Da kommt ein Brief: Madame Strada ist „plötzlich unwohl.‟ --

Zuerst beißt man sich ärgerlich in die Lippen.

„Nicht einmal das Costüme hat sie geschickt.‟ --

„Es würde es wohl kaum Jemand angezogen haben!‟ --

-- Dann geht der Zorn in stille Verachtung über. --

„Man sieht! -- -- wenn sich nicht ihrer Mehrere zusammenthun können --

-- als Einzelne unter uns fühlte sie sich gedrückt... es ist ja auch

natürlich! -- Schade, sie ist sonst ein liebes Weibchen! -- Lassen wir

die Arme!‟

Aber die Minuten fliegen weg, und Minuten vom Monarchen durchwartet

wiegen ungefähr ein Jahr von Unterthanserwartung.

Der Vorhang bewegt sich, das rothe Gesicht des General-Adjutanten sieht

fragend herein und zieht sich wieder zurück. Die Flüsse ringelten sich

verzweifelnd um Volpi.

Er rief: „Nehmen wir in Gottes Namen die Donau lateinisch, -- Danubius!

schnell einer von den Herren herein, wir haben noch einen grünen Bart

und Schilfkrone.‟ -- Er stürzt hinaus zum Prinzen -- bevor dieser

wählen kann, hat aber Graf Greuth das Auskunftsmittel vernommen, und

beordert Oberst Plomberg hinter die Szene, welchem die griechischen

Gewänder umgethan, Bart und Schilf aufgesetzt werden -- das Tableau ist

gerettet. --

Schade, daß der Kadett, wie er die Arme segnend ausbreitet, mit offenem

Munde lächeln zu müssen glaubt: es macht den fatalen Eindruck, als wäre

der Genius des Vaterlandes die Bornirtheit.

Die Gesammtwirkung ist überraschend. „Charmant! -- ruft der Monarch --

ich habe das Original selbst gesehen, als ich einmal in Wien war, aber

mit den Farben und Lichtern machts doch einen ganz andern Effekt!‟

Der General-Adjutant erwiederte: „Die Gruppe würde aber doch ungemein

gewinnen, wenn statt des Genius die schöne Frau auf der Säule stünde,

welche das Glück hatte, von Euer Majestät in der Ausstellung bemerkt zu

werden.‟

„Das ist wahr! ganz richtig! -- -- Erinnern Sie mich, lieber Graf,

wenn die Herbstjagden anfangen, daß ich dem Manne versprochen habe, in

seinem Revier zu jagen.‟

-- -- Endlich war auch dieß vorüber. -- Der letzte Wagen rollte den

Berg hinab, -- der Prinz stürzte nach seinem Schlafzimmer, vertauschte

die Gala-Uniform mit dem leichten Jagdrock, sprach ein Paar Worte mit

Heidenbrunn und flog durch den dunkeln Park und einige Wiesen und

Büsche nach dem kleinen, netten, auf halbem Wege zwischen der Stadt

und der Villa gelegenen Hause -- dessen Jalousien geschlossen sind,

wie das Thor. -- Der Prinz öffnete die Gartenpforte mit dem Schlüssel,

den er bei sich trug, und vergaß in der nächsten Minute alle Leiden

des exclusiven Cercle’s -- in dem noch exclusiveren -- an der Seite

Klotildens, welche ihre Uebersiedlung nach dem mit Luxus und Geschmack

eingerichteten Asile mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit vollbracht

hatte.

* *

*

So sind denn die Geschenke alle vom Weihnachtsbaum gepflückt, dem wir

den heutigen Tag verglichen.

Auch der Bandit freut sich eines neuen geschliffenen Dolches: Kollmann

hat alle Ursache den Tag zu loben. Er spricht in seiner Weise ein

Dankgebet, das andern Ohren wie eine Gotteslästerung klingt.

Der General-Adjutant, Plomberg, der Prinz und Klotilde, Jeder hat

seinen goldnen Apfel heimgetragen, -- der Monarch freut sich des

Jagdvergnügens, das er heute noch keine Anstalt macht zu vergessen,

freut sich der Beweise der Loyalität und daß dieselben vorüber, --

und wie tausendstimmig die Stadt gejubelt, ist in dem Telegramm des

Gouverneurs an den Ministerpräsidenten zu lesen.

Arnold aber hält am Schlusse des Tages den Brief in der Hand, den ihm

Julie unter den wilden Kastanien gereicht, -- -- den sie in der letzten

Nacht geschrieben.

Er hatte das Licht verlöscht, -- und wieder angezündet, um -- wieder zu

lesen, obgleich er jedes Wort auswendig weiß.

Sie hatte geschrieben:

„Wenn Deine Augen über dieß Blatt gleiten, so haben die meinen Dir

schon das Unrecht abgebeten, -- habe ich +Dich+ durch +Glück+

versöhnt, wie den Himmel durch eine Stunde kindischen +Schmerzes+.

-- Auch Du wirst sie vielleicht durchleben, wenn Dein Glaube nicht

höher und fester.‟

„Ich spreche zu Dir, als hätt’ ich aus Deinem Munde vernommen, was nur

mein eigen Herz mir geschworen. Ich habe aber auf den Grund Deiner

Seele geschaut wie Du in meine. Kann ich Dir, -- kannst Du mir Ein

Wort sagen, wodurch erst ein Schleier gelüftet würde? Soll ich den

Frühlingsglanz, der über mein Leben gefallen, vor Dir verhüllen,

damit Du nicht früher glücklich seist, als bis Du gesprochen, und um

ein Herz geworben, das Dein eigen? Glaube dem Deinigen, und Du wirst

Dir klar bleiben, glücklich, was auch verwirrend zwischen uns trete:

+denke+ nicht über mich, sonst wirst Du irre.‟

„Kannst Du ein Glück fassen, ohne über die selige Gegenwart hinaus zu

denken? Ich fürchte, Du kannst es nicht. Ich aber muß es. Nimm, wenn

Du es vermagst, das +Heute+ als Gottesgeschenk, ohne nach dem

+Morgen+ zu fragen. Nimm es, wie ich die schönste Freudenblume,

die mir durch Dich erblüht, an meiner Brust bewahre und nicht frage,

welcher Tag sie entblättert.‟

-- -- Allein alle die befremdenden Klänge der letzten Worte verstummten

für Arnold vor dem hellen Wonnelaute: Du bist geliebt. -- Es gab keinen

Glücklicheren als er -- -- vielleicht eine Glücklichere.

Kirchenweihe.

-- Am folgenden Vormittage trafen in der Telegrafenstazion Frauenwang,

von welchem Orte bekanntlich der Weg nach dem Korbachthale führt, im

Zwischenraume einer Stunde folgende zwei Depeschen ein:

„An Herrn +Morawski+, Verweser zu +Altenberg+. -- Lassen

Sie +Ihre+ Maschine arbeiten. -- Mit allen Ihren Vorkehrungen

einverstanden. -- Hier geht Alles vortrefflich. =K.= unterliegt,

nicht weiter zu fürchten, wenn Sie gut arbeiten.‟ -- Unterzeichnet:

„Kollmann.‟

Die zweite lautete:

„Theurer Vater! Vollständiger Erfolg. Vor einer Stunde alle Kontrakte

unterzeichnet. =K.= ist aus dem Felde geschlagen. Ich komme morgen

Abends.‟

„Da habe ich einmal -- sagte der Stazionsbeamte zu seinem Gehülfen

-- eine Anekdote gehört, wie in der Menagerie in London der Tiger

und der Löwe einander über Nacht gegenseitig aufgefressen, so daß von

beiden Nichts übrig blieb als die Köpfe. Etwas Aehnliches scheint

hier vor sich zu gehen; lesen Sie einmal!‟ -- Der Gehülfe las und

bemerkte, daß die beiden Schreibenden vielleicht gegen einen dritten

gemeinschaftlichen Feind gesiegt hätten. „Gott bewahre, erwiederte der

Andere, -- ich kenne den Zusammenhang, es sind die zwei Fabrikanten,

die einander zu Grunde richten wollen. Nun, wir werden bald sehen,

welches =K.= das andere untertaucht.‟

Er kopirte die Depeschen, machte sie zur Expedizion zurecht und fuhr

fort: „Die Stücke sollen durch Expressen befördert werden, es ist dafür

dort bezahlt worden. Ueber Altenberg nach Korbach? wir können zwei

Expressen aufrechnen, da die eine Depesche bereits vor einer Stunde

gekommen und wir sie schon hätten absenden können.‟

„Gewiß, wenn wir gewollt hätten‟ -- --

„Nun, schicken wir sie unter +Einem+. Glücklicherweise ist keine

Fabrikgelegenheit da. Lassen Sie den Schneiderpeter holen, -- der fährt

um die halbe Taxe!‟

Nach einer halben Stunde erschien der Genannte, eine gutmüthige,

verhungerte Gestalt in Nankingbeinkleidern und himmelblauem Rocke.

