller Flucht den Berg hinunter gekommen und im Feuer

zusammengebrochen war, zu zerwirken.

Merkwürdig ist, wie sehr man sich bei solchem Nebel in den Formen und

Umrissen, besonders flüchtig gehenden Wildes täuscht, während die stete

Aufregung, Gemsen überall, vielleicht in Schußnähe, um sich zu wissen und

zu hören, und doch Nichts sehn zu können, dem Schützen auch die letzte Ruhe

nimmt. Ich wenigstens, obgleich sonst auf der Jagd gar nicht so übermäßig

hitzig, befand mich bei diesem Nebeltreiben in einer ganz unbeschreiblichen

Aufregung -- ein Anderer soll ruhig dabei bleiben.

Während wir wohl noch eine halbe Stunde mit der vergeblichen Nachsuche

verloren, war es fast dunkel geworden. Ein frischer Wind der sich zugleich

erhob trieb jetzt die oberen Nebelschichten vor sich her, und als wir dicht

unter der senkrecht niederfallenden Carwendelwand hingingen, zeigte sich

über uns der blaue reine Himmel, an dem einzelne lichte, von der Sonne

erhellte Wolken rasch nach Süden zu vorüber zogen. Zu gleicher Zeit

wurde die ganze dunkle zackige Wand sichtbar, und wir Alle blieben fast

erschreckt vor dem Anblick stehn, der sich hier uns bot.

Die Wolken zogen von uns weg, über die Wand hinüber, und wie es bei

halbklarem Himmel, wenn der Mond oben steht, gerade so aussieht, als

ob jene ihren Platz behaupteten, und nur der Mond in wilder Flucht

hindurchjage, so war es jetzt in wirklich Herz beklemmender Täuschung, als

ob die ganze furchtbare düstere Steinmasse, die ihre scharfen Zacken in die

klare Luft hineinreckte, langsam nach uns herüber schwankte, und Alle im

nächsten Augenblick mit ihrer riesigen Wucht zerschmettern müßte.

Ich wußte, es war nur Augentäuschung, und doch mußte ich den Kopf

wegwenden. Wie schön der Anblick war, so über alle Maßen furchtbar und

bewältigend war er auch.

Wieder schloß sich da der Nebel, und des zurückkehrenden Martin Bericht

brachte uns bald auf andere Gedanken.

Als er nämlich, wie er erzählte, vorher war abgeschickt worden dem

Rudel, das wir poltern gehört, den Weg abzuschneiden, glückte ihm dies

so vollkommen, daß er, vom Wind und ihrem eigenen Steingerassel dabei

begünstigt, dicht an sie hinankam. Im ersten unbedachten Schreck flohen sie

auch, wie sie den Menschen gewahr wurden, soweit es ihnen der starre Fels

erlaubte, grad' an der Wand hinauf. Dorten aber kamen sie bald zu einem

gezwungenen Halt, während ihnen der jetzt aufspringende Martin den Rückweg

abschnitt oder doch wenigstens verstellte. Ein paar Minuten blieben sie so

-- und das muß wundervoll ausgesehen haben -- an der steilen Felswand, eine

hinter der anderen kleben, bis der Jäger endlich, um sie dort herunter zu

bringen, einen Schreckschuß abfeuerte. Aber jetzt kamen sie, und zwar

so rasch daß Martin versicherte: »Jetzt mußt' ich aber gemach daß

ich fortkam,« denn kollernde und springende Steine und Gemsen, Alles

durcheinander, brachen und prasselten plötzlich zusammen und hintereinander

her den schroffen Hang nieder. Im Nu waren sie aber auch im Nebel

verschwunden und nur ihr Geklapper auf den lockeren Reißen verrieth die

Richtung die sie genommen.

[Illustration: =Die Nebeljagd.=]

[Illustration: =In der Flucht.=]

14.

Die Nachsuche.

