Die in der Kapelle anwesenden Geistlichen hatten als unwiderstehliche
Waffen ihre Ueberzeugung und den Brief des geliebten Herrn, der die
Kraft eines +letzten Willens+ für sie hatte, und den sie Andern
mittheilten. Nur über einfache, schlichte Gemüther konnte die Stimme
des Todten diese Gewalt haben, +mußte+ sie aber auch haben: ein
Abfall von ihm erschien ihnen als eine so feige Sünde, als ein so
schändlicher Hochverrath an der heiligsten, durch viele Jahre mit
Liebe erfüllten Pflicht, daß sie lieber allen zeitlichen Gefahren und
Bedrängnissen ins Auge sehen wollten. --
-- Etwa eine Stunde nach Korbachs Abreise kehrte der Prior ins Kloster
zurück. -- Er erfuhr, daß derselbe angekommen, in der Todtenkapelle
gewesen und wieder abgereist sei -- mehr nicht. -- Die acht Priester
mußten keine Unwürdigen ins Vertrauen gezogen haben.
Bernhard sah in der dem Verewigten dargebrachten Huldigung nur einen
neuen Beweis jener Gesinnung, die er wünschte. Er begab sich nach
seiner Wohnung, wollte ruhen, doch heftige Aufregung verbannte den
Schlaf von seinem Lager. --
Er trat ans Fenster und sah mit klopfendem Herzen in die ruhige klare
Nacht hinaus. Unter ihm glänzten im aufgehenden Mond die Dächer des
Meierhofes, die Wiesen und Felder... „Dieß Alles soll +dein+ sein
-- hatte der Satan zu ihm gesagt, -- wenn du niederkniest und mich
anbetest‟ -- Er +hatte+ ihn angebetet, -- und ehe der Mond wieder
heraufstieg, mußte dieß Alles sein werden! --
Es gibt keinen größeren Sprung von Nichts zu Allem, von Unterwürfigkeit
zur Herrschaft, von Beschränkung zu unermeßlichem Reichthume, von
dunklem, unbeachteten Dasein zu glänzender hoher Würde, als in dem
Augenblicke geschieht, wo die Stimmzettel eröffnet werden und aus der
Mitte der Brüder der Eine, der bisher ihresgleichen, als ihrer Aller
Herr hervortritt, vor dem sie sich beugen bis an das Ende seines Lebens.
Der Prior begrüßte die Sonne noch wach. Nur eine kurze Stunde
fieberhaften Schlummers ließ ihn in wirren Bildern das nächste goldne
Ziel, -- ließ ihn auch ein fernes träumen, zu dem nun die erste Stufe
erklommen. --
-- -- Am Abende desselben Tages aber stand vor dem Pfarrhofe in Korbach
das schäumende, schweißbedeckte Pferd des Boten, welcher Valentin
einen Brief von Leo überbrachte. Er trug die Aufschrift: „An den
hochwürdigsten Abt des Klosters Sankt Martin.‟
Neun Priester hatten für den Prior gestimmt und fünfzehn mit dem Todten
für Valentin.
Konkurrenz.
Der Fehdehandschuh, welchen Arnold’s Vater der Konkordatpartei
hingeworfen, war kein Glacéhandschuh, sondern einer von dickem
Elennsleder mit Eisenschienen und Platten, dessen Klirren durch die
teppichverhangenen Kabinetsthüren der geistlichen und weltlichen
Minister, in die Boudoirs der frommen Damen, ja bis in den Vatikan
drang, da dem Korbacher Metallfabrikanten die Ehre widerfuhr, zum
Gegenstand einer, am Tage nach der Wahl abgegangenen, telegrafischen
Chiffredepesche des Nunzius zu werden. -- Doch nicht die oberen Lüfte
wurden von dem unerhörten Ereignisse aufgewirbelt, auch die unteren
geriethen in Bewegung, natürlich in entgegengesetzter Richtung. --
So dicht der Schleier war, welchen die verschwiegene Treue der für
Valentin stimmenden Geistlichen bis zum Momente der Wahl über den
Vorgang gezogen, so wurde er doch unmittelbar darnach gelüftet, und
es hätte nicht des Schreibens Helenens bedurft, welche Arnold in
glühenden Farben das Geschehene erzählte, um ihn von den Einzelnheiten
zu unterrichten.
Er vernahm sie mit wahrem Entzücken und eilte zu Günther, natürlich
zu spät, um demselben eine Neuigkeit zu bringen, da ihm dieser nebst
einigen Arnold unbekannten Details erzählte, daß der Hofarzt Doktor
Siebenberg nach St. Martin telegrafirt worden sei, um den Prior,
welcher nach Eröffnung der Stimmzettel aus dem Kapitelsaale getragen
werden mußte, der Menschheit zu erhalten. --
Günther goß einige kalte Ströme in Arnold’s Freudenfeuer. „Ihr Herren
von Korbach‟, sagte er, „seid umgekehrte Don Quixotes. Dieser hielt die
Windmühlen für Riesen, und Ihr schlagt mit Euern Messingstangen auf
Riesen los und haltet sie für Windmühlen. Fürs Erste müßten sie mit
ihrem kanonischen Recht, welches nach Umständen bald von Gußeisen und
bald von Kautschuk ist, schlecht umzuspringen wissen, wenn sie nicht
den ganzen neuen Prälaten, sammt allen seinen Stimmen aus der andern
Welt, über den Haufen würfen. Fürs Zweite könnt Ihr nun warten, bis
Ihr von einer landesfürstlichen Behörde eine jener großen Bestellungen
bekommt, welche Euch eigentlich zu Millionären gemacht haben. Endlich
-- und das ist das Wichtigste von Allem, und ich hätte dich jedenfalls
noch heute aufgesucht um es dir mitzutheilen -- ist Etwas vorgefallen,
was nun wenigstens auf einen Theil der gegen Euch spielenden Maschine
helles Licht wirft. -- Ich war gestern mit dem Notar Reichl zusammen,
und brachte das Gespräch auf das Korbachthal. Du kennst das Altenberger
Metallwerk, welches -- merke wohl, um +fünf+ Stunden näher an der
Südbahn liegt als Ihr. Dieses Altenberg mit seiner halbverfallenen
Fabrik ist verkauft worden, Reichl hat den bereits unterzeichneten
Kontrakt gemacht, und der Käufer ist -- Kollmann.‟
Nach einigen Augenblicken, die er Arnold gönnte, um sich von einer
Ueberraschung, die ziemlich nahe an Bestürzung grenzte, zu erholen,
fuhr Günther fort: „Der bisherige Besitzer von Altenberg, Richtmeyer,
bis über die Ohren verschuldet, hat Euch keine Konkurrenz gemacht;
nun laß aber einen dort sitzen, der die Sache angreift, der bauen und
Maschinen aufstellen kann, und zugleich in den obern Regionen gut
genug angeschrieben ist, um die Staatsbestellungen wegzuschnappen,
so könnt Ihr in zwei Jahren auf Euren englischen Walzen Tannenzapfen
auswalken und im Drahtzug Prälaten strecken -- Ihr habt bisher das
Terrain behauptet nicht weil Ihr besser und wohlfeiler arbeitet,
sondern zufolge des büreaukratischen Schlendrians, weil es nun einmal
seit zwanzig Jahren herkömmlich, in Korbach zu bestellen. Einmal
aus dem Sattel gehoben, kommt Ihr zufolge desselben Schlendrians
nicht wieder hinein, -- und die höchst rühmliche, in den Augen jedes
honetten Mannes bewunderungswürdige Handlung deines Vaters ist für
den Besitzer von Altenberg, wenn er anders dem technischen Theile
gewachsen, gleichbedeutend mit einer feierlichen Uebertragung der
Regierungskundschaft von Euch auf ihn!‟
Arnold war hinlänglich besonnener praktischer Geschäftsmann, um das
volle Gewicht der Wahrheit in Günther’s Worten zu würdigen. Er übersah
mit einem Blick die Bedeutung der Lage.
