So leicht und glatt jedoch dieser Theil des Weges von oben ausgesehn hatte,

so schwierig fanden wir ihn hier. Riesige Felsblöcke lagen überall umher

zerstreut, und hie und da schlossen die Wände diese so eng ein, daß sich

das Wasser über sie hin den Weg bahnte -- und diesem schlüpfrigen Pfad

mußten wir folgen. Was that's -- wenn nur der Fuß und Bergstock sich da

einklammern konnte, die Nässe kümmerte uns Nichts, und mühselig aber doch

ziemlich rasch arbeiteten wir uns aufwärts.

»Dort stehn die Espen,« flüsterte mir da mein Begleiter zu; und schon

konnten wir die Wipfel der beiden kleinen Bäume, dicht über denen wir den

Bock zuletzt gesehn, auf ungefähr zweihundert Schritt Entfernung erkennen.

Wie mir das Herz da an zu klopfen fing -- wie der Athem so schwer wurde

-- aber vorwärts. Jeder Augenblick nutzlosen Säumens konnte uns das Wild

verlieren lassen, und der ganze mühselige Weg wäre umsonst gewesen.

[Illustration]

Hier lief die Schlucht auf kurze Strecke glatt und gerade aus, und gleich

darüber zog sich ein kleiner, spärlich mit Laatschen und Erlen bewachsener

Hang empor. Dem mußten wir folgen. Der Boden war auch weich hier und zum

Anpirschen trefflich, und von dem oberen Theil des Hangs blieb höchstens

noch eine Strecke von etwa sechzig Schritt bis zu den Espen. In wenigen

Minuten war die zurückgelegt. --

Jetzt hatte ich den höchsten Punkt erreicht -- ein paar Felsblöcke dicht

vor mir sperrten noch die Aussicht auf den kleinen Grasfleck auf dem der

Bock stehen mußte, wenn er nicht schon vorher das Weite gesucht; aber zu

ihnen anpirschend brachten sie mich ihm auch soviel näher. -- Mir war dabei

zu Muthe, als ob mir Jemand die Kehle mit Gewalt zuschnüre; ich konnte

keine Luft bekommen und drückte mich hinter dem einen Felsen nieder, erst

wieder ruhig zu werden.

Ragg sah aber die Bewegung, und als ich den Kopf nach ihm umdrehte

geberdete er sich, ohne jedoch den geringsten Laut von sich zu geben, wie

ein Rasender. Vorsichtig auf den Boden niedergedrückt, gesticulirte er

nämlich mit beiden Armen auf alle mögliche Art und Weise daß ich schießen

solle; er hatte jedenfalls den Bock gesehn. -- Zeit war auch in der That

nicht mehr zu verlieren, und die Zähne aufeinander beißend, spannte ich

rasch und geräuschlos die Büchse, nahm sie in Anschlag und -- da prasselte

und polterte es in den Steinen, der Bock ging flüchtig, und wie ich jetzt

mit einem verzweifelten Satz hinter dem mich bergenden Steine vorsprang,

sah ich eben noch, wie einen Schatten, den schwarzen Körper des Wildes im

Laatschendickicht verschwinden.

»Jesus Maria und Joseph!« hörte ich hinter mir die verzweifelte Stimme

meines Begleiters, aber ohne mich nach ihm umzusehn, übersprang ich rasch

den kleinen Grasfleck, von dort aus vielleicht den Bock noch irgendwo an

der Wand, wenn auch flüchtig, erkennen zu können. So rasch vermochte er

doch nicht daran hinauf zu laufen, daß ihn die Kugel nicht noch erreicht

hätte. Da bröckelte gerad' über mir ein Stein, und wie ich aufschaute sah

ich den Bock der eben an der Spitze einer niederlaufenden Laatschenzunge

einen kleinen Vorsprung erreicht, dort einen Augenblick hielt und seinen

scharfen warnenden Pfiff ausstieß. Gerade als er sich wandte, mit einem

Satz das schützende Laatschendickicht, das ihn jeder weiteren Verfolgung

entzogen hätte, zu gewinnen, schickte ich ihm meine Kugel hinauf. Als sich

der Rauch verzog, war er verschwunden.

