Wieder wechseln hier die Bilder von Berg und Schlucht um uns her, aber das

Auge forscht jetzt nach anderem Ziel: -- Gemsen. Ueber den Weg laufen die

Fährten eines ganzen Rudels das hier vom Joch nieder dem vorderen »Graben«

zugezogen ist. Die Jäger sehen, wie sie darüber hinschreiten die Fährten

an, und deuten mit der Hand auch wohl hie und da auf die besonders tief

eingedrückten breiten Spuren eines alten Bockes; aber keiner von ihnen

spricht mehr ein Wort. Wir sind hier im eigentlichen Gemsrevier. Spuren wie

frische Losung zeigen überall die Nähe des scheuen Wildes, und der Klang

der menschlichen Stimmen schallt weit auf diesen Höhen.

Aber nichts Lebendes zeigt sich noch. Hie und da hüpft in einem

Laatschenbusch einer der kleinen befiederten Bergsänger umher, und lenkt

den Blick der Vorüberschreitenden rasch und forschend auf sich. Nichts

Lebendes, was sich im Sehkreis regt, und überhaupt Bewegung hat entgeht

dem Auge der aufmerksamen Jäger. Fünfzig Mal dabei getäuscht, sei es durch

einen Vogel, eine raschelnde Maus, oder einen losgebröckelten Stein, -- er

ermüdet nicht, und wieder und wieder sucht das Auge nach Leben und Bewegung

hier im Wald, und die Hand greift unwillkürlich nach der Waffe.

Jetzt ist »der Graben« der getrieben werden soll erreicht, und in einem

Dickicht, noch unter dem Rand, daß in der Nähe sitzende Gemsen nicht die

sich regenden Gestalten der Jäger auf dem Abhang erkennen könnten, bleibt

der Herr stehn.

»Und wie wollt Ihr's nun machen?« lautet die mit unterdrückter Stimme an

die herbeitretenden Jäger gerichtete Frage.

Rainer beginnt jetzt, mit eben so vorsichtig gedämpfter Stimme seinen

nochmaligen Vortrag: Dort unten auf einem bezeichneten Felsenkamm, der den

Schuß nach rechts und links hinein in die steile, lawinenzerrissene Klamm

erlaubt, an der und jener Wand, und dort und da sollen die Schützen stehn,

und wenn die Treiber dann von dort und da herüber kommen, weiß Rainer

auf ein Haar, in welchem Graben, welch eingerissene Spalte und Klamm die

aufgescheuchten Rudel ihre Flucht hin nehmen müssen.

Jetzt werden rasch die verschiedenen Jäger als Treiber oder Abwehr nach

rechts und links geschickt und vorsichtig, auch das geringste Geräusch

vermeidend, pirscht sich Jeder zu dem angegebenen Stand. Den Bergstock

verkehrt in der Hand, die eiserne Spitze nach oben, daß sie nicht zufällig

vielleicht einen Stein berühre und durch den fremden Metallklang die Gemsen

schrecke, mitten in die Laatschen hinein an deren Zweigen sich die rechte

Hand anklammert, während die linke den Bergstock hält und zu gleicher Zeit

die Büchse aus dem Weg der Aeste rückt, schleicht der Schütze nieder. Hier

einen kleinen Vorsprung benutzend, durch einen Busch gedeckt den Ueberblick

über einen vielleicht lichten Fleck zu bekommen, dort der ausgewaschenen

Rinne eines jetzt trockenen Bergquells folgend, indem er dadurch wenigstens

das Geräusch der zurückgebogenen Zweige vermeiden kann; jetzt auf dem

Boden nieder unter den Büschen durchkriechend, jetzt dazwischen hin den

Weg suchend. Da wird es plötzlich licht. -- Dort vor uns liegt der Rand der

Klamm, und vor sich abäugend erst, ob nicht vielleicht ein einzelner alter

Bock dort unten schußgerecht steht und durch längeres Zögern verscheucht

werden könnte, sucht man sich jetzt, da sich die Hoffnung nicht bestätigt,

einen zugleich gedeckten und doch freien Fleck, den größtmöglichsten Raum

in der Nähe überschießen zu können, und so wenig als möglich durch nahe

Büsche verhindert zu sein, nach verschiedenen Richtungen hin die Pässe und

Wechsel zu beherrschen.

