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DIE COLONIE.

Brasilianisches Lebensbild

von

FRIEDRICH GERSTÄCKER.

Der Verfasser behält sich die Übersetzung dieses Werkes vor.

DRITTER BAND.

Leipzig,

Hermann Costenoble.

1864.

Inhalts-Verzeichniss.

Seite

Erstes Kapitel.

Die Abendgesellschaft 7

Zweites Kapitel.

Fortsetzung 33

Drittes Kapitel.

Auf Köhler's Chagra 57

Viertes Kapitel.

Helene 87

Fünftes Kapitel.

Gerichtspflege in der Colonie 117

Sechstes Kapitel.

Vorbereitungen 143

Siebentes Kapitel.

Bux auf der Flucht 164

Achtes Kapitel.

Gefunden 194

Neuntes Kapitel.

Herr von Pulteleben 214

Zehntes Kapitel.

Graf Rottack's weitere Beschäftigung 236

Elftes Kapitel.

Abschiednehmen 253

Zwölftes Kapitel.

Schluß 276

1.

Die Abendgesellschaft.

In der Wohnung der Frau Gräfin sollte heute Abend große Gesellschaft

sein, und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmückt,

die Cigarrentische ängstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend

Stearinlichte in den verschiedenen Räumen angezündet, ja, selbst

Helenens Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr

lautete die Einladung, und es fehlten noch etwa fünf Minuten daran,

als die Frau Gräfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von

Pulteleben extra aus Rio verschrieben und das _sehr_ viel Geld gekostet

hatte, in den Empfangssaal rauschte, um vor dem Spiegel dort ihre

Toilette noch einmal zu mustern.

Helene saß am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute

nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen

Horizont begränzte, und die Conturen des malerisch eingeschnittenen

Gebirgszuges scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete.

»Wenn nur der Jeremias heute Alles richtig besorgt hat,« sagte die

Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht

von ihrem Rückgrat zu bekommen -- »ich traue ihm nicht recht; er ist ein

ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.«

»Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht möglich,« sagte

Helene, »denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.«

»Aufrichtig gesagt,« fuhr die Mutter fort, »ist es mir _nicht_ recht

angenehm, daß wir bei der heutigen Gelegenheit gerade wildfremde

Menschen haben, von denen ein paar sogar mit dem früheren Director

eng liirt waren. Der Baron wird wieder schön über die »_bürgerliche_

Versammlung« die Nase rümpfen.«

»Es sollte mir leid thun,« sagte Helene gleichgültig, »wenn der _alte_

Adel des Barons sich dadurch unangenehm berührt fände; wenn er aber

unter seines Gleichen leben wollte, hätte er nicht nach Brasilien

auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum Aufenthalt wählen

sollen. Der Eine der Herren ist übrigens, um Dich und den Herrn Baron zu

beruhigen, von Adel, und zwar ein früherer Artillerieofficier, ein Herr

von Schwartzau.«

»Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?«

»In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich weiß aber

nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist -- wen interessirt das

auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.«

»Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm?« fragte die Frau und sah

ihre Tochter forschend dabei an.

»Zu welchem Zweck kommen wir heute Abend hier zusammen?« fragte Helene

kalt und stolz.

»Es ist gut,« sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Gürtel

trug -- »ah, schon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der

Treppe.«

Die Thür des Zimmers wurde in diesem Augenblicke rasch geöffnet; Oskar

trat herein und warf, wie gewöhnlich, seine Mütze in die Ecke.

»Er ist's richtig,« lachte er dabei, zu Helenen an's Fenster gehend;

»hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?«

»Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder?« fragte die Mutter. »Du könntest

Dich doch wenigstens heute Abend ein Bißchen zusammennehmen, Oskar, und

Dein wildes, ungestümes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die

Mütze auf's Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft

erwarten! Wer ist wer?«

»Jener Mensch,« rief Oskar, »den wir neulich Morgens überholten, als uns

die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich,

in die Zügel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von

früher her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Wasser

hergekrochen bin und ihn nie habe erwischen können -- aber abgewöhnt

hab' ich's ihm wenigstens, daß er das Gekratze hat sein lassen.«

Helene antwortete Nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu,

und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne

auf die Schwester weiter zu achten, fort:

