Ein wilder rauher Marsch war das jetzt den steilen Hang hinauf, bald in

überbiegende Laatschen hinein, bald an steilem Felsgeröll emporklimmend.

Einer hinter dem Anderen her, oder seitwärts auch ausbiegend, einen

bequemeren Aufweg zu finden. Der Stock nützt dabei gar wenig, und ist oft

nur im Weg; die Laatschenzweige sind dagegen treffliche Hülfen und oft,

wenn ein lockerer Stein losbröckelt, schützt die rasch ergriffene Laatsche

den Steigenden vor einen bald mehr bald weniger gefährlichen Fall.

Unverdrossen aber, nur das eine Ziel, die Höhe im Auge, wird jede

Schwierigkeit besiegt, und nach drei Viertelstunden schweren Steigens etwa

haben wir endlich das ersehnte Joch erreicht.

Bald ist hier Alles besprochen, die Schützen sind vertheilt, die Treiber,

die sich auf den kahlen Felsen an bestimmten Punkten nur zu zeigen, und ein

paar Steine hinab zu werfen haben, sind abgegangen und Jeder hat sich,

so gut das eben auf dem offenen Terrain gehen will, hinter irgend einen

Felsblock, einen einzelnen Laatschenbusch, oder eine sonstige Erderhöhung

gedrückt.

Da rasselt's da drüben an der Wand, Steine rollen und kleine dunkle Punkte,

nicht größer wie Ameisen, springen blitzschnell über die lichten Wände hin.

Mit dem Fernrohr, nach Büchse und Bergstock das wichtigste Instrument für

dem Gemsenjäger, suchen die Schützen indessen das Terrain, das sie übersehn

können, ab. -- Unerwartet kann ihnen überhaupt hier kein Wild kommen,

denn der steinige, rauhe Boden verräth es schon aus größere Entfernung.

Da drüben ist ein dunkler Punkt an der nämlichen Wand über der der erste

Treiber sichtbar wurde -- richtig es ist ein alter Bock, der sich hier

unter einen Felsvorsprung gestellt hat, nach unten hin aufmerksam die

springenden Gemsen betrachtet, nach oben ganz erstaunt hinauf horcht, woher

auf einmal all die großen dicken Steine kommen, von denen er freilich,

g'rad wo er steht, wenig zu fürchten hat.

Dort und da wird es jetzt lebendig. Ueber den tiefen Thalgrund des

weiten Felsenkessels springt das stärkste Rudel grade dort hinauf, wo der

fürstliche Jäger, die Büchse im Anschlag, fest hinter einen hohen Stein

gedrückt steht. Näher und immer näher kommen sie hinan -- der Wind schlägt

auf und sie wittern nicht die Gefahr der sie sich nahen. Prachtvoll

sieht es dabei aus, wie die dunklen schlanken Thiere an den lichtgrauen

Steinwänden hin und aufwärts setzen. Jetzt bleibt die Leitgeis auf einer

vorspringenden Zacke mit dicht zusammen geschobenen Schaalen stehn und

sichert umher. -- Aber nicht lange braucht sie nach der vermutheten Gefahr

zu suchen -- der Treiber dort oben auf dem nackten Joch schwenkt den Hut

nach ihnen hinüber; seine ganze Gestalt zeichnet sich ihnen scharf und

rein gegen den blauen Himmel ab, und fort stürmen sie wieder, geschützteren

Platz zu erreichen und aus so gefährlicher Nähe zu kommen -- die armen

Dinger.

Jetzt setzen sie die Schlucht hinauf an dessen oberem Ende der Jagdherr

steht -- kaum fünfzig Schritt an ihm vorbei springt das Leitthier -- hält

einen Augenblick auf dem Kamm, sieht den neuen Feind, thut einen scharfen

Pfiff und verschwindet an der andern Seite des Jochs. -- Und kein Schuß?

