schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen -- wir
haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher
frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man
sich erst ein Bißchen Bewegung gemacht hat.«
»Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann
allein bleiben -- ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da
wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem
erst der Schreihals gefüllt ist. -- So macht nur daß Ihr wiederkommt.
Grüß' Gott, Fremder!«
Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah,
wie dieser dort sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund
jagte, und folgte ihm dann in das Feld.
»Ihr seid so still heute,« sagte der Mann -- »fehlt Euch wirklich
Etwas?«
»Nein,« erwiederte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln -- »das Einzige
ausgenommen, was _Ihr_ habt und mir kein Arzt der Welt geben kann --
eine glückliche Häuslichkeit.«
»Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich _auch_ keinen Arzt
gebraucht; die macht man sich eben selber.«
»Wie man's trifft,« seufzte Könnern -- »Ihr aber habt das große Loos
gezogen mit der Frau.«
»Sollt's denken,« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s
ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune -- ich
kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. -- Und
der Junge -- ist das nicht ein Prachtkerl -- habt Ihr schon einmal
einen solchen Jungen gesehen? -- Aber der Alten darf ich's nicht merken
lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich bis auf's
Blut -- und das kann sie -- das versteht sie aus dem Grunde.«
Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück,
bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend
an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus
in den dunkeln Wald zog -- freudlos und allein -- sah sie mit wunden
Füßen und krank in einer Hütte liegen -- sah den Vater über sie gebeugt,
der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur vermehrte,
und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten Hand
gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander
sprengte.
Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere
Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm
trefflich auf dem guten Land belohnte.
»Da, sehen Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von
wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren --
»da habe ich einen Versuch gemacht, und Sorgho[1] zu Viehfutter gesteckt
-- und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's aus! Das ist ein famoses
Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen sollte -- und wie leicht
ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei
Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und den Boden locker,
und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten Mal. Aber er
giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!« treibt er
noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf Wochen
schon wieder geschnitten werden können, und dann kommt er in einem
ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert,
daß er seinen Sorgho schon in Einem Jahr _fünf_mal geschnitten hätte.«
»Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der
Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte.
»Nicht besonders -- leichter Boden thut's, und selbst Hitze und
Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle
herbekommt. -- Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn
gestanden hat -- was für Stengel -- ja, das muß wahr sein, der Boden
hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweise da oben
viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das
Unkraut herauszuhalten ist schwere Müh', und ordentlich als ob's hinter
einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.«
»Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von
Futterkräutern eignete.«
»Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches, und lobt
Nichts als seinen eigenen Wein -- gerade aus Widerspruch, weil's eben
kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth
Alles -- wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. -- Nur mit dem
Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang, ja, da
ging's gut, und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber nachher
gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr
vorwärts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen
wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse
und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen
aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als
wir hier.«
»Und wie steht's mit dem Tabak?«
»Gut -- von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz
hübschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber
-- ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder an
was es sonst vielleicht liegt -- der ganze Tabak taugt eigentlich nicht
viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen
Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser
als die von Bahia.«
»Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern,
der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten
Umzäunungen gleiten ließ -- »man sieht doch gleich, wo eine deutsche
Hand gearbeitet hat.«
»Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im
Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie
wir's daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn
wir selber selbstständig werden.«
»Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?«
»Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die
Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom
Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau
und zwei Kindern -- meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die
Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen,
und auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste Zeit über Wasser
halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der Regierung, und
nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht, daß es eine
Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die
daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer genug gehabt,
wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine nothdürftige
Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre Felder,
sahen ihre Heerden sich vermehren -- und ihre Kinder auch, und fanden
plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten
Chagra hätten. Mein Alter -- und viele andere Alte machten es eben so
-- schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich einen
neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere
Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften
fing, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so
gut verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch
einmal von vorn anzufangen, und wie _ich_ flügge wurde, ließ er mich
hinaus, um mein eigen Nest zu bauen.