-- Er übernahm die Depeschen, beendigte zu Hause eine Flickarbeit,

richtete seinen Einspänner zurecht und fuhr in einem gemüthlichen

Mitteltempo zwischen Schritt und Trab von dannen. Da er wiederholt in

Bauern- und Wirthshäusern kurze freundschaftliche Besuche abstattete,

wurde er fortwährend von einem fleißig ausschreitenden Hausirjuden

überholt, welcher, mit seinem sechzig Pfund schweren Magazin auf dem

Rücken, gleichzeitig mit ihm in Altenberg eintraf.

Das Pferd wurde in den Stall gestellt, und auf der Hausbank ein Glas

Wein in Gesellschaft des Gevatter Wirthes getrunken. -- Das regste

Leben herrschte im Orte; die Gebäude waren vollendet; eben ausgepackte

Maschinenbestandtheile lagen auf dem Platze vor der Fabrik umher.

„An dem Morawski, begann der Wirth, hat Herr Kollmann den Rechten

gefunden. Vor drei Tagen hat er wieder hundert Slowaken, die von der

Eisenbahnarbeit nach Hause geschickt werden sollten, aufgenommen,

für die großen Grabungen am Wassergang und dem Dammbau, und fünfzig

Italiener für die Steinarbeiten.‟

-- „Das nützt Alles nichts; gegen den Korbacher kommt er doch nicht

auf.‟

-- „Das wird sich zeigen; schau die Walzen an, sie sind größer als

jene, die sie dort haben. Sie werden bald die Augen aufreißen! Die

Lutherischen drüben haben ja schon geglaubt, gegen sie stehe Nichts

mehr auf im Lande.‟

„Ist der Erzbischof schon bei Euch durchgekommen?‟

„Nein, es war ein Anderer, der statt seiner die Einweihung vornehmen

soll. Es sind drei Wagen mit Geistlichen vorübergefahren; der

Vornehmste hat den Segen gegeben. Da hättest du sehen sollen, wie die

Slowaken auf das Gesicht gefallen sind. Das ist ein Volk! aber noch

immer besser als die da drüben! sie haben wenigstens eine Religion;

aber in Korbach glauben sie an gar Nichts als an einen Herrgott.‟

„Ja freilich,‟ meinte der Schneiderpeter, „so lange der Mensch gesund

ist und vollauf hat, thuts der Herrgott allein, aber wenn Einer krank

wird und recht herunterkommt, müssen doch die Mutter Gottes und die

Heiligen wieder heraushelfen. Ich habe aber einen Telegrafen an Herrn

Morawski im Sack und bin Expresser.‟

„Geh in die Kanzlei, -- er ist gerade hinübergegangen.‟

Morawski las die Depesche mit sichtlicher Aufregung, und rief

den Werkführer Fontana zu sich, mit welchem er sich lange und

angelegentlich besprach.

Das Resultat der Unterredung wurde bald offenbar. -- Obgleich es erst

Mittag war, ertönte die Glocke, welche gewöhnlich nur zum Feierabende

und zur Mittagsruhe geläutet wurde, und die Arbeiter warfen ihr

Geräthe weg und versammelten sich auf dem Rasenplatze vor der Fabrik.

Morawski trat heraus und befahl den Italienern, sich abzusondern und

Herrn Fontana zu folgen, welcher sich mit ihnen etwa fünfzig Schritte

entfernte, in ihre Mitte stellte und, mit einigen Abänderungen, eine

gleichlautende Rede mit jener hielt, in welcher sich Morawski gegen die

Andern vernehmen ließ.

Ein Blick auf Letzteren machte begreiflich, daß er das Vertrauen

Kollmann’s besaß, -- Redner und Publikum waren einander werth. Herr

Morawski war ein großer breitschulteriger Mann, mit blatternarbigem,

verschmitzten Gesicht, Ohrringen in beiden Ohren und stark böhmischem

Akzent.

Die Slowaken anlangend, standen dieselben in ihren ungeheuern

Stiefeln, ausgefransten Leinwandsäcken, die die Beine bedeckten,

und breiten Hutdächern mit einem Ausdrucke da, welcher zu Studien

über die Perfektibilität der Thierseele Anlaß geben, aber auch

alle sanguinischen Hoffnungen auf dieselbe abschneiden konnte. --

Diese Nazion ist offenbar an einem regnerischen Freitag gegen Abend

geschaffen worden. Wenn sich, wie bekannt, im Kopf eines Hechtes das

sogenannte Leiden Christi, nämlich alle Instrumente vorfinden, welche

zur Marter des Herrn, vom Verhör bei Pontius bis auf Golgatha, gedient,

so müssen sich im Kopfe eines Slowaken überdieß die Torturwerkzeuge

aller der Tausende von heiligen Märtyrern entdecken lassen. Wenn dieses

Volk jubelt, klingt’s noch immer wie wenn ein anderes heult: der Slowak

mag arbeiten oder trinken, betteln oder stehlen, durch jede Funkzion

seines Lebens wird der nazionale Urjammer, der spezifisch-slowakische

Weltschmerz durchtönen. --

Morawski sprach zu ihnen wie folgt:

„Unser gnädiger Fabrikherr, Euer Arbeitgeber, sieht vor Allem auf

die Gottesfurcht und Frömmigkeit seiner Arbeiter. Er will gern einen

Schaden erleiden, wenn Ihr dafür ein Werk der Andacht verrichten könnt.

-- Er gibt Euch zwei Tage frei, ohne den Lohn abzuziehen. -- Es wird

morgen die Kirche in Korbach geweiht; ein hoher Geistlicher, welchen

der Erzbischof geschickt hat, wird den Segen geben, welcher so gut

ist, als ob er vom Erzbischof selbst käme. Wer ihn erhalten will, der

geht mit mir und Herrn Fontana, welcher Eure Kameraden führen wird,

hinüber. Da Herr Kollmann will, daß Ihr in Korbach Nichts verzehrt, so

werdet Ihr mit Lebensmitteln versehen werden. In Korbach sind viele

Arbeiter, die an keinen Papst, keine Mutter Gottes und keine Heiligen

glauben. Ihr werdet Euch ruhig und still betragen und jeden Zank mit

diesen unglücklichen Menschen vermeiden, die Ihr bedauern müßt; wir

werden aufbrechen, sobald Ihr Euern Wein und die Lebensmittel gefaßt

habt, auch hat Herr Kollmann befohlen, daß Jeder von Euch einen

Rosenkranz bekommen solle. Wer will die Wallfahrt mitmachen?‟

Die Antwort war ein einstimmiges Freudengeschrei; man konnte glauben,

es werde ein Häuptling zur Erde bestattet. -- Wenige Minuten später

klang der prachtvolle Akkord des fünfzigstimmigen Evviva! aus den

metallnen Kehlen der Italiener herüber, welche die Hüte in die Luft

warfen, Kollmann und die Madonna, den Erzbischof und den Branntwein

leben ließen, aber mit allem Schreien, Gestikuliren, Hin- und Herrennen

nicht verhindern konnten, daß die melancholischen Slowaken ihre

Flaschen und Brotsäcke früher gefüllt hatten als sie.

In kurzer Zeit war Alles marschfertig. Der Kaplan hatte dem Ersuchen um

eine Kirchenfahne willfahrt, mit welcher ein Arbeiter an die Spitze

des Zuges trat, ihm zur Seite ein Vorbeter. Morawski und Fontana

bestiegen einen leichten offenen Wagen, -- die Italiener führte ein

Maurerpolier und vormaliger Chorist, Namens Pompeo. Sie eilten voraus,

um dem Gesange ihrer Kameraden zu entrinnen, stimmten zuerst ein Lied

zu Ehren der Madonna di Korbacco an, ließen sich aber von Pompeo leicht

aus dem religiösen Gebiete ins melodramatische hinüberziehen und

bildeten einen gelehrigen Chor zu seinen Donizettischen, Verdischen und

sonstigen Arien.

