»Ei sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend,

»das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! -- Wie

geht's, Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?«

»Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten

erwiedert -- »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben

im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu

werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?«

»Im Hause -- ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und der

Mann liegt im Sterben.«

»Im Sterben?«

»Ja -- aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo sind

Eure Pferde?«

»Oben am Hang stehen sie und die unglückliche Familie dieses Schuftes

sitzt dort ebenfalls.«

»Und hat der Lump auch Familie?« sagte der alte Brasilianer entrüstet;

»das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich

gemacht! Und was wird nun aus denen?«

»Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die

für sie sorgen werden -- besser als der da es gethan. Soll ich hinauf

und die Pferde lieber holen?«

»Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet

Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein

paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel besser und rascher

besorgen. Aber Ihr blutet ja!«

»Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn

fassen wollten.«

»Natürlich -- wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf

die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein

Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer -- oder

sollen wir Dir Beine machen?«

»Er versteht kein Portugiesisch.«

»Oho -- noch ein Frischer? Also importirt ihr derartige Sorte auch nach

Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat Passage

bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen Strick.

-- So sagt _Ihr_ ihm einmal auf gut Deutsch, daß er gutwillig mitgeht,

sonst kann ich es ihm doch vielleicht auf Brasilianisch begreiflich

machen.«

Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen

jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Äste davon

herunter.

Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache

mit scheuem Blick gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen

der Deutschen befand, schien ihm seine Lage immer nicht zum Äußersten

gefährlich. Jetzt zum ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe,

der er entgegenging, überkam ihn zugleich die Angst davor.

»Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir

weiteres Sträuben Nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch

verschlimmern.«

»Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet

mich nicht den Fremden übergeben -- ich -- ich will ja Alles gestehen --

ich bin ein armer Teufel -- der Böse plagte mich -- der Justus war

auch ein schlechter Kerl -- er hat mich verführt -- er reizte mich.

-- Landsmann,« bat er dringender, als sich Rottack mit Ekel von ihm

abwandte, indem er sich auf die Kniee warf und die gebundenen Hände zu

ihm aufhob -- »laßt mich laufen -- ich will ein ordentlicher, braver

Kerl werden -- ich will meine Frau nicht mehr prügeln und die Kinder

-- ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt --

Landsmann, habt Barmherzigkeit -- Barmherzigkeit!« -- und er schrie die

letzten Worte in Todesangst gellend heraus.

»Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert -- »Deinetwegen

sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß

frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.«

Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer,

der einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem

Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde

geschlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Abhang heraufgesprungen.

»Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den

Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den

kleinen Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die

Kinder nicht zu sehn bekommen. Du, Joao, springst hinauf -- wo ungefähr

sind Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?«

»Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend

-- »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit

den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers

übernehmen wollen.«

»Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Senhor dort hinauf, und

thust was er Dir sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf,

wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.«

Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und

Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine,

mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und

wenige Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden

riesigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und

hinabschleppten. --

Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen

aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos

schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen,

den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er

eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen

werden, denn die so schon unglückliche Frau durften sie hier nicht

allein und hülflos mitten in dem fremden Walde zurücklassen; sie wäre

_mit_ den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften stand, sie zu

trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld das er bei

sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch ihre

Kinder unterzubringen -- sie ginge jetzt einem bessern Leben entgegen,

als sie an der Seite des Verbrechers geführt -- die Colonisten in Santa

Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer Sorgen für die

Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug es selber,

daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur erst einmal

ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachsenen

Menschen weinen sah.

So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das

schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang.

»Graf Rottack, _Sie_ als Kinderwärter?« sagte er lächelnd, indem er

vor ihm stehen blieb, »und doch steht es Ihnen gut -- Sie haben ein

schweres, schweres Amt gehabt!«

»Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden

Negerin das Kind übergab -- »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh

einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches

auf dem Weg hierher geleistet -- und daß die arme Frau da Etwas zu essen

bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. --

Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? -- Ihr Gesicht strahlt

ja ordentlich vor Seligkeit!«

»Rottack -- Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend -- »ich habe

sie gefunden!«

»_Sie_ -- so?« sagte der junge Graf in komischem Erstaunen; »so viel ich

weiß, hatte _ich sie_ gesucht, und Sie hatten es nur mit einem _ihn_ zu

thun.«

»Elise mein' ich.«

»Elise? -- des alten Meier Tochter?«

»Sie ist hier -- hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank, und ist eben

in ihren Armen verschieden.«

»Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie

leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen,

weshalb _Sie_ darüber so entzückt sind?«

»Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter

im ganzen Walde gesucht hatte?«

»So? -- nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler wieder

zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur zu kommen,

und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den Diebsfänger,

nachher den Brautführer zu machen, und nebenbei schreiende Kinder durch

den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!«

»Lieber, bester Graf!«

»Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte

Geschichte -- Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur

darauf bis wir zurückkommen, und sitzt dann wieder mit seiner jungen

Frau da oben in dem Miniaturparadies -- Sie haben ebenfalls jetzt

_gefunden_, was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich der, welcher

leer ausgeht. _Mein_ einzig sichtbarer Vortheil ist auch wohl nur der,

daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen neu kleiden kann und außerdem

noch eine Apotheker-Rechnung für Pflaster zahlen, und für Herrn Bux'

Familie sorgen darf! Hol' der Teufel Brasilien!«

»Armer Rottack!« lachte Könnern gutmüthig.

»Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann, »und das ist noch nicht

einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem

todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig

ist. Also darf _ich_ mit ein paar sehr unangenehm ausdünstenden Negern

wahrscheinlich den Transport allein übernehmen -- wieder ein Vortheil!«

»Von Herzen gern will _ich_ das thun,« rief Könnern rasch, »wenn _Sie_

nur dann meine Stelle _hier_ vertreten wollen.«

»Hm, so? -- damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der

jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch Nichts; _das will_

ich wenigstens haben, und wenn ich's mir stehlen müßte. Aber wie weit

ist's von hier nach Santa Clara -- haben Sie eine Idee?«

»Dieser Weg,« erwiederte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha

hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite,

trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.«

»Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. -- Und wann

kommen Sie nach?«

»Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich

hier Nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die

Familie des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir

für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.«

»Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack,

indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein

Wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte.

9.

Herr von Pulteleben.

Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die

Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort

begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze

Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Orte hervor!

Jede Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten

zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der

Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft

zu machen, und Herr von Reitschen -- regierte indessen ruhig weiter

und verübte unter dem Schutz seiner, stets bis an die Zähne bewaffneten

Soldaten, jede Willkür, die ihm irgend beliebte.

Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten -- und das waren in der

That wenige genug -- wurden in jeder Weise begünstigt und konnten thun

und lassen was sie wollten; die Übrigen durften nicht einmal ihr Recht

fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in

rohem Übermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige

deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam

dagegen aufzustehen.

Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit

dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen

Spaziergänge -- bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte

-- und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund

abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien _gratis_ überlassen, der

Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich daß der Baron eine

»Musterwirthschaft« darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der

Colonie »wissenschaftlich« heben wolle.

Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte

lebensfähig verwalten können!

Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben

Nichts -- es blieb Alles beim Alten, und nur der Polizeizwang wuchs von

Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in

seinem Gefängniß stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber

davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen,

schien der Director fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die

erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in

Händen hatte, und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten

selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher

Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren

Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden

Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch besser als mancher

Andere, daß sich alle diese Beamten, theils so oder so, compromittirt

hatten, und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, konnten sie

selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren

aufgebracht zu sehen.

Ganz Südamerika leidet ja an dem nämlichen Übel.

Äußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen

Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin

des festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden

Segeln in einen reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei,

und mit der ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar

nicht mehr flott, sondern sitze wie fest genagelt auf dem Trockenen in

Schlamm und Sand, mit keiner Aussicht wieder loszukommen.

Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art

von dem Gipfel seiner Hoffnungen herunter gerutscht -- im Anfange zwar

noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto

rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der

prosaischen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne

darüber vergingen.

Umsonst hatte er sich dabei mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer

bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft über

Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige _was_ er von

ihr erhielt, war die Erlaubniß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen,

und daß _er_ unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich

denken.

Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten,

was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte

den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten, und er schloß

nur _daraus_, das noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die

aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen -- ohne

daß er selber freilich das Geld für eine einzige derselben eincassirt

hätte.

In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet

bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu

fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum.

Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich

rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches

Wahrscheinliche für sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin

wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die

Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben, und da sie

allbekannt stets sehr selbstständig aufgetreten, so war sie einfach aus

dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Bräutigam verlassen

habe. Sobald der fort war, würde sie natürlich zu ihrer Mutter

zurückkehren.

Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben,

aber der arme Teufel sah, wenn er recht darüber nachdachte, selber

keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen seiner früheren Braut,

und begriff dann nur nicht, weshalb sie früher so freundlich mit ihm

gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte.

-- Er ärgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich

nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen,

und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der

Oskar, mit seinen albernen Streichen. Über die Tafel hinüber ging das

freilich nicht.

Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß

von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten -- und was würden

sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung

mit der Comtesse hörten? -- Er _wollte_ -- er _mußte_ fort -- aber die

Schwiegermutter -- er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin, und

saß heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und

überlegte und grübelte, wie er sich am Besten und Anständigsten aus der

Affaire ziehen könne.

Draußen wurden Schritte laut, und gleich darauf ging die Thür auf, durch

die Oskar, eben von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem

»Donnerwetter, ich bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben

rührte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite

betrachtete, lachte; endlich sagte er:

»Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die

Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?«

»Nichts Besonderes, daß ich wüßte,« erwiederte der junge Mann, gerade

nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche anzuknüpfen.

»Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf,

der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf

diese Quelle zurückführte -- »das weiß der Henker! Das Mädel muß

übergeschnappt sein, denn sie nimmt _meinen_ Besuch nicht einmal mehr

an. Was sagen Sie dazu?«

Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen den jungen

Grafen todtzuschweigen.

»Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem, und etwas

unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort --

»so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend Etwas bei ihr in's

Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie nur um Gottes willen wieder

Frieden mit ihr, denn das ist ja hier im Hause jetzt gar nicht mehr

auszuhalten. Ihr seid _Alle_ unausstehlich, und das Schlimmste dabei,

daß man Euch noch dazu Alle einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über

Euch zu ärgern.«

Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über die

»Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein

mögliches Mißverständniß -- wenn _er_ auch nicht wußte, durch was es

entstanden sein konnte -- aufzuklären. Helene war verändert, seit sie

den _Brief_ gelesen hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe

gestanden und wie weit er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er

nicht, wenn nicht -- er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf

und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu

berücksichtigen. -- Hatten sie -- es lief ihm mit einem unbehaglichen

Gefühl über die Seele -- hatten sie vielleicht nach Deutschland

geschrieben und von dort aus Nachricht erhalten, daß _seine_

Verhältnisse nicht so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet?

»Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt

zugesehen hatte.

Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig -- er hatte noch nie

so schnell gedacht. -- Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden,

mußte er, und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt

nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn _so konnte_ ihr Verhältniß nicht

mehr fortbestehen, und ein entscheidender Schritt mußte nach der einen

oder andern Seite hin geschehen.

»Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne -- »Sie erlauben

wohl, daß ich mich anziehen kann, ich -- muß Ihre Frau Mutter sprechen.«

»Ja, ich habe Nichts dagegen,« lachte Oskar -- »aber Sie _sind_ ja

angezogen.«

»Ich -- habe schon einen Spaziergang gemacht und -- möchte meine Wäsche

wechseln.«

»So -- aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich langsam

erhebend -- »nun, meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, weshalb ich

eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen

früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.«

Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte seine Cravatte

abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem

jungen Mann um.

»Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine

zwanzig Milreis mehr über zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der

letzten Zeit so bedeutend auf mich gezogen, daß ich -- daß ich wirklich

das wenige mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.«

»S--o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an.

»Überhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere

recht hübsche Einnahmen _gehabt_ haben, denn ich sehe, daß sich die

Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.«

»Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, »_die_ besorgt

das; ich habe mit Müh' und Noth tausend Stück für mich gerettet.«

»Gerettet? -- hm!«

»Also Sie haben Nichts?«

»Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?«

»Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie Nichts haben, kann Ihnen das

auch einerlei sein. -- Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer

und warf die Thür hinter sich in's Schloß.

»Weiter fehlte mir gar Nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter

ihm zu und begann dann mit äußerster Sorgfalt seine Toilette zu machen.

Selbst den schwarzen Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über

einige Mottenlöcher, die ihm hineingefressen waren, klingelte dann, und

als Dorothea heraufkam, ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er

etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen habe.«

Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der

Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit

dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein

Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten

Operation unterwerfen wolle.

Die »Frau Gräfin« -- wir müssen sie doch jetzt schon so fort nennen,

da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte -- saß

in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff

gewesen auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer

wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung Helenen dort

einmal allein treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene

aus, ja, schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte.

»Sie haben gewünscht mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?«

»Ja -- Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und

sich verlegen nach einem Stuhl umsehend -- »ich -- und ich bin Ihnen

sehr dankbar dafür, daß Sie ....«

»Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die

Gräfin.

»Sie erlauben -- ja, Frau Gräfin -- Sie können sich doch wohl denken,«

sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein,

»daß mir der jetzige Zustand -- die Vernachlässigung meiner -- Ihrer

Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß, und ich habe

mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, _was_ die Veranlassung

dazu gewesen sein könnte. Wenn -- wenn Sie mich nur über Eines beruhigen

möchten.«

»Und das wäre?«

»Der Brief,« sagte von Pulteleben entschlossen.

»Welcher Brief!« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen

Blick nach ihrem #vis-à-vis#. Hatte Helene etwa ihr Geheimniß verrathen?

Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung.

»Der Brief, den die junge Dame an jenem Abend aus Ihrem Zimmer brachte,«

sagte er entschlossen, »denn von jenem Augenblick an datirt sich die mir

so ungünstige Veränderung, und ich kann in der That jetzt nicht

anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig gesinnte Hand darin

Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen mir wahrscheinlich

ein Leichtes sein würde, wenn ich -- nur eben wüßte worauf sie

basirten.«

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band · 第 9 / 12 段