Die Baumgarten-Alm ist ebenfalls ein _Hochleger_ der Sennen, und diese

Art Hütten werden hier in den Alpen in Hoch-, Mittel- und Unterleger

eingetheilt. In die Unterleger, die am tiefsten unten am Berg liegen,

ziehen die Sennen im Frühjahr, oder Anfangs Sommer, sobald der Schnee dort

gewichen ist, während die höher liegenden Strecken dem Vieh noch nicht

zugänglich sind. Wie der Schnee schwindet, rücken ihm die Hirten nach, und

nehmen dann im Mittelleger ihre Wohnung, bis sie im hohen Sommer mit ihren

Heerden die oberen Alpen beziehen, und sich dann, freilich nur für kurze

Zeit, im Oberleger einquartieren können. Der eintretende Winter oder Herbst

treibt sie wieder hinab, und Anfang Oktober verlassen sie die Alpen ganz,

in die tiefer gelegenen Thäler, meist nach Lenggries, Tölz und die dortige

Umgegend zurückzukehren. Die meisten dieser Hirten die jene Almen pachten,

sind bairische Unterthanen.

Beim Hinuntersteigen ist es indeß schon fast ganz dunkel geworden. Oben am

Hang sah es freilich so aus, als ob die Hütten dicht darunter lägen, und

doch, wie lange braucht man jetzt sie zu erreichen. Und die verzweifelten

Grasknollen! sie sind kaum noch zu erkennen, stauchen aber den Körper bei

jedem Fehltritt. Ja, es wird Nacht -- nur auf den höchsten Jochen liegt

noch das Dämmerlicht des scheidenden Tages.

Der Platz selber sah auch wild und abenteuerlich genug aus. Fünf oder sechs

zu den verschiedensten Zwecken benutzte Almhütten lagen bunt zerstreut, die

Ecken nach jeder Richtung durch einander kehrend, an dem nackten Hügelhang,

und kein einziger Baum versprach gegen den Wind Schutz, für die Sonne

Schatten. Der Boden selber zwischen den einzelnen, aus rohen Stämmen roh

aufgerichteten Gebäuden, war von dem Vieh zu einem sanften Brei getreten,

und hatte nur oberflächlich Zeit bekommen wieder abzutrocknen. Die

eingedrückten Klauenspuren machten ihn dabei rauh und holperig, während er

zugleich eine gewisse ängstliche Elasticität bewahrte.

Hell leuchtete indeß das Feuer aus dem inneren Raum der größten Hütte, die

einem, aus Versehn platt gedrückten gewöhnlichen hölzernen Wohnhaus nicht

unähnlich war. Etwa dreißig Fuß lang und zwanzig breit begann das mit

Steinen reichlich beschwerte Schindeldach schon etwa sieben Fuß vom Boden,

und hob sich in der Mitte höchstens bis zwölf Fuß hoch. -- Wie aber sah es

da im Innern aus.

Wenn noch vor ein paar Monaten, vielleicht vor Wochen, stille Hirten ihren

Käse und »Schmarren« hier gekocht und hölzerne Löffel und andere friedliche

Werkzeuge der Butter- und Käsebereitung auf den Querbalken der Hütte

gelegen, so hatte diese jetzt dafür ein ganz anderes Aussehn gewonnen, und

sich sehr zu ihrem Vortheil verändert.

Statt der schläfrigen Sennerinnen, die damals ihre Blechpfanne auf den

Kohlen herumgestoßen haben mochten, wirthschaftete jetzt der Koch in

schneeweißer Jacke, Mütze und Schürze zwischen dem, so gut als möglich

untergebrachten Vorrath und Geschirr. Die friedlichen Hirten hatten

rüstigen bärtigen Jägern Platz gemacht, und auf den Querbalken lag

eine wackere Reihe von vierzehn bis sechzehn Stück Doppelbüchsen und

Büchsflinten drohend ausgestreckt.

Das Eigenthümlichste in dem weiten, sonst eben nicht eleganten Raum waren

aber zwei mächtige Feuerplätze, rechts und links von der Thür in den

nächsten Ecken, und die Feuerstellen nur durch aufgesetzte Steine von der

rohen Balkenwand, etwa drei Fuß hoch getrennt, während die Flammen lustig

gegen die schon glänzend schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken

aufloderten.

