In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Geleise seinen stillen und
ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf
gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder
des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter, gefangen
eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche
Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die
Soldaten oben bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und
Fenster zerschlagen und sie selber auf die boshafteste und rohste Art
gekränkt und beleidigt hätten.
Köhler selber, als er durch die Colonie geführt wurde, sah wohl
todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber sonst nicht durch
ein Wort, nicht durch eine Miene merken was in ihm vorging; mußte er
sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die Hände hatten ihm
die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als er sich unterwegs
nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden wollte, war
er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem zu
unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch
gleich abgeurtheilt sei.
»Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er
seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. -- Wenn er selber einen dafür
von ihr bekomme, wolle _er_ ihm das erlauben.«
Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß
sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse
und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt
geschehen. -- Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, daß
kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem
Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt
übergeben sei.[2] Er hatte hier also keine Behörde über sich als den
Director selber, von dem er, wie er recht gut wußte, nach den letzten
Vorgängen keine besondere Freundlichkeit erwarten durfte.
Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß -- ein
kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch mit schweren Gittern vor
dem niedern Fenster -- abgeführt und dort trotz seiner Berufung, daß er
verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen und
allein gelassen.
Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum
von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht der auf ihm ruhte, als
er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war
strenger Befehl des Directors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis
die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte von _ihm_ bei
dem Director Nichts fruchten würde, wußte er vorher. Köhler's Frau war
indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen Hülfe in Anspruch zu
nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara
wohnenden Bruder zu schicken, daß der so lange oben auf der Chagra bei
ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen haben konnte; denn
sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der Nachbarschaft
herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte
doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich lassen.
Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu
ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der
Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl
fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferde gestürzt, als
er den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht
beschädigen können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab.
Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und
der Wirth Buttlich. Die Frau erzählte, daß der »arme, unglückliche Mann«
an dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann
mit ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst
am nächsten Abend mit der Dämmerung wiedergekommen und der Justus gar
nicht, weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen
hätte.
Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause
fortgegangen sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau
erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war
eine silbervergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den innern
Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, #J.
K.#, eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem
Pfeile durchstochenes Herz -- wovon aber die Frau nicht wußte, auf was
es sich beziehen sollte.
Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte
allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld
wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür
versetzen müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht
vielleicht noch mehr.
Der Wirth, Buttlich, sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen
wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig
gezankt hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen
hätte: sie möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein
wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schämen -- er erinnere sich
aber nicht mehr genau der Worte, die er gebraucht hätte, oder was die
Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er außerdem, daß der
Köhler den Schneider nie hätte leiden können -- wenigstens so lange _er_
jetzt in der Colonie sei -- und ihm stets alles nur erdenkliche
Böse nachgesagt habe. Er selber könne ein solches Urtheil aber nicht
bestätigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als
ein nüchterner, anständiger Mensch gezeigt, der nur manchmal gegen
die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte.
Deshalb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen
Köhler ebenfalls gehöre, Nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders
sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort
den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu
feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war nicht
dort eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen.
Es wäre auch möglich, daß sich die beiden Männer gerade über diesen
nämlichen Gegenstand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte
über diese sogenannten »Director-Feste« immer ihren Spott gehabt und die
andere verhöhnt.
So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere Zeugen brachte, die
Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas vor Sonnenuntergang und
ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht bestätigen konnten, daß
sie irgend Etwas von einem unfreundlichen Benehmen zwischen den Beiden
bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch vorbeigeritten, um
darauf zu achten.
Das waren die letzten Menschen, die den Justus Kernbeutel lebend gesehen
hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der
Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden,
ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen,
darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die
weitere Untersuchung aufgehellt werden.
Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten
vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und
Noth erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein
Bett und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem
standen außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen
etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte
aber an einen solchen, denn Köhler hatte ein viel zu reines Gewissen, um
sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchstens
bis zum nächsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind
jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich um das Andere wenig genug.
Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, einen
aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen
Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen
Verdacht hin wie einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt
zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und
mehrere andere ansässige Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch
an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten sich, für Köhler
irgend eine verlangte Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung
ausweichen würde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht
an.
Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht
vorlag, mußte sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis
die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von Außen auf irgend eine
Weise beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne
ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft
entlassen werden.