Als Alle abgezogen, machte der Schneiderpeter Anstalt zur

Weiterbeförderung seiner zweiten telegrafischen Depesche.

Das Pferd wurde angeschirrt, die Rechnung bezahlt, und er überholte mit

leichter Mühe die Arbeiter und den Hausirjuden und gelangte mit wenigen

Unterbrechungen bis Labring, eine halbe Stunde vor Korbach.

Es war spät in der Nacht, als er bei seinem Geschwisterkinde, dem

Ortsrichter, anklopfte. -- Dieser empfing ihn mit freudigem Ausrufe

und den Worten: „Den ganzen Tag habe ich an Euch gedacht, Peter! ob

Euch nicht eine Botenfahrt hereinführen würde. Morgen soll ich zur

Kirchenweihe und heute klopft die Dirne meinen neuen Rock aus, und

der Hund versteht falsch und springt hinauf, und reißt den Aermel in

Fetzen. Ich hätte wohl noch einen Rest Tuch, -- wollt Ihr dran gehen?‟

Der fleißige gefällige Peter ging flink an die Arbeit und stach

so hurtig drauf los, daß er nahezu fertig war, als die Wallfahrer

nachkamen und am Hause vorüberzogen. -- Schließlich traf er fünf

Minuten nach den Italienern, eben so viele vor den Slowaken mit seiner

Depesche im Korbacher Wirthshause ein, wo eben der Jude, der mit ihm

zugleich von Frauenwang ausgegangen, seinen Großhandel in eine Ecke und

sich selbst daneben niederfallen ließ. Der Schneiderpeter versorgte

sein Pferd, setzte sich, um einen Augenblick auszuruhen, betäubt von

Wein und Nachtfahrt, auf die Streu nieder und schlief alsbald ein. --

Erst seit einer Stunde hatten auch die Bewohner des Ortes das

Letztere gethan, nach dem bewegten Tage. Die Gemeinde hatte an den

Vorbereitungen für Morgen gearbeitet, Alles übertüncht und behangen

und gesäubert -- aber lässig und verdrossen waren die letzten Arbeiten

verrichtet worden, als die Erwartung der Ankunft des Erzbischofs nicht

in Erfüllung ging, sondern aus dem ersten Wagen Pater +Bernhard+

stieg.

Sein Name war in Korbach gehaßt, während trotz des dort herrschenden,

nach der klerikalen Auffassung verderblichen Geistes, die Erscheinung

des Erzbischofes nicht verfehlt hätte, großen Eindruck zu machen. Es

liegt ein ganz eigner Zauber in der funkelnden Inful und dem Krummstab:

das alte Spielzeug, der Nikolaus, tritt plötzlich vor das katholische

Kind in lebendiger Größe hin, und während ein Pfarrer, Kaplan oder

Dechant dem Bauer begreifliche, vertraute Erscheinungen sind, schwebt

der Bischof immer ein gutes Stück über der Erde, zwischen geflügelten

Engelsköpfen und Aposteln in Wolken.

Der Kirchenfürst hatte jedoch seinen Entschluß geändert. Bernhard,

von seinem Sturze von dem in die Luft gebauten Prälatenstuhl erholt,

-- hatte in der Residenz eine unglaubliche Thätigkeit entwickelt. Der

Erzbischof, bereits durch Korbach’s Ablehnung, ihn zur Einweihung zu

laden, gereizt, -- so wenig er es auch merken ließ, -- war nun selbst

der Ansicht, daß die Dinge zur Entscheidung kommen müßten. Er hatte

Bernhard, da seine Stellung im Kloster unmöglich geworden war, und

man die Wahl des Valentin aus höheren Gründen nicht umstoßen wollte,

zum Domherrn ernannt --; und da das Auftreten des alten Korbach

besorgen ließ, daß das Fest nicht ohne Störung vorübergehn und er

zwar eine Krisis herbeizuführen, nicht aber seine +Person+ einer

Unannehmlichkeit auszusetzen wünschte, so übertrug er Bernhard die

Vertretung derselben, und ließ ihm stillschweigend zu Allem, was er

vorzukehren fände, freie Hand. --

Ohne daß eine Aenderung des ursprünglichen Beschlusses nach Korbach

gemeldet worden, traf der nunmehrige Domherr daselbst ein, bezog die

im Pfarrhofe bereit gehaltene Wohnung, indem er die ihm durch den

Pfarrer gemeldete Einladung, im Herrenhause zu wohnen, ignorirte, und

ließ für die Geistlichen seiner Assistenz Zimmer im Gasthofe nehmen.

Er erklärte, er habe vor, die religiöse Feier mit Vermeidung alles

Kontaktes mit den weltlichen Elementen von Korbach vorzunehmen, was

nicht verhinderte, daß er die Gemeindevorstände zu sich beschied, sie

nach den getroffenen Vorbereitungen fragte, und mit großer Spannung

eine Stunde, und eine zweite, auf ein Lebenszeichen des Gutsherrn

harrte. --

Mit Pfarrer Leo sprach er in kurzem trockenen Tone und als derselbe

Einiges über den befriedigenden Zustand der Pfarre äußerte, unterbrach

er ihn: „Der Erzbischof ist von der wahren Sachlage hier und in St.

Martin zu genau informirt, um Ihrer Berichtigung zu bedürfen, -- er

weiß auch, wer bei den Vorgängen im Kloster, die sein Herz betrübten,

in vorderster Reihe stand.‟

Er ging in die Kirche, -- wieder nach Hause -- die Reizbarkeit seines

Temperaments hatte sich durch keine Aderlässe und niederschlagenden

Pulver vermindert. -- Um neun Uhr Abends beschloß er eine verstärkte

Ausgabe des Manövers mit dem Briefe: er schickte einen Geistlichen nach

dem Herrenhause, um seine Ankunft formell anzusagen. „Kriecht er zum

Kreuz und +kommt+, -- +gut+; dann wollen wir weiter sehen.‟

Als Vertreter des Erzbischofs hatte er jedenfalls das Recht, den ersten

Besuch zu erwarten. --

Der Geistliche kam mit der Meldung, daß ihn der alte Herr in seinem

Schlafzimmer empfangen, und gesagt habe, er werde als Kirchenpatron den

Domherrn morgen an der Kirchenthüre erwarten und feierlichst begrüßen,

und hoffe, derselbe werde mit allen Geistlichen der Assistenz ihm nach

der Einweihung die Ehre erweisen, Mittags seine Gäste zu sein.

Man sieht, daß die Diplomatie nicht die stärkste Seite beider

Parteien war. Korbach konnte unmöglich glauben, daß der Domherr die

gelegentliche Einladung durch den rückkehrenden Boten annehme. Der

Domherr aber hatte nicht in der klaren Absicht die Sache zum Bruch

zu treiben gehandelt, sondern sich doch als +möglich+ gedacht,

den Triumf einer Unterwerfung Korbachs in die Residenz mitzubringen,

wozu dieß der erste Schritt. Nun war für ihn nur ein Weg, und er war

gleichwol ärgerlich über den erhaltenen Affront.

Er suchte Ruhe, schickte die Musik weg, die auf dem leeren Platz zu

spielen begann, und überließ sich den Gedanken an den kommenden,

wichtigen Tag. Seine Aufregung war nicht viel geringer als vor

Eröffnung der Stimmzettel. Er ging auf und nieder, las eine vor der

Abreise aus der Residenz erhaltene Depesche Kollmanns, als wollt’ er

sich überzeugen, daß er sie die zehn ersten Male richtig gelesen, und

griff endlich zum Hut, um dem schwülen Zimmer zu entfliehen. --

Schlummern mag der Eingeborne in Korbach -- nimmer der Fremde, der

vergebens einer „Nachtstille‟ harrt. Sie ist entflohen an die äußersten

Grenzen des Thales, vor dem ewigen Toben des Hammers, vor dem ewigen

Rauschen des Wassers, -- des weißschäumenden Blutes in jenem Körper,

dessen Riesenglieder nie alle zugleich ruhen. Laßt es stocken und

das Herz, das große Schwungrad, steht still, der Athem der Gebläse

verstummt, die Lebensglut der Feuerstätten verlischt, die tausend

Gelenke der Räder erstarren. -- Die Perser hielten ihr Feuer nicht

heiliger, als die Korbacher dieß Wasser. Beim Eintritt ins Thal

empfängt es eine Ehrenpforte von Quadern und nun gleitet es weich dahin

in blanken hölzernen Betten, hin zu den Werken, und lustig bietet sich

ihm zum Tanze die flink umwirbelnde Turbine, -- gehorsam, wie der

Elefant dem kleinen Kornaken, fügt sich seiner Laune das haushohe Rad.