Um das Feuer rechts sammelt sich jetzt die Schaar der Jäger und Träger, die

kurzen Pfeifenstummel im Mund, erzählend und lachend und die Vorgänge der

letzten Tage besprechend, während an dem Feuer links die Jagdgesellschaft

Platz nimmt. Aber einzelne der Jäger drücken sich auch mit seitwärts an

dies Feuer an. -- Sie wissen schon wie freundlich man mit ihnen ist, und

lauschen gar zu gern dem was dort gesprochen wird, und sie oft weit hinweg

aus ihren Bergen führt.

Und merkwürdige Gestalten sieht man dabei, von denen der Leser erst die

wenigsten kennt.

Weinseisen heißt einer von ihnen, ein Bursche in den besten Jahren noch,

wenn auch schon mit mancher Falte in Wange und Stirn. Ihm fehlt ein Auge

-- aber Niemand weiß das, denn eine ziemlich breite, nach innen gekrümmte

Locke hat er so trefflich über das fehlende hinüber gezogen, daß es die

Lücke auch nicht auf einen Moment sichtbar werden läßt. Er gilt dabei als

Einer der besten Jäger im Revier, und ist still und schweigsam; vermißt

auch das eine Auge nicht, denn das andere ist so scharf, als ob es einem

Jochgeier gehörte.

[Illustration]

Ein anderer ist Michel, unstreitig der hübscheste von allen; ein junger

Bursch von sechsundzwanzig Jahren, mit einem gar so offenen ehrlichen und

guten Gesicht, und so treuen blauen Augen, denen das freundliche Lächeln

prächtig steht. Ein guter Jäger und kecker Steiger wie Alle, hat er eine

besondere Vorliebe, einen besonderen Blick für Blumen, und vom Edelweiß,

das oben in den schroffen Nordwänden der steinigen Gebirge steht, bis zum

blau und rothen Vergißmeinnicht das an den Bächen der hochgelegenen und

geschützten Thäler keimt, sucht und findet er die einzelnen Blüthen, die

der einbrechende Herbst bis dahin noch verschont. War sein Weg den Tag über

noch so rauh und wild, prangt sein Hut gewiß, kehrt er Abends zurück, von

einem Blumenflor.

Wie wohl thut es Einem, wenn man sich lang wieder in der _civilisirten_

Welt herumgetrieben, und dort die ausgemergelten, faden, geputzten nur vom

Schneider zusammengehaltenen Menschenbilder geschaut hat, auf so kräftige

Glieder, in so ehrliche Augen zu blicken.

Die Leute da oben, ob sie fast durchaus in einer Wildniß leben, und wenig

mit Menschen zusammen kommen, haben auch gar nichts Aehnliches mit dem

Bauer des flachen Landes, und gleichen weit eher den ungezwungenen wilden

Gestalten der amerikanischen Backwoodsmen. Der deutsche Bauer ist nur zu

oft denen gegenüber die er über sich weiß, scheu, täppisch und unbeholfen,

oder gar kriechend; gegen die die ihm gleich stehn und seine Untergebenen,

oder gegen Aermere grob und hochfahrend. Der Bergbewohner hat dagegen eine

ihm angeborene Natürlichkeit, ja ich möchte sagen Grazie, die sich in allen

seinen Bewegungen ausspricht. Er ist nie scheu und verlegen, selbst nicht

den Höchsten gegenüber, er ist aber auch nie grob und unverschämt, und sein

natürliches Gefühl führt ihn fast stets den richtigen Weg -- den Weg eines

Mannes der da weiß daß er das leistet in der Welt was man von ihm verlangt

-- verlangen kann.

