Rottack rief alle nöthigen Zeugen zusammen; Bux wurde vom Maulthier

gehoben und der Obhut einiger Colonisten übergeben -- man traute den

Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich freigesprochen war. Justus'

Wirthschafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus

gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den

sie Alle vorher wußten, abzuwarten.

Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten

belästige, die Köhler aus seinem Gefängniß brachten, Niemand sogar mit

ihm sprechen solle, um jede Unregelmäßigkeit zu vermeiden. Das aber

konnte er nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als

die Schaar zum ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde -- und

wie bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn

hier festgehalten!

Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Köhler behielt kaum

Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im

Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte sich

ein _Verhör_ nicht einmal nöthig. Es war weiter Nichts als die Abnahme

eines Geständnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr um sich her

vollkommen eingeschüchtert, bei der ersten Frage an ihn auf die Kniee

fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um Gnade

und Barmherzigkeit -- nur um sein Leben flehte.

Jeremias mußte auch noch her -- er stand schon vor der Thür -- und die

einzelnen Data bestätigen, was er mit klaren, einfachen Worten that.

Dabei fragte ihn der Director, woher er das viele Geld habe, worauf

Jeremias aber trocken erwiederte:

»Das geht Niemanden 'was an. -- Wenn _ich_ einmal vor Gericht stehe,

können Sie wieder danach fragen,« und damit schob er seine Hände in die

Taschen und ging hinaus.

Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt,

und letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen

wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director:

»_Diese_ Sache ist jetzt beendet, Herr Graf, aber für Ihr Betragen, dem

Gesetz gegenüber, werde ich Sie noch besonders verantwortlich machen.«

»Ich stehe Ihnen in _jeder_ Hinsicht zu Diensten, Herr von Reitschen,«

sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen letzten Blick zu und verließ

mit Köhler das Haus.

Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte sich

eine Frau, ein Kind auf dem Arm.

»Hans! Hans!« schrie sie -- »wo bist Du?«

»Hier! -- Trine -- Trine!« und die beiden Gatten lagen sich in den Armen

und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen müsse vor Freude

und Seligkeit.

»Und der hat mich frei gemacht,« sagte da Hans, als sie sich nur ein

klein Wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack.

»Und dafür bekomme ich _auch_ einen Kuß,« lachte dieser.

»Zehn -- zehn!« rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an Rottack's

Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab.

Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster -- Rottack sah ihn, nahm

seinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachend die Straße hinunter.

11.

Abschiednehmen.

Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht

stattgefunden, und heute Abend dazu von keiner Polizeistunde die Rede,

denn die Soldaten hüteten sich wohl, sich auf der Straße blicken zu

lassen. Das Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf

Händen, daß er ihnen endlich den Weg gezeigt, das lästig gewordene

und unerträgliche Joch abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch

selber nicht die nächsten Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen

gewohnten Geschäften nach. Es war ordentlich, als ob sie sich das Wort

gegeben hätten, dem Director zu beweisen, daß sie eben nicht durch

Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was

Recht oder Unrecht sei.

Zwei Tage später traf Könnern mit Elisen ein, die er in der Familie

des Bäckermeisters Spenker, den er früher kennen gelernt hatte,

unterbrachte. Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt.

Das Hinderniß, welches zwischen ihrer Liebe stand -- die Pflicht, für

den Vater zu sorgen, war von ihr genommen, und die nächste Zeit dazu

bestimmt, sie mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte

die Zeit nicht hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in

der Welt und konnte ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen.

Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen,

während sich in der Colonie nicht das Geringste veränderte. Der Director

brütete Rache, und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er

sah, wie vollkommen machtlos er jetzt den Colonisten, trotz seiner

Waffenmacht, entgegen stand. Die Colonisten selber aber kümmerten sich

gar nicht um ihn, gingen ihren Geschäften nach und ließen ihn ruhig mit

dem Baron über seinen finsteren Vergeltungsplänen grübeln und berathen.

Da wurde, an demselben Morgen, an welchem die Trauung der jungen Leute

festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer vom Norden und dann ein anderer

vom Süden signalisirt, und Herr von Reitschen jubelte. _Jetzt_ wurde

ihm Hülfe, jetzt konnte er die erlittene Schmach fast auf frischer That

rächen, und augenblicklich setzte er sich in ein Boot und ruderte mit

vier Soldaten den Strom hinab.

Den Colonisten flößte er aber trotzdem keine Besorgniß ein, denn ein

anderer Geist war in sie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der

angesessenen Bürger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die

jetzt an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, daß

sie gegen die Willkür eines einzelnen Mannes geschützt wurden, und sich

ihr _Recht_ nicht selber zu holen brauchten; erstaunten aber doch, als

ihr Herr Director schon gegen drei Uhr, und zwar allein, zurückkehrte,

rasch in das Directionsgebäude ging und sich dort einschloß. Was war da

vorgefallen?