-- noch eine Gems und noch eine folgen ihr und jetzt -- eine kleine blaue

Wolke steigt hinter dem Felsen auf -- jetzt noch eine, und zwei Gemsen sind

schon lange zusammengeknickt und von der steilen Höhe niedergerollt, als

der dumpfe Knall der Büchse sich erst donnernd an den Wänden bricht, und in

das Thal seine Schallwellen niederwälzt. -- Wie die übrigen Thiere stutzen

und schrecken -- aber die Leitgeis ist voraus, der _müssen_ sie folgen, und

nach drängt deshalb, trotz dem Schuß, der ganze Trupp, nur einen scheuen

Bogen um die gestürzten Kameraden beschreibend.

Wieder steigt in zwei kurzen Stößen der blaue drohende Dampf empor, und

wieder taumelt eine Gemse. Wild vorbei stürmen die entsetzten Thiere. Aber

noch ist der Donner nicht verhallt als auf's Neue die tödtliche Kugel ihr

Opfer sucht.

Sechsmal hat es aus den drei Doppelbüchsen gesprochen und drei Gemsen

liegen verendet auf dem Platz und schwer verwundet schleppten sich zwei

andere noch über das Joch hinüber, davon eine der Hund nach kurzer Suche

in einem Laatschenbusche antrifft und niederreißt. Die andere ward später

verendet gefunden.

Die übrigen Rudel brachen zwischen den Treibern durch, und nur der eine

alte Bock war halsstarrig in seinem wohlversteckten Platz stehn geblieben,

bis die Jäger ihn längst passirt hatten. Dann drehte er sich um und

verschwand plötzlich in einer der zahlreichen Spalten, wie in die Wand

hinein.

Und nun der fröhliche Heimzug von der Jagd! Rasch sammeln sich die Jäger,

guter Dinge daß der mühselige »Trieb« gelungen; brechen das erlegte Wild

auf, und werfen es aus, thun sorgfältig das gesammelte Feist wieder hinein,

packen die Gemsen in ihre Bergsäcke, und heimwärts geht es jetzt, am Rücken

des Jochs auf einem ziemlich guten Pirschweg hin.

[Illustration]

Ihr Tagewerk war aber auch kein leichtes, und wer ihnen zusieht wie sie an

den steilen Wänden hinlaufen, oft über Abgründen hängen wo der geringste

falsche Tritt sie rettungslos in die Tiefe schickte -- denn ein Anklammern

wäre da nicht mehr möglich -- wie sie jetzt im Schweiß ihres Angesichts

durch ein Laatschendickicht arbeiten, jetzt über das Geröll einer Reißen

klettern und immer munter, immer vergnügt dabei, der muß die Leute wahrlich

bewundern. Und trotz den oft furchtbaren, jedenfalls höchst mühseligen

Wegen die sie zu steigen haben, achten sie nicht blos auf ihren schmalen

Pfad, nicht blos auf das Wild, das sie dort losgehen sollen, nein ihr Auge

späht zugleich, sorglos um die Gefahr die sie umgiebt, nach dem spärlich,

und nur an den wildesten rauhsten Stellen wachsenden Edelweiß, nach einer

einzelnen, vom Sommer übrig gebliebenen Scabiosa, nach einem tiefblauen

Enzian oder einer in dieser Jahreszeit sehr seltenen Alpenrose, mit diesen

Blüthen, neben Spielhahnfedern und Gemsbart ihren Hut zu schmücken.

Der Bruch von einer Laatsche an Mütze oder Hut ist heute das Siegeszeichen

der gelungenen Jagd, und das Behagen erreicht den höchsten Grad, wenn

Abends die erlegten Gemsen am Pirschhaus oder der Almhütte mit den Krickeln

oben am Dach eingehakt zur Zierde, als ebensoviel wohlerworbene Trophäen

hängen.

[Illustration: =Die Berathung.=]

[Illustration: =Nach dem Treiben.=]

6.

Die Pirsche.

So prachtvoll eine solche Treibjagd ist, besonders wenn man von irgend

einer vorspringenden Stelle aus den größten Theil derselben mit dem darin

aufgescheuchten Wilde übersehen kann, soviel interessanter ist die Pirsche.

Bei dem Treiben ist der Jäger vom Wild abhängig, ob es ihn gerade annehmen

will, und darf seinen Stand nicht verlassen, den ganzen »Bogen« nicht zu

stören. Bei der Pirsche sucht er selber das Wild auf, und es hängt

dann, allerdings neben vielem Glück, doch auch viel von seiner eigenen

Geschicklichkeit und Umsicht ab, ob er zum Schuß kommen wird oder nicht.