Es giebt in unseren Naturgeschichten einige althergebrachte Anekdoten von

Menschen und Thieren die einmal »gang und gäbe« sind und die Einer

dem Anderen so unbefangen nacherzählt, als ob es sich nur um allgemein

anerkannte Thatsachen handelte. So versteht es sich von selbst daß der Löwe

ein höchst großmüthiges uneigennütziges Thier sei, der Rinaldo Rinaldini

unter den Bestien, der eine bestimmte Aversion gegen den Blick des

Menschen habe, und demselben unter keinen Umständen begegnen könne. Bei

der Klapperschlange heißt es, daß sie mit ihrem Blick allein Vögel

anlocke, banne und -- verschlinge. Ein Gemsjäger ferner ist, für die Jugend

wenigstens, untrennbar von dem Bilde eines Menschen der, mit einem sehr

spitzen Hut, auf einer sehr steilen Eiszinke steht und sich die Fußsohle

aufschneidet. Ich selber kann mich auch noch recht gut aus meiner

Jugendzeit erinnern, daß ich das Fußaufschneiden als vollkommen identisch

mit der Gemsjagd hielt, und so natürlich und einleuchtend, wie das Anziehen

von Ueberschuhen bei schmutzigem Wetter fand. Wie hätten sie anders an

_solchen_ Eiszacken herumklettern wollen. Kommt man dann aber später in

das wirkliche Leben und auf den Schauplatz solcher außerordentlichen

Ankündigungen hinaus, so findet man nicht allein bei diesen, sondern

auch bei noch vielen anderen, mit großer Entschiedenheit aufgestellten

Behauptungen, daß sich irgend ein biederer Gelehrter daheim im warmen

Studirzimmer bei einer Pfeife Tabak und mit Hülfe einer unbestimmten Anzahl

von Folianten derlei Schlüsse excerpirt und combinirt, und mit großem

Selbstvertrauen in die Welt hinausgestreut hat. Natürlich glaubt er das am

Ende selber was er geschrieben, und darf das Nämliche nun auch von Anderen

verlangen.

Wenn die Klapperschlangen aber nur davon leben sollten was sie mit den

Augen fangen, würde es bald keine mehr geben, und wenn sich der Gemsenjäger

dadurch _forthelfen_ sollte daß er sich des einzigen Mittels dazu durch

einen Riß in die Sohlen _beraubte_ -- seiner gesunden Füße -- so hätten die

Gemsen wahrlich gute Zeit.

Nichtsdestoweniger ist das Steigen in den Bergen doch eine keineswegs so

leichte Sache, und wenn der noch nicht recht darin Geübte auch gerade

nicht an solche Stellen hinzugehen braucht, die selbst den alten Steigern

»schiech« vorkommen, findet er doch Gelegenheit genug zu versuchen ob er

schwindlig ist und einen festen Schritt hat.

Die Jagd selber bietet dabei noch nicht das Schlimmste, denn dort kann sich

der Schütze und selbst der Treiber doch immer noch den gangbar scheinenden

Weg aussuchen und die schlimmsten Stellen vermeiden. Auf der _Nachsuche_

dagegen, um ein angeschossenes Gemsthier, führt dieses selber den Jäger,

der ihm auf dem Schweiß folgen _muß_, und daß sich die kranke Gems nicht

die bequemsten Wechsel aussucht läßt sich denken. Die Nachsuche ist

jedenfalls der wildeste und gefährlichste Theil der ganzen Gemsenjagd, und

eine recht hübsche Probe habe ich wenigstens davon bekommen. Am Heimjoch

hatte ich eine Gemse, die flüchtig auf dem Pirschgang vor mir in die

Laatschen sprang, angeschossen, und Rainer war ihr schon an dem Abend

soweit auf dem Schweiß gefolgt, bis er eben nicht weiter nach konnte. Die

Nacht regnete es was vom Himmel herunter wollte, und um das angeschossene

Wild nicht zu verlieren, ging ich am nächsten Morgen mit ihm, Wastel und

zwei Hunden aus, dort wo er gestern die Spur verlassen, heute »verloren«

nachzusuchen.