In der That hörten sie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote

des nördlichen Dampfer begegnet sei, der Depeschen für ihn überbrachte.

Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle umgekehrt.

Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete Nachricht er da unten

bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht durch die ganze

Colonie: Sarno kehrt zurück und der »neue Director« ist abberufen.

Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht

klang zu gut, als daß sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue

Bestätigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jölle eintraf,

behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot.

Dem Baron war das Nämliche zu Ohren gekommen, und er lief bestürzt zu

Herrn von Reitschen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu

sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen,

packten stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu

Muthe, als ob er ebenfalls packen müsse.

Die Trauung war vorüber -- ein recht wehmüthiger Act, da sich für die

arme Braut so viele schmerzende Erinnerungen daran knüpften, und doch

auch wieder, wie dankbar war sie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde

ihrer größten Noth den lieben Beschützer, und ihrem sterbenden Vater den

letzten Trost gegeben hatte!

Rohrlands, die Tochter des Meisters Spenker und Rottack waren

Trauungszeugen gewesen; Jeremias stolzirte ebenfalls mit einem riesigen

Blumenbouquet vorn im Knopfloche einher, und eigentlich hatte das

junge Paar schon am nächsten Morgen die Colonie auf einem Segelschiff

verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit bequemere Gelegenheit mit

einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio bot, sollte diese

benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte, hatte es

übernommen, die Passage unten für sie auszumachen.

Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist

und erzählte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, daß Sarno eben

gelandet sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied

erhalten hätte.

Es war in der That so. Als Könnern mit seiner jungen Frau zum Fluß hinab

eilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen schon ein fröhlich wogender

Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten später lagen sich die

Freunde in den Armen.

»Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurück?«

»Ja, lieber Freund,« lächelte der Mann etwas verlegen. »Ich wollte

eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt

bekommen, aber wie mir so von _allen_ Seiten zugeredet wurde, ich mir

zuletzt sagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier vielleicht noch

Gutes wirken könne, und der Minister auch in der That nicht gleich eine

andere passende Persönlichkeit hatte, so -- entschloß ich mich zuletzt,

bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist aber hauptsächlich _der_

Herr da an meiner Sinnesänderung schuld.«

Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der

Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus:

»Günther! _Sie_ wieder in der Colonie?«

»Großer Gott!« seufzte Elise und deckte das Antlitz mit den Händen.

Günther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und

angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau.

Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hände nehmend,

küßte er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich:

»Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten

Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren mußten.«

»Wo ist er?« rief Rottack, der noch zurückgeblieben war, hinter der

Gruppe -- »Günther -- Mensch, wo kommst _Du_ her?« und im nächsten

Augenblick lag er in seinen Armen -- aber rasch richtete er sich wieder

empor. Ein einziger Blick auf den Freund hatte ihm verrathen, daß nicht

Alles so mit ihm sei wie es solle -- »was ist geschehen, Günther?« rief

er, ihn auf Armes Länge von sich drückend -- »Du siehst blaß und elend

aus -- warst Du krank?«

»Ja,« sagte Günther leise -- »recht krank -- aber es geht wieder besser

und ich -- will mich hier in der Colonie noch ein Wenig erholen, ehe ich

die Heimreise antrete.«

Rottack sah ihn forschend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er

noch gefaßt hielt, und sagte lächelnd:

»Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir zu Tisch gehen; Jeremias

hat mir wenigstens schon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos sei,

und selbst die vermehrten Gäste keinen wesentlichen Unterschied machen

würden. Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?«

»Mein lieber -- lieber Günther!«

»Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen -- und nun vorwärts!«

Mit dem Vorwärts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, daß

Sarno wieder zurück sei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die

Colonisten in Masse aus den Häusern gejagt. Manche waren wohl früher

nicht mit Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche

Schaar _deutscher_ Colonisten gleichmäßig zufrieden zu stellen, wäre

überhaupt ein Kunststück. Das neue Directorium hatte ihnen aber erst

gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets rechtlich und

gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude ihn wieder zu haben, war

desto größer.

Man drängte um ihn her, Jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihm

sagen, wie sehr es ihn freue, daß er wieder da sei, und mit allen den

Begrüßungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich

aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch äußerlich

ihre Freude auszudrücken.

Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, besonders deutsche und

brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein

Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen

aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt

voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden

geschmückt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat -- und Jeremias schien

der Nerv dieser ganzen Bewegung.

Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche

die Colonie fast ausschließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa

Catharina aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen

Bericht über das Treiben der Frau Präsidentin gemacht, wie der Präsident

fortwährend leidend sei und die Frau einen Schwarm von Gesindel

anstelle, der nicht allein die Entrüstung jedes braven Mannes, Deutschen

wie Brasilianers, errege, sondern auch den Bestand der Colonien zu

gefährden drohe. Er hatte dabei nicht unterlassen, Sarno's Wirksamkeit

in Santa Clara und die Art und Weise zu schildern, mit der jetzt auf das

Willkürlichste über ihn verfügt werden sollte.

Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem

Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieser indessen

Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschluß

zum Bessern bald gefaßt. Es stellte sich jetzt heraus, daß die

Abberufung Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei.

Außerdem hatte der Minister noch viel mehr über die Wirksamkeit der

Frau Präsidentin erfahren, als Günther selber wußte. Der sehr leidende

Zustand des sonst tüchtigen Präsidenten machte da eine Verbesserung des

Geschehenen möglich. Der Präsident selber wurde pensionirt, Herr von

Reitschen aber, der Director von Santa Clara, einfach seines Dienstes

entlassen und die Maßregel noch durch eine Rüge, seines willkürlichen

Verfahrens wegen, verschärft. Eben so rief diese Ordre auch die Soldaten

wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht nöthig schienen,

und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno und Günther

wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director von

Reitschen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es

dem Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der

andere Dampfer brachte die Post von Rio Grande, und ging von hier nach

Rio de Janeiro hinauf.

Herrn von Reitschen lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, dem

Manne, den er vorher verdrängt hatte, seine Papiere wieder zu übergeben

und überhaupt die ganze Macht in seine Hände zu legen. Er entzog sich

dem aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man

seinem Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mußte sogar noch

die ganze Nacht die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die nie

versäumten in der Nähe des Directionsgebäudes mit frischer Kraft

auszubrechen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von

seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese

Vernachlässigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde -- übergab

er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach erfolgter

Übergabe folgen konnte, und schiffte sich, etwa eine Stunde vor Tag,

auf dem schon zu dem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. Die

Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde

fürchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der

Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen

verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der

Platz geräumt.

Auf diesen Tag war auch die Abreise der von hier nach dem Norden

gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag

die Mündung verlassen. Es waren Könnern mit seiner jungen Frau und

Graf Rottack, der sich entschlossen hatte nach Rio, ja, vielleicht mit

Könnerns nach Deutschland zurückzukehren.

Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen,

es war aber noch Etwas an der Maschine zu repariren und der Dampfer der

unterwegs schlechtes Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreise

verzögerte sich deshalb um einige Stunden.

Die kleine Gesellschaft saß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck

schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war.

Rottack stand in der Thür, hatte eben zugesehen wie Bux vorbeigeführt

wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit

dem Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und

nicht genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute seien, als

Günther an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich

die Straße hinunter führte.

»Aber sage mir nur, was hast Du, Günther?« fragte der junge Mann, indem

er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drückte. »Eine traurige

Veränderung ist mit Dir vorgegangen, seit wir uns nicht gesehen; Du

siehst bleich und elend aus und -- das Schlimmste -- es hat sich ein

Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz

eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland -- nach Thüringen

zurück? Du warst so glücklich in dem Gedanken an die Heimath!«

Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein

Terrain, auf dem Büsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur

die frei gehaltene Straße zog sich hindurch.

»Felix,« sagte Günther leise, ohne den Freund anzusehen, »erinnerst Du

Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?«

»Als ob es gestern gewesen wäre.«

»Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, daß

ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen

an demselben Morgen zwei Schwäne gesehen, die so geisterhaft vor mir

hergestrichen und zuletzt weit -- weit hinaus in das düstere Meer

verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden --

wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben konnte

-- so einsam -- so öde schien mir in dem Augenblick die Welt?«

»Ich erinnere mich,« sagte Felix leise.

»Felix,« fuhr Günther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's

Auge sah -- »in jener Nacht starb meine Anna -- an jenem Morgen lag sie

kalt und bleich auf ihrem Lager dort -- dort, wohin die Schwäne in den

Nebel zogen!« -- Und was der starke Mann bis dahin standhaft ertragen,

das brach jetzt aus in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die

Brust des Freundes lehnte.

Rottack hielt ihn schweigend umfaßt; er sprach kein Wort -- kein

Wort des Trostes, denn er wußte selber recht gut, daß gerade in den

fließenden Thränen der einzig mögliche Trost liegen konnte für solchen

Schmerz.

»Armer Freund!« flüsterte er endlich leise, und Günther richtete sich in

seinen Armen empor.

