Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem Hafendamme. --

Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die

schlafende Stadt; -- so wenig diese sich um die Sonne kümmert. -- Was

ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt keinen Kurszettel für die

schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau

-- rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt -- starke Schwankungen

der kleinen Fischerboote -- die große Fregatte fest, aber bei den

Italienern nicht beliebt -- Wellengold und Nebelsilber ausgeboten --

-- von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den

Markt wirft -- aber kein Käufer.‟

Doch Einer war ja aufgetreten! -- Und wie klein ist der Preis, den die

ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, -- und ohne

zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, -- so voll,

daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes

oder der Seligkeit aus der Brust.

+Den+ Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in

seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte,

Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den

letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen

der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe

hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem

häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur

kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.

So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend,

die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte

Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins

freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die

Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. -- Diese Morgenstunde am

Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem

Diamant‟ geweiht. -- Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war

sein Glaube geworden, -- jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. -- Sein

Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der

fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet

nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, -- der Gedanke schwingt

sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.

Wiedersehen! und +welches+ Wiedersehen? -- Meer und Himmel hatten

keine Antwort. Er fand sie in sich. -- War doch in ihm die Liebe zum

hohen markigen Baume emporgewachsen -- -- und +sie+ könnte ihm,

die halbverschlossene Knospe in der Hand entgegentreten? --

-- Und doch -- +welches+ war das Pfand, das er vom Freinhofe

mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen?

Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sie +vertraut+

dir! -- kein Anderer. Daraus war entsprossen: +wenn+ dieses

Weib dich lieben könnte! -- Und wie er es Tag für Tag dachte, klang

das +Wenn+ immer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den

Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher

er, +er+ allein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, -- daß

+sie+ ihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung

nach dem ersten Begegnen.

Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der

ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie

die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die

Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt:

+Was+ hieß dich denn +glauben+?

-- -- Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem

Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner

Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings

wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen

und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche

Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, gesellte sich

zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daß +überhaupt+ nichts

dagegen zu thun war.

Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und

nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. -- Längst war der

Hafen erwacht, -- dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich

unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse

Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben

laufend.

Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern

und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern,

Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der

Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen

Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines

Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen

Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt.

Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am

Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. -- Aus einem der letzten

steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je.

Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer

Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom

gepäcktragenden Burschen gefolgt, ins Thor. --

Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer

Freunde, -- sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt

es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der

Sammlung ihrer Mittel zu großen Zwecken. --

Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich

humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in

der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s

vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer

Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts

Abstoßendes im Gegenstande.

Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in

seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild

eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge

waren wohlwollend und gewinnend, -- seine schneeweißen Haare

und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, --

Ausdrucksweise, Bewegungen und Toilette vollendeten den Eindruck des

~banquier-diplomate~.

Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu

sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen

Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details

ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone

sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren,

ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf

Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann

hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe

abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma

zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz

beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner

Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich

hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die

Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng

der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form

vorzuziehen ist.‟

Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres

Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; -- die beste Gelegenheit, sie

mit mehreren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei

bekannt zu machen. --

Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen.

Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die

Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen

standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen

des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und

wenden uns zuerst zu Letzterem.

Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und

geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für

den, welchen er bekleidete. -- Schwer konnte man sich diese zarte,

schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes

denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den

blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen

Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu

Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. --

Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische

Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als

mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft

hätte.

Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung

bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich

romantische Richtung. -- Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär

nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende

Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, -- kurz alle

pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf

dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden

Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden +Gemeng+ der

glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.

Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger

gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer

Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und

welche er durch eine Art von ~cour d’amour~ im Stile des Königs

René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu

beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste

und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten,

festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen

Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit

einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.

Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem

praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando,

wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter

und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten,

als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu

organisiren. -- In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe

gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben

aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche

ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte,

und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und

Galanterie.

In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche

von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine

Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur

in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und

Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als

ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte

verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der

Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und

schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem

darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. -- Dabei

war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine ~liaisons~

während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine

poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht

nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der

bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt

worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches

Vertrauen mißbraucht habe.

Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner Beziehung

seinem Geschmacke. -- Es gewährte keinen Ueberblick, kein +Bild+! --

Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit sollte unter ihm

liegen -- die +Marine+ in +Morgen-+ und +Abendbeleuchtung+ -- des

Mondes nicht zu erwähnen -- -- und er selbst auf der Höhe, sinnend an

eine Säule gelehnt -- mit dem Nelson-Perspektiv hinunterschauend! --

Auch lag die Admiralität mitten unter andern Häusern. Nicht einmal

Hinterpforten. Jede „Rubens’sche Frau‟ mußte vermummt zwei Schildwachen

passiren.

Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der

Levante über die Nebeldecke der See den ersten Gruß zusendet! Aus

reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die

Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der Waldhöhe. -- --

Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung

über die Ausschmückung der Villa. -- Es waren so ziemlich alle Stile

vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine

eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge

des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große

Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke,

die nicht ohne Reiz waren, wie z. B. der achteckige Saal, der das

Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet,

Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder

Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich

in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum

überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem

Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter

Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt

gesehen. --

Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte

Farbenflecken auf den spitzen gothischen Zierrath der Wände

und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit

Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen

der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des

Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden,

die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und

Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur

als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem

Zauberpalaste betrachtete.

Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz

angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner

Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen,

Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren

-- wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein

dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. -- Denkt die umfangende

Mauer weg, -- und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem

Grazientempel, -- der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des

Westens entgegen, -- -- und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich

zu bestehen.

Doch die Villa ist kaum erbaut! -- Wer denkt +hier+ an Zerfallen?

Denkt doch auch +dort+ kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe

läge! -- Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der

herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger

Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der

beleuchtenden und dekorirenden Schaaren. --

-- -- Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei

Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der

ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der

Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen

auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen

Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller

Zufriedenheit bewährte. --

Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig

Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit

an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen

zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli,

Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen

sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den ~ricevimenti~

des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten

worden, zu wählen, und hatte, -- den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf

dem Spiele sehend, -- drei Professoren der ~Academia delle belle

arti~ ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. -- An zwanzig

Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz

gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede

hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte

Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités

mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle

Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen

glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie

hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu

bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr

angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der

Nichtgewählten, aber den einstimmigen der Tischgesellschaft. --

Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und

die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten

Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte,

welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für

den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schilderte

die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden

Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo

man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle

Anerkennung zolle. -- Es waren einige ~free-traders~ anwesend,

für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort

führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des

Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller

Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in

zwei ungleiche Lager getheilt -- da die Majorität auf Arnold’s Seite

-- mit Spannung und Vergnügen zuhörte. -- Der junge Korbach, der zum

ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben

verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren

Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den

seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen

der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden

Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er

den entschiedensten Sieg errang.

Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist

eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch

Vertheidigung unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen!

Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir

Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das

Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von

den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte

überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir

selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester

Zeit +aufhören+ ein +guter+ Markt für Sie zu sein, und wenn uns -- was

eben nicht der Fall -- alle Minen Südamerika’s zu Gebote ständen, so

würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen muß, der -- -- verzeihe

mir die Gesellschaft das ganz unoratorische und unparlamentarische

Gleichniß -- seine Schranken zu einem Kampfe zwischen der Hauskatze

der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen brittischen Leopard

öffnet!‟ --

Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem

Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu

thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der

Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft

wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die

Ausarbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht

bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini

bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen

zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur

Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu

können erklärte. -- Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend,

ja nöthig.

Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht‟, für sich

arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde

wohnte, und der Villa gepflogen worden.

Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, -- ihre Ankunft und den Entschluß,

zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron

Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit

einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der

Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.

Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück,

und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden

Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden:

Frau Klotilde Zeltner wird dem Balle in der Villa beiwohnen,

in Gesellschaft einer griechischen Kapitänsgattin als

Anstandsbegleiterin, welche Baron Heidenbrunn besorgt. -- Der

Prinz macht sich verbindlich, zehn Minuten lang mit Frau Klotilde

in einer Weise zu sprechen, daß die Gesellschaft des Anblickes

der Unterhaltung theilhaftig werde. -- Ihrerseits bewilligt sie

eine Unterredung, ~à discrétion~ über zehn Minuten, außerhalb

der Gesellschaft. -- Dieselbe stellt schließlich unbestimmte

Verlängerung ihres Aufenthaltes in Aussicht. --

Der Adjutant suchte vergebens den Schlüssel zur Erklärung des schnellen

Ueberganges zum Sistem der Konzessionen. --

Klotilde hatte Zeit gehabt, Günther’s Andeutungen auf der Reise zu

überlegen, und den Gedanken, daß Kollmann die Erscheinung seiner Frau

zu Gunsten seiner Angelegenheit in die Wagschale legen könne, so

lange ausgemalt, bis sie überzeugt war, derselbe sei bereits in der

Hafenstadt angelangt, und in einer niederträchtigen Intrigue begriffen.

Als, auf ihr Befragen, Heidenbrunn von Schritten eines Herrn Kollmann

beim Prinzen so wenig als von einer Frau dieses Namens wußte, ward

sie ruhiger, hielt es jedoch für angemessener, das streitige Terrain

zu occupiren. Sie kannte den Karakter des Prinzen hinlänglich, um zu

wissen, daß er unter dem ersten Reize eines glücklichen Verhältnisses

unzugänglich für andere Eindrücke sei, und beschloß ihm so viel

Hoffnung zu geben als möglich, wenn noch welche übrig bleiben sollte. --

-- -- Der Himmel bescheerte dem Prinzen einen umwölkten Abend, --

der erst spät einer hellen Mondnacht wich -- als Hintergrund seiner

Illuminazion. Der Chef der Gaskompagnie wüßte vielleicht zu sagen,

wie viele Tausende von Flämmchen die Form der Villa in feurigen

Linien auf den Grund des Waldes zeichneten. Weder Jemand von der

Gesellschaft noch der Prinz hat sie gezählt, sondern Letzterer nur

bezahlt, und wenn man das Spalier der Pechpfannen von der Stadt bis

auf den Berg, die Girandolen auf dem Vorplatze, das bengalische Feuer

auf der Kuppel und die alle fünf Minuten nach dem Himmel fahrenden

Büschel von farbigen Raketen dazu rechnet, so läßt sich annehmen, daß

dieser Versuch, die Nacht bei Tageslicht anzuschauen, allein so viele

Mittel in Anspruch nahm, als die Verwandlung von einem Paar Hundert

kalter und finsterer Stuben in warme und helle für die ganze Dauer

des Winters. -- -- Eine nördliche Reflexion! -- den tropisch heißen

Empfindungen gegenüber, mit welchen die Munizipalität mit Frauen und

Töchtern den Berg hinanrollte, größtentheils in viersitzigen Wägen in

der gewöhnlichen, durch Verspätung und Angst des Kleiderzerdrückens

erzeugten Familienverstimmung. -- Kühler fuhren die Damen der

höchsten Gesellschaft dahin, einzeln oder zu zweien -- es war ja eine

Konzession, welche die geschmückten Opfer mit lächelnder Resignazion

der Lieblingsmarotte des Prinzen brachten. Am kühlsten die alten

Militärs, welche berechneten, wie viele Stunden sie im Glühofen dieses

Feenpalastes mit loyaler Freudigkeit dorren mußten. --

In eigentlich froher behaglicher Stimmung kamen nur die Frauen der

~haute finance~; wir werden hören warum.

Mit welcher Empfindung aber auch Jeder gekommen sein mochte -- wenige

Minuten nachdem er durch die Blumenpforte des Vestibule getreten, wurde

er von jener erfaßt, welche sich gleich in der ersten Stunde, nachdem

sich die Geladenen versammelt, Bahn gebrochen hatte.

Es gibt Gesellschaften, die einem ummauerten Teiche gleichen mit einem

langweiligen Triton in der Mitte, und schief im Wasser stehenden,

glotzenden Goldfischen.

Andere -- seltene, glückliche! -- mahnen an eine frische Quelle, die

durch Felsen schlüpft und in welcher sich die Forellen jagen.

Die Goldfische in den steifen Uniformen wußten Anfangs nicht, wie ihnen

geschah, als sie in das gewohnte schwüle stehende Wasser zu fallen

meinten, und von einer wirbelnden Flut gefaßt wurden, die sie fortriß.

Nicht einmal die Polonaise -- (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu

dem getanzten Tarok hergeben mußte!) -- nicht einmal +diese+

hatte +begonnen+. -- Statt der geometrischen Promenade flogen

in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, --

lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, -- und mit

den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die

Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen

~contre-Alt~ -- der wahren ~viole d’amour~ der weiblichen

Brust -- und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die

hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige

Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden

des neckenden Frohsinns!

Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der Gebieter dieser Räume, daß

sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht?

Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt.

Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen

sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig

Millionen.

Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des

reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen,

dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was +sie+

der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der

+ungezwungensten Heiterkeit+ gegen den +spanisch+-exclusiven

Ennui ins Feld zu führen!

Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf

ihn -- ein reizendes Impromptu folgte dem andern -- sie bestimmten

die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen,

-- verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu

verflechten war -- und während der Ruhe die alten Kammerherren und

Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche

einmal die Damen des ~pur-sang~ für ihr Monopol hielten, und

kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich

wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und

durchglüht war -- -- mit Ausnahme einiger verknöcherter Repräsentanten

eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit

versinkenden Prinzipes. --

-- Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde

Medusa des Ceremoniells!

Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion -- der

einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten

Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, --

der andern, der ~arrière-pensée~, die gegen eine gewisse Koterie

gerichtet war, freute er sich +still+. -- Er dankte Gott, daß der

Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des

+heutigen+ Abends hineingefallen!

Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat

zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern

zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine

Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung,

Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur

Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen

zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische -- mit einer

Feuernelke oder blaßrothen Camellie -- die Frauen sprachen ihn an,

ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein -- und die Männer

hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen

abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die

Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes

+Zuviel+ hofften, und immer vergebens!

Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen

vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe

(der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte,

fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in

dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen +Kunst+

anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen

würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That werde. --

„Machen Sie schnell diesen Gang mit mir, sagte der Prinz rasch und

freundlich, und erzählen Sie zu Hause; ich sehe daß Sie Kenner sind!‟

und damit verließ er seinen Platz und durchschritt mit Korbach mehrere

Säle, in jedem mit einigen Worten die Idee bezeichnend, die ihn

geleitet.

Als sie in der letzten Piece, zunächst dem Eingange anlangten, traten

die letzten Angekommenen der ganzen Gesellschaft -- Klotilde und ihre

Begleiterin, ein.

„Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen,‟ sagte der Prinz zu

Arnold, das „sehr‟ so laut und freundlich betonend, daß es Klotilde und

die übrigen Anwesenden vernahmen.

Arnold zog sich nun zurück, und der Prinz sprach die Ersehnte und so

unerwartet Wiedergefundene an, und machte mit ihr den ganzen Weg zurück

nach dem Platze, wo er heute schon manches reizende Gespräch geführt.

Das jetzige währte ungefähr so lange als drei der früheren.

Als es, augenscheinlich zur vollen gegenseitigen Zufriedenheit,

endigte, trat der Prinz unter eine Herrengruppe, Klotilde aber ließ

ihre Blicke durch die Säle schweifen, bis sie Arnold fand, den sie ohne

Weiteres ansprach, von dem Zusammentreffen im Freinhof ausgehend.

Endlich ein Laut von +dorther+! ein Gespräch über +sie+! und

eines, in welches sich nicht der ekelhafte Konkurrenzgedanke mischte...

ein Gespräch über Julie, ohne daß die Firma Kollmann mitklang.

Er vernahm zwar nichts, was seinen Durst stillen konnte, -- Klotilde

war selbst seit der Zeit nicht dort gewesen -- aber ihre Erscheinung

wurde für den Augenblick zu einer angenehmen für ihn. Sie sprach ruhig

und in berechnet liebenswürdiger Weise. Der Prinz war gegen Arnold

äußerst gnädig gewesen: Motiv genug. -- Während der Prior von Sankt

Martin über den Prälatenstuhl weg nach dem Kardinalshut hinaufsah,

dachte Klotilde, praktischer, über die Villa des Prinzen hinaus an

eine Zeit, wo ihr jede freundliche Verbindung in einer tiefern Region

erwünscht sein könnte. Ueberdies hatte die Persönlichkeit Arnold’s ihre

Wirkung auch auf sie nicht verfehlt. Die Unterhaltung war lang und

lebhaft. -- Klotilde brach sie plötzlich mit einem „auf Wiedersehen!‟

ab, und verschwand im Gedränge.

Leider schien dem Prinzen kein ganz ungestörter Genuß des Festes

vergönnt zu sein. Mitten in einem angelegentlichen Gespräche wurde er

durch Baron Heidenbrunn unterbrochen, welcher den Saal mit einem großen

versiegelten Schreiben durchschritt, das er dem Prinzen überreichte.

Dieser riß es mit offizieller Miene auf, rief dem Adjutanten zu: „Ich

spreche den Kurier selbst!‟ und verließ die Gesellschaft mit der

Versicherung seiner baldigsten Rückkehr. --

Der Adjutant hatte nach dem Gange des Prinzen mit Arnold einige Worte

an Letzteren gerichtet, welche dieser artig und kühl erwiederte. Mit

Plomberg war es bei einem steifen Gruße geblieben. -- Die beiden

Offiziere hatten eine kurze Unterredung mit einander, in welcher

Heidenbrunn erklärte, er habe keine Gelegenheit finden können, den

vertraulichen Auftrag an den Prinzen zu vollziehen, und finde sich

unter den jetzigen Konstellazionen wenig bewogen, gegen Korbach zu

operiren. Plomberg, welcher sich nur Greuth gegenüber gedeckt wünschte,

verlangte Nichts als das Versprechen der Bestätigung, daß er seine

Sendung vollzogen. --

Und somit wehten Arnold’s Fahnen hoch im Winde!

Es waren Vortheile errungen, Gefahren abgewendet, und der Zweck des

Balles für ihn erreicht. Er gedachte denselben zu verlassen, nachdem

er sich noch mit Franchini unterredet, welcher ihm Glück wünschte. Das

Gespräch verlängerte sich durch hinzutretende Bekannte.

Als er sich von dem Bankier trennte und umwendete, legte sich eine

Hand auf seinen Arm und Klotilde, mit der griechischen Dame, stand vor

ihm. „Sie scheinen zu denken wie wir, sagte sie, daß man die Spielbank

verlassen soll, wenn man gewonnen, und nicht das Glück mit zu langem

~quitte ou double~ ermüden! Wir fahren nach Hause, und Sie, lieber

Korbach, werden uns um so gewisser das Vergnügen machen, uns zu

begleiten, da Sie in demselben Hotel wohnen!‟

Es ließ sich wohl schwer ein Refüs finden, und Arnold dachte auch an

keinen.

Das Fest hatte früh begonnen und es war nicht viel über die

Mitternachtsstunde, als der Wagen mit den beiden Frauen und Korbach die

Bergstraße hinabrollte, von den Klängen des Balles, die weit in die

Nacht hinaustönten, begleitet. --

Es war eine taghelle Mondnacht. Hie und da standen auf den Plätzen

einzelne Menschen und Gruppen und sahen nach den vor dem Licht der

Silberflut verlöschenden Flämmchen und blauen Feuern auf der Höhe.

Nicht ein Wölkchen am weiten Himmel, so weit das Auge reichte. Alles

klar und durchsichtig.

Die Frau des griechischen Kapitäns wohnte am Quai, einige Hundert

Schritte vom Hotel. Sie stieg bei ihrem Hause ab, Klotilde gleichfalls.

Letztere schickte den Wagen weg, sagte der Begleiterin Lebewohl und

legte ihren Arm in jenen Arnold’s.

In wenigen Minuten war der Weg bis zum Hotel zurückgelegt. Klotilde

war befangen, verwirrt und stumm, ohne daß Arnold einen Grund errathen

konnte.

Als sie in das Thor traten, sagte sie: „Wenn Sie in der ~Contrada

grande~, statt auf mich, auf einen Balkon hinaufgesehen hätten,

würden Sie in der Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht

sah und dann zurücktrat, Julie Kollmann erkannt haben. Ich hatte

aber meine Gründe, keine Erkennungsszene, auf den Balkon hinauf, zu

spielen.‟

Eine bewegte Nacht.

Der alte Lügenfürst mit seinen hundert Namen von Luzifer bis

auf Mefisto, ein Paar gläubige Jahrhunderte hindurch so zu

sagen ins Privatleben zurückgedrängt, hat sich wieder der

großen Weltbegebenheiten bemächtigt und treibt Politik und

Regierungsgeschäfte. -- Er ist zu sehr in Anspruch genommen durch die

Gesammtlage Europa’s, zu entzückt über die loyale Ergebenheit eines

Herrschers, welcher ihm die ~gloire~ einer großen Nazion als

Rauchopfer darbringt auf dem Scheiterhaufen, den er aus den übrigen

aufgebaut, -- über die allgemeine Erbärmlichkeit, das allseitige

Hinhalten der rechten Wange, nachdem man keinen Schlag auf die linke

bekommen, als daß er sich mit Kleinem befassen könnte.

In seinen schlechten Zeiten, -- als ihn Luthers Tintenfaß und römische

Bullen in die Enge trieben, -- als er von gott- und ehrliebenden

Fürsten aus den Palästen, von frommen Bürgern und Bauern aus den

Häusern und Hütten geworfen wurde, irrte er, des Einflusses auf den

Gang der Ereignisse beraubt, wie ein Vertriebener Legitimist umher,

-- von der Rolle eines Staatsanwalts zu der eines Winkelschreibers

herabgesunken, und befaßte sich mit Privatgeschäften der Individuen.

Dem Herabgekommenen mochte ein vom Thurm gestürzter Anton Pilgram

Violinlekzionen bei Tartini, -- ein blutunterzeichneter Kontrakt

mit Faust -- bei welchem er zuletzt noch betrogen war, -- die Zeit

vertreiben. Jetzt aber ist das Verderben einzelner Seelen, das

Zerstören einzelnen Glückes für ihn überwundener Standpunkt.

Doch mag es Stunden geben, wo er, die Diplomatie mit Beruhigung sich

selbst überlassend, heruntersteigt vom europäischen Thron und zur

Erholung wie Harun al Raschid umherwandelt, im Inkognito, umschauend

nach irgend einem herzlabenden Jammer.

Und so konnte er denn eine wahrhaft teufelsselige Stunde verleben, wenn

er, im Mondschatten an die Wand gelehnt, hinaufgesehen nach dem Balkon

in der ~Contrada grande~, -- gesehen was Alles aus dem sanften

Mondlicht werden kann, wenn es nur zur rechten Minute zwei heitere

Gesichter und blonde Haare beleuchtet! -- -- wie ein Moment kühles

Silber in glühenden Stahl verwandelt!

-- -- Tief und heiß traf der Stich in die ahnungslose Brust. Nicht

das dünnste Schild eines Zweifels, einer Besorgniß, hatte Julie

vorbereitend beschützt.

Wohl hatte sie Arnold nicht ein „Steinchen zum Bau des Feenschlosses

einer Gegenliebe‟ gereicht, -- aber dafür ihr eigenes aufgebaut. --

Vielleicht höher und fester als das seine.

Eine einzige laue Sommernacht erschließt die Aloënblüthe. -- Ein Herz

wie Julien’s kannte keine Uebergänge vom Dunkel durch Dämmerschein und

Morgengrau zum hellen Sonnentag. „Was ist denn -- hatte sie zu Sembrick

gesagt -- was ist denn an mir, was nicht Eingebung des Momentes wäre?

-- eine Stunde lang hab’ ich Arnold gesehen -- fühlen Sie denn nicht,

daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+?‟ -- Nur von Sembrick hätte

es abgehangen, +ausgesprochen+ zu hören, was er von dem Augenblick

an wußte, wo er den Brief durch Arnold empfangen.

Wenn man versucht werden könnte, da zu vergleichen, wo der Vergleich

nur auf Gegensätze trifft, so läge der schreiendste zwischen ihr und

Klotilde darin, daß an dieser Alles berechnet und besonnen war, -- an

Julie Alles unberechnet, -- und unbesonnen in dem Sinne, wie die Aloë,

der wir sie verglichen, sich nicht besinnt, aufzubrechen, wenn ihre

Stunde gekommen. --

Sie war gekommen: ihr erster Schlag hatte durch den Goldnebel

geklungen, mit ihrem letzten hatte ihre Hand in seiner geruht, -- und

als Arnold mit seinem Klarheit suchenden Wesen im Fremdenflügel am

Fenster stand und sich +Fragen+ stellte, hatte Julie an keine

Fragen an ihr Herz gedacht es war nur Eine Antwort, -- ein lautes,

freudiges Ja!

+Wie+ in den klangreichen, leichtbewegten Saiten ihres Herzens

der Laut der Liebe, den so Viele zu erwecken sich mühten, schlummern

konnte, bis ihr Engel sie Arnold entgegenführte, mag eines jener

Räthsel sein, deren Lösung sich der Meister, der das Saitenspiel der

Menschenbrust geschaffen, -- vorbehalten hat.

Jeder Huldigung hatten sie entgegengeklungen: mit ernsten Akkorden dem

ernsten Wort, womit ein tiefes Gefühl sich gegen sie aussprach, -- mit

fröhlichen, leichten Melodien dem alltäglichen Liebesgetändel, -- aber

nur jener Eine Ton war nie erwacht, den Jeder zu hören sich sehnte.

Sie lauschte mit stockendem Athem der Erzählung des Reisenden, der die

Urwälder Südamerika’s durchdrungen und in ihrem Boudoir den Teppich

aus dem Fell des erlegten Tigers ausbreitete; -- dem Gemälde der

Schlacht, in welcher ein Medaillon das Herz eines Tapferen vor der

Kugel beschützte, der für den Talisman um eine Stelle auf ihrer Etagere

bat; -- der Elegie des Künstlers, der entzückt war, mit ihrem Namen

das Werk zu schmücken, zu dem sie ihn begeistert: der Teppich, -- das

Medaillon, -- das Tonstück bewegten ihre Fantasie, beherrschten Stunden

und Tage lang ihre Gedanken, aber das Herz blieb ruhig bei allen, oft

großen und gewaltigen Eindrücken und Erscheinungen.

-- -- Und nachdem all die gefeierten Namen geklungen und Orden geglänzt

und Lorbeern gegrünt -- kam +er+ im Schiffchen heran, in der

grauen Jacke, im grünen Hut -- und der Harfe in ihrer Brust entflog,

von der +rechten+ Hand berührt, der himmlische Dreiklang: ich

liebe dich!

Der nervöse Wechsel von Fröhlichkeit und Verzweiflung wich einem

stillen Glücke, das ruhigem Schmerz die Hand reichte, die ihre innere

Welt beherrschend in einander übergingen wie Nacht und Tag, nicht

einander zischend bekämpften wie Wasser und Flamme.

Einem furchtbaren, großen, tragischen Geschicke gegenüberstehend,

wo die Welt nur eine unglückliche Ehe sah, -- einem Verhängnisse,

das sie fast willenlos in die Hände eines Gehaßten gab, aus dessen

Gewalt keines jener Mittel sie befreien konnte, welche göttliche und

menschliche Gesetze Andern zur Lösung unseliger Bande darbieten, --

hatte die Hoffnung in ihrem Herzen die Gestalt eines fantastischen

Wunderglaubens angenommen.

Edmund von Sembrick war die erste Erscheinung, welche diesem Glauben

eine bestimmte Richtung gab.

Der Moment wo sie ihn kennen lernte, in einer rettenden kühnen That, --

seine Erscheinung, die so gewaltig abstach gegen die konvenzionellen

Gestalten, welche sie bisher umringten, -- die unwillkürliche Mahnung

an den Gedanken der Erlösung, die in seinen Zügen lag, -- das wilde

Feuer der Energie, das manchmal in seinen Augen aufloderte, der Funke

des Geistes, der nie in ihnen erlosch: Alles hatte sich vereinigt, um

den Blick der Alleinstehenden, Hülfesuchenden auf ihn zu lenken. -- Der

Schnee, der den Vulkan deckte, war ihr nur ein Zeichen seiner Höhe,

die Kälte, ja Härte, welche nur selten einem weichen Momente wich, ein

Beweis einer Kraft, die da einen Ausweg öffnen konnte, wo +sie+

keinen sah.

Sie war entschlossen, ihm Alles zu vertrauen. Da gewahrte sie das

plötzliche Schmelzen des Schnee’s. Wie die Minerva in voller Größe

gewaffnet aus Jupiter’s Haupte sprang, stand seine Liebe in ihrer

ganzen Glut und Kraft vor ihr.