[Illustration: =Steileck.=]

4.

Das Riegeln.

Trefflich für solche Lausch- und Anstandsplätze eignen sich die, diesen

Gebirgen eigenthümlichen schmalen Ausläufer vorgeschobenen Gesteins, die

gewöhnlich von beiden Seiten in die Ränder der Klammen hineinreichen, und

oft bei nur wenigen Fuß Breite, mit Laatschen oben bis zur äußersten Spitze

bewachsen, nicht allein den größten Theil der Klammen überschauen lassen,

sondern auch nach drei Seiten hin einen freien Schuß gewähren.

Auf einer solchen wunderbaren, oben kaum anderthalb Fuß breiten aber

vollkommen sicheren Steinkoulisse sitzen wir jetzt, der Leser und ich, und

obgleich rechts und links ein tiefer Abgrund gähnt, und man den Bergstock

nicht einmal dicht vor sich einstoßen dürfte, weil er hinunter in die Tiefe

fallen würde, haben wir doch nicht das Mindeste zu befürchten. Die den

Armen eines Kronleuchters nicht unähnlichen zähen Laatschenzweige

halten fest und gut, und während wir den Raum in der Mitte rasch mit

dem Jagdmesser etwas ausgehauen, ragen die Zweige um uns her wie ein

künstlicher grüner Schirm empor, und halten uns dahinter dicht versteckt.

Nur eine Vorsicht muß der versteckte Jäger gebrauchen: nicht unvorsichtig

auf die elastischen Zweige zu drücken, die durch ihr Auf- und

Niederschaukeln dem scharfen Blick der noch so weit entfernten Gemse nicht

lang verborgen blieben.

Was für ein wundervoller Platz das ist, und wie so still und schweigend der

dunkle wilde Wald hier um uns liegt. Auf dem aushängenden Felsen, dessen

schmalen Verbindungsweg man, rechts und links umschauend, nicht einmal

erkennen kann -- und viele Bewegung verstattet der kaum fußbreite Sitz auch

nicht -- hängt man da; gleichsam abgeschnitten, über der wild zerrissenen,

zu Thal stürmenden Schlucht, und von steilen, mit überhängenden Laatschen

überall besetzten Wänden fest und drohend eingeschlossen.

Der _Graben_, wie diese steilen Bergthäler genannt werden, bildet im Ganzen

eine weite gewaltige Schlucht, wie denn auch der ganze breite Gebirgshang

an der Südseite in solche Thäler oder Gräben ziemlich gleichmäßig vertheilt

ist, während zwischen ihnen von oben nach unten laufende und dicht

bewaldete Abschüsse oder Hänge sie von einander trennen. Im Einzelnen reißt

sich aber ein solcher Graben wieder in hundert und hundert kleinere und

größere Einschnitte, Schluchten, Felsspalten und Klammen, jede im Kleinen

und in sich selbst, das große Bild des Ganzen wiedergebend.

Die schroffen Wände, an denen kein fruchtbarer Boden halten kann, stehen

da drinnen freilich kahl, und in den Schluchten, wo sich zur Regenzeit der

Bergbach das reingewaschene ausgeschwemmte Bett gewühlt, kann auch kein

Pflanzenleben gedeihen; aber die zähe Laatsche dringt doch ein, wo sie's

nur irgend möglich machen kann. Nicht allein auf den Nacken der Felsen hin

kriecht sie, und wirft ihre Zweige zwölf und sechzehn Fuß weit nach

rechts und links bis über den Abgrund hin, nein auch, wo nur irgend eine

Felsenspalte eine Hand voll von oben niedergeschwemmter Erde aufgefangen

und gehalten, säet sie ihren Samen, treibt Keime und Schößlinge, und

klammert sich mit den festen Wurzeln ein. Wo sich ein solcher Anhaltspunkt,

und sei er noch so unbedeutend, bietet, findet man diese Büsche, die

Nadelspitzen oft klein und kümmerlich, die Zweige dünn und kurz, aber

immer fest und sicher in die Felsspalte eingeklemmt, und gar willkommene

Anhaltspunkte sind das dann für den Steigenden. Der einmal gefaßte Zweig

bricht nicht ab in der Hand, und, wenn er das ganze Gewicht seines Körpers

daran hinge.

