»Es sind nun schon ein paar Jahre her, da hört' ich, als ich vom Heimjoch

eines Tages nieder stieg, in der Laures einen Schuß. Ich machte daß ich

hinüber kam und ungefähr in der Gegend, wo ich glaubte daß es gewesen sein

könnte, vorsichtig herumpirschend, sah ich plötzlich einen fremden Kerl

mit einer grauen Joppe, und einem schwarzen Bergsack neben sich, auf einem

Stein sitzen und ganz behaglich frühstücken. Dicht bei ihm lehnte sein

Stutzen und vor ihm lag eine Geis, die er eben geschossen hatte. Der Wind

ging gerade ziemlich stark und ich konnte dicht an ihn hinankommen. So,

eh' er sich's versah, sprang ich auf ihn, und drohte ihn über den Haufen zu

schießen wenn er die Hand nach der Büchse ausstreckte. Was wollte er machen

-- ich war im Vortheil und er mußte thun was ich von ihm verlangte. Ich

nahm ihm also vor allen Dingen den Stutzen weg und hing ihn über, ließ ihn

die Geis einpacken und aufhucken, und dann mußte er mit mir zu Hause gehn.

Er jammerte freilich ich sollte ihn laufen lassen, aber das durfte ich

nicht, und so waren wir bis vielleicht eine Viertelstunde vor meinem Haus

gekommen, als er mich bat ich möchte ihn einen Augenblick niedersetzen

lassen -- er sei so müde. Er legte den Bergsack ab, und ich blieb neben

ihm stehen. Wie ich nun dachte daß er gerastet, sagt' ich ihm wir wollten

weiter gehn, und er gehorchte auch und that als ob er den Sack wieder

aufnehmen wollte. Als er sich aber danach niederbarg, erwischte er einen

Stein, den er sich wahrscheinlich schon vorher dazu ausgesucht hatte, fuhr

wie der Blitz wieder in die Höh', und schlug mich damit an den Kopf. Nun

glaubt' er freilich er hätt' mich, aber damit war's gefehlt. Ich packte ihn

bei der Schulter und Kehle, und wenn's auch ein junger Kerl war, wär' er

mir doch nicht fortgekommen. Da erwischt er meinen Daumen hier zwischen die

Zähne daß ich glaubte, er hätt' ihn mir schier abgebissen, und wie ich ihn

im ersten Schmerz losließ, stieß er mich von sich, und war im Augenblick

nachher in den Laatschen drin. Das war das letzte was ich von ihm gesehn

habe, und mein Finger wurde nachher gar arg schlimm.«

»Wie Jackel noch gewilddiebt hat, soll ihm auch einmal ein Jäger die eine

Fingerkuppe weggeschossen haben,« sagte auf einmal der Kammerdiener ganz

ernsthaft aus dem Hintergrund vor.

»Wer? ich?« rief Jackel, dem die Pfeife beim Zuhören wohl zwanzig Mal

ausgegangen war, ganz erstaunt. »Aber schon nicht. Den hab' ich mir mit

einem Handbeil weggeschlagen.« -- Die anderen Jäger lachten.

»Hat nicht der Rainer vor ein paar Jahren einmal dem Jackel ein Gewehr

weggenommen?« frug ich, das Bergmännle vor mir auf dem Schooß haltend und

es langsam streichelnd.

»G'raubt hat er's!« rief aber Jackel, dem die Frage eine höchst fatale

Erinnerung weckte -- »heimlicher Weise aus der Hütte 'raus.«

»Was hatt'st Du mit einem G'wehr in der Hütte zu thun?« vertheidigte sich

aber Rainer -- »Du bist kein Jäger.«

»Das weiß ich,« sagte Jackel, und zieht vergebens an der ausgegangenen

Pfeife, »aber damals, 48, wie die Welschen herüber kommen sollten, da hatt'