-- Dort leiten es gewundene Röhren in weiche Wiesen -- dort fällt’s

als Strahlenregen in Helenen’s Blumenbeeten -- -- jeder Tropfen nützt

oder erquickt. Und während es zehnfach getheilt in rastloser Eile

schäumend und sausend durch all’ die Räume sich drängt, und am Ausgang

des Thales wieder vereint, wo jedes der fliegenden Korps dem andern

erzählen mag, wie es gekämpft und was es besiegt, -- schleicht nur der

Ueberfluß träge im steinigen Hauptbett dahin, wie Marodeurs zur Seite

der Armee. Das Thal ist von den Wassergeistern erfüllt, man athmet

sie bei jedem Schritte, -- sie drängen sich in der Nacht zu weißen

Schaaren unter den Bäumen zusammen. Und wie die Sonne aufgeht über den

Gerechten und Ungerechten, so kühlt auch die Nacht, -- diese frische,

tannendurchduftete, schaumdurchsprühte Nacht von Korbach -- nicht nur

die Wangen des Gerechten, sondern auch jene Bernhards.

Er ging über die Brücke, den Gebäuden entlang, und stand vor der Thür

des Walzwerkes. Er trat hinein, die Arbeiter grüßten, ohne ihre Arbeit

zu unterbrechen und schoben ein Metallstück nach dem andern zwischen

die Walzen, die das gußeiserne Schwungrad bewegte.

Nun stand er vor diesem, -- betrachtete es, und konnte den Blick nicht

davon abwenden -- -- wie es im rasenden, sinnverwirrenden Fluge sich

drehte, daß die Speichen für das Auge in eine graue Scheibe verrinnen

-- ein Sklave des Wassers über sich, und mächtiger Zwingherr der

Walzen unter sich, und diese wieder die Herren des Metalles -- das sie

erfassen, so ruhig-spielend und leicht. Das Zucken des Lammes in der

Löwentatze ist eher ein Widerstand zu nennen, als dieß ohnmächtige

Schwinden in einer einzigen Umarmung.

Der Beschauer vergißt der bewegenden Kraft, -- des Zusammenhanges, --

des Begriffes: +Maschine+. Er sieht ein +Lebendiges+ vor sich

-- -- aber Keinem, der vor einem solchen Getriebe stand, hat jemals

die Fantasie vorgespiegelt, daß es von einem Geiste des +Lichts+,

einem Cherub bewegt werde: der nächste Gedanke ist nur der Geist der

Finsterniß, der +Dämon+, selbst in der einfachen Mühle, und das

Prinzip ergreift unwillkürlich den Zuschauer....

Wahrlich auf hohem Gipfel der Nächstenliebe muß derjenige stehen, oder

ein selten glückliches Dasein hingelebt -- oder ein taubenfrommes

Gemüth als Wiegengabe eingebunden bekommen haben, -- der im ganzen

Laufe seines Lebens nicht +Einmal+ Jemandem den frommen Wunsch

nachgesendet, daß ihn -- -- der Teufel holen möge. Und Jeder, aus

dessen Brust nicht der Polip des Hasses mit der letzten Wurzel

ausgerissen, der lege die Hand aufs Herz, und gestehe, +welcher+

Gedanke in ihm aufgezuckt vor der Höllengewalt dieser umherstürmenden,

Alles zermalmenden eisernen Ungeheuer? -- -- Die Fantasie ist

schuldiger, als das Herz. --

Man wünscht ja nicht, +daß+ es geschehe; man denkt nur -- -- +wenn+ es

geschähe! --

-- Wer wird dich blutgierig nennen, armer, hungeriger Praktikant

der Staatsbuchhaltung, wenn du vor dem Rade stehst und ein dir

sonst fremder Geist in dir denkt: eine +einzige+ Umdrehung; und die

hundert und achtzig Vorrückungen sind vollbracht, deren es bedarf um

vierhundert Gulden zu erreichen! Und so Jeder, der den Karren seines

Jammerlebens nicht an die Stelle, die er ein „Ziel‟ nennt, schieben

kann, ehe nicht der Karren seines Vorgängers umgestürzt und in den

Graben am Wege gefallen. -- Und wenn der fromme Rechtgläubige die ganze

übrige Menschheit, und der Razionalist die gesammte Klerisei im Geiste

durch die Walzen zieht --? so sind’s eben Spiele der Fantasie, vom

Windhauche der Teufelsmaschine aufgewirbelt.

Der Stellvertreter des Fürst-Erzbischofs stand da -- das starre Auge

auf dieselbe geheftet, und zeichnete in Gedanken auf den dunkeln Grund

hinter den Speichen die Vignette zu dem „Liebet Euch unter einander,

+daran+ soll man +erkennen+, daß Ihr meine Jünger seid‟ -- +er+ zog

vor +inkognito+ zu bleiben. Er gedachte seines geliebten Klosters,

-- des Mannes, der seinen Platz einnahm -- seinem Auge erschienen

die Metallplatten als Menschengestalten -- -- der alte Korbach --

Alle, die in der Todtenkapelle zugehört, immer zahlreicher wurde die

Gesellschaft -- -- -- die ganze protestantische Gemeinde hat der stumme

Wunsch durch die Walzen gezogen -- -- Aber die Knechte fassen ewig nur

Platte auf Platte, und keiner weist grinsend nach einem Besorgten und

Aufgehobenen....

Der Herr mag ihm den Willen für das Werk anrechnen! -- Seine Vision

ward gestört, da der alte Korbach, welcher die Werke jede Nacht zu

unbestimmter Stunde besuchte, am entgegengesetzten Eingange des

Gebäudes erschien. Bernhard trat schnell ins Freie. Korbach hatte

ihn aber erkannt, und mit der Wahrheit und Treue, welche die erste

Pflicht des Erzählers ist, muß bekannt werden, daß auch der alte

biedere Fabrikherr, als er am Rade vorüberging, von dem ansteckenden

„Gedankenspiele‟ nicht verschont blieb. -- Und +sein+ Gedanke dürfte

ihm in einer andern Welt zwar nicht als Verdienst angerechnet werden,

aber dafür -- in +Erfüllung+ gehen.

Der Domherr ging noch einige Zeit umher, sich für die Predigt

vorbereitend, die er vor dem Hochamte zu halten gedachte. -- Er hatte

den Grundgedanken dazu im Walzwerke gefunden. --

Korbach aber kehrte ins Wohnhaus zurück, um sich zur Ruhe zu begeben.

