Er fragte weiter: „Wer ist die Frau?‟

„Eine Frau Klotilde Zeltner.‟

-- „Ah‟ -- rief der Graf mit gedehntem Laut -- „die Zeltner! -- deren

Mann auf der Festung sitzt; und die war auf dem Balle?‟

„Euer Excellenz zu dienen, und da sie sich besonderer Aufmerksamkeit

von Seiten des Prinzen erfreute und vom jungen Korbach begleiten ließ,

so gerieth ich auf die Vermuthung, daß letzterer eine ~persona

grata~ und somit für mein Anliegen wenig Hoffnung vorhanden sei. Ich

durfte um so weniger wagen, es dem Monarchen vorzutragen, da es ein

falsches Licht auf mein Anerbieten geworfen hätte.‟

„Da haben Sie Recht gehabt. Es wäre aber möglich, daß sich in Ihrer

Sache Etwas thun ließe. Geben Sie noch nicht Alles auf.‟

„Nach diesem Worte von Euer Excellenz gewiß nicht.‟

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe Nichts darein zu reden, ich

mache meinen Adjutantendienst und kümmere mich sonst um Nichts. Es wäre

aber möglich, daß der Prinz selbst seine Ansicht änderte. Hoffen Sie

das Beste, -- es würde mich freuen, Sie zufriedengestellt zu sehen.‟

-- Kollmann war es im vollsten Maße, als er den Grafen verließ. Dieser

rief den zur Suite gehörenden immer in der Nähe befindlichen Plomberg

zu sich, und fragte, ob er den vertraulichen Auftrag in Betreff

Korbachs durch Heidenbrunn bestellt habe. -- Der Oberst berichtete, er

habe mit letzterem gesprochen, und glaube, der Prinz dürfte bereits in

Kenntniß sein.

„Ich verstehe Sie nicht,‟ versetzte Graf Greuth -- „Sie reden von

glauben und dürfen, -- sollen etwas Positives von der Aufnahme der

Sache wissen, und +ich+ glaube, daß +gar+ nichts geschehen

ist, nach Allem was +ich+ sehe und höre.‟ -- Darauf entließ er in

der übelsten Laune den an den Wetterwechsel gewohnten Plomberg, welcher

die sich häufig bis zu einer gewissen Grobheit steigernde Derbheit des

Grafen flegmatisch ertrug. Sie waren verwandte Naturen, die sich immer

wieder anzogen. Der Oberst war, wie er sagte, der „Rechte‟ für den

General-Adjutanten; dieser besaß, bei dem Mangel tieferer Kenntnisse

und diplomatischer Schule, eine angeborne Schlauheit, die ihn immer das

„Rechte‟ treffen ließ. Unter dem Rechten verstand er dasjenige, was zur

Befestigung seiner Stellung dienlich war. -- Und darunter stand obenan

die Benützung menschlicher Schwächen, vor welchen ein sterbliches Haupt

durch keine Kopfbedeckung bis hinauf zur Krone, und das Herz durch

keinen Hermelin zu bewahren ist. -- Plomberg wußte, daß seine Stunde

wieder kommen werde, wenn ihn der Graf zu Etwas gebrauche, wodurch er

der menschlichen Natur seines Herrn zu dienen glaubte. -- Zum Dienste

der übermenschlichen standen ja ohnedem -- wir können nicht sagen wie

viele -- Millionen bereit.

Die beiderseitigen Audienzen sind vorüber, und nach kurzer Ruhe

empfängt der Monarch aus den Händen des Grafen abermals eine Liste, --

jene der zu besichtigenden Institute und sonstigen Merkwürdigkeiten.