Alle diese Leute hängen dabei mit einer unendlichen Liebe an ihrem hohen

Jagdherrn, und die Zeit die der bei ihnen zubringt, ist ihnen nicht eine

Zeit der Mühe und Arbeit, trotz den beschwerlichen und gefährlichen Wegen

die sie in den Tagen zu durchsteigen haben, sondern mehr wie ein fröhliches

Fest auf das sie sich das ganze Jahr schon freuen, und das ihnen, neben

der fröhlichen Jagdlust, ja auch Verdienst und Nutzen bringt. Ihr Stolz ist

dabei der waidmännische Betrieb der Jagd, das Schonen des edlen Wildes, das

ausgenommen, was jährlich in einem so tüchtig besetzten Revier nun einmal

abgeschossen werden _muß_. Und daß der Herr sich dem mit solcher Lust und

Liebe hingiebt, und so wacker mit ihnen über die schroffen Pfade, in die

steilsten Hänge hineinsteigt, und eben so wenig die dichten ungeleckten

Laatschen, wie die bröcklichen Wände scheut, das freut sie vor allem

Anderen.

Und wie traulich sitzt es sich an den knisternden Flammen, die selber toll

und lustig ihre goldenen sprühenden Funken zum schwarz gebrannten Dach

emporwirbeln, und welchen wunderlichen Schein werfen sie auf die bunt darum

gruppirten malerischen Gestalten. Es ist gerad kein fürstliches Gemach das

uns umgiebt, und die rauhen Stämme die die Wand bilden, der nackte Boden,

der etwas wackelige Tannentisch der in der Mitte steht, die wunderlichen

»Lehnstühle« selbst am Feuer, die aus halbdurchgebrochenen rund hölzernen

Schüsseln bestehn -- in denen es sich aber ganz vortrefflich sitzt, -- das

an die Wand gehangene Tischtuch selbst, den ärgsten Zug mit abzuhalten,

der doch noch außerdem Zugang genug hat, ließen vielleicht in Hinsicht

der _Eleganz_ Manches zu wünschen übrig, aber -- es ist ein ächtes

Waidmannslager in den Bergen, und wer daran Lust und Freude findet wie der

Herzog, und nicht verweichlicht genug ist gepolsterten Sitz und mit den

gewohnten Bequemlichkeiten ausgestattete Umgebung zu _vermissen_, dem geht

das Herz hier auf, und sendet seine knisternden sprühenden Funken hinan in

Kopf und Auge, wie die Flamme da.

Das ist dann die Zeit für die Erzählungen und Berichte der Jäger aus den

angrenzenden, und zum ganzen Revier noch gehörenden Distrikten, denn nicht

der dritte Theil vom ganzen Jagdgrund wird wirklich bejagt.

Wo in den Bergen ein verdächtiger Schuß gehört ist, wird besprochen, und

wo die meisten Gemsen stehn; wie es sich mit dem Rothwild stellt, und dem

Raubzeug, und ob kein Luchs wieder in den Bergen gespürt worden.

Raubzeug giebt es in der That nur noch sehr wenig im Gebirg, und wohl kann

man sagen _leider_, daß dem so ist, denn wie viel interessanter würde die

Jagd dadurch. Ließe sich aber wirklich einmal wieder ein Bär da sehn, da

wär' der Teufel auch sicherlich in den Bergen los, denn Alles würde in

der ganzen Umgegend aufgeboten werden ihn zu erlegen oder zu vertreiben.

Begnügte er sich freilich mit Wild und Gemsen, ließen ihn die Hirten wohl

gern in Frieden, aber die alten schwarzpelzigen Burschen setzen es sich in

den Kopf auch manchmal ein Rind todt zu schlagen, oft aus lauter Uebermuth,

oder um sich nach Tisch ein wenig Bewegung zu machen, und das können die

Hirten nicht vertragen.

Auch kein Luchs läßt sich mehr in den Bergen sehn, von denen die Schweiz

doch noch einige aufzuweisen hat. Nur der Fuchs treibt in ziemlicher Anzahl

die hohe Jagd auf Hasel-, Schnee-, Birk- und Steinhühner, lauert dem weißen

Alpenhasen auf, wenn er zu Nacht um die verlassenen Sennhütten spazieren

geht, und wagt sich auch wohl, wenn ihm die Gelegenheit dazu wird, an ein

Gemskitz.

Mitten zwischen den Jägern steht, um einen halben Kopf größer als irgend

einer der anderen, trotz der etwas in einander gedrückten Stellung, eine

rauhe, eben nicht übermäßig reinliche, aber enorm kräftige stattliche

Figur, mit rothem Gesicht, blondem Haar, gutmüthigen blauen Augen, riesigen

Fäusten und einem alten Maserkopf im Mund.

