vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun
und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter
benutzte das nur als Vorwand. Sein Sie versichert, daß von Ihnen nie auf
ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch
Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache
nur ruhig abwarten und Nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser
in der letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen
Kräften in die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ....«
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den
schon bei Erwähnung des »Geschäfts« ein eigenes Grauen beschlich; wußte
er doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf beschränkte, zu einem
ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend frische Summen aus
ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das Rittergut zu
erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst
verklärte. -- »Ich für meine Person setze nicht mehr die geringste
Hoffnung auf die Comtesse, denn -- wie groß auch meine Liebe für sie war
und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzudringen, und
jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein anderer Name
geben.«
»Aber, lieber Pulteleben!«
»Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest
entschlossen, mich -- von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich -- doch
auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit
nicht gewachsen bin, und Oskar -- sich entschieden weigert, mir darin
beizustehen.«
»Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu
beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit _einem_ Mal
Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir mit dem neuen
Tabak ....«
»Ich bin fest entschlossen, für _meine_ Rechnung _keinen_ Tabak mehr
zu kaufen,« sagte der zur Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf
_eigene_ Rechnung fortführen, so wünsche ich Ihnen alles Glück und allen
Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie ernstlich, mich von diesem
Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu dispensiren.«
»So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande
gelockert, ja, vielleicht schon gelöst waren, die den jungen,
schüchternen Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu
ihrer _letzten_ Waffe griff, denn sagte sich Helene jetzt vollständig
von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohn leben? -- »und das
sind Sie im Stande mir in's Gesicht zu sagen? Das halten Sie jetzt
für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, die von
Geschäften gar Nichts verstehen _kann_, verleitet haben, meine ganzen
Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu stecken?«
»Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf
_diese_ Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen.
»Ist das männlich, ist das selbst nur _ehrlich_ gehandelt?« fuhr die
Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. -- »Ich habe mein ganzes
Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich sah, daß ich es mit
einem braven, rechtlichen Menschen zu thun hatte, und überließ Ihnen
_ohne_ Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige
Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen
und mich im Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten
lassen? _Können_ Sie das über's Herz bringen, _dürfen_ Sie das? Nein,
ich sehe, daß Sie den unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich
trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno -- ich will sogar
diesen Augenblick, der recht, _recht_ bitter für mich war, das sage
ich Ihnen aufrichtig, vergessen -- es soll nicht einmal der Schatten
desselben mehr zwischen uns liegen!«
»Frau Gräfin!«
»Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen
Gründe hatte sich auf keine Einzelnheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt
zu meiner Tochter Helene -- in wenigen Tagen kommt außerdem der schon
längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und -- Sie
werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben.
-- Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine
Mutter für Sie gesorgt!«
»Beste Frau Gräfin!«
»Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin -- »wir sprechen heute Abend
weiter darüber. -- Guten Morgen, lieber Arno -- guten Morgen!«
Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand
und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter -- hätte sie aber
sehen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn
nicht so rasch verlassen -- wenigstens jetzt noch nicht.
Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein
und stieg langsam die Treppe hinauf. Herr von Pulteleben hatte ihn
kommen sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: Ja, ich
weiß schon: mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit
den Wechseln, die nie eintreffen! -- Nein, Frau Gräfin, _das_ zieht
nicht mehr, und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder
angeführt! -- »He -- Jeremias -- Jeremias! Kommen Sie einmal rasch
herauf!«
»Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie
denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!«
»Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung
befand, »wollen Sie -- wollen Sie zwei Milreis verdienen?«
»Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir
einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?«
»Wo ist Oskar?«
»Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.«
»Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos' Hotel hinüber. Wenn
Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei
Milreis; für jede Minute, die Sie es _früher_ abmachen, lege ich Ihnen
hundert Reis auf, für jede, die Sie _später_ dorthin kommen, ziehe ich
Ihnen hundert ab. Sind Sie das zufrieden?«
»Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!«
»Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.«
»Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff was auf den Stühlen lag,
und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte -- »mein Karren
steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin
ich drüben.«
»Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von
Pulteleben, über den Eifer jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine
Bursche entwickelte.
»Schad' Nichts, bügeln wir Alles wieder aus!«
»Hier die Stiefel.«
»Nehmen wir in die Hand.«
»Den Plaid.«
»Können wir oben aufschnallen.«
»Die Hutschachtel.«
»Schmeißen wir auf den Karren -- und die Cigarrenkiste auch.«
»Die bleibt hier.«
»Desto besser -- geben Sie einmal den Schlafrock her.«
»Da klingelt noch Etwas darin.«
»Macht Nichts -- werden ein paar Louisd'or sein -- können Sie drüben
herauspuddeln -- Einer wär' fertig!«
»Da hängt noch eine Weste -- halt, das Handtuch bleibt auch hier.«
»Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias;
»Jemine, ist das ein Vergnügen! -- Sonst noch 'was? -- Haarlocken
vielleicht oder getrocknete Blumen?«
»Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!«
Jeremias packte den einen Koffer auf, und die Dorothea stürzte
erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der oberen Treppe
ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spectakel
hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei Kleinigkeiten
aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen.