-- -- Er gedachte jenes Abends, wo er vom Professor Harkeboom nach
Berührung der kalten Marmorhand in so heißer Kampflust weggegangen und
die grüne Kriegsfahne des Profeten gegen unsichtbare Gegner entfaltet.
Vergebens hatte er geharrt und gehofft, daß sich irgend ein feindlicher
Helmbusch durch den Nebel zeige, hatte zehn Pläne gefaßt und verworfen
-- alle liefen mehr auf ein Zerhauen, als Lösen des Knotens hinaus;
seine Natur trieb zu offenem Handeln auf geradem Wege. Bald wollte er
nach dem Freinhof, Julie geradezu fragen, wo das Ende der Kette, die
sie umschlinge, -- bald Sembrick aufsuchen, dessen kaltes Ablehnen ihn
umsomehr verletzte, je länger die eigene Spannung währte. Er sah jedoch
den gelinden Wahnsinn ein, das Geheimniß aus dem Christuskopf mit
Schwert und Feuerschlund heraustreiben zu wollen. Als dann die beiden
Briefe vom Prior und Blauhorn kamen, war er Anfangs uneins, ob das
Schwungrad dieser Maschine von einer Engelshand oder einer Teufelsklaue
in Bewegung gesetzt werde.
Eine Einladung in den Reichssenat und das eventuelle Versprechen
eines päpstlichen Ordens unter einer Bedingung, die Jedem, der seinen
Vater nicht genau kannte, ganz annehmbar erscheinen mochte, waren
doch wahrlich an sich keine +feindseligen+ Handlungen. -- Als
die Teufelsklaue erkennbar wurde, als gewiß war, daß zwar Alles vom
Freinhofe, aber eben so gewiß, daß es nicht von Julie ausgehe, stieg
ihm auch der Gedanke auf, gerade vor Kollmann hinzutreten, ihn zu
fragen, welche Schurkerei hinter den seinem Vater zugedachten Würden
und Ehren stecke -- -- ihn einfach zu fordern.... Allerdings durchschoß
die Kugel, welche Kollmann hinstreckte, auch jedes Band mit Julie,
-- aber war dies nicht das +alleruneigennützigste+ Handeln für
sie, -- Befreiung ohne Hoffnung eines Lohnes? -- da er immer von der
Meinung ausging, daß Nichts als eben eine sehr „unglückliche Ehe‟ im
gewöhnlichen Sinne ihr Los, obgleich Sembrick im Gespräche mit ihm
gesagt, es handle sich um „etwas mehr.‟ -- -- --
+Nun+ war die +Ungeduld befriedigt+!
Er war bei aller Entschlossenheit von der plötzlich demaskirten
feindlichen Aufstellung überrascht... Nicht eine romantisch kostümierte
Banditenschar, die durch den raschen Angriff eines Husarenpiquets
zersprengt oder gefangen wird: eine mit allem Bedarf ausgerüstete
Armee, deren Kriegszweck in weitester Ferne der +Ruin+ seines +Hauses+,
die +Vernichtung+ seiner materiellen +Existenz+, stand ihm entgegen.
Mehr als einmal hatte Sprenger zum Ankaufe Altenbergs gerathen.
Sein Vater hatte eingeworfen, Richtmeyer könne keine neue Maschine
aufstellen, mit den alten nichts Großes unternehmen und wenn er jetzt
für die verschuldete Besitzung 60,000 Gulden verlange, werde noch ein
Moment kommen, wo er froh sein werde, die Hälfte zu erhalten. -- In
der letzten Zeit hatte das Werk völlig stillgestanden. Man sprach vom
Konkurse. Der alte Korbach hielt nun den Zeitpunkt für passend, ließ
sich nach den Disposizionen des Besitzers erkundigen, und hörte, daß
Richtmeyer rangirt werde, -- die Fabrik als solche aufgeben, das kleine
Gut aber bewohnen und bewirthschaften wolle. Damit schien alle Gefahr
beseitigt.
+Noch+ war wenig zu besorgen, wenn nicht die Fehde mit Kirche und
Staat dazwischenkam. --
Der alte Korbach hatte Minister- und Sistemwechsel, Revoluzion und
Reakzion erlebt, und dem alten festgegründeten Bau seines Kredits war
kein Stein ausgebrochen, an seinen Verbindungen mit den bei den großen
Lieferungen maßgebenden Behörden nichts gelockert worden. -- Er war bei
vielen Gelegenheiten entschieden, ja schroff aufgetreten, aber sein
Karakter und die Solidität seiner geschäftlichen Gebahrung hatten das
alte Monopol der Korbacher Werke trotz kleiner persönlicher Reibungen
und trotz der ihm seit Jahren feindlichen Gesinnung der ultramontanen
Partei aufrecht erhalten. Als er selbst nach einem Konflikte mit dem
Minister, aus Anlaß der erwähnten Eingabe über den Freihandel, im
Besitze aller Aufträge blieb, stieg seine Zuversicht noch höher.
Das Alter wird den Mann entweder zu mißtrauisch gegen seine Kraft und
sein Glück machen, oder allzu zuversichtlich, je nachdem er auf mehr
zur Frucht gereifte, oder auf mehr in der Blüte geknickte Hoffnungen
von der Warte seiner sechzig Lebensjahre herabsieht. --
Die lange Reihe von erfolggekrönten Bestrebungen ließen ihn keinen
Gegner mehr fürchten. Fast hätte er sich mit seinem ältesten, treuesten
Freunde überworfen, als dieser mit der höchsten Entschiedenheit gegen
die protestantische Einwanderung auftrat. „Das ist der Anfang vom
Ende,‟ hatte Sprenger gesagt -- „ist dein russischer Feldzug. Die
Kirche ist wie Rußland, -- verbrennt ihr eignes Moskau, wenn sie den
Gegner nicht anders bezwingen kann.‟
-- -- Arnold schrieb die wichtige Nachricht sogleich nach Korbach. Die
kurze Antwort lautete dahin: „die Altenberger könnten vor einem Jahre
ohnedem nicht arbeiten; der bis dahin wahrscheinlich fertige Flügel der
Westbahn nach Korbach paralisire den Vortheil, den jenen die Südbahn
gewähre. Die Fabrik habe andere Zeiten und Konkurrenten ausgehalten.‟
Dieser Auffassung gegenüber war Arnold’s Weg klar vorgezeichnet. Er
konnte über seine Aufgabe nicht in Zweifel sein: nach Kräften in jenen
Richtungen ausgleichend zu wirken, wo das Naturell und die unbeugsame
Haltung seines Vaters Verwicklungen herbeigeführt. -- So sprach er zu
sich als Sohn. Ein Fremder würde es rücksichtsloser so ausgedrückt
haben: der junge Korbach fühlte, daß er +gut machen+ sollte, was
der Alte +verdarb+, -- den Schaden abwenden, den die übrigens
respektable Hartnäckigkeit desselben zu verursachen drohte.
Dieß war leicht begriffen und schwer ausgeführt.
Er kannte außer Günther Niemanden, mit dem er sich berathen wollte.