Aber nicht schneller hatte das Auge des Weibes sie erkannt, als --

Kollmann. Dieser, der über Sembrick’s Karakter im Reinen zu sein

glaubte, und ihn an Julie gefesselt sah, weihte ihn selbst in Alles

ein. -- Edmund trat mit dem Bekenntniß seiner Liebe, und zugleich in

voller Kenntniß dessen vor sie hin, was sie ihm mittheilen wollte, --

aber auch mit dem Eingeständnisse, daß es gegen Kollmann’s Waffen ein

einziges Mittel gebe, dessen Ausführung, gewaltsam und abenteuerlich,

von der Zeit und der Ueberwindung von tausend materiellen Hindernissen

abhänge.

Die vorhergegangene Unterredung der beiden Männer hatte damit geendigt,

daß Sembrick die Ueberzeugung von der tiefen Schlechtigkeit Kollmann’s

mitnahm, welcher dieß wohl wußte, aber sich kalt und ruhig freute, ihn

durch die Mitwissenschaft an sich gebunden zu sehen, wenigstens so

lange ihm Julien’s Glück theuer war, das hieß, für immer, wenn auch

seine Liebe oder Leidenschaft nicht ewig währen sollte. Der Erwiederung

derselben von Julien’s Seite hätte er ruhig zugesehen.

Es kam aber anders.

Sembrick hatte nicht als der Erlöser gesprochen, den sie gedacht.

-- Er wollte sie durch eine Hölle tragen, ein Leben und Freiheit

gefährdendes Unternehmen für sie ausführen, -- -- aber am rettenden

Ufer angelangt, war ihr Herz das Ziel, auf welches er hinblickte.

Sie sprach offen und wahr mit ihm, entschlossen, ihm keine Täuschung

und keine Hoffnung zu lassen. Er gab sie nicht auf, eben so wenig als

den Vorsatz, ganz so für sie zu handeln, wie er mit der Gewißheit des

schönsten Lohnes gethan hätte.

Julie hatte den jugendlichen oder besser kindischen Traum einer

„Freundschaft‟ gehegt, -- diese gerade darum für möglich gehalten,

weil der ganze Kreis, der sie umgab, des Gedankens einer Freundschaft

zwischen einem Manne und einer reizenden Frau nur mit höhnischem Lachen

oder Lächeln erwähnte. Was diese für unmöglich hielten, sollte sich in

Edmund verwirklichen.

Nun war der „Wunderglaube‟ erschüttert, -- der Befreier des Landes

streckte zugleich die Hand nach der Krone desselben aus: ihr Herz hatte

geschwiegen.

Hätte dieses gesprochen, -- sie würde ihn wenigstens gefragt haben,

welchen Gefahren er entgegengehe. Wie bange schlug es, als er sagte:

Wenn Sie Korbach Alles mittheilen, so ist er gebunden wie ich, geräth

in den Kampf zweier Pflichten! -- +Da+ erst mochte sie fühlen,

daß sie vom +Freunde+ nimmermehr erwarten solle, am wenigsten

verlangen dürfe, daß er Etwas für sie unternehme, woran sie den, den

sie liebte, nicht einmal durch Mitwissen betheiligt sehen wollte. Ohne

irgend einen Begriff von Sembrick’s Plane, nur seiner hingeworfenen

Worte gedenkend: „Noch Eine treue, verläßliche Hand!‟ hatte sie Arnold

gesendet. Nach dem Gespräche mit dem Baron war sie entschlossen, Jenem

zu schreiben, ihn nach dem Freinhof zu bitten, ihre Fragen, Alles zu

widerrufen, kurz um jeden Preis, auf die Gefahr hin, unbesonnen vor ihm

zu erscheinen, ihn von jedem weitern Schritte und einer Annäherung an

Sembrick abzuhalten.

Dieselbe Bitte, Nichts für sie zu thun, und sie der Vorsehung allein zu

überlassen, wollte sie auch an Edmund richten. Von dem +Freunde+

in ihrem Sinne konnte sie ein Opfer annehmen, sie fühlte aber nach

seinem Weggehen, daß er im Herzen fordere, und sie hatte nichts zu

bieten.

Während sie seine versprochene Rückkehr von der Reise nach dem Orte, wo

das ganze Geheimniß ihres Lebens ruht, erwartete, führte Kollmann sie

plötzlich vom Freinhofe fort: Sembrick traf diesen bereits verlassen.

Wohl war der „Wunderglaube‟ mit Arnold einen Augenblick erwacht:

Edmund gegenüber erschien er ihr wie der königliche Hirtenjüngling

mit der Schleuder, der den Goliath schlug, welchem die gerüsteten

Krieger erlagen. Allein der Gedanke, ihn, statt mit den Blumengewinden

ihrer Liebe, mit den Dornen ihres Geschickes zu umflechten, war ihr

unerträglich geworden. Keine Frage, +wohin+ die Wellen tragen,

sollte das Entzücken der Gegenwart trüben.

Sie streckte die schöne Hand nicht aus nach dem Schleier der Zukunft!

Der Gedanke, wohin +soll+ es führen, fand nicht Raum neben dem

Schatze von süßen Empfindungen, zu denen es +geführt+. Bei Julie

war nur Eines gewiß, wohin es +nicht+ führen konnte: nie zu einem

Treubruch gegen sich selbst! Wenn wir die kühne Behauptung aufstellen,

daß der Paradiesvogel dieser Liebe über die Mauern der Pflicht gegen

Kollmann wegfliegen durfte, so wagen wir sie auf den Umstand hin,

daß auch wir einen Schleier zu lüften haben, aber nicht der Zukunft,

sondern der Vergangenheit.

So unausgleichbar, anscheinend, der Widerspruch, -- sagen wir, daß

Julie trotz der Bande, die sie an Kollmann fesseln, wenn sie +von

Arnold’s Arm umschlungen+ in den Seespiegel blicken würde, ihr Bild

so rein herauflächeln sähe, als das Edelweiß, womit er ihre Brust

schmückt... Es war dieß ihr Traum gewesen, als sie am Morgen nach

seiner Ankunft entschlummerte. --

Er trat auch jetzt vor ihre Seele, als sie, die ~Contrada grande~

hinab, nach der weißglänzenden Meeresfläche blickte. Die erfrischende

Nachtluft kühlte wohlthätig die heiße Stirn. Sie strich die Locken

zurück, ließ sie spielend durch die Hand gleiten und freute sich der

Erinnerung, wie er dieselben betrachtet, wie in den ruhigen Augen ein

heller Funke aufgezuckt bei ihrer Berührung. -- -- Hatte sie doch

einmal ein Buch zur Seite geworfen bei der Stelle, wo die Liebende

spricht: Wie arm fühl’ ich mich gegen dich! „So bleibe arm, du enges

Herz --! hatte sie ausgerufen -- wenn du liebend dich nicht reich genug

fühlst, um deiner Dürftigkeit zu vergessen!‟ -- -- Sie fühlte sich

reich, dreifach wiederzugeben, was sie an Seligkeit empfing; freute

sich jedes ihrer Reize als einer Gottesgabe für den Geliebten.

Sie drückte die Hände auf die Augen: so reizend das Nachtbild, -- ein

wonnevolleres stand vor ihrem Sinne. -- Still lächelnd schaute sie es

an, -- jeder Athemzug ein Gebet um Wiedersehen! jeder Gedanke ein Kuß!

Und als sie die Hände wieder von den Augen nahm -- -- wo war da

der Schutzgeist ihres Friedens, daß er sie nicht mit seinem Fittig

bedeckte!?

-- -- Gegenüber lachte der Satan im Mondschatten. Das Wiedersehen war

erreicht: die ~mise en scène~ war ihm gelungen.

Die nächste Minute hat Klotilde bereits erzählt: -- „die Dame, die

Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah, und dann zurücktrat‟

-- -- sie wankte durch den Salon, am Spiegel vorüber, der ihre Reize

zurückwarf, für welche sie dem Schöpfer um des Geliebten willen

gedankt hatte, -- zusammengebrochen, halb bewußtlos. Wie nahe auch

die Möglichkeit lag, den Giftpfeil in ein unschädliches Spielzeug des

Zufalls zu verwandeln: sie hatte nicht die Kraft eine Lösung zu suchen.

Mitleidig lächelnd harrte ihr Genius des Augenblickes, wo sie die

beiden Trostgeber aus seiner Hand empfangen könne: Thränen und Gebet.

Es währte lange, ehe die ersten Tropfen aus den brennenden Augen

drangen, und den Krampf der Nerven, jenen der Seele lösten -- -- dann

strömten sie hin, und mit ihnen eines jener Gebete, die so selten

vergebens aus der Erdennacht emporsteigen. Sie werden erhört, -- und

das letzte flehende Wort aus der Tiefe des Herzens klingt zusammen mit

einem: „Es werde Licht‟ von Oben.

Nach einer Stunde solchen Sturmes mußte das Schiff des Glaubens

gescheitert und versunken sein, -- oder gelandet am grünen Gestade.

Sie hatte lange am Fenster gekniet; -- nun stand sie auf -- die

Hände hoch über dem Haupte gefaltet und sagte, noch durch Thränen

lächelnd: „Es ist ja nicht möglich, und darum +ist’s+ nicht! --

Arnold und Klotilde! Vergib mir, Allgütiger! daß ich dich bat mir

wiederzuschenken, was du mir nie genommen!‟

Festen und leichten Schrittes ging sie einige Male auf und nieder,

-- ließ Licht bringen und schrieb. -- Nun hat sie geendet, und sich

zur Ruhe gelegt -- und leise, -- leise -- wie Rehe, vom Wetterstrahl

verscheucht, heranschleichen zum gewohnten Spielplatz -- kamen die

entflohenen Träume wieder -- und als sie die Augen geschlossen,

lächelte der Mund, als spielten, wie man von Kindern sagt, die Engel

mit der Schlummernden.

* *

*

Kurz war die Freude des Teufels.

Einen längeren und nachhaltigeren Genuß hätte er haben können, wäre er

der kleinen Barke gefolgt, welche am Anfange der Nacht, fast zur Stunde

wo das Fest begann, vom Lande stieß, den Hafen durchschnitt und einer

am Ausgange desselben geankerten Dampfkorvette zusteuerte.

Letztere, unter englischer Flagge segelnd, ist am Morgen von Malta

angekommen, der Kapitän hat sich mit einem Begleiter ans Land begeben

-- daselbst den Auftrag, dessen Erfüllung wir nun zusehen werden,

bestellt, und ist wieder an Bord zurückgekehrt. -- Abends entsendete

er einen Matrosen mit dem erwähnten Bote nach dem Quai, wo Kollmann

dasselbe erwartet.

Es nähert sich der Korvette, auf deren Vordertheil der Name Aegina zu

lesen: am Bord ist Alles still und wach -- der Kapitän überblickt mit

scharfem Auge Nähe und Ferne.

Er hat sich für die Sicherheit zweier Passagiere, die er führt, einem

Manne verbürgt, welcher, auf der Höhe der Gesellschaft der stolzesten

Nazion stehend, es in seinem und seines Landes Interesse findet, seinem

aristokratischen Staatswagen die wilde Jagd der gesammten europäischen

Demokratie vorzuspannen. -- Die Steine, welche während seines langen

Lebens aus allen Kabineten und sonstigen Werkstätten des konservativen

Prinzipes auf ihn geschleudert wurden, könnten hinreichen, um einen

Damm von seinem Vaterlande nach dem Kontinent aufzuführen. -- Man

erwies ihm in einer Residenz -- (tausend Meilen von unserer entfernt)

einmal die Ehre, seinen Rücktritt durch ein eigenes Plakat der

Bevölkerung anzuzeigen, als ein Ereigniß, durch welches die bedrohte

Zukunft eines großen Staates gerettet worden, und wir erinnern uns

wohl der Indignazion der Einwohner über diese Huldigung. In seinem

Lande wird aber sein Name als der Tipus des populärsten, des eigentlich

nazionalen Ministers fortleben, und bei jedem Sturze von der Höhe der

Ministerbank ist er nur in die offenen Arme des Volkes gefallen, das

er mit seinen Tugenden und Schwächen begreift wie Keiner, und das ihn

dafür in sein Herzblut aufgenommen.

Der Kapitän der Aegina, welche schon manche Reise, mit politischer

Contrebande befrachtet, glücklich zurückgelegt, genießt das Vertrauen

des Lords, den wir nicht zu nennen brauchen, und welcher ihm Wangerode,

den deutschen Demokraten, mit welchem Kollmann auf seiner Reise vor

drei Jahren zusammengetroffen, +empfohlen+, einen Zweiten aber,

den wir bald kennen lernen, aufs Wärmste ans +Herz gelegt+.

Wangerode gehörte zu den Schiffsgütern, welche in allen deutschen,

monarchisches Gebiet bespülenden Gewässern mit Beschlag belegt werden.

Er war Keiner von denen „welche im Momente der Gefahr ihre Pflicht

nach einem anderen Punkte ruft‟ -- meist nach den Bahnhöfen, und die

das undankbare Vaterland nicht mit eroberten Fahnen, sondern mit

gestohlnen Kriegskassen verlassen. Er hatte als achtzehnjähriger

Jüngling auf den Barrikaden gefochten, unter den „von Zukunftdranges

Sturm am Weitesten Getragenen‟. Ein altes Schwert, das bei Einnahme

des Zeughauses in seine Hände gefallen, hatte vielleicht seit zwei

Jahrhunderten zum ersten Male wieder Blut getrunken, edles Blut, mit

welchem nun sein Name im Schuldbuche eingeschrieben stand für immer

und ewig. Wie viele Hunderte geächteter Namen auch durch das Sieb der

verschiedenen Amnestien gegangen, für den seinigen waren die Löcher zu

eng.

Wer aber einmal sein Leben eingesetzt für seine Gesinnung, der bleibt

von der Feuertaufe gestählt für immer. -- Als Wangerode den Kugeln

gegenüberstand, hatte er nicht für eine Ueberzeugung geblutet, sondern

für ein Gefühl, einen Enthusiasmus! Das ist ja das göttlich Schöne der

Jugend, daß sie für ein Wort in den Tod geht, ohne nach dem Begriffe zu

fragen!

Mit den Jahren hatte sich das Gefühl zur Ueberzeugung ausgebildet. Er

war aber durch die Reife nicht besser geworden. -- Das Ziel seiner

jugendlichen Schwärmerei war: allgemeine deutsche Republik; das Mittel:

Massenerhebung des Volkes zum offenen Kampfe der Blouse gegen die

Uniform. Der Zweck ein Ideal, das Mittel ritterlich.