Braver, ehrlicher Jackel, wie manche schwere, schwere Last hast Du auf

Deiner »Kraxen« unermüdet, unverdrossen immer willig, immer guter Laune

hinauf zu Berg getragen, wie manche Gemse, und zwei und drei manchmal zu

gleicher Zeit, hinunter in das Thal. Aber Du verdienst auch eine nähere

Beschreibung, und sie soll Dir werden.

Jackel ist ein Original, aber eins, an dem man seine rechte Freude haben

kann. Von kräftigem, breitschulterigem, knochigem Körperbau, stark und

muskulös, und dabei viel größerer Gestalt, als man es seiner Breite gleich

ansieht, eignet er sich vortrefflich für das Geschäft dem er sich, während

der Jagd wenigstens, unterzogen zum Lasttragen, und es ist wirklich kaum

glaublich was der Mann öfters die steilen hohen Berge auf seinen Schultern

stundenweit hinauf schafft. Er theilt dabei, nicht zu seinem Vortheil, den,

ich möchte fast sagen _Aberglauben_ der Leute seines Standes und Gewerbes

wie auch mancher anderer Arbeiter im Gebirg (bei den Jägern selber hab'

ich es nie bemerkt), _den_ Aberglauben nämlich, daß ihm ein reines Hemd zur

Schande gereiche. -- »Die Leut' müssen ja denken man arbeitet Nichts,

wenn man immer wie Sonntags herumgeht« sagt er, und übertreibt seine

Gewissenhaftigkeit, selbst den Schein zu vermeiden, sogar bis über den

Sonntag hinüber und in und durch die nächste Woche.

[Illustration]

Seine Lebensbedürfnisse sind dabei eben so einfacher Art. -- Vom Revier

kauft sich z. B. Jackel in der Herbstjagd einen starken Gemsbock -- _zwei_

Winter liefern ihm dabei _zwei_ Gemsdecken, was gleichbedeutend mit _einer_

ledernen Hose ist. -- Das Wildpret davon wird aber, bis auf das letzte

Genießbare, getrocknet und für den Winter aufbewahrt, und »in kleinen

Stücken« zur Mahlzeit »daß es recht lange reicht« verzehrt. Dazu gehört

aber noch Schmarren -- das einzige wirkliche Bedürfniß der Bergbewohner,

denn ohne Schmarren könnten sie nicht bestehn. Er ist ihnen, was der

Reis dem Indier, der Damper dem australischen Schäfer, die Eichel dem

californischen Indianer, die Brodfrucht dem Südseeländer, das Maniokmehl

dem Neger, die Kartoffel dem Deutschen, der Mais dem Amerikaner -- und die

Bereitung dabei einfach genug. Sie besteht aus Mehl mit Schmalz oder Butter

in der Pfanne gebraten oder geschmort. Mehl mit Milch oder Wasser angerührt

kommt nämlich als Brei, wie zu einem Pfannkuchen, in die Pfanne. Hier aber

wird ihm nicht gestattet sich zu einem abgerundeten Ganzen zu formiren,

sondern die brodelnde, zischende, backende Masse fortwährend mit einem

Messer oder anderen Instrument gestoßen und geärgert, bis es endlich zu

einer bröcklichen, von dem Fett je mehr desto besser durchdrungenen Masse

quillt. Mit ein paar Pfund Mehl und ein wenig Schmalz ziehen diese Leute

auch im Winter, wo besonders die Jäger die entlegenen Reviere begehen

müssen, wochenlang in dem Schnee der Berge umher, lagern in den einsamen

öden Almhütten und behaupten daß ihnen der Schmarren mehr Kräfte gebe als

selbst das Fleisch.

Eine Anekdote von Jackel wird aber ein viel besseres Bild von ihm

entwerfen, als ich im Stande wäre hier mit bogenlanger Beschreibung zu

liefern.