Den sehr gewandten und treuen Geschäftsführer, der den kommerziellen
Theil aufs Gründlichste verstand, glaubte er so wenig als irgend einen
Andern in die neuentstandene Situazion zu früh einweihen zu sollen:
es war dieß einer jener Gegenstände, welche zu einer Macht werden in
dem Augenblicke, wo man sie bespricht und anerkennt. Sprach Korbach
eine Besorgniß aus, so war sie für den Zweiten Furcht, für den Dritten
Eingeständniß, der Konkurrenz nicht gewachsen zu sein.
Mit seinem Freunde hatte er desto häufigere Unterredungen. Sie kamen
fast täglich in dessen Wohnung zusammen.
Günther hatte ein mit echten, alten, durch viele Jahre mit Kennerblick
gesammelten Stücken eingerichtetes Zimmer. Den Raum an den Wänden,
welchen die geschnitzten Kasten und Kästchen frei ließen, deren
Oberfläche mit lauter antiken Seltenheiten bedeckt war, nahmen Gemälde
ein, und durch alle Zwischenräume in den Ecken, an den Fenstern,
schlängelte sich üppiger Efeu empor. -- +Einiges+ mahnte an
Sembrick’s Salon -- aber ins Wohnliche, Traute, Gemüthliche übersetzt.
--
Die Freunde saßen auf einem mit Rohr ausgeflochtenen hochlehnigen
Sofa, das sich in rechtem Winkel um den massiven Tisch von natürlicher
Holzfarbe bog -- -- und entwarfen Schritt für Schritt ihre
Operazionspläne.
-- „Wie stehts mit dem Marine-Kommando?‟ begann Günther.
-- „Ich habe heute mit Bianchi gesprochen, der das hiesige Haus der
Franchini führt, durch welches das Kommando Alles verhandelt. Bianchi
stellt viele weitere Aufträge in Aussicht. Die jetzigen betreffen die
breiten Messingplatten.‟
-- „Mit denen können die Altenberger mit ihren dermaligen Maschinen
nicht aufwarten. Aber wenn dein Vater sich mit der gesammten
Geistlichkeit und Staatsgewalt überwirft, so wird die Letztere, da kaum
eine Fabrik außer Eurer darauf eingerichtet ist, mit dem Auftrag nach
England gehen.‟
-- „Das geschieht nicht, so lange Prinz August Ernst das
Marine-Kommando führt, der entschieden darauf besteht, die einheimische
Industrie nicht zu übergehen. Aber die weiteren Aufträge sind solche,
die jedes gewöhnliche Walzwerk ausführen kann, und für diese fürchte
ich. Ich bin entschlossen, nach -- (wir nennen nicht die südliche
Hafenstadt, wo das Marine-Kommando seinen Sitz hat) zu gehen, und habe
dem Vater um Erlaubniß geschrieben.‟
-- „Ich verschaffe dir Briefe, die dich gleich auf den rechten
Boden stellen. Du darfst nicht als Ansuchender kommen, sondern
an einem Draht von oben herabgelassen. Von +oben+ heißt für
Franchini von Rothschild. Bis übermorgen hast du das zärtlichste
Empfehlungsschreiben, worin dieses Haus jemals eine Anweisung auf seine
Liebe ausgestellt hat.‟ --
-- „Vielen Dank. Ich gedenke aber zum Prinzen selbst vorzudringen, kurz
zu sagen, daß wir jeden Auftrag als gute Patrioten billiger als jeder
Andere vollziehen, daß das Vermögen meines Vaters ihm erlaube, nicht
auf Gewinn, sondern auf die Ehre zu sehen u. dgl.‟
-- „Das wird dir Alles nichts nützen, wenn du nicht den festen Kontrakt
schneller in die Hand bekommst, als man von hier aus operirt. Ihr seid
jetzt die ~bête noire~ der ganzen Coterie -- seid plötzlich so
berühmt, daß selbst die Prinzessin, die Mersey, Plomberg‟ -- --
-- „Plomberg? wie kommt der dazu?‟
-- „Der Husarenoberst ist der Vetter des Baron Heidenbrunn, und dieser
der Adjutant des Prinzen Ernst August. Plomberg hat jedenfalls Einfluß
dort. Uebernimm auf ein halbes Jahr die Rolle der alten Mersey und
zahle seine Schulden, so hast du ihn mit Haut und Haar!‟
-- „Nicht, wenn ich ihn um einen Gulden haben könnte. Das ist kein Weg
für einen Korbach.‟
-- „Lieber Arnold, mein Gewissen ist um nichts elastischer als deines!
Das ist reine Geschäftssache. Wenn ein solcher Kerl ~licitando~
zu haben, so lizitire ich mit, wenn ich weiß, daß er sich sonst der
Gegenpartei verkauft. Wenn ich mit einer Handvoll Banknoten vielleicht
eine niederträchtige Intrigue vereiteln kann, so ist das ein Weg,
welchen Die von Korbach so gut wandeln können, als Der von Günther!‟
-- „Nenne es Caprice, aber wir überlassen einmal, eben als gute
Bürgerliche, den geschlossenen Helm dem Adel und fechten nur mit
offenem Visir. Mit Plomberg habe ich Nichts zu thun.‟
-- „Auch gut. Aber bei Wörlitzer kannst du dich mit offenem Visir
vorstellen; die Westbahn, von welcher er Direktor ist, kann für Euch
höchst wichtig werden. Mich hat er im kaufmännischen Verein zehnmal
geladen, und ich lasse mir jedesmal wieder seine Adresse geben. Nun
gehe ich hin, und nach deiner Rückkehr stelle ich dich vor.‟
-- „Auch dieser ist mir höchst antipathisch.‟
-- „Vielleicht, weil du dort mit Sembrick zusammentreffen wirst?‟
-- „Das vergaß ich. Jetzt gehe ich jedenfalls hin. Ich +muß+ ihn
treffen, damit wir wenigstens ordentlich auseinander kommen. Die Art,
wie wir uns verlassen haben, kann wohl nicht füglich ein letztes Wort
vorstellen.‟
-- „Wenn du vielleicht bloß zu Wörlitzer gehen willst, um den Salon
des Banquiers als Turnierplatz mit Sembrick zu benutzen, so laß dich
gefälligst von Jemand Anderem vorstellen.‟
-- „Besorge Nichts! Ich weiß nur nicht, was es nützen soll, -- der
Minister des Innern ist das personifizirte Konkordat, und jedenfalls
schon prävenirt.‟
-- „Was ihn nicht verhindert, seine Fonds durch einen Juden verdoppeln
zu lassen, der viel zu klug ist, um sich nicht wärmer für Euer
gegenwärtiges Korbach, als für die Altenberger Zukunftsmusik zu
interessiren. Wenn du die ganze Geschäftswelt auf deiner Goldwage wägen
und dich mit Niemandem einlassen willst, der nicht in +unserm+
Sinne korrekt, so nimm lieber heute als morgen die Tafel von Eurer
Niederlage ab!‟
Arnold war bei aller Korrektheit praktisch genug, um sein Prinzip nicht
auf die Spitze zu treiben.