Ha -- was war das? ein zischender Pfiff der von dort herüber schallt. Eine

schreckende Gemse, der irgend woher der verrätherische Luftzug die fremde

Witterung des Feindes zugetragen -- und dort drüben? -- ein rollender

Stein, der von den scharfen Klauen eines aufgescheuchten Thieres

losgestoßen, hinunter zu Thal die springende Bahn nimmt. -- Aber zu sehn

ist noch Nichts und der forschende Blick sucht rasch und mistrauisch all

die hundert kleinen Schluchten und Spalten ab, aus denen allen das ersehnte

Wild im Augenblick herausfliehen kann.

Todtenstille herrscht -- da bricht ein Schuß von oben dröhnend und donnernd

in's Thal nieder und weckt das Echo in den Bergen von Wand zu Wand. Das war

des Jagdherrn Büchse -- wie den Schall die gegenüberliegenden Gebirge jetzt

wiedergeben, und wie er sich prasselnd und schmetternd die Bahn

hinunter bricht in's tiefe Thal. Und doch ist das hier in den Bergen so

eigenthümlich mit eben dem Schall, daß ein im Nachbargraben Stehender den

Schuß vielleicht nicht einmal hören konnte.

Da poltert's und bricht's über das Felsgestein, ganz in der Nähe. Wie mit

einem Messer sticht's bei dem Ton dem lauschenden Jäger in's Herz hinein,

und bebt und zittert ihm durch alle Glieder. Und ob er von Kindheit an

die Büchse geführt und der Spur des Wildes gefolgt wäre, _dem_ ersten,

unwillkürlichen, fast krampfhaften Herzklopfen beim plötzlichen Erscheinen

eines Stücks Wild, beim Rascheln oder Rauschen das seine sichere Nähe

verräth, entgeht er nicht. -- Aber es dauert nicht lange, und in der

nächsten Minute schon muß er die alte Ruhe wieder erlangt haben, und hat

sie auch -- einzelne Fälle natürlich ausgenommen.

Wie das dort rasselt und tobt durch die kleine Schlucht. Drunten heraus aus

ihrer Mündung kollern und springen die losgegangenen Steine schon vor, und

den Berg hinab. Das muß ein ganzes Rudel sein. -- Und richtig, dort in den

Laatschen zeigt sich plötzlich der schwarze Körper einer alten Geis mit den

weißen Backenstreifen und den hohen scharf umgebogenen Krickeln. Wenn sie

allein käme könnte man sie recht gut für einen Bock halten. Aber ein Rudel

wird meist immer, ja fast ohne Ausnahme von einer alten Geis geführt, oft

der Stammmutter des ganzen Trupps, die so von Kindern und Kindeskindern

gefolgt, den Berg durchzieht. Jetzt werden die andern auch sichtbar --

leider außer Schußweite, denn das ganze Rudel ist wohl noch vier- bis

fünfhundert Schritt entfernt. Auf einem mit Laatschen dünn bewachsenen

Felsrücken tauchen sie auf, eine hinter der andern -- jetzt eine braune

Geis mit schwarzem Rücken, das kleine munter springende Kitz an der Seite,

jetzt ein junger zweijähriger Bock der ernst und gravitätisch, wie er es

von den älteren gesehn, eine Weile daher schreitet. Dann aber plötzlich,

als er das munter seitwärts springende Kitz um sich her tanzen sieht,

vergißt er, wenn er auch vorn seinen stolzen Ernst beibehält, hinten doch

die Gravität, und macht mit den Hinterläufen einen Jugendsprung. Mehr

und mehr drängen herauf und bleiben Kopf an Kopf auf der kleinen Lichtung

stehn, alle hinauf nach der Klamm äugend und windend, von der der Schuß

tönte. Ehe die Altgeis weiter geht, denkt keins daran sich von der Stelle

zu rühren.