Als er ans Fenster trat um es zu schließen, drang ein seltsames

Getön vom Ende des Thales her an sein Ohr, -- es wurde immer lauter,

deutlicher und wehmüthiger, und er erkannte den Slowakengesang und

wußte nicht, wie er sich die Rücksichtslosigkeit der nächtlichen

Wallfahrer erklären sollte. -- Das Lied verstummte, und es folgte das

sogenannte Fahnenduett aus den Puritanern, von einem zahlreichen Chor

im raschesten Tempo ausgeführt. -- „Das läßt sich eher hören,‟ sagte

er, „aber wer zum Henker hat denn den Einfall, das ganze Thal in der

Nacht aufzubrüllen?‟ -- Nun klangen die beiden Chöre ineinander, als

gelte es, wer den Andern überschreie. „Ich gehe hinab,‟ rief er, „und

wenn die Kerls -- ich habe gar keinen Begriff was sie nur wollen --

nicht das Maul halten, so läute ich die Arbeiter zusammen und lasse sie

bis Labring hinüberpeitschen!‟

Als er die Thür öffnete, trat ihm Helene entgegen, im weißen

Nachtkleide, worüber sie ihr dunkelblaues Tuch geworfen, das Köpfchen

von den dichten blonden Flechten umwunden, und sagte lachend: „Vater,

wenn nicht Alles trügt, so sind die Erzbischöflichen angerückt und

beziehen da unten ein Lager.‟ --

„Wollte Gott,‟ rief Korbach, „es wäre Ernst, und wir lebten noch in

der Zeit, wo es Erzbischöfliche und Pfalzgräfliche und Städtische und

dergleichen mehr gab -- in unserm elenden Jahrhundert darf man kaum

eigenhändig Einen zum Hause hinauswerfen. Ich will nun sehen, was es

ist.‟

Der Markt war in Alarm. Als Korbach erfahren, daß es die Altenberger

seien, ertheilte er sogleich Befehle; die Arbeiter wurden in den

Werkstätten konsignirt, Keiner durfte ins Freie, die Gemeindevorstände

mußten die Bauern beruhigen, die Häuser wurden geschlossen und die

Lichter verlöscht. Alle Vorsicht war um so nöthiger, als die Stimmung

Abends nach der Ankunft des Domherrn eine so gereizte geworden, daß es

der kleinsten Anregung bedurft hätte, um eine Katzenmusik unter den

Fenstern desselben zusammenzubringen.

Korbach kehrte nach Hause zurück und die Nacht verlief ruhig. Beim

Frühstück, das er in Helenens Gesellschaft einnahm, wurde ein

„Expresser‟ gemeldet, und es erschien -- der Schneiderpeter.

Korbach warf ihm einen Thaler hin, und rief, nachdem er weggegangen, --

die Depesche Helenen reichend: „Viktoria! gute Nachricht von Arnold!

nun soll mir Sprenger mit seinen Bedenklichkeiten kommen! Unser Monarch

hält sein Zepter noch an einem Ende in der Hand, und die Pfaffen mögen

am andern ziehen und winden wie sie wollen, zuletzt reißt er’s ihnen

doch wieder aus den Fingern und klopft sie noch darauf, obendrein! --

Hätt’ ich die Depesche Abends bekommen, ich wäre zum Domherrn gegangen,

und vielleicht gar höflich mit ihm gewesen -- der +Sieger+ kann einen

+ersten Schritt+ machen, -- einem geschlagenen Feind, heißt es, soll

man goldene Brücken bauen! -- Nun bleibt’s aber auch bei meinem

Beschlusse in Betreff Arnolds.‟ -- Helene, welche verstand, was er mit

den letzten Worten meinte, schien sich über dieselben zu freuen.

Unten wurde es bereits lebhaft. Scharen von Bauern aus allen

umliegenden Orten waren zugeströmt, eine bunte Menge in

Feiertagskleidern bedeckte den Platz, füllte die Gaststuben,

vertheilte sich im Park des Herrenhauses, von welchem nur ein Theil für

die Bewohner abgesperrt war. In vielen kleinen, offenen Kaleschen kamen

die Verwalter, Hammerbesitzer, Amtsleute und sonstigen Honorazioren, --

auf Steirerwägen die blumengeschmückten Burschen und Mädchen.

Das Programm des Tages war: um neun Uhr die Einweihung; dann Predigt;

Hochamt; Diner im Herrenhause -- Nach dem Nachmittagssegen große Tafel

im Park, wo sämmtliches Fabrikpersonale bewirthet werden sollte.

Gegen neun Uhr stellten sich die Korbacher Arbeiter in schöner Ordnung

im Halbkreise vor der Kirche auf. Die Altenberger waren gleichfalls

hereingezogen; Morawski bat höflich, ihnen einen Platz anzuweisen, und

man stellte sie, den andern gegenüber, in einiger Entfernung auf.

Nun erschien Korbach mit seiner Tochter, gefolgt von den Beamten und

dem gesammten höheren Personale der Fabrik, in schwarzer Kleidung,

und erwartete an der Spitze der Seinigen am Eingange der Kirche den

Domherrn. -- Dieser schritt im vollen Ornate mit seiner Assistenz

vom Pfarrhofe herüber, am Gutsherrn vorbei, dessen Gruß er nicht zu

bemerken schien und die Feierlichkeit begann, und ging in bekannter

Weise vor sich. Die Geistlichen umschritten die Kirche mit den

Rauchfässern, gingen dann hinein, besprengten alle Räume mit geweihtem

Wasser, und sprachen Gebete und nun folgten die Weltlichen, so viel

ihrer Platz fanden, in das nunmehr zum Gottesdienste geweihte Haus.

Der Domherr bestieg die Kanzel. Korbach begab sich mit Helenen in das

derselben gegenüber befindliche Oratorium.

Die Predigt begann.

Der Text war: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen. -- Die

Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

Bernhard ging kurz über die erste Hälfte desselben hinweg, und wendete

die gesammte Kraft seiner Rede auf den letzten Satz. -- Auch nicht

+Ein+ Wehen des Taubenfittigs! -- -- Nichts als die Kralle des Teufels

in den Nacken dessen, der da glaubt, es gebe einen andern Weg nach dem

Himmel als jenen, der durch brennenden Schwefel beleuchtet ist. --

„Was hilft ein neues Gebäude, wenn nicht ein neuer Geist einzieht? --

Wer die räudigen Schafe nicht von den reinen trennt und vertilgt, ist

Gott verantwortlich für das Verderben der letzteren. Das Feuer, das

auf die entarteten Städte fiel, möge über das Thal herabfallen, wenn

einmal nicht fünf Gerechte darin zu finden, und dahin +muß+ es kommen,

wenn die Pest der Ketzerei Hütte auf Hütte ergreift. -- Aber der Herr

weiß den Schuldigen zu finden, wenn nicht hier doch +drüben+.‟ -- Und

nun kam das Bild der Hölle: Das Schwungrad, die Walzen, die Hämmer,

der Hochofen -- das mußten ja die Arbeiter begreifen: wie die Seelen

und Leiber zerquetscht werden von den Rädern, die der geschmolzene

Pechstrom umtreibt. -- Hierauf folgte die Anwendung, wie Derjenige, der

die irdische Maschine mißbraucht, um die Ketzer zu ernähren, von der

höllischen erfaßt und mit ihnen zermalmt wird zur Strafe des Frevels,

daß er Stein auf Stein aus den Mauern der Kirche gebrochen, deren

~patronus~, +Schutzherr+ er sich genannt.‟

Er heftete den Blick fest auf Korbach, welcher aufstand, mit seiner

Tochter das Oratorium verließ, langsam zwischen den sich öffnenden

Reihen die Kirche durchschritt, und sich in ruhiger, würdevoller

Haltung über den Platz nach dem Herrenhause begab.

Der Geistliche hielt absichtlich inne, um die Störung desto

auffallender zu machen, und wartete noch einige Augenblicke, nachdem

der Fabrikherr die Kirche verlassen, welchem einige Korbacher gefolgt

waren.

Dann hob er mit schmerzlich bewegter zitternder Stimme wieder an, und

bat Gott um Gnade für den Sünder, der dem Worte, das ihn zum Heile

führen könnte, aus dem Wege geht -- fiel aber bald in den früheren Ton,

indem er dem Gutsherrn und Allen die zu ihm hielten, die gesammten

Blitze und Donner des Anathema nachsandte, so daß es endlich auch den

Uebrigen zu arg ward, welche die als Ausbund aller Laster geschilderten

Protestanten als die bravsten und ehrlichsten Leute kannten, und

die Kirche leerte sich rasch von den ursprünglichen Besuchern und

füllte sich in demselben Maße mit Slowaken, für deren Kapazität es

ganz gleichgültig war, in welcher Sprache gepredigt wurde. Trotz der

gespannten Aufmerksamkeit, welche auf ihren Gesichtern zu lesen war,

kürzte der Domherr nun die Predigt ab und verließ die Kanzel um das

Hochamt zu halten, welches mit dem Aufwande der besten musikalischen

Kräfte des Thales stattfand und ziemlich drei Stunden währte.

Die Kollmann’schen Arbeiter, von Morawski und Fontana in jeder Bewegung

geleitet, nahmen nun fast die ganze Kirche ein, und die Korbacher,

obgleich sie ihnen selbst den Platz geräumt, sahen es mit Aerger an.