»Den haben Sie heilig gefehlt!« schrie aber jetzt der herbeispringende

Ragg, und machte Bewegungen dabei als ob er sich nur erst geschwind die

Arme ausrenken wollte, ehe er aus der Haut führe.

Ich hatte zu rasch gezielt meiner Sache ganz sicher zu sein, und mochte

wohl etwas kleinlaut aussehn.

»Aber um Gottes Willen, haben Sie ihn denn nicht gesehn, wie er da

hinter dem Steine stand? -- breit -- _so_ Sie hätten ihn mit einem Stein

todtwerfen können.«

»Aber ich stak ja auch hinter den Steinen, Ragg, und konnte ihn von dort

aus nicht sehn.«

»O Jesus, o Jesus!« lamentirte der Jäger und schlenkerte den Kopf herüber

und hinüber.

Der scharfe Pfiff einer Gemse, oben aus den Laatschen antwortete ihm.

»Na ja, da geht er hin -- dem thut kein Haar weh!«

»Aber wollen wir nicht einmal auf den Anschuß sehn? Ich _muß_ ihn getroffen

haben.«

Ragg erwiederte Nichts, seufzte nur tief auf, drückte den Hut -- den er

abgenommen hatte sich bequemer kratzen zu können -- wieder auf den Kopf,

warf sich die Büchse um und stieg mit einer Miene die steile Wand hinauf,

als ob er hätte sagen wollen: -- »Na ja, nachsehn muß ich, das ist meine

Schuldigkeit, aber die Gemse die ich da oben finde, freß ich mit Haut und

Haar.«

»Und soll ich nicht mitgehn, Ragg?«

Er schüttelte mit der Hand -- das gewöhnliche Zeichen für _nein_ unter den

Jägern und setzte dann, sich halb umdrehend hinzu -- »es geht sich hier

nicht besonders bequem, und wir müssen doch nachher an die andere Seite der

Klamm hinüber.« --

»Es geht sich hier nicht besonders bequem,« -- es war eine völlig

senkrechte, etwa sieben Fuß hohe Wand, an der er sich nur mit Hülfe einiger

kleiner Laatschenbüsche hinaufarbeitete. Ueber dieser hatte er aber etwas

bequemere Bahn, und während ich ihm von unten zusah, und meine Büchse

dabei wieder lud, erreichte er den Platz auf dem die Gemse, als ich feuerte

gehalten. Er blieb oben aufrecht stehn, und sah sich rings am Boden um.

[Illustration]

»Ein klein wenig mehr links, Ragg!«

Das fatale Schütteln mit der Hand war die einzige Antwort. _Gefehlt!_

es war wirklich zum aus der Haut fahren, und _damit_ die ganze schöne

Morgenpirsche verdorben, denn hier in der Klamm war nun Nichts mehr zu

machen. Plötzlich bog er sich auf den Boden nieder und hob ein Blatt auf,

das er genau besah, und mit dem Finger abwischte. Um mein Leben gern

hätt' ich gerufen »Schweiß?« -- aber ich fürchtete das nichtswürdige

Handschütteln. In dem Augenblick war Ragg auch in den Laatschen

verschwunden, und in peinlicher Ungewißheit blieb ich in der Klamm zurück.

Da bröckelte weiter oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt höher die Klamm

hinauf, wo sich ein Arm derselben rechts ab und in das Joch hineinzog,

war ein anderer kahler Vorsprung -- dort hing Ragg am oberen Rande und

schwenkte den Hut.

»Der Bock?«

»Hier liegt er!«

Wie ich die Wand hinaufgekommen bin weiß ich heute noch nicht, aber oben

war ich, und dort lag der Bock -- ein prächtiger starker, etwa vierjähriger

Bursche, gerade auf's Blatt geschossen -- aber _ohne_ Bart. Die langen

Rückenhaare schienen gänzlich zu fehlen. Freilich auf sehr natürliche Art,

denn Ragg hatte sie schon, wie sein Vetter früher, in Papier gewickelt in

der Tasche -- mußte sie indessen ebenfalls wieder herausgeben.