-- „Mit den Geistlichen, fuhr Günther fort, ist jetzt nichts zu thun;
du kannst deinen Vater nicht desavouiren.‟
-- „Um so weniger, als ich ihm vollkommen Recht geben muß.‟
-- „Wann willst du reisen?‟
-- „Sobald die Antwort von Korbach eintrifft.‟
-- „Lasse mich’s wissen, ich hole dich dann ab, und begleite dich die
zwei Stunden bis Treustadt, wo ich ein Geschäft habe, das an keinen Tag
gebunden ist. Und nun noch ein Wort in alter Aufrichtigkeit: Sprichst
du von dem, was dir bei der ganzen Sache am +tiefsten+ zu Herzen
geht, seit drei Tagen keine Silbe, weil du mich nicht für fähig hältst,
dich zu begreifen?‟
-- „Ich spreche nicht davon, sagte Arnold, indem er die Farbe wechselte
und Günthers Händedruck mit krampfhafter Heftigkeit erwiderte, weil ich
dir kein Bild aufrollen will, das dir zeigen würde, wie diese ganze
geschäftliche Besonnenheit eine eiserne Maske ist, hinter der mir, ich
schäme mich nicht, dir’s zu sagen, oft blutige Thränen herabrollen. Es
wird eine Zeit kommen, wo ich wieder sprechen kann, jetzt bin ich nicht
falsch gegen dich, sondern gegen mich selbst. Ich belüge mich den Tag
über, und lasse die Wahrheit für die Nacht.‟
-- -- Und die Nacht war Zeuge, wie unter all’ den grellen Mißtönen,
die von allen Seiten auf Arnold eindrangen, das Herz nicht verstummt
war, -- seine Stimme war keine weichliche Wehklage, aber ein
Schmerzensschrei, der, keinem Andern vernehmbar, in ihm doch Alles
übertönte! --
-- In welcher lichten verklärenden Höhe hatten die ersten Lerchen
dieser Liebe gesungen! -- Julie, das räthselhafte, reizende Weib, so
+ganz anders+ als Alle, denen er begegnet, -- die mit einem ihrer
tiefen innigen Blicke größere Seligkeit schenkte, als Andere mit dem
glühendsten Kuß, -- und deren Händedruck doch +weniger+ Rechte zu
gewähren schien, als ein freundliches Lächeln einer Andern! -- Julie,
die auf dem Felsengipfel unter den Wetterwolken gebetet, -- und dann
unter den rothen Mohnblumen hervorgelächelt und durch Scherz und frohe
Anmuth entzückt! Wie lagen für ihn Alle so tief in der Fläche der
Alltäglichkeit, neben +ihr+, die ein dunkles Geschick mit allem
Zauber des Geheimnißvollen umhüllte, -- und die es zu tragen schien
vor den Augen der Andern, als drückten nur Rosen auf das weiche dichte
Haar, -- und nur in einsamer Stunde hinsank, sich windend unter den
scharfen Dornen.
Und +was+ war nun aus dem Goldnebel am See hervorgegangen!
-- Arnold war keiner von denen, die „wild auffahren,‟ -- knirschen,
-- im Selbstgespräche an die Stirn schlagen, -- -- er saß nach
vollbrachtem Tagewerke schweigend, in Schmerz versunken, an dem Platze,
wo er Günther den Abend im Schweizerhause erzählt. +Jedes+ Ausdrucks
war sein Mund eher fähig, als jenes des +Hohnes+, aber mit bitterem
Spotte lächelte er, -- -- als er +der+ Julie gedachte in Verona, und
Romeo’s! des großen Kampfes der alten Häuser um Macht und Ehre! --
Wie edel die Waffen! das Schwert, -- selbst der Dolch, -- selbst das
Gift, -- -- +Alles+ noch +groß+ und +edel+!.... Und nun auch hier zwei
Häuser: -- -- -- „Kollmann und Kompagnie‟, -- „Korbach und Sohn‟. -- --
Statt Schwert und Dolch: Messingstangen und Kupferplatten... Nie hat
die plumpe Tatze des gemeinsten Materiellen in kaum erschlossene Blüten
roher hineingegriffen. --
Wie oft hatte er gelacht über das „Ich und Nicht-Ich‟ der Gott und
Welt zerdenkenden Schule. Nun gewann es +ihm+ einen Sinn. Nun begriff
er die Trennung, den Abgrund zwischen dem +Ich+ und jener +zweiten+
selbstständigen, unbezwinglichen Macht in uns, welche Gedanken schafft,
von denen das Ich nichts hören, -- Bilder aufsteigen läßt, welche
der Wille zertrümmern möchte -- vergebens! Wie jener Fromme der
Legende vom bösen Geiste gezwungen war, Gott zu lästern, und dabei
das sündige Wort im Herzen verfluchte, das seine Lippen gegen seinen
Willen sprachen, -- so rang Arnold gegen +Gedanken+, welche +Wolke+
auf +Wolke+ um +Juliens Bild+ legten, -- er konnte das seelenvolle
Feuerauge nicht mehr +klar+ schauen -- sie stand nicht mehr vor ihm,
so fleckenlos wie die frisch erblühte Blume, kristallrein wie der
Bergquell.
Und doch sagt’ ihm das treue +alte+ „Ich‟: Entweder einen reinen Himmel
mußt du glauben, oder eine Hölle. Sie kann nur um +Alles+ wissen, oder
+Nichts+.
-- -- In solcher Stimmung, welche dießmal auch der helle schöne Morgen
nicht zerstreute, traf ihn Günther, als er ihn, nachdem die Genehmigung
des alten Korbach angelangt, zwei Tage später abholte, um ihn bis
Treustadt zu begleiten. Ein Blick auf die verstörten Züge des Freundes
verrieth ihm dessen Gemüthszustand.
„Ich bringe den Brief an Franchini und noch zwei andere,‟ -- begann
er, „und damit du nicht die Energie verlierst, deren du bedarfst, nimm
dich zusammen und hänge nicht Gedanken nach, welche entschieden keinen
Grund haben. Du weißt doch, daß +ich+ Anfangs keine Kränze für diese
vielbesungenen schwarzen Locken geflochten, die leider Gottes deine
ganze Existenz umspinnen, ich sage dir aber eben so, daß, wenn diese
Frau mit +Kenntniß+ der +Sache ihre+ Hand in dieser Intrigue hat, ich
mir die meine abhauen lasse! Du kannst in dem Ganzen höchstens einen
Sporn für deine Thätigkeit finden. Hoffentlich wirst du doch kein
Bedenken tragen, gegen Kollmann, weil er ihr Gatte, ein geschäftliches
Duell zu bestehen, da dir gewiß ein anderes ein Vergnügen wäre? Frisch
ans Werk! und nochmals: Zweifel an dieser Frau in dem Sinne, wie ich
jetzt bei dir vermuthe, sind geradezu wahnsinnig.‟
Der Ton der Ueberzeugung verfehlt seine Wirkung gewiß nicht, wenn das
Gesagte mit dem Herzenswunsche des Zuhörers zusammenfällt.
Arnold erwiederte: „Es ist nicht der eine und nicht der andere Gedanke,
sondern der gesammte Karakter der Fehde, der mich durch den Kontrast
des Gemeinsten mit dem Edelsten peinigt -- lieber als dieses elende
Gebalge mit einem im Trüben fischenden Fabrikskonkurrenten wäre mir
wahrlich gewesen, wenn ich einen Kampf zu bestehen gehabt, um einem
+wirklichen+, schwarzen +Verbrecher+ die Maske abzureißen!‟
-- „Aber lieber Freund, man muß immer das Beste hoffen! Wer weiß, ob
nicht die Konkurrenzschleicherei zu Kollmanns läßlichen Sünden gehört?
Ich habe immer die Idee, daß in der Geschichte dieses Menschen ein
Blättchen ist, das er nicht gern vor dem Kriminalgericht herablesen
möchte.‟
-- -- Arnold hatte der heitern Stimmung, in welcher sein Freund
gekommen, nicht ganz widerstanden. -- Sie waren nun zur Abreise fertig.
