»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster,

um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu

lassen.

»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der

Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz

das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen

gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu

begrüßen, rückte ihr sogar einen Stuhl und sagte:

»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen,

mein Kind?«

»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die

Mutter anzusehen -- »doch -- das hat mit dem Nichts zu thun, über das

ich mit Ihnen sprechen möchte.«

»Mit _Ihnen_?« rief die Gräfin erschreckt -- »Helene!«

»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt -- »wir haben

Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in aller

Ruhe geschieht.«

»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur -- wie bist Du?« rief

die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.

»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten

Mal voll und ernst in's Auge -- »und das fragen Sie noch? Aber, bitte,

setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen

Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«

»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit

gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.

»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus

einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und

über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester,

ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:

»Liebe Constance!

Anbei sende ich Ihnen -- dieses Mal _direct_ -- den zweiten

Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen,

ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Adresse an die

_Gräfin_ Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung

nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die

brasilianischen Verhältnisse nicht, und es _mag_ vielleicht dort

nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen.

Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören,

und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie

sorgen.«

»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und

immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven

Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau

empor.

Helene las ruhig weiter:

»Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....«

»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«

»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das

_nicht_ gethan habe?«

»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang,

aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr

Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.

»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen

Stimme wie vorher -- »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches

Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde

unter fremde Menschen?«

»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre

Augen trocknend -- »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das

Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den

Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich

darf und kann den Eid nicht brechen -- fordere es nicht!«

Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein

schwerer Seufzer hob ihre Brust.

»Ich bin mündig,« sagte sie endlich -- »ich bin einundzwanzig Jahr.

_Darf_ mir der Name meiner Mutter -- meiner Eltern länger vorenthalten

werden?«

»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau --

»gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter bitten

mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn

sie _nicht_ darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du

selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele

lade.«

Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die

Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich

sagte sie leise:

»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?«

»Ich _kann_, ich _darf_ nicht, Kind -- wenigstens jetzt noch nicht. Laß

Dir Zeit -- in wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen,

und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides

entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber -- was nutzt es Dir, Helene?«

fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn -- Du würdest ihr

doch nicht nahen dürfen.«

»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem

Herzen der Mutter fern halten?«

»Frage mich nicht weiter -- dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe

wegen.«

»Also _das dürfen_ Sie mir doch sagen,« rief Helene rasch, »und aus

Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurückzuhalten brauchen.

Ich verlange von Ihnen zu wissen, _weshalb_ mir die Mutter vorenthalten

werden soll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen

kann, wenn ich es _nicht_ erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was

ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung

keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich

denke, Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.«

Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit

zürnendem, drohendem Blick gegenüber.

»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus

ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie

verfügte -- »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes

Leben machen wird.«

»_Noch_ unglücklicher als ich jetzt schon bin?« lachte Helene bitter --

»Sie scherzen, Frau _Gräfin_.«

»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief

die Frau, jetzt selber gereizt -- »wem zu Liebe stürzte ich mich in

Ausgaben, die über meine Mittel gingen -- wem zu Liebe hab' ich selbst

die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem

Sohn hätte leben können?«

»_Mir_ zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt und bitter, »nur Alles

_mir_ zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden!

Täuschen Sie sich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur

noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir

Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange

ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter

lastet, daß ich ihr nie im Leben angehören soll?«

»Gut -- Du _sollst_ es wissen, Undankbare!« sagte die Frau jetzt nach

kurzem Zögern mit entschlossenem Blick -- »Du sollst es wissen, um zu

fühlen, _wie_ allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich Ein Wort

kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du jetzt pochst, von Dir

zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernünftig werden und

einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es

_noch_ will, und wie kein Mensch hier _so_ für Dich sorgen kann und

wird, als gerade _ich_. Vielleicht ist es auch gut so, daß der Brief in

Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch erfahren

müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen

und Dich wieder in die Arme _der_ Frau führen, die bis jetzt allein eine

wirkliche und wahre Mutter für Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird

es mir später danken -- wenn _er_ auch Nichts davon zu wissen braucht.«

»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im

Ton -- »doch davon später -- nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen

gefällig ist.«

Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha

auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück

auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte

in's Ohr.

Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine

Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände,

deckte ihr Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den

Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich,

aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob

sie das Zimmer verlassen wollte.

»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und

sie zurückhaltend -- »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren,

daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in

meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über

das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon

sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.«

»Und glauben Sie, daß ich _darüber_ auch nur noch einen Augenblick in

Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, den sie auf die Frau

heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.

»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber

und hinüber werfend -- »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich

denken und handeln, Du richtetest Dich von vorn herein zu Grunde. Der

arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.«

»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,«

erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu

heirathen, den ich nicht liebe -- ja, nicht einmal _achten_ konnte,

nur der _Mutter_ wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen,

die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß der Himmel

wenigstens _das_ Opfer nicht von mir angenommen hat -- ich wäre

unglücklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.«

»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch

nicht ...«

»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.«

»Das darfst Du nicht ...«

»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.«

»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?«

»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen

Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen,

und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher

Weise mein Brod verdienen kann.«

»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben -- Herr von Pulteleben

wird den Augenblick zurücktreten, wenn _Du_ ihn so auf das Tödtlichste

beleidigst.«

»Und was kümmert das _mich_?«

Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit

Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die

langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes

Wohlleben für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen,

glitt ihr unter den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die

furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß sie auf sich selber angewiesen

werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie

jetzt bewegten, wandte sich verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür

zu, die sie aufschloß. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne

sich aber umzusehen:

»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort

beschließen werde, weiß ich noch nicht -- aber ich weiß, daß ich ein

Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend

finde. Ich werde Sie später das Nöthige wissen lassen« -- und ehe

Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war sie durch die Thür

verschwunden.

Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen

Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an

seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier

mit seinen poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des

Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen

als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehöre, und

einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei.

Von dem nämlichen Engel -- er war gerade aufgestanden, hatte seinen

Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben

hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen -- erhielt er da einen

Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem

selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders

schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete:

»Herrn Arno von Pulteleben.

»Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Täuschung geworden. Der

einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu spät ist, den Schritt

zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten sollte. Ich

weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber -- wir passen

nicht für einander -- ich habe Sie nie geliebt, und wir wären auch nie

glücklich zusammen geworden.

»Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und

unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen Versuch zu machen ihn zu

ändern -- es wäre doch vergeblich.

»Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Gesinnung danke,

die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewußtsein, selbst _mit_ diesem

Schritt Nichts gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken

lassen, zeichnet sich

_Helene_.«

Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte

ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer

vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich

bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr

als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.

»Opfer einer Täuschung? -- einziger Trost? -- guter Mensch? --

unumstößlicher Entschluß? -- Achtung sinken lassen? -- Bin _ich_ denn

verrückt, oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? --

Freundliche Gesinnung? -- Bewußtsein? -- Wenn ich auch nur Ein Wort von

dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein

abschneiden lassen! -- Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen,

irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte beleidigen

können? -- Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die

schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? -- Hat denn nicht die

Schwiegermutter selber -- holla, da sitzt der Haken -- in _dem_ Kuchen

hat die Schwiegermutter wieder einen Finger -- meinen Kopf wollte ich

drauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau, und es

wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu

stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie _nun_ haben will, denn

bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es

wird schon herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie

gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.«

Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen

beruhigt, denn er war jetzt so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf

Nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwiegermutter hinauslief,

daß er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene _konnte_ ja doch

_die_ Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. Übrigens bildeten sich

bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widersetzlichkeit

gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter -- »wenn er nur erst

einmal verheirathet war« -- denen er aber vorerst noch keine bestimmte

Form gab.

Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber

es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach

seiner Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf

eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres

hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher --

daran zweifelte er keinen Augenblick -- war dann Alles rasch in's Reine

gebracht.

Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache

gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen

der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er

deren Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von

innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt

unmöglich sehen.

Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum

Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte

mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine

Mahlzeit allein verzehren.

In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig

lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder

standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen.

Es mußte augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein,

das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das,

und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal

getreten, und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen -- die

ganze Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor -- fiel ihm eben

dieses rege Leben auf.

»Na, was ist denn -- was habt Ihr denn heute?« fragte er einen

vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein schien.

»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab.

»Gefunden -- wen?«

»Nu, den Justus!« sagte der Mann.

»Den Justus? -- Wer ist denn der Justus?«

»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er

durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen

Teufel, und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so

schrecklich zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren

läßt -- bei die Hitze auch!«

Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den

schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang

in dem Gedanken daran nicht schlafen zu können.

Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem

Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um

sich das Nähere selbst anzusehen.

Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien,

ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann

beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu

laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste

lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen

konnte, wenn es schrie.

Bux hatte den größten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils

verkauft -- um nicht zu verhungern, wie er sagte -- und wollte nun Santa

Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein »Glück« zu versuchen.

Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt, und heute Morgen

brach er mit seiner Familie auf.

Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf

dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil

herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als

er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch

verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um

den Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen

Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog.

»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von

Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus -- »das

nehme mir denn doch kein Mensch übel!«

»Geht's _Euch_ was an?« knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen

mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil selber herumwarf und

festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier kaum noch athmen

konnte -- »einen Quark habt _Ihr_ drein zu reden, und ich kann mit

meinem Jungen machen was ich will!«

»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging

vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen

auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls

den Kürzeren ziehen müssen.

Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus

gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und

erzählte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen

aus dem Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu

weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden.

Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er

bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein

Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr

ändern -- der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte

unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in

die heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr

unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit

heruntergewaschen und durch einander geworfen hatte. Oben zog sich

ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Wasserfall

bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt,

in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entstellte

Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nähern

durfte.

Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick

darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff

jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von

den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes.

Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen

worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa

vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt

gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht hingeworfen

haben, denn der ganze Schädel war ihm zerschmettert, und er todt da

niedergesunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen

haben.

Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei,

zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade

dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle

stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren

zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche

Beschädigung glaubbar zu machen -- selbst ohne den entfernt davon

gefundenen blutigen Stein.

Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen

ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche

ausging. Er lag -- als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender

Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte -- auf dem Gesicht, beide

Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn

die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite

gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben.

Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und

betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu

verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine

Frage und ging, nachdem er sich Alles genau angesehen, wieder ruhig in

die Stadt zurück.

Als er die Straße hinunter kam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem

Esel schon Santa Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der

früheren Meierei -- den Namen hatte die Chagra noch immer behalten --

vorüber führte.

Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und

betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der

gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin

anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich

die Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings

Herrn von Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und

ihr erstes Gefühl das zu sein, wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das

aber war jetzt nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch

schon und sagte mit sehr bestürztem Gesicht:

»Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur

eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief

geschrieben, daß ich ...«

»Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig -- »das Mädchen ist voller

Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, ich

werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.«

»Sie glauben wirklich?«

»Lassen Sie mich nur machen« -- und die Thür schloß sich wieder hinter

der Schwiegermutter.

5.

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band · 第 4 / 12 段