Den Bock schafften wir jetzt zusammen zum Wasser hinunter, hingen ihn dort

mit den Krickeln an einen niedergebogenen Erlenbusch, und waideten ihn

aus. Ragg schnürte ihn dann in seinen Bergsack, und still dabei vor sich

hinlachend daß wir ihn doch erwischt -- denn die Jäger setzen einen Stolz

darein, wenn sie mit Jemand pirschen gehn ihn auch zum Schuß zu bringen

-- kletterten wir auf der anderen Seite der Klamm hinaus, nach einer

Nachbarschlucht hinüberzuhalten, und dort unser Glück noch einmal zu

versuchen.

Ragg schwamm jetzt in seinem Element und erzählte eine Jagdanekdote nach

der andern: wie er mit dem und jenem Herrn gepirscht wäre und das und das

erlebt, und wenn ich ihn bat ruhig zu sein, da wir hier doch

vielleicht Gemsen antreffen könnten, beruhigte er sich stets mit einem

zuversichtlichen -- »ah, hier ist Nichts.«

Die Folge davon war daß uns bald darauf wieder ein einzelner Bock anpfiff,

und den Hang hinauffloh. Auf etwa fünf Minuten brachte ihn das zum

Schweigen, dann aber fing er von vorne an, und ließ sich auch nicht wieder

irre machen. Einmal über das andere lobte er aber dabei meine Fertigkeit

im Steigen -- die gewöhnliche Bergschmeichelei. Wenn ein Schütz aus dem

flachen Lande mit einem Bergjäger zusammengeht, und nur einigermaßen vom

Fleck kommt, macht ihm schon der Mann die größten Elogen was er für ein

vortrefflicher Steiger sei, und denkt sich dabei: »na Du solltest einmal

mit mir da und dort hin gehn, da würdest Du schön hängen bleiben.« -- Es

ist das gewissermaßen ihr Kleingeld im Verkehr mit der Civilisation, mit

dem sie sich Cigarren und Guldenstücke eintauschen.

Ich will ihnen aber auch nicht Unrecht thun; bei Manchen mag es wirklich

Ernst sein, und sie haben sich die flachen Landbewohner so steif und

ungeschickt gedacht, daß sie schon auf's Aeußerste erstaunt sind wenn sie

außer den Pirschpfaden nur mit fortkommen und deshalb rechnen sie ihnen das

geringste Außergewöhnliche vielleicht schon so hoch an.

»Und ich dachte heilig Sie hätten ihn gefehlt,« wiederholte er wieder und

wieder. -- »Er sprang mir gar so geschwind in die Laatschen hinein. Es wär'

aber eine Schand gewesen, wenn wir _den_ Bock nicht gekriegt hätten.«

Seine Last im Bergsack schien ihn nicht im Geringsten zu stören, und rasch

und munter, viel zu rasch und munter für einen Pirschgang, schritten wir

vorwärts bis zur nächsten Klamm.

Die Sonne war indessen höher gestiegen und warf auf die ziemlich dünn

bewachsene Seitenwand des Berges ihren vollen Strahl. Wir hatten uns auch

die letzte Stunde höher und höher hinaufgehalten, den Vortheil des jetzt

aufziehenden Windes zu haben. So erreichten wir den oberen Theil der

Nachbarschlucht, und mit ihr den Pirschweg wieder, der drüben hinlief,

postirten uns gedeckt an den Rand und äugten mit unseren Gläsern den

inneren Theil der Klamm sorgfältig ab.

Ragg hatte aufmerksam den unteren Theil abgesucht aber Nichts gefunden, als

ich zufällig gerade hinunter schaute und dort, etwa sechshundert Schritt

unter uns, einen alten Bock mitten in der Wand stehen sah, der hier schon

heraufgestiegen schien seine Siesta nach eingenommenem Mahl zu halten. Ein

Wink genügte für den Jäger, und wir Beide beobachteten jetzt aufmerksam den

alten Burschen, der gar so ernst und ehrbar den weiß gestreiften Kopf nach

rechts und links und in die Tiefe drehte, nur nicht ein einziges Mal nach

oben blickte.