--
Wir finden sie eine Viertelstunde später im Waggon, wo sie kaum
Platz genommen, als Günther sagte: „Deine Reise beginnt unter guten
Auspicien, der Wind weht vom Freinhof her! Da unten, ganz am Ende des
Wagens, sitzt die Zeltner! Die fährt jedenfalls wieder irgendwohin, um
die Angelegenheiten ihres Mannes revidiren zu lassen. Aber ein hübsches
Weib, -- das muß man ihr und dem Grafen Greuth lassen. Dieses röthliche
Blond! dieses prachtvolle Weiß!‟
Arnold erkannte die Blondine vom Freinhof. Sie reiste ohne Begleitung.
Einiges Handgepäck, der blaue Schleier, die Reisetoilette ließen auf
ein weiteres Ziel der Fahrt schließen. --
„Willst du wetten,‟ sagte Günther nach einigem Nachdenken, „daß die
Blonde mit dir reist, bis an den Ort deiner Bestimmung? +Ihre+
Bestimmung aber ist der Prinz August Ernst. Ich habe den Spektakel
im Theater mit angesehen, als er zwei Monate lang hier war. -- Sie
hatte einen Sperrsitz unter der Hofloge, und die Augen des Prinzen
gebrauchten förmlich russische Bäder: von den feurigen Haaren in die
Schneeflächen, die sich von Oben ganz prachtvoll ausnehmen mußten,
und vom Schnee wieder ins Feuer. Sie führte mit der Spitzenmantille
ganze Schicksalsdramen auf, mit glänzender Beleuchtung ihres äußern
Schauplatzes. Und das wallte und wogte so fort acht Tage lang, bis
endlich der Adjutant des Prinzen, der Baron von Heidenbrunn, am Ausgang
wartete, bis die Zeltner in einen Wagen stieg, worauf er sich in den
zweiten warf und nachfuhr. Seit diesem Abende habe ich sie nicht mehr
im Theater gesehen. Der Krieg scheint lokalisirt. Wahrscheinlich reist
sie, da vom Grafen Greuth keine Strafermäßigung Zeltners mehr zu
erwarten, dem Prinzen nach, wird aber gegen das südliche Element schwer
aufkommen.‟
Die Besprochene machte auf jeder Stazion mit ihren Augen die Ronde
durch den Waggon, um den Zuwachs der Gesellschaft zu kontrolliren,
und begegnete einem jener ruhigen, hellen Blicke Günthers, welche
so oft den feurigen oder schmachtenden Pantomimen Anderer ans
Ziel vorausgeflogen waren. Sie erwiederte ihn einen Moment,
sah dann anscheinend gleichgültig weg, -- allein die Begegnung
wiederholte sich, da zwei Augenpaare im Raum eines Waggons entweder
+stillsitzen+, oder auf ihrer Promenade +zusammentreffen+
müssen.
Arnold war nicht aufgelegt, dem Geplänkel eine besondere Theilnahme
zu schenken, mußte aber doch lachen, als er Günther plötzlich einen
wirklich beredten, ganz ernsthaft zärtlichen Blick absenden und darauf
die Augen wie verwirrt senken sah, -- worauf er sich gegen Arnold
herumwandte und hinter dem abgenommenen Hut das bekannte gemüthliche
-- Teufelsgesicht schnitt und sagte: „Die Zeltner hat mich vor der
Hand bloß bezaubert, wie die Klapperschlange, bis Treustadt hoffe ich
umstrickt zu werden.‟
-- „Hast du alles Ernstes vor, da Etwas anzuknüpfen?‟
-- „Angeknüpft ist bereits; ich möchte nur wissen, was sie immer im
Abgrund des Raumes sucht und findet und wieder versteckt? Ein Flacon!
sie leidet; nach der ungewöhnlichen Blässe könnte es sogar wahr sein.‟
Frau Klotilde Zeltner hatte in der That mit der ihr gegenübersitzenden,
wie es schien fremden alten Frau einige Worte gesprochen, sich dann
zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Die Stirnfalte und das
Eindrücken der schönen Zähne in die Unterlippe verriethen einen
heftigen Schmerz. -- Ihre bei aller Fülle schlanke und ebenmäßige
Gestalt beseitigte die Vermuthung, welche sich Günther bei den
ersten Simptomen des Unwohlseins aufdrang. Er sah, daß keine jener
Katastrofen drohte, welche manchmal auf Eisenbahnen und Dampfschiffen
eine Ungleichheit in der Zahl der ursprünglich eingestiegenen und der
aussteigenden Passagiere veranlassen. -- Vielleicht wenn die Fahrt
sechs Monate gedauert hätte..... Vor der Hand war es eben nur eine
vorübergehende „Störung des Organismus.‟
Auf der nächsten Stazion rief Günther nach einem Glas Wasser,
präsentirte es ihr mit ernster, theilnehmender Miene, und zog sich ohne
ein Wort zu sprechen zurück, nachdem sie ihm mit schmachtendem, trüben
Lächeln gedankt.
Als der Train wieder in Bewegung war, sagte er: „Lieber Freund, reise
glücklich und nimm hier mein Lebewohl! -- ich werde zwar neben dir
stehen bleiben, -- weiß aber nicht wie lange --, jeder Augenblick kann
uns trennen, wenn die Pflicht ruft.‟
Arnold sah, daß sein Freund heute unter besonders heitern Sternen
aufgestanden, und erwiederte das Lebewohl. Er beneidete ihn zwar nicht
um die Weise, wie sein glückliches Temperament zur Geltung kam, aber
doch um dieses selbst, und sah der Entwicklung der Dinge zu.
Günther winkte den Kondukteur zu sich und sagte: „Diese Dame dort ist
sehr unwohl; halten Sie sich etwas in ihrer Nähe auf, und wenn Sie
bemerken, daß es sich wieder verschlimmert, so sagen Sie, daß ein
Doktor im Waggon ist. Ich will mich nicht selbst anbieten und möchte
doch gern helfen... Sie verstehen das schon.‟
Der Kondukteur verstand jedenfalls den Gulden, der ihm in die Hand
gedrückt wurde. Nach einigen Minuten sah man ihn mit der Frau sprechen
und Günther wurde, unmittelbar nach seiner Promovirung zum praktischen
Arzte, zu seiner ersten Patientin gerufen.
-- „Ich vernehme, daß Sie Arzt sind?‟ sagte Klotilde Zeltner.
-- „Ich bin, -- erwiderte Günther leise -- ein solcher, dessen
Spezialität eben ausschließlich die Behandlung von Frauenzuständen ist,
und werde das größte Vergnügen finden, meine Berufspflicht an Ihnen
nach meinem besten Wissen auszuüben.‟
-- „Darf ich wohl um Ihren Namen bitten?‟
-- „Ich heiße Günther, -- nicht zu verwechseln mit einem hochberühmten
Arzte unserer Residenz, mit welchem ich mich jedoch, ohne
Ruhmredigkeit, gerade in +meinem+ Fache messen darf. Da uns
Niemand als diese freundliche Frau uns gegenüber hören kann, so bitte
ich, meinem kurzen Examen mit vollster Unumwundenheit zu folgen.‟
Arnold sah aus seiner Ferne Pulsfühlen und ernstes Kopfschütteln, ein
schnelles Vorzeigen der Zungenspitze, -- sah Günther mit bekümmerter
Miene einen Augenblick zwei Finger auf die Stirn der Leidenden legen,
um deren Temperatur zu erforschen, konnte aber natürlich nicht hören,
daß das Examen mit der kategorischen Erklärung schloß, daß von
Weiterfahren über Treustadt hinaus durchaus keine Rede sein könne,
sondern daselbst abgestiegen, ein Pulver genommen, geruht, und der
Abendtrain abgewartet werden müsse, bei Vermeidung unberechenbarer
Folgen.
