Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem -- wie

Könnern ganz richtig vermuthet hatte -- der unbehagliche Gedanke

gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der

Verdacht auf _ihn_ fallen sollte, wußte er freilich nicht, denn hatte er

auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die Frage, wann

das je einmal gefunden, und ob es überhaupt Jemand kennen würde, und

bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht konnte

aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber

erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher,

sonst wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt

hatte? -- er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte -- sagte

ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur

gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar

Wochen im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit

abwarten, als sich, wie er bei sich dachte, »ewig den Kopf abzudrehen,

ob Jemand hinter ihm her käme.«

So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch

nicht ruhen lassen.

Als Könnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die

Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte.

»Aber ich _kann_ ja nicht mehr, Bux,« sagte die Unglückliche -- »laß

mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's schon

wieder gehen.«

»Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem

abscheulichen Fluch -- »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich

krähen hören -- es _kann_ nicht mehr weit sein.«

»Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde,

das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum -- »mach'

mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder laß mich liegen und hier

umkommen, aber ich kann nicht weiter.«

»Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche, »warten thu' ich,

Gott straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte« -- er fuhr

erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der Pferde im

Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an.

Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster:

»Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr

geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib

muß auch noch das schwere Kind schleppen -- 's ist doch wahrlich eine

Schande!« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine

Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: »Da, trinkt einmal

einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun -- Ihr seht aus, als ob Ihr's

nöthig hättet.«

»Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau -- »und der mag's vergelten

-- Ihr seid doch auch _Menschen_, Ihr werdet mich nicht hier im Walde

allein liegen und mit dem Kinde verhungern lassen.«

»Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut,« sagte der Mann

finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor

sich auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den

Mörder finster und ernst betrachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor

sich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Die scheue,

ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der unechte

Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den letzten

Beweis, wenn es dessen bedurft hätte.

»Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde

-- »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen

Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen

hättet? Das glaub' ich! _Ihr_ könnt's aushalten auf Euren Pferden

oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's Leben

schinden -- na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?«

Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mörder

gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam:

»Ihr heißt Bux, nicht wahr?«

»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell

-- »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich

niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen

scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den

Händen der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte

jetzt einen Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können.

»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern

in französischer Sprache zu -- »die Frau und die Kinder werden ein

Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber

warten, bis wir ihn allein haben?«

Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux

selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später

herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch

gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die

beiden Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen

in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie

waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt

Rettung -- Flucht!

»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von

dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes

Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen

Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit _einem_ Satz

in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen Hang mehr hinab stürzend, wie

laufend.

Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß

auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm streifte, seinen Rock

zerschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln

und fiel auf den rauhen Boden, so daß der Flüchtling, ehe er sich wieder

aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm

hatte.

Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende

Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier

dem Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter

mit einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos

um seine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte

Könnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück

und wollte nicht vorwärts.

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die

Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und

auch die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd

zurück, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie

Nichts zu befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der

Jagd.

Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen

Tagesmarsch und der ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern

hatte auch, um seinen Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen

getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und

unermüdet, mit kaltem Blut und frischen Kräften, mit denen er jede

Öffnung in den Büschen benutzte, während der Fliehende rücksichtslos

mitten hindurch brach und damit seine Kraft schwächte, sah bald, daß er

dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und suchte ihm deshalb

den Weg abzuschneiden.

Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort -- weiter

-- aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo

sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinüber

-- vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter

Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang jetzt

hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und

erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte -- denn daß ihm hier ein Pferd

nicht folgen konnte, wußte er --, sah er, daß er verloren war. Aber er

ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links

schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand

und lag -- vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die

Rächer! -- Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb mit

seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er

sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen -- seine Mütze hatte

er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig

gekratzte Stirn -- vorwärts -- vorwärts -- bis seine Kräfte ermatteten

und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.

Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der

Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem

Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und

zeigte es dem Freunde.

»Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem.

»Hier liegt er -- er ist sicher -- aber was haben Sie dort?«

»Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich

sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte, und sprang danach,

da ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da

liegt die Canaille -- ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen,

der hat uns noch eine hübsche Hetze gemacht! -- Wenn ich nur meine Hunde

hier gehabt hätte!«

Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht -- nur sein schweres,

hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf

die vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt.

»Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch

durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen,

und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als

ihn auf ein Pferd zu binden.«

»Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn

Mitleid verdient die Canaille nicht. -- Aber dort drüben ist ein Weg,

Könnern, bei Gott -- und da hinten liegt das Haus -- wir sind dicht an

der Chagra.«

»Desto besser,« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort

Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal

binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?«

»Es ist gar Nichts,« lachte der junge Mann -- »eben nur geritzt,

nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen -- das ist

wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen

bleiben -- holla, Freund -- steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mußt

wieder wandern.«

»Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern -- »trauen Sie ihm

nicht!«

»Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend

und heftig schüttelnd. -- »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine

Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück,

und wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen sollte.«

Bux regte sich nicht.

»Willst Du nicht gehorchen? -- gut, dann darfst Du Dich auch nicht

beklagen!« -- und mit den Worten hatte er ein dünnes aber starkes Seil

aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um

die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm

ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der

Hand fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor

-- doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in

demselben Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux

wollte sich losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei

Minuten später, während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch

um Hülfe brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger.

»So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen

Stamm schlug, »jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten

Sie bei dem Burschen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus

springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns Etwas

nützen können.«

»Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter

und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?«

»Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken,

daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser,

wir wissen erst wer hier unten wohnt.«

»Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht

entwischt, dafür will ich schon sorgen.«

Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch

einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt

rasch darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich

entgegenkommen sah.

»Habt _Ihr_ um Hülfe geschrieen?« fragte ihn dieser schon von Weitem in

portugiesischer Sprache. »Was ist denn geschehen? Seid Ihr angefallen?«

»Gerade das Gegentheil, Senhor,« erwiederte Könnern -- »wir haben einen

Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war

und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte.

Könnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?«

»Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern

erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte -- »ich habe

einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht

verlassen.«

»Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört

haben,« sagte der junge Mann theilnehmend, »Ihr habt Krankheit in Eurer

Familie gehabt?«

»_Wir_, Gott sei Dank, nicht,« erwiederte der Brasilianer; »aber ein

Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter zu uns kam, legte sich

und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon krank, als er mein

Haus betrat.«

»Ein Fremder? -- mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie ihm

dabei das Blut in den Adern stockte.

»Ja, Senhor.«

»Ein Mann mit weißen Haaren?«

»Kennt Ihr ihn?«

»Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus -- »hier also

-- hier -- aber da komm' ich doch noch vielleicht zur rechten Zeit! --

Laßt mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen

wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt die Straße

hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm

einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.«

»Seid _Ihr_ ein Verwandter von dem Alten?«

»Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.«

»Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt -- und nun macht nur,

daß Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere

will ich schon mit Eurem Freund besorgen.«

8.

Gefunden.

Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der hier

ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal

gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in

diese Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen

konnte, in einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlassungen zu sich

herausgerückt zu sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land,

ihnen gute Colonien zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein

reicher Mann sein. Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang

allein und einsam in der Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht.

Natürlich hatte er für sich und seine Familie, wie für ein paar Sclaven,

die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige Hütte gebaut, denn der

Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine Arbeitskräfte in Anspruch.

So beschränkt aber der Raum war, den er bewohnte, so willig theilte

er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem Fremden -- war es nun

ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte, oder eine wandernde

Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten genug zu sehen

bekam. Für die Frau -- denn der Mann konnte doch wenigstens manchmal

fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein in ihrer Wildniß

saß -- war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, und was die Küche

wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht und aufgetischt.

Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem

Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung

zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte

wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die

Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst

gesunden Körper gearbeitet und gezehrt -- die furchtbare Zeit der

Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie der ungewohnten

Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die ihn bis dahin

noch fast gewaltsam aufrecht gehalten.

Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der

körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger Stumpfsinn,

der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend aufloderte.

Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und

seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war,

so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb,

waren aus seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den

gräßlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für

flüchtig vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn

Elise zu beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld

sowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beschwörungen des

unglücklichen Vaters, wenn er sie bat, ihn nicht zu verlassen und der

Polizei auszuliefern. Was sie körperlich dabei dulden mußte, schwand

zu einem Nichts zusammen, und ihre Lage wurde erst dann wirklich

gefährlich, als die wilden Phantasien dem Unglücklichen auf keinem

gebahnten Weg mehr Ruhe ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den

Verfolgern zu entgehen, die er fortwährend auf seiner Fährte glaubte.

Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß

sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu

vergehen drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne

einen Trunk Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst

gegen Morgen zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers

Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen

hatte, Hülfe in der schrecklichsten Noth.