Ragg war mit seinem Plan bald fertig.

»Wenn wir Zeit hätten,« sagte er, nach seiner dicken silbernen Taschenuhr

sehend, »so blieben wir hier ruhig bis um zwei Uhr liegen. Der Bock

thut sich jetzt nieder und steht bis dahin wieder auf, wo er dann leicht

überredet werden könnte hier herauf zu kommen. Wenn wir aber um vier Uhr

in der Riß sein wollen, müssen wir früher Anstalt machen. Erst können wir

indessen abwarten was er vor hat; ob er da gedenkt sitzen zu bleiben, oder

nicht.«

Ohne Weiteres warf er jetzt seinen Bergsack mit dem Bock zu Boden, seinen

Hut und sich selbst daneben und holte aus der Tasche das mitgenommene

Frühstück hervor, die Zeit die uns hier blieb, wenigstens so zweckmäßig als

möglich zu verwenden. Ich folgte seinem Beispiel.

7.

Ragg's Erzählung vom Wilderer.

»Sehn Sie die Laatsche da drüben?« nahm da Ragg das Gespräch, das aber

jetzt mit unterdrückter Stimme geführt wurde, wieder auf -- »gleich die da

drüben; die, wo das Dickicht bis zum Abgrund hinläuft, hinüber hängt?«

»Ja, Ragg -- aber ich kann da drüben Nichts erkennen.«

»Ist auch _jetzt_ nichts mehr da zu sehn« sagte er, leise dabei vor sich

hin lachend, »fünf Jahre sind's aber jetzt, da hat die eine Laatsche, die

dort über die steile Wand hinüber hängt, einem Malefizkerl von Wilderer

einmal einen großen Gefallen gethan.«

»Einem Wilderer?«

»Ich und der Wastel« erzählte Ragg jetzt weiter, nachdem er erst noch

einmal einen vorsichtigen Blick nach unten geworfen, ob der Bock noch

dastände, »waren drüben am Scharfreuter gewesen, und an der Grenze

hingegangen, theils zu sehn ob das Wild dort viel herüber wechsele, theils

auch umzuschauen ob wir keine fremde Fährten finden könnten, denn daß hier

Wilddiebe von Baiern herüber kämen hatten wir schon gehört. Den Morgen um

neun Uhr etwa war ein leichter Schnee gefallen, und es schneite noch in

dünnen, einzelnen Flocken, als wir oben an der Luderstauden, gerade wo

die oberste Klamm gegen das Joch vorläuft, eine ganz frische Mannsfährte

fanden, die keiner von uns kannte. Das konnte niemand anders als ein

Wilderer sein, und während Einer die Fährte hielt, während der Andere

scharf umher schaute, ob er den Burschen nicht vielleicht so, aus freier

Hand entdeckte, folgten wir so rasch und leise wir konnten.

»Das ging nun allerdings gut, so lange wir oben am Joch blieben, denn dort

lag wenigstens Schnee genug zum Spüren, der Malefizkerl hatte das aber auch

wohl bedacht und war in eine der nächsten Klammen hinein, und Gott weiß wie

darin herum gestiegen, so daß wir auf den kahlen Steinen zuletzt die Spur

verloren, und nun nicht wußten wo er geblieben war. Wastel wollte nun zwar

wir sollten uns trennen und nach verschiedenen Seiten suchen. Hatte er sich

aber irgend wo eingedrückt und sah uns anpirschen, so wäre ein Einzelner

verloren gewesen; auf zwei schießen die Schufte aber nicht so gleich.«

»Hanthiert nur nicht so mit den Händen, Ragg, Ihr liegt überhaupt zu nah

an der Wand, und wenn der Bock einmal den Kopf hier herauf dreht, muß er ja

die helle Hand in der Sonne herum fahren sehn.«

»Der steht noch baumfest« erwiederte der Jäger, indem er einen Blick

hinunter warf, und dann einen halben Schritt von dem Rand des Hanges

wegrutschte.