ich mir ein gutes G'wehr gekauft -- es kostete mich _fünf_ Gulden, aber

es schoß auch gut, und weil ich's nicht zu Haus lassen wollt', wo sie mir

schon einmal mit Schroten drauß geschossen hatten, nahm ich's mit auf die

Alm zum Holzhacken. Der Rainer aber der war mir nachgeschlichen und hat

sich hinter 'en Busch gelegt, bis wir an die Arbeit 'gangen waren, und dann

ist er hergekommen und hat es heimlich g'raubt und mit fortgenommen -- und

ich soll's heute noch wiedersehn.«

Jackel stand übrigens in der That in dem Verdacht früher manchen eben

nicht nöthigen Spaziergang in den Bergen gemacht zu haben. _Die_ Zeit lag

indessen hinter ihm, und er läugnete das jetzt hartnäckig. So gutmüthig

diese Bursche dabei sind, so schlau sind sie, und als ihm der Herzog einmal

in den Bergen befahl seine Büchse zu laden, stellte er sich so ungeschickt

dabei an, als ob er gar nicht wisse, was unten hin gehöre, die Kugel oder

das Pulver.

Der Jagdplan auf den morgenden Tag wurde jetzt besprochen, und da wir

vor Tag ausbrechen mußten, unseren Stand noch vor der Morgendämmerung zu

besetzen, stand der Herzog auf, die Nacht auf seiner mit Heu gestopften

Matratze unter einer wollenen Decke zu verbringen.

»Wie viel Uhr ist's? -- es muß schon spät geworden sein.« Rainer hat rasch

nach seiner silbernen Uhr gesehn.

»Zehn Uhr, Hocheit.«

»Zehn Uhr?«

»Point du tout, zehn Uhr!« versichert Rainer.

* * * * *

Die meisten Jäger schliefen in einer anderen Almhütte, in der noch Heu

vorräthig lag, und krochen dort hinein. Der Kammerdiener hatte mit dem

Mundkoch sein »Bett« in einer Ecke der Hütte hier gemacht, und während ein

Theil der Jäger ebenfalls in's Lager kroch, sammelte sich ein anderer noch

um das Feuer, stopfte sich eine frische Pfeife, und sprach sich über seine

morgenden Jagdhoffnungen aus.

Auch Jackel hatte, da der Raum frei wurde seine Pfeife wieder frisch

gestopft und angezündet, und ging jetzt daran seine nächtliche _Arbeit_ zu

beginnen.

Ihm war nämlich das Amt übertragen sämmtliche Schuhe der Schützen wie

des Kammerdieners und Kochs zu schmieren und etwa herausgebrochene Nägel,

sogenannte _Zahnlücken_ nachzusehn und wieder auszubessern. Das hielt ihn

allerdings manchmal bis spät in die Nacht beschäftigt, verhinderte ihn aber

nie, Morgens der Erste wieder am Platz zu sein und Feuer anzumachen.

»Nun Jackel, wie ist es den letzten Sommer hier oben gegangen, gut?«

»Ih, muß ja wohl gut sein -- ich bin ja halt immer gesund gewesen.«

»Aber er hat Aerger mit seinem Wirth gehabt,« sagt Martin, mit einem

Blinzeln des linken Auges, »der hat ihm zu viel für Miethe abgefordert.«

[Illustration]

»Ih nun ja,« sagt Jackel gutmüthig -- »aber er braucht sein Bischen auch

-- vorigen Winter hat er mir's aber ganz geschenkt, weil ich ihm soviel

erzählt habe, was die Herren hier untereinander gesprochen.«

»Und was zahlt Ihr jährlich Miethe?«

»_Zwei_ Gulden,« erwiederte Jackel, mit einer starken Betonung des

Zahlworts, und paßte einen neuen Nagel in den vor ihm auf dem Knie

liegenden Schuh.

»_Zwei_ Gulden?« ist die erstaunte Gegenfrage, »jährlich?« --

»Ja, aber ich hab' auch frei Holz dafür,« ergänzt Jackel, seine Extravaganz

in Miethe doch etwas zu mildern.

»Aber das muß Er sich selber klein machen?« vertheidigt ihn der

Kammerdiener wieder mit komischem Ernst, den Eigennutz des Wirths in recht

grelles Licht zu setzen.

»Ih nun ja, das thu' ich gern,« sagt Jackel gutmüthig.