Da dem Platz, wie Rainer versicherte, von oben nicht gut beizukommen war,

versuchten wir es von unten, die Klamm aufwärts, und mit Steigeisen an

den Füßen, jetzt an steilen Klüften hinauf, wo wir den Hunden nachhelfen

mußten, jetzt durch die nassen Laatschen kriechend, über glattes Gestein

und bröckelige Reißen, an Abgründen und Felsspalten hin, erreichten wir

endlich die Stelle wo der Jäger vermuthete, daß sie sich eingestellt

haben möchte. Wastel war ein Stück zurück geblieben, in ein paar andere

Felsspalten hinein zu schauen, ob sie dort nicht vielleicht verendet läge,

als plötzlich die Hunde dicht vor mir laut wurden. Und sie hatten Ursach

dazu, denn aus den Laatschen heraus, durch die steile Schlucht vor, an

deren Wänden wir hingen sprang plötzlich die angeschossene Gems, machte

ein paar Sätze und stellte sich dann kaum zehn Schritt von mir entfernt auf

eine kleine spitze Felskuppe.

Jetzt kam ein Moment den der Amerikaner sehr treffend mit dem Sprichwort

bezeichnet »den Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.« Das Schloß der

Büchse hatte ich, die Nässe davon abzuhalten, mit dem Taschentuch umwunden,

und an einer Stelle wo ich mich nicht einmal umdrehen konnte, während ich

mit dem linken Arm um einen Laatschenzweig hing, war ich nicht im Stande

den verwünschten Knoten der nassen Seide aufzubekommen. Lang' hielt sich

die Gemse aber auch nicht auf, die Hunde waren ihr zu dicht auf den Fersen,

und nur einen halberstaunten, halberschrockenen Blick auf uns werfend

sprang sie, von den Hunden verfolgt und augenscheinlich krank den Hang

hinunter. Bergmann besonders, der kleine Teckel, warf sich mit wahrer

Todesverachtung, und ganz auch seine kurzen krummen Beinchen vergessend,

hinter drein. Ein Stück Wegs sah ich ihn auch wirklich auf dem Rücken, die

Beinchen in der Luft, hinabrutschen; aber er kam richtig wieder auf die

Füße, und es dauerte gar nicht lange so hatten sie unten die kranke Gemse

gestellt, die der herbeigeeilte Wastel todt schoß.

Rainer hatte seine innige Freude daß die angeschossene Gems gefunden worden

-- die Leute setzen einen Stolz darein Alles wobei sie betheiligt sind mit

Erfolg gekrönt zu sehn.