Hier in den Bergen ist die Pirsche freilich weit beschwerlicher, und in

mancher Hinsicht auch gefährlicher, als im Walde unten, denn die alten

Gemsböcke suchen sich am allerliebsten die rauhsten Wände in den Klammen

aus, in die sie sich hineinstellen, und von wo aus sie eine weite Strecke

überschauen können -- und dort muß sie der Jäger finden und beschleichen.

Für den Wildstand selber ist aber, besonders wenn eine gewisse Anzahl

Gemsen abgeschossen werden soll, das Treiben weit besser als das öftere

Pirschen. Beim Treiben wird ein Revier einmal durchgegangen, und hat dann

Ruhe -- kehrt die aufgescheuchte Gemse nach einigen Tagen auf ihren Stand

zurück, so findet sie denselben gewohnten Frieden und bleibt. Wird dagegen

oft durch ein und denselben Platz gepirscht, so verjagt der Jäger, wenn er

selber auch vielleicht gar Nichts oder nur wenige Stück zu sehn bekommt,

und scheinbar ganz unbemerkt den Berg durchschlichen hat, doch viel Wild.

Was den Wind von ihm bekommt flieht fast noch ängstlicher, als was ihn

selber sieht, und einen schärferen Geruchssinn als die Gemse, hat wohl kein

Säugethier weiter auf Erden, möge es, welcher Gattung es wolle angehören.

Beim Pirschen hängt das Meiste davon ab früh aufzubrechen. Die Gemse,

ziemlich wie anderes Wild, äst sich Morgens von Tagesanbruch bis etwa

um acht oder neun Uhr, und thut sich dann bis ziemlich genau um zwei Uhr

nieder. Zu dieser Zeit steht sie wieder auf, beginnt aber erst gegen Abend

recht lebendig zu werden.

In der Brunftzeit, die bei kalter Witterung schon gegen Ende Oktober, bei

warmer erst mit dem Monat November beginnt, läuft der Bock allerdings

den ganzen Tag herum, äst sich dann aber nur sehr wenig und paßt

außerordentlich auf.

Beim Pirschen ist es nun allerdings stets und unter jeder Bedingung

am besten, _ganz_ allein zu sein. _Ein_ Mann macht schon überdies beim

Anschleichen Geräusch genug, und zwei verderben oft die Jagd. In den Alpen

aber und auf vollkommen fremdem Revier, noch dazu für den Fall daß etwas

erlegt oder angeschossen wird, bleibt ein Begleiter ein nothwendiges Uebel.

-- Und doch ist es auch wieder eine eigene Lust mit einem solchen Tyroler

Gemsjäger im stillen Wald, in den wilden Bergen pirschen zu gehen.

Diese vor allen anderen sind auch die einzigen und ächten deutschen

Indianer, -- nur daß sie Schuh und Kleider tragen. Abgehärtet gegen Frost

und Hitze, wie nur ein Wilder sein kann, mäßig in ihrer Lebensart bis zum

Aeußersten, einfach in ihren Sitten, leidenschaftlich ihrer Jagd ergeben

und darin Meister -- was um Gottes Willen könnte man von einem wirklichen

Indianer mehr verlangen. Auch ihre Farbe ist nicht viel, wenn überhaupt,

lichter, als die einiger Stämme der Südsee, und was ihre Sinne betrifft, so

haben sie jene Wilden schwerlich schärfer. Nur im Anschleichen könnten sie

von ihnen lernen.