»Und mit was beschäftigt Ihr Euch nun den Sommer über?«

»Mit Allem was vorkommt, eigentlich aber bau' ich Cithern und Geigen.«

»So? und die sind wohl theuer?«

»Nu ja,« sagt Jackel, und zieht die Augenbrauen hoch in die Höh' -- »eine

recht _gute_ Geige, was sie eine _Tanzmeistergeige_ nennen, die kann ich

doch schon nicht unter _sechs_ Gulden zusammenbringen, und eine hübsche

Wiener Cither kostet auch so viel -- sie sind ein Bischen theuer, aber es

ist auch große Arbeit d'ran.«

»Und die gewöhnlichen sind billiger?«

»Ei ja schon -- aber doch auch immer zwei bis drei Gulden -- unter dem

ist's nicht möglich. -- Oh ich verdien' ein recht hübsches Geld und Viele

haben's noch schlimmer wie ich, in den Bergen --«

Ehrlicher Jackel -- wie wohlthätig wäre es Manchem der seine Einnahme nach

Tausenden zählt, und immer noch nicht zufrieden ist, immer nicht auskommt,

und mit dem Schicksal murrt, sich einmal mit einem solchen Mann zu

unterhalten. Wie wenig braucht der Mensch und wie viel braucht er

eigentlich. -- Mit wie wenigem können Leute glücklich und zufrieden sein,

und wie häufig laden wir uns selber da draußen in dem tollen Treiben das

wir die Welt nennen, neue und neue Lasten, neue und neue Bedürfnisse auf,

keuchen unter dem thörichten Gewicht, das wir freiwillig mitschleppen, und

klagen das Schicksal an, daß es uns nicht zu Hülfe kommt.

Es ist Nacht -- schon halb im Schlaf hör' ich noch das Klopfen Jackels,

der die pyramidenköpfigen Randnägel in die geschmierten Schuhe schlägt.

Der Wind hat sich dabei aufgemacht und heult über das Joch, und der Regen

schlägt kaltpeitscheud auf das Dach nieder. -- Dort steigt der Jackel, mit

_einem_ Schuh an, den halbverwesten Leichnam auf der Kraxen, die steile

Wand hinunter, und statt dem Bergstock trägt er eine Cither unter dem Arm.

-- Und wie das prasselt und donnert um uns her. -- Das ist ein Rudel Gemsen

das über die Reißen setzt und hier hernieder stürmt -- und jetzt ist

die Büchse abgeschossen. Rasch das Pulver hinein, und die Kugel mit dem

Pflaster obendrauf -- heiliger Gott sie steckt fest -- der Ladstock bringt

sie nicht hinunter, und dort steht das ganze Rudel und starrt uns an. --

Ha -- jetzt geht's -- langsam rutscht sie nieder -- der kalte Schweiß läuft

mir von der Stirn -- jetzt sitzt sie -- der Ladstock springt -- und nun ein

Kupferhütchen. -- Das eine rutscht aus den Fingern und fällt zwischen die

Steine -- die Gemsen sehen die Wand hinunter -- in der Tasche _muß_ doch

noch eins stecken -- keins mehr zu finden -- und da auch nicht -- da wieder

nicht -- halt hier ist richtig noch eins im Futter drin und nun nach. Noch

können die Gemsen nicht aus Schußweite sein, und wenn ich jetzt hinab

nach jenem Absatz springe -- ha, wie die Steine unter dem flüchtigen Fuß

hinwegstieben und nieder, nieder rollen in die Tiefe -- weiter und weiter

-- und jetzt -- der ganze Berg rollt. Wie eine furchtbare Fluth schiebt

sich die ganze Decke in's Thal hinab dem steilen Abgrund zu, und dort gähnt

schon die furchtbare Tiefe schwarz herauf. -- Die überhängende Laatsche

faßt noch die zitternde Hand, das Gewehr poltert nieder und unten -- tief

unten in der Nacht hör' ich den dumpfen Knall und wenn der Zweig jetzt --

er knackt -- er dreht sich in der Hand -- hinab -- ha -- -- Gott sei Dank

-- es war nur ein Traum! Was man für Dinge in den Bergen träumt.

[Illustration: =Die Almhütte.=]

10.

Die Delpz.

Draußen ist's still geworden. Durch das kleine Fenster schaut das

Siebengestirn freundlich herein und der Sturm scheint vorüber zu sein.

-- »Schritte vor der Thür?« -- wahrhaftig schon Morgendämmerung, der

Kammerdiener kommt zu wecken.

