befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr
gesungen wird.«
»Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen.
»Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durch einander,
welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was
will er, Bodenlos? Ist er durstig?«
»Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört
den Herrn Director.«
»Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold
-- »Polizeistunde, na, weiter fehlte Nichts in Brumsilien!«
»Alle sollen nach Hause gehen und Singen aufhören!« schrie der Soldat
über den ganzen Lärm hinaus, und stieß dabei seinen Gewehrkolben heftig
auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es draußen
dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stießen
draußen auf, die Thür wurde aufgerissen, und die Gäste sahen zu ihrem
Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde.
»Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrien aber
ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür
nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die
Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen
faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben
nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es
wäre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn
nicht Bohlos dazwischen gesprungen wäre.
»Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes
willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich
gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie
wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie
_mir_ den Gefallen und gehen Sie heute Abend ruhig nach Haus -- morgen
wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.«
Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste
folgten seinen Bitten und verließen -- aber alle mit bitteren Flüchen
auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten
verstehen sollten -- das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei
Mann hoch und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor
des Directors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine
Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz
richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der
Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch
den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen.
Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel,
gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen
leere Gaststube, und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen.
»Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig -- »Sie haben mir
im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch
Etwas auszuschenken; von mir können Sie also Nichts bekommen. Ich
habe übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth
Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn
Sie also Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.«
Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen,
und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um
hinauszugehen.
»Hier ist's verdammt dunkel!« rief der Eine, und da er draußen ein
Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den
Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem
großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn
ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen,
um sich vor dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn
niedertraf. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei
aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen, und im
nächsten Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren.
Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt, und die Dienstleute
eilten herbei. Bohlos aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch
todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig:
»Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den
Arm zerbrochen« -- und sank dann ohnmächtig zusammen.
6.
Vorbereitungen.
So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche
Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht
viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die
älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das
Directions-Haus stürmten und Herrn von Reitschen selber »zu allen
Teufeln« jagten.
Herr von Reitschen mochte auch etwas Ähnliches fürchten, denn die
Stimmung gegen ihn _konnte_ ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte
zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes
Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten. Die
Übrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das »Auswanderer-Haus«
postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten am Fluß-Ufer
lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eines seiner Hintergebäude
angewiesen worden.
Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenke
wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director
erwiederte dieser:
Bohlos sei ein widerspänstiger Gesell und in seinem Hause gestern
sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was
übrigens noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend,
der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem
Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der
Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und
die Sache werde dann weiter untersucht werden.[3]
Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunklen Hausflur, zwischen
den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die
sich selbst am Tag auffallend glichen, wäre es ganz unmöglich für
Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu können -- und
vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah weiter Nichts
in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon in Kenntniß
gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden« fünfzig
Milreis Strafe zu zahlen habe, und ihm, bei einem Wiederholungsfalle,
die Schankgerechtigkeit entzogen werde.
Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des
Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung
zeigte, wurde er zum _ersten_ Mal zu seinem Verhör geführt und -- als er
nicht bekennen wollte -- wieder in seine Zelle zurückgebracht.
Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie
geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte,
saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt den Director selber
aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken
können, kein günstiger, denn daß ihm der Director nicht freundlich
gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken.
Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er
jene Mißhandlung erlitten, und mit aller Höflichkeit und einigen
nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, daß er das
Directionsgebäude empört verließ.
Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Äußersten
zu treiben, und beschloß nun Günther aufzusuchen und dessen Rath
einzuholen. Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen,
Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise
treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem
aufgeschlagenen Lager fand.
Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara,
und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopfe und lächelte nur still vor
sich hin.
»Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich,
»und der Herr Baron scheint seiner Protectorin alle Ehre zu machen;
aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth,
Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch Nichts anhaben,
denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Äußersten
kommen, und wenn es jetzt für unseren jungen Freund auch schlimm genug
ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er
sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung erhält. Also
Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was
gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das später einmal
der Frau Präsidentin hätte recht ausführlich erzählen können! Aber die
alte Geschichte -- wenn's Brei regnet, fehlt mir jedes Mal der Löffel --
so 'was Gutes kommt an mich nicht!«
»Und können Sie mit hinunter?«
»Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern -- »das heißt heute nicht
mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine
Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Übrige an jeder andern
Stelle fertig machen kann -- mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch
wacker dabei unterstützt.«
»Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?«
»Vortrefflich!« lachte der junge Mann -- »und außerdem hatte ich nie im
Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu Etwas nützlich
sein könnte, während ich sogar jetzt das volle Vertrauen des von der
Regierung angestellten Beamten besitze.«
»Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« sagte
Günther, »daß Du wacker dabei aushältst, und gar noch ebenfalls
brasilianischer Beamter wirst.«
»Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend;
»jedenfalls hat es mir hier geholfen eine Quantität Zeit todtzuschlagen,
und das ist schon immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar
nicht hoch genug anzuschlagen weiß.«
»Du bist unverbesserlich!« lachte Günther -- »und nun wieder an die
Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide
noch genug zu thun.«
Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber
doch zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu
können, den sie auf den andern Morgen mit Tagesanbruch festsetzten.
»Und haben Sie Nichts wieder von jenem alten Mann und seiner Tochter
gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen
Waldweg nach Santa Clara hinüber ritt -- Felix war gerade ein Stück
zurückgeblieben.
»Nichts -- gar Nichts,« sagte Könnern leise -- »ich habe sie sogar
gesucht -- ich bin fünf Tage nach ihnen in der ganzen Nachbarschaft
umher geritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese
urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von
den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, daß
ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück zugestoßen sein
könne. Meine arme, arme Elise!«
»Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd
-- »wie wäre das _hier_ in der Colonie _möglich_?«
»Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach
rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute
Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden
vermöchte, können sie verdorben sein.«
»Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar
keinen Verdacht?«
»Keinen -- der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß
das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien
ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde
gemacht, daß man glauben könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt.
Es bleibt räthselhaft.«
»Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?«
»Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er
im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat,
und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.«
»Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können.
Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Director gesetzt ist,
hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen;
jetzt ist Nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der
letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten
Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.«
»Sie wollen wirklich fort -- und dann nach Deutschland?«
»Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und
spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn
schon der Gedanke seinem Ziele rascher entgegenführe.
»Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hieher zurück?«
»Hieher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen
satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie
einem wirklichen Menschen zu Muth ist. Sechs Jahre, Könnern -- sechs
Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb
und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer
wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der
mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen;
jetzt habe ich weiter Nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen
vorzulegen und mein Geld einzucassiren -- wobei ich aber dafür sorgen
werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten
Dampfer heim -- heim -- es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer
reichen, deutschen Sprache -- _heim_!«
Könnern war schweigend neben ihm hingeritten, denn die heiße Sehnsucht,
welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in _seinem_ Herzen
keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all'
_sein_ Hoffen, all' _sein_ Lieben deckten die düsteren Schatten des
brasilianischen Urwaldes -- vielleicht schon mit Todesnacht -- arme
Elise!
Noch an demselben Nachmittag erreichten sie die Colonie, in der sich in
den Tagen Nichts verändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbitterung
gegen den Director fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von
Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin;
die gewöhnlichen Colonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten
und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut
warten mußten, bis der Herr Director einmal einen Augenblick zu ihnen
heraustrat.
Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er Alles das erfuhr, gar
nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm
anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der
ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron
ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu
finden.
Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört,
_nicht_, arbeitete aber dafür sehr fleißig an verschiedenen Depeschen,
die allen möglichen ungünstigen Berichten in Rio entgegenwirken
sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen
Fürsprecher finden würde.
Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen Versuch gemacht, bei
dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in seiner Stube
mit einiger Correspondenz beschäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen
sollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im nächsten
Augenblicke steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, aber mit
einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür.
»Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen, komischen Burschen
gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno
gehangen -- »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?«
»Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß
Könnern allein im Zimmer sei -- »Sie haben mich wohl erwartet, und _ich_
laufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Neste die Beine ab und
suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.«
»Mich -- und weshalb? -- Ich war im Walde draußen.«
»Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber -- wollen Sie mir einen
Gefallen thun?«
»Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.«
»Wie lange?«
»Ist es so wichtig?«
»Ja.«
»Nun denn, heraus damit!«
»Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.«
»Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnisvoll?«
»Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu
umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen
möchte, denn man weiß nicht wer dahinter steckt.«
»Und wie lange wird es mich aufhalten?«
»Eine gute Stunde -- vielleicht zwei -- vielleicht eine Woche.«
»Alle Teufel,« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein;
doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe
ich eine Stunde Zeit für Dich -- vorausgesetzt aber, daß es wirklich
wichtig ist.«
Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl,
seinen Hut zwischen den Knieen, und wartete dort geduldig, bis Könnern
seine Correspondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien
weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun
sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem jungen Mann die Thür und
folgte ihm die Treppe hinunter.
»Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah zu
seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und
angebunden hatte -- »ist es so weit?«
»Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich eben so gut bequem
machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab und ich erzähle Ihnen dann
die ganze Geschichte.«
Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem
Pferde, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der
Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und
Steigbügel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel
und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein
großes Vertrauen hegte, seine ganzen Geldverhältnisse zu erzählen und
ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann
kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld
dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der
Dieb seines eigenen Geldes, den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig,
vor die Füße geworfen habe, und dann in wilder Flucht in den Wald
gesprungen sei. -- Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht und
Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der
Verbrecher gestürzt und in den Busch hineingebrochen war.
»Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz
interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber -- nimm mir's nicht
übel -- was geht _mich_ das eigentlich an?«
»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiederte der kleine Bursche, nicht
im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als
des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? -- ich weiß aber jetzt wer der
wirkliche Mörder ist.«
»Du -- Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt.
»Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopfe -- »Bux.«
»Bux? -- Wer ist Bux?«
»Sie kennen Buxen nicht? -- den Bauchredner, den Lump?«
»Und wo ist er jetzt?«
»Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung.
»Und woher glaubst Du das?«
Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes
Klappmesser und zeigte es Könnern.
»Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im
Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang,
als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen
vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt'
es und wollt' es mir abnehmen. -- So, und jetzt steigen wir zu meinem
Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich
Ihnen die ganze Bescheerung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen
ist.«
»Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?«
»Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich
richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der
Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß _wie_,
nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade Etwas
ausgeheckt, als ich vorbei kam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und
haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den
Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein behalten zu können.
Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er
die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im ersten
Schrecken, als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes
wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche
fuhr.«
»Bux? -- Bux? -- Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.«
»Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias -- »der Liedrian, der immer einen
Tressenstreifen um die Mütze trug.«
»Der?« rief Könnern, rasch auffahrend -- »den hab' ich neulich auf
meinem Ritt in die Colonien getroffen. -- Es war ihm Etwas geschehen,
ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war ihm gestürzt,
und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.«
»Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt.
»Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an
Gewißheit gränzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern
vorwurfsvoll -- »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!«
»So?« sagte Jeremias, »und wenn ich Etwas gegen den Buttlich oder einen
von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl nicht
unter Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein Bißchen länger
unter dem Daumen zu halten? Und dann, sollt ich's _denen_ wohl auch auf
die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen?
-- Über jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und
meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher
gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und
selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht -- der Köhler heute krank geworden
wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loche aber nicht mehr
lange aus, und wenn dem 'was passirte -- _das_ möcht' ich nicht auf dem
Gewissen haben -- da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen
sie den Bux, so kommt's nachher mit _meinem_ Gelde auch heraus, das
ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus
todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht
von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat, und
daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.«
»Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief
Könnern rasch.
»Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und
augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie
sich erst von Allem überzeugen, und nachher noch lange keine Anzeige
machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr wo er steckt,
so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn
Director dann die Beweise unter die Nase reiben, _muß_ er den Gefangenen
herausgeben, oder -- wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und
räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt
Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!«
Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen
fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann
mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau
bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux'
Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze
Zeit in der Colonie benommen habe, und kehrte dann Nachmittags mit dem
jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden
Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen.