ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan
entworfen hatte -- »wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland her
-- er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin Rottack.«
»Ein Graf Rottack?« rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah
ihre Mutter überrascht und fragend an.
»Ja -- ist das etwas so Außerordentliches?« fuhr aber diese fort --
»Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine erschütternde
Nachricht mit -- den Tod einer Verwandten von ihm, was mich etwas
angegriffen hat. Übrigens will er hier nicht gekannt sein, lieber Arno,
und ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, daß ich sein
Geheimniß verrathen habe -- aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit
zur Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte -- ich habe
mir die Sache heute hin und her überlegt, und -- da Ihr doch jetzt mit
einander verlobt seid, so -- thut es eigentlich kein Gut, die Sache
zu lange hinaus zu schieben, und ich wünsche deshalb, daß die Hochzeit
recht bald -- so bald als irgend möglich gefeiert werde.«
»Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glücklich!« rief Herr von
Pulteleben entzückt aus.
»Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede,« sagte Helene, und ein
eigenes eisiges Gefühl erfaßte ihr Herz.
»Liebes Kind,« sagte die Mutter, »die Verhältnisse reißen uns zu Zeiten
mit fort, ohne daß wir sie nach unseren Wünschen regeln oder beherrschen
können, und eben diese Verhältnisse zwingen uns, von hier fort und nach
Santa Catharina zu ziehen.«
»Nach Santa Catharina?« rief Herr von Pulteleben erstaunt -- »woraus
schließen Sie das?«
»Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen,« fuhr
die Gräfin fort, »da besonders für unser Geschäft Santa Clara ein Nichts
weniger als passender Platz ist.«
»Aber wird die Insel besser sein, Frau Gräfin?«
»Entschieden -- aber Du darfst nicht glauben, Helene, daß ich einen
solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und
ich habe mich vorher sorgfältig nach allen Verhältnissen der Insel
erkundigt. Erstens bekommen wir dort Arbeiter billiger, dann haben wir
die Auswahl unter den besten Tabakssorten, die gerade von dort aus in
Massen nach dem Süden verschickt werden und viel billiger sind als hier,
und dann -- die Hauptsache -- finden wir selber einen viel besseren
Markt für unser Product, da wir von dort aus in directer Verbindung mit
dem Süden, ja, selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.«
»Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloße
Vermuthung hin eine solche Reise ...«
»Bloße Vermuthung -- das Kind glaubt Nichts, Pulteleben, was sie nicht
sieht -- Sie werden noch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So laß
Dir denn sagen, daß ich, um _ganz_ sicher zu gehen, schon vor mehreren
Wochen an die Präsidentin geschrieben und mit dem letzten Dampfer
Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen -- und zwar sehr
günstige Nachricht.«
»Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem
kleinen Wechsel darin.«
»Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben,« lächelte die
Mutter -- »ich habe _zwei_ bekommen, einen von Deutschland und einen von
Santa Catharina, den mir der Director selber mitgebracht; wenn Du dem
aber, was _ich_ sage, nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens
selber überzeugen -- hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf
meiner Toilette; der in dem gelben Couvert -- es ist nur der eine da.«
Helene erhob sich, um den Auftrag auszuführen, als sie die Gräfin wieder
zurückrief.
»Ach nein, bleib' da,« sagte sie, »ich habe ihn weggeschlossen.«
»Wenn Du mir den Schlüssel giebst, Mama, hol' ich ihn.«
»Nein, ich gehe selber, Du reißt mir sonst meine Papiere durch
einander,« -- und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer, aus
der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam.
»Da,« sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schooß warf,
»nun lies selber, was die Präsidentin schreibt. Danach werden Sie sich
ebenfalls überzeugen, lieber Arno, daß wir wirklich gar nicht besser
thun können, als nach der Insel überzusiedeln. Die Kosten sind
unbedeutend, und wir bringen in zwei Monaten reichlich die möglichen
Mehr-Ausgaben wieder ein. Ehe wir aber diese Reise zusammen machen,
werden Sie selber einsehen, daß es nöthig ist die Trauung vorher zu
halten -- schon des Geredes der Leute wegen. Nun, lies nur laut, Helene,
Arno soll ebenfalls wissen, wie die Präsidentin über unseren Umzug
denkt. Sie ist unendlich liebenswürdig, und bietet uns sogar an in ihrem
Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung hergerichtet haben.«
Helene hatte den Brief überflogen, und sah jetzt darüber hinaus ihre
Mutter groß und starr an.
»Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Präsidentin schreibt doch eine
ganz leserliche Hand. Aber ich vergaß -- der Brief ist ja portugiesisch,
und Sie verstehen ihn nicht, Arno -- gieb ihn mir, ich werde ihn
übersetzen.«
»Der Brief hier,« sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus
der Hand zu geben, oder ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, »ist
_nicht_ von Santa Catharina.«
»_Nicht_ von Santa Catharina?« rief die Gräfin, sich erschreckt halb vom
Sopha hebend -- »dann -- dann habe ich die Couverts verwechselt -- gieb
ihn mir -- gieb ihn mir!« -- und in einer Aufregung, die besonders Herrn
von Pulteleben staunen machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe
aus.
»Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiederte aber Helene aufstehend
-- »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch _einmal_ lesen möchte
-- gute Nacht!« -- und ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der
verblüffte Bräutigam ein Wort dagegen einwenden konnte, schritt sie
durch die Stube in ihr dicht daran stoßendes Zimmer und riegelte die
Thür hinter sich ab.
»Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls
aufstehend und seine Schwiegermutter #in spe# etwas verdutzt ansehend --
»was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst geworden?«
Die Gräfin wollte Etwas darauf erwiedern -- wollte Herrn von Pulteleben
eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem
Augenblick nicht.
»Ich bitte -- lieber Arno -- lassen Sie -- lassen Sie mich jetzt
allein,« sagte sie verstört -- »ich habe mit dem Mädchen zu reden -- Sie
-- Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie hat.«
»Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem
er seinen Hut ergriff -- »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich
vielleicht ...«
»Es ist Nichts -- Helene ist -- ein verzogenes Kind.«
»Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem
vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere
Richtung zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier
unten total überflüssig sei -- wenn er auch noch lange nicht begriff
weshalb, und in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen
Zimmer empor und legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen,
und die Gräfin hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenen's
Thür ging, und dort -- fast wie schüchtern -- anklopfte.
»Helene!«
Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker.
»Helene! -- Mach' auf -- laß uns vernünftig mit einander reden.«
Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie
durch das Schlüsselloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte.
»Helene! Sprich wenigstens mit mir!«
Kein Laut tönte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau
Gräfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager.
3.
Auf Köhler's Chagra.
Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als schon in Bohlos'
Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie
die nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther
schien jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus
allen Kräften vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige
Thätigkeit in Brasilien abzuschließen.
Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese
Zurüstungen gesehen, sich angezogen -- er machte überhaupt jeden Morgen
zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang --
und war hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn
einzuschlagen, und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er
Jemanden erwarte.
Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür
oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern
ein paar huldvolle Worte zu wechseln -- er zeigte sich gern
herablassend, wo er genau wußte, daß er seiner Stellung Nichts vergab
-- kam er auch zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei
seiner Arbeit saß, und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz
erwiederte.
»Nun, Pilger, wie geht's?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf das
Fensterbret legte -- »immer so fleißig?«
»Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit
aufzusehen, »um das Bißchen Brod zu verdienen und -- die Zeit todt zu
schlagen. Was soll man anders thun?«
»Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom »Zeit todt schlagen«
nicht so ganz einverstanden schien -- »ja -- ist eigentlich ein einsames
Leben in der Colonie.«
»Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller Brust vor sich hin, und
stach nur so viel eifriger in das Leder.
»Apropos,« fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die
Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde -- »Nichts wieder
gehört von Eurem Proceß?«
»Mit der Geistlichkeit?«
»Ja.«
»Nicht das Geringste und -- werde auch wohl Nichts wieder darüber hören,
als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts damit
zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich
nicht ankämpfen -- der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden.
Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da -- hab' ich denn
natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.«
»Böse Geschichte,« sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm
wurde -- »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!«
»Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an sein Mützchen greifend,
ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen.
Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold,
der für den Baron arbeitete.
»Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er
vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog.
»Guten Morgen, Meister Berthold -- ob ich _was_ weiß?«
»Der Justus ist fort -- der Kernbeutel, mein' ich, der andere Schneider
-- den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?«
»Fort? Wohin? Durchgegangen?«
»Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er war neulich Abends von Haus
fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber
Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit -- es sind
nun schon ein paar Tage her -- nicht wieder nach Haus gekommen. Die
Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld habe
sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft
herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt
schuldig, der Lump!«
»Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört -- guten Morgen, Meister!« sagte
der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür
erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem
Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen Gurt noch
einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der Straße
herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem jungen
Mann gegenüber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte
lächelnd:
»Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen
gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet
sind.«
»Ah, guten Morgen, Herr Baron -- auch schon auf?«
»In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn
man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen
Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen was Sie wollen,
ohne augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise
hingehen, wenn man fragen darf?«
»In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht
auf die Schulter schlug -- »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich
einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen
brauche. -- Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der
Civilisation.«
»Dann wollen Sie wohl unter die Indianer gehen?« lächelte der Baron
etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm zu barock, als daß er
ihnen hätte folgen können.
»Vielleicht,« lachte Felix -- »und ich glaube bei Gott, ich passe besser
zu _ihnen_, als in diese erlogenen und künstlichen Verhältnisse, die wir
im gewöhnlichen Leben die _Gesellschaft_ nennen.«
»Das sind ja wahrhaft haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron
schmunzelnd, »aber -- ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da
draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen -- und
wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die
Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um
einen Vogel aus der Luft zu schießen -- möchte ich noch eine Frage an
Sie richten, lieber _Graf_.«
»_Graf_?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch zu.
»Bst, bst,« lächelte der Baron -- »ich weiß recht gut daß Sie ein Schelm
sind -- hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt -- aber ganz unter
uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen gebührenden
Rechte hier auftreten wollen -- doch -- eine Frage müssen Sie mir
beantworten, ehe Sie gehen« -- und er schob dabei seinen Arm in den des
jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, denn er wollte
sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden.
»Und die ist? Ich bin doch begierig.«
»Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus
jeden falschen Verdacht ab, »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter
Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen
und der liebenswürdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten
Antheil an ihrem Wohlergehen.«
»Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.«
»Ich komme gleich zur Sache -- Sie -- machten gestern Abend der Frau
Gräfin eine Entdeckung.«
»Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an.
»Hm -- nicht unmittelbar -- zufällig -- die Frau Gräfin schien sehr
bestürzt darüber -- auffallend bestürzt -- ich habe sie in der That so
noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und charakterfeste
Dame.«
»Es schien so,« erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war,
dem Baron _nicht_ auf halbem Wege entgegen zu kommen.
»Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte
nicht, wie er auf die geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte --
»ich -- ich muß Ihnen nur gestehen, lieber Graf -- aber ich gebe
Ihnen nochmals mein Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen
Hintergedanken -- daß ich schon seit einiger Zeit -- ich weiß eigentlich
selber nicht recht, weshalb -- den Verdacht gefaßt hatte, daß ....«
»Daß?«
»Daß die Frau Gräfin -- daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich sagen
-- verstehen Sie mich vielleicht?«
»Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des
Barons amüsirte.
»Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden -- ich gebe es zu,« fuhr
der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander
rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte -- »und unter
anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal
gerechtfertigt erscheinen.«
»Stehen Sie in einem _Verhältnisse_, Herr Baron?«
»Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch und
ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist
kein persönliches Interesse, sondern nur das, was ich an der
Aufrechterhaltung des _Standes_ im Allgemeinen nehme. _Jetzt_ haben Sie
mich doch verstanden?«
»Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiederte der junge Graf mit
einem boshaften Lächeln.
»Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu
reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also
ganz aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen,
denn wir Beide _sind_ es unserem Stande schuldig.«
»Sie spannen mich wirklich auf die Folter.«
Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest
in's Auge und sagte:
»Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?«
»Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin
heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick
herunter kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie
thun mir einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten
bei Seite lassen und mir gerade heraus sagen, um welchen _wichtigen_
Gegenstand Sie mich fragen wollten.«
Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix.
»Und ist Ihnen _der_ Gegenstand _noch_ nicht wichtig genug?« brachte er
endlich mühsam heraus.
»Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der
junge Mann jetzt gerade heraus.
»Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet.
»Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine _bestimmte_ Antwort
darüber geben zu können, und ich muß Sie -- wieder auf Ihren kleinen
Finger verweisen. -- Da kommt auch schon Schwartzau mit Könnern -- wir
müssen fort -- also auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten
ließ er den über solche Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf
dem Wege stehen, schwang sich in den Sattel und sprengte gleich darauf
mit Günther und von den Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die
Straße hinauf. --
Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde
erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten
zu sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit
fremden, gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über
alltägliche Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer --
so schwer und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund
bemitleidet zu werden.
Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf und
ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther
gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals
so leichten Herzens -- so glücklich gewesen -- er wollte die Stunden
noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter
geblieben auf der Welt, als an _gehofftes_ Glück _zurück_zudenken.
So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des
Gebirgszuges, der in einzelnen Abläufern seine Hänge in's niedere
Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht
ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als
er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze
Colonie Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann.
Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich
zuerst dem fremden Platze näherte; wie suchte der umherschweifende Blick
so rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er
Alles gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe --
und Alles wiederum verloren hatte -- Glück und Liebe.
Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde -- da unten
in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte,
ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da
drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das
arme süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen
sollte und jetzt -- wenn auch mit zitternder Hand -- den Wanderer wieder
allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben.
Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd
nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und
Kummer zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben
war, sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt
schon freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in
dem Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles, häusliches Wirken
gesehen, ihre liebe Stimme gehört, in ihre treuen Augen geschaut hatte,
so lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie
wiederkehren _müsse_, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und mit
leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen.
Fort, fort mit den Gedanken! -- Das bittere Gefühl der Verlassenheit
stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd herumwerfend, als ob
er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn er den theuren Platz
selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg entlang und sah sich
plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Köhler gegenüber, in
dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er sogar
versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht
Alles vergessen und vergessen _müssen_ in der Zeit!
Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten zu
haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich
entgegenrief:
»Na, das ist recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen
lang gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal
wiederzusehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen.
Und wie ist's gegangen in der Colonie?« fuhr er fort, als er zum Pferd
trat und Könnern herzlich die Hand schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der
Graue sieht auch prächtig aus. Dem ist da unten Nichts abgegangen,
wie es scheint. -- Aber so steigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch
wahrhaftig nicht im Sattel sitzen bleiben?«
Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein. Die
Einladung war auch so treuherzig geboten -- er hätte dem guten Menschen
schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht gewesen
wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen
Trübsinn zu vergessen.
Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau empfangen!
»Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die
Hand entgegenreichte -- »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr Euch
auch wieder einmal bei uns sehen laßt, und da unten bei den Grafen und
Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,«
setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an -- »gar schlecht seht
Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und
munter wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. Seid Ihr krank
gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund genug?«
»Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend -- »vielleicht der
Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?«
»Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem
glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend -- sie hatte im Nu alles
Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut als ob's gar keine
Arbeit auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu _ihm_ springen müsse,
sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen aufthut.« --
»Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort, und sah sich dabei im Zimmer
um -- »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es sieht auch heute
Morgen noch so wild bei uns aus -- freilich, Besuch hatten wir so früh
noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause zu thun, und noch
dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen geradezu von
Allem abhält, was man thun möchte.«
»Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?«
»Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus -- »da sei Gott
vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte -- ich glaube, ich -- aber
ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für Reden führt!«
»Na, da setzt Euch her und frühstückt ein Bißchen,« sagte der Mann, »und
ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher
komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.«
»Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn
Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.«