Wie die kalte frische Luft durch die Nerven zieht und die Haut prickelt,

aber den Schlaf auch dafür im Nu von den Lidern scheucht. Und was für ein

wunderbares Dämmerlicht, da oben auf die hohe Rasenwand der Delpz fällt,

und wie nah und niedrig jetzt die Berge aussehn. -- -- Fangt aber nur an zu

steigen und sie dehnen und strecken sich und ihre Gipfel wollen nicht näher

kommen, stundenlang.

Jetzt Gesicht, Brust und Hände im kühlen Quell gebadet -- nun hinein an

das knisternde Feuer so rasch als möglich eine Tasse Kaffee zu bekommen und

dann fort, denn eine tüchtige Strecke haben wir zum heutigen Treiben noch

zu machen.

Der Mundkoch, zwischen einer Quantität Töpfe und Kannen ist indessen

emsig beschäftigt das Frühstück für die Jäger herzustellen, und der

_Kammerdiener_ besorgt das Gleiche für die Jagdgesellschaft.

Ueberhaupt ist dieser das Factotum in den Bergen, das Kammrad um das sich

die ganze Maschinerie des _inneren_ Ministeriums wenigstens dreht. Stände

er einmal still, es gäbe eine Heidenconfusion. Er hat für Alles zu sorgen

und sorgt für Alles; die ganze Einrichtung verschwindet auf dem einen

Pirschhaus und taucht auf dem anderen wieder auf. -- Niemand wüßte wie,

wenn nicht die Träger hie und da beim Treiben oben an einer Wand dem

Pirschpfad folgend sichtbar würden, und gewissermaßen die Fäden zeigten, an

denen sie bewegt werden.

[Illustration]

Aber von all den tausend Kleinigkeiten, an die zu denken ist, vergißt er

selten oder nie etwas. -- Alles ist besorgt, alle Träger sind zur rechten

Zeit bestellt und an den rechten Ort gewiesen -- Erkundigungen sind

schon vorher eingezogen ob an dem neuzuwählenden Platz Heu vorhanden ist,

Matratzensäcke und Kopfkissen damit auszustopfen, wie es mit dem Proviant

gehalten wird, den der Haushofmeister vom Jagdschloß aus hinauf befördern

läßt. -- Die Träger die das Essen heraufbringen, nehmen denn auch

gewöhnlich die erlegten Gemsen mit, und Boten wechseln dabei herüber und

hinüber. Er ist zugleich Tafeldecker und Kammermädchen, Haushofmeister

und Kammerdiener, bessert erlittene Schäden aus und beugt neuen vor -- hat

Alles von Instrumenten und Utensilien in Vorrath was man sich nur denken

kann, ein ganzes Arsenal von Knöpfen, Nadeln, Zwirn, Nägeln, Bändern etc.

etc. etc.

In seiner ärgsten Geschäftigkeit trägt er dabei einen weißen Hut; nur

Morgens nach dem Frühstück wenn _Alles_ abgefertigt, wenn die ganze Jagd

hinausgezogen ist in die Berge, und ihm das Feld allein überlassen

wurde, dann hat er eine gestrickte Mütze die er aufsetzt, und die

_Beruhigungsmütze_ nennt. Dann ist Frieden im Reich, und höchstens Jackel

mit den übrigen Trägern zurückgeblieben, seine Anordnungen auszuführen.

Aber fort -- fort; draußen hellen sich schon die Höhen und der Morgen

bricht sonst an, ehe wir die, noch ziemlich ferne Schlucht erreichen. Kalt

und frostig schickt ein scharfer Nordost seinen eisigen Hauch herüber, und

die Glieder müssen wir durch Gehn erwärmen. Das ist auch leichte Arbeit in

den Bergen, denn jetzt an steiler Lanne hin, den kaum sichtbaren Pirschpfad

folgend, jetzt thalauf und ab, fühlt man die Kälte bald nicht mehr, und

gar nicht lange, so zeigen die fallenden Schweißtropfen und die heiße Stirn

eine ganz andere Temperatur, als die beim Ausgang war.