Jetzt war Alles vorbei -- Alles überstanden. Wie sich der Körper des

unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch

wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so

schwach geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber

heute zum ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das

Fenster warf, und sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte,

ob sie ihm irgend eine Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der

fleischlosen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und sagte leise:

»Meine arme, arme Elise!«

»Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden

Thränen -- »kennst Du mich denn?«

»Soll ich _Dich_ nicht kennen, meine treue Gefährtin in Jammer und in

Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen

Manne?«

»Mein guter Vater!«

»Gottes Segen über Dich -- Gottes reichsten Segen, und daß er die Schuld

nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!«

»Vater -- _Vater_!«

»Stille, mein Kind -- stille -- weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und

es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen

Jahren nicht gewesen ist. Nur _eine_ -- _eine_ Sorge liegt mir noch

darauf, und das bist _Du_, mein Kind, das ich allein und hülflos in dem

weiten, fremden Lande zurücklasse.«

»Vater, sprich nicht so -- Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir

bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen

Kräften.«

»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken

folgte -- »und auch daran trage ich die Schuld -- auch daran, daß

ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen,

sündhaften Plänen folgend -- auch daran, und _das_ Gewicht muß ich jetzt

mit mir hinab nehmen -- hinab in's Grab!«

Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und

der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die

dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.

»Weine nicht, Elise,« sagte er leise -- »weine nicht -- wir sehen uns

wieder -- wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er

seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir gehalten, so

wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande -- nicht

so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du doch Hülfe

gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind -- sei stark,

Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.«

»Du wirst _nicht_ sterben, Vater!« schluchzte das arme Kind und preßte

ihre Stirn nur fester an seine Schulter -- »Du wirst leben, mir -- mir

zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein spätes,

spätes Alter hinein!«

»Du willst mir den Abschied recht schwer machen,« seufzte der alte Mann,

»und ich habe doch keine Thränen mehr, die mir die Brust erleichtern

könnten! -- Sieh, wie der Sonnenschein so warm durch's Fenster dringt,«

fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die nur durch Elisens Schluchzen

unterbrochen wurde -- »und draußen liegt in Licht und Glanz die Welt,

der schöne Wald. -- Grüß' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn

wiedersiehst -- die schattigen Bäume und den murmelnden Bach, und --

wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag der Gedanke Dich versöhnen,

daß er im frischen, grünen Walde schläft und das Rauschen der ewigen

Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt für den reuigen

Sünder!«

»Vater!«

»Fasse Dich, mein Lieschen -- es _muß_ sein -- und nun noch Eins -- rufe

mir unseren freundlichen Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles

Liebe und Gute, das er uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der

Welt, was ich ihm bieten könnte, wie meinen Dank! -- Er wird Dich auch

nicht gleich verstoßen; seine Frau ist gut und freundlich -- war sie

doch gut und freundlich gegen mich -- o, wenn ich _den_ Trost mit mir

hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz verlassen wäre!«

Elise richtete sich gewaltsam empor -- sie durfte jetzt nicht

zurückdenken -- nur _jetzt_ nicht -- oder das Herz hätte ihr brechen

mögen in Jammer und Weh.

»Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise -- »nur einen

Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«

Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte

er traurig.

»Ich bin gleich -- gleich wieder bei Dir, Vater. -- Er ist jedenfalls

draußen -- ich höre schon seinen Schritt.«

Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür,

als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand.

Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft

schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie

eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie

abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne

hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!«

»Elise -- Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend und sie in seine Arme

schließend -- »o, nun ist Alles gut -- Alles, und Nichts im Leben soll

uns wieder trennen!«

»Und bist Du's wirklich, Bernard? -- Ist es nicht Dein Geist, der nur

gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?«

hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich.

»Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt

den Kopf der Thür zu.

»Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm

umschlingend, indem er sie mit der rechten stützte -- »ein Freund, der

nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht

von sich stößt!«

»Lieschen!«

»Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine

Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter.

Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen,

und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe.

Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm

niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes.

»Herr Gott, ich danke Dir,« sagte er leise -- »Lies--chen, leb' -- wohl

-- sei glücklich -- Gott segne Dich« -- und wie er noch einmal seine

Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter -- er war

todt. -- --

Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache,

der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte.

Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu

streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest,

und als sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm

versicherte, er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden

schlagen, lag er still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden

hier im Wald nicht im Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren,

und baute für die Nacht seine Pläne zur Flucht.

Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo«, und als Rottack darauf

geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand

im nächsten Augenblick vor der Gruppe.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band · 第 8 / 12 段