Wie der Pfeil vom Bogen, und dabei geräuschlos wie die Nachteule auf ihre

Beute stößt, gleitet der Indianer, jeden nur irgend möglichen Vortheil des

Terrains benutzend über den Boden hin. Der Bergbewohner ist plumper -- er

tritt fester auf und sein Schritt, auch wenn er sich noch so viele Mühe

giebt leise zu gehen, ist dennoch schwer. Natürlich tragen da die schweren,

eisenbeschlagenen Schuhe das Ihrige dazu bei. Aber eine Wonne ist es, zu

sehn wie so ein Gemsjäger den Wind nimmt, wie sein Blick gleichzeitig über

jede Blöße an den Hängen als auch über den Boden schweift die Fährten zu

beachten; mit welcher Aufmerksamkeit er dabei jedem Geräusch horcht und wie

er, mit einem Worte, so ganz Jäger ist. Jede Bewegung an ihm ist Natur, und

wie der Adler oben in seinem Element auf ruhendem Fittig kreist, wie der

Fisch im Wasser schwimmt, wie das Reh zierlich und leicht durch den Wald

tritt, so leicht und unbehindert, so ganz in _ihrem_ Element, steigen

dieses Kinder der Berge Fels auf und ab, über schräg wegsinkende Lannen,

über bröckelndes Gestein, immer mehr um sich nach Wild, als auf ihren

gefährlichen Pfad schauend.

Aber jetzt fort, drüben die hohen Joche, wenn auch im Thal unten noch

dunkle Nacht liegt, zeigen schon den dämmernden Morgen, und kalt und

frostig zieht uns der erste Sonnengruß durch die Glieder. -- Sonderbar ist

es in der Natur, daß _vor_ dem warmen Licht der Sonne die Luft erst noch

einmal recht kalt, daß vor dem dämmernden Tag die Nacht erst noch einmal

_recht_ dunkel wird.

Unseren Pfad können wir jedoch schon erkennen -- ein guter Pirschsteig

läuft am Hange hin, und gerade mit Büchsenlicht kommen wir dann an

die besten Stellen im Revier -- _zu_ früh kann man da fast gar nicht

aufbrechen.

Mein Begleiter ist diesmal -- den ich schon früher erwähnt habe -- die

Elster unter den Jägern: der große Ragg. -- Er spricht allerdings viel

-- wenn man ihn läßt; aber was sein »Handwerk« angeht, wird er darin

vielleicht nur von seinem Vetter übertroffen. Wo übrigens nicht gesprochen

werden darf, weiß er auch recht gut zu schweigen und vielleicht nur in

dem ernsten stillen Wesen der übrigen Bergjäger scheint das bei ihm

Schwatzhaftigkeit, was man im flachen Lande gar nicht bemerken würde. Die

Berge sind in der That nicht der Ort zum Sprechen. Die stille Ruhe um uns

her fordert zu gleichem Schweigen auf, und jedes, selbst geflüsterte Wort,

scheint den heiligen Frieden dieser Wildniß zu stören.

[Illustration]

Und hier ist wirklich noch _Wildniß_, denn _Urwald_ umgiebt uns in all

seiner einsamen Pracht. Kein Holz wird hier geschlagen; der alte morsche

Baum bricht über seiner Wurzel zusammen und fault wo er gewachsen und

gestanden. Wo der Föhn oftmals ganze Strecken dieser vielarmigen Waldriesen

niedergestreut, liegen sie toll und bunt über einander hin gesäet, und was

eben wachsen will und kann, bricht sich zwischen ihnen hinaus die junge

Bahn.

Aber der umgestürzte Baum hat für uns in diesem Augenblick nur insofern

Interesse, als er mit seinem dichten Wipfel vielleicht eine sich dahinter

äsende Gemse deckt. -- Jeder Stein wird mistrauisch betrachtet, jedes

raschelnde Laub bannt den Horchenden an die Stelle, und erst dann schleicht

er weiter, wenn er sich überzeugt hat daß kein Wild Ursache des Geräusches

war. Wie ein paar Verbrecher, mit dem erbärmlichsten Gewissen von der Welt,

vor jedem fallenden Blatt erschreckend, vorsichtig und ängstlich nach dem

geringsten fremden Ton hinüber horchend, schleichen wir so dahin -- langsam

mit dem umgedrehten Bergstock nieder fühlend, daß er keinen unzeitigen

Lärm mache, sorgfältig den eisenbeschlagenen Schuh auf das Geröll im Pfad

niedersetzend und jeden dürren Zweig, jedes gelbe Blatt dabei vermeidend

-- sind es doch lauter Verräther, und nur zu rasch geneigt ihren alten

Bekannten und Freunden, dem scheuen Wild, Nachricht zu geben daß Jemand

naht, der da nicht hingehört.