Von drüben herüber ist das Rudel gekommen, jedenfalls von dem Schuß aus

sicherer Ruhe aufgeschreckt. Jetzt aber mag doch irgend ein Geräusch der

von unten herauf brechenden Treiber von dem scharfen Gehör der Leitgemse

erfaßt sein, oder ihr Blick hat auch wohl die sich da unten regende

Gestalt, sei sie noch so weit entfernt, gesehn, ihre Nase die fremde

gefährliche Witterung gefangen. Da unten ist's jedenfalls nicht recht

geheuer, _was_ es auch sei, und seitwärts an der Wand auf der sie gestanden

niedertretend, läuft und rutscht sie halb die fast senkrechte Steinplatte

hinab, an der sich, von hier aus wenigstens, nicht der geringste

Anhaltpunkt erkennen läßt. Jedenfalls will sie schräg durch den Graben dem

anderen Ausläufer zu; ihr aber folgen auch, ohne weiter zu fragen weshalb

oder wohin, die andern Gemsen. Zuerst die Geis mit dem Kitz, dann der

zweijährige Bock, wahrscheinlich ein Herr Sohn vom vorvorigen Jahr, dann

wieder zwei Kitzgeisen und nun ein starker Bock. -- Wetter noch einmal, ob

der Bursche nicht aussieht wie ein Wildschwein, als er da breitspurig und

bequem den halsbrechenden Pfad ohne die mindeste scheinbare Anstrengung

hinuntergleitet. Wenn der zum Schuß herüberkäme, der wär' recht. -- Jetzt

folgen noch ein paar wahrscheinlich gelte Geisen oder schwächere Böcke

-- es läßt sich von hier aus nicht so deutlich erkennen -- dann wieder

Kitzgeisen dazwischen, und zum Schluß noch ein alter Bock. Im Ganzen ein

Rudel von drei und zwanzig Stück.

Jetzt ist Alles wieder still -- die Gemsen haben irgend einen bewaldeten

Hang angenommen, und ziehen geräuschlos und gedeckt darin fort.

Es ist aber, selbst für den geübten Gemsjäger, gar nicht etwa so leicht

Geis und Bock von einander zu unterscheiden, ja in der Ferne fast ganz

unmöglich, wenn nicht die Geis eben ihr Kitz als Legitimation mit sich

führt. Die Farbe der Gemsen ist im Sommer lichter als im Winter, und

schmutzig isabellfarbenartig nur mit dem dunklen Rückenstreifen. Im rechten

Winter werden sie aber ganz schwarz, und alte gelte Geisen die allein

kommen, und oftmals gar starke ansehnliche Krickeln tragen, sehn genau so

aus wie ein Bock. Nur in der Nähe unterscheidet sie der längere dünnere

Hals, wie auch der etwas zierlichere Kopf vom Bock. Ebenso stehn ihre

Krickeln mehr parallel zusammen auflaufend, während die Krickeln des Bocks

gleich unten von der Wurzel aus etwas stärker sind und sich ein wenig

auseinander biegen. Allerdings nur schwache Unterscheidungszeichen in der

Ferne.

Links, dicht neben uns flattert etwas -- welch prächtiger gewandter Vogel

sucht sich da sein Mahl an dem nackten Felsen? -- Es ist ein Alpenspecht,

der mit den scharfen Klauen einkrallend in den Stein, die Flügel

ausgespannt und wie zur Stütze an die Wand gestemmt, den Kopf

zurückgebogen, auf und ab, bald rechts bald links hinüberläuft, und

blitzschnell mit dem nur leicht gebogenen spitzen Schnabel in Ritz und

Spalte fährt, Käfer und kleineres Gewürm daraus hervorzuholen. Und welche

Pracht in dem Gefieder. Der ganze kleine Bursch ist in seiner Haupt- und

Grundfarbe schön stahlgrau mit schwarzem Kopf und dunklen Streifen

auf Schwung- und Deckfedern, aber über die zierlichen Flügel läuft ein

rosenrother Streif, in dem Grau verschmelzend, wie an den Schwingen des

Weinvogels, jenes zierlichen Nachtfalters, und die kleinen schwarzen Augen

schauen so scharf, so klug umher. Ist er so wenig furchtsam daß er den, nur

wenige Fuß von ihm kauernden Jäger gar nicht scheut? -- Ja, der rührt und

regt sich nicht, und sitzt da wie hineingewachsen in die Laatsche. Die

erste Bewegung freilich -- was war das? -- Dort flattert auch schon der

Alpenspecht zur Seite. Aber was kümmert uns jetzt der -- gerade da drüben

in der schmalen Klamm, die seit ab aus dem Walde niederführt, rollte ein

Stein; dort unten springt er vor und da -- wieder der Stich in's Herz -- da

drüben auf der nächsten Felsenspitze, auf einem Raum den ich mit der Hand

bedecken könnte, steht ein schwarzer etwa drei- oder vierjähriger Bock, den

klugen Kopf mit dem weißen Backenstreif nach unten gedreht, wo in diesem

Augenblick ebenfalls eine Kitzgeis sichtbar wird.

