Es gibt noch ein anderes „Hinunter!‟

-- Wir sagen noch einmal -- „Und so fort durch alle Stände, bis

hinunter zum -- -- +Künstler+!‟

-- -- -- Und das war der Punkt, wo selbst Lipprecht +offener+

Revoluzionär war! --

Nicht als ob der Mann jenen echten, wahren Kunstsinn, jenen

hochgebildeten Geschmack gehabt hätte, welcher Günther, der selbst

nur mittelmäßig musizirte und zeichnete, zu einer Autorität machte,

von welcher die bedeutendsten Künstler der Residenz gern Winke über

entworfene oder halb vollendete Werke annahmen. Allein dieser, der

stets einige arme Maler protegirte und seine reichen Bekannten zu

Bilderankäufen veranlaßte, hatte in dem Kommissär eine Art Kennerschaft

und Mäcenatenthum hineingeredet, so daß er allen Ernstes seine eigenen

Ansichten auszusprechen glaubte, wenn er behaglich schmunzelnd jene

Günther’s vor einem Bilde wiederholte.

-- So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers

im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des

Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der

tiefsten Indignazion zu erfüllen. Er sah, wie nicht nur die ~haute

finance~, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk

hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den

Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers

harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel

der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von +Oben+

herabstrahlen und strömen sollen, -- und im Nachbarlande einen so

reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an

+Kunstsinn+ in der +höchsten+ Region.

Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven

+Polizei+kommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der

besten und brauchbarsten, -- oder vielmehr eben darum.

Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner

+politischen+ Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den

Gegenstand seiner Vorliebe von einer +andern+ Seite ins Auge

gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s

unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der

+Wetterstein+ war erwähnt worden. --

Aus den ~billets-doux~, welche der Kommissär nun wieder in ihr

Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über

Kollmanns Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s

Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, -- des letzteren Testament,

Leben und Sterben -- -- ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der

Auflösung warteten.

Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte,

wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer

Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief

er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen

Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit

er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau

gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder

gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte.

Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem

Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität

wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. -- Der Mann gab auch

vortreffliche Garçon-Diners.

Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte

zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele

Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, -- das Uebrige mußte

seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben.

Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. -- Der

Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er

selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen

durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich

vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden.

Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem

leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles

angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich

machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse,

Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre

Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen

als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe,

etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte.

-- -- Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der

Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein,

welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende

Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und

Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt.

In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte

des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, -- zugleich

Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse -- -- eine Gruppe der

letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den

Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit

in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß

rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen

Florian hängt, -- vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der

unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe

Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller

glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden

Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als

dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es

sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des

Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten,

sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, -- wie

ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht,

-- bis endlich ein neues Spielzeug -- hier ein wohlthätiger Windstoß --

dem langweiligen Unwesen ein Ende macht.

Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse

Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und

aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn

etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht

einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste

den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern

Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum

Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen,

schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren.

Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in

einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die

Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten

ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen

Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten u. dgl. meistens

eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem

bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, -- sodann

ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der

„charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste)

Mann‟ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und

Tarokspieler ankündigte, vielseitige Einladungen. -- Der nächsten Tag

noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger

zusammen als sonst. --

Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten

gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten

Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig

gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für

albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen

schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen

lassen und bedauern.‟

Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben

gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk

besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von

der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem

Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger.

-- Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den

Augenblick zu liegen.

Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes

aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die

alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge zu ihm, und

dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn

ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen.

Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald

sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche

der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein

Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine

neue Richtung gab.

Am 27. August vor drei Jahren war Grünschenk, seit Langem leidend,

plötzlich Nachmittags sehr übel geworden und in der Nacht gegen zwei

Uhr verschieden.

Kollmann, der im Hause gewohnt, war Tags zuvor auf eine Vermessung

ausgegangen und erst bei dessen Beerdigung zurückgekehrt.