Sie enthält dreizehn Artikel:

1. Das Marine-Arsenal.

2. Die neue Hafenbatterie.

3. Die Artilleriekaserne.

4. Die Infanteriekaserne.

5. Die Equitazion.

6. Die Stückgießerei.

7. Das Militärspital.

8. Die Proviantbäckerei.

9. Das Stabsstockhaus.

10. Die Domkirche.

11. Das Civilspital.

12. Das Zuchthaus. Und

13. Die Akademie der bildenden Künste.

Graf Greuth hat aus dem ihm vom Gouverneur vorgelegten Verzeichnisse

die vorstehenden Objekte ausgewählt, und der Monarch genehmigt in

Pausch und Bogen. -- Zwei Stunden sind für die Rundfahrt anberaumt. --

Durch dreizehn dividirt, entfallen eins ins andere gerechnet, 9-12/13

per Stück brutto, das Hin- und Herfahren abgezogen sieben Minuten

netto, mehr als hinreichend, um sich von allen innern Zuständen zu

überzeugen.

Sämmtliche Besuche wirkten heilbringend, schon ehe sie gemacht wurden.

-- Die armen Teufel in den Spitälern bekamen eine Suppe und ein

Kalbfleisch zu sehen, welches selbst die Primarärzte ohne Bedenken

gegessen hätten, und wurden seit 24 Stunden vom ganzen Personale

behandelt als wären sie wirklich Menschen statt Nummern. -- Die Pferde

und Mannschaften in den Kasernen wurden durch die ihrem verschiedenen

Naturell entsprechenden Mittel in eine fröhlich paradirende Haltung

und Stimmung versetzt, -- und die Sträflinge im Stock- und Zuchthause,

durch etwas Branntwein und bessere Razionen begeistert, versuchten sich

in einem vorläufigen Vivat unter munterem Kettengerassel.

Nur das kleine, quickende, rothbackige Proletariat in der

Kleinkinderbewahr-Anstalt, welches seit dem Morgen das Scheuern

der Gesichter und Kämmen der Köpfe erduldet, befand sich in seinen

frisch gewaschenen, aufgesteiften Gewändern, in allgemeiner Gährung

und radikaler Verstimmung. Jeden Augenblick gewann es wieder der

~Jean qui pleure~ über den ~Jean qui rit~, zur Verzweiflung

der Vorsteherin und ungeachtet der umfassendsten Amnestien und

dreimaliger Rosinenvertheilung. Und endlich war Alles umsonst, -- da

der Strich, wodurch Graf Greuth seinen Herrn von einem zweiten Dutzend

Besuche befreit hatte, durch das ganze Gebiet der Levana, von der

Kinderbewahranstalt bis zur Universität gegangen war.

-- Zwölf Stazionen der Rückreise waren zurücklegt; der Wagen des

Souveräns hält vor der Akademie.

Sie befindet sich im aufgehobenen Kloster ~San Matteo~. Die Reihe

der Zellen war durchbrochen und in Säle verwandelt worden, und an der

Stelle, wo der Mönch mit Geißel und Stachelgürtel den traurigen Kampf

gegen die Natur bestand, da umfaßt sie mit heißer Liebe der junge

Künstler und sein Pinsel und Meißel schaffen alle Reize, welche die

blinde Aszetik als Teufelslockung aus diesen Räumen verbannt hatte.

-- Wo der Todtenkopf über gekreuzten Gebeinen grinste, da lächelt die

meerentstiegene Afrodite, und an den Wänden, wo auf schwarzgeräucherten

Bildern blasse Hände aus Scheiterhaufenflammen hervorlangten, rufen

jetzt die herrlichsten Gestalten voll Kraft und Leben den Sieg des

Lichts und der Wahrheit hinaus.

Aus dem letzten Saale führt eine fliegende Treppe in den ehemaligen

Klostergarten. Auch ist das Heidenthum mit fliegenden Fahnen eingezogen

und die sandsteinernen Apostel in den Alleen sind dem marmornen Olimp

gewichen. Die alten Kastanien ragen herüber aus einer versunkenen

Zeit, über ein neues Geschlecht, das unter ihrem Schatten sich blühend

emporrankt, über die gewundenen Laubgänge, die Fontänen und Bassins,

worin sich die ganze bunte Pflanzenwelt spiegelt, womit eine sinnige

Hand den Garten zugleich mit den Gebäuden, verjüngend geschmückt hat.