Die fremden Besucher bildeten abgesonderte Gruppen, allgemein wurde

das Benehmen des Gutsherrn besprochen, von den Meisten gebilligt,

von Einigen getadelt; -- als der Gottesdienst geendet war, hatte sich

Verstörung und Mißstimmung aller Gemüther bemächtigt.

Nun fuhren die Wagen mit den Geistlichen vom Pfarrhofe weg. Vor dem

Kirchenthore ließ Bernhard halten, stand auf, segnete die Wallfahrer

und sprach zu den nebenstehenden Gemeindevorständen mit weithin

vernehmlicher Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung zur würdigen

Feier der heiligen Handlung. Wenn dieselbe nicht so vor sich ging wie

es sein sollte, ist es nicht Ihre Schuld. Noch ist eine Handbreit Erde

für den Samen des Guten in Korbach zu finden und ich bitte Sie nicht

zu verzagen, -- die Kirche wird Sie schützen, ihr Segen wird Ihnen so

wenig fehlen, als die Strafe Denen, die sich nunmehr offen gegen sie

aufgelehnt haben.‟

Die Vorstände hörten schweigend und ernst der Anrede zu, -- als

aber die Wagen um die Ecke waren, ließ ein Hammerknecht, der zu den

glühendsten Anhängern des Gutsherrn gehörte, aus voller Brust ein

Vivat Korbach! erschallen, und da es bei einer aufgeregten Volksmenge

nur eines zündenden Funkens bedarf, so scholl der Ruf, von Hunderten

wiederholt, an die Ohren des Domherrn und seiner Begleitung, als

Abschiedsgruß, -- als wollte man den stummen Empfang gutmachen der ihm

bei der Ankunft zu Theil geworden.

Morawski’s Augen leuchteten auf bei dem Rufe. Wie ein General oft

mitten in der Affaire einen neuen Plan faßt, schien er jetzt mit dem

seinigen im Reinen. Da trat Fontana zu ihm und sagte leise: „Meine

Italiener sind nicht zu halten, sie wollen in die Wirthshäuser.‟

-- „Das dürfen sie nicht. Haben sie nichts mehr vom Vorrath?‟

-- „Keinen Schluck und keinen Bissen!‟

-- „Das ist schlimm. Verzehrt darf Nichts werden.‟

-- „Auch sind sie ungeheuer aufgeregt: es hat sich unter ihnen

verbreitet, der Domherr habe den Korbach exkommunizirt. Ein Theil sagt,

dieser habe Recht, die Andern reden vom Fenstereinwerfen.‟

-- „Da ist keine Minute zu verlieren, -- hier sind vierzig Gulden,

führen Sie sie augenblicklich fort, nach Labring, lassen Sie sie zechen

und dann marsch! nach Hause! Ich kann hier keine Hitzköpfe brauchen.

Meine Slowaken sind die rechten, -- gehen Sie in Gottes oder des Herrn

Kollmann Namen!‟ -- schloß er lachend. --

Fontana sammelte seine Schaar, welche alsbald zum Orte hinaus und die

Straße hinab lärmte, dem Walde zu.

Die Korbacher waren gegen Wallfahrer überhaupt, namentlich gegen die

jetzt anwesenden eingenommen. -- Aus dem prinzipiellen Standpunkte sind

die Akten über die Karawanen, welche die Wüste des Aberglaubens unter

dem Namen von Prozessionen durchziehen, längst geschlossen. Der Ort,

von welchem die Arbeitskräfte und das Geld exportirt werden, hat die

Handelsbilanz offenbar gegen sich; das Mekka, wo sich die silbernen und

wächsernen Votivsteuern ansammeln, und jedes Haus ein Wirthshaus, hat

sie +für+ sich, -- ein Vortheil, welcher aber durch das fisische

und moralische Ungeziefer, welches die frommen Scharen zurücklassen,

weit überwogen wird. Nun sollte das Letztere allein der Antheil der

Korbacher Gemeinde sein! -- Sie hatte langmüthig zugesehen, wie die

Ankömmlinge ihre Wiese in der Nacht so zu sagen abgeweidet; das Gras

war allenthalben zertreten und selbst Feuerstellen waren zu sehen.

Der Richter war am Morgen, ohne Korbachs Wissen, zu den Fremdlingen

hinausgegangen und hatte Explicazionen verlangt. -- Wenn eine Großmacht

eine Ohrfeige erhält, wird der Gesandte beauftragt ~de demander

des explications~, ob damit eine Beleidigung beabsichtigt sei.

-- Morawski hatte sich äußerst artig entschuldigt, er habe in der

Nacht nicht im Orte Quartier nehmen wollen, und im Namen seines

Herrn Schadenersatz angeboten, den jedoch Korbach anzunehmen verbot.

-- Nun waren die Italiener abgezogen, die Andern lagerten nach dem

Gottesdienst an der Straße und verzehrten was sie mitgebracht. -- Die

Bauernbursche standen nach dem Mittagsessen beisammen und beriethen die

Eventualitäten eines Zusammenstoßes. --

Im Herrenhause war das Diner der Honorazioren vorübergegangen, ohne

daß der Abgang des Domherrn der Fröhlichkeit Eintrag gethan hätte.

Die Predigt fand die heftigste Mißbilligung; Korbach sagte, er habe

sich zurückgezogen, da er nicht Lust gehabt, sich von einem Fanatiker

insultiren zu lassen, der die heilige Stätte mißbrauche, um seinem

Aerger über eine erlittene Niederlage Luft zu machen; er sei überzeugt,

daß die Regierung solchen Uebergriffen zu begegnen wissen werde. Der

Beweis, daß sie die gerechte Sache schütze, liege darin, daß trotz

der Konflikte zwischen ihm und der Geistlichkeit seine Beziehungen

zu den höchsten Behörden ungetrübt geblieben, wie eben eingetroffene

Nachrichten von seinem Sohne bewiesen.

Die Gäste stimmten bei, und eine Reihe von Toasten auf Toleranz,

Gleichberechtigung der Kulten u. dgl. beschloß das Mahl.

Nach demselben begaben sich die Gäste in den Garten, wo die

Vorbereitungen für die Bewirthung der Arbeiter nach dem Abendsegen

getroffen wurden. Ehe Letzterer begann, hatten die Slowaken wieder

einen Theil der Kirche und den Platz am Eingange gefüllt. -- Sie

begingen keine einzige offensive Handlung. Sie +waren nur da+. Wo

ein Anderer gehen und stehen wollte, da ging und stand ein Slowak. Ohne

zu Thätlichkeiten zu schreiten, drückte und schob man sie aus dem Wege,

aber die Trägheit der Masse, die bei alle dem von einer unsichtbaren

Hand geleitet schien, gewann immer die Oberhand, und die Korbacher

konnten ihrer neugeweihten Kirche nicht froh werden.

Als der Gottesdienst vorüber war, begaben sie sich über die Brücke

nach dem Park, und nahmen an den Tischen Platz. Die Fremden aber

schienen ihre Andacht über Nacht fortsetzen zu wollen. Es ist dies

übrigens Nazionalsitte; wer jemals Gelegenheit gehabt dieses Volk in

seinen überirdischen Beziehungen zu beobachten, wird gefunden haben,

daß seine Andacht sich nicht mit dem Maße der übrigen Christenheit

mißt. Die Kirche ist an Feiertagen sein Bivouac, -- es liegt und steht

stundenlang darin, geht ein wenig heraus, ißt und trinkt, -- dann

wieder hinein, bis in die Nacht. -- Nun breiteten sie ihre Kotzenmäntel

auf den Boden, lagerten sich und packten wieder mitgenommenen Proviant

aus.

Korbach’s Arbeiter waren von ihnen durch die Brücke und die

Umfriedigung des Parks getrennt, in welchem sie an den langen Tischen

saßen, zwischen denen der Gutsherr ab und zu ging, mit den Leuten

freundlich sprechend, und beständig die Fremden im Auge behaltend. --

Die Protestanten und Katholiken saßen gemengt, die gespannte Stimmung

begann einer fröhlichen zu weichen und man kümmerte sich nicht um die

Slowaken. Plötzlich stimmten diese auf ein Zeichen Morawski’s eines

ihrer Jammerlieder an. -- Ein Murren antwortete. -- Korbach gebot den

Seinen Ruhe, fand Gehorsam, befahl aber dem Wächter, das Gitterthor

nach der Brücke zu schließen.