Ein älterer Herr aus der Jagdgesellschaft sah eines Tages, als er eben an

einer ziemlich steilen, wenigstens sehr rauhen Wand hinpirschte, einen

Mann dieselbe, nur mit einem Stock und einem Bergsack auf dem Rücken,

herunterkommen. Er blieb stehn, und erkannte bald zu seinem Erstaunen

Jackel der, mit _einem_ Schuh an, und den andern Fuß nackt, über das

scharfe Geröll unbekümmert niederstieg und ganz ruhig, auf die überraschte

Frage des Herrn wo er den anderen Schuh gelassen, erwiderte, er habe ihn

nach Lengries, der _sieben_ Stunden entfernten Stadt, zum Schuhmacher

gebracht, und müßte nun so lange bis er gemacht sei, _so_ herumgehn. Der

Schütze äußerte dabei sein Befremden daß Jackel hier in den rauhen Bergen

_solcher_ Art umherliefe, während er selber kaum mit seinen kräftigen

Schuhen fortkomme. »Ja, es geht klein gut da hier« meinte Jackel ruhig,

»nicht wahr es wird Ihnen sauer hier oben? -- ja, wer nicht daran gewöhnt

ist kommt schlecht fort -- aber ein Stück weiter unten ist's schon ein

Großes besser, und -- wenn's Ihnen recht ist, _trag_ ich Sie da hinunter.«

[Illustration]

Die Proposition wurde im gutmüthigsten Ernst gemacht, und hätte es der

Schütze angenommen, Jackel würde ihn mit der größten Freundlichkeit, und

ohne irgend etwas Außerordentliches darin zu finden, den steilen steinigen

Hang trotz seinem einen nackten Fuß wirklich hinunter getragen haben.

Heller knistert und flackert das Feuer, von neu aufgeworfenen Bränden

genährt, und Jackel kommt eben mit einem Kübel frischen Quellwassers

herein, den er aus dem nahen, durch eine Rinne gefangenen Quell geholt --

das ist ein Trunk. Ich bin gerade sonst kein besonderer Freund von Wasser,

und eigentlich der Meinung, daß der liebe Gott dies Element den Menschen

nur eigentlich als Urstoff geliefert habe, es zu anderen Getränken,

hauptsächlich jedoch zum Waschen zu verwenden. Dort oben in den Bergen

aber, und ganz vorzüglich in der Baumgarten-Alm, quillt eine so wundervolle

crystallhelle und wohlschmeckende Fluth, als ich sie noch nirgends in der

weiten Welt gefunden. Ich weiß das Wasser dort wirklich mit nichts Anderem

als mit Champagner zu vergleichen.

»Nun, Jackel, wie steht es mit dem Wetter?« frug man den Eintretenden --

»sieht es noch gut aus?«

»Nun, es ist nur klein hübsch draußen« erwiderte Jackel, den Kübel

sorgfältig in die Ecke stellend »es macht recht dunkel, und Sterne sind

auch keine zu sehn -- aber warm und ruhig ist's sonst.«

»Wenn nur ein Bischen Schnee käme« sagte der kleine Ragg. -- »Es wäre schon

recht -- die Gemsen zögen sich dann alle lieber in die Joche hinauf.«

»Aber in der Delpz liegt doch Schnee?«

»Es liegt schon etwas drin, aber es dürft' mehr sein.«

»Jetzt kam's mir beinah draußen vor, als wenn ich einen Schuß danüber

gehört hätt',« sagte der Jackel, »es schallte g'rad so --«

»Nun ein Wilddieb war's bei der Dunkelheit nicht,« lacht der Ragg -- »es

kann auch ein Stein gewesen sein, der sich irgendwo losgebrochen hat.

Manchmal schallt das gerad' so wie ein Schuß.«

»Von Wilddieben habt Ihr doch hier in der letzten Zeit nichts weiter

gespürt?«

»Nichts wieder, seit der Mann im vorigen Jahr drüben im Bairischen von

dem Soldaten erschossen wurde -- es ist überhaupt hier lange Nichts

vorgekommen.«

»Aber doch der Mann der damals in den Bockgräben gefunden wurde -- hat man

nie erfahren wie er dahin gekommen, und wer er gewesen?«

»Nein,« sagt der große Ragg etwas zögernd -- »er hatte auch schon zu

lange gelegen und -- war so zerfallen von dem Sturz die Wand 'nunter. Ist

wahrscheinlich im Nebel verunglückt.«

»Der wurde damals gleich draußen begraben, nicht wahr?«

»Nein, ich hab' en 'nunter in's Kloster getragen,« sagte Jackel ruhig.