Im Vestibüle an der Hauptstiege wartet Direktor Volpi im schwarzen

Kleid, die Brust mit sechs (ausländischen) Orden geschmückt, umgeben

von einer Anzahl Professoren. Man glaubt zwar nicht an den Besuch, muß

aber in der jetzigen Zeit auf Alles gefaßt sein. -- Das Publikum hatte

Zutritt wie gewöhnlich und fand sich zahlreich ein. --

Der Monarch unterbrach die Begrüßung des Direktors mit den Worten:

„Ich liebe Kunstwerke, verstehe aber nicht viel davon, -- ich habe

nicht Zeit mich damit zu befassen; Sie werden mir mit Ihrem Urtheil

vorangehen.‟

Der General-Adjutant aber, welchem Volpi den in Sammt gebundenen

Katalog überreichte, schnitt gleich das erste Urtheil in so markirter

Weise ab, daß Jener das Ueberflüssige seiner Bemerkungen einsah und

schwieg.

Mit Entschlossenheit war der Souverain die Treppe hinangestiegen, als

ginge es einer Batterie entgegen. Es mußte mit Würde getragen werden:

die Kunst war einmal ein nothwendiges Uebel, und die reichen Banquiers

hegten und pflegten sie und betrachteten die Akademie als ein Kleinod

der Stadt.

Man setzt sich in Bewegung, voran der Monarch mit dem Grafen Greuth und

Volpi, -- in der Entfernung einiger Schritte die jüngeren Adjutanten

und andere Offiziere, worunter Plomberg, -- die zahlreichen Besucher

folgen mit Augen und Ohren jedem Worte und jeder Bewegung.

Es ist gebräuchlich, daß bei solchen Gelegenheiten der General-Adjutant

durch eine Bemerkung oder Frage die Gemälde bezeichnet, deren Ankauf

für den allerhöchsten Hof wünschenswerth erscheint.

„Firefly, lichtbraune Vollblut-Stute des Herzogs von Devonshire,‟ war

der erste Gegenstand, welcher ein wohlgefälliges Lächeln hervorrief.

„Prächtiges Thier! mahnt viel an meine Arabella.‟ --

„Euer Majestät geruhen zu bemerken, daß die Arabella stärker auf dem

Vordergestell. Der Herzog scheint nicht die Force Euer Majestät, --

das Pariren im gestreckten Lauf, -- zu besitzen.‟

Man überflog eine Wand mit verschiedenen Gallait, Achenbach, Lessing,

Rottmann, Bürkel u. dgl. und kam vor einem brennenden Johann Huß von

unbekannter Hand zum Stillstande.

„Etwas zu graß! Die verkohlte, zerplatzende Stirnhaut ist beinahe

widerlich. Wie heißt der Maler?‟ --

„Kornberger; es ist im Kataloge bemerkt, daß derselbe der Verfertiger

der Holzschnitte zur Kirchenzeitung.‟

Ein Wink an Direktor Volpi belehrte diesen, daß der brennende Ketzer

nun an einem frommen Herrscher einen Beschützer gefunden.

Der Direktor unterstand sich, die allerhöchste Aufmerksamkeit auf einen

Cäsar zu lenken, auf welchen die Dolche der Verschwornen einblitzen,

mit der Bemerkung, daß der talentvolle junge Künstler, von welchem das

Bild herrühre, sich um das Stipendium zur Reise nach Rom bewerbe.

Der Graf warf schnell dazwischen: „Schade um das Talent, das auf einen

so abscheulichen Gegenstand verwendet worden.‟ -- Der Monarch aber

fragte: „Ist der Mann ein Inländer?‟

„Er ist ein Sohn unserer Stadt,‟ erwiederte Volpi.

-- „Gut, -- notiren Sie seinen Namen, -- er soll das Stipendium haben.‟

-- Dießmal war die Politik dem Verdienste zur Seite gestanden.