Wie krampfhaft faßt die Hand den Büchsenkolben, sucht der Zeigefinger

der rechten Hand den Drücker, der Daumen den Hahn. Geräuschlos wird er

gespannt, langsam durch keine rasche Bewegung den Blick des aufmerksamen

Thieres hierherzulenken, hebt sich der Lauf und Korn und Visir zusammen.

»Pest!« murmelt der Jäger leise zwischen den zusammengebissenen Zähnen

durch, und er hat Ursache, denn oben auf dem Lauf, gerade vorn auf dem

Korn, von dem blitzenden Metallpunkt vielleicht angezogen, schaukelt sich

ein kleiner zierlicher gelber Schmetterling, und will nicht wanken und

weichen.

Noch steht der Bock da drüben und die Gemse unten interessirt ihn mehr

als irgend ein Geräusch oder Luftzug der ihn von oben fortgescheucht.

Mit unzerstörbarem Ernst schaut er nieder auf das spielende Kitz und die

lauschende Geis.

Langsam und vorsichtig hat der Jäger indeß die Büchse zurückgezogen, bis

er mit dem Korn den nächsten Laatschenbüschel erreichen kann. Der

Schmetterling weicht den drohenden Stacheln des grünen Busches aus, und

flattert thalauf, und wieder richtet sich das Rohr dem heißersehnten Ziele

zu.

[Illustration]

Da -- hat sein Auge irgend einen verrätherischen rückschlagenden

Sonnenstrahl von dem blanken Lauf gefaßt? -- wirft der gefährdete Bock

rasch den Kopf empor, und die klugen Augen haben im Nu den Ort der

wirklichen Gefahr erkannt -- aber zu spät. Korn und Visir schmelzen gerade

auf dem Blatt der wenig mehr als hundert zwanzig Schritt entfernten Beute

zusammen; der Finger berührt den Stecher und mit dem Schlag, noch während

der Bock sich vorn niederläßt, von seinem spitzen Stand hinabzusetzen,

schlägt ihm die Kugel, schon etwas hoch, das Rückgrat über dem Blatt

entzwei. Vergebens sucht das Thier sich mit den scharfen Läufen in den

abschüssigen Boden einzukrallen, die Steine rollen unter ihm fort; halb

fällt er, halb rutscht er nieder. Während ihm das Geröll polternd folgt und

über ihn wegspringend dem nächsten Abhang zu fliegt, erreicht er unten

den ersten festen Halt -- Steinblöcke, die Lawine oder Bergstrom da nieder

geschmettert -- und sucht noch einmal dort sich aufzurichten. Vergebens;

seine Kraft ist gelähmt, sein Lauf in diesen Bergen beendet, und während

der rothe Schweiß den Boden um ihn färbt, bricht er stöhnend zusammen.

Aber an ihm vorbei fliegt die Kitzgeis, den offenen Weg zur Flucht nach

unten nicht benützend. Zwar ist sie sicher vor des Schützen Rohr, denn

keine Kitzgeis wird in der ächt weidmännisch betriebenen Jagd geschossen,

aber was scheucht sie denn auf einmal dort hinauf? -- Hat sich der Schall

des Schusses in den Bergen, was oft geschieht, so gebrochen, daß sie die

Gefahr da unten wähnt, während sie hier oben in der Nähe des Feindes droht?

Oh nein -- das scheue Thier weiß recht gut vor wem es flieht, denn über die

Steine unten, über Geröll und Felsenblock hinwegspringend, so rasch fast

wie der Bock selber früher sprang, der dort verendend liegt, kommt ein

Jäger herauf aus der steilen Schlucht.