So ein dürrer Zweig ist auch wirklich oftmals schlimmer als ein

Telegraphendraht. Er knickt unter dem ungeschickten Fuß -- der Jäger bleibt

erschrocken stehn und wagt sich nicht zu rühren -- aber das Unglück ist

schon geschehn. Ein Alt-Thier vielleicht, mit dem man gar nichts zu thun

haben will, das aber hinter einem Dickicht irgendwo gestanden, hört das

fatale Geräusch und wird aufmerksam. Sehn kann es dabei Nichts, aber der

Verdacht ist einmal gefaßt -- vielleicht trägt gerade jetzt auch ein sehr

unnützer Windzug die Witterung dort hinüber, und schreckend, mit Tönen die

man über eine halbe Stunde weit hört, setzt es den steilen Hang hinab, und

macht den ganzen weiten Berg rege. An Pirschen ist in _der_ Gegend dann

weiter gar nicht zu denken.

Aber wir ziehen vorwärts. -- Da drüben zeigen sich die nackten Felsen einer

weitausgebrochenen Klamm, und dort stellen sich die Gemsen am liebsten ein.

Zwischen dem Geröll wächst spärliches, aber sehr süßes Gras, und ziemlich

offenen Raum haben sie zugleich, nach oben und unten auszuschauen.

Besonders sind diese Klammen ein Lieblingsplatz der alten Böcke, und denen

stellt man ja auch vor Allen nach.

Hier ist aber eine Hauptsache der _Wind_. Wenn dieser auf jeder Jagd eine

sehr bedeutende Rolle spielt, und bei Treibjagen wie Pirsche stets darauf

Rücksicht genommen werden muß, da man das Wild _mit_ dem Wind nun einmal

nicht beschleichen _kann_, so ist das noch viel mehr auf der Gemsjagd der

Fall. Man hat es hier nämlich nicht allein mit einem Wild zu thun, dem an

Geruchssinn kein anderes gleich kommt, sondern die Gebirge selber haben in

ihren Luftströmungen so viele Eigenheiten, daß der mit ihnen nicht betraute

Jäger nur wirklich zufällig einmal ein Stück zum Schuß bekommen würde.

Ziemlich regelmäßige Luftströmungen sind thalauf und thalab, Seitenwinde

finden fast nie, oder nur höchst selten statt. Im Schatten zieht dabei der

Wind stets _nieder_; in der Sonne _auf_wärts, und zwar aus sehr natürlichen

Gründen: die von der Sonne erwärmte Luft strebt nach oben, die kältere

drängt sich ins Thal hinab. Ehe die Sonne über die Berge steigt, und

auf den Hängen, die sie nicht bestreicht, oder nicht erreicht hat, zieht

deshalb die Luft stets bergab, und oben an einem Joch hingehend, würde

man wenig oder gar Nichts zu Schuß bekommen. Man muß sich deshalb tiefer

halten, nach aufwärts sehn zu können, und was oben steht, kann man dann

auch leicht beschleichen -- ist wenigstens sicher daß man den Wind von dort

herunter bekommt. Steigt dann die Sonne, nimmt man den Rückweg oben hin,

und hat denselben Vortheil wie vorher.

Beim Treiben läßt sich diese Eigenschaft besonders gut benutzen, da man

im Stande ist sich den Wind auszusuchen, je nachdem man in eine kühle

schattige Schlucht, oder auf den sonnenbeschienenen Rücken irgend eines

Felsens tritt.

Da es noch früh am Morgen und kühl und frisch war, wo der Wind natürlich

scharf nach unten zog, hielten wir uns ziemlich tief, verließen, sobald

es nur ordentlich hell im Wald geworden, den Pirschpfad und kletterten

vorsichtig den grasigen mit Kiefern und Krummföhren überwachsenen Hang

hinab.

Wie das so still im Walde war -- weit von drüben herüber, von der andern

Seite des Rißthales klang der tiefe Schrei eines Brunfthirsches her

-- sonst fast kein Laut. -- Doch halt ja -- dort oben wo jene schmale

Felsenwand so hoch emporstieg und mit ihren grauen Seiten durch die Bäume

schimmert, balzte ein Birk- oder Spielhahn mit weichen, melodischen Kullern

-- aber die Jäger hören das zu dieser Jahreszeit nicht gern, denn es soll

schlechtes Wetter deuten.