Bei Grünschenk’s Tode waren anwesend: der Pfarrer, der Ortschirurg, die

Ober-Ingenieure Wimmer und Alberti, deren freundschaftlicher Bemühungen

die Fellinger dankbar erwähnte, und Holzschreiber +Walcher+,

welcher zwei Tage später in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen.

-- -- Das klang ja in den Ohren des Kommissärs wie der erste Takt eines

Triumfmarsches! -- -- +Einer, der „nicht wiedergekommen‟+ --!?

Er erbat sich eine Karakteristik des Holzschreibers.

Walcher war ein stiller, schwächlicher, gutmüthiger Mensch, -- ledig,

-- ein armer Teufel, die Ehrlichkeit selbst, und war von Grünschenk

seiner guten Handschrift wegen zu Schreibereien, und außerdem zu Gängen

verwendet worden. Man hatte ihn, als er zwei Tage nicht zurückkehrte,

allenthalben in den Waldungen gesucht. „Es war alles umsonst, sagte die

alte Frau, -- im Wald hätten ihn die Hunde wohl gefunden, aber er muß

sich gegen das Hochgebirg gewendet haben, das dahinter aufsteigt und

wenn er sich da verstiegen oder vom Nebel überrascht worden, so liegt

er vielleicht bis zum jüngsten Tag in einer Schlucht am Jaitstein, oder

am Reifeneck oder Wetterstein‟ -- --

Wetterstein! -- -- wieder ein Klang für Lipprecht, -- wie wenn die

Norma ans kupferne Becken schlägt, um die Gallier zur Rache zu rufen...

Er hatte bereits zum Entzücken der Frau die dritte Tasse Kaffee

getrunken. Nun besah er wehmüthig lächelnd alle Möbeln und sonstigen

Reliquien Grünschenk’s, ließ sich sogar ein Autograf von dem alten

Herrn geben, las mit Rührung die Abschrift von dessen Testament, und

erbat sich endlich ein Blatt von der Handschrift des verschollenen

Walcher. Die alte Frau, vollständig mit ihren Erinnerungen

beschäftigt, wußte von manchen Einzelnheiten selbst die Stunde

anzugeben. -- Bedeutend schien, daß Kollmann zur Zeit von Walcher’s

Verschwinden von Trautenfeld abwesend und erst am zweiten Tage darnach

zurückgekehrt war; seine Thätigkeit bei den Nachforschungen, von

der alten Frau sehr hervorgehoben, war für den Kommissär nur ein

erschwerender Umstand.

Das leuchtete Alles ganz anders als der elende Brief des Unterbeamten.

Allerdings hingen die drei Namen Kollmann, Grünschenk und Walcher

vor der Hand nur in Gott und dem Kommissär zusammen, kriminalistisch

betrachtet; allein wir wissen aus dem Abc der Geometrie, daß je

drei Punkte, die nicht in einer geraden Linie liegen, ein Dreieck

bilden: der Holzschreiber lag nun einmal nicht in der +rechten+,

+geraden+ Linie, und Lipprecht legte ein Dreieck hindurch, welches

mit einigem Biegen und Wenden ganz leidlich die Form eines Galgens

darstellte.

Man würde ihm himmelschreiendes Unrecht thun, wollte man ihm eine

diabolische Freude an diesem im Winde wankenden Resultate zuschreiben!

-- so wenig als der Jäger sich der Zuckungen und verglasten Augen des

verendenden Hirsches +freut+! -- -- Er war nicht nur überhaupt

gegen die Todesstrafe, sondern hätte, wie wir bereits gesagt, unter

Dreien Zwei laufen lassen, wenn es ohne Gefahr für die Gesellschaft

geschehen könnte... aber das Jagdvergnügen...!

Das Trautenfelder Terrain war nun so ziemlich abgeweidet, sein

Notizenbuch angefüllt. Ein Herumstreifen in den nassen Wäldern schien

vollkommen nutzlos. Aber ein Ausflug nach dem acht Stunden entfernten

Wetterstein sollte die Unternehmung beschließen. Es stand für ihn fest,

daß die übrige hohe Berg-Aristokratie, Jaitstein u. s. w. so unschuldig

und rein wie ihr Schnee, und der Genannte der allein Anrüchige sei.