Sein +jetziger+ Standpunkt war: Einheit Deutschlands -- ob

Republik, ob Monarchie -- er hätte vielleicht einer das gesammte

Vaterland umfassenden Militär-Diktatur den Arm geboten. Darin lag eben

kein Herabsinken; es war ein Ideal wie das andere. Aber den Glauben

an die Erreichung durch ritterlichen Kampf hatte er in Erkenntniß der

Wirklichkeit verworfen. Umsturz des Bestehenden durch jedes Mittel, --

der Schutt als Unterbau künftiger Einheit war seine jetzige Devise,

und er stand im Gutheißen der verworfensten Wege dem italienischen

Revoluzionschef nicht nach. -- Nach wie vor bereit, seinen Kopf für

seine Sache einzusetzen, hätte er kein Bedenken getragen, Andere mit

dem Dolche des Meuchelmörders auszusenden.

Sein entschlossener Karakter, seine Bildung und Gewandtheit hoben ihn

bald über die Schaar der übrigen Exilirten empor, und die Häupter der

verschiedenen Frakzionen, welche auch in der Fremde die heimatliche

Spaltung verewigten, erkannten ihn bei durchgreifenden Beschlüssen

faktisch als höchste Autorität.

Bei seinem ersten Zusammentreffen in der Schweiz hatte er in Kollmann

insofern einen Gleichgesinnten erkannt, als dieser vom baldigen

Zusammensturz der Verhältnisse im Vaterlande überzeugt war, -- bei

einem zweiten, in Mannheim, kam es zu einem förmlichen Verständnisse.

Der Weg, auf welchem Kollmann dem in London lebenden Wangerode

regelmäßige Mittheilungen machte, blieb unentdeckt; Kollmann’s

Haltung in der Gesellschaft beseitigte übrigens jeden Verdacht, außer

Lipprecht’s, der, wie wir wissen, damit isolirt stand. Kurze Zeit vor

seiner, aus andern Gründen beabsichtigten Reise nach der Hafenstadt

hatte er die Nachricht erhalten, daß Wangerode eine Begegnung wünsche.

Es war angegeben, auf welche Weise Kollmann im Hafen von Zeit und Ort

derselben in Kenntniß gesetzt werden sollte.

Der Vorschlag kam ihm sehr unerwünscht; ganz andere Entwürfe

nahmen seine Gedanken und Zeit in Anspruch. Allein der Wunsch war

+bestimmt+ gestellt, und er befand sich in einer Lage, welche eine

schmeichelhafte Aehnlichkeit mit jener des Kaisers der Franzosen den

alten Carbonari-Freunden gegenüber hatte.

In der Mannheimer Unterredung hatte Wangerode so zu sagen mit dem

Herzen auf der Zunge gesprochen, und ihn in das innerste Getriebe

der Partei hineinschauen lassen. Als Kollmann beim Abschiede eine

Betheuerung seiner unverbrüchlichen Verschwiegenheit geben zu müssen

glaubte, antwortete Wangerode lachend: „Dergleichen ist nicht mehr

üblich! Männer überlegen bevor sie eingehen. Dann aber weiß auch Jeder,

daß einem Verrath oder Abfall nicht mit verschränkten Armen zugesehen

wird. Wollen Sie Beispiele?‟ Es folgte eine Aufzählung von Personen,

welchen bei plötzlichem Wechsel ihrer Gesinnung ein Paar Zoll kaltes

Eisen als Präservativ gegen Indiskrezionen eingegeben wurde, -- und die

Bemerkung, daß dergleichen nur in Italien vorkomme; deutsches Wort sei

noch nicht gebrochen worden. --

Das hieß schließlich doch, daß +wenn+ das deutsche Wort

ausnahmsweise gebrochen würde, ein Messer auch ausnahmsweise seinen Weg

in deutsche Haut finden könnte.

Wangerode hatte Alles ganz heiter und ohne unheimliche Betonung

gesagt, aber der Zuhörer kannte seinen Mann und hatte bisher seine

eingegangenen Verpflichtungen getreulich erfüllt.

Er stieg nun die Schiffstreppe an Bord der Aegina hinan, der Kapitän

schritt ihm voran, ins Innere des Schiffes hinab, wo er die Thür einer

Kabine öffnete und nachdem Kollmann eingetreten, sich zurückzog.

Am Tische saß, beim Licht der Hänglampe schreibend, Wangerode. Leider

steht uns zu seinem Bilde keiner jener kontrastirenden Züge zu Gebote,

durch welche glückliche Autoren ihre Gemälde pikant zu machen wissen.

Der Ritter, der die geharnischten Gegner Mann für Mann aus dem Sattel

schleudert, trägt häufig „zarte, fast mädchenhafte Züge‟, -- der Jesuit

lächelt mit so freundlicher Bonhommie, daß ihn Niemand durchschaut, als

der Verfasser, -- die Dame, die im Verlauf des Romans sich als eine

Lukrezia Borgia entwickelt, hat ein „sanftes Madonnenantlitz‟ u. s. w.

Wangerode sah aber gerade so aus wie der deutsche Demokratenführer vom

Maler gemalt wird, wenn er eben keinen wirklichen vor sich hat. Wenn

wir eine Nachahmung hoher Vorbilder im heldenbeschreibenden Stil wagen

dürfen, so sagen wir: „die breite Stirn und Nasenwurzel so wie die kühn

aufgeworfene Unterlippe verriethen Entschlossenheit und Energie; in

den grauen Augen lag ein Gemisch von Kühnheit und List, -- die breite

Brust und der gedrungene Körperbau so wie die ausgebildeten Armmuskeln

ließen auf einen Mann schließen, der keinen Gegner im Einzelkampfe zu

scheuen braucht; ein heller, dichter Vollbart umgab das wettergebräunte

Gesicht‟ -- -- doch genug.

Er erhob sich rasch und bot Kollmann die Hand mit den Worten:

„Willkommen nach drei Jahren, treuer, bewährter Freund! Wir sprechen

uns heute in voller Sicherheit und wollen gleich zur Sache übergehen.

-- Daß Sie hierher kommen, erspart mir eine Rundreise; mein Ziel

ist für den Augenblick nicht Ihr Land, ich hätte aber einige Ihrer

Provinzen durchflogen, wenn ich Sie nicht anders hätte treffen können.

Sie haben Viel geleistet, wir wissen es Ihnen Dank, und der Moment,

wo wir es beweisen werden, kann nicht ausbleiben. -- Lassen Sie uns

die vielleicht so bald nicht wiederkehrende Stunde genießen und

nützen, rauchen Sie zum Thee eine von den Zigarren, die mir unser Lord

mitgegeben, und erfreuen Sie mich mit der Erzählung dessen, was Ihre

reservirten Berichte verschwiegen.‟

Kollmann dankte ablehnend für alle dargebotenen Erfrischungen mit

Ausnahme der Havanna, lehnte sich in das niedere Sofa zurück, und

begann, mit gekreuzten Armen auf den Boden vor sich hinsehend:

„Ich habe unser Programm festgehalten. Es besteht, um der Börse

ein Gleichniß zu entlehnen, darin, die Kurse der politischen

und administrativen Verkehrtheit bis zum höchsten Schwindel

hinaufzutreiben. Meine Berichte haben einige Erfolge enthalten. Ich

ergänze dieselben in Betreff der Art und Weise, wie ich sie errungen,

und noch mehr zu erreichen hoffe.‟

„Ich habe mir eine Verbindung mit dem Finanzminister eröffnet, durch

welche ich leicht Jemandem Zutritt verschaffen kann, und habe von

diesem Wege zu Gunsten von Männern Gebrauch gemacht, welche die

Geneigtheit des Grafen Breuneck zu Experimenten, denen unsere Industrie

nicht gewachsen ist, benützen. Es ist zugleich dafür gesorgt, daß jeder

Artikel, welcher mißfällige Bemerkungen über seine Maßregeln enthält,

ihm zu Gesichte kommt, und bei seiner krankhaften Empfindlichkeit gegen

Tadel haben wir ihm manchen die Journalistik treffenden Schlag zu

danken.‟

„Es steht mir ein Organ zu Gebote, durch welches ich dem Minister des

Innern auf vertraulichem Wege solche Korrespondenzen aus verschiedenen

Provinzen zukommen lasse, welche von sicherer Hand nach meiner Angabe

verfaßt und geeignet sind, ihn in seinem Centralisazionssistem zu

bestärken, und welche er höchsten Ortes vorlegen kann, als Beweis der

Zufriedenheit im Lande und der Ungerechtigkeit seiner Gegner.‟

„Ich überschätze meine Thätigkeit nicht, wenn ich behaupte, daß

mir Mittel zur Verfügung stehen, durch einen Vertrauten des

General-Adjutanten und durch ein fürstliches Haus Belege in die Hand

des Monarchen zu spielen, daß jede Konzession vom Volke nur als ein

Zeichen der Schwäche betrachtet würde, und daß eisernes Festhalten

am aristokratischen Prinzip in der Armee und unbedingte Suprematie

derselben über alle übrigen Stände von den wahren Freunden der Dinastie

als das einzige Rettungsmittel bezeichnet wird.‟

„Ich habe in kirchlicher Beziehung auf dem kleinen Felde, worauf ich

beschränkt bin, eine Saat gesäet, aus der in kürzester Zeit, vielleicht

in dem Augenblick wo wir sprechen, ein Konflikt, Repressivmaßregeln und

ein neuer, wenngleich nur lokaler Sieg der Konkordatpartei hervorgehen

müssen.‟

„Es ist nicht unmöglich, daß in Folge dieses Konfliktes eine

geschäftliche Maßregel ergriffen wird, die den Wirkungskreis des

Prinzen August Ernst berührt, die Spaltung zwischen ihm und dem Hofe

erweitert, -- daß hiedurch sein Wirkungskreis beschränkt, und somit

ein populäres, wenigstens +hier+ besänftigendes Element beseitigt

werde.‟

„Ich habe mir diese Verbindungen auf keinen andern Wegen geschaffen,

als die ich mir +selbst+ eröffnete, ohne +andere+ Geldmittel

als das Vermögen, das mir meine Frau zugebracht; -- habe mich aus

der Stellung eines in Privatdiensten stehenden Ingenieurs zum

Grundbesitzer, Kapitalisten, und auf eine Stufe emporgeschwungen, auf

welcher ich mit Personen aller Kreise der Gesellschaft, die höchsten

mit einbegriffen, im Verkehr stehe, und darf behaupten, daß wenn Sie

in jeder Provinz drei Vertreter hätten wie ich, in einem Jahre das

Konkordat in allen seinen Bestimmungen durchgesetzt, die Zensur wieder

eingeführt, die Herrschaft des militärisch-aristokratischen Elementes

auf die Kulminazion getrieben und somit die Revoluzion so gut als

vollbracht wäre.‟

„Und somit habe ich Ihnen Rechnung gelegt, und glaube unsern Mannheimer

Vertrag besser gehalten zu haben, als jemals unsere Gegner einen ihrer

Friedensverträge.‟

Kollmann schwieg, weder seine Stellung noch die Richtung seines Blickes

ändernd, und blies in gleichen Pausen das Havanna-Gewölke von sich.

Es lag etwas Imposantes in der kalten Ruhe, womit er seine Leistungen

auf dem Felde des „Nur so fort‟ aufzählte. Der Demokrat fühlte, daß

er einen Mann vor sich habe, der aus der Schaar der gewöhnlichen nach

vorwärts und rückwärts wühlenden Emissäre hoch emporrage, und freute

sich, seinen Werth in der ersten kurzen Unterredung vor Jahren erkannt

zu haben.

Er erwiederte mit Lebhaftigkeit: „Sie haben unberechenbar mehr für

unsere Sache gethan, als wir zu erwarten berechtiget, als Sie durch

Ihr Versprechen zu leisten verpflichtet waren. Sie gehören nicht

zu denen, deren Triebfeder das Geld der Revoluzions-Comités, --

Ihre Lage ist vielmehr eine solche, die Ihnen erlaubt, Andere zu

unterstützen. Eben so wenig der Ehrgeiz: Sie haben so viel erreicht,

daß Sie bei einem Umsturz der Dinge kaum mehr erreichen können. Von

einem Danke unserer Gesellschaft kann Ihnen gegenüber im gewöhnlichen

Sinne keine Rede sein. Wir können aber mit Gewißheit darauf rechnen,

+quitt+ zu werden, wenn das Ziel unseres Strebens erreicht ist.

Im Augenblicke des Umsturzes stehen +Sie+ als das Opfer desselben

da. Ihr Name gehört nicht mehr zu jenen, die in Zeiten der Krisis in

der Masse verschwinden: er wird auf der Proskripzionsliste, die das

Volk mit dem ersten vergossenen Blute niederschreibt, unter denen der

gehaßtesten Reakzionäre figuriren. Sie können hundertmal beschwören,

daß Sie nur auf Ihrem Wege für die Sache der Freiheit gehandelt -- man

wird Ihnen ins Gesicht lachen und antworten: das könnte Jeder sagen.