»Ich wußte daß wir ihn heut' bekommen würden,« rief er, als der Schuß von

unten herauf, und das plötzliche Schweigen der Hunde den Tod der Beute

kündete -- »wie ich nur den Schweiß gestern observirte wußt' ich es. Was

aber der Bursch noch springen konnte. Er setzte mit wahrer Tolleranz die

Wand hinunter.«

Außerdem entwickelte er bei dieser Gelegenheit auch noch eine, auf

praktische Erfahrung gegründete Theorie der Bergschuh, insofern sie auf

Lannen und Felsen verschiedene Eigenschaften besitzen müssen. Er hielt

nämlich _die_ Schuh für gefährlich, die außer den Randnägeln auch noch

eiserne Nägel in der Mitte hätten. »Auf den steilen Lannen und Grasboden,«

sagte er dabei, »schadet das Nichts, da ist Eisen die Hauptsache, aber wenn

man auf Steine kommt, dann ist es auch nöthig daß man Leder unter dem Schuh

zu fühlen bekommt. Das Eisen rutscht auf den Steinen eher ab, aber das

Leder ist mehr »elektrisch« -- das hält!«

* * * * *

Die Jagd! Die frohe herrliche Jagd! oh wie viel könnt' ich dem Leser noch

davon erzählen, müßt' ich nicht fürchten ihn zuletzt zu ermüden. Es ist ein

Unterschied das mit durchzuleben, oder es nur erzählen zu hören, obgleich

der, der selber Jäger ist, sich wohl leicht und gern in das herrliche Leben

solcher Berglust mit hineindenkt, und selbst der Laie für kurze Zeit

Theil daran nimmt. Lieber Gott, die Poesie liegt uns, in der altbackenen

Wirklichkeit unseres Daseins, meist so fern, daß man eigentlich froh sein

sollte noch einen Platz in gar nicht so weiter Ferne zu wissen, in dem sie

in all ihren Reizen prangt und thront. Wenige Herzen sind es ja außerdem,

die den Sinn, die das Gemüth und den freien männlichen Muth haben sie dort

festzuhalten.

Wie eine Schnur kostbarer Perlen reiht sich da ein Tag an den anderen,

keiner dem vorigen ähnlich, alle wieder neue Abenteuer, neue Scenen,

neue Erfahrungen bringend, und alle gleich werthvoll, gleich schön in der

Erinnerung. Heute ein Treiben in wild zerrissener und zerklüfteter Klamm,

während der Sturm durch die Berge heult, und wie Kanonendonner durch die

Schluchten saust, die Laatschen wie ein grünes Meer durchwogt und schwere

Steine von den Wänden reißt -- Morgen ein stiller Pirschgang in früher

Morgenstunde über die Joche hin und durch die Gräben nieder, und gerad'

Beschwerden und Gefahr genug dem wahren Manne das Herz mit Lust und Wonne

bis zum Rand zu füllen.

[Illustration]

Auch daß die Jagd nicht alle Tage glückt, verleiht ihr einen weit höheren

Reiz, als wenn man eben nur hinauszugehen brauchte das Wild todt zu

schießen. Es _ist_ wirkliche Jagd, und hat deshalb auch gar keine

Aehnlichkeit mit den Hasenschlächtereien des flachen Landes. Was man

erlegt, hat man sich wahrlich sauer und schwer genug verdient. Wenn man

dann auch drei oder vier Tage umsonst die schwersten Touren gemacht, bringt

der Erfolg des fünften hundertfachen Lohn.

So verfliegt der Tag draußen in den Bergen, daß man oft gar nicht weiß wo

er hingekommen, und der Abend am lodernden Kamin vergeht nicht schneller

fast. Müde wird der Körper ja überhaupt nicht in dieser reinen Luft,

selbst nach Anstrengungen, die im flachen Land den stärksten Mann zum Tod

erschöpfen würden. Die Zeit dann zwischen Jagd und Jagd ist deshalb nicht

Erholung, sondern wieder nur ein Vergnügen anderer Art. Man hat eben nicht

zu jagen aufgehört weil man müde -- sondern einfach weil es dunkel wurde,

und beginnt frisch, wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten

zeigt -- bis der Schnee kommt.

* * * * *

Der Schnee ist des Gemsjägers Feind, und so erfreulich ein Neues im flachen

Lande sein mag, Wild zu bestätigen, und den Wald nach Raubzeug abzuspüren,

so derb und mächtig tritt er dort in den Bergen gewöhnlich auf, wenn er

erst einmal beginnt.

Oft geschieht es allerdings, daß es oben auf den Jochen in der Nacht einen

Fuß Schnee herunterwirft, und um Mittag herum die Sonne, von dem warmen

Boden begünstigt, auch das Letzte an der Südseite der Hänge wieder

aufgesogen hat. Er liegt dann auch weit lockerer dort wie im flachen Land.