Den Bergsack auf dem Rücken, die Büchse über der linken Schulter, den

Bergstock zum Springen über Spalte und Stein gebrauchend, wie der Rabe

seiner Berge der den Geruch des Blutes wittert und mit raschem Flügelschlag

schon nach dem Schuß krächzend herbeistreicht, setzt der kleine gewandte

Bursch heran. Im Nu hat er dabei die Stelle gefunden wo das, noch einmal

wenn auch vergebens seine letzten Kräfte anwendende Thier liegt. Büchse,

Hut und Bergstock drückt er gleich darauf neben sich auf die Steine, das

Messer fliegt aus der Scheide, und die sich krampfhaft streckende Beute

stöhnt unter dem Gnadenstoß. Aber zu gleicher Zeit fast greift die eine

Hand auch nach dem _Bart_ des verendenden Bocks, zieht die langen, mit

weißer Spitze versehenen Rückenhaare[2] rasch und geschickt heraus, soweit

sie sich zum Hutschmuck eben brauchen lassen, nimmt dann ein altes, schon

mit früherem Schweiß beflecktes Stück Papier aus der Tasche, wickelt sie da

sorgfältig hinein und birgt das in seiner Brusttasche. Jetzt erst geht

er an das Geschäft des Aufbrechens, die Gemse dann später in dem rasch

abgeworfenen Bergsack mit hinaus aus dem Graben zu nehmen.

[2]: Der Gemsbart sitzt dem Bock nicht etwa unter dem Kinn, sondern auf

dem untern Theil des Rückens; an derselben Stelle, wo das Wildschwein

die längsten starren Borsten hat.

[Illustration]

Der Bursch da unten ist aber eine der interessantesten Persönlichkeiten

unter sämmtlichen Jägern. Klein und fast schmächtig von Gestalt, aber

trotzdem von zähem, nervigem Körperbau, munkelt man daß er früher, wie er

jetzt Einer der besten, wenn nicht der beste Jäger des Reviers ist, auch

Einer der berüchtigtsten Wildschützen gewesen sei. Jedenfalls kommt ihm

keiner der Uebrigen gleich im Fallenstellen für alles mögliche Raubzeug,

vom Jochgeier nieder bis zum kleinen Wiesel. Niemand lockt wie er Hasel-,

Stein-, Schneehuhn und Birkwild, und fängt die Schnepfen und andere

Strichvögel so geschickt in Schlingen. Auch Alles was man lebendig verlangt

liefert er -- wohl nicht gleich, denn solch Ding erfordert Zeit -- aber

_mit_ der Zeit gewiß und sicher.

[Illustration]

Wenn man von oben die kleine unansehnliche Gestalt betrachtet,

kommt's Einem auch wohl unwahrscheinlich vor, daß das der grimmste und

gefährlichste Feind sein sollte, den die schlauen und scheuen Thiere der

Wildniß hier in den Bergen, in ihrem eigenen Reviere hätten; so wie er aber

den Kopf nur umdreht glaubt man's ihm. Der ganze Schnitt des Gesichts ist

schon dem Adler gleich, das Auge nicht groß aber lebendig und rastlos,

nicht einen Moment an ein und derselben Stelle haftend. Die Augenbrauen

sind dabei hoch heraufgezogen, und wie durch das stete Horchen und Wachen

so stehn geblieben. Der kleine Ragg, wie er zum Unterschied von seinem

Vetter, dem _großen_ heißt, sieht aus, als ob er nicht einmal im Schlaf die

Augen schlösse.

[Illustration: =Treiber an einer Wand.=]

5.

Das Treiben am Joch.

Mit dem Riegeln -- wie diese Art Treiben genannt wird -- ist's jetzt

vorbei. Dort drüben pfeift noch einmal eine Gems, die wahrscheinlich den

Wind von einem der andern Treiber bekommen. Platz genug hat sie indessen

zur Flucht, und bringt sich auch rasch in Sicherheit. Wieder hinauf

klettern wir jetzt, von dem schmalen Steinkamm bis hinüber zum Waldeshang,

denn hinunter zur erlegten Gemse könnte wohl kaum eins der scheuen Thiere

selbst, so schroff und jäh läuft da der Fels hinab. Ragg wird sie schon

hinauf zum Sammelplatz schaffen.

