Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen

Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, ehe

man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien

allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu

folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen

würde, aber -- sicher blieb sicher, und er hatte nachher keine Ausrede

mehr.

Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte

das doch einmal eine Abwechslung in sein monotones Leben, wie er meinte,

und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer

Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg wußten sie außerdem, und je

geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicherern Erfolg konnten

sie rechnen.

An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Clara's auf

Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt

und unterzeichnet, in der sie mit einfachen aber klaren Worten die

gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um

Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung

nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es

keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten

sie verlangen, daß wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen

zugetheilt würde und die Polizeigewalt, nicht länger in Einer Hand mit

der bürgerlichen Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen

und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und

Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu

erreichende Rio de Janeiro.«

Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio,

angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen

fällig gewesen, aber es herrscht unter den Dampfern aller jener Linien

an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit,

daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja, es war schon

vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der

andere dann dicht hinter ihm her oder mit ihm gar zu einer Zeit eintraf.

Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem

nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten

hieher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas

geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet

und seine Karte über die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da

er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am

nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die

ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen

ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder

Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später

sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der

Meierei vorüber in den Wald führte.

7.

Bux auf der Flucht.

»Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben

führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war

heute, wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum

ersten Mal gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen

Unglücks lag es auf seiner Seele. -- »Heute hier, morgen da, heute

philisterhaft sich mühend, um das tägliche Brod zu verdienen, nur des

täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel -- wie wir Beide

heute -- als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie

man sie nicht brauchbarer erfinden könnte.«

»Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft auch gleicht unser Leben

einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich combinirten Romane,

mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über

den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien

auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so

gut daheim, eben so in den anscheinend hausbackensten Verhältnissen, die

nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. Könnten wir

oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und

interessante Dinge würden wir zu sehn bekommen!«

Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem

Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen.

»Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich Nichts von unserer _Gräfin_

gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich in Santa Clara war, ganz

nach ihr zu fragen -- oder kennen Sie die Dame gar nicht?«

»Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern,

»aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich

muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit

versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten

Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört,

so scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.«

»In der gräflichen?« lachte Felix.

»Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind

mir auch die Einzelheiten wieder entfallen -- ich hatte überhaupt damals

den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die Verbindung

zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist ...«

»Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend.

»Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr

Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn

die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt

gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.«

»Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? --

Und wo wohnt sie jetzt? -- Wo konnte sie hin?«

»Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame selber

aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer

gemiethet und einen Theil ihrer Möbel wie ebenfalls ihr Pferd an

Director von Reitschen verkauft.«

»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich

hin. »Von der _Mutter_ getrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam

abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie,

Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit

den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen Mädchen, einer

intriguanten Mutter und -- einem überflüssigen Bräutigam. Schade nur,

daß der wirkliche _Geliebte_ fehlt, der zu einem wünschenswerthen Schluß

gehört, denn _die_ Damen, die in einem Buche immer zuerst die letzten

Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. -- Und

da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der

Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag -- »dort hat sich ebenfalls

eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene

Veranlassung zerstreut -- die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater

und Tochter sind verschwunden -- verdorben vielleicht, und Alle hatten

die Berechtigung an dieses Leben, wie wir -- gerade so gut als wir, und

jetzt Alles -- Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichte das,

höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal

ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher _wacht_.«

Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach

riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte wie erbarmungslos

er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite,

und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen

und Bildern zuckte, trabten die Beide eine lange Strecke still und

schweigend neben einander hin.

»Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem frühern

wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn

man selbst überflüssige Zeit hat, und das -- haben wir hier nicht

einmal! Wir wollen an unsere Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die

wir doch jetzt nun einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das

glückliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau -- um die ich den

Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie

Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem

jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß

mich beim Herauskommen ein Paar _solcher_ Arme in Glück und Seligkeit

umschlingen würden. -- Aber was haben _wir_ Beiden, wenn wir

zurückkommen? -- Quartier bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein

einschläfiges Gastbett, zweischläfig mit Flöhen versehen -- es ist zum

Todtschießen!«

»Ich denke Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte Könnern.

»Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich

steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst

wenn man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen

Bux -- so heißt der Kerl ja wohl -- zum letzten Mal gesehen?«

»Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern,

»und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.«

»In den Wald? Wie, zum Henker, sind Sie denn da hineingekommen -- auf

der Jagd?«

»Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende

Antwort -- »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!«

»Von dem sind Sie unzertrennlich?«

»Bei unserm jetzigen Ritte war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir

es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß sich jener

verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind _Sie_ kein

Jäger?«

»Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu

Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden,

mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos

daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die

Jäger nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für

unanständig -- wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den

verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich

habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger

hetzte ich aber dafür Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List

gegen List, Muskel gegen Muskel, und ein viel gleicherer Kampf als mit

Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegenzusetzen

vermag.«

»Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch

nicht für so ungleichen Kampf halten?«

»Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären.

Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von

Durst und Hitze halb aufgerieben werden und dann nicht einmal einen

Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens einmal seine Fährte zu

finden, wo _er_ seinen Durst löschte, während ich auf irgend einem

unwirthbaren Bergrücken saß und schmachtete, dafür danke ich ebenfalls.

Dazu gehört eben eine Passion die mir fehlt, und ich überlasse es denen,

die wirklich Freude daran finden.«

Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem

Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu

berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und

traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast

direct nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang

und mußten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn

an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und

da führte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern

schien aber völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange

genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege

genau und sorgfältig untersucht hatte.

Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht

hatten. Halbdurchgebrannte Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort,

und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren

mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den

Nachtthau herzustellen.

Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah,

denn hier hatte -- dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten

Colonie wohnten -- seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde

zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen

Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet, und

versucht eine Hütte für ihn zu spannen. -- Und an der nächsten Chagra

eben verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an

steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten

menschlichen Wohnung wollte Niemand Etwas von ihnen gesehen haben. Weit

noch war er damals umhergestreift, rechts und links vom Wege ab, durch

Dornen und Dickicht brechend, immer das Eine, theure Ziel im Auge --

umsonst, wie in den Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden,

und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen

seien und sich verirrt hätten, wo sie dann rettungslos in der

furchtbaren Wildniß verderben mußten.

Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte,

alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen

gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid

mitzutheilen -- was konnte er ihm auch helfen, wo durfte er selbst

hoffen, daß er ihn verstehen würde?

»Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich

sein Pferd neben dem alten Lagerplatze anhielt und darauf niederstarrte,

-- »ob das _unsere_ Familie gewesen ist?«

»Nein -- Andere,« sagte Könnern leise -- »Bux hat mit seiner Familie an

dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra geben lassen.

-- Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne Zeit!«

Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich

wieder eine kleine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche

niedergelassen hatten, und zwar, unbesorgt vor Indianern, welche

der Director zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und

Militärmacht in die Colonie zu legen.

Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont zu, und die Reisenden

beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken fanden sie auch

genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie hatten, und

waren außerdem froh, wieder einmal ein menschliches Wesen in ihrer

Einsamkeit zu sehen.

Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben

könnte, sich in dieser Einöde niederzulassen, wo sie ihre Producte nicht

einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung

hatte früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche

Colonie anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht

werden. -- Ähnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden, und

anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das

Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde

zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem

Centralpunkt zu arbeiten -- aber es ging nicht.

Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den

besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer

Producte zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch

die, nie von einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu

bahnlosen Morästen, und die darauf gesetzten Colonisten verließen meist

alle ihr Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen, wo sie mit der

Welt noch in Verbindung standen.

Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen

Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn Etwas zu

schaffen zu haben. Land konnten sie hier ebenfalls in Besitz nehmen so

viel sie wollten, kein Mensch hatte Etwas dawider; die Jagd bot ihnen

auch hier und da Unterhaltung, und im Stillen hofften sie immer noch,

daß die für jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden

könnte. Dann aber stieg nachher ihr Land natürlich bedeutend im Werth,

und ihre Producte fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen

und günstigen Absatz.

Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz,

an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last

nicht weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte

dafür, wie roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein

überladenes Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er

nach einer andern Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von

der nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das

Schmiedehandwerk verstehe -- was recht gut sein konnte -- und als er

hier erfuhr, daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er

den Entschluß gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen, und

weshalb er hieher in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort

geäußert haben, und die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich

sein Esel wieder so weit erholt hatte, daß er weiter konnte.

Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter

dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich

die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht

und brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste

Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt, und dort konnten sie recht gut

frühstücken.

Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu

ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der

That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner

überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier,

denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder

erholt, war nicht im Stande gewesen, seine frühere Last noch einmal

aufzunehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Bursche indessen

kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, denn die Frau war ebenfalls

krank geworden und so schwach, daß sie sich mit dem Kinde kaum vorwärts

schleppte.

Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert

hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt

nicht mehr entgehen konnte. Überall an weichen Stellen im Wege sahen sie

die kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen

Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich

verschwunden und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von

keinem kleinen Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt

worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede

Fährte hätte abdrücken _müssen_, und die Wanderer, des Gebüsches wegen,

auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur

der Verfolgten irgendwo hinein.

»Nun, durch die Luft sind sie _nicht_,« tröstete sich aber Könnern, »und

jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links irgendwo abgewandt,

um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm so dicht auf den Fersen

wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also ein Stück zurück, Graf

Rottack, und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen Eselshuf zuerst wieder

in Sicht bekommen.«

Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt

zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte

Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz

schmalen Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte

und kaum zu passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der

nägelbeschlagene Schuh hier wieder sichtbar.

»Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat

sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den

Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer

Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!«

»Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange

vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit

einer Verfolgung war doch da, und der konnte er auf solche Weise am

Allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette

eingehen, daß wir ihn am nächsten Wasser finden.«

»Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und Kinder auch. Hören Sie,

Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich doch nicht ordentlich

überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei überlassen sollen,

den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine

Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und Entsetzen

zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen

und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau dazu

kommt -- und krank soll sie ohnedies sein -- und kleine Kinder --

verfluchte Geschichte, und daß mir das gerade erst jetzt einfällt, wo es

natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!«

»Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber

ich habe die feste Überzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen

widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit

zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist.

Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an

Köhler's junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr

nicht einmal verstattet wird, den _erkrankten_ Mann zu pflegen. _Der_

müssen wir ihren Frieden wiederbringen, und ich denke, nachher werden

wir auch wohl im Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu

sorgen. Meinen Sie nicht?«

»Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus -- »der armen Frau

soll es an Nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid zu

tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden.

So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich

wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director

überliefern können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe

hier gar Nichts mehr.«

»Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiederte

Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte.

»Und dort unten liegt auch eine Ansiedlung,« rief Felix plötzlich, denn

Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen -- »das da

unten muß doch eine Chagra sein.«

»Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den

Augen folgend -- »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in

das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab,

als ob er die Stelle hätte umgehen wollen.«

»Er wird nicht gerade aus gekonnt haben,« sagte Rottack, »denn

wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich einem steilen,

dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.«

Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen

Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg

ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr

beschwerlich gewesen wäre, und die beiden Reiter suchten sich eben einen

Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als

Könnern plötzlich leise rief:

»Halt! Ich höre Stimmen!«

Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ sich jetzt,

unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe

Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte

die Stimme einer Frau.

»Das ist er!« flüsterte Rottack -- »gleich dort hinter der Palmengruppe

muß er stecken.«

Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren

Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg

erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert

Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane

vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu

kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte.

Rottack hielt sich dicht an seiner Seite.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band · 第 7 / 12 段