Jetzt haben wir beinah die Klamm erreicht, Ragg wird immer ängstlicher im

Gehen, und jeder Schritt weiter zeigt auch schon mehr und mehr die helleren

Felsen, die übereinander geschichtet und aus gewaltigen Blöcken bestehend,

bis fast oben unter das Joch hinauf ragen. Längst schon haben wir den

Pirschweg verlassen, und steigen lautlos nebeneinander hin, Jeder vollauf

damit beschäftigt den Ort auszusuchen wohin er den Fuß geräuschlos setzen

kann, und hat er den gefunden, einen raschen forschenden Blick umher zu

werfen. Da plötzlich packt er meinen linken Arm und die vorsichtig und

langsam ausgestreckte Hand deutet nach vorn. Der Richtung zu liegt dort

ein dichter Laatschenbusch und der eine Zweig -- wahrhaftig da drin steht

irgend ein Stück Wild, was es auch sei -- der eine Zweig bewegte sich, als

ob irgend etwas Schweres dagegen drückte. _Was_ für Wild, war natürlich

noch nicht zu erkennen.

Leider lag der Busch etwas unter uns, und links abbiegend, von unten herauf

dahin zu kommen, krochen wir jetzt mehr als wir gingen der Stelle zu. Die

Gegend dort war wie gemacht zum Anpirschen, und lockere Felsblöcke, und

umgestürzte, halb verdorrte Stämme bildeten ebensoviele Schutzwehren für

den anschleichenden Jäger. Vorsichtig benutzte ich auch das Terrain nach

besten Kräften, und leise, nachdem ich vielleicht zwanzig Schritt auf den

Knieen gekrochen war einen schräg auflaufenden Fels zu erreichen, hob ich

langsam den Kopf und sah hinüber.

»Mord!« war der mehr gedachte als gemurmelte Fluch, als ich mich plötzlich

einem starken Spießhirsch auf kaum vierzig Schritte gegenüber sah, der

sich hier so ruhig äste, als ob nicht ein scharfgeladenes Rohr hinter dem

nächsten Steine lauerte, und sein leckeres Mahl hätte bös versalzen können.

Aber Hirsche wurden natürlich in dieser Jahreszeit nicht geschossen und der

übrigens ziemlich stark und feist aussehende Bursche hätte uns die ganze

Jagd verderben können.

Vorsichtig vor allen Dingen wieder hinter meinen Stein zurückkriechend,

telegraphirte ich dem mir aufmerksam zuschauenden Ragg die unangenehme

Botschaft hinunter, und dieser kam jetzt langsam heraufgeschlichen. -- Was

nun thun? Zeigten wir uns, so brach der derbe Bursche hier ganz in der Nähe

der Klamm durch das Dickicht, und wenn er nicht einmal schreckte, warnte er

doch jedenfalls alle dort herum stehenden Gemsen, und verdarb uns die Jagd.

Es blieb uns nichts anders übrig als ihm aus dem Weg zu gehn, und mit einer

Aufmerksamkeit und zarten Rücksicht für seine Ruhe und ungestörte Mahlzeit

die ihn hätte innig rühren müssen, wenn es ihm nur verstattet gewesen wäre

uns zu beobachten, krochen wir jetzt zurück wie wir hinaufgeschlichen,

tiefer hinab ihm aus den Weg zu kommen.

[Illustration]

Das gelang auch vollkommen und etwa vier- oder fünfhundert Schritt tiefer

unten näherten wir uns endlich dem wirklichen Rand der Klamm, der gerade

an dieser Stelle von einem mit Laatschen bewachsenen Felsenvorsprung

überhangen wurde.

Zum Abäugen gab es keinen bessern Platz, und vorsichtig krochen wir, die

Hüte und Stöcke abgelegt, ich nur mit der Büchse im Anschlag hinaus, die

untere Schlucht von hier zu übersehen.