Aber auch selbst das Aufklettern geht nicht so rasch, denn bist Du ein

einziges Mal durch die Laatschen _aufwärts_ gestiegen, Freund, dann weißt

Du auch was das Ding zu sagen hat. Die zähen elastischen Zweige liegen alle

nach unten, eine Strecke erst am Boden oder einen Fuß darüber hinlaufend,

und dann wieder in die Höhe biegend, daß sie die Büschel an den Spitzen der

Zweige gerade und aufrecht tragen. Ein in einander greifen sie dabei, und

wenn auch die schlanke Gemse, die nur ihre Krickeln auf den Rücken zu legen

hat, leicht hindurch schlüpft, bleibt doch der Jäger mit seiner Büchse über

der Schulter, mit dem Bergstock in der Hand, mit Hut und Rock und Riemen

alle Augenblick darin hängen, und abzubrechen ist fast gar kein Zweig. --

Nur mit dem Messer gehauen oder eingeschnitten, knickt er augenblicklich

ab. Noch schlimmer ist es dabei, wo dürre Aeste mit dazwischen liegen;

ein Durchkommen wird da fast zur Unmöglichkeit, oder muß Zoll für Zoll

erzwungen werden.

Und dennoch ist es, wenn nicht leichter, doch jedenfalls sicherer in den

Laatschen auf, als abwärts zu klettern. Die zähen Büsche hängen über alle

Abgründe weit hinaus, und wollte man rasch zwischen ihnen niedergleiten,

da sich die weichen Zweige dem nach unten Hindurchdrängenden aus dem Wege

biegen, wäre man jedem Augenblick der Gefahr ausgesetzt ganz

gemüthlich vielleicht in eine fünf- bis sechshundert Fuß tiefe Schlucht

hineinzufahren.

[Illustration]

Als ich den Sammelplatz endlich erreichte hatten sich, den kleinen Ragg

ausgenommen, der noch mit seinem Gemsbock irgendwo unten im Graben stak,

schon sämmtliche Treiber um den Herrn versammelt.

Wie wundervoll die Wildniß um uns liegt. Dort drüben hebt der große

Falke sein riesiges Haupt empor, während die gewaltigen Tannen an dem

gegenüberliegenden Hang so niedrig aussehn wie kleine zierliche Büsche,

und unter uns gähnt eine wilde Schlucht tief in den Graben nieder, der hier

scharf und abschüssig viel hundert Fuß wohl jäh hinunter sinkt.

Auf einem Felsenvorsprung aber, der weit über den dunklen Abgrund

hinausragt, die Büchse über der Schulter, den Bergstock in der Hand, steht

unser Jagdherr, und neben ihm demonstrirend und erzählend der große Ragg,

während sich Rainer etwas kleinlaut hinter diesen gedrückt hat.

Die anderen drei Jäger, von denen der eine den vom Herrn erlegten starken

Bock im Bergsack trägt, stehen etwas weiter zurück.

»Und Ihr seht jetzt daß ich recht hatte,« sagt dieser; »die drei starken

Rudel die von unten kamen, haben alle mit einander gar nicht daran gedacht

bis zu mir herauf zu klettern, sondern sind, wie sie das _jedesmal_ thun,

seitwärts ausgebrochen. Haben _Sie_ etwas geschossen?«

»Einen Bock« --

»Nun ja, ich auch einen, und die andern Freunde sind gar nicht zum Schuß

gekommen, während wenigstens vierzig Gemsen in dem Treiben waren.«

Rainer spricht kein Wort, Ragg hingegen, der ganz ungleich seinem Vetter

nie eine Gelegenheit vorüber gehn läßt seine Meinung, lebhaft dabei

gesticulirend, zu sagen, will sich auf eine nähere Beschreibung des

Treibens einlassen -- es ist die Elster unter den Jägern. Diesmal aber

wird er unterbrochen, das zweite Treiben rasch besprochen, und fort geht's

wieder, die steilen Höhen hinan, ein Treiben an der Nordseite des Jochs,

im sogenannten Ochsenthal zu machen, wo nur ein paar gezwungene Wechsel

den Gemsen bleiben sich zu retten und die schützenden Dickichte wieder zu

erreichen.

Eine Gemsjagd in Tyrol · 第 2 / 11 段