Es ist +dieß+ der Augenblick, wo das +volle+ Gewicht der

+Bürgschaft+ unserer +Partei+ und ihrer +Häupter+ Ihnen

zur Seite stehen +muß+ und +wird+! Ich habe dafür gesorgt

daß, wenn die Flut hereinbricht, Sie in die neue Ordnung der Dinge auf

einer Brücke hinübergehen, deren Pfeiler die Namen der gefeiertsten

Volksmänner sind, welche sich vor Sie hinstellen und sagen: Wir kennen

ihn! -- So viel als Antwort auf Ihre gewichtigen Mittheilungen,

insofern ich als Repräsentant unserer Gesellschaft spreche, zu deren,

des vollsten Dankes würdigem Mitgliede. -- Als Wangerode gegen

Kollmann erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Wir haben die sichersten

Andeutungen, daß leider die Tage des Grafen Greuth und des Ministers

des Innern und anderer für uns so unschätzbarer Männer gezählt sind,

daß man mit Reformen umgeht, die Alles ins Weite schieben können.‟

-- „Besorgen Sie nichts! Noch stehen die Genannten fest. Und wenn

sie fallen, -- immerhin! -- es kommt zu spät. Reformen? Ohne Zweifel

bekommen wir ein oder das andere leidliche Gesetz. Wir sind aber in

ein Stadium getreten, wo man die Gabe nicht mehr will wegen der Hand,

aus welcher sie kommt. -- Die Liebe ist dahin, -- und wenn sie Jeden,

der dies behauptet, auf die Festung schicken, bis das ganze Land in

den Kasematten, -- sie ist +doch+ dahin! Sie wissen, was ich von

der Liebe überhaupt, geschweige denn von jener des Volkes halte; man

kann nicht durch die Liebe allein regieren, aber auch nicht +ohne+

sie. Sie ist die Musik zum Tanze der Unterthanen. Sie tanzen jetzt nur

nach dem +Taktstocke+ des Kapellmeisters. Die besten Gesetze haben

keinen +Klang+ mehr, sie tönen höchstens wie Nothschüsse eines

sinkenden Schiffes.‟

-- „Mögen Sie recht sehen! Aber über das Wesentlichste sind wir nicht

im Reinen. Ihre Idee ist in drei Worten zusammengefaßt die, das Sistem

so zuzuschärfen, daß die Spitze bricht. An =wem= +soll sie+ aber

eigentlich +brechen+? Am +Volke+?‟

-- „Was verstehen Sie unter Volk?‟ fragte Kollmann statt zu antworten.

-- „Die sogenannten untern Stände den sogenannten höheren gegenüber.‟

-- „+Ich+ verstehe darunter diejenigen, die das was man +Recht+ nennt

gegen das was man +Vorrecht+ nennt, vertheidigen. Der Bäcker, der den

Zunftzwang -- das Vorrecht -- gegen Gewerbfreiheit -- das Recht --

vertheidiget, gehört nicht zum Volke, sondern zu den Privilegirten.

+Mein Volk+ ist in allen Ständen vertheilt.‟

-- „Eine Auffassung, vor der ich meine aus einem andern Gesichtspunkte

gegebene Definizion gern zurückziehe. Aber die Frage ist damit noch

nicht beantwortet.‟

-- „Verzeihen Sie, lieber Freund, Alles was Sie von Druck,

Aufschnellen, Spitze abbrechen, sagen können, ist Metafer, Gleichniß,

und läßt sich nicht bis in die Details auf die Wirklichkeit anwenden.

Der Prozeß geht einfach so: Eine Provinz erhebt sich. Die Regierung

macht entweder den Versuch die Rebellion mit Gewalt niederzuschlagen,

oder durch Zugeständnisse zu entwaffnen. Der erstere hat unter den

gegenwärtigen inneren, noch mehr unter den äußeren politischen

Konjunkturen wenig Wahrscheinlichkeit des Gelingens. Konzessionen aber,

welche unmöglich auf +Eine+ Provinz beschränkt bleiben können, führen

zum repräsentativen +Sistem+, welches mit dem Zerfall unseres Staates

gleichbedeutend ist.‟

-- „Ein lyrischer Sprung, zu dem meinem Verstande die Schnellkraft

fehlt.‟

-- „Sie werden ihn keineswegs gewagt finden, wenn Sie mir zugeben,

daß mit der Ursache auch die Wirkung wegfällt. Was die Gewalt

zusammengehalten, fällt mit ihrem Aufhören auseinander.‟

-- „Ich leugne den Vordersatz in Betreff Ihres Staates; die Bindemittel

der einzelnen Theile dieses naturwidrigen Organismus waren ganz andere

--‟

-- „Fürs Erste, lieber Wangerode, gibt es keinen naturwidrigen

Organismus. Selbst der Bucklichte, oder das Kind mit zwei Köpfen,

sind nicht +gegen+ das Gesetzbuch der Natur organisirt, sondern

nur nach einer kleingedruckten Ausnahme in demselben geschaffen.

Fürs Zweite ist unser Staat überhaupt kein Organismus, sondern ein

Mechanismus und zwar einer der einfachsten, nämlich ein Faß. Was hält

seine Dauben zusammen? Ein Druck von +außen+, der den Reif --

entbehrlich macht, oder der Reif +allein+. -- Der Druck von außen

war die sogenannte politische Nothwendigkeit, das Drängen +mächtiger

Nachbarn+, welche gewisse Völkerschaften zwangen, gleichsam als

Quarré nach allen vier Winden hin Front zu machen. Dieser Druck hat

sich in das +Gegentheil+ verwandelt: die wichtigsten Bestandtheile

sehen im Nachbar keinen Feind, sondern simpatisiren nach allen

Weltgegenden nach Außen. Lassen Sie sich nicht irre machen von dem

offiziellen Geschwätz, von „Millionen‟, welche ein gesammtstaatliches

Gefühl durchdringen soll: sie existiren nicht. Die Dauben +wollen+

auseinander; und der +Reif+, -- der kräftige, auf eine zahlreiche

Armee und den Gegensatz der Nazionalitäten gestützte Absolutismus

+allein+ könnte sie halten. -- Noch gibt es ein +Drittes+:

denken Sie sich die Dauben +geleimt+, +verkittet+, da sie

nicht organisch verwachsen können. Der Kitt ist die +Liebe+, --

die in früheren Zeiten durch kluge Popularitäts-Apparate geweckte

dinastische Simpatie. Durchreisen Sie unser Land, und zeigen Sie mir

ein Stück von dem Kitt, groß genug, um dieses Kajütenfenster in seinen

Fugen zu befestigen!‟

-- „Wolle Gott, daß Sie nicht durch eine rosenfarbene Brille sehen!

Es mag Sie befremden, aus meinem Munde Zweifel und Besorgnisse zu

hören. Unsere Londoner Klubs dürften mich nicht so sprechen hören.

Wir, vom Generalstabe, dürfen die Möglichkeit widriger Ereignisse

erwägen; der Mannschaft muß man Tag für Tag vorsagen: Morgen werdet

Ihr siegen! Diese Leute sind nicht fähig, sich mit der Erreichung

von vorbereitenden Zuständen, von Uebergängen zu begnügen, ein Feld

mit ihrem Schweiße zu bearbeiten und mit ihrem Blute zu düngen, auf

welchem eine künftige Generazion ernten soll. Ich gehe -- Sie wissen

es -- unerschütterlich den Weg fort, den ich für den rechten halte,

ich habe aber in den zehn Jahren so viele +unausbleibliche+

Ereignisse dennoch ausbleiben gesehen, daß ich Nichts mehr für wirklich

halte als das Vollbrachte. Allein hundertmal fehlschlagend muß unsere

Sache doch siegen: die Einheit Deutschlands. Sehen Sie nicht, wie an

der Flamme jeder europäischen Krisis die deutschen Souveränitäten

zusammengeschmolzen sind? Vergleichen Sie deren Zahl nach dem

westfälischen mit jener nach dem pariser Frieden! -- In fünfzig Jahren

gibt es vielleicht drei deutsche Staaten. Allerdings ein Ideengang,

der die Köpfe unserer Emigrazion bedeutend abkühlen würde. Was fragen

sie darnach, was nach fünfzig Jahren sein wird?‟

-- „Ein Ideengang, den auch ich nicht theile, da ich die Entscheidung

aus voller Ueberzeugung näher sehe. -- Ich habe Ihnen nach den

Mittheilungen, deren Gewicht sie nicht verkannt haben, noch eine von

geringerem Belange zu machen. Ich versäume nicht, wo ich kann, auch auf

Individuen in unserem Sinne zu wirken, und habe Hoffnung in kürzester

Zeit einen jungen Mann, der sich in keiner Weise bisher an Politik

betheiligte, für die Sache, die Sie vertreten, zu gewinnen. Er ist

der Sohn eines reichen Fabrikanten, welcher vielleicht durch meine

Konkurrenz einigermaßen zu leiden haben wird, aber vermöglich genug

bleibt, um beachtet zu werden. Er ist nicht auf +unserem+ Wege

zu brauchen, sondern nur auf dem der +direkten+ Opposizion; ein

gewisser Korbach. Ich werde Ihnen seiner Zeit berichten.‟

-- „Auch ich habe noch eine persönliche Angelegenheit zu besprechen.

Richard Forster, von dem ich Ihnen bereits Einiges mitgetheilt, ist auf

dem Schiffe. Eine Viertelstunde von uns liegt eine genuesische Brigg,

-- der Bronte, vor Anker. Ich lasse Richard vor Tagesanbruch nach

derselben hinüberführen, da der Bronte im Hafen landet, während wir,

sobald Sie uns verlassen haben, uns entfernen. Richard wird sich, mit

richtigen Papieren versehen, in Ihrem Lande aufhalten; Sie werden ihn

kennen lernen und finden, daß in dem jungen Menschen viele Zukunft. Er

steht unter dem besondern Schutze des Lords, wird unsern Zwecken so zu

sagen als Volontär dienen, ist treu wie Gold, aber Idealist; man muß

ihn seinen Weg gehen lassen. Wenn Sie ihn sehen, werden Sie begreifen,

daß die Weiber, -- um die er sich nicht viel kümmert, sich desto mehr

um ihn bemühten. Er hat kaum sein zweiundzwanzigstes Jahr hinter

sich; ich habe selten ein solches Gemenge von poetischen Anschauungen

und scharfem Blick im Leben gefunden; dabei ein froher Lebensmuth,

nach so vielem Traurigen, was ihn getroffen, -- und eine unbegrenzte

Verwegenheit. Ich habe eine Szene mit angesehen, wo er einen mit Säbel

und Pistole bewaffneten Franzosen auf eine Insulte gegen die Deutschen

augenblicklich mit seinem Stock angriff; -- er lachte hell auf, als

der Schuß an seinem Ohre vorüberpfiff, parirte einen Säbelhieb, warf

den Franzosen nieder und drückte ihm die Handgelenke wie in einem

Schraubstocke mit seinen eisernen Sehnen zusammen, die Niemand in dem

schlanken Burschen suchen würde, -- bis er widerrief. -- Vielleicht

können Sie ihm während seines Aufenthaltes im Hafen eine bestimmte

Richtung geben?‟

„Gewiß; aber warum machen Sie mich nicht hier mit ihm bekannt?‟

„Ich schlug es ihm vor, aber er will, wie er sagte, am hellen Tage Land

und Leute kennen lernen, und man kann, bei seiner etwas ausnahmsweisen

Stellung, auf seine Laune eingehen.‟

-- „Das ist gleichgültig; ich werde mir seine Person jedenfalls

angelegen sein lassen.‟

-- „Und nun, theurer Freund, nochmals Dank für Alles! Sie sind durch

Ihre Thätigkeit ein Mann geworden, der für uns den Werth von Hunderten

hat! Wir können uns nur freuen, Sie in einer Lage zu sehen, welche Ihre

Aufgabe erleichtert, indem Sie, nach beiden Seiten gedeckt, mit voller

Ruhe des Gemüthes arbeiten können. Hält sich die Regierung, so bleiben

Sie der einflußreiche Industrielle und Kapitalist; fällt sie, so sind

Sie durch uns geschützt. Fahren Sie fort zu wirken und seien Sie

überzeugt (Wangerode sprach mit besonders herzlicher Betonung), daß das

dankbare Auge der Vaterlandsfreunde Sie überall begleitet, daß Ihnen

überall eine Hand zur Seite, welche aufzeichnet, was Sie vielleicht zu

unbedeutend finden, um sich dessen zu rühmen!‟

Ob sich Kollmann in der aufzeichnenden Hand nichts als eine

Schreibfeder dachte, ist schwer zu entscheiden. Er schloß mit den

Worten: „Zählen Sie auf mich, wie ich auf Sie, -- mögen wir uns bald am

Ziele wiedersehen!‟

Wangerode geleitete ihn aufs Verdeck.

Eben strahlte das Feuerwerk und die Beleuchtung der Villa in vollem

Glanze.

Sie sahen einander an und ein Lächeln zuckte über die bleichen Wangen

Kollmann’s und über das kräftige Gesicht des Demokraten.

„Was haben sie da oben?‟ fragte Wangerode.

„Sie tanzen; der Prinz August Ernst illuminirt zu seinem Geburtstage.

Sie wollen die Wölfe der ernsten Zeit durch Feuerschlagen verscheuchen.‟

„Gott erhalte sie so! das Uebrige werden +wir+ machen!‟

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Als sich das Boot mit Kollmann entfernte, und Wangerode über das

Verdeck zurückschritt, rief ihm eine Stimme vom Vordertheile des

Schiffes zu: „Sind Sie einmal fertig, Sie langweiliger Verrina? Kommen

Sie doch her und schauen Sie mit mir das göttliche Bild an! Wie sich

der Mond durcharbeitet, und mit dem bloßen gestohlnen Widerschein der

Wahrheit die ganze Pracht der feurigen Lügendemonstrazion todtschlägt!

Steht nicht der Leuchtthurm dort wie die Salzsäule eines dem Sodoma da

oben Entlaufenen?‟

Richard Forster lag auf seinem ausgebreiteten Marinaro am Boden, den

Kopf in die Hand gestützt, über welche die vollen braunen Locken

von der edlen Stirn fielen und sah mit großen, dunkeln Augen zu

dem Herantretenden empor, dem bei diesem Anblicke alle Bilder ins

Gedächtniß kamen, alle Antinous, Mazeppa, und was sonst Künstler und

Künstlerinnen aus diesem herrlichen Modell herausgefunden. Da er sich

jedoch nie dazu hergab und man seiner blassen Züge, auf welchen Etwas

wie ein Kampf der Finsterniß mit dem Lichte, aber auch der Sieg des

Letzteren lag, -- auf ehrlichem Wege nicht habhaft werden konnte,

so stahl man sie so gut es ging, und der jetzige Augenblick war ein

solcher, wo man dem Raube Berechtigung zuerkennen mußte.

Wer aus diesem Munde einmal ein Gedicht von Byron, Heine oder

Freiligrath gehört, konnte sich kaum denken, wie derselbe sich zu einem

Matrosenfluche öffnen könne; und doch war nach Stimmung und Umgebung

das Eine bei ihm so gut möglich wie das Andere.