»So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in
der Gegend und in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt,
werdet Ihr überall Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und
deren Eltern doch daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche
ein halbes Pfund Fleisch gönnen konnten.«
Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte
besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener
vor fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und Nichts
mitgebracht habe als sein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie
gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und
zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste
Jahr schon wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für
seine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte -- und dann,
nachdem er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar
machten, führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch
den Gemüsegarten und die Ställe zu zeigen -- Ställe nämlich nur für die
Mastschweine, die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief
lustig draußen im Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher.
Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume,
an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz
erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons
Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem
Hause, und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf
hinaus.
Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens
erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf
aus dem Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen
Blumenkohl, den er hier gezogen -- er schwieg plötzlich und horchte nach
dem Hause hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie.
»Was das für ein klinger Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau
hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht _so_ viel
daraus. -- Ja, was ich gleich sagen wollte, der Blumenkohl hier ist
meiner Frau größter Stolz, denn den hat« -- wieder hielt er inne, denn
nochmals kam aus dem Hause ein merkwürdiger Laut, der weit mehr einem
ärgerlichen Schrei als einem Zanken glich.
»Jetzt wollt' ich doch drauf schwören, daß ich meinen Namen gehört
hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch dem Hause zu, wohin
ihm Könnern folgte.
»Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit
zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches
_mußte_ dort geschehen sein.
Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und
blieb erstaunt mit einem lauten _Halloh_? auf der Schwelle stehen, denn
in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter ältlicher Herr, hatte
_seine_ Frau umfaßt, die sich aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und
suchte sie mit dem einen Arme an sich zu ziehen, während er mit dem
andern ein paar gut gemeinte Stöße parirte, welche sie nach seinem
Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes ließ er freilich die Frau
augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt, mit funkelnden Augen und
zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief:
»Gut, daß Du da bist -- schmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!«
»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr
verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut aus
dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen
zu haben.
Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als
erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war
aber wirklich im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht
wußte was er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur
Besinnung, als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte:
»Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die
verschiedenen Colonien?«
»Also _das_ ist der neue Director?« rief Köhler jetzt, der vor innerem
Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerst anfassen sollte -- »das
ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus seiner Stelle gebissen hat und
jetzt in den Colonien herumkriechen und Stänkereien anrichten will! Ei,
da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter ...«
»Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor
der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend -- »ich
sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz ...«
»Ich mache _auch_ nur Spaß,« sagte der junge Bauer, den Arm nach ihm
ausstreckend und seinen Kragen erfassend -- »nur zum Spaß will ich
Sie einmal ein Bißchen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das
nächste Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.«
»Herr Köhler -- ich werde jeden gewaltsamen Angriff« -- schrie der
Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers -- aber er kam nicht
weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt wurde,
als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im nächsten
Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher Gewalt
hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und fiel
mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine
ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte.
»Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch
noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher
gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte --
»es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben
bei mir zu sehen?«
Herr von Reitschen mußte fühlen welche traurige Rolle er hier oben
spielte, und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's
Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel leichter hinweggesetzt
haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und ohne sich selber so
lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur oberflächlich zu
reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf ihn über, stieg
in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, der Colonie
wieder zu.
»Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich nach Könnern
umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene
gewesen war -- »hat er Dir weh gethan, Trine?«
»Ich hab' _ihm_ weh gethan,« sagte die junge, prächtige Frau lachend,
»und das blaue Auge und die blutige Nase wird er wohl eine Woche unten
im Ort zu meiner Erinnerung tragen.«
»Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so
forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd -- »eigentlich hätt' ich ihm
vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen -- es ist mir nur zu spät
eingefallen -- des guten Beispiels wegen, mein' ich.«
»Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort, die
härteste Strafe für ihn war, daß gerade _ich_ daneben stand und Zeuge
seiner Demüthigung sein konnte.«
»Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht
Schläge ist auch nicht so übel, und verdient _hatte_ er sie.«
»Und aus dem FF,« bestätigte die Frau -- »'s ist aber so auch vielleicht
besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu thun
gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet
und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich
ungeschoren lassen.«
»Das glaub' ich selber,« lachte der Mann.
»Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau --
»_das_ ist ein Mordkerl -- der wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun
lassen. Wo war't _Ihr_ denn draußen?«
»Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl
besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so
'was?«
»Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder
in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf
die Erde -- »ich hol' Euch gleich Alles herein -- es ständ' schon
auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre -- und wie er mich
zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen Spiegel vorbeiging,
einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder flüchtig in
Ordnung brachte.
»Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den
Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte.
»Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen -- »er fragte nach Dir,
und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er wahrscheinlich,
_er_ hätt's Preh! Der alte Esel!« und lachend warf sie die Thür hinter
sich zu.
4.
Helene.
Am nächsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben
sehr früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu
versäumen, seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie
nur gestern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich
mitten im Binden seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen
gestrigen Abschied dachte -- aber die alte Dame war ja oft so wunderlich
und eigenwillig. Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber
ausgegangen zu sein, und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als
sie vom Tische aufstand und in ihr Zimmer ging.
Was nur in dem _Briefe_ gestanden hatte? Der war jedenfalls schuld daran
gewesen -- aber wenn er Helene heute darum fragte, _ihm_ sagte sie es
gewiß, denn sie waren ja jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so
gut wie Eheleute, und Eheleute sollen ja nie Etwas vor einander geheim
halten.
Eheleute -- wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber
angewandt, vorkam -- er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht fertig
-- Eheleute -- wie ehrbar das klang und wie -- wie solid und dauernd
-- und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht hatte -- und wie
wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Niemand daran schuld wie der
Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen eingeschmuggelt
hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ die beiden
Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten Händen
nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen.
Ob die -- Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er hier
als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das jetzt
gerade einfiel -- aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene Kleider
-- Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her durch den
Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es einmal einen
Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten durch
einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die
Schwiegermutter.
Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That
nicht läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr
abzustreiten -- eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich
gratuliren, daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte
er sich selber nämlich, um sich zu überzeugen, und anderen Gedanken
nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen
wollten.
Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar gewordene
Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter _allein_, sondern immer in
Verbindung mit ihr auch an _Geld_ denken mußte. So fiel ihm denn auch
jetzt, in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Cassenbestand
ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. -- Aber er
hatte an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem
Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein
kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn sie erfuhr, daß ihr Arno
unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch außerdem die
einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön -- wie
bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie sein, wenn
er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte!
Da klopfte Jemand -- es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte
wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und
unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus.
»Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem
einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der
andern Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur
verwundert an und sagte:
»Sichtbar?«
»Ist sie schon angezogen und auf?«
»Weiß ich nicht.«
»Im Garten war sie noch nicht?«
»Nee.«
»Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend,
während die Alte wieder hinunter ging, »dann kann ich meinen Kaffee erst
noch in aller Ruhe trinken -- ist doch eigentlich der schönste Moment
vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen Tisch nieder, um
sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine Braut diese
letzte Bemerkung nicht gehört.
Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als
Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute
übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der
Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der
Eine von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen
Morgen ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche
Schwierigkeiten zu bereiten drohte.
Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische Dinge;
er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die
Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei
schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um
bei Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen
Spaziergang mit ihm machen wolle.
Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast
jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer noch
verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort.
Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie
geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und
die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« --
weiter Nichts.
Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr
nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit
erhielt, daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet
seien -- beide Damen waren also schon auf -- an beiden Fenstern waren
aber auch die Rouleaux noch herunter -- also nach allen menschlichen
Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen.
Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt -- er wußte
eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von
Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen.
Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber,
der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank,
und hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können,
denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter
Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte
eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei
dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen
sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn
gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur
falschen Zeit gekommen sei.
Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er
hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn
von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben,
denn er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn
ziemlich barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor
der Nase zu.
»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben -- denn dem sonst so
gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch
lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu _mir_ kommen. Die
behandeln Einen ja wie einen -- als ob sie Einen auf der Straße
aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er
rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein
Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die
Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte.
Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war
vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon
vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide,
öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.
»Wer ist da?«
»Ich bin's.«
»Gleich!« sagte die Stimme inwendig -- »einen Augenblick nur,« und
Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht
wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse
trat ein.