Frau Zeltner machte viele Einwendungen; sie hatte Gepäckstücke
aufgegeben, welche nach der Hafenstadt adressirt waren. Günther
erklärte ihr, daß sie dieselben dort im Magazine finden werde,
unterwegs aber derselben nicht bedürfe. Er werde in Treustadt für
Unterkunft und Medikamente sorgen, sie wieder zum Train begleiten,
kurz Alles leisten, was einem Arzte obliegt, dem es nicht nur mit dem
wissenschaftlichen, sondern auch mit dem humanistischen Theile seines
Berufes Ernst ist.
Als der Train in Treustadt anlangte, schien Klotilde volles Vertrauen
zu dem Heilplane Günther’s gefaßt zu haben. Sie verließ, auf seinen
Arm gestützt, den Waggon, und Arnold sah sie zusammen eine der
bereitstehenden Lohnkutschen besteigen, welche durch die, nach dem
nahen Stadtthore führende Allee hinabrollte und in letzterm verschwand.
--
So bedenklich es scheinen mag, wollen wir ungescheut unserem ärztlichen
Freunde folgen, und lassen Arnold jeden beliebigen Vorsprung nach
dem Hafen, wohin wir ihm auf dem, Dampf und Elektrizität hinter sich
lassenden Zauberteppich, den jeder Autor besitzt, leicht zur rechten
Stunde nachfolgen.
Die drei Gaben der Prinzen Ali, Achmed und Hussein scheinen nach
deren Ableben in Hunderttausenden von Exemplaren auf die gesammte
Autorenwelt übergegangen zu sein. Ein Verfasser bittet seinen Leser,
einen Augenblick neben ihm auf dem überall hin versetzenden Teppich
Platz zu nehmen und führt ihn, zwischen Ende und Anfang zweier Zeilen,
ohne Erschütterung und Paßplackerei von Moskau nach Lissabon. -- Er
hält ihm das Sehrohr vor’s Auge, und der leichte Bettvorhang wie die
eisenbeschlagene Kerkerthür werden zu Solinglas. -- Er vermag aber auch
mit dem Alles heilenden Apfel jede Wunde zu schließen, die er nicht
selbst als tödtlich bezeichnet, jede Krankheit zu heilen, so lange ein
Funken Leben glimmt. -- Um so leichter, wenn das Uebel so wenig wie
das Klotildens ein solches ist, welches die Aerzte einen „schönen Fall‟
nennen.
Günther sah noch während der Fahrt ihre Besserung auf’s Bedenklichste
fortschreiten, und fürchtete bis zum letzten Augenblick, seine
Anstellung gekündigt und sie weiterreisen zu sehen.
Doch fügte sie sich, wie gesagt, seinen Gründen, und wir sehen Beide
die Treppe des einzigen eleganten Hotels der Stadt hinaufsteigen
und in ein Zimmer treten. Klotilde ertheilte dem sie begleitenden
Stubenmädchen den Befehl, das Zimmer nicht zu verlassen, -- auch
nicht einen Augenblick, -- warf sich auf das Ruhebett, beseitigte ein
Paar allzu lästige Paragrafe im Preßgesetz ihrer Toilette und bat den
Doktor, sein freundliches Versprechen zu erfüllen und das Pulver zu
holen. --
Günther empfahl sich somit, besorgte das Geschäft, um dessenwillen er
eigentlich nach Treustadt gefahren, ließ sich auf dem Rückwege ein
Katarrhpulver geben, und präsentirte es Klotilden, welche ihn mit der
lebhaftesten Freundlichkeit und allen Zeichen des wiedergekehrten
Wohlbefindens empfing.
Sie wußte das über hundert Dinge hingleitende Gespräch auf die
ungezwungenste Weise so zu leiten, daß Günther dem, was er unter dem
humanistischen Theil der Praxis verstand, in einer Stunde nicht näher
gerückt war als im Waggon.
Dazu das unvermeidliche Mädchen! Er hatte die Zollschranken ihrer Ohren
zu umfahren versucht, indem er französisch zu sprechen begann: Klotilde
gab, im besten Französisch, den Bescheid, daß die Unterhaltung deutsch
weitergeführt werde.
Er mußte für den Augenblick die Segel streichen. Es lag bis zum
Abendtrain noch manche Stunde vor ihm. Wenn sich die Situazion bis
Mittag nicht klärte, war er entschlossen, sich zu einem Patienten rufen
zu lassen und zurückzureisen. Doch hatte er nebst dem Abenteuer etwas
Anderes im Auge; -- es war nicht unmöglich, dasselbe mit Arnold’s
Angelegenheit in Zusammenhang zu bringen. --
Nun sprach Klotilde abseits mit dem Mädchen, welches sich zwar
entfernte, aber sogleich wiederkam, und bald darauf erschien
ein elegantes Gabelfrühstück, und sie lud mit allem Aplomb der
anständigsten Frau vom Hause den freundlichen Arzt ein, ihr Gast zu
sein. Günther machte einige medizinische Einwendungen, sie erklärte
sich jedoch für ganz hergestellt. -- Er nahm die Einladung an, überließ
sich seiner ganzen natürlichen Laune, und Klotilde ging während
des Dejeuners auf manche Wendungen ein, denen sie früher mit jener
Sicherheit ausgewichen, welche nur die Vertrautheit mit dem Ziele
aller Wendungen verleiht. Kaum war aber das Konfekt verzehrt und der
letzte Tropfen des schäumenden Weines geleert, so sprang sie auf,
befahl dem Aufwärter, Jemanden mit der Handtasche um die Stunde des
Abendtrains nach dem Bahnhof zu schicken, und ersuchte Günther, sie
nach dem -- +Park+ zu begleiten. --
Es war nun hohe Zeit, an die Lösung des Komödienknotens zu denken;
Günther war, indem er ihn geschürzt, einer jener tollen Impressionen
gefolgt, denen er sich in dem Bewußtsein überließ, jederzeit im
rechten Moment den Rückzug zu finden. Er konnte jeden Augenblick mit
Klotilde in der Residenz zusammentreffen, und seine Usurpazion des
Doktorhutes wurde, wenn er die Sache auf sich beruhen ließ, zu einer
mit seinem Karakter so wenig als mit seiner Stellung zu vereinbarenden
Polissonnerie. Er hatte die Sache so weit getrieben, daß Klotilde
empört sein, oder scheinen mußte, wenn sie sich aller Dinge erinnerte,
die sie dem Frauenarzte mitgetheilt. Er mußte +ihr+ also einen
Rückzug lassen, und zweifelte nach den Proben von Verstand, die sie
gezeigt, nicht, daß sie ihn benützen werde.
Im Park angelangt, bog er in die nächste beste Kastanienallee ein und
begann: „Nachdem ich Ihnen so wahrhaft vergnügte Stunden verdanke,
erlauben Sie mir nun eine sehr ernste Frage, zu der mich die wahrste
Theilnahme drängt. Haben Sie Hoffnung, daß das Schicksal Ihres
geliebten, unglücklichen Gatten bald eine andere Wendung nehme?‟
Klotilde trat einen Schritt zurück und sah ihn sprachlos an.