„Wir haben,‟ sagte Wangerode, „eine Besprechung gehabt, bei deren einem

Theile mir Ihre Gegenwart sehr erwünscht gewesen wäre.‟

„Und ich danke Ihnen, daß Sie mir das Vergnügen der Bekanntschaft

dieses scheußlichen Kerls erspart haben. Seine Eisbärenaugen leuchteten

herüber, daß ich unwillkürlich nach meinem Terzerol suchte.‟

„Doch ist dies der Mann, dem unsere Sache viel verdankt‟ --

„Kann sein. Bei Tag mag er aussehen wie ein ehrlicher Mensch; -- in der

Nachtbeleuchtung sieht er einem Schuft gleich. Sie wissen, was Sie von

meinen ersten Eindrücken zu halten haben!‟

„Sie sollen ja vor der Hand nichts als sich ihm vorstellen‟ --

„Dem da? Vielleicht der Vizepräsident der künftigen Republik, deren

Präsident vor mir steht? Hinter dem Gesicht steckt Einer von denen,

die Euch bei Euern wunderbaren Kombinazionen dienen sollen und bei der

ersten Gelegenheit verrathen.‟

„Davor wird sich dieser hüten. Wir haben unsere Bürgschaften.‟

„Ihr seid von einer Schlauheit, daß man nicht begreift, wie jemals

Einer von Euch gehenkt werden konnte.‟

„Ich hoffe, die Sache nicht begreiflicher zu machen. -- Sie werden

aber, lieber Richard, den Wunsch des Lords nicht vergessen, sich in

gewissen Angelegenheiten manchmal dem meinigen zu fügen. Thun Sie

es +ihm+ zu Liebe! Dieser Kollmann ist Ihnen jetzt widerlich,

vielleicht gewinnen Sie ihm eine andere Seite ab.‟

„So sei es denn, -- ich verspreche es um +seinetwillen+.‟

„Und nun gehen Sie zur Ruhe: Sie bedürfen Stärkung für Vergangenheit

und Zukunft!‟

„In der nächtlichen Heerschau über meine Todten werde ich sie am Besten

finden! -- Lassen Sie mich wach den Morgen begrüßen, an dem es über

den Rubikon geht. Ich kann mir einigermaßen die Stimmung denken, in

welcher der rebellische Militärgouverneur von Gallien seinen Gaul ins

Wasser trieb, um gegen die Freiheit zu kämpfen, welche damals auf Seite

der Regierung stand. Er hat die Nacht vorher vermuthlich auch nicht

geschlafen!‟

-- Wangerode verließ das Verdeck und Richard blieb allein mit den

Gedanken, die er seine nächtliche Heerschau genannt.

Vor ihm stand das Bild seiner schönen Mutter, wie sie ihm und seiner

Schwester erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, die sie in den Bergen

der Heimat Ossians verlebt... die Gestalt des Vaters, der sie nach

dem Lande unserer Geschichte geführt... die Stunde, wo die Sturmglocke

ertönt, Feuerschein durch das Fenster gedrungen war, und der Vater, mit

einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, vom Federhut bedeckt, sich aus

den Armen der Kinder gerissen. -- Wie sie ihn dann ins Haus getragen,

mit der Todeswunde in der Brust, wie er den Knaben gesegnet und mit

brechendem Auge gesprochen: Ich bitte Gott, daß er dir das Glück

schenke, für die Freiheit zu leben und zu sterben wie ich! --

Nach wenigen Wochen war ihm die Mutter gefolgt. Ihr Vermächtniß war

ein Blatt an den Lord. -- Er hatte sie geliebt, -- nie vergessen, als

sie Forster nach Deutschland folgte, -- und was er im Augenblicke der

Trennung gelobt, ihr Freund zu bleiben für immer, -- das hielt er über

das Grab hinaus mit einer Treue, als erfüllte ihn statt der Erinnerung

an eine unerwiderte Liebe, jene einer glücklichen.

Er ließ die Kinder nach England kommen, wo sie unter seinen Augen

erzogen wurden. Allein der Wunsch des Beschützers, Richard daselbst

einen bestimmten Beruf ergreifen zu sehen, ging nicht in Erfüllung.

Mit einer Anzahl von Talenten ausgestattet, deren jedes hingereicht

hätte, ihm eine feste Stellung zu sichern, rastlos an seiner Bildung

arbeitend, beharrte der Jüngling auf dem Entschlusse, im Geiste der

letzten Worte seines Vaters in dem Lande zu wirken, wo derselbe den

Tod gefunden. Er betrachtete England als seine Schule, und sammelte

einen Schatz von Erfahrungen, welche in der Glut seines jungen Herzens

zur Rüstung für den Feldzug geschmiedet wurden, welcher seine Existenz

ausfüllen sollte. -- Im Hause des Lords mit der Elite der Gesellschaft,

in den Tavernen der Emigranten mit dem entgegengesetzten Pole derselben

in Berührung, nahm er weder von den Vorurtheilen des einen noch von

der Rohheit des andern Elementes Etwas in sein Inneres auf, ob ihm

gleich die Formen Beider geläufig waren. -- Der Logik Wangerode’s

und der andern Comitéhäupter blieb er unzugänglich, und erkannte nur

zwei Mittel als der Sache der Freiheit würdig: Ueberzeugung durch

+Ueberredung+, -- und offenen +Kampf+.

Als ihm auch die blühende Schwester durch ein Ereigniß, das wir später

vernehmen, entrissen wurde, trat er, von ihrer Leiche kommend, vor den

Lord und sagte ihm den Entschluß nach dem Kontinent zu gehen. -- Sein

Beschützer hatte, da er den Vorsatz nicht zu erschüttern vermochte,

Richard zu dem, was er seine Sendung nannte, und was seinen eigenen

politischen Prinzipien eben nicht ferne lag, ausgerüstet, und ihn

Wangerode und dem Kapitän empfohlen.

-- Als der Morgen graute, fuhr er nach dem genuesischen Schiffe

hinüber, dessen Rauchsäule bald zwischen den Masten der am Quai

liegenden Schiffe emporwirbelte, während die Aegina nur noch ein Punkt

auf hoher See war.

Wir dürfen nur Richard Forster folgen, wie er mit leuchtendem Blicke

und stolzem Gange über die Landungsbrücke schreitet, -- um wieder im

Hôtel bei unsern Freunden anzulangen.

-- -- Die Nacht auf dem festen Lande war nicht weniger bewegt als auf

dem schwankenden Schiffe.

Sprenger hatte sich resigniren müssen, sein gediegenes Elaborat allein

zu Ende zu schreiben. --

Arnold, von dessen Selbstbeherrschung wir einige Beweise erhielten,

hatte dieselbe im Augenblicke von Klotildens Mittheilung vollständig

verloren. Er hatte sich nicht wenig auf die Repressivmaßregeln zu Gute

gethan, womit er alle Ausbrüche seines Gefühls niederzuhalten wußte; --

nun brach in einer Sekunde der ganze Bau zusammen.

Seine Begleiterin war nicht wenig erstaunt, als er bei ihrem letzten

Worte ihre Hand faßte, und mit einer Heftigkeit, die alle Schranken der

Galanterie übersprang, ausrief: „Und das haben Sie mir verschwiegen?

Das verzeihe Ihnen Gott!‟

„Ich glaube, daß dieß eine der geringsten Sünden ist, die mich am

jüngsten Tage belasten werden,‟ erwiederte sie befremdet und sah

lachend in seine von zorniger Erregung funkelnden Augen -- „aber

Korbach! so blond und so heftig! -- Sehen Sie, das gefällt mir. Ich

begreife auch jetzt +Alles+, seien Sie ruhig, ich werde gut

machen, was ich verbrochen!‟ --

„Ich bitte Sie,‟ entgegnete er -- „wenn Ihnen irgend etwas auf der Welt

heilig ist, machen Sie Nichts gut, -- vergessen Sie diese Bitte, --

meinen früheren Ausruf -- geben Sie mir das einzige Versprechen, Nichts

zu denken und Nichts zu thun!‟ --

Mit jedem Worte fühlte er lebendiger die Unbesonnenheit seines ersten.

Sie war nicht ungeschehen zu machen.

Klotilde antwortete ernst und ruhig: „Nicht zu +denken+ kann ich

wohl kaum versprechen, ich rede ehrlich mit Ihnen und wünsche, daß

alle Tugendspiegel so wenig falsch zeigen als ich. Daß ich nicht

+sprechen+ werde, schwöre ich Ihnen; schlafen Sie ruhig, und

glauben Sie, daß Sie um +meinetwillen+ Ihren Ausruf nicht zu

bereuen haben!‟

Hierauf wendete sie sich rasch um, die Treppe allein hinaufeilend.

-- -- Ein Paar Minuten später trat Arnold in Sprenger’s Zimmer. Ein

Blick auf die glühenden Wangen und verstörten Mienen verrieth letzterem

einen Gemüthszustand, welcher seine Erklärung nicht wohl in den

Ballgenüssen der Villa finden konnte.

Nach einigen Fragen und zerstreuten Antworten sagte er: „Arnold, du

bist in der Verfassung eines Menschen, der ein Unglück erlebt hat oder

eines hereinbrechen sieht. Ohne mich in deine Geheimnisse zu drängen,

bitte ich dich, dir Ruhe zu gönnen, du bedarfst ihrer.‟

Arnold erwiederte: „Schilt mich närrisch oder was du sonst willst, sage

mir nichts von Ruhe -- ich danke dir, daß du für mich gearbeitet, jetzt

wäre ich zu Allem unfähig. Leb wohl!‟ -- Und damit war er wieder zur

Thür hinaus, ehe Sprenger noch eine unnütze Frage an ihn richten konnte.

-- -- Wenn die vierundzwanzig Tischgäste des Banquiers Franchini hätten

zusehen können, wie der Repräsentant des Hauses Korbach und Sohn

nicht eine, sondern ein Paar Stunden die ~Contrada grande~ von

einem Ende zum andern durchmaß, bis er mit der Architektur sämmtlicher

Gebäude vertraut war: sie hätten nach den gehörten salbungsvollen

Tischreden den höchsten Begriff von seiner Vielseitigkeit bekommen. Was

er daselbst eigentlich gedacht oder gewollt, hätten sie aber so wenig

gewußt, wie er selbst.

Schwerlich konnte er glauben, daß Julie auf dem Balkon stehen

geblieben, -- und, nachdem er mit der Begleiterin vorübergegangen,

abgewartet habe, bis es ihm genehm sein würde, ohne dieselbe

zurückzukehren. Eben so wenig ließ sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge

voraussetzen, daß während der Stunden von zwei Uhr Nachts bis zum

Morgen sich passende Gelegenheiten zu Erklärung von Mißverständnissen,

zu einem, das erste, einseitige Wiedersehen verlöschenden zweiten

ergeben würde.

Der gewandte und besonnene Missionschef glaubte weder dieß noch irgend

etwas Anderes -- er mußte nach der ~Contrada grande~, weil er

nicht anders konnte; -- die Flut seiner dreiundzwanzig Jahre hatte

den Damm durchbrochen und trug ihn dorthin, wo er +ihr+ nahe.

-- Weiter dachte er Nichts, und wir freuen uns, ihn einmal so ganz

außer sich, ohne warum und wozu, ohne Reflexion und sogenannte gesunde

Vernunft im Mondscheine umherlaufen zu sehen. Denn wenn er heute Nacht

vernünftig gewesen wäre, so hätt’ er nicht verdient, daß Juliens Augen

um ihn naß geworden.

Bescheerungen.

Gleich Kindern vor der geschlossenen Thüre des Saales, worin der

Weihnachtsbaum flammt, standen vor der Pforte des anbrechenden Tages

alle Freunde und Freundinnen, welche der Lauf der Begebenheiten in der

Hafenstadt zusammengeführt, -- sammt allen Bewohnern der letzteren, --

mit klopfendem Herzen, Jeder der ersehnten Gabe harrend.

Und reich mußte der Baum behangen sein, wenn Jeder zufrieden den Abend

begrüßen sollte!

Im glänzenden Wipfel eine Blume, ein Selam des Wiederfindens --

für Julie; -- der gleiche Selam, mit der prosaischen Zugabe eines

rothgesiegelten Kontraktes mit der Korbacher Fabrik -- für Arnold; zum

Theile für Sprenger; -- an einer dunkeln Stelle zwischen den Zweigen

ein Blatt der Erfüllung, nach jenem der Verheißung, von Klotilde,

für den Prinzen; -- am Stamme, da die Aeste zu schwach aufgehangen

von der Hand des erwarteten Monarchen, ein goldenes Füllhorn voll

Orden, Adelsverleihungen und Zufriedenheitsbezeigungen für die Stadt

-- -- selbst Richard Forster, mit einem, kräftigen und fantasiereichen

Naturen häufig eigenen Aberglauben, wünscht am ersten Tage einem

simpatischen Gesichte, einem ihn verstehenden Auge zu begegnen, als

glückliches Omen seiner Zukunft. --

Nur der Monarch erwartet Nichts. Die letzte Zeit hat ihm alle Freude an

den Bescheerungen seiner Unterthanen vergällt. --

-- Die erste Hand, die am Morgen nach dem Baume langte, war jene,

deren Marmorbild Professor Harkeboom besitzt. -- Julie stand am

Toilette-Tische, faltete ein Billet zusammen und reichte es ihrer

getreuen Martha, die sie auf die Reise mitgenommen, mit den Worten: „An

Frau Zeltner, -- bring’ es ihr gleich!‟ --

Das Mädchen, welches die Gebieterin genau kannte, warf einen Blick

auf die Adresse und fragte nach dem +Wo+? -- Julie begriff zwar,

daß dieses ein wesentliches Erforderniß zur Bestellung eines Briefes,

vermochte aber dem Uebelstande nicht abzuhelfen.

Sie standen einander gegenüber, Julie lachend, das Mädchen lächelnd,

und so hübsch auch die Stellung der Ersteren war, wie sie, die linke

Hand in die Hüfte gedrückt, den Zeigefinger der rechten zwischen

den schönen Zähnen, nachsann, -- so blieb das Ergebniß doch das

gleiche, daß nur eine Rundreise durch die Hafenstadt oder polizeiliche

Nachforschung ans Ziel führen könnte.

Als Julie, deren praktische Seite nicht ihre stärkste, den Knoten

mit den Worten zerschnitt: „Geh nur einmal damit fort, du wirst dich

schon zurechtfinden, du kannst ja Alles!‟ -- flog die Thür auf, -- und

Klotilde trat ein.