Nun war das Lied geendet und man sah die Sänger sich erheben und wie

zum Abzuge ordnen, woraus keineswegs zu schließen, daß sie gingen.

-- In diesem Augenblicke wiederholte der Hammerknecht, welcher das

„Vivat Korbach‟ beim Abschiede des Domherrn provozirt hatte, diesen

Ruf, und in der nächsten Minute scholl es vom Kirchenplatze mit dem

vollen Kraftaufwande sämmtlicher slowakischer Lungen herüber: „~Zivio

Gospodin +Kollmann+!~‟[2]

Die Arbeiter fuhren schreiend von den Sitzen empor -- Korbach schlug

mit voller Kraft mit dem Stocke auf den Tisch und nochmals dämpfte sein

donnerndes: Ruhe! den Aufruhr -- aber bereits war ein Stein aus dem

Park über die Staketen geflogen und hatte einen Slowaken an den Kopf

getroffen.

Morawski schien seine Leute mit eiserner Gewalt zu beherrschen, denn

das angestimmte Geheul verstummte augenblicklich wieder, und nun

rief er vortretend, gegen das Gitter hin: „Die Beleidigung frommer

Wallfahrer, welche beten, während Andere trinken, wird ihre Richter

finden! Wir ziehen ruhig ab, haben Niemanden beleidigt, aber es

wird uns auch Niemand verwehren, +unsern+ Brotherrn leben zu

lassen, wie Andere den +ihrigen+, darum nochmals: ~Zivio

+Kollmann+!~‟

Der Ruf war noch nicht verklungen, so war dem Wächter der Schlüssel

entrissen, das Thor geöffnet, und die von Wein und Zorn glühenden

Arbeiter stürzten wie ein Wildwasser, das den Damm durchrissen, heraus,

über die Brücke auf die zusammengedrängten Fremdlinge. Korbach’s

Ruf ward überschrien, er vermochte nur mit äußerster Anstrengung

in die vorderen Reihen der Seinigen zu gelangen, allein während er

die Nächsten zurückwarf, setzten die Andern, vom Dunkel begünstigt,

auf allen Seiten ihr Rachewerk fort. Die Slowaken waren stämmige,

kraftvolle Leute, vermochten aber der überlegenen Anzahl der eben

so kräftigen Hammerleute und Schmiede, denen sich auch die Bauern

anschlossen, kaum einige Minuten zu widerstehen, und wurden in

einem verworrenen Knäuel mit unglaublicher Schnelligkeit die Straße

hinabgetrieben, unter einem Hagel von Fausthieben auf ihre runden Hüte

und breiten Rücken, -- und buchstäblich aus dem Orte hinausgeworfen.

Korbach hatte nun das ganze Aufsichtspersonale um sich vereinigt und es

gelang ihm, der Verfolgung Einhalt zu thun, -- jeder der Vorgesetzten

wußte rasch und energisch die ihm unmittelbar unterstehenden

Arbeiter zu sammeln, die Ordnung ward so schnell hergestellt, als

sie gestört worden. Der Fabrikherr verkündigte strenge Untersuchung

und Bestrafung derer, die zuerst angegriffen, schickte alle in die

verschiedenen Werkstätten zur Nachtarbeit und besichtigte mit Einigen

von der Gemeinde das Schlachtfeld, welches mit Hüten und abgerissenen

Kleidungsstücken der Vertriebenen bedeckt war. Zwei Slowaken lagen

schwer verwundet an der Kirchenmauer und wurden nach dem Herrenhause

gebracht, wo sie den Händen des Arztes der Fabrik übergeben wurden.

Während dieß geschah, kam Morawski mit einem Begleiter zurück,

näherte sich Korbach und sagte ruhig, er komme, für’s Erste, um die

zurückgebliebene Kirchenfahne der Wallfahrer zu holen. Sie wurde beim

Laternenlicht gesucht, und fand sich, die Stange zerbrochen und das

Tuch zerrissen. -- Morawski übergab sie seinem Begleiter, welcher damit

fortging und erklärte, sofort seine Aussage über das Vorgefallene vor

der Gemeinde-Obrigkeit zu Protokoll geben zu wollen.

Das Ansinnen war nicht zu verweigern. Korbach, der ihn keines

Wortes würdigte, ging ins Herrenhaus zurück, Morawski aber nach dem

Ortsgerichte, wo er vor dem Richter und Geschwornen seine Aussage

niederschrieb und unterzeichnete. Nachdem er sich noch überzeugt, daß

die beiden Verwundeten sich in guter Pflege befänden, entfernte er

sich und trat mit den Seinigen den Rückmarsch an, mit dem Gefühle der

vollsten Befriedigung über seine Leistung.

Kollmann hatte gut gewählt, -- Morawski seine Aufgabe in politischer

und strategischer Beziehung so gut gelöst, daß ihn jeder

~diplomate-militaire~ beneiden kann.

-- -- Nicht ohne Bedauern sehen wir unserer Erzählung durch das

Zusammentreffen der Umstände einige der schönsten Effekte entgehen.

Konnte nicht während des Kampfes Arnold mit seinem neuen Freunde

Richard Forster erscheinen? Und da es zu unedel wäre, unsere Helden

in Konflikt mit Slowaken zu bringen, konnten nicht wenigstens die

Italiener Stand halten, -- Richard durch einen Messerstich verwundet,

ins Herrenhaus gebracht, und die Liebe zwischen Helene Korbach und

ihm auf so natürliche als überraschende Weise vermittelt werden

durch Wundfieber und Rekonvaleszenten-Pflege? Oder konnten nicht die

Kollmann’schen Freiwilligen das Haus stürmen und eine Rettung aus den

Flammen vorbereiten? -- Statt aller dieser kostbaren Elemente bietet

sich nichts als ein gemeiner Faustkampf der Arbeiter, Hinauswerfen der

einen Partei, und leider die zerrissene Fahne, und ein Paar von Steinen

zerschlagene Kirchenfenster und Slowakenköpfe!

-- -- Auf einen Befehl Korbachs, der in jenem Tone gegeben war,

der keine Einwendung gestattete, hatte sich Helene beim Beginn der

letztgeschilderten Szene in das Haus zurückgezogen.

Sie wurde nun nach dem Arbeitszimmer des ernst und nachdenklich

zurückkehrenden Vaters gerufen, und als dieser eben seine Erzählung

des Vorgefallenen geendigt hatte, trat Arnold ein, -- in eben so

ernster Stimmung, grüßte mit stummem Händedruck die Schwester, und

sagte zum Vater: „Ich hoffe durch das, was ich bringe, das Unangenehme

auszugleichen, was dir begegnet.‟ Dabei legte er die Kontrakte auf den

Tisch.

Während der alte Korbach dieselben durchflog, führten Arnold und Helene

eines ihrer eigenthümlichen Augengespräche, in welchem sie ihm sagte:

Zeige dich dem Vater nicht gedrückt, er ist es ohnedem, sei heiter! --

Arnold verstand sie und sagte: „Nun ist mit Gottes und deinem Segen

meine erste Mission gelungen, und meine zweite soll sein, wenn man uns

einen unserer Wege abschneidet, einen andern zu eröffnen, mir ist vor

Nichts bange, selbst wenn wir den Kontrakt +nicht+ hätten, -- wir

haben ihn aber, und nun denke nicht an den Arbeiterkrawall, -- und

noch weniger an den Domherrnkrawall, sondern ruhe und laß +mich+

arbeiten!‟

Bei diesen mit Zuversicht gesprochenen Worten sah der Vater Helene

an und fragte: „Hast du Arnold denn schon Etwas gesagt -- daß er so

spricht?‟ --

Sie verneinte es und der Vater fuhr fort: „Bleibt in meinem Zimmer so

lange Ihr wollt, ich gehe schlafen; mit dir, Arnold bin ich zufrieden,

morgen mehr!‟

Hierauf verließ er das Arbeitszimmer, und die Geschwister bemerkten

mit Betrübniß, daß sein Gang nicht der feste, seine Haltung nicht die

kräftige, stolze war wie gewöhnlich. --

„Wie findest +du+ die Sache?‟ begann Helene.