„Sie stellen sich erstaunt, daß ich Sie kenne. Allein so geistreich,
so liebenswürdig, so unnachahmlich Sie auch vom ersten Moment an Ihr
Spiel gespielt haben, so hat mir doch +Ein+ unbewachter Moment
verrathen, daß Sie mich so gut gekannt, als ich Sie. Sie haben mein
Pulver nicht genommen, und von da an wußte ich, daß Sie meine Intrigue,
zu der mich +Etwas+ bewog, was ich Ihnen nun nicht gestehen darf,
durchschaut. -- Als eine Persönlichkeit, welche die halbe Residenz
kennt, hätte ich auch nicht auf ein Inkognito rechnen sollen. Sie aber
haben die Rolle, mich wirklich für das zu halten was ich sagte, mit der
vollendetsten Grazie gespielt!‟
Die Sortie war nicht viel feiner, oder noch viel +weniger+ fein
als der Knoten. Aber Klotilde erwiderte das Einfachste und Beste:
„Alle Täuschungen zugegeben, so ist ja noch die +Frage, wer+
von uns Beiden heute +unangenehmer getäuscht+ wurde, ich oder
+Sie+?‟ --
Entscheidend für Klotilde waren Günther’s Worte gewesen: „Eine
Persönlichkeit, welche die halbe Residenz kennt.‟ -- Wer war der Mann?
Eine Celebrität jedenfalls; genug für sie, um nachsichtig zu sein.
Der größte Milderungsgrund lag aber jedenfalls darin, -- daß er ihr
ausnehmend gut gefallen hatte.
Die Versöhnung war wider Erwarten schnell und vollständig. Er brachte
nun, nachdem sie unter vielen Seufzern von ihrem Manne erzählt, das
Gespräch auf Kollmann und erfuhr, daß sie diesen bei dem Advokaten, der
Zeltner vertheidigte, kennen gelernt, und von ihm nach seiner Besitzung
geladen worden. Julie nannte sie das liebenswürdigste Geschöpf unter
der Sonne, und ließ durchschimmern, daß sie sie für unglücklich halte.
„Ich habe von Kollmann eine schlechte Meinung, sagte Günther. --
Vielleicht wäre das Paar glücklicher, wenn sie Kinder hätten?‟
-- „Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Uebrigens werden sie nie welche
haben, wie ich die Verhältnisse im Freinhof kenne.‟
-- „Im Freinhof? sagte Günther mit einem seiner schändlichsten
Gesichter -- also lokale Ursachen? Sollen da eigenthümliche
geognostische Verhältnisse einwirken?‟
-- „Können Sie denn nicht einen Augenblick honett und ordentlich
sprechen?‟
-- „Ich will es versuchen, auf die Gefahr hin Ihnen dadurch zu
mißfallen. Haben Sie für Ihre Vermuthung des Aussterbens der Dinastie
Kollmann kein faßlicheres Gewand?‟
-- „Wenn Sie nicht den abscheulichen Betrug gespielt hätten, und
wirklich das wären, wofür Sie sich ausgaben, so würde ich Ihnen
+mehr+ sagen. Es genüge Ihnen, daß ich als Frau meine Vermuthungen
habe. Ich glaube, daß keine bestehenden Verhältnisse, sondern eben
+nicht+ bestehende Verhältnisse daran Schuld sind, und jetzt
halten Sie Ihren gottlosen Mund.‟
-- „Nur Einen Versuch erlauben Sie mir, Sie zu übertreffen! Sollte
Kollmann, den ich vor der Welt für ein schlechtes Subjekt halte, im
Geheimen ein so edler Mensch sein, +daß+ er‟ --
Klotilde schlug ihn nun wirklich mit ihrer hübschen weißen Hand auf den
Mund und rief: „Was zu viel, ist zu viel!‟
-- „Verzeihung! ich wußte nicht, daß Sie über Kollmann nichts
Unangenehmes hören wollen!‟
-- „So viel Sie wollen; +ich+ habe mich nicht über ihn zu
beklagen, aber ich glaube, er handelt gegen Julie ganz schlecht.‟
-- „Das glauben Viele; wenn er schlecht ist, ist er aber gewiß eben so
klug.‟
-- „Nach dem, was er schon durchgesetzt, gewiß. Vor drei Jahren hat er
als kleiner Fabrikant angefangen, jetzt kauft er eine Besitzung nach
der andern, hat ein Paar fremde Orden, und vor einigen Tagen erst wurde
er zum Konsul ernannt, ich weiß nicht, von welchem Großherzog.‟
-- „Er hat jedenfalls hohe Verbindungen. Man sagt, sein Hauptprotektor
sei der Prinz Ernst August.‟
-- „Das ist mir neu, und ich bezweifle es, da ich zufällig viele
Details vom Prinzen weiß.‟
-- „Ich sage nur, was die niederträchtige Welt behauptet. Es heißt,
Kollmann habe Schritte gethan, um zu gewissen Zwecken die Gunst des
Prinzen zu gewinnen; sie seien nicht ohne Erfolg gewesen, und er
erwarte den Haupteffekt von der reizenden Persönlichkeit +seiner
Frau+. Sie kennen wahrscheinlich die Empfänglichkeit des Prinzen
für das rein Schöne, und wenn dieser Coup gelingt, hat Kollmann seine
Schäfchen im Trocknen.‟
Klotilde schwieg. Ein ganzes wildes Heer von Gedanken jagte durch ihren
Sinn. „Dieses hübsche Projekt, sagte sie endlich, würde jedenfalls
an dem Umstande scheitern, daß diese Frau nie, nicht um die Welt, in
irgend etwas willigt, was gegen ihre Begriffe von Ehre ist!‟
-- „Das liegt vielleicht gar nicht in Kollmanns Absicht. Die Wirkung
einer einzigen Entrevue in allen Ehren, die gehobene Stimmung des
Prinzen, wenn er ein Paar Minuten mit einer reizenden Frau spricht,
werden wohl hinreichen, einem Anliegen den Weg zu ebnen.‟
Klotilde war nachdenklich und ernst geworden. Günther sah, daß der
Funke fortglimmte und warf gleichgültig hin: „Das sind lauter ~on
dit~, Vermuthungen, -- aber daß Kollmann nicht versäumen wird
diese Mine springen zu lassen, sobald er nur einmal den +Weg+
zum Prinzen gefunden, bezweifle ich nicht. Und den kann man ihm nicht
versperren!‟
-- „Und doch wäre dieß eigentlich eine Pflicht gegen die arme Frau, die
allein darunter zu leiden haben wird.‟
-- „Ja wohl, aber wer kann das! Wer vermöchte dem Prinzen die Augen
darüber zu öffnen, was dieser Kollmann für ein Subjekt, wenn die Augen
einmal geblendet sind? -- vielleicht +vorher+!‟
-- -- Günther lenkte nun das Gespräch auf andere Gegenstände. Er hatte
mit Klotilde in einem kleinen Kiosk Platz genommen -- die Sonne ging
unter, die Stunde des Abendtrains war nahe.
Sie gingen durch die dunkle Allee zurück, -- zu dunkel, um sammt
unserem Sehrohre entscheiden zu können, ob der Händedruck, mit dem sie
später im beleuchteten Bahnhofe Abschied nahmen, das +einzige+
Pfand des Wiedersehens gewesen. --
-- -- Günther verglich auf der Rückfahrt unwillkürlich seine heutigen
Erlebnisse mit dem Besuch beim Professor, wo er mit aller Berechnung
zu Werke gegangen und eine völlige Niederlage erlitten. Heute war
er, kaum mit einer Ahnung die Angelegenheit Arnolds hineinflechten
zu können, auf ein improvisirtes Abenteuer ausgegangen, und hatte
+vielleicht+ Etwas für ihn gewirkt.