»Herr du meine Güte!« rief aber Dorothea bestürzt -- »ist denn Feuer
oben?«
»Noch nicht, aber 's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im
Handumdrehen die zweite Treppe hinunter.
Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog;
der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er
nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür
entgegenzog.
Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage
kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte:
»Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn _auch_ fort?«
»Ich -- werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der junge Mann,
der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht einzugestehen;
»hier -- ist Etwas für Ihre Bemühungen für mich,« und er drückte ihr
dabei fünf Milreis in die Hand.
»Ach, ich danke auch schön -- das war ja gar nicht nöthig -- na, da
wird's aber jetzt recht einsam bei uns werden.«
»Guten Morgen, Dorothea!«
»Guten Morgen, Herr von Pulteleben!«
Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben
hinauf wollte.
»Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr
lieb, daß ich Sie noch treffe. -- Ich wollte meine Miethe holen. Die
Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.«
»Die Frau Gräfin wird den Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr
von Pulteleben -- »ich habe die Casse nicht mehr -- guten Morgen, Herr
Spenker!«
»_Sie_ haben die Casse nicht mehr?« brummte der Bäckermeister leise vor
sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem Hause war -- »na, da
bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. Das ist eine
Staatswirthschaft!«
»Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?«
schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich
vorspannte, und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst
komischen Blick von der Seite an; »würde ihr doch unendlich leid
thun --«
»Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner
Uhr sehend.
»Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im
nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er
vor eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von
Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. --
10.
Graf Rottack's weitere Beschäftigung.
Durch die kleine Colonistenstadt wälzte sich ein Menschenschwarm, der
von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu
hielt.
Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als
das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in
die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung
der Colonisten, und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für
unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer
hatten, und was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig
zusammengehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, aus
eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen.
Übrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in
seinem Wohngebäude liegen, die Übrigen waren seines Rufes gewärtig im
Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend,
ein paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichts desto
weniger sprang er an's Fenster, um zu sehen was es gäbe, und mit dem
Baron neben sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war,
aber allem Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte.
»Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie da am
hellen Tag durch die Straßen brüllen? So wie man ihnen die Zügel nicht
immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder
übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie denn da auf einem
Maulthier? Ist der Mann nicht gebunden?«
»Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt
hatte und damit hinaus auf den Zug sah -- »das ist der Mensch, der
sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie
die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier
Vorstellungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht
glückte.«
»Und wer ist der Reiter neben ihm?«
»Der junge Graf Rottack; wie aber _die_ Beiden auf solche Art
zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.«
»Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie
hierher. -- Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er
dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus
standen -- »nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.«
Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von
Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches
Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern
geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken
zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während
der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der
Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach.
Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd einem der Leute, der es
augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder
zurück zu sein, und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden
Soldaten ließen ihn, dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann
wieder die Thür -- aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er
hatte sie gebeten, seine Rückkunft hier draußen abzuwarten.
Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn
neugierig betrachteten -- sonst war Alles leer und öde. Der junge Mann
stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors
führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand.
»Guten Abend, meine Herren!«
»Ah, guten Abend lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener
Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte
-- »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie
nur gesteckt?«
»Draußen im Walde, Baron. -- Herr Director, ich weiß nicht ob es nöthig
ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?«
»Graf Rottack?« sagte der Director -- »ich hatte das Vergnügen bei der
Frau Gräfin.«
»Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine
Lippen zuckte -- »bei der Frau Gräfin -- doch zur Sache. Ich bringe
Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den
armen Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.«
»Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm
überrascht.
»Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein
rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände,
welche dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden
haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber
auf -- das Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden.
Außerdem gestand er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei
ausweichende Art zu entschuldigen sucht.«
»Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen
anzufassen -- »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem
Ermordeten -- wie hieß er gleich, Baron?«
»Justus Kernbeutel.«
»Dem Justus Kernbeutel gehört haben?«
Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er
wieder ruhig:
»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den
Mord gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten
Haushälterin des Ermordeten gezeigt, und sie ist erbötig, jeden
Augenblick zu beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren,
sondern daß er sie auch am Tage der That getragen hat.«
»Hm -- das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint es,«
sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat --
keinesfalls wenigstens allein.«
»Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da unten höre, der
Colonist jetzt mit vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden
Brüder mitgebracht, in dessen Hause sich Köhler gerade die Nacht, in
welcher der Mord verübt wurde, aufgehalten. Der Mann war schon einmal
da, um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen, und
mußte wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.«
»Hm -- gut -- ich will wünschen daß er unschuldig ist,« sagte der
Director, nach seiner Uhr sehend -- »doch das werden wir ja Alles
bei dem Verhör herausbekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den
gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen -- heute ist es doch zu
spät noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie
dann, sich wieder hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.«
»Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler,
hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar
erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig
war -- wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande
lassen?«
»_Sie_ haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,« lächelte der Director,
»aber _ich_ habe ihn nicht eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie
nehmen sich überhaupt der Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie
sogar ganz in Gedanken bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.«
»Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier
so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand
glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind
Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara
ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt
_gleich_ vorzunehmen und den Unschuldigen seiner Familie wieder zu
geben.«
Der Baron bog sich zu dem Director über und flüsterte ihm ein paar Worte
in's Ohr. Es lag Etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht gefiel, und er
war von je ein Mann des Friedens gewesen.
»Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut wir wirklich
leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden
nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« -- er sah wieder nach der Uhr
-- »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns heute
keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt habe,
Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.«
Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber -- nur der
Tisch war zwischen ihnen -- und man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam
zwang, ruhig zu bleiben.
»Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem
Grundsatz heute einmal abzugehen. Köhler _muß_ seiner Familie heute
wiedergegeben werden.«
»Von einem _Muß_, Herr Graf, kann hier gar keine Rede sein,« erwiederte
ihm Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch -- »ich bitte Sie, _Ihre_
Worte ein Wenig auf die Wage zu legen; _mein_ letztes Wort haben Sie.«
»Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden
Zorn nicht mehr mäßigen konnte -- »dann hören Sie auch meines! Glauben
Sie denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften
können wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu
thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das
Verhör nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an
der Spitze der Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie
höchsteigenhändig aus dem Fenster werfe!«
»Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster.
»Lieber, bester Graf!« bat der Baron.
»Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll
Einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche
Canaille alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich
nach Ihren Soldaten um -- glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark
und Saft verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer
deutschen Bauern widerstehen? Ist _das_ der ganze Schutz den Sie
haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten wie Sie
aufgetreten sind? Hier, meine Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb -- hat
um drei Viertel das Verhör nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt.
Das Blockhaus, in dem Köhler sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel
über den Haufen geworfen, und fällt ein einziger Schuß von Ihrer Schaar,
so stürmen wir das Nest hier, und daß _Sie_ schneller hinausfliegen als
Sie hereingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort -- also auf
Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter
und unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben
gehört hatten, unter die vor dem Hause versammelten Colonisten.
Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie
schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des
zündenden Funkens bedurfte, den jetzt der junge, wüthende Graf unter sie
brachte, um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was
der Director beabsichtige und was _er_ ihm zugeschworen, als die jungen
Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn
Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen
möglichen anderen, zu Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen.
Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in
seinem Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand
reißend, schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und
wenn er selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter:
Brach hier im Ort eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten«
allerdings zuerst auf das Directionsgebäude -- und er selber hatte nur
geringes Vertrauen zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich
die Wuth, ihr erstes Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen
die übrige Aristokratie wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort
beliebt war, wußte er eben so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er
deshalb den Director -- nur um Blutvergießen zu vermeiden -- der Gewalt
nachzugeben, eine spätere Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen
bestrafen und besonders den Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der
Director konnte in allen Fällen auf ihn rechnen -- wozu jetzt Alles auf
Eine Karte setzen, während noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn
waren.
Der Director sah aus dem Fenster -- unten wogte und tobte es -- mehr
als dreihundert Männer in Hemdsärmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im
Arm, sammelten sich dort um den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der
Hand zwischen ihnen stand. Der Director sah nach seiner eigenen Uhr --
es fehlten noch fünf Minuten an drei Viertel. -- Die Soldaten im Hause
hatten sich vor der drohenden Bewegung gesammelt, und der Unterofficier
steckte jetzt ganz verblüfft den Kopf in die Thür und fragte, welche
Befehle der Herr Director gäbe. Es war den Blaujacken da unten auch
nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hülflosen Colonisten gegenüber
hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber sah es beinahe aus, als ob
sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine Schaar hatte eigentlich
schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache bös abliefe,
in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß
hinabzugehen.
Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab.
»Sie weichen ja nur der Übermacht -- der rohen Gewalt,« sagte der Baron
-- »kein Mensch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf machen, und
die Regierung wird Ihre Mäßigung lobend anerkennen. -- Nachher kommen
_wir_ wieder oben auf, und wenn _Sie_ dann Ihren Vortheil benutzen, kann
Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.«
»Gut -- so will ich Ihrem Rathe folgen,« sagte der Director endlich --
es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. -- »Nehmt zwei Mann,
Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den dort
sitzenden Deutschen her.«
»Aber die Leute draußen,« sagte der Soldat mit eben nicht sehr großer
Zuversicht -- »sie schreien und toben und sind Alle gut bewaffnet.«
»Ihr habt Nichts zu fürchten,« sagte der Director mit finsterem Blick --
»geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben oben
bei mir war, augenblicklich seine Zeugen zusammenzurufen und mit ihnen
heraufzukommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? --
_Rasch_, die Zeit vergeht!«
»Zu Befehl, Herr Director,« sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz
herum und stieg hinunter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den
zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf
Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es bedurfte
jetzt aber auch seiner Autorität, die Colonisten abzuhalten, daß sie
den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber
befreiten. Sie waren einmal warm geworden und hätten nun auch gern eine
kleine Beschäftigung gehabt.