In den folgenden Sälen wurden auserkoren: Walachische Bauern mit

Pferden -- Wachtstubenszene -- Scheibenschießen in Tirol -- Wegnahme

einer feindlichen Kanone -- ein „Rastlbinder.‟ --

Die Mehrzahl dieser Schöpfungen hatte die Zulassung in die Gallerie der

Milde zu danken, womit der prüfende Ausschuß zu Werke gegangen war.

Allein Graf Greuth war ein reeller Mann, der mehr auf den Kern als

auf die Schale sah, und hielt sich nicht an die Ausführung, sondern

nur an die Idee, ohne jedoch für den Reiz eines besonders lebendigen

Farbenspiels unempfindlich zu sein.

Die Schaar der Besuchenden lauschte in tiefer Stille. Die Worte des

Souverains in Betreff des jungen Künstlers thaten die beste Wirkung;

was sie aber von dem ausgestreuten Manna des General-Adjutanten

auffingen, erschien ihnen nicht schmackhafter als den Juden das ihre in

der Wüste. Doch war eine große Zahl unter ihnen, welche sich nur von

seiner Erscheinung unangenehm berührt fanden, nicht von seinen Worten,

-- nämlich diejenigen, welche kein Deutsch verstanden. --

-- Der im Fenster stehende Aufseher der Gallerie, ein alter,

stiller, freundlicher Mann, dessen Vergnügen mehr im Studiren

der Beschauer als der Gemälde bestand, machte auch heute seine

Beobachtungen, und ergetzlicher als die jetzigen, war ihm eine dem

hohen Besuch vorhergegangene gewesen. -- Er hatte schon manches

Beispiel von Indifferenz erlebt, aber selten war ihm eine so

empörende Gleichgültigkeit gegen die Kunstschätze, die er überwachte,

vorgekommen, als die eines doch intelligent aussehenden hübschen jungen

Mannes, welcher die Säle durchschritt, als wären sämmtliche Rahmen mit

grauer Leinwand ausgefüllt.

Kurze Zeit später erschien eine Dame, welche ihre Blicke ungefähr mit

der gleichen Theilnahme über die Wände gleiten ließ. -- Daß Damen ohne

Begleitung die Gallerie besuchten, war an der Tagesordnung; dann sah

man ihnen aber auch meistens die Kunstliebe an, die sie hingeführt;

auch kehrten sie gewöhnlich aus dem letzten Saale durch die übrigen,

am Aufseher vorüber, zurück. -- Als dieß im gegenwärtigen Falle nicht

geschah, weder von Seite des jungen Mannes noch der Dame, trat er ans

Fenster, setzte seine Brille auf und überblickte die verschiedenen

Partien des wenig besuchten Gartens.

Er gewahrte bald, daß sich in dem grünen Reiche der Natur die Gestalten

zusammengefunden, welche das Gebiet der Kunst getrennt durchwandelt

hatten.

War Klotilden ein Wort vom +Park+ entschlüpft? oder hatten

die Beiden beim ersten Blick durch die offene Flügelthür auf die

Blumenbeete und dunkeln Gipfel gefühlt, daß nur diese die rechten

Wegweiser zum Glücke?

Genug, sie fanden sich, ohne eine Minute vergeblichen Suchens, --

und die rothen Blütenpiramiden einer wilden Kastanie leuchteten als

Girandolen, als ihre Hände ineinander lagen vor dem marmornen Altare,

dem Piedestal einer Flora, welche den Blumenkorb über ihren Häuptern

hielt.

Hätte statt der stummen Blüten und des schweigend lächelnden

Götterbildes ein lebendiger Zeuge das Wiedersehen belauscht, --

er hätte es nicht für ein erstes Bekennen, -- er hätt’ es für die

Seligkeit über die Erfüllung eines längst getauschten Schwures gehalten.

Sie fanden sich ja nicht wieder, wie sie sich im Freinhofe verlassen!