„Ich kann den Tag nicht drei Stunden alt werden lassen, liebe,

theure Freundin, ohne Sie zu begrüßen! Heute Nacht sah ich Sie einen

Augenblick, unter Ihrem Balkon vorübergehend, als ich vom Balle in der

Villa kam, mit Korbach, demselben jungen Manne, der bei meinem letzten

Besuche im Freinhofe eben dahin kam.‟

„Auch ich habe Sie gesehen,‟ erwiederte Julie, „und hätte Ihnen

wenigstens eine gute Nacht hinabgerufen, wenn Sie nicht in dem Moment

weggesehen, wo ich Sie erkannte!‟ --

„Eine Täuschung, wie sie eben die Nacht mit sich bringt! Um so

freudiger sehe ich Sie am Tage wieder!‟

Julie zog sie aufs Sofa zu sich und das lebhafteste Gespräch begann.

Einen eigenthümlichen Reiz, der in der angebornen Malice der

menschlichen Natur begründet ist, gewährt dem Zuhörer eine Unterredung,

in welcher jeder Theil sich vornimmt, den andern auf einen bestimmten

Gegenstand zu bringen und dabei festzuhalten, keiner nachgeben will,

-- dem Andern ein Paar Schritte weit auf dem ablenkenden Wege mit

erzwungener Aufmerksamkeit folgt, und ihn sogleich wieder nach der

eigenen Richtung zu ziehen versucht.

Die beiden Frauen hatten ihr vorgestecktes Ziel im Auge. Klotilde kam

mit jeder Wendung auf den Reisezweck der Kollmanns zurück, und Julie

drehte mit leichter Bewegung das Steuerrad der Unterhaltung unermüdlich

gegen Arnold hin, bis endlich Erstere einsah, daß es das Klügste

sei, die verworren durcheinander klingenden Tonstücke zu trennen und

nach einander aufzuführen, und gewissenhaft Alles, mit Ausnahme der

gestrigen Schlußszene, berichtete, was sie von ihrem Begleiter wußte.

Es läßt sich nicht leugnen, daß Juliens Urtheil und Einsicht in

Geschäftsgegenstände auf einer sehr primitiven, kindlichen Stufe der

Entwickelung stand. Ihre Jugend hatte keine Veranlassung geboten,

sich mit dergleichen zu befassen. Kollmann hatte sie nie in seine

Angelegenheiten eingeweiht, wonach sie auch kein Verlangen trug,

und so lebhaft der Antheil war, welchen sie in letzter Zeit der

Metallfabrikazion zugewendet, so äußerte sich derselbe mehr in der

Bewunderung der gewaltigen Räder, Walzen und Wasserbauten, als in

einer Frage, wie die entstandenen Platten und der glänzende Draht zum

Gegenstande des Erwerbes, zur Basis einer wohlhabenden Existenz würden.

Auch die Ideen von gegenseitig sich bekriegender Spekulazion und

Konkurrenz, -- die eröffnete Campagne Kollmanns gegen die Interessen

Arnolds, waren ihr nicht klarer, als der Rückzug der zehntausend

Griechen unter Xenophon.

Klotilde dagegen, welche die Andeutungen Günthers, daß Kollmann

vielleicht Etwas beim Prinzen zu suchen habe, mit den Mittheilungen

Arnolds zusammenhielt, begriff den Hauptumriß der Fehde, und versuchte

aus Julie irgend Etwas herauszubringen, was einen festen Anhaltepunkt

böte. -- Unter vielen zerstreuten Antworten tauchte endlich etwas

Brauchbares auf. Julie sagte, Kollmann habe sich geäußert, er wollte

dem Balle in der Villa nicht beiwohnen, weil er mit dem +Prinzen+

in +keine Berührung+ zu kommen wünsche. -- Klotilde war nun

zwar über den Zweck der Reise vollkommen im Dunkel, aber wenigstens

darüber beruhigt, daß Kollmann keinen auf der Galanterie des Prinzen

gegründeten Plan verfolge.

Die freundschaftliche Wärme der beiden Frauen nahm unglaublich zu mit

der Ueberzeugung, daß sie von einander Nichts zu fürchten hatten.

Julie, welche bereits nach der heftigen Aufregung der Nacht hierüber

mit sich ins Reine gekommen, wurde durch die angehörte Erzählung

bestärkt, und Klotilde fühlte die Theilnahme für das Wohl und Wehe der

Freundin lebhafter erwachen als je. Sie sprach von Arnold so viel diese

hören wollte, und drückte im Tone des Vertrauens die Ueberzeugung aus,

daß Kollmann etwas demselben in seiner ganzen Existenz Nachtheiliges

beabsichtige.

Julie erschrak, verlangte nähere Aufklärungen und erhielt sie so

vollständig oder unvollständig, als sie gegeben werden konnten. Sie

begriff, daß die Beiden einander in ihren Interessen als Todfeinde

gegenüber ständen und schwieg nachdenklich. Klotilde stand auf und

fragte, ob sie Arnold, der nach dem Besuche im Freinhofe ihr doch

vermuthlich auch hier einen zugedacht, Etwas melden solle? -- Nach

kurzem Besinnen erfolgte die Antwort: „Er soll mich nicht besuchen.

Ich werde aber um +vier Uhr+ die Gemäldesammlung der Akademie

besuchen, und mich freuen ihm dort zu begegnen. Wie kann ich aber Sie

treffen, liebste Klotilde?‟

„Ich verlasse heute das Hôtel, um eine Privatwohnung zu beziehen, da

ich vielleicht einige Wochen hier bleibe; Sie würden mich in dem ersten

Gedränge der Angelegenheiten, die mich hieherführten, kaum treffen, --

ich komme lieber, so oft ich mich frei machen kann, zu Ihnen!‟

Bei diesen Worten trat Kollmann ein; das Gespräch verlängerte sich und

die Erzählung des Balles bildete den Hauptgegenstand. So vorsichtig

Klotilde gewisse Gegenstände berührte, wurde, unter dem Einflusse der

unbezwinglichen Eitelkeit, doch des Prinzen einer Weise erwähnt, daß

Kollmann tiefer in den Zusammenhang blickte, als sie dachte. Auch das

Gespräch Arnolds mit dem Prinzen schilderte sie, um ihn zu ärgern, mit

lebhaften Farben. Er hörte anscheinend gleichgültig zu.

Als sie fortgegangen, begab er sich sogleich zu Plomberg, welchen er

bereits Tags zuvor gesprochen. Er traf ihn, in Folge eines nach dem

Balle mitgemachten Gelages, mit Kopfschmerz behaftet, in der übelsten

Laune. Nachdem aus seinen halben Antworten hervorgegangen, daß die

allerhöchste Ankunft telegrafisch auf zwölf Uhr angesagt sei, sagte

er: „Lieber Oberst, ich habe Sie um einen Freundschaftsdienst zu

bitten, der für mich den größten Werth hat. Sie müssen mich auf die

Audienzliste bringen.‟

-- -- „Das geht nicht durch mich; der Gouverneur gibt dem

General-Adjutanten eine Liste, sie machen das mit einander, ich scheere

mich um diese Ceremonien nicht.‟

-- „Sie werden aber doch mit dem Grafen Greuth ein Wort für mich reden

können‟ --

-- „Gott weiß wie er aufgelegt ist!‟

-- „Was fragt ein Mann wie Sie darnach? und schließlich -- fuhr er in

bestimmtem Tone fort -- ist meine Bitte eine solche, die man selbst

um einer kleinen Ungelegenheit willen einem Freunde nicht abschlägt.

Oder glauben Sie, daß ich mich besinnen werde, +Sie+ wieder auf

die Liste zu setzen, wenn die schöne Frau Marianne Blauhorn in meinem

Freinhof Audienz gibt, -- wobei ich mein ganzes gewonnenes Terrain beim

Finanzminister aufs Spiel setze?‟

Hieran war dem Obersten wenig gelegen, wohl aber an Kollmanns

Diskrezion der alten Gräfin Mersey gegenüber.

Es fällt hier einiges Licht auf einen sinnreichen Mechanismus des

gewandten Ingenieurs. Frau Marianne Blauhorn besaß, wie wir wissen,

bedeutenden Einfluß auf den Finanzminister. Von dem Augenblicke an, wo

die Bemühungen des Obersten um sie, welchen Kollmann die Wege geebnet,

von Erfolg gekrönt waren, hielt er Beide in doppeltem Schach. -- Frau

von Blauhorn wußte, daß ein einziges ~billet-doux~ Plomberg’s

zugleich der Scheidebrief zwischen ihr und dem Minister wäre, und hing

von Kollmann’s Verschwiegenheit ab. Der Oberst war überzeugt, daß die

Mersey augenblicklich die Schuldenzahlungen einstellen würde, wenn sie

von seinen Beziehungen zur schönen Hofräthin eine Ahnung hätte.

Diese Reflexion mochte ihm wieder vorschweben als er sagte: „Nun denn,

in Teufelsnamen, damit sie nicht an meiner Freundschaft zweifeln, --

ich getraue mich, es durchzusetzen, obwol die Liste fertig. Kommen Sie

um halb ein Uhr. Aber Eins muß ich wissen, den Zweck der Audienz.‟

„Sehr gern, und wenn Sie ihn nicht billigen, nehme ich meine Bitte

zurück.‟

Kollmann theilte ihm sein Vorhaben mit, das wir bei der Audienz selbst

erfahren. -- „Das wird jedenfalls refüsirt, erwiderte Plomberg, ich

weiß einen ähnlichen Fall von Seite des Fürsten Leuchtendorf, und man

wird Ihnen keine andere Antwort geben als ihm.‟

Kollmann wußte dieß so gut als der Obrist. „Glauben Sie dessen ganz

gewiß zu sein?‟ fuhr er fort. --

„Ganz gewiß, der Monarch müßte denn seine Ansicht geändert haben, und

das thut er nie.‟

Kollmann dankte und empfahl sich. Plomberg aber sagte zu sich: „Es

geschieht Einem Recht, wenn man sich unvorsichtig einem solchen Kerl in

die Hand gibt; aber vielleicht ists gut, -- der Zweck der Audienz kann

demjenigen, der ihn aufgeschrieben, keinesfalls schaden.‟

Dabei nahm er aus seinem Portefeuille die Liste, die er bereits gestern

mit dem Gouverneur für den Generaladjutanten entworfen, und setzte

Kollmann’s Namen darauf. --

-- Während hier Minen gegraben wurden, hatte Arnold seine Streitkräfte

im offenen Felde entwickelt.

Den ganzen Morgen einsilbig und zerstreut, wurde er vom späten

Frühstück mit Sprenger abgerufen nach Klotildens Zimmer, stand

ärgerlich auf, ging mit einem Gesichte wie ein naßkalter Novembertag

weg, und kam mit einem Junimorgen zurück. Klotilde hatte ihren Auftrag

erfüllt. --

„Wenn ich gleich über das Ergebniß deiner Reise in Bezug auf den

ostensibeln Zweck noch nicht urtheilen kann, sagte Sprenger, so scheint

wenigstens, aus deiner Stimmung zu schließen, ein anderer erreicht?‟

„Ich habe gestern geschwiegen, weil ich mich unglücklich fühlte und

doch einsah, daß ich keinen Grund hatte. Heute ists anders, und ich

weiß, daß dir dieß genügt, um dich mit mir zu freuen.‟

Ohne weitere Uebergänge erwiederte Sprenger: „Und eben so glücklich,

und noch mehr, wird dein Vater sein, wenn der Gegenstand deiner Liebe

ein solcher, den du als seine Tochter, als Erbin von Korbach, in seine

Arme führen kannst.‟

Wenn Arnold am Besten that auf diese Frage zu schweigen, -- so hatte

Sprenger seinerseits die Ueberzeugung, daß die Hoffnungen seines alten

Freundes auf eine Wahl, die das Glück des Sohnes gründen könne, einer

Liebe gegenüberstehen, die nach seiner Auffassung zu keinem Heile

führte. Er war bekümmert ohne es zu zeigen und hielt sich an die

Hoffnung, daß es eine vorübergehende Leidenschaft sei.

Die Stunde, für welche Arnold zum Prinzen beschieden war, nahte, und

er fuhr nach der Villa. August Ernst empfing ihn mit der größten

Leutseligkeit, und ging in die Einzelnheiten des Elaborates ein. Er

machte beim Durchblättern einige jener Bemerkungen, welche im Munde

eines Prinzen für sachkundige gelten, ermächtigte ihn, sich beim Chef

des Departements auf die günstige Ansicht zu berufen, die er gegen ihn

aussprach, und verhieß möglichst schnelle Erledigung. Arnold sprach

mit seinem Danke die Hoffnung aus, die Entscheidung, die er in der

Hafenstadt abwarten wolle, mitnehmen zu können, und bat den Prinzen

um seinen gnädigen Schutz für den Fall, daß er desselben gegen einen,

seinem Interesse entgegengesetzten Einfluß bedürfen sollte. -- Er

entgegnete: „Seien Sie ruhig, es ist mir so Etwas angedeutet worden,

allein ich sehe kein Motiv, meine Ansicht über Ihre Person oder Ihre

Sache zu ändern. Melden Sie sich vor Ihrer Abreise jedenfalls bei mir.‟

Im Marine-Departement fand er gleich freundliche Aufnahme. Der

Direktor, mit allen Punkten der Vorlage vertraut, erklärte, daß der

Einwilligung des Prinzen kein Hinderniß mehr vorliege und er nur

dessen formelle Genehmigung einholen werde, und beschied Arnold für

den nächsten Tag zur Unterzeichnung der Kontrakte. -- Dieser forschte

auch hier nach einer feindlichen Thätigkeit Kollmann’s und erhielt

den Bescheid, daß derselbe fast gleichzeitig einen Antrag vorgelegt,

aber den Bescheid erhalten, daß bereits ein anderer vorhanden, den man

keinen Grund habe abzulehnen.

Arnold hatte schon gestern seine Angelegenheiten in so gutem Geleise

gesehen, daß ihn die heutigen Erfolge nicht überraschten, doch kehrte

er in der frohesten Stimmung zu Sprenger zurück. Er fand ihn auf dem

Balkon, im Gespräch mit Richard Forster. Dasselbe hatte sich auf höchst

gewöhnliche Weise, über einen englischen Zeitungsartikel entsponnen,

und, in ungewöhnlichen Wendungen, zu großer Wärme entwickelt. Man

schien sich gut zu verstehen, Arnold wurde sogleich in den Gegenstand

hineingezogen, aber mehr als der letztere fesselte ihn der junge

Fremde, dem er, -- jenem Zuge der Simpatie folgend, welche sich bei

ihm im Augenblicke einer ersten Begegnung so entschieden aussprach als

deren Gegentheil, -- im Geiste die Hand reichte, ehe es noch leiblich

geschah.