Es war indessen Abend geworden, und die Leute, die heute alle keine Ruhe
zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere
zu besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas
Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten
sie außerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen
»Herrn« waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die
Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt.
»Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister
Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken
sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist,
und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so Etwas schon da
gewesen?«
»Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den
Köhler können sie nicht lange im Loch behalten, aber der Herr Director
fängt seine Wirthschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt
Ihr, daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar
Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt,
für die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt?
Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf
solche Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den
Hals zu jagen.«
»Lieber Meister, zu _Buttlich's_ Nutzen geschieht das auch nicht,«
lachte Rohrland, der mit am Tische saß; »ich weiß aus ganz sicherer
Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein stiller Compagnon des
Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director offen keinen Laden
halten darf. Auf solche Weise sichert er sich dann, eben durch die
Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens fünfhundert
Milreis monatlich.«
»Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold.
»Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle Nichts,
was ich nicht beweisen kann.«
»Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker.
»Wo?« sagte Rohrland ruhig -- »bei der Regierung in Rio ist Keiner von
uns bekannt, und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina? Das wäre
schade um das Papier, das man damit verschriebe!«
»Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler
Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen
kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch,
daß sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und
tüchtige Handwerker in's Land zu bekommen, und der -- Herr da treibt
mich wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein
krummes Horn stoße.«
»Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker -- »_ich_
geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf Jahre, wie's die Regierung
thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunter bringen.«
»Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu
Schaden kommen!«
»Das weiß ich und bin nicht bange drum.«
»Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort --
»der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind, und wenigstens seit
den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut gehört
und gesehen. Wenn sie aber an den Gränzen herumschlichen, wohin gehörten
die Soldaten denn da anders, als eben an die Gränze, um uns wirklich
zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen Colonie
zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich da
wären, alle die Gränz-Colonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden
könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger
denn zu Hülfe kommen könnte.«
»Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold -- »da unten
am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig Nichts, als daß sie wie die Raben
stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten
lang unbewacht in einem Canoe liegen lassen, oder fort ist's, und da
klage nachher einmal Jemand -- was wär's dann? _Die_ Halunken verrathen
einander schon lange nicht.«
»Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die
Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen
Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah
vollkommen aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach
auf den Füßen, und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück
Schwarzbrod.
Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen.
»Wohl bekomm's!« sagte er -- »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid wohl
krank gewesen.«
»Danke schön,« antwortete der Mann -- »nein, krank gerade nicht, aber
das Klima hat mich ein Bißchen heruntergebracht. Wir kommen aus dem
Norden.«
»Aus dem Norden? Von Rio?«
»Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.«
»Alle Teufel -- und habt Ihr lange da oben gesteckt?«
»Zehn Jahre,« sagte der Mann, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust.
»Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold vom
andern Tische herüber -- »kommt, setzt Euch mit zu _uns_ herüber; was
hockt Ihr da allein an einem Tisch?«
»Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig, und nahm sein Bier und
Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die
jetzt aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und
zwei Kinder -- drei sind mir gestorben -- und mein Schwager mit _seiner_
Familie.«
»Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?«
»_Recht_ schlecht,« erwiederte der Mann, noch einmal tief aufseufzend
-- »und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich selber noch
nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngesunde Menschen, wenn ich
auch jetzt ein Bißchen abgemagert aussehe.«
Abgemagert aussehe -- Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelett
als einem lebendigen Menschen, und schien sich doch geduldig in sein
Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere Zeit
Geist und Körper bei ihm gebrochen.
»Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland.
»Ih nu, schlecht behandelt nun gerade nicht,« sagte der Deutsche, »aber
arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles
Accord-Arbeit, nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen, und unser
Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer
mehr in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch, und
weiter wie das Bißchen schlechtes Essen und die nothwendigsten Kleider
bekamen wir so Nichts. Wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns der
Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben
haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was
wir uns selber hätten bebauen können -- dann wär's gut gewesen.«
»Aber das _mußten_ sie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht
war!« rief der Tischler.
»Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber
nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten, und wie's
uns auch der Agent erklärte -- daß das _eigenes_ Land sein sollte. Aber
hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir richtig angewiesen --
Waldland mit großen dicken Bäumen darauf, und das mußten wir uns urbar
machen und wir thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf
bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten, und dann
bauten wir zwei Jahre drauf was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre
um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte Kaffeebäume drauf und
wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken Bäumen, und wenn
wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein Bißchen Reis und dergleichen
ziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an
die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an
ein kaltes Klima gewöhnt war, bei _der_ Hitze da oben wahrhaftig keine
Kleinigkeit!«
»Das war ja aber schändlich -- und litt denn das die Regierung?«
»Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer
deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, war's, oben, und der wohnte
bei unserm Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein
Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten
ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu
schlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts
Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und
meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das
abgearbeitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären
wir ja wieder frei und könnten thun und lassen, was wir wollten.«
»Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland.
»Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig -- »wie sich's nachher
herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden.
Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin
und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam
nachher zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten,
denn unser Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben,
was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre
sehr leicht möglich, daß wir unsere Schuld schon zehn Mal bei ihm
abgearbeitet hätten. Aber es ließe sich Nichts weiter dagegen machen,
denn er sei ein sehr vornehmer Herr, und hätte eine Menge Verwandte in
Rio -- und der Brasilianer wollte uns auch _noch_ nicht fort lassen,
aber da wurden wir böse, und wie er sah daß er Nichts mehr ausrichten
konnte, da ließ er uns eben ziehen.«
»Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar Nichts verdienen
können?« fragte Spenker kopfschüttelnd -- »zehn Jahre waret Ihr dort
oben, nicht wahr?«
»Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann -- »aber verdienen?
Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht
Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so
rasch.«
»Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert von der einfachen, rührenden
Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der
Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahre hier, der
Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und mit Nichts
herübergekommen, mit Nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade
voll Wäsche und einige achtzig Milreis Schulden obendrein, und kommt zu
denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth,
Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der
Zeit doch auch wahrlich Nichts.«
»Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann -- »aber die Gegend soll ja
auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch
freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hieher geschafft hat, gab uns die
Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director
Unterstützung bekommen würden. -- Aber 's ist wieder Nichts, und was wir
jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott -- ich nicht!«
»Wart ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch.
»Ja -- unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar
Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten -- lieber Gott,
schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns
rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch
keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch
Nichts zu thun haben, und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner
Colonie kämen, desto besser.«
»Aus _seiner_ Colonie?« rief Berthold in voller Entrüstung -- »na, Gott
straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! Aus _seiner_ Colonie!
Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und
übermorgen auch nicht, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die
Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben
können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei
gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. He, Landsleute!« wandte er
sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, von denen sich
nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den
verschiedenen Tischen vertheilt hatte -- »hier sind zwei arme deutsche
Familien eben aus so einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes
herunter gekommen -- krank dabei und elend, denen der Director Subsidien
verweigert, und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil sie
kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel
zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu
machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht
unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis -- wer hat noch
ein Bißchen klein Geld bei sich?«
»Hier ist auch einer -- hier auch einer!« rief es von allen Seiten --
»hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,« erwiederte
Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze des
Schneiders mit Silbermünzen fast halb angefüllt.
»Da, nun gebt einmal _Eure_ Mütze her,« lachte Berthold den armen Teufel
an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum trauend daneben stand,
indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte -- »so, nun lauft heim
und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager -- denn für den ist's auch
mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien für Euch
herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's
nur auf der rechten Seite anfaßt.«
»Ja, aber du lieber Gott ...« stotterte der Mann.
»Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, der ihm die Verlegenheit
ersparen wollte, und schob ihn lachend zur Thür hinaus -- »wenn Ihr
wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erst Eure
Capitalien ab.«
»O, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der
Überglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm zugemacht.
Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich
gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute
auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen
gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald
ausgesprochen hatte -- denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger
als bis morgen früh zu sitzen haben würde -- fing an zu singen. An dem
einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und »Ännchen von Tharau«,
»Wir sitzen so fröhlich beisammen« und eine Menge andere deutsche Lieder
wurden vorgenommen.
Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte
jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte
Nichts mit ihm zu thun haben.
Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging,
einer der braunen brasilianischen Soldaten den Kopf hereinsteckte und in
portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine
Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb
stehen, sah den Burschen an und fragte:
»Na? Was ist nu wieder los?«
»Es ist neun Uhr,« erwiederte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer
trat.
»So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Orte geworden?«