Die Nacht, oder vielmehr gegen Morgen hatte es etwas geschneit und in

dem Delpzkessel selber, an der Nordwand, lag auch noch Schnee von einem

früheren Fall her. Dort wurde ich hinaufgeschickt, und zwar so weit, daß

ich bis dicht unter die steil anlaufende Wand und auch eine Strecke nach

unten -- wo außerdem noch gegenüber eine Wehr hinkam, schießen konnte.

Die Parole war dabei: ruhig und still liegen zu bleiben und sich nicht zu

rühren, denn das Geringste was sich regt, gewahrt die Gemse.

Der einzige günstige Platz den ich mir da oben, wo auch nicht der geringste

Busch, nicht die kleinste Laatsche stand, aussuchen konnte, war in einem

flachen Erd- oder vielmehr Schneekessel, denn der ganze Hang lag dicht mit

gefrorenem Schnee bedeckt. Im Bergsack hatte ich allerdings den für solche

Fälle höchst nöthigen Mantel und war auch noch von dem raschen Marsch warm

genug, trotz den nackten Knieen eben keinen Frost zu fühlen -- aber das

Treiben wollte nicht beginnen. Eine Viertelstunde verging -- eine halbe --

eine ganze Stunde -- und noch regte sich nicht das Geringste, weder auf der

Höhe von Treibern, noch im Kessel drin von einer Gemse.

Die Zähne fingen mir jetzt an zusammen zu schlagen und ich kauerte mich

eine Weile so eng ich konnte auf dem nichtswürdig kalten Schnee zusammen.

Die Neugierde läßt den Menschen aber auch da nicht ruhn, und vorsichtig

wieder den Kopf hebend, schaute ich mit abgenommenem Hut über den Rand der

kleinen Höhlung in der ich lag, ob sich denn noch gar Nichts sehen ließ. Zu

hören war nicht das Mindeste.

Einen wunderbaren Anblick bot, als der Tag völlig angebrochen war und die

Sonne das hohe pyramidenförmige Joch des Scharfreuters beschien, der Kessel

selber. Die Dämmerung hatte sich aus diesem noch nicht ganz hinausarbeiten

können, und der Schnee der auf den Reißen der Nordseite lag, schillerte

in bläulich matter Farbe. Kein einziger Busch war zu erkennen; nur drüben

unter dem Scharfreuter der die südliche Grenze desselben bildet, wuchsen

kleine verkrüppelte Laatschen. Links hob sich dabei die vollkommen kahle

schroffe Wand viele hundert Fuß empor und grad' aus lief sie zu einem engen

niederen Passe nieder.

Wenn man so da lag und hineinschaute, sah es auch aus als ob der ganze

Platz kahl, und leicht zu übersehen wäre, nicht eine Ratte hätte sich

ja darin verbergen können, außer vielleicht hie und da hinter einem

niedergebröckelten Stein. -- Ich war aber mistrauisch gegen diese

Augentäuschung geworden, die mich schon einige Mal irre geführt, und

untersuchte vorsichtig auch den kleinsten dunklen Punkt mit meinem

Fernrohr.

Wenn es nur nicht so furchtbar kalt gewesen wäre -- und dann der Schweiß

vorher. Wunderbarer Weise hat aber ein Temperaturwechsel, der im flachen

Lande und in der dicken schweren Luft da unten die schlimmsten Krankheiten

nach sich ziehen müßte, hier nicht die geringsten Folgen. Man friert eben

oder wird heiß, und mit der Ursache ist auch die Wirkung vorbei.

Zwei volle Stunden mochte ich so auf der einen Stelle gelegen haben, da

klapperte ein Stein! -- noch in weiter Entfernung zwar, aber es war da

jedenfalls etwas unterwegs. Oben auf der Wand wurde auch jetzt ein Jäger

sichtbar -- nicht größer wie ein Fingerglied stand er oben, und nur sein

ha -- ho! schallte klar und deutlich nieder. Da donnerte ein Schuß durch

den Kessel, und brach sich rasselnd an der rauhen Wand -- ich sah auch den

blauen Dampf in einem kaum erkennbaren Wölkchen aufsteigen, weiter war

aber nichts zu sehn. Da -- dort waren Gemsen, sieben -- acht -- neun Stück,

klein wie die Ameisen die an einer Kalkwand hinlaufen, sprangen sie über

den weißen Schnee der Reißen, gerad' nach mir zu. Die kamen sicher hier

herüber. Jetzt sind sie plötzlich verschwunden -- das was ich von hier

für ebenen Grund gehalten, sind tiefe Schluchten und Spalten und einer von

diesen folgend haben sie sich dem inneren Kessel zugewandt, dort vielleicht

hinunter und in das Thal nieder zu brechen. Aber dort steht auch ein

Schütze der sie schon empfangen wird.