»Und der Wilddieb?«

»Warten Sie nur -- die Fährten nahmen im Ganzen die Richtung nach dem

Leckbach zu. Wastel glaubte nun freilich nicht daß er sich soweit von

der Grenze weggemacht hätte. Das blieb sich aber ganz gleich, Grenze oder

nicht, denn drüben auf königlichem Gebiet hatte er jedenfalls eben so wenig

Recht zu jagen wie hier, und erwischten ihn _die_ Jäger, so ging's ihm

nicht um ein Haar besser, als wenn wir ihn kriegten. Wir äugten also aus

dem Wald heraus, die ganze Leckbach sorgfältig ab, spürten noch einmal über

das Joch hinüber, auf dem Schnee, und mußten endlich glauben, er habe uns

vielleicht irgendwo auf seiner Spur gesehn, und sei wieder in das andere

Revier, wohin wir ihm nicht folgen durften, zurückgewechselt. Viel Zeit

hatten wir übrigens auch nicht mehr zu verlieren, denn wir wollten die

Nacht noch nach der Grasberg Alm, und mit dem Umhersuchen war der Tag

ziemlich drauf gegangen. So stiegen wir denn rasch hinter einander her

aufwärts, als mich der Wastel plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, am Arm

packt, und dort hinauf zeigte, etwa in die Gegend, wo der dürre Baum da

oben auf der schmalen Lanne steht. Ich guckte hin, und kauerte da nicht der

verdammte Hallunke so ruhig auf einem umgefallenen Baum, und kaute an einer

Brodrinde, oder irgend etwas anderem, als ob er daheim in seiner Hütte, und

nicht mit der Büchse auf einem fremden Revier säße?«

»Der kann nicht mehr fort« flüsterte mir dabei der Wastel zu -- »ich

springe hier unten herum, Du von der Seite hinauf, und dann haben wir ihn

in der Mitte -- vorn ist die Klamm, und da kann nicht einmal ein Gemsbock

hinunter!«

»Wie wir ihn nur erst gewahr wurden, hatten wir uns gleich hinter einen

Laatschenbusch gedrückt, und ohne weiter ein Wort zu reden, rutschte der

Wastel ein Stück auf der Erde fort, bis er in einen kleinen Graben kam. Den

annehmend, schnitt er dem Wilderer den Weg von jener Seite ab, denn hätte

der's erzwingen wollen, braucht' er ihn ja nur über den Haufen zu schießen.

Mir konnt' er auch nicht mehr wegkommen, und wie ich sah daß der Wastel

war wo er sein sollte, pirscht ich mich noch vorsichtig auf etwa hundert

Schritt von dem Burschen an, legte dann meinen Hut, Bergsack und Stock

ab, nahm die Büchse herunter, und sprang was ich springen konnte den Berg

hinauf.

»Ich hatte noch keine drei Sätze gethan, da fuhr er schon mit dem Kopf

herum -- der Art Gesellen haben ein schlecht Gewissen -- und mich sehn,

aufspringen und die Büchse an den Backen reißen, war das Werk eines

Augenblicks. Zu gleicher Zeit schrie ihm aber auch Wastel sein drohendes

»Halloh« entgegen und wie er den zweiten Mann sah, und nun wohl merkte daß

es ihm an den Kragen ging, setzte er die Büchse erschrocken ab. Ich hätte

ihn jetzt bequem umschießen können,« fuhr Ragg ruhig fort, »aber wir

wollten ihn gern lebendig haben, und -- wenn's nicht gerade sein _muß_,

ist's doch immer eine häßliche Geschichte. So also schrie ich dem Burschen

zu: seine Büchse fort zu werfen, oder er wäre ein todter Mann, und sprang

zu gleicher Zeit wieder rasch auf ihn ein. Daran dachte er aber nicht, und

umdrehn und in die nächsten Laatschen hineinfahren, war im Nu geschehn.

[Illustration]

»An manchem andern Platz wäre das nun vielleicht recht gut gegangen, denn

Jemanden durch die Laatschen zu verfolgen, ist ein verzweifelt mühselig

Ding; hier aber mußte er keinesfalls wissen, wohin die führten. Der ganze

Laatschenstreifen war keine zwanzig Fuß breit, und unter ihnen weg sank der

Abgrund, während der Wastel und ich den einzigen Ausweg, der nach rechts

und links abführte, leicht überschießen konnten.