»Und mit des Meier Frau ist es auch richtig -- die ist in den Fluß

gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drüben so furchtbar

geprügelt hat, daß sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.«

»Gemeines Volk!« sagte die Frau Gräfin wegwerfend; »aber ich glaubte, Du

wolltest zu der Auction hinausreiten?«

»Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange

gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend

Kleinigkeiten.«

»Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?«

»Verwünscht wenig,« sagte Oskar; »ein Herr Könnern -- Du mußt ihn schon

in Santa Clara gesehen haben, und er wohnte ja bei Sarno im Hause --

schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend brauchbar

erwies, und es war gar nicht möglich gegen ihn anzubieten.«

»Herr von Pulteleben ist zurück?«

»Hörst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefeln

nicht ankriegen.«

»Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar!« sagte die Mutter und sah nach

ihrer Uhr -- »aber wo unsere Gäste bleiben, ist mir unbegreiflich.«

»Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurück,« sagte Oskar; »der

Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben,

aber Gott bewahre, Herr Könnern brauchte sie selber -- der muß

schmählich reich sein.«

»Herr Könnern ist ja wohl auch mit eingeladen?« fragte die Frau Gräfin

ihre Tochter.

»Ja,« sagte Helene; »er hat sich aber entschuldigen lassen.«

»So -- entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich nicht vornehm

genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur einbilden?«

»Da unten hör' ich Jemanden,« rief Oskar -- »Jeremias unterhält sich --

der Bursche ist heute göttlich -- hast Du ihn schon in seiner Galatracht

gesehen?«

Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem

Augenblick wurde die Thür weit aufgerissen, und Jeremias, der wirklich

heute im Glanz seines gewöhnlichen Ballornats erschien, meldete:

»Se. Ehrwürden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwürden der Frau

Gemahlin.«

Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drückte sein Taschentuch in

den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick

zuschleudern, denn im nächsten Moment mußte sie schon mit lächelndem

Gesicht den Herrn Pastor begrüßen, der in schwarzem Frack, weißer Weste,

gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weißen Halstuch, darunter aber,

etwas unpassend, mit Nanking-Beinkleidern in der Thür erschien und seine

Frau hinter sich herschleppte.

Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase

und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen

-- außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten und

-- wenn das Gerücht nicht log -- auch ihres eigenen Mannes. Jetzt aber

schien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute sie sich,

die Frau Gräfin wohl und munter zu sehen, so glücklich war sie über das

vortreffliche Aussehen der gnädigen Comtesse -- von Oskar nahm sie keine

Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der Thür durch

sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber furchtbarer

Verachtung.

Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrötige Gestalt, schien sich

noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fühlen, und so behaglich er

drüben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo

saß, so beengt fühlte er sich von jeder anständigen Umgebung. Pastor

Beckstein war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältnissen

aufgewachsen, sondern daheim ein gar ärmliches Dorfschulmeisterlein

gewesen. Aus einem oder dem andern Grunde mußte er aber seinen Dienst

quittiren, war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn

und wanderte zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere

Stellung bekommen konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine

Zuhörer jeden Sonntag Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner

sagt, #the gift of the gab#, und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen,

die natürlich Niemand nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt

in seiner Stellung zu behaupten -- konnten die Colonisten doch auch

keinen andern und besseren auftreiben.

Übrigens war er, und besonders außerhalb der Kirche, tolerant genug,

viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge

Controle über sämmtliche Kirchgänger in der Colonie hielt. Aber auch sie

schien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott selber,

als für eine persönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab

es deshalb nie. -- Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes

schwarzes Seidenkleid wie eingeschnürt und ohne Crinoline, mit einer

großen, weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als

zwei furchtbar große, reich gestickte -- leider auch schon einmal

ausgebesserte -- Zipfellappen und eine sehr große, orangenfarbige Rose

trug.

Glücklicherweise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gäste,

denn die Unterhaltung wäre unter so verschiedenen Elementen sehr bald

in's Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: »Herr Balthasar

Rohrland nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.«

Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines,

rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos

gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer

einzelnen Achatschnur um den Hals.

Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem

Mutterwitze, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in

der bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung.

Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundsätzlich

stets genau eine halbe Stunde später, als die an ihn ergangene Einladung

lautete. Er war natürlich #à quatre épingles# gekleidet; seine Toilette

ließ Nichts zu wünschen übrig, und er hätte eben so gut damit bei

dem Lever irgend eines europäischen Fürsten erscheinen können. Pastor

Beckstein schrak auch wirklich ordentlich in sich zusammen, als er

zufällig einmal einen Blick auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin

haßte den Baron aber seit diesem Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn

je gehaßt hatte -- es versteht sich von selber, nur seines Stolzes und

Hochmuths wegen, der ihn sogar nicht ein einziges Mal in _ihre_ Kirche

ließ.

Jetzt erschien auch endlich -- als Hausgenosse jedoch eben so

gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet -- Herr von Pulteleben,

gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch neueren

Frackschnitt als der Baron, was seinerseits _diesen_ wieder ärgerte.

Herr von Pulteleben ging übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu,

diese zu begrüßen, machte dem Baron dann die gehörige Verbeugung und

grüßte den Herrn Pastor mit seiner Gattin, die anfingen, sich in eine

Ecke zu drücken und dort festzusetzen, in etwas summarischer Weise --

was wieder einen Stachel in der Brust der Frau Pastorin zurückließ.

Die Frau Pastorin sammelte überhaupt heute Abend Stacheln -- wären

es thatsächliche gewesen, ihr Herz hätte beim Nachhausegehen wie

ein blutiges Nadelkissen aussehen müssen. Dann näherte sich Herr von

Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens nicht

befriedigenden Bericht über die Auction abzustatten. Die Frau Gräfin

hatte nämlich gehofft, daß er eine ganze Menge sehr hübscher, wenn auch

vielleicht sehr unnöthiger Dinge mitbringen würde, und sah sich darin

eben nicht angenehm getäuscht.

Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Director von

Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit

oder Malice, die Thür vor der Nase zumachte, und dann tausendmal um

Entschuldigung bat.

Günther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der

That noch bis zum letzten Augenblick unschlüssig gewesen, ob er gehen

oder bleiben solle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm

gefaßt und gesagt:

»Laß mich lieber unten, Günther -- es ist wahrhaftig besser, und die

Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind ja

alle mit einander Komödianten auf dieser wunderlichen Weltbühne, und die

Gesellschaft betrügt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu

werden -- warum ihr also den Spaß verderben?«

»Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,« sagte Günther,

»wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß diese Abendgesellschaft

wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann

mir denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Hast Du also nicht ganz

besondere Lust mit hinaufzugehen, so kehre ruhig nach Haus zurück; ich

will Dich dann schon oben entschuldigen. Es findet sich später wohl

einmal eine andere und bessere Gelegenheit, die Frau _Gräfin_ wenigstens

wissen zu lassen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.«

»Glaubst Du, daß mich die Verlobung stören würde?« lachte der junge Graf

bitter -- »wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nachgemachten

Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern

die Kammerfrau als Schwiegermutter -- ich würde mich sogar hüten, die

Verbindung zu stören, und wenn mir das auch nur _ein_ Wort kostete. Aber

in _einer_ Art hast Du Recht -- wenn auch in einem andern Sinn, wie

Du es gemeint -- Helene selber könnte nämlich glauben, ich sei der

Verlobung ausgewichen, und deshalb -- gehen wir hinauf. Ich freue mich

jetzt selber darauf, einmal einer echt aristokratischen Gesellschaft in

einer brasilianischen Colonie beizuwohnen.«

»Du willst mitgehen?«

»Gewiß,« lachte Felix, des Freundes Arm wieder ergreifend und ihn mit

fortziehend; »es muß überhaupt schon fast dreiviertel sein, und wir

werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie sich die Frau Gräfin

freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber ich bitte Dich,

Günther, nie selber über meine Entdeckung zu reden. Das Geheimniß ist

mein eigen.«

»Gewiß -- aber glaubst Du, daß sie Dich wiedererkennt?«

»Ich glaube kaum -- zu viele Jahre sind verflossen, seit wir uns nicht

gesehen, und ich selber -- bin alt dabei geworden; vielleicht kann ich

jedoch ihrem Gedächtnisse nachhelfen.«

»Da sind wir.«

»Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese

erleuchteten Hallen -- wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler

röche -- und Jeremias in Gala -- Ich fürchte fast, Günther, daß wir

nicht in standesgemäßer Toilette erscheinen.«

»Immer 'rein, meine Hörrschaften,« rief ihnen Jeremias unten im Hausflur

entgegen -- »immer 'rein -- _hür_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes

sehen und erleben werden -- immer hereun! Erwachsene Herrschaften zahlen

gar Nichts und Säuglinge unter zwölf Jahren die Hälfte!«

»So recht, Jeremias,« lachte Günther -- »ist die Gesellschaft

versammelt?«

»Alle da, meine Hörrschaften,« erwiederte Jeremias mit größtem Ernste --

»fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen« --

und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf und

meldete:

