Rottack leidenschaftlich fort -- »daß es Ihnen peinlich sei, _mich_
scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten
Sie Ihr Vertrauen zurück -- geben mir nur Andeutungen, die mich noch
verwirrter machen müssen, und stoßen die Freundeshand selber zurück, die
sich Ihnen entgegenstreckt.«
»Herr Graf, ich weiß nicht,« wehrte Helene ab, denn ein eigenes
beklemmendes Gefühl überkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte.
Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er sah ihr
treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte
er herzlich:
»Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schütteln
Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg
einzuschlagen, den wir sonst für den rechten und guten halten. -- Machen
Sie mich zu Ihrem Freund, und beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden auf
der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!«
Helene rang mit sich -- zu plötzlich, zu überraschend war ihr das Alles
gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um _überlegen_ zu können.
Noch nie aber hatte sie so das Gefühl ihrer Einsamkeit übermannt, wie
in diesem Augenblick -- noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so
herzlich, so einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich
zu dem jungen Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles bestätigt fand,
was er ihr geboten, da faßte sie sich gewaltsam zu einem Entschluß, und
mit leiser, aber fester Stimme sagte sie:
»Ich glaube Ihnen, Graf Rottack -- ich _will_ Ihnen glauben -- ich würde
Ihnen auch in diesem Augenblick vertrauen -- wie einem Bruder« --
setzte sie kaum hörbar hinzu -- »aber für mich selber ist meine ganze
Vergangenheit in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein
Licht darüber geben könnte -- bindet ein Schwur.«
»Ein Schwur?« sagte Rottack erstaunt -- »aber woher dann -- ich begreife
nicht, wie Sie da überhaupt ....«
Helene stand noch immer zögernd vor ihm -- aber wußte er nicht schon ihr
Geheimniß, und sah er sie nicht mit den großen, treuen Augen, die jeden
Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an?
»Ich will Ihnen Alles sagen, was ich weiß, Graf Rottack,« rang es
sich ihr endlich aus der Brust -- »hier, dieser Brief kam durch eine
Verwechslung der Couverts in meine Hände« -- halb abgewandt reichte sie
ihm denselben.
»Darf ich ihn lesen?«
»Lesen Sie ihn,« flüsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den
Händen.
Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken
verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er.
»Sie weigert sich, ihn zu nennen -- ein Schwur bindet ihre Lippen.«
»Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den
Schwur kenne ich -- er heißt Selbstinteresse -- aber ich begreife noch
immer nicht -- Doch das ist hier nicht der Ort, zu erfragen,« unterbrach
er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf den Tisch
legte. »Und nun, mein liebes, liebes Fräulein,« setzte er hinzu, während
er auf's Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl
über sein Antlitz zuckte -- »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das
Vertrauen, das Sie mir geschenkt -- wenn ich es Ihnen auch nur durch
Überraschung abgepreßt. -- Aber jetzt fort -- Du mein Himmel, mir
schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt
das Hirn durchkreuzen -- und doch war ich nie so glücklich, nie so
lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!«
»Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich
Rottack's Betragen nicht erklären.
»Gewiß,« lachte dieser -- »unten warten sie ja mit dem Boot auf mich --
aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen
Besuch zu machen -- und dann komme ich wieder her -- in einer halben
Stunde bin ich wieder hier« -- Und ohne Abschied sprang er in jubelndem
Übermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab.
12.
Schluß.
Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten
gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit
flüchtigen Sätzen angesprungen kam.
»Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes
eine andere Ursache gebend. »Der Capitän des Dampfers ist noch oben im
Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!«
»Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix -- »Sie müssen noch einen
Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges vergessen!«
»Vergessen -- was?«
»Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin!«
»Plagt Sie der Böse?« lachte Könnern. »Seit wann sind Sie denn so
förmlich geworden?«
»Ich bin gleich wieder da!« rief der junge Mann in wilder
Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Straße zurück und
direct dem Hause der Gräfin zu.
Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr.
»Ist die Frau Gräfin oben?«
»Ja, in ihrem Zimmer.«
»Melden Sie mich -- rasch, denn ich habe große Eile!«
»Ja, _ich_ kann jetzt nicht hinaufgehen.«
»Dann meld' ich mich selber!« -- und in wenigen Sätzen war er oben.
An ein paar falsche Thüren pochte er dort zuerst an, dann rief
eine bekannte Stimme: »Herein!« und Graf Rottack stand im nächsten
Augenblicke der Madame Baulen gegenüber, die erschreckt von ihrem Sopha
empor fuhr.
»Herr Graf!«
»Frau _Gräfin_,« sagte der junge Mann, sich mit Anstand verbeugend
-- »entschuldigen Sie einen Besuch, der nur in seiner Kürze seine
Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen Frage, um deren
Beantwortung ich Sie ersuche.«
»Herr Graf, ich werde mich glücklich schätzen,« sagte die Frau verlegen,
denn sie wußte nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte.
»Gut -- dann bitte, setzen Sie sich dahin,« sagte Felix eben so
förmlich, »und schreiben Sie mir einen Namen auf.«
»Welchen Namen, Herr Graf?«
»Den Namen von Helenens Mutter.«
»Herr Graf!« rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten.
»Ich weiß,« fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, »daß Sie
einen Schwur vorgeschützt haben, was einem armen, unerfahrenen Mädchen
gegenüber ging -- _wir_ stehen anders zusammen. Entweder schreiben Sie
mir die volle Adresse _jetzt_ in diesem Augenblick auf, oder ich
gehe direct hinüber zum Baron, wie zum Bäckermeister Spenker und --
unterhalte mich mit ihnen über vergangene Zeiten. Sie wissen, daß ich
nicht scherze. _Noch_ ruht Ihr Geheimniß in sicheren Händen und wird
da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfüllen -- wo nicht -- schreiben Sie
sich selber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch bemerken, daß
Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nutzt. Eine einfache
Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit Angabe der Verhältnisse,
_ohne_ einen Namen zu nennen, würde Helenen die Adresse sichern. Doch
das ist Nebensache. _Wir_ haben es hier mit dem speciell zu thun, was
_Sie_ betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie da auch am Besten
kennen.«
»Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen -- wenn ich mir selber
alle Hülfsmittel abschneide, wovon -- o, wovon soll _ich_ denn da leben?
Alles verläßt mich -- Alles verläßt mich -- auch der undankbare Mensch,
der Pulteleben, hat mich im Stich gelassen!«
Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und sagte:
»Es war allerdings sehr rücksichtslos von Herrn von Pulteleben, da
ihm die _Frau_ abhanden gekommen, nicht doch wenigstens die vermuthete
Schwiegermutter zu behalten -- doch zur Sache. Wollen Sie meinen Wunsch
erfüllen oder nicht? ich _muß_ Antwort haben.«
»Lassen Sie mir Zeit zur Überlegung.«
»Nein -- hier ist Papier und Dinte -- in fünf Minuten bleibt Ihnen keine
Wahl mehr.«
»Und _Sie_ versprechen mir zu schweigen?«
»Sie haben mein Wort. Überdies verlasse ich in einer Viertelstunde die
Colonie.«
Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und
reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber.
»Bitte,« sagte dieser abwehrend, »schließen Sie das Blatt in ein Couvert
-- das Geheimniß ist nicht für mich.«
Die Frau that auch dieses; sie war vollständig gebrochen, und zwar mehr
durch die Angst, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und
ihren künstlich aufgebauten Rang zusammenstürzen zu sehen -- und der
Baron _mußte_ schon einen Verdacht gefaßt haben -- als durch die Sorge
um die Zukunft, die sie noch nie gekümmert hatte. _Sie_ lebte nur in dem
Augenblicke, dem sie abrang was sie konnte; was kümmerte sie der nächste
Tag?
»Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Gräfin,« sagte Felix, als er mit
einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf
dabei ansah -- »wie war es _möglich_, daß Helene bis vor wenig Tagen
keine Ahnung davon haben konnte, _Sie_ seien nicht ihre wirkliche
Mutter? Ich begreife das nicht.«
»Helene,« sagte die Frau, »war als Kind zuerst zu einer Wärterin, dann
in Pension gegeben, und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt
mußte geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschluß
erklärte, nach Brasilien auszuwandern ....«
»Vollkommen ohne Nebenabsichten?«
»Vollkommen,« sagte Madame Baulen mit Würde -- »da entschloß sie sich zu
dem Schritt -- den wir vorher reiflich überlegt hatten: sie mir nämlich
mitzugeben, und ich -- holte sie damals, _als_ ihre Mutter, aus der
Pension ab.«
»Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es möglich, daß sich
eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?«
»Lieber Gott,« sagte Madame Baulen achselzuckend, »die Gesellschaft legt
uns Pflichten auf, und -- in diesem Fall -- sie konnte doch nicht ihren
_Ruf_, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes häusliches Glück wäre ja
vernichtet worden.«
»Als ob daran noch Etwas zu vernichten gewesen wäre!« sagte Rottack
bitter -- »doch wie dem auch sei, Frau Gräfin, Sie haben _mir_ einen
Dienst geleistet, erlauben Sie, daß ich mich dafür revanchire -- wir
tauschen nämlich Papier um Papier. _Dieses_ ist Helenen's Geheimniß --
_das_ hier,« fuhr er fort, indem er eine Banknote von 500 Milreis vor
der Frau auf den Tisch legte -- »ist das _Ihrige_ -- wir sind quitt,
nicht wahr?«
»Aber Herr Graf!« rief Madame Baulen überrascht aus.
»Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!« und ehe Sie ihm nur eine Silbe
darauf erwiedern konnte, hatte er die Thür hinter sich in's Schloß
gedrückt und das Haus verlassen.
Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst
und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder
und stand gleich darauf in Helenens Zimmer.
Helene war indessen, von sich drängenden Gedanken bestürmt, in ihrem
Zimmer auf und ab gegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden
zu entdecken, und gerade _ihm_, der sie die letzte Zeit so kalt, fast
höhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein ihr, nein, auch
das Geheimniß ihrer eigenen Mutter Preis zu geben? Und was _konnte_ sie
thun? Stand sie nicht allein, rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte sie
sich nicht nach _einem_ Herzen, dem sie vertrauend nahen -- zu dem sie
um Trost -- um Hülfe aufblicken konnte? Und was that _er_ jetzt? Wohin
hatte er sich gewandt? Würde sie ihn je wiedersehen, und spottete
er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer Seele
losgerungen?
In der Thür stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehört,
und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er
ihr entgegen. Aber er selber sah verändert aus. Der kalte Stolz
und Muthwille, der sie stets zurückgeschreckt, war aus seinen Zügen
gewichen, und mit leiser Stimme sagte er:
»Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält --
fürchten Sie nicht, daß _ich_ Ihr Geheimniß belauscht hätte -- ich kenne
den Inhalt nicht.«
»Wie soll ich Ihnen danken?« flüsterte das Mädchen, beängstigt von dem
ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm.