Jeder Gedanke, jede Empfindung, jedes Leid und Glück, das seit

jener Stunde durch ihre Seele gegangen, ward zur Schwinge, auf der

sie über alle Anfänge und Fragen und halben Verhüllungen des Gefühls

hinwegflogen...

„Was ich am See geglaubt und gehofft -- sagte Julie mit dem vollen

Glanz der Liebe in den Augen -- das wird mir am Meere erfüllt!‟

„Und so viel tiefer und weiter dieses, als der See, um so viel reicher

und glücklicher halt’ ich diese Hand in meiner.‟ --

„Wie freudig lasse ich sie darin ruhen! -- Dieß Blatt enthält das

Bekenntniß meiner nächtlichen ersten Sünde des Zweifels, die auch die

letzte sein soll. Die Augen sind wahr, Arnold, und der Mond lügt.‟ --

„Nicht der Mond ist unwahr, sondern jeder Gedanke, daß vergehen könne,

was unveränderlich und ewig!‟

-- -- Lassen wir die stumme Blumengöttin die einzige Zeugin der Stunde

sein, in welcher die Ringe der Seelen gewechselt wurden, und das Ja

gesprochen ward auf die Frage des unsichtbaren Hohenpriesters: Ists

Euer Wille, einander treu zu bleiben bis in den Tod -- -- --

-- -- --

Als Julie durch die Laubgänge nach der fliegenden Treppe eilte, um

durch die Säle zurückzukehren, war der hohe Besuch eben im letzten

derselben angelangt. --

Sie trat mit gesenktem Blick durch die Thür und war mit schnellen

Schritten in die Hälfte des Saales gelangt. -- Nun klang das

Säbelgeklirr in ihre selige träumerische Gedankenmelodie, sie schlug

die Augen empor und sah die der Offiziere, der schwarzgekleideten

Herren und der hinter denselben zusammengedrängten Zuschauer auf sich

gerichtet.

Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß -- -- als Juliens Wangen,

und keine Rose, keine Nelke dunkler glühen, -- -- wie sie einen

Augenblick verwirrt und unentschlossen dastand; -- sollte sie nach dem

Garten zurück, -- oder durch den schmalen Raum, zwischen dem Monarchen

und den übrigen Uniformen hindurch, zu den Zuschauern? --

Da trat Plomberg auf sie zu, dem die Begegnung keine geringe

Befriedigung gewährte, bot ihr den Arm, und führte sie am Monarchen

vorüber, den sie erkannt hatte und der ihre Verbeugung mit

unbeschreiblich huldvollem Dank erwiederte, gegen das Publikum, und

kehrte darauf zum Gefolge zurück.

Der Allerhöchste wendete sich zu ihm und sagte: „Eine schöne Frau; ist

sie aus dieser Stadt?‟

„Sie ist die Frau des Konsuls Kollmann, welcher heute das Glück hatte

von Eurer Majestät empfangen zu werden.‟

„Eine seltene Schönheit.‟ -- Zu Graf Greuth gewendet fuhr er fort:

„Jedenfalls der reizendste Gegenstand der Gallerie. Die Verlegenheit

stand ihr sehr hübsch. Warum die Maler nicht lieber so etwas malen.‟

„Wenn Euer Majestät in der Weise wie der König von Baiern eine Sammlung

von Schönheiten anzulegen befehlen würde, dürfte sie, nur aus Damen

Allerhöchstihrer Länder bestehend, jede andere überbieten.‟

„Ich glaube es, und diese Frau wäre ein guter Anfang. Ich liebe aber

keine Nachahmungen.‟

-- So war denn auch die dreizehnte Stazion, der Akademiebesuch,

überwunden, und nachdem Seine Majestät das Diner in Gesellschaft des

Prinzen, des Grafen Greuth, des Kommandirenden und des Gouverneurs

eingenommen, geruhten sie, sich in den schwülen Nachmittagsstunden

in ihrem Kabinet auf die ~Chaise longue~ zu legen, und, nach

herabgelassenen Vorhängen, den Staatsgeschäften zu widmen.