Und von allen Wünschen, womit der Morgen begrüßt worden, war jener

Richards zuerst in Erfüllung gegangen, -- die ernsten blauen Augen, in

welche seine dunkeln, feurigen blickten, waren die als günstiges Omen

ersehnten. Möge er nicht verlernen, an Vorbedeutungen zu glauben! --

Diese Augen werden ihn nicht täuschen.... aber aus ihnen blickt nur die

Treue Arnolds und nicht jene -- des Glückes! Da keine geschäftlichen

Abhaltungen mehr vorlagen, machte Arnold den Vorschlag, dem

landesfürstlichen Empfange, zu welchem die Stadt gerüstet dastand, aus

dem Wege zu gehen, und es wurde eine Fahrt nach dem sehenswürdigsten

Gegenstande der Umgebungen, dem römischen Amfitheater, beschlossen,

wodurch für ihn ein großer Theil der Ewigkeit, nämlich der Zeit bis

vier Uhr, ausgefüllt wurde.

-- -- Bald nach ihrer Abreise kam die Ueberraschung mittelst

Separattrains herangebraust.

Die Stadt ließ sich nicht überrumpeln; sie hatte den Bahnhof, wo

sich auch der Prinz mit Gefolge eingefunden, mit Deputazionen, das

Gouvernementsgebäude mit Ehrenwachen, sämmtliche Treppen mit Baum- und

Blumenspalieren und einen Tisch im Appartement des Monarchen mit einem

prachtvollen Dejeuner besetzt.

Prinz August Ernst hatte vergeblich auf das Glück gehofft, den Vetter

auf der Villa zu beherbergen. -- Mit einem Sprunge aus dem Wagen

durchbrach derselbe, vom Grafen Greuth und andern säbelklirrenden

Adjutanten gefolgt, das erste Hinderniß, die Anrede des tiefergriffenen

Bürgermeisters, überflog die andern in weniger Minuten, als ihre

Aufrichtung Stunden erfordert hatte, und war im Besitze aller festen

Posizionen, ehe noch die Ofikleïden der Regimentsbande den letzten Takt

der Volkshimne ausgeschmettert hatten.

Die Raschheit seiner Bewegungen war um so auffallender bei der

ziemlichen Korpulenz seiner gedrungenen, untersetzten, mit Mühe in die

Uniform gezwängten Gestalt. Erwähnen wir noch des dichten, langen,

schwarzen Schnurbartes, der das volle Kinn von der römischen Nase

trennt, so haben wir genug gethan, um die Auffindung seines Portraits

im gothaischen Kalender zu erleichtern, wenn man sich noch an die

nähere Andeutung halten will, daß es von den vier Kaisern Europas jeder

am allerwenigsten sein kann; eher einer der drei Uebrigen.

-- Der Prinz, der Gouverneur, der Platzkommandant ziehen sich zurück.

Der Monarch nimmt im Kabinet schnell sein Frühstück ein, vertauscht

die Reiseuniform mit der Gala, -- auf dem Platze ist die Generalität

versammelt, -- er sprengt nach dem Paradeplatz, wo die Garnison

aufgestellt ist.

Sie defilirt unter den Klängen vielleicht der besten Militärmusik

in Europa. Ihre Haltung ist vortrefflich, ihr Aussehen mahnt Jeden

unwillkürlich an Wallensteins unhöflichen Brief an den Kaiser:

„Hier ist ein Heer -- schickt einen Heerführer.‟ -- Die wackeren

Kommandanten, welche diesen Wunsch mit der Mannschaft theilen, werden

belobt, -- letztere bringt das dreimalige Vivat, zu welchem sie vor

dem Ausmarsche aus der Kaserne die Erlaubniß erhalten hat, und der

Herrscher galopirt an der Spitze der glänzenden Suite in dichten

Staubwolken nach der Stadt zurück.

Es ist ein Uhr, die Stunde der Aufwartungen. Der Generaladjutant legt

ihm die Liste derjenigen vor, welche des Glückes harren, einen Moment

lang als Sonnenstäubchen im Glanze der Majestät zu spielen, -- er

überfliegt sie schnell und begibt sich nach dem Audienzzimmer.

Der anstoßende Saal, in welchem die Vorzulassenden warten, ist zur

Hälfte gefüllt. -- Drei zu unregelmäßigen Linien ausgedehnte Gruppen

stehen hintereinander.

Die erste besteht aus den glänzenden, mit dem leichten Anstande

der Gewohnheit getragenen Militäruniformen, gemischt mit einigen

geistlichen Talaren. Hinter diesen die uniformirten Beamten, mit

gepreßten Hälsen und gehemmter Blutzirkulazion, -- die Jüngeren durch

Herausbäumen der Brust sich eine Contenance gebend, dem Militär

gegenüber; -- Mancher auf seinen Nachbar schielend, um sich zu

orientiren, wie der Federhut vorschriftsmäßig in der Hand zu halten.

Endlich die glanzlose Schaar jener andern schwarztrauernden Civilisten,

welche, sie mögen leisten was sie wollen, nicht als dem Staate dienend

erscheinen.

Ein freier Raum ist zwischen diesen Reihen und der Thür des

Audienzzimmers. An letzterer stehen zwei Adjutanten, deren einer, mit

einer Gegenliste versehen, die Namen nach einer mit dem subtilsten

Gradmesser ausgearbeiteten Skala dergestalt aufruft, daß in dem

Augenblicke, wo ein Vorzulassender eintritt, ein Zweiter schon ~en

réserve~ in dem freien Raume steht und ein Dritter sich aus den

Reihen loslöst, so daß keine Sekunde Unterbrechung eintreten kann.

Das Prinzip des Dampfes und der Elektrizität ist auch in die Audienzen

gefahren. Der Wind der sich schließenden Thür ist noch nicht verweht,

so öffnet sie sich wieder, und ein Gesicht, über welchem der heiße

rothe Glanz der verklärenden Minute liegt, tritt heraus und wird durch

ein noch steifes, gespanntes ersetzt, welches im nächsten Augenblicke

seinerseits als geschmolzene Wachslarve aus dem Brennspiegel der

Majestät heraustritt.

Gleich die ersten Wiederkehrenden verbreiten eine erfrischende

Atmosfäre im Saal. Der Monarch hat das große goldne Füllhorn in der

Hand und schüttelt es über Jedem.

Die Stadt erhält die anderswohin verlegte, schmerzlich entbehrte

Kadettenschule zurück -- ein Militär-Schwefelbad wird auf Staatskosten

gegründet -- ein leerstehendes Aerarialgebäude wird der Gendarmerie

überlassen -- die engbrüstige gothische Domkirche wird mit einem

modernen Ansatz erweitert -- der titellose Bürgermeister Giordani

wird mit der Anrede „lieber Regierungsrath Giordani‟ empfangen -- alle

Gesuche werden reiflich erwogen und nach Thunlichkeit berücksichtigt

werden. -- Wenn man bedenkt, daß die Thürflügel sich sechsundfünfzigmal

öffneten um Jemanden einzulassen, den der Monarch zu sehen erfreut war,

so läßt sich annehmen daß seine summirte Gesammtfreude eine ganz andere

sein mußte, als die der Einzelnen.

Nachdem die Militärs und Geistlichen dieselbe durchgenossen, kam die

Reihe an die blaue Konsuls-Uniform Kollmann’s. Seine Audienz währte zum

Staunen der Harrenden mindestens viermal so lange als die übrigen, den

Bischof ausgenommen.

Vor den Monarchen tretend begann er:

„Fremd und mittellos in das Land gekommen, welches so glücklich ist,

unter dem Zepter Eurer Majestät zu stehen, ist es mir unter dem Schutze

der Gesetze gelungen, einiges Vermögen zu erwerben.‟ --

Der Monarch machte eine Bewegung, welche die Befremdung über den

sonderbaren Eingang ausdrückte.

„Die Bitte, die ich Euer Majestät vorzutragen wage, ist mir von dem

Bedürfniß eingegeben, mein tiefes Dankgefühl, und meine Verehrung für

den Monarchen des Landes, dem ich mein Glück verdanke, durch ein

Anerbieten an den Tag zu legen, welches die Entschuldigung seiner

Kühnheit nur in dem Beweggrunde findet, der es veranlaßt hat.‟

Die Rücksicht auf die fremde Konsuls-Uniform vermochte den Monarchen,

seine Verstimmung über die lange Vorrede zu verbergen. Er fragte

freundlich aber kurz: „Was ist Ihr Anliegen?‟

„Meine Besitzung im Gebirge, sechs Stunden von der Residenz, einerseits

an Gebirge grenzend, welche ein reiches Gemsengehäge enthalten,

anderseits an Waldungen, welche von Hochwild wimmeln, würde sich mit

geringen Aenderungen an den Gebäuden zu einem Jagdschlosse eignen.

Die Bitte, die ich wage, besteht darin, Euer Majestät wollen geruhen

dieselben allerhöchst Ihren Domänen einzuverleiben.‟

Da die Jagdliebe des Souveräns allgemein bekannt war, so hatte der Hof

zu verschiedenen Zeiten Anträge zu Ankäufen von dieser Art Besitzungen

erhalten und auch einige an sich gebracht.

Er erwiederte: „Es ist mir leid, auf Ihr Anerbieten nicht eingehen zu

können,‟ und fügte lächelnd hinzu: „Sie werden wissen, daß wir Domänen

verkaufen, nicht aber kaufen.‟

Kollmann trat mit der Miene der tiefsten Kränkung einen Schritt zurück

und sagte: „Ich hatte auf das Glück gehofft, meine werthlose Gabe in

der Weise an den Stufen des Thrones niederlegen zu dürfen, wie es dem

frommen Katholiken gestattet ist, dem Haupte der Kirche den sogenannten

Peterspfennig anzubieten, und ich fühle nun erst die ganze Kühnheit

meines Gesuches.‟

Der Monarch war überrascht, aber nicht unangenehm, und antwortete: „Ich

danke Ihnen, danke Ihnen herzlich für Ihr loyales, schönes Anerbieten,

das ich jedoch nicht annehme. Wenn es aber meine Zeit erlaubt, werde

ich mir Ihre Besitzung besehen und in Ihren Bergen jagen. Wenn

Sie ein anderes Anliegen haben, werde ich es jederzeit thunlichst

berücksichtigen. Nochmals, Ihr Antrag hat mich sehr gefreut.‟

Er machte die entlassende Bewegung auf die huldvollste Weise und

Kollmann trat mit dem Ausdrucke der vollsten Befriedigung unter die

Wartenden heraus, und begab sich zum Generaladjutanten.

Da nämlich der Monarch allein empfängt, und der Dienst an den Thüren

durch zwei Adjutanten von geringerem militärischen Range als jener

des Grafen Greuth versehen wird, so veranstaltet dieser in einem

anstoßenden Zimmer einen Nachdruck der souveränen Prachtausgabe der

Audienzen. -- Der Aufwartung ~avant la lettre~ beim Herrscher

folgt jene beim General-Adjutanten, wie man nach dem Gebrauche von

Karlsbad meist noch ein anderes Wasser als Nachkur trinken muß,

wenn ersteres wirken soll. -- Der Graf betrachtet die seiner Person

geschenkte Aufmerksamkeit nur als eine seinem Gebieter erwiesene Ehre,

-- er selbst hat über alle ihm vorgetragenen Angelegenheiten gar Nichts

zu entscheiden, Nichts darein zu reden, man begreift kaum, wie der

Monarch einen General-Adjutanten haben mag, der sich um Nichts kümmert,

was im Staate vorgeht. Doch ist es so, und er thut was er kann, um

die fixe Idee zu beseitigen, daß es ganz im Gegentheile +gar+

keine Angelegenheit gebe, in die er +nicht+ hinübergreift. Man

weiß, wie schwer ein eingewurzeltes Vorurtheil ausgerottet wird, und

der Graf mußte auch heute ein halbes Hundert Male die Versicherung

bekämpfen, daß man nur dann vollkommen beruhigt nach Hause gehe,

wenn der vom Monarchen ausgestellte Gnadenwechsel mit dem Akzept des

General-Adjutanten versehen worden.

Kollmann erzählte ihm den Verlauf seiner Audienz und bat, seinen

Einfluß zu verwenden, um vielleicht bei sich ergebender Gelegenheit den

Gebieter für seinen Antrag zu stimmen.

-- „Das ist umsonst, lieber Herr Kollmann,‟ erwiederte der Graf -- „ich

kenne den Herrn, aber Sie können überzeugt sein, daß Sie ihm eine

Freude gemacht haben. Bei einem andern Anlasse dürfen Sie auf gnädige

Aufnahme jedes Gesuches rechnen.‟

-- „Ich habe nicht gewagt, Seiner Majestät ein für mich sehr wichtiges

Anliegen vorzutragen, da es leider gegen Jemanden gerichtet ist, der

sich des hohen Schutzes des Prinzen August Ernst erfreut.‟

-- „Wie ist das?‟ fragte der Graf aufmerksam.

-- „Es ist ein Gegenantrag gegen das Lieferungsoffert einer Firma

Korbach.‟

-- „Ich kenne den Namen. Warum glauben Sie, daß ihn der Prinz

protegirt?‟

-- „Ich schließe es aus Dingen, die wohl an sich zu unbedeutend sind,

um Euer Excellenz damit‟ --

-- „Heraus damit! Sie sehen doch, daß ich auf Ihre Angelegenheit

eingehe.‟

-- „Der Prinz hat ihm, wie ich im Marinedepartement gehört,

Zusicherungen ertheilt, und ihn auf dem gestrigen Balle mit besonders

gnädiger Herablassung behandelt, wie ich aus dem Munde einer Frau

erfahren, welche anwesend war, und vielleicht in der Lage ist über die

Gesinnungen Seiner Hoheit unterrichtet zu sein.‟

Das vertrauliche Detail war gewagt, aber der Graf war über Freiheiten,

die sich Jemand herausnahm, nur dann empfindlich, wenn sie seine

Person betrafen. Mit Aeußerungen über den Prinzen nahm er es, bei

dessen gespannten Verhältnissen zu seinem Herrn, nicht so genau.

Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram. · 第 25 / 27 题