»Getragen? -- auf den Schultern?«

[Illustration]

»Auf der Kraxen, ja -- oh er war nicht mehr so schwer denn er hatte schon

seine acht oder neun Monat gelegen, aber« -- setzte Jackel hinzu, und es

schien doch, als ob ihm die Erinnerung schaudernd durch die Seele liefe --

»'s war g'rad keine hübsche Ladung, und ich trag' Gemsen lieber.«

»Zwei Menschen sind doch auch wieder im letzten Jahr die Wand

hineingefallen« sagt da der kleine Ragg, indem er die Augenbrauen so in die

Höhe zieht, als ob er das, was er sagte, selber nicht glaube -- »ein Mann

und ein Mädchen.«

»Ein Mädchen?«

»Des Haßlich Tochter, von der hohen Alm. Sie schnitt Gras an einer steilen

Lanne, unter der die Wand gerad hinunter sank, und hatte Steigeisen an den

Füßen. Beim Bücken muß sie's aber versehen haben, sie kommt in's Fallen und

kann sich nicht mehr halten. Ihr Bruder war dicht bei ihr, und wie er sie

hinunter gleiten sieht, mit ein paar Sätzen bei ihr. Ehe er aber den Rock

fassen kann, und dicht unter seiner Hand hin schießt sie fort -- es war

gerade schrecklich tief wo sie fiel.«

»Und der Andere?«

»War ein Enziansucher, der vom Roßkopf hinunter gefallen ist. Wie er's

versehen hat, weiß man nicht. Er kam Abends nicht zu Haus, und am anderen

Tag ging sein Bruder aus, ihn zu suchen -- er hat ihn auch gefunden, drin

in einer von den Schluchten aber -- er soll schrecklich ausgesehn haben

-- was er noch vom Körper finden und zusammenlesen konnte, hat er im

Nasentüchel nach Haus getragen.«

»Von der Scharfenwandkar ist auch ein Fremder hinunter gefallen, hat ihm

aber weiter Nichts gethan,« sagte der Wastel.

»Das war ein Algäuer« schmunzelte der große Ragg.

»Ja, das kann schon sein« sagte Jackel auf seine gewohnte bedächtige, und

ganz ernste Weise. Die Anderen lachten.

»War der Mann bekannt hier?«

»Oh Jackel hat seine besondere Art, wie er die Algäuer kennt« lachte der

kleine Ragg.

»Ich nicht« vertheidigt sich Jackel, »aber mein Wirth meint, einen Algäuer

könnt' man immer kennen. -- Wenn man ihn mit einem Stück Holz auf die Nasen

schlägt und er nießt nicht, so ist's gewiß Einer.«

Lautes Lachen schallte von allen Seiten der Hütte, brach aber plötzlich,

wie mit einem Schlag, kurz ab, während Aller Gesichter im ganzen Raum

den Ausdruck scharfer gespannter Erwartung zeigten. Nur Jackel sah sich

verwundert um, und wußte nicht was plötzlich geschehen sein könne.

»Das war ein Hirsch,« flüsterte Weinseisen.

»Ja -- ich glaub's auch,« sagte Ragg mit ebenso vorsichtig gedämpfter

Stimme.

»Hu -- ah -- h -- h -- h!« tönte da draußen, kaum vier hundert Schritt vom

Haus entfernt der Ruf auf's Neue klar und deutlich herüber, und mit einem

freudigen Lächeln in den Zügen horchten alle dem wohlbekannten, so gern

gehörten Laut -- aber keiner regte sich.

[Illustration]

»Hu -- ah -- h -- h -- h -- h!« noch einmal der wunderbare Schrei -- leider

waren aber jetzt die Hunde ebenfalls aufmerksam geworden -- Bergmann der

mit am Feuer lag, hatte schon lang geknurrt -- und Pirschmann, der draußen

war, schlug an. Das mochte dem Hirsch doch nicht angenehm sein, denn er

wurde nicht wieder laut.

»So was könnt' ich die ganze Nacht zugehör',« sagte Martin.

Das Gespräch lenkte indessen bald wieder in die frühere Bahn ein -- in das

was eben das praktische Leben der Jäger und ihre alltäglichen Erlebnisse,

und dann auch wohl einmal ein außergewöhnliches Abenteuer betraf.