Es blieb nur noch der Bodensatz des Leidenskelches zu leeren, -- der

Abend auf der Villa mit den exclusiven Tableaux. Er übertraf noch die

schlimmsten Befürchtungen.

Nur die Elite der Elite vermag das reine Wasserstoffgas dieses Abends

zu athmen. Nicht ein Atom Sauerstoff von Wissenschaft, Kunst oder

Industrie war eingedrungen. Die gestern aus diesen Räumen so schmählich

vertriebene Göttin der Langeweile, die Etiquette, feierte ihr

Restaurazionsfest mit schwülem, schweigenden Pomp.

-- Die Gesellschaft war aber stillselig in dem +einen+ Gedanken,

welcher ihr alles andere Glück aufwiegt: sie waren +unter sich+!

-- Und sie verdienen nicht nur dieses Glück, sondern haben sogar das

volle +Recht+, es für eines zu halten, so lange es Geschöpfe gibt,

von denen sie um dieß „unter sich!‟ +beneidet+ werden. -- Der

Prinz gehörte nicht dazu; er labte sich an der Erinnerung an gestern

und an der Aussicht... über die Tableaux hinüber, die ihn übrigens

lebhaft beschäftigen, und einen flüchtigen Blick verdienen.

Wir überfliegen die verschiedenen Gruppen nach Winterhalter, Paul de la

Roche, Vernet -- worunter nur eine, aus der Smala Abdel Kader’s, den

allerhöchsten Beifall erregt und langen beim Schlußtableau an, welches

in dem orientalischen Saale, der ein Bassin enthält, dargestellt wird,

oder werden soll, da noch ein Hinderniß vorhanden.

Es war Schwanthalers Brunnen in Wien (auf der sogenannten Freiung

befindlich) gewählt worden.

Die Donau, Weichsel und Elbe fanden ihre Repräsentantinnen in den drei

bereits erwähnten, vom akademischen Ausschusse gewählten Frauen; den

Po vertrat ein Kavalier einer ritterlichen Nazion, welcher das Unglück

hatte, der schönste Mann des Landes und sonst Nichts zu sein. -- Da

sich keine Dame dazu verstanden hatte, die Rolle der auf der hohen

Brunnensäule stehenden Austria zu übernehmen, so wurde statt ihrer ein

„Genius des Vaterlandes‟ hinaufgestellt, zu welchem ein schlanker,

rothwangiger Regiments-Kadett alle wünschenswerthen Eigenschaften,

nebst der Schwindelfreiheit vereinigte.

Im Bassin war natürliches Wasser, Rand und Brunnensäule reich

mit Blumen verziert; die Costüme der Damen, in einigen Punkten

nothwendigerweise vom Vorbilde abweichend, waren in Farbe und Form

geschmackvoll von Volpi arrangirt, und das Ganze machte in der

herrlichsten Beleuchtung einen zwar durchaus nicht plastischen, aber

reizenden Effekt.

Bald soll der Vorhang sich theilen. Die Weichsel und Elbe sitzen in den

griechischen Gewändern, mit ihren vergoldeten Wasserschaufeln spielend,

noch in Fauteuils, der Po geht auf und nieder, ungeduldig mit dem

Ruder stampfend. -- Aber noch immer keine Donau erschienen.

„Aber es ist doch geradezu unmöglich, daß die Strada nicht kommt!

die einzige, -- einzige Bürgerliche! -- eine Frau, die doch Geist

genug hat, um zu begreifen, daß ihr Stand in ihr geehrt ist, wenn sie

zwischen drei Flüssen steht, deren Wasser rein wie das destillirte in

der Apotheke, durch fünf oder sechs Jahrhunderte fortgeronnen ohne

einen fremden Bestandtheil in sich aufzunehmen!‟

Der Kadett steht mit langen goldenen Flügeln in goldgestickter Tunika,

mit verschränkten Armen auf der Säule und räth nach Donau-Eschingen zu

telegrafiren, warum der Fluß ausbleibt.

Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram. · 第 26 / 27 题