Das geht aber ein- oder zweimal so -- nachher wird's Ernst, und hat er sich

erst einmal ordentlich da festgesetzt, dann ist's auch in den Alpen mit der

Jagd vorbei, -- wenigstens mit der Treibjagd. Ja selbst der Pirschende wäre

gezwungen alle gefährlichen und selbst nur steilen Plätze zu vermeiden, und

hätte sich noch außerdem vor Lawinen und Schneestürzen arg zu wahren.

Die Gemsen sollen sich bei heftig eintretendem Schneewetter in den Wald

hinunterziehn. Sobald es aber aufgehört hat zu schneien, gehen sie wieder

auf die Höhen, und wo die Lawine den Schnee in's Thal hinunter reißt,

öffnen sich für sie nicht allein vollkommen sichere, sondern auch

treffliche, von der hemmenden Decke freie Aesungsplätze.

Daß Gemsen von Lawinen erfaßt und begraben werden geschieht außerordentlich

selten. Die klugen Thiere kennen schon die gefährlichen Plätze wie die

gefährlichen Zeiten, und meiden sie sorgfältig. Weit eher wird ein Stück

Wild von diesen »Schrecken der Berge« überrascht, wie denn auch das Roth-

und besonders das Rehwild, weit eher dem schweren Schnee erliegt.

[Illustration: =Das Niedersteigen.=]

15.

Schluß.

Und muß es denn geschieden sein? -- Die Hörner und Joche sind bis zum Fuß

hinab in ihre weißen, wallenden, grün beränderten Mäntel gehüllt; der Frost

hat diese Decke mit einem glänzenden, spiegelglatten Panzer umzogen, und

wäre es jetzt selbst möglich in den Bergen fortzukommen, die Gemsen hörten

doch schon halbe Stunden weit den lauten Schritt. -- Und wie so furchtbar

wild und öde jene weiten Klüfte jetzt aussehn, nun der Winter sie mit

tiefem Schnee gefüllt, und Felsenspalten und Bergesschlucht mit seinem

Athem glatt geebnet hat. Wie bläulich die Schatten sich darüber legen, und

der Sturm den weißen Staub hochwirbelnd in die Lüfte führt. Die Laatschen

biegen unter der gewaltigen Last, und sind schon lange zu festen

untrennbaren Massen zusammen gegossen worden. Nur die obersten Joche hat

die Windsbraut sich rein gefegt zum tollen heulenden Tanz, wirbelt da oben

den Schnee lustig im Kreise herum, und jauchzt ihr wildes Jubelgeschrei in

die Schluchten nieder, daß es wie gäher Donner durch die Thäler braust.

Zitternd und scheu sucht in solcher Zeit das arme Wild den Schutz der

bergenden Waldung, und die breitarmige Tanne, die ihre Zweige wie ein Dach

zur Erde niedersenkt, hat immer noch ein Plätzchen für ihre Lieblinge.

An Nahrung kann sie ihnen freilich Nichts weiter bieten, als was sie

sich selber gegen den Schnee geschützt gehalten, und was vielleicht der

Nachbarbaum noch birgt. Ob nun das Wild den Sommer durch absichtlich das

Gras unter diesen Bäumen schont, im Winter Nahrung dort zu finden, oder ob

es ihm, wo überall genug der süßen Aesung steht, zu unbequem ist unter

die niederhängenden Zweige zu kriechen, aber diese unter den Bäumen

freigehaltenen Stellen sind dem Wild in jenen Bergen der größte Schutz

gegen Sturm und Hunger, und nur, wenn der Schnee zu furchtbar arg wird,

wie im vorletzten Jahr, und die armen Geschöpfe vielleicht gar an solchen

Stellen einschneien und sich nicht wieder vorarbeiten können, dann freilich

gehn sie ein, und Füchse und Raubvögel haben reiche Atzung.