Merkwürdiger Weise existiren in diesen wilden Bergen nämlich gar keine

Sagen, während die Schweiz deren so viele birgt. Alles was die Menschen

hier umgiebt, ist reelle Wirklichkeit, und wie fast jedes andere

europäische Volk seine Kobolde oder Wichtelmännchen, seine Nymphen oder

Nixen, oder wo die fehlen wenigstens irgend das eine oder andere anständige

Gespenst hat, das dann und wann einmal sich sehen läßt oder Glück

oder Unglück bedeutet, sind diese schönen Berge hier jedes solchen

geheimnißvollen Zaubers beraubt. Man hat die armen Geister mit der

trockenen Vernunft sauber hinausgefegt aus Schlucht und Klamm und von

den hohen Jochen nieder, auf denen sie doch gewiß einmal in früherer Zeit

gehaust.

Gespenstergeschichten sind aber auch eigentlich in den Bergen nichts nütz.

Der Mann braucht dort seine fünf _gesunden_ Sinne, den Gefahren die ihm

seine schwere Bahn schon ohnedies in den Weg wirft, kaltblütig die Stirn zu

bieten. Es ist keineswegs gesagt, daß das Herz, das der augenscheinlichsten

Todesgefahr ohne ängstliches Klopfen entgegengeht, nicht stillstehn

würde, wo es sich um irgend ein abgeschmacktes, wenn nur _über_natürliches

Schreckniß handelt -- wir haben davon auf See und Land zu viele Beispiele.

Hat es der Mann allein mit der Natur zu thun, und wenn sie ihm in allen

ihren Schrecken entgegenträte, kann er sich mit kaltem Blut und festem Muth

noch manchmal retten -- kommen übernatürliche Schrecken, kommt irgend ein

toller Aberglaube dazu, so ist er fast immer verloren.

»Ist nicht neulich einmal Einem von Euch hier ein Unglück auf der Jagd

passirt? -- Wenn ich nicht irre, hat sich Einer geschossen.«

»Von uns nicht,« nahm Wastel das Wort. »Kaltschmidt's Bruder ging die

Büchse los, und er hat sich zwei Finger zerschossen.«

»Durch Unvorsichtigkeit?«

»Nein. Er hatte einen Gemsbock erlegt, läd't seine Büchse wieder und steigt

dann hinüber ihn zu holen. Dort angekommen, wo der Bock im Feuer zusammen

gestürzt war, bricht er ihn auf, packt ihn in den Bergsack und hebt sich

den auf den Rücken. Wie er aber die neben ihm lehnende Büchse über die

linke Schulter wirft, reißt ihm der Büchsenriemen ab, oder das Leder geht

aus der Schraube, und als er unwillkürlich mit der Hand zufährt, sie zu

halten, greift er dabei vor den Lauf, der Hahn trifft wahrscheinlich auf

einen Stein, der Schuß fährt heraus, und die Kugel schlägt ihm den vierten

Finger ganz und den dritten halb weg. Nun hat er erst eine ganze Weile

nach seinem Finger gesucht, ihn aber nicht wieder gefunden, und mußte ihn

draußen lassen.«

»Er war doch nah bei Menschen?«

»Das gerade nicht,« sagte Wastel lachend -- »er mußte drei Stunden gehn bis

er zu Hause kam. Seinen Bock hat er aber darum nicht im Stich gelassen, und

ist glücklich damit heim gekommen.«

Es war nichts Uebertriebenes in dem Bericht. Mit der furchtbar

verstümmelten Hand hatte der Mann die schwere Gemse, die doch etwa ihre 50

östr. Pfund wiegt, den weiten Weg allein zurückgetragen, und war nachher

glücklich geheilt worden.

[Illustration]

»Und solche Fingerwunden sind gar schlecht«, meinte Weinseisen -- »der

Waldwart weiß auch davon zu erzählen.«

»Ja, aber ich habe mich nicht geschossen,« fiel der Angeredete in's Wort,

-- »mich hat ein Wilderer hinein gebissen.«

»Ein Wilderer?«

Eine Gemsjagd in Tyrol · 第 6 / 11 段