-- „Ganz schlecht. Wie ich die Leute kennen gelernt, zerschneiden sie

den Vertrag wie Kaiser Ferdinand den Majestätsbrief mit eigener Hand,

nachdem was heute vorgefallen ist. Mußte der Vater von der Predigt

weggehen?‟

-- „Er konnte nicht anders, nicht um den Preis unseres ganzen Besitzes.

Wäre er geblieben, so hätte ich als Tochter seine Gründe achten müssen,

wäre aber allein weggegangen.‟

-- „Das genügt mir. Wir müssen nun auf Schlimmes gefaßt sein.‟

-- „Fürchtete ich nicht für die Gesundheit des Vaters, so läge an dem

Allem nichts. Vielleicht steht es nicht so schlimm, als du glaubst.‟

-- „Ich halte einfach den Kontrakt für zerrissen.‟

-- „Sage mir doch, könnt Ihr denn für Niemanden als Monarchen,

Ministerien und Oberkommando’s arbeiten? Können denn die Geistlichen

alle Menschen, welche auf dieser Erde Messingplatten brauchen, gegen

uns aufhetzen? Die Reinhart in Dörnberg haben, wie ich gehört, keine

einzige Staatsbestellung und sind so reich als wir.‟

-- „Ganz gut gesprochen, mein lieber Kompagnon, aber du weißt, daß der

Vater sammt all’ seiner Opposizion gegen die Regierung das alte Prinzip

der Firma nicht fahren läßt.‟

-- „Er wird es nicht; aber höre mich. Er hat heute nach Ankunft deiner

Depesche gesagt: Arnold hat seine Sporen verdient! Ein schöneres

Debüt für seine selbstständige Leitung könnte er nicht haben, als die

Marinelieferung, er soll gleich selbst Dasjenige arbeiten, auf was er

abgeschlossen. Ich übergebe ihm, da er nun 24 Jahre alt wird, die ganze

Sache; es ist besser, er übernimmt das Geschäft zu einer Zeit, wo er

mich noch ein Paar Jahre an der Hand hat. Du weißt nun, warum er mich

früher gefragt; er wird gewiß morgen mit dir sprechen.‟

-- „Wenn ich ihn unter andern Umständen beschworen hätte, mich noch

ein Jahr in der Residenz zu lassen, so wäre es jetzt geradezu eine

Feigheit. Ich weiß, daß wenn ich freie Hand habe, das Geschäft in eine

neue Bahn zu leiten, er in kurzer Zeit Resultate sieht, die ihm ein

glückliches Alter bereiten.‟

-- „Mache was du willst und kannst; es ist ja Alles nur um des Vaters

willen. Um dich und mich wird’s mir doch wahrhaftig nicht bange sein?

Und wenn man uns so vollständig zu Grunde richten könnte, daß du in

ein fremdes Geschäft gehen und ich als Gesellschafterin unterkommen

müßte, was läge +uns+ daran? Aber für unsern Vater, und um der

schönen Schöpfung unserer Mutter willen, zum Heil der Hunderte, die da

glücklich und zufrieden und in der freien Ausübung ihres Glaubens,

der der unsere, geschützt leben, und deren Aller Loos von unserem

abhängt, muß unser altes, schönes Korbach stehen bleiben, und wenn

alle Erzbischöfe der Welt mit ihren Krummstäben dagegen Sturm liefen.

Getraust du dich es zu halten?‟

-- „Ja, wenn wir die alten unhaltbaren Verbindungen aufgeben und einen

neuen Weg einschlagen.‟

-- „Den kann der Vater nicht betreten, folglich mußt du annehmen.‟

Ruhig und klar besprachen die Geschwister die Lage, die sich durch die

Vorfälle des Tages gezeichnet. Endlich fand Helene den Uebergang auf

den Gegenstand, der ihr nach der großen Frage des Hauses am Meisten am

Herzen lag.

Sie wußte die Folge des Freinhofbesuches, wußte daß Arnold liebe und

freute sich dessen. Es fiel ihr nicht ein, den Gedanken bis zu einer

Konsequenz zu verfolgen, welche ihr Gefühl verletzt hätte. -- Hunderte

ihrer Schwestern, weniger unschuldig als sie, sind schnell mit dem

Verdammungsurtheile über die Liebe zu einer Frau fertig: entweder für

einige Zeit, bis sie nämlich selbst der Gegenstand einer solchen Liebe

geworden, oder auf immer, wenn sie es niemals werden. Eine andere Liebe

zu einer Frau als jene des Göthe’schen -- nicht des wirklichen --

Tasso konnte sich Helene nicht denken, und an einer solchen fand sie

nichts Verwerfliches. -- Aus dem Zusammenklange von hellem Verstande,

freiem Sinn und blütenreinem Herzen konnte nichts Anderes hervorgehen,

als ein Segenswunsch für das Gefühl, in welchem sie Arnold glücklich

sah.

Er sprach heute ganz offen mit ihr, und sie ging in ihren Gedanken

einen kühnen Schritt weiter. Sie fragte, indem sie Arnold vielsagend

ansah: „Ist Julie Protestantin?‟ --

„Ich weiß es nicht einmal,‟ war die Antwort.

-- „Ich begreife, daß Ihr Euch um andere Dinge als Euer

+Glaubens+bekenntniß zu fragen hattet -- aber du weißt wohl, warum

+ich+ fragte.‟

-- „Ich verstehe dich vollkommen. Ich vertraue dir Etwas, was mir nicht

anvertraut worden, sondern was nur mein Gedanke ist... der Gedanke

heißt: Julie ist nicht +seine+ Frau.‟ --

Helene trat betroffen zurück -- ernst und schmerzlich sahen die

dunkelblauen glänzenden Augen in die des Bruders. „Wenn es so ist,

sagte sie mit Würde und Entschiedenheit, -- was kannst du sagen,

Arnold, um zu rechtfertigen, daß du +mich+ zur Vertrauten einer

Sache gemacht, von der ich Nichts wissen will, von dem Augenblicke an,

wo deine Geliebte keinen Namen führt, mit dem +mein+ Mund sie

nennen kann?‟

-- Arnold hielt Blick und Frage und Vorwurf ruhig und lächelnd aus

und sagte: „Ich würde mich deiner Betroffenheit freuen, meine liebe,

schöne, strenge Schwester, wenn sie sich nicht von selbst verstände.

Vergiß aber nicht, daß der Antheil von Ehre unsers Hauses, für den du

und ich Rechenschaft zu legen haben, ein ganz gleicher ist, und suche

nach keinem andern Namen für Julie, als den sie verdient, nämlich jenen

deiner Schwester und einer Tochter unserer Eltern.‟

-- „Bedenkst du, was du damit sagst, Arnold?‟

-- „Ich habe bedacht, ehe ich abermals zu dir gesprochen. Ich hätte,

nach der Reise, Juliens nicht mehr gegen dich erwähnt, wenn ich nicht

überzeugt wäre, daß sie so +ist+, wie ich sage.‟

-- „Ich glaube dir, weil ich Nichts mehr glauben will, wenn ich an dir

irre werde. Die einzige Frage ist nur, ob du nicht getäuscht wirst,

indem +du+ glaubst.‟

-- „Lerne sie kennen und höre von +ihr+ die Worte: „Kein heiliges

Band bindet mich an Kollmann, -- der Himmel ist ja barmherzig und löst

die seinen -- aber meine Lippen sind würdig geblieben, die deinigen --

würdig, die deiner Schwester zu berühren -- ich sehne mich nach ihr,

der ich vielleicht mehr sagen könnte, als selbst dir!‟ -- Das höre von

+ihr+, Helene, und dann zweifle!‟ -- Er reichte der Schwester die

Hand und sah sie zärtlich, fast bittend an.

-- -- „Gott lasse es Licht werden über unserm Thal und Eurem Leben! --

ich will ja Alles glauben -- Alles hoffen!‟ rief Helene und drückte in

schweigender inniger Umarmung den Bruder ans Herz.

[2] Es lebe Herr Kollmann!

Ende des erste Bandes.

Halle, Druck von H. W. Schmidt.

Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram. · 第 27 / 27 题