-- Was er eigentlich dort wollte? Er fühlte nur das Bedürfniß zu

+sehen+, da seine Augen schon oft anders gesehen als die der

Uebrigen. -- Und dann war ja das Ganze nur eine Lustreise! --

-- -- Terrassenförmig steigt das Mittelgebirge hinan; auf einer

Strecke von vier Stunden konnte er seinen Wagen benützen, der dann

zurückgesendet wurde. Von da an winden sich Fußpfade durch die

Nadelwälder, bis an den nördlichen Abhang des Wettersteines selbst. Er

ist von dieser Seite leicht zugänglich, während auf der südlichen nur

von der Bucht des Freinhofes einige Wege hinaufführen, die Wände an

der Seeseite aber, wie bereits gesagt, senkrecht abfallen. --

Eine Stunde bevor der Kommissär mit dem ihn begleitenden Trautenfelder

Jäger an den Berg kam, gelangten sie zu einer Holzknechthütte, und es

ward beschlossen, daselbst zu übernachten, wenn man vom Wetterstein

zurückkäme, welchen Lipprecht, bis es dunkel würde, nach allen

Richtungen +abschreiten+ wollte, -- wozu der Jäger lächelte.

Nun waren sie an der Felsenwand, die den Gipfel krönt, angelangt und

ruhten. --

Unermeßlich ist die Aussicht über die Bergwellen hinaus, nach der

endlosen Ebene -- klar und durchsichtig die Luft nach den Regentagen.

Der Kommissär gönnt sich keine lange Rast. Die +Südseite+ ist erst

der Ort, wo sich, nach der Angabe des Jägers, leicht „Jemand verlieren‟

kann.

Steil ging es die Schneide hinan, -- nun war sie erreicht. Der Jäger

faßt ihn am Arm und mahnt zur Vorsicht, und sie ist nöthig, denn im

nächsten Augenblick stehen sie am Rande, -- jäh fällt es zu den Füßen

ab -- unabsehbar, unendlich liegt die blaue Bergwildniß der südlichen

Fernsicht vor ihnen. --

Sanft waren die Linien und Töne der Ferne. -- Aber die Nähe! -- der

Wetterstein +selbst+, dessen gewaltige Steinmasse ausgebreitet

unter ihnen lag! -- nicht über weichgeschwungene Wellen glitt hier

der Blick: wie die Gemse sprang er von Zinke zu Zinke. Drüben Alles

heiter und mild, hier der tiefe Ernst, die eiserne, starre Kraft.. das

Auge glaubt die Ruinen einer zerschmetterten Titanenburg zu schauen --

-- ein granitnes Palmyra, -- zerworfene Tempeltrümmer und Säulen und

Quadern -- ein mitten im Orkane versteinertes Meer.

Das Opfer der See kann ans Ufer geworfen werden, lebend oder als

Leiche, aber nimmermehr Jener, der in den Abgründen dieser steinernen

Wogen zerschellte.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Anblick war -- aus dem Standpunkte einer „Haussuchung‟ -- nicht

tröstlich.

Erhitzt und müde setzte sich der Kommissar auf einen Vorsprung nieder,

hing seinen leichten Staubmantel über, ließ die runden Beine über den

Felsen hinabhängen und betrachtete die einzelnen Parthien.