»Herr Baron, Günther von Schwartzau mit -- Donnerwetter, ich weiß ja

_Ihren_ Namen nicht!«

Oskar lachte g'rad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lächeln

nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin schoß einen zürnenden Blick

auf den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die

Fingerspitzen hinein empört, über diese Mißhandlung jedes Anstandes,

jeder Sitte. Günther übrigens, ohne sich im Geringsten außer Fassung

bringen zu lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin

zu und sagte mit einer leichten Verbeugung:

»Gnädige Frau, Sie waren so gütig, mich und Freund Randolph auf

heute Abend einzuladen, und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier

vorzustellen.«

Die Frau Gräfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von

Schwartzau, die nur an der äußersten Kante den neben ihm stehenden

Freund einschloß; Helene aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat

jetzt vor, und von Schwartzau die Hand reichend, sagte sie herzlich:

»Sie haben _mir_ besonders eine große Freude gemacht, daß Sie der

Einladung gefolgt sind, denn draußen im Walde wurde mir ja gar keine

Zeit gegeben, Ihnen so herzlich für die Hülfe zu danken, die Sie mir

geboten, wie ich es wohl gemocht.«

»Comtesse,« sagte Günther, wirklich überrascht von der fast wunderbaren

Schönheit des Mädchens -- »so sehr wir den Unfall _Ihretwegen_ bedauert

haben, so glücklich hat uns der kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen

leisten durften. Übrigens muß ich die Haupthandlung vollkommen von

mir abwenden, denn Freund Randolph hier war der eigentliche Held des

Morgens, indem er sich Ihrem Pferd entgegenwarf.«

Helene hatte sich mit ihrem Danke gegen _beide_ Männer gewandt gehabt,

aber während sie sprach doch immer nur Günther angesehen, und höchstens

einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter, aber nie bis zu dessen

Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht länger vermeiden, und auch

ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, sagte sie, aber nicht

mehr so zuversichtlich, als vorher:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit

meinem wild gewordenen Thier beschäftigt, daß ich wirklich kaum mehr

hörte oder sah, was um mich her vorging -- viel weniger denn hätte

Personen unterscheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten

Dank.«

»Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Felix ruhig, indem er die

gebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los ließ

-- »machen Sie keine Umstände. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß

ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Angewohnheit entgegen sprang.

Ich kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden, und fahre ihnen

stets in den Weg, wo ich sie eben treffe.«

»Sie wollen also damit sagen,« lächelte der Director, »daß Sie dem

Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.«

»Genau dasselbe,« sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director

ansehend -- »mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Herr Director von Reitschen,« sagte Günther, ihn vorstellend, und die

beiden Männer verbeugten sich vornehm gegen einander.

»Der Herr Randolph hat etwas sehr Anständiges in seinem Benehmen,«

flüsterte Baron Jeorgy leise der Frau Gräfin zu, neben der er stand.

»Finden Sie?« sagte die Gräfin und musterte den Fremden mit einem

gleichgültigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm

abgewandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerksamer

betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben

gesehen?

Helene erröthete noch tiefer, als der junge Fremde ihren Dank auf so

fast leichtfertige Art zurückwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber

so achtungsvoll und gewandt, daß sie ihm auch wieder nicht böse sein

konnte.

Jeremias störte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein

sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen und Rahmgießer, Zuckerdose

und Rumflasche mitten zwischen die Gruppe hineinschob und auf das

Verbindlichste fragte:

»Irgend Etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau

-- hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen

heruntergefegt!«

Bald war der Thee allgemein und eben so das Gespräch, denn der Thee

verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder

geistreiche Unterhaltung ist bei häufigem Genuß von Thee kaum möglich.