»So -- jetzt ist mir wohl,« sagte er, indem ein schwerer Seufzer

seine Brust hob -- »jetzt ist mir leicht, denn fortwährend von Fremden

umgeben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust

zurückzubannen, das thut doppelt weh!«

»Armer, armer Freund! -- Und wo erhieltest Du die Nachricht?«

»Vor wenigen Tagen in Rio -- der Dampfer, der mich in die Heimath führen

sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschluß war bald gefaßt --

jetzt _kann_ ich nicht zurück, und ich begleitete Sarno, um hier noch

manche Arbeit zu beenden, die ich -- gehofft hatte von Anderen beendet

zu sehen. -- Aber nun leb' wohl, Freund -- wie ich höre, willst Du

Könnern begleiten -- ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen

Menschen zurückzukehren! Könnern und Elise dürfen auch nie erfahren, was

ich Dir eben vertraut -- es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch

meinen Gruß und -- leb' wohl!«

»Du willst fort?«

»Hier steht mein Pferd -- Gott mit Dir, mein lieber Freund, und mögest

auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!«

Die beiden Männer hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann riß

sich Günther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand

zurück und war im nächsten Augenblick im Walde verschwunden.

Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurück. Es war ihm

recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und

allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. -- Als er wieder

an Rohrland's Haus vorüberging, stand eine junge Dame an dem einen

Fenster, die sich scheu zurückzog, als sie ihn bemerkte. -- Es war

Helene. -- Fast unwillkürlich grüßte der junge Mann im Weitergehen und

blieb dann stehn.

»Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, daß ich nicht einmal von

ihr Abschied genommen habe,« murmelte er leise vor sich hin. -- Er sah

nach seiner Uhr -- es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. -- »Was

kümmert's denn mich, wenn sie -- ei, ich will aus Brasilien von

keinem Menschen im Bösen scheiden -- am Wenigsten von ihr!« und rasch

entschlossen schritt er in das Haus hinein.

Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem

das »Fräulein« wohnte. Er klopfte an, und ein kaum hörbares Herein!

antwortete ihm -- Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie

war ganz einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als

Schmuck und sah ungewöhnlich bleich aus.

»Comtesse,« sagte er, »ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu

verlassen, und -- wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu

sagen.«

»Das ist recht freundlich von Ihnen,« hauchte Helene, und Rottack konnte

es nicht entgehen, daß sie sich befangen, ja ängstlich beklommen fühlte,

so viel Mühe sie sich gab das zu verbergen. Das aber machte ihn selber

verlegen, und wie er das fühlte, suchte er auch den kaum begonnenen

Abschied noch zu kürzen.

»Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glück, Ihnen

zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Brasilien

zurückkehren werde.«

»Herr Graf,« sagte Helene leise, und sie mußte sich Mühe geben deutlich

zu sprechen, »da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, möchte ich

nicht, daß wir auf _diese_ Weise von einander scheiden. -- Ich habe

einen Verdacht, Sie _wissen_, daß mir der Titel Comtesse nicht gebührt.

-- Wenn dem nicht so wäre, nehmen Sie hier meine Erklärung ....«

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Rottack überrascht -- »ich -- wußte

nicht, daß er Ihnen unangenehm war, da Sie -- ihn so lange schon

geführt ....«

»Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuschung geboten

hätte, wenn ich selber darum gewußt?« sagte Helene bitter. »Ich hatte

gehofft, _Sie_ wenigstens würden besser von mir denken; aber -- lassen

Sie es gut sein,« unterbrach sie sich selbst -- »ich habe so wenig

Freunde auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir

geht, kein hartes Wort zum Abschied sagen möchte. Leben Sie wohl, Herr

Graf, und -- möge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter

traurige Bilder bieten!«

Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmüthigen Lächeln unbefangen

ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er ließ sie nicht gleich wieder los

und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen:

»Gnädiges Fräulein, es ist Etwas in Ihrem Leben vorgegangen, das seinen

Schatten über Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glücklich, und der Blick,

den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr

als Sie vielleicht glauben. -- Sehen Sie mir in's Auge -- halten Sie

mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, daß ich es

wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in

einer halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht

selbst noch von Deutschland aus nützen. Sie entdecken mir auch kein

Geheimniß,« fuhr er fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm

stand -- »ich kannte Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause -- ich

wußte ....«

»Es _ist_ nicht meine Mutter!« stöhnte Helene, und ihre Hand aus der

seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit.

Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr.

»Es _ist_ nicht Ihre Mutter?« wiederholte er endlich, und die Worte

rangen sich ihm nur mühsam aus der Brust.

»Nein,« hauchte Helene -- »aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe Ihnen

schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war -- es war mir

nur ein -- peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen und zu

fühlen, daß Sie -- mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, und wenn

Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, so -- verlassen Sie mich

jetzt!«

»Nein, Helene, nicht so,« rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und

Gefühlen das Hirn durchzuckte -- »nicht so dürfen wir scheiden! Hier

liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen -- o, wenn Sie Vertrauen

zu mir hätten -- wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen könnten, wie

gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.«

»Herr Graf,« bat Helene scheu.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band · 第 11 / 12 段