Dort stand ein Bock -- da drüben an der Wand, gleich unter ein paar kleinen

mit gelbem Laub noch spärlich bedeckten Espen. Das wenige Gras abäsend,

das in der Spitze von zwei dort von verschiedenen Seiten niederspringenden

Bächen wuchs, ging er langsam umher, vorsichtig dabei oben hinauf windend,

und den Blick zugleich, mit dem halb schräg gedrehten Kopf, nach der Tiefe

drehend. Aber er schien das mehr aus alter Gewohnheit zu thun, als daß

er wirklich eine Gefahr gefürchtet hätte. Der Morgen war so still, die

Schlucht lag so ruhig, und so lange hatte Nichts den Frieden hier gestört

-- armer Bock -- es geht uns Menschen eben so. Die Gefahr naht gerade da am

liebsten, wo wir sie am allerwenigsten erwarten, und gut für uns dann, wenn

sie uns gerüstet findet.

Unser Schlachtplan war bald entworfen. Ragg wollte zwar gern, wie es

gewöhnlich die Jäger in den Bergen thun wenn zwei zusammen pirschen

gehn, mich hinunter auf den Wechsel schicken, und dann selber oben hinum

schleichen und dem Bock in den Wind kommen, oder sich auch zeigen, wodurch

er ihn mir dann vielleicht hinunter getrieben hätte. Durch das Anpirschen

an den verwünschten Spießer war aber schon ein guter Theil des Morgens

verloren gegangen, und da er einen tüchtigen Umweg hätte machen, und ich

selber an die andere Seite der Klamm hinüber klettern müssen, an der der

Wechsel lag, blieb es immer die Frage, ob wir nicht doch zu spät kommen

würden. Ueberdies äste sich der Bock gegen den Wind hinauf. So beschloß ich

denn mein Glück mit Anschleichen zu versuchen und rasch zogen wir uns jetzt

von unserem Ausguck zurück, unterhalb desselben eine gedeckte Stelle zu

finden an der ich in die schroffe Klamm hinabsteigen konnte.

Das gab ein bös Stück Arbeit. Durch einen ziemlich weit hineinragenden

Vorsprung gleich unterhalb verdeckt, war allerdings hier keine Gefahr daß

uns der Bock hätte sehn können, und den Wind bekam er eben so wenig, denn

der wehte noch scharf und stät die Klamm nieder, aber wie an einer Wand

ging es hinab, und mit der Büchse auf dem Rücken, die den Ungeübten oft im

Klettern hindert, war die Sache doch viel leichter berathen als ausgeführt.

Ueberdem steigt es sich zehnmal besser bergauf, als in die Tiefe nieder.

Aber dort stand der Bock und hinunter mußte ich; so die Zähne zusammen

beißend und den Bergstock, als treuen Helfer fest in den steinigen, mit

lockerem Geröll bedeckten Boden stemmend, ging die Fahrt zu Thal. Manchmal

löste sich, trotz aller Vorsicht, ein kleiner Stein, und rollte polternd

in die Tiefe, aber theils waren wir noch zu weit von der Gemse entfernt,

theils achten auch die Thiere auf _dies_ Geräusch, das sie in den Bergen

gewohnt sind, nicht sonderlich viel. Fortwährend lösen sich in diesen

steilen Hängen, besonders nach feuchtem Wetter, kleine und größere Steine

los, und auf den größeren Reißen klappern sie fast ununterbrochen fort.

Hier nun eine Laatsche ergreifend, mit Hülfe ihrer zähen Zweige ein Stück

hinab zu kommen, dort mit dem eingestemmten Stock niederrutschend und jeden

vorspringenden Stein aufmerksam benutzend, den Fuß darauf zu ruhen, kamen

wir endlich glücklich unten an. Ob der Bock freilich noch oben stand oder

nicht, ließ sich von da aus nicht mehr erkennen. Da er sich aber dicht an

dem sprudelnden Bach geäst, wo das Geräusch des Wassers schon selber Vieles

übertäubt, hatten wir die Hoffnung daß er unsere Niederfahrt nicht gehört,

und folgten nun selber dem Bach rascher und zuversichtlicher aufwärts.

Eine Gemsjagd in Tyrol · 第 3 / 11 段