Es sieht wundervoll aus, wenn die kleinen winzigen Dinger so flüchtig über

die Steine wegsetzen. Was für einen Spektakel sie dabei auf dem Geröll

machen -- und doch sind sie so weit entfernt. Jetzt kommen sie dort

plötzlich, als ob sie aus der Erde herausdrängten, wieder zum Vorschein.

Hei, wie sie dem Engpaß zuspringen an dem -- Wie von einer Kugel getroffen,

knickte ich zusammen und in den Schnee hinein, denn dort vor mir -- kaum

vierhundert Schritt entfernt, und in schnurgerader Linie auf mich zu, kam

ein alter pechschwarzer Bock langsam über den knatternden Schnee daher

getrollt. Vorsichtiger Weise hatte ich mir heute Morgen ein weißes Tuch

mitgenommen, das ich jetzt über den Kopf band, die dunklen Haare zu

verdecken, dann die Büchse spannte und mich nun langsam aufrichtete,

den Bock zu empfangen, oder wenn er zu weit nach unten einbiegen sollte,

anzuspringen. -- Er war stehn geblieben, und schaute jedenfalls nach dem

Rudel hinunter das jetzt durch den vom Schnee freien Kessel setzte. Wie er

so dastand sah er wahrhaftig aus wie ein dreijähriger Keuler, so schwarz

und zottig und anscheinend plump auf den Füßen.

Ich fing jetzt vor Kälte und Aufregung an zu zittern, daß mir die Glieder

ordentlich am Leibe flogen, aber das dauerte nur wenige Momente, und jetzt

drehte sich auch der Bock langsam nach mir um und -- verschwand. Im Schnee

war er auf einmal wie geschmolzen, und da ich fürchtete daß er auch am

Ende, wie das Rudel, irgend eine Spalte angenommen haben könnte und dieser

dann thalab folgte, sprang ich in die Höh' und aus meiner Höhlung heraus

auf den höheren Rand, dort jedenfalls mehr Uebersicht zu haben, und einen

freieren Schuß zu bekommen. Unwillkürlich sah ich dabei nach unten hin, als

es _über_ mir wieder krachte und der Bock jetzt, der dort auf's Neue zum

Vorschein gekommen war, und mich jedenfalls gesehen hatte, in voller Flucht

über den Schnee fort und dem steilen Felsrand zusauste, der ihn vor meiner

Kugel gesichert hätte. _Die_ wurde ihm aber, ehe er noch zwanzig Sätze

gemacht; die Kugel schlug auch vortrefflich und der Bock zeichnete; nichts

destoweniger setzte er mit unverminderter Schnelle seinen Lauf fort, und

mein zweites Rohr -- versagte.

Das todte Niederschlagen des Hahns auf das Hütchen ist unter allen

Umständen ein fataler Laut, hier aber, nachdem man ein paar Stunden im

Schnee gelegen hat und bald erfroren ist, bringt es Einen wirklich zu

gelinder Verzweiflung und man faßt unwillkürlich die Büchse, als ob man ihr

etwas zu Leide thun wollte -- man thut ihr aber Nichts.

»Piff -- paff« -- ging es jetzt auch unten im Thal, und als ich den Kopf

dorthin wandte, sah ich wie das Rudel den schmalen Engpaß angenommen, und

trotz dem dort stehenden Schützen forcirt hatte.

Mir machte jetzt indeß mein eigner Bock zu schaffen, und vor allen Dingen

den abgeschossenen Lauf wieder ladend, und dem anderen ein frisches

Zündhütchen aufdrückend, nahm ich meinen Hut und Bergstock, und kletterte

an dem harten Schnee hinauf, den Anschuß zu untersuchen. Der Bock selber

war lange um die Felswand verschwunden.