Gerade unter ihm lag, nach allen Richtungen von Schluchten

durchschnitten, das Hochplateau, welches weiterhin sich wieder hebt

bis zu jenem Felsen, der nach dem See abfällt. Letzterer ist durch das

Plateau selbst verdeckt. --

Die Schwierigkeit schien hier mehr darin zu liegen, eine Stelle

aufzufinden, wo Jemand +nicht+ verunglückt sein könne, als wo dieß

der Fall war. -- Lipprecht pfiff Melodien aus allen Opern, trommelte

mit beiden Händen auf beiden Knien und gelangte zur Ueberzeugung, daß,

wenn der Holzschreiber Walcher auf diesem Terrain sein Ende gefunden,

die polizeilichen Kräfte des Gesammtstaates sich an Leitern und

Stricken in die Eingeweide des Wettersteines hinablassen könnten, ohne

etwas Anderes heraufzubringen, als zerschlagene Knochen, aber nicht

die gesuchten fremden, sondern eigene. Ein Zufall, der sie eben auf

+jene+ stoßen ließ, war so wahrscheinlich, als das Zusammentreffen

zweier Kanonenkugeln in der Luft.

Starr und stumm ragten die riesigen grotesken Grabsteine aus den

schwarzen Grüften empor.. Mehrere, in die er von seinem Sitze aus

hineinsah, endigten in eine Höhle -- wie tief in den Berg? Darüber

fehlten vor der Hand offizielle Angaben, -- so wie über die hundert

andern Felsenlöcher, von denen einige zum Theil mit Wasser gefüllt

waren.

Dennoch beschloß Lipprecht auf das Plateau hinabzusteigen -- da er

die Partie nicht zu wiederholen gedachte, wollte er wenigstens als

Naturmerkwürdigkeit besehen, was zu sehen war -- und für den Hauptzweck

konnte es mindestens nicht schaden.

Er stieg den beschwerlichen Pfad hinab, und jeder Schritt über die

Steinblöcke überzeugte ihn, daß keine weitere Ausbeute zu holen, als

landschaftliche, -- diese aber reichlich. Als er auf den bekannten

Vorsprung der Seewand heraustrat, war die Sonne im Sinken; wie ein

dunkler Smaragd lag der See in der Tiefe, zur Linken die Bucht mit dem

Freinhof, gegenüber die schwärzlichgrünen Waldhöhen und über ihnen der

Kranz von fernen Gipfeln, auf denen die ewige Trikolore des Abends

wehte, aus rothem Sonnengold, blauen Schatten und glänzendem Schnee

gewebt.

Lipprecht ist in dem Augenblicke +wirklich+ gemüthlich. Es fällt

ihm auch ein, daß Günther, wenn er hinter ihm stünde, sagen würde:

„Machen Sie doch einmal Ihre runden Maikäferaugen auf, und versuchen

Sie zu +sehen+, so wie ein Mensch die +Natur+ sehen muß, wenn

er von Kunstsinn reden will!‟ -- Es steht jedoch nur der Jäger hinter

ihm, der, nicht ohne Besorgniß für den Rückweg, zum Aufbruch drängt. --

Er erhebt sich mühsam und sendet einen Scheideblick nach dem Freinhofe,

dessen ferner Besitzer sicherlich gerührt wäre, wenn er sähe, mit

welcher Aufopferung der wildfremde dicke Mann Berge um seinetwillen

ersteigt, und wie es ihn schmerzt, so ganz ohne Aufklärung über die

innersten Angelegenheiten seines erwählten Schützlings abzuziehen.

Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise

zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau

ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom.

Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten

Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen:

„Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen,

ich helfe gleich!‟ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und

hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer

Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser

dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen,

aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain

vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen

bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu kennen‟ --

„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen‟ -- erwiederte

Knorr. -- „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine

Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten.

Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen?

hoffentlich nicht da oben?‟ fragte er, als er sah, welche Richtung

Lipprecht einschlug. --

Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. -- „So wahr ich Knorr heiße

und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie

gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner

Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über

den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter

Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen

schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt,

den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren

einen noch dürreren Holzschreiber von Trautenfeld‟ --

Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre

an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den

Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er

zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem

Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.‟

„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht

liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte

fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt, und meine

Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten

Jahre Etwas entdeckt, -- geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon

ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.‟

Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung

seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die

Sicherheitsbehörde abzuwarten, -- und die Männer setzten lachend ihren

Weg fort.