»Sie können es vielleicht,« sagte Rottack ruhig -- »erinnern Sie sich
noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit -- jener Frau in der Stadt
begegnete? Es war das erste Mal, daß ich Ihre -- vermeintliche Mutter
sah.«
»Ja,« flüsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig
in's Herz -- »es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten überrascht auf
-- jene Frau.«
»Bis dahin, Helene,« fuhr Rottack leise fort, während sich aber seine
Stimme mehr und mehr steigerte -- »hatte ich nur _Sie_ gesehen und hatte
Sie geliebt mit einer Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben
würde, wenn Sie sie hätten ahnen können.«
»Graf Rottack!«
»Lange schon hätte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die
mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener süße Zauber in
Fesseln gehalten, der gerade in dem Geheimnisvollen dieser Liebe lag. Da
-- da sah ich Ihre Mutter -- Ihre Mutter, wie ich damals glauben mußte
-- deren ganze Vergangenheit vor mir lag und -- ich _konnte_
nicht anders glauben, als daß _Sie_ den Betrug theilten -- daß Sie
_Mitwisserin_, Mithandelnde der Täuschung wären.«
»Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott weiß es und der stille
Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint. -- Rang und Stand
-- Sie trauen mir zu, daß mich das keinen Gedanken gekostet hätte; ich
stehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener
Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen -- aber der Betrug fraß
mir in's Herz hinein -- der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift und --
machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die Täuschung
zu vollenden, selbst das Netz, das -- jene Frau nach dem unglücklichen
Pulteleben auswarf, und das -- wie es meiner verblendeten Eifersucht
schien, Sie selber mit in Händen hielten! Helene,« -- rief er
leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank -- »ich habe
Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Können Sie mir verzeihen?«
»Herr Graf,« rief Helene erschreckt, »stehen Sie auf!«
»Nicht eher, bis ich geendet habe,« beharrte aber Rottack -- »Helene,
ich _habe_ Sie geliebt, ich habe nie aufgehört Sie zu lieben, und wie
ich Ihnen kalt und spöttisch gegenüber stand, hätte mir das Herz dabei
zerspringen mögen in der Brust. Können Sie mir verzeihen? Können Sie
vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefügt -- glüht auch in _Ihrem_
Herzen noch ein Funken der alten Liebe für _mich_? Läugnen Sie es nicht,
Helene -- jene süßen Töne, die Abends meiner armen Geige antworteten,
waren nicht bloßer Übermuth eines schönen, angebeteten Mädchens; jene
Töne kamen eben so aus dem Herzen, wie sie zum Herzen drangen. -- Oh,
können Sie nur einen Schatten jener Gefühle zurückrufen, so werden Sie
mein Weib, Helene!« rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte
umschlang -- »fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie Freude
oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und seine
junge Frau uns erwarten -- in deren Begleitung machen Sie die Reise nach
Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.«
»Herr Graf!« rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken.
»Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben -- daß Sie mir glauben, wenn
ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav -- daß
Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glücklich fühlen zu
können. Helene!«
Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr müdes Haupt an
seine Brust, und aufjubelnd preßte sie Felix an sich und küßte wieder
und wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment
schien aber auch wieder der ganze alte Übermuth ihn zu erfassen. Er
weinte und lachte, aber unter seinen Thränen riß er sich von Helenen
los, zerrte einen großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand,
und fing an hinein zu werfen, was ihm unter die Hände kam.
»Um Gottes willen!« rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thränen
lachend aus -- »was machen Sie, was soll das werden?«
»Abreise -- Abreise, mein Schatz!« rief Felix, ohne sich in seiner
Beschäftigung stören zu lassen -- »wir sind ja in der größten Eile --
unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.«
»Abreisen?« rief Helene erschreckt -- »aber doch nicht jetzt? -- nicht
heute?«
»In einer Viertelstunde.«
»Das ist ja unmöglich!«
»Unmöglich ist gar Nichts, Mädchen -- Du bist mein, _ich_ bin
der glücklichste Mensch unter der Sonne, und das Andere ist alles
Kleinigkeit und Nebensache.«
»Aber wie kann das sein -- Rohrlands ...«
»Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten
zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich
bin gleich wieder da!«
Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später
mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos,
keines Gedankens fähig, stand.
»Liebe Frau Rohrland -- lieber Herr Rohrland -- ich habe hier das
Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack vorzustellen. -- Liebe
Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und ziehe ein freundliches
Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre eine gezwungene
Heirath.«
»Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in
die Arme.
»Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte
Felix -- »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir
dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen
Helenen packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau
Rohrland?«
»Ja, von Herzen gern, aber ...«
»Gar kein Aber -- ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem Karren
herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr
an die Landung?«
»Ja, von Herzen gern -- aber diese Hast ...«
»Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten -- lieber Rohrland, auf ein
Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte
ihn vor die Thür hinaus.
»In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?«
»In _meiner_ Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld
von _ihr_ in Händen, für den Verkauf ihrer Sachen.«
»Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den
wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.«
»Aber ich begreife gar nicht.«
»Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.«
»Ja, ich gehe ja gar nicht mit.«
»Das schadet Nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei
Seite schob -- »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren oben!«
rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein
angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an
die Landung hinunter.
»Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm
Könnern entgegen -- »wir warten und warten hier.«
»Lieber Freund,« sagte Rottack -- »ach Jeremias, nehmt doch Euern Karren
und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf -- es geht
noch ein Passagier mit. -- Lieber Freund, ich habe in der kurzen
Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter
gebraucht, und dann _noch_ nicht fertig wird. So recht, Jeremias, das
ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu bezahlen.«
»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitän des Dampfers, der mit an der
Landung stand -- »wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts
versäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen
doch nicht immer gleich fertig werden.«
»Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt
-- und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der
Landung auf und ab gegangen waren.
»Fort -- in den Wald,« sagte Rottack ernst -- »ich habe Euch noch seine
besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.«
»Braver Günther,« sagte Könnern -- »er hat Elisen die letzten Stunden
nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos,
Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin gemacht?«
»Allerdings.«
»Wahrhaftig?«
»Nun, gewiß -- und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.«
»Ihrer Tochter?«
»Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es
mit in ihre Koje nimmt.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in
die Stadt hinaufgesehen hatte -- »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine
nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen.
Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt -- daß mir um Gottes willen
Rohrlands das Bild nicht vergessen« -- und von Könnern fort, der ihm
kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit
den Weg zurück, den er gekommen.
Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute
haben könne, denn _so_ hatte er ihn noch nie gesehen, und außerdem
drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän sah auch schon in immer
kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr -- endlich ließ sich ein kleiner
Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias an der Spitze
rasch zur Landung herunter kamen.
Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge
Comtesse mit in der Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grüßten
die Damen.
»Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein
guter Herr Rohrland?« fragte Sarno.
»Ich? Denke gar nicht daran, aber -- so viel ich weiß ...«
»Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur
erglühende Braut vor -- »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns noch
trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und
bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen
Ihrem mütterlichen Schutz.«
»Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und
nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.«
»Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf,
indem er Helene der jungen Frau zuführte -- »aber nun in's Boot. Sie
haben lange genug auf uns gewartet -- hieher, Jeremias -- _das_ zum
Andenken.«
»Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem Gesicht.
»Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote
nach, das in den Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit
Tüchern und Hüten.
»Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben,
schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen.
_Ende._
Druck von _G. Pätz_ in Naumburg.
Fußnoten
[1] Eine Art Zuckerrohr.
[2] Ein Mißbrauch, der in fast allen deutschen Colonien gegenwärtig
herrscht.
[3] Authentisch.
* * * * * *
Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene
Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch
Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei
Zweifeln der Originaltext beibehalten. Änderungen in der Schreibweise
sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, Änderungen in der
Zeichensetzung nicht.
Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#
Änderungen
Seitenangabe
originaler Text
geänderter Text
Seite 23
ein sehr großes Theebrett mit einer Anzahl Tassen
ein sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen
Seite 37
ein leichtes, fast spöttisches Lacheln um seine Lippen
ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen
Seite 46
als sie den Dienst meiner Mutter verließen
als Sie den Dienst meiner Mutter verließen
Seite 87
Er hielt unwillürklich mitten im Binden
Er hielt unwillkürlich mitten im Binden
Seite 227
hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son verklärte
hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst verklärte
Seite 247
mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln
mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln
Seite 260
denn ein solche Schaar deutscher Colonisten
denn eine solche Schaar deutscher Colonisten