Schweiß! -- beim Himmel! ein großer dunkler Tropfen, gleich dort wo ich die

Fährte fand, und weiter zurück wo die Kugel in den Schnee gefahren, lagen

abgeschossene Haare. Der Bock hatte hier gleich vom Anfang an auf beiden

Seiten geschweißt; und war jedenfalls durchgeschossen. Für jetzt ließ sich

indessen weiter Nichts thun als den Anschuß zu verbrechen -- aber womit?

Kein Busch stand auf tausend ja vielleicht zweitausend Schritt. Ich that

endlich das Einzige was mir übrig blieb, ich legte meinen Hut auf den

Schweiß und stieg nun in's Thal hinab wo sich die Schützen schon sammelten.

Oben auf der Wand halloten die Treiber noch, und warfen dann und wann

Steine nieder. Lärm genug machten die allerdings, wenn sie mit hohlem

Sausen in's Thal hinab donnerten; nützen konnten sie aber für den

Augenblick Nichts weiter.

Nach halbstündigem Marschiren näherte ich mich endlich der Stelle wo unser

Jagdherr einen starken Bock erlegt hatte. Er lag dicht unter der Wand

und der glückliche Schütze stand neben ihm. Martin kam eben seitwärts vom

Treiben herein. Da löste sich oben ein kleiner Stein von der Wand, kam

herunter gesprungen, und schlug etwa zehn Schritte vom Herrn ein. Er kam

übrigens hoch genug nieder, dem unten Stehenden den er traf, noch ein

tüchtiges Loch in den Kopf zu werfen, -- wenn nicht mehr zu thun.

»Werft keine Steine mehr da oben 'runger!« rief Martin hinauf, und hielt

sich den Hut hinten, um besser nach oben sehn zu können.

»Ja!« lautete die Antwort und gleich darauf donnerte und krachte es oben,

als ob ein Felsblock nieder käme. Ich war noch ein Stück davon entfernt,

konnte aber deutlich sehn wie Herr und Diener eben noch Zeit behielten

unter einen vorhängenden Felsblock zu springen, als die etwa kopfdicken

Brocken niederprasselten.

[Illustration]

»Ihr sollt keine Steine mehr oben herunter gewerf!« schrie Martin jetzt

wieder, sobald das Geröll unten anlangte, indem er vorsprang den Befehl

hinaufzurufen.

»_Ja!_« lautete die, wie ärgerlich gegebene Antwort und mit dem Ruf

zugleich donnerte es auch auf's Neue von oben wieder, und jagte Martin

eben so rasch unter die Wand, um welche die zerschellenden Stücken herum

spritzten.

»Ihr sollt nicht mehr _werfen_!« schrieen jetzt andere Jäger hinauf, und

Martin wollte eben einen neuen verzweifelten Versuch machen dem Steinhagel

Einhalt zu thun, denn die Lage seines Gebieters fing dort unten an

gefährlich zu werden; wieder aber schickte ihn eine neue Ladung zurück, und

ich selber konnte von der Stelle aus auf der ich stand deutlich erkennen,

wie sich der oben stehende und hitzig gewordene Rainer die größte Mühe

von der Welt gab, nur recht rasch noch ein paar frische Steinbrocken

aufzutreiben, oder von der Wand loszutreten und nieder zu senden. Er hatte

keine Ahnung davon welch Unheil er anrichten konnte. Nur mit entsetzlicher

Mühe brachten wir ihn auch endlich, durch vereintes Geschrei dahin, von

seinem Bombardement abzustehen, denn während ihm von unten aus zugerufen

wurde mit Werfen aufzuhören, hielt er das fortwährend für eine Aufforderung

mehr Baumaterial herunter zu lassen, weil er, seiner späteren Aussage

nach, glaubte man hätte irgendwo an der Wand einen alten hartnäckigen

Bock entdeckt, der nicht heraus zu bringen wäre, und »den wollen wir schon

kriegen, dacht' ich.«

Der erlegte Bock wurde jetzt zum Eingang der Delpz und auf den scharfen

Rand gebracht, der direkt zum Scharfreuter herunterläuft. Dort sammelten

wir uns alle, von da aus ein zweites Treiben das am Wisinger Berg gemacht

werden sollte, zu umstellen -- aber vorher ein wenig zu frühstücken.

Eine Gemsjagd in Tyrol · 第 7 / 11 段