Er schläfert viel mehr ein, als daß er aufweckt, und daher sehr

häufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch Thee

umhergereicht wird.

Sehr natürlicher Weise drehte sich aber das Gespräch anfänglich fast

ausschließlich um die Tagesbegebenheit -- die Auction des Meier'schen

Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen,

geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als

einer wirklichen Abreise glich. Günther dankte auch Gott im Stillen,

daß Könnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wäre ein

Messerstich für ihn gewesen.

»Apropos, Herr von Schwartzau,« wandte sich endlich der Director

an diesen -- »will sich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns

niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder

vielmehr Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die

er heute, besonders an Möbeln und anderen, schwer zu transportirenden

Gegenständen gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier

eine Wirtschaft und einen eigenen Heerd gründen wolle.«

»Ich muß sehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu

können, Herr Baron,« sagte Günther, »denn ich selber habe hier das Erste

von diesen Einkäufen gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn

Meier selber bekommen, denn so viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher

zurückzukehren. Er hat wahrscheinlich nur das Überflüssige verkaufen

lassen.«

»In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?«

»Ganz und gar nicht -- ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum

ersten Male betreten.«

»Sonderbar,« sagte der Director; »es scheint eigentlich Niemand im

ganzen Ort zu sein, der sie kennt.«

»Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden

gehabt.«

»Und weshalb die Frau den Tod könnte gesucht haben?«

»Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,« sagte Günther ausweichend,

»denn ich glaube nicht, daß die Familie selber darüber Auskunft geben

würde. Sie soll übrigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist

möglich, daß die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu

beigetragen hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.«

»Sehr wahrscheinlich,« sagte der Director -- er sah, daß er aus Günther

Nichts weiter herausbringen würde, selbst wenn dieser wirklich um Eins

oder das Andere gewußt hätte.

Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und

Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin

und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge

verwickelt waren.

»Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Äußerung der andern Dame

bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse

abnahm und sich Zucker und Milch nahm -- »das ist gar Nichts -- denken

Sie nur, was ich für Füße zu versorgen habe, die Strümpfe verlangen. Ich

muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für

den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.«

»Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt -- »für zweiunddreißig Beine!«

Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu und Jeremias ging

weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand.

»Trotzdem, daß wir selber bei den Cigarren interessirt sind,« lachte

Helene, »so halte ich es doch für eine entsetzliche und fatale

Gewohnheit, die aber eben nicht abzuschaffen ist und deshalb ertragen

werden muß.«

»Und doch stände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,« sagte der

Director galant; »die jungen Damen sollten sich nur alle verschwören,

keinen Mann zu küssen der raucht.«

»Das hälfe gar Nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebret

vorschob -- »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein --

die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen der

_nicht_ raucht -- was nachher für ein Gereiße um den Herrn Director

wäre!«

Helene und Herr von Pulteleben lachten dieses Mal und der Director sah

Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem ruhig

abprallte.

Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument

gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact,

daß ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören.

»Bitte, Comtesse,« fragte der Director, »wollten _Sie_ nicht die

Freundlichkeit haben und uns Etwas zum Besten geben? Ich habe schon so

viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie die Freude gehabt, selber

Ohrenzeuge zu sein.«

Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das

Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben

stehen.

»Und sind _Sie_ nicht musikalisch, würdiger Greis?« sagte der junge

Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse bereitete.

»Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein

Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf -- »aber ich stamme aus

einer ganz musikalischen Familie.«

»So?«

»Ja,« sagte Jeremias -- »ich habe drei Schwestern, die sind alle

musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das

Pianoforte und die dritte ist Witwe -- nehmen Sie nicht _noch_ ein

Stückchen Zucker?«

»Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und

Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Bret zur

Thür hinaus.

Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich

wunderschön, und das Beste dabei, mit tiefem Gefühl -- und wie

seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und

frisch sprang sie zu dem Allegro über, durch das immer und immer wieder

die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten.

Felix lehnte mit in einander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst

dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die

Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der

ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt,

geantwortet hatte, und jetzt -- er deckte seine Augen mit der Hand, und

Alles, was ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen,

aus dem nur die Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen.