»Jetzt haben wir ihn« schrie Wastel auch, als er vorwärtssprang und in die

Laatschen mit hinein setzte, -- »pass' nur da draußen auf, Ragg, daß er

nicht über die Lanne springt!« -- Aber er kam nicht weiter -- ein furchtbar

gellender Schrei tönte plötzlich vom Rand der Klamm herüber und als wir

erschreckt und lautlos halten blieben, hörten wir erst unten etwas hartes

gegen die Felsen schlagen, und gleich darauf schallte der Schuß der durch

den Sturz losgegangenen Büchse zu uns herauf.

»Gott sei seiner armen Seele gnädig« sagte der Wastel und drehte sich

schaudernd um. -- Wir Beide standen jetzt still und horchten, aber Nichts

ließ sich hören.

»Ob man wohl hinunter sehen kann?« sagte ich endlich.

»Ich mag's nicht sehn« meinte der Wastel -- »ich hab' genug an dem Schuß.«

»Ich arbeitete mich jetzt durch die Laatschen durch, wo ich gleich vorn

den Hut des Wilderers fand. Wie ich aber an den Rand kam, hingen die Zweige

tief darüber hinunter und zwischen der Wurzel der einen durch, bröckelte

das Gestein los, und stürzte mit hohlem Fall in den Abgrund nieder. Ich

stand auf den Zweigen schon über der Tiefe. Es wurde mir unheimlich da

draußen und ich kroch zum Wastel zurück.

»Wollen wir hinunter klettern und nachsehn?« sagte ich endlich. Der Wastel

erwiederte Nichts, wir warfen unsere Büchsen über den Rücken und stiegen

thalab, mußten auch einen großen Umweg machen unten hinein zu kommen, und

es mochte immer eine Stunde darüber hingegangen sein, eh' wir den Platz

erreichten. Indessen hatte es stärker an zu schneien gefangen, und der

Wind heulte so häßlich durch die hohle Klamm -- es war ein gar so fatales

Gefühl, da unten nach einem zerschmetterten Menschen zu suchen. _Wir_

hatten ihn aber doch nicht umgebracht, er war selber dahinunter gesprungen,

und wenn wir ihn auch dazu getrieben, ei, was zum Teufel hatte er auf

fremdem Revier zu suchen.«

»Da liegt die Büchse« sagte der Wastel plötzlich, -- der Kolben war

abgebrochen, und das Gewehr durch den Sturz losgegangen -- aber wo war

der Wilderer? Gerad in die Höh' konnte man bis oben hinauf unter die

überhängenden Laatschen sehn, an ein Anhalten unterwegs war nicht zu

denken, die Wand bog sich dort sogar nach innen, und selbst der Bergstock

lag etwa zehn Schritt von der Büchse entfernt -- aber kein Blutfleck, auf

dem der dünne fallende Schnee in keinem Fall liegen geblieben wäre. Oben

durch war er auch nicht gekommen, so lange wir oben standen, und wir

zerbrachen uns jetzt den Kopf, was aus dem Burschen geworden sein könne.

Gewißheit _mußten_ wir aber darüber haben. Wastel nahm deshalb das

zerbrochene Gewehr, ich den Stock, und wir ließen uns die Müh' nicht

verdrießen und kletterten noch einmal hinauf. Hol's der Deixel, der Vogel

war ausgeflogen, und zwar seit wir den Fleck verlassen hatten, denn die

ganz frische Spur im »Neuen« ließ auch nicht den mindesten Zweifel darüber.

Todesangst mußte er aber in der Zeit daß wir oben suchten ausgestanden

haben, denn wie wir jetzt Alles ablegten und vorsichtig dahinauskrochen,

woher die Spur kam, fanden wir daß er die ganze Zeit über, und bis wir fort

waren, da _draußen_ über dem Abgrund, an den Zweigen des Laatschenbusches

_gehangen_ haben mußte. _Außen_ an der Wand waren die Spuren seiner

Fußspitzen, als er sich wieder hinaufgearbeitet, und wenn einer von

den dünnen Zweigen gebrochen oder ihm nur die Hand ausgerutscht oder

»verkrampft« wäre, lag er unten bei seinem Gewehr, den Hals wie den Kolben

gebrochen.«

Ragg hatte die ganze Geschichte in einem, nur ihm allein von allen Jägern

eigenthümlichen, schauerlichen Bergdialekt und mit flüsternder Stimme

erzählt, wobei man wirklich mit peinlicher Aufmerksamkeit zuhören mußte, zu

verstehn was er meinte. Vorsichtig schaute er dabei dann und wann über den

Hang hinunter, den Bock nicht aus den Augen zu verlieren. Der stand aber

noch baumfest da unten und rührte und regte sich nicht.

»Und habt Ihr nie erfahren wer der Wilderer war?«

Ragg schüttelte den Kopf und meinte, still dabei vor sich hinlachend: »Der

ist damals mit ausgerupften Federn davongekommen, wird aber wohl an der

Lektion über dem Abgrund dadrüben genug gehabt haben. Wir haben ihn hier

drüben wenigstens nie wieder gespürt. Uebrigens« -- setzte er, leise mit

dem Finger dabei drohend hinzu -- »wußte er auch wohl _warum_, und daß wir

ihn jetzt kannten. Wo er sich wieder hätt' sehn lassen, wär' ihm eine Kugel

gewiß gewesen.«

Ragg prahlte nicht im Mindesten; es herrscht zwischen den Jägern und

Wilderern im Gebirge noch ein so romantisches und vollkommen ausgebildetes

Faustrecht, wie es sich der Dichter, der die Poesie ganz aus der

Wirklichkeit verschwunden wähnt, gar nicht besser wünschen könnte. Wo sich

Jäger und Wildschütz im Berg begegnen, ist es zwischen Beiden eine Sache

auf Tod und Leben, und wer am schnellsten die Büchse an den Backen reißt,

und den Anderen über den Haufen schießt, hat gewonnen. Der Jäger ist

allerdings stets im Vortheil, denn er hat für alle Fälle das Gesetz auf

seiner Seite; draußen auf Gottes freier Alm aber, und mit den wilden Bergen

um sich her, wo alle »Civil- und Militairbehörden umsonst ersucht werden

dem mit rechtsgültigen Paß Reisenden, nöthigenfalls Schutz angedeihen zu

lassen,« hülfe ihm das oft gar wenig, wenn er nicht, _außer_ dem Gesetz

auch noch die eigene Waffe bei sich führte, mit der er den auf ihn

anlegenden Wilderer rasch und für immer unschädlich macht.

Daß er es thut, kann ihm auch Niemand verdenken, denn sein eigenes Leben

ist in jedem Fall, wo er einem Wilderer begegnet, mehr als _bedroht_ -- es

ist ernstlich gefährdet. Ob der Mann da drüben, den er mit der Kugel in den

Abgrund wirft, daheim Weib und Kind hat, die ohne dem Ernährer verderben

müssen, was kümmert's ihn -- auch er hat Weib und Kind daheim, und denen

sich zu erhalten ist ihm erste Pflicht.

Das klingt nun vielleicht im ersten Augenblick recht schwer und

schrecklich, daß, einer einzigen Gemse wegen, so manches Leben genommen,

so manche Familie unglücklich und elend gemacht wird, aber wollen wir nicht

alle Gesetze von Mein und Dein aufheben, soll überhaupt noch ferner ein

Eigenthumsrecht auf der Welt bestehn und dies vom Staat geschützt werden,

so darf den Leuten eben das Wilderen nicht gestattet werden, und _sanfte_

Mittel reichten nimmer aus, es zu verhindern. Wo so ein Gemsjäger den

eigenen Hals mit Vergnügen riskirt in Nacht und Nebel in den Gebirgen umher

zu klettern, ein Gemsthier zu erlegen, würde er sich wahrlich durch ein

paar Wochen darauf gesetzte Strafe nicht abhalten lassen -- und in wenigen

Jahren wären die Berge leer.

Eine Gemsjagd in Tyrol · 第 4 / 11 段