„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen

gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er

denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die

ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. -- Es ist so ein

fixer Spaß unter uns.‟

„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein,

während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?‟

„Herr! -- wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde

ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.‟ Nun

veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er

sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem

Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht

als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das

+Rechte+ nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden;

diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem

+Instinkt+. -- Das ist +Alles+!‟

Wenigstens war es Alles, was Lipprecht erfuhr, welcher durchaus nicht

allzu inquisitorisch auftreten wollte, den aber Knorr bedeutend zu

interessiren begann.

In tiefem Dunkel waren sie in den Thalgrund herabgekommen, --

am stillen, leeren Freinhof vorübergegangen, den Fichtenkegel

hinangestiegen. --

Eine Stunde später hatte Knorr’s einfache, treffliche Küche und der,

ganz unerwartete Sorten liefernde, Keller alle Ermüdung vollständig

beseitigt. --

Es wurde Mitternacht und noch drang durch die Spitzbogenfenster

Gläserklingen und Lachen in den Wald hinaus, und die Stimmfülle, womit

das Gespräch geführt wurde, war ein glänzendes Zeugniß für die Organe

der beiden Herren.

Während aber Knorr, mit der Tragweite seiner Flaschenbatterie

vollkommen vertraut, eben so vollkommen Herr seines gerichtlich

nachgewiesenen Verstandes blieb, hatte der sonst so umsichtige

Kommissär einer ihm trotz seiner Kennerschaft fremden Weingattung auf

die Bürgschaft seines Wirthes zu sehr vertraut und ein Paar Fragen

gethan, die er besser unterdrückt hätte.

Als er, nach den Mühseligkeiten des Tages und der eben so angreifenden,

die halbe Nacht währenden Erholung auf Knorr’s Ruhebett einschlief,

stand dieser mit verschränkten Armen vor ihm, betrachtete ihn, in

seinen Bart lachend, und sagte vor sich hin: „Da liegt die wirkliche

Polizei und schläft wieder, -- nachdem sie früher so lange geschlafen.

Wer sie denn jetzt mag aufgeweckt haben?‟

-- -- Lipprecht that am Morgen noch einen Gang durchs Thal, um den Hof

herum, nahm in seinem Gehirn einen förmlichen Wachsabdruck sämmtlicher

Lokalitäten mit, begab sich auf dem uns bekannten Wege nach Pottenbach

zur Bahn, und brachte als Ergebniß seiner Vergnügungsreise nebst

zahllosen kleinen Notizen folgende Hauptartikel zurück:

der Holzschreiber Walcher liegt in einer Schlucht des Wettersteins;

--

Kollmann ist in irgend einer Weise an dessen Verschwinden

betheiligt; --

ein Motiv, warum der arme Teufel aus dem Wege geschafft worden, ist

nicht aufzufinden;

eben so wenig ein Zusammenhang der Begebenheit mit dem alten

Grünschenk zu ermitteln; --

der Trautenfelder Unterbeamte, der in seinem alten Berichte

Walchers nicht erwähnte, war ein Dummkopf; --

die Oberbehörde, welche in Kollmann keinen Gegen stand ihrer

Beobachtung findet, ist um nichts klüger. --

Doch zweifelte der Kommissär keinen Augenblick an einer künftigen

Lösung der Aufgabe, die sich seine polizeiliche Privatindustrie

gestellt, obgleich im Lande der ~dissolving views~ ein Beamter,

welcher seine Pflicht nicht als Maschine, sondern razionell vollziehen

will, darauf gefaßt sein muß, nicht nur durch die Steine, die der

Gegner in das Geleise wirft, sondern auch durch den Radschuh, welchen

das Sistem auf dem ebensten Wege, und selbst bergauf, anlegt -- gehemmt

zu werden.

Im Hafen.

Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram. · 第 23 / 27 题