Jetzt schwiegen sie -- »Bravo, Bravo, vortrefflich -- wirklich

meisterhaft!« tönte es von allen Seiten -- nur Felix wandte sich ab

und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer

Luftzug seine Schläfe kühlte -- die leeren Beifallsphrasen thaten ihm

weh.

Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen -- die

junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und

mit großer Fertigkeit abspielte. Felix hörte es gar nicht, als eine

leise Stimme an seiner Seite sagte:

»Sind Sie nicht auch musikalisch?«

Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen

hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das liebe Antlitz

fragend zu ihm aufgehoben, während der Glanz der Lichter ihr goldblondes

Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umgießen schien.

»Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als

sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte

überhört hätte.

»Ich? -- Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß er

sich, gerade _dem_ Mädchen gegenüber, so schwach und unbeholfen gezeigt

-- »nein, Comtesse,« wiederholte er fest, und fast rauh -- »mir träumte

einmal, daß ich spielen könnte -- aber die Zeit liegt dahinten und --

ich sehne sie auch nicht zurück.«

»Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich.

»Nein,« erwiederte der junge Graf nach einigem Zögern -- »Musik sollte

ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir -- reißt sie nur immer

wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die besser abgethan im Dunkeln

schlafen. Ich _hasse_ Musik!«

»Oder _fürchten_ sie,« sagte Helene ernst.

»Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtesse -- und

doch könnten Sie Recht haben -- ich fürchte sie vielleicht.«

»Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in

Schmerz und Leid!«

»Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob

_Sie_ schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter sich und nicht --

einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich hätten.«

»Lieber Gott,« sagte das junge Mädchen unbefangen -- »Jeder von

uns trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der

glattesten Stirn verstecken -- wer will sagen, daß er die schwereren

trüge. -- Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab -- »wissen

Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Übereinstimmung in

unseren Träumen haben?«

»_Wir_ Beide?«

»Ja -- auch mir träumte neulich einmal, daß Sie -- spielen könnten, und

doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur flüchtig auf der

Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?«

»Allerdings -- _sehr_ wunderbar!« rief Felix und schaute überrascht zu

ihr auf, Helene sah ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf

wieder abwandte und sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen

eben und gehen, und drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere

Erinnerung, daß wir in späteren Jahren die wirklichen von den geträumten

kaum noch unterscheiden können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume

vergessen.«

Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie zu

einer Erwiederung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus

der eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen

breiten Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder unter

einander, die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den

Genuß aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt,

und Oskar's laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste

harre, machte überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich.

2.

Fortsetzung.

Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr

seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland,

da der Director schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und Herr

Rohrland führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die

Frau Pastorin zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen

Escorte in das Speisezimmer, wo sich Oskar indessen den Spaß gemacht

hatte, die von seiner Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch

kleine Namenszettel bezeichnete Rangliste der Sitzenden, gründlich durch

einander zu werfen und zu verwirren.

Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die Tafel, mit Herrn Randolph an

der einen und dem Director an der andern Seite; neben diesen die Frau

Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und Herrn Rohrland, Oskar selber

zwischen dessen Frau, mit der er sich sehr gern unterhielt, und den

Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf die andere Seite

zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu

sitzen kam.

Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und

mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen.

Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an

der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick

zuwarf.

Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten

Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür,

um Jeremias ein paar Befehle hinauszurufen, und als sie sich wieder

umdrehte, war das Unglück geschehen.

»Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt -- »wie -- wie haben Sie

sich denn gesetzt?«

»Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,« antwortete der Baron scharf

-- es war die einzige Rache, die er nicht unter seiner Würde hielt.

»Aber das ist ja ganz falsch -- eine Verwechselung!«

»Ach, wir sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die

sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte -- »wir bleiben so,

nicht wahr?«

»Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine, muntere Frau Rohrland, der

Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte -- »so ein

Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.«

Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar

wohl zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen

Platz nicht eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer

Änderung stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und

mit einem kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn

Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also

Zusammengewürfelten begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel,

eine lebhafte Unterhaltung.

Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die

Luft gesetzt. Wie hatte er sich Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu

halten sich vorgenommen »mit der jungen Dame an meiner Seite« --

rechts saß der Pastor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und seine

Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal ansehen, um den geeigneten

Moment aufzufangen; er hätte dann um den dicken Beckstein herumgucken

müssen.

Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die

Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am Unbehaglichsten zwischen den

beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein

vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem

Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze und einsilbige Antworten --

und doch war ihr das Herz dabei so weh -- so sonderbar bedrückt -- sie

wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb -- und

ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschäftigte sich

ausschließlich mit _seiner_ Nachbarin zur Rechten.

Am Besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr

vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director,

gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau und Schweinezucht bekannt

zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen

für die Colonie tragen mußten.

Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male,

sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden -- aber umsonst. Die Frau

Pastorin hielt, was sie einmal hatte -- welches Zeugniß ihr auch ihr

Mann zu Zeiten ausstellte -- und er mußte sich endlich in sein Schicksal

ergeben und ruhig und geduldig ausharren.

Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur

unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der

sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo

nur hatte sie das Gesicht schon gesehen -- wo diese Züge, die ihr so

merkwürdig bekannt waren, und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem

jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer wieder auf

eine falsche Fährte brachten? -- Felix konnte es eben so wenig entgehen,

daß ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach

ihr hinübersah -- aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast

spöttisches Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein #vis-à-vis#

zuletzt so, daß sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu

fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio

oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken

vertieft geblieben, daß sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in

einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem

dicken Nachbar weggerufen hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!«

-- und der Pastor, durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach

der verkehrten Seite umsah.

Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf,

trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte:

»Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es -- daß es jetzt etwa Zeit

sein dürfte, der Gesellschaft -- der Gesellschaft den wichtigen Schritt

mitzutheilen? -- Wir sind schon beim Dessert.«

»Sie haben Recht,« erwiederte die Gräfin, rasch aufstehend und einen

flüchtigen Blick über die Gäste werfend -- »es wird in der That Zeit;

bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.«

Herr von Pulteleben verneigte sich -- es war ihm in der That _nicht_

recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ

sich Nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen

hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben

mochte, denn sie erbleichte sichtbar.

Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich

selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum

Baron und flüsterte diesem einige Worte leise zu.

»Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier

_unten_ von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?«

»Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin.«

»Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu.

»Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund -- »hm

-- es ist -- eigentlich gegen meine Grundsätze, aber -- wenn Ihnen damit

ein Gefallen geschieht, junger Freund« -- und er stand dabei langsam

von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den Fuß des vor ihm

stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern Hand leicht

seinen Messerrücken dagegen schlug.

»Meine Herrschaften!«

»Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der das Anschlagen des Glases gehört

hatte und mit dem Käseteller auf den Baron zufuhr.

»Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit

seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn

erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle

Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu

nennen, die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses

Leben zu wandern. Ich weiß, daß Sie alle von Herzen in meine Wünsche

einstimmen werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und

keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten ....«

»Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut.

»Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und

ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse

Helene und Herrn Arno von Pulteleben -- Sie leben hoch!«

»Hoch! Hoch!« rief Alles, von den Stühlen aufstehend und die Gläser

erhebend und gegen einander stoßend.

»Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias, und sprang an einen

Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein

füllte.

Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden, und ihr sein Glas

entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt:

»Erlauben Sie, _Comtesse_, daß ich der Erste sei, der Ihnen seinen

aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben

bringt -- es ist ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel

bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden mögen,

daß er die -- schönste Blume Santa Clara's pflücken darf.«

Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm

auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei

ihr Angesicht verlassen, und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment

in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser,

herzlicher Stimme hinzusetzte: »Sein Sie glücklich!«

Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner Braut

zu gelangen. Er hatte erst auf des Barons Toast noch Etwas erwiedern

wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er

drängte sich jetzt nur zwischen die Übrigen hinein, um nicht ganz aus

dem Weg gesetzt zu sein.

»Das ist ja in der That eine große Überraschung,« sagte die Frau

Pastorin, die das Geheimniß schon einige Tage früher als die

betreffenden Personen selbst gewußt hatte -- »ei, da gratulir' ich ja

recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth, und der

Herr gebe seinen reichsten Segen dazu -- und was man Ihnen sonst noch

alles Gute wünschen kann!«

Helene stieß mit Allen an -- sie wußte gar nicht mit wem -- sie bemerkte

auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein Glas mit

dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte:

»Meine liebe, liebe Helene -- o, daß ich Sie jetzt so nennen darf!«

Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte

sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch

Jeremias mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern

konnte, stieß der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich

zunickend, mit ihm an und leerte seinen Wein dann auf einen Zug.