[Illustration]

Sobald aber die Schneedecke friert und hart wird, ist die flüchtige Gemse

wieder auf den Füßen, und dann geht es mit frohen Sprüngen in die Berge

hinauf, dort süßere Aesung zu suchen als der Wald ihr bieten konnte. An den

schroffen Wänden giebt es auch überall Schneestürze, die hie und da einen

Grasfleck freigeschoben haben, bis die Lawine mit vollen Händen den grün

und reich besetzten Tisch für sie deckt. In der Zeit haben sie auch nicht

mehr des Jägers Rohr zu fürchten. Wenn sie nur die Augen gut nach oben

Wacht halten lassen -- nach unten sind sie sicher.

* * * * *

Vor dem Schloß stehn die Jäger, dem scheidenden Herrn noch ein Lebewohl

zuzurufen. Sie sind meist Alle in ihrer Sonntagstracht und sehen ernst,

ja fast traurig aus, unterhalten sich auch nur leise miteinander. Die

fröhliche Jagd ist vorbei, der lange schwere Winter liegt vor ihnen, und

sie haben Nichts, das sie heiter stimmen, oder ihnen Anlaß zu den sonst

häufigen Scherzen und Neckereien geben könnte.

Auch Bandey, der Fischer und Vogelsteller steht dazwischen, mit noch ganz

besonderer Ursache unzufrieden zu sein. Armer Bandey, Du paßtest vergebens

auf einen Deiner Kameraden, den Du für den Fischdieb hieltest, und während

Du mit Zorn und Rache in dem sonst so gutmüthigen Herzen auf einen spitzen

Hut und ein paar Lederhosen zur Zielscheibe wartetest, stahl Dir eine

Fischotter, fast unter dem Lauf der alten Schrotflinte weg, die mühsam

gefangenen und so treu bewachten Forellen.

Selbst Jackel fehlt nicht mit dem rothen, gutmüthigen aber immer etwas

verdutzt dreinschauenden Gesicht. Er sieht heute aber nicht reinlicher aus

als gewöhnlich. Da tritt der Kammerdiener zu ihm, und reicht ihm freundlich

die Hand zum Abschied.

»Nun Jackel, halte Dich gut bis zum nächsten Jahr.«

»Danke schön; gleichfalls -- kommen Sie hübsch gesund wieder her,« nickt

Jackel gutmüthig, und schüttelt die gebotene Rechte aus Leibeskräften.

»Aber Jackel,« sagt da der Kammerdiener, indem er seinen prüfenden Blick

an der vierschrötigen Gestalt auf und nieder gleiten läßt, mit freundlich

verweisender Stimme, »wie siehst Du wieder aus. Reine Wäsche hätt'st Du Dir

doch wenigstens heute anziehen können. Was sollen denn die Herren von Dir

denken?«

»Ach Herr Kammerdiener,« sagt Jackel gutmüthig lächelnd, aber doch ein

wenig dabei erröthend, -- »die sind's halt schon an mir gewöhnt.«

Die Wagen fahren vor -- die Jagdgesellschaft tritt in den kleinen Vorhof

hinaus, und Jeder springt auf seinen Sitz. -- Noch einen freundlich

grüßenden Blick wirft der scheidende Herr über die Gestalten der Jäger, die

ihm mit rasch heruntergezogenen Hüten den herzlichen Abschiedsgruß

zurufen, einen anderen, fast mit einem leichten Seufzer nach den schneeigen

Bergriesen hinauf, von denen er jetzt wieder auf ein volles Jahr Abschied

nimmt -- und wie im Flug rollen die leichten Wagen die schmale aber glatte

Straße entlang, dem flachen Lande zu.

Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription

werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=

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Der Halbtitel wurde entfernt.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Buchanfang verschoben.

Die 12 ganzseitigen Lithographien (nicht: "Das Jagdschloss.") sind im

Original mit dem Hinweis "Lith. Inst. v. L. Sachse & Cº Berlin." versehen,

der in der Transkription entfernt wurde. Die ganzseitigen Illustrationen

wurden an das jeweilige Kapitelende verschoben.

Eine Gemsjagd in Tyrol · 第 10 / 11 段