Welches ist aber das Land unserer Begebenheit? --

Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht

zu beantworten vermag, -- so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen

gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten.

Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen:

„Was ist des Deutschen Vaterland?‟ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie

gelöst. -- Wird sie gelöst? -- Vierzig Millionen sangen und singen

noch: „+Das+ soll es sein!‟ -- Und immer noch +soll+ es!

+Wen+ kann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder

die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, -- die Russen, Britten,

Franzosen? -- denen niemals +eingefallen+ zu fragen, +was+

ihr Vaterland sein solle.

~Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie!~ --

lacht es über den Rhein herüber. -- Ueber den Kanal tönt nicht einmal

eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der Hymnus

~Rule Britannia~! -- -- Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf

nicht fragen und wird nicht gefragt, aber er +weiß+ es, -- und

ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußland +muß+ es

sein! Und so ists auch. --

Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum

rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen

den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf

eine Stelle, wo er abgleitet, -- meist ein Stück glattes Parkett eines

Konferenzsaales, -- und rollt wieder in die Tiefe. -- Vielleicht sind

wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben!

-- -- Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug

fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser

Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der

Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der

Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle

der Landkarte, -- und dann wird Alles wieder fremd, -- wie man wohl

manchmal hört: „Ich träumte, -- es war in unserm Garten, -- und dann

war es doch wieder nicht unserer.‟

„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes der

~dissolving views~, -- ein Graf Breuneck und Andere, die dort,

wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbst

+nicht+ aufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das

klar gezeichnete +Wirkliche+ zu verdecken! All dieß ist eine an

den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.‟ -- Aber so verlangte

es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer

nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine

Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem

Ballkommissär zu haben. --

So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt‟ für den Ort,

welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist

ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem

Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten

worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei

seiner Sendung bedürfen könnte.

Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde

von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, -- ja

Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte.

Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des

Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von

dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den

Pfarrhof in Korbach bezogen. --

Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große

Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne,

Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für

seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres

geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, -- ein riesenhaftes

Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen

Helenen überreichten, -- Tags darauf ein Ständchen der Protestanten,

welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen

Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen

ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... -- Der alte

Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der

Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze,

kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach,

dafür gesorgt sein werde, daß +Recht+ und +Gesetz+ des Staates und der

Kirche gelten, nicht aber deren +Verdrehungen+.

Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte

er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt

gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und

Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse

erregenden Anblick gewährt hatte. --

Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in

Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als

klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten

Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe,

die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich

bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die

vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungen u.

dgl.

Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein

ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein

anderes Zusammentreffen der Fall. --

Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer

des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im

Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne

aufzustehen, nicht hinübersehen kann.

Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr

die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem

Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen

Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion

aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des

Prinzen, zusammentraf.

Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der

Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so

geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben

in dieser Sprache geführten Conversazion hörte -- deren sie sich nach

der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron

Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.‟

Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die

ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit

mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathisch war. --

Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so

laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es

ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zwei Tagen nach dem Hafen

zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei

einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung,

zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern

Seite benützt werden sollte.

Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der,

die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche

seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte,

und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den

Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch

den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins

Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit

zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen

Tagen in beiden Städten.

Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm

nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn

sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche

bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht,

und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet --:

~cavallo~, -- ~cheval~, -- Roß. --

-- Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine

Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch

fühlen sie sich nur +unter sich+ eigentlich behaglich. Man darf

nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes

Mädel!‟ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser -- wie Sprenger

sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere‟ herausklingen, um über

den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens

glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man

ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide.

-- Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß

er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der

letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben.

Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein

freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit

dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied

der beiden Herren bestand in der Façon, -- die Kameraden, in allen

Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben,

der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener

Edelstein. Von Edelstein war kein Rede, aber das böhmische Glas war

bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen,

-- „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte

Plomberg -- und was für Species von Ennui bekommen wir zu verdauen?‟ --

-- „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr

Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, --

Munizipalität, Beamten -- Kaufmannschaft‟ --

-- „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?‟

-- „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die

fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.‟

-- „Herr Gott im Himmel! -- das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur

Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch

einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.‟

-- „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.‟

-- „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen

haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag

nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine

Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.‟

-- „Ich weiß ganz gut um was es sich handelt was mir nicht klar, sind

nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganz +oben+

solchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift,

nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener

Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu

entziehen?‟

-- „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und

der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein

ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem

originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle

krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf

den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die

Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze

Provinz lutherisch wird. -- Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu,

und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem

mit uns gehen, -- fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so

weiter. -- Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken

und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und

Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr

zu sein.‟

-- „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht, da der Prinz, dem sie

in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt,

wo er auf seinem eignen Terrain steht.‟

-- „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter

Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu

der Sache keinen guten brauchen.‟

-- „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach

der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.‟

-- „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan.

Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. -- ~A

propos~ Klatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß

dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?‟

„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutes ~moyen d’action~

werden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.‟

„Wie steht denn die Sache eigentlich?‟

„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg

sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen,

melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht,

so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt

daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; von

~abandon~, unbewachtem Moment u. dgl. ist bei diesem Weib keine

Rede.‟

Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer

Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so

wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.

Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so

schweren Stand gehabt zu haben. -- Bei der Erwähnung seines Vaters war

er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt

zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg

geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der

ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist +keine+.

-- Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach

+meinem+ Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie

ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.‟

„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold -- Meinst du,

ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen,

ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach?

daß sie dächten, aha, das ist +der+! im Waggon hat er sich

geduckt! -- Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu

wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie

renommiren wollen.‟

Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem

raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche

durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht,

einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer +eigenen+

Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen

Karakter gehabt.

Die Gedanken: Verdammte Civilisten! -- Aufpasser, -- Zusammenhauen

(die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während

Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene

Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner

Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit

Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht

zu hören.

Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat,

durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger

Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung,

deren unfreiwilliger Zeuge ich war‟ -- „Halt, fiel Plomberg ein,

unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß

das Gespräch nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen,

durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.‟

Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon,

daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich

voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen

Orte, vor Fremden, nur +dann+ sich in so vernehmlicher Weise

unterhalten, wenn sie +keinen+ Werth darauf legen, ungehört zu

sein. Nicht +mir+, sondern +Ihnen+ stand die Beurtheilung zu,

ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!‟

„Darüber wollen wir nicht streiten, -- sagte Plomberg mit

hinaufgezogenen Augenbrauen, -- aber ich möchte fragen, was Ihnen

eigentlich zu Diensten steht?‟

„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht,

welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters

vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß

derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung

vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann +stolz+ sein muß; daß jenem

Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel

an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm

nachtheilig sind.‟

„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn

Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um

höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu

rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht

dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.‟

„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise,

meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie

dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine

Pflicht war nur, fürs Erste zu +sprechen+, damit ich den Verdacht

beseitige, als wollte ich +irgend einer Konsequenz meines Zuhörens

ausweichen+, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie,

meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen

Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen

kennen würden, gegen den er gerichtet ist.‟

Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen

Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. -- Die

beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit:

„Mir scheint, wir haben eine ungeheure ~bêtise~ gemacht.‟ --

Der Schein wurde ihnen, je länger sie nachdachten, desto mehr zur

Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé.

„Was liegt daran! -- sagte Plomberg. -- Vielleicht könntest du die

ganze Audienz verhindern?‟

„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch

noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von

Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt

Alles auf Greuth; der Prinz wird ~a camera~ fulminiren, da er ihm

öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens

nicht übel, er scheint „Schneide‟ zu haben.‟

„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre

und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem

das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat

sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten

Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit

geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! -- Ein

Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!‟

-- „Im Gegentheile +nützen+! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn

zu +heben+! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen‟,

denen er nicht +ausweichen+ will, nicht aufgegriffen!‟

-- „Was wirst du jetzt thun?‟

-- „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du

mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander

stehen, kann uns indifferent sein.‟

-- -- Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.

Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen,

ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter

Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte

die laue Luft. -- Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung,

sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern

sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei

der ~bella Italia~ mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es

ging, und suchten die Ruhe.

* *

*

Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram. · 第 24 / 27 题