Der Baron war ein entsetzter Zeuge dieser Zwischenscene gewesen.

Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie

unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor

jetzt ein langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser »unerwarteten«

Gelegenheit verfaßt hatte.

Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen

Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen,

vorsichtig die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich,

daß der Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Übrigen sahen es auch

alle, nur Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedichte

beschäftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung

desselben wieder niedersetzen und wäre mitten in die Stube geschlagen,

wenn ihn der dicht hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und

gehalten hätte.

Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix

wieder von den Übrigen zurückgezogen. Günther, der es bemerkte, trat zu

ihm und sagte freundlich:

»Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja,

bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu

einem Begräbniß geladen wären!«

»Es hat auch so etwas Ähnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber

wahrhaftig, Günther, ich -- wollte, ich wäre gar nicht hierher gekommen.

Ich fühle, daß ich anfange bitter und vielleicht ungerecht zu werden,

und -- Andere entgelten lasse, was -- möglicher Weise Andere gar nicht

verschuldet haben.«

»Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur; wenn

ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen

früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.«

»Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt

empfehlen könnten?«

»Nur noch einen Augenblick; ich muß Etwas mit dem Director besprechen,

was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen

können.«

»So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.«

Günther mischte sich wieder unter die Gesellschaft, um des Directors

habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen

Debatte über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie

verhandelte.

Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf

und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und

der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und

beobachtete Helene, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha

saß.

Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben --

die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte sie ja

überhaupt nie hinaus.

»Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte,

einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit

der stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde -- »thun Sie

mir den Gefallen und holen Sie mir ein Glas Wasser -- ich werde Sie

königlich belohnen!«

»So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche,

ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen -- da hinten steht die Caraffe mit

Gläsern -- bitte, langen Sie zu -- oder wollen Sie lieber den Kaffee

haben? Der ist dünn genug.«

Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen,

sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest

zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben,

um nach Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix

vorüberrauschte und mit dem Fächer dabei wedelte und Herrn Rohrland

gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben,

wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer

imposanten Stellung vor ihm haltend, und ihn vom Kopfe bis zu den Füßen

musternd, sagte sie scharf:

»Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name -- ah, ja, Randolph

-- wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht kommt

mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa

Catharina?«

»Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,«

sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter

verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf

von Rottack.«

Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch klar

und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein

Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen, und Wände und

Decke durch einander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr

und furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt,

vor ihm stand, und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte.

»Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?« rief Helene, welche in diesem

Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren Armen stützte.

»Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte

sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director

gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn

vor die Thür hinaus.

»Willst Du fort?« fragte dieser.

»Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiederte

Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde

in die Nacht hinaus.

Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge

scheu umher werfend, traf ihr Blick den des Barons, welcher ein sehr

erstaunter Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas schwerhörig

war, um Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er

vernommen. Er trat indessen rasch auf sie zu und fragte artig:

»Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein

wenig englisches Salz in der Nähe hätte.«

»Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück -- »ich

danke Dir, mein Kind -- »es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven

spielen mir manchmal einen solchen Streich.«

Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar Nichts gesehen und

gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten

Stuhl gesetzt und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen

Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte

jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten

Gäste waren aber müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction

zugebracht, der Director schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem

dem Wein sehr tüchtig zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so

rüstete sich Alles zum Aufbruche.

Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen --

Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit -- alle Tücher und

Hüte an falsche Plätze und in die größte Unordnung gerathen waren. Aber

auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein Wenig in den

Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der frischen

Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von Pulteleben

noch einmal in das Zimmer der Damen -- hatte er doch jetzt ein Recht

gewonnen, sich ihnen vertraulich zu nähern -- und bat Helenen, daß sie

ihm erlauben möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn

heute gemacht habe.

»Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,« sagte aber auch die Gräfin, denn

sie nannte ihn von heute an vertraulich bei seinem Vornamen -- »ich

habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zum zu Bette gehen ist es doch

eigentlich noch zu früh.«

»Aber was hattest Du nur vorher mit dem jungen Fremden, Mama?« fragte

Helene; »er verließ uns auch nachher so plötzlich.«

Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band · 第 1 / 12 段