Er versprach sich jedoch nicht viel von Klotildens Dazwischenkunft, da
er von einer irrigen Voraussetzung ausging.
Er glaubte sie reise nach der Hafenstadt, um ein verlornes Kronland
+wieder+ zu erobern. Sie reiste aber hin, um sich, nach gehörigem
Widerstand, erst erobern zu lassen.
Wie der Zufall Günther immer zu den prägnanten Momenten führte, -- zu
einer Feuersbrunst, wenn sie ausbrach, -- während Andere regelmäßig
mit der landesfürstlichen Spritze, das heißt zum Verlöschen eintreffen,
-- so war er allerdings in dem Augenblicke aus dem Theater getreten,
wo der Adjutant des Prinzen dem Wagen Klotildens nachfuhr. -- Aber der
Prinz hatte sich von der Loge herab in derselben Weise verrechnet, wie
Günther im Waggon. Sie war größer in ihrem genre, als die Leichtigkeit
der +ersten+ Annäherung vermuthen ließ. -- Beide erriethen
sogleich die Serie, irrten sich aber in der Nummer. --
Sie hatte, früh verwaist, durch den Vormund in einer Pension
untergebracht, diese verlassen, um in ein gräfliches Haus zu treten,
als Gesellschafterin der beiden Komtessen, nicht aber des jungen
Grafen, was dieser zu glauben schien. Das Ende der alten, immer neuen
Geschichte, die dießmal kein Herz entzwei brach, sondern nur ein
Paar Schwüre und ehrgeizige Hoffnungen, war, daß Klotilde den jungen
Korrepetitor des Grafen, Zeltner, heiratete, welcher von der Familie im
Kriegsministerium untergebracht wurde.
Dieß war der auf losem Wellsande aufgeführte Unterbau ihrer
moralischen und materiellen Existenz. Letztere ward durch Zeltners
Prozeß untergraben, durch die Erbschaft eines „Onkels in Köln‟ wieder
aufgebaut. -- Als aber ihre späteren Beziehungen zum Grafen Greuth
bekannt wurden, fand sie sich von der guten Gesellschaft, worin sie
früher gelebt, ausgeschlossen, und somit isolirt. Mit der eigentlichen
~demi-monde~ ging sie nicht um. Sie ging ihren eignen Weg, --
stand und fiel für sich allein.
In Folge des politischen Prozesses Zeltners und der zweimal
erfahrnen gräflichen Treulosigkeit hatte sich ein Gewirr von
roth-republikanischen Ideen in ihr gebildet: prinzipiell guillotinirte
sie Alles vom Baron aufwärts, trennte aber wie ein Staatsmann das
+Prinzip+ von den +Personen+. Ein praktischeres Resultat für sie war
die Besonnenheit, mit der sie nun die angeborne Leidenschaftlichkeit zu
bändigen verstand, -- in Folge welcher Besonnenheit sich das Verhältniß
zum Prinzen noch in einem zukunftsreichen ersten Stadium befand.
* *
*
Günther konnte sich zwar nicht sagen, daß seine heutige Thätigkeit für
den Freund, wenn sie ersprießlich war, mit großer +Aufopferung+
verbunden gewesen, fand aber darin keine Ursache unzufrieden zu sein.
Es freut uns, ihn auf seiner Rohrbank sitzen und einmal einen Abend
+ruhen+ zu sehen. Er hat in den letzten Tagen nicht gelebt wie
Einer, bei dem erst vor drei Wochen der Tod, zwar nur mit einem ganz
leichten, unscheinbaren Hustenanfalle angeklopft, aber dabei, wie schon
mehrere Male, eine mit blutiger Frakturschrift geschriebene Visitkarte
abgegeben hatte.
Die Fensterläden schließen glücklicherweise fest genug gegen die
Steine, welche eine höchst achtbare fromme Schar durch das Efeugewinde
auf ihn schleudern möchte, weil ihm die herübergewehten präludirenden
Töne der Weltgerichtsposaune nicht wie ein ~Memento mori~ klingen,
sondern wie ein ~Memento vivere~! -- Und schlügen sie auch durchs
Fenster, so prallen sie am breiten festen Schirm eines Gewissens ab, in
welches dreiunddreißig Jahre nicht Eine Handlung gegraben, welche der
unverfälschte Urtext des Gesetzbuches der Pflicht und Ehre verurtheilt
hätte.
Wenn in der Gallerie seiner Erinnerungen viele reizende, vor den Augen
der Moralisten nicht Gnade findende Bilder hingen, so war dieß immer
besser als die Gallerie der meisten Moralisten selbst, in deren dem
Publikum geöffneten Sälen zwar lauter Kreuzigungen und Himmelfahrten
hängen, -- in einem Kabinet zum Privatgebrauch aber meistens +Ein+
Stück -- -- worüber das Pergament der daneben liegenden Bibel erröthet.
Vielleicht war aber, +ganz+ abgesehen von der sündhaft angenehmen
Perspektive, welche das Abenteuer mit Klotilde eröffnete, der Weg, auf
dem er für Arnold wirken wollte, ein solcher, von dem dieser gesagt
hätte „daß ihn kein Korbach geht?‟
Wir antworten: nicht vielleicht, sondern +gewiß+!
Aber die zehn Jahre, um die er länger in die Welt gesehen, haben
ihm die Illusion genommen, daß die Zwecke der Schlechten mit lauter
turniergemäßen Waffen bekämpft werden können. -- Und wenn der alte,
große Mephisto ins Proscenium tritt und „zu dem jüngern Parterre das
nicht applaudirt,‟ sagt: „Bedenkt, der Teufel der ist alt, so werdet
+alt+, ihn zu +verstehen+!‟ -- so darf wohl unser guter
Taschenteufel, der nur das Beste will, seinem jungen Freunde zurufen:
„Werde um zehn Jahre älter, und du wirst verstehen, daß man einen
Marder, Iltis, oder Kollmann nicht mit Edelfalken jagt, sondern in
Fallen fängt, -- wenn man kann.‟
Ein thätiger Freund.
Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag,
ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt
zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen
zu haben? -- der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und
Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, -- seinen Gedanken
folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? -- unermüdet lauscht auf
jede Regung seiner Wünsche -- auf seinen Schritt in Licht und Dunkel,
-- und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn
heftet, das ihn begleitet über Land und Meer -- --?
Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung
oder etwas Aehnliches. -- Es ist aber die +Polizei+. --
Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit
Kollmann’s zu interessiren, -- wenn die Familie Korbach -- Günther
-- Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im
verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern,
daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das
Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch
Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu
gedenken.
Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, -- dessen Erscheinung
alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen
straft. -- Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das
dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem
Alles lacht -- von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den
Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, -- ja bis zu den runden,
schneeweißen kurzfingerigen Händen. --
Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste
nie von ihm. -- Er ist da am heitersten; -- wie ein Kavalleriepferd,
das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem +Herzen+
Polizeimann. -- In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf
den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird
manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner
Mitgeschöpfe zu schaden. --
Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer
Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten,
das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der
Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man
einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That‟ las, der mit den
Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht
gelungen, den Schuldigen u. s. w.‟ -- so sagte Jeder: „Hätten sie es
lieber gleich dem Lipprecht gegeben.‟
Er war für sein Fach geboren; -- Natur-Polizeikommissär. -- Sein
politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern
und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie
gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der
Gesellschaft, aber die +eigentliche+ Triebfeder war reines
Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war
auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten,
behaupteten, er wäre der Mann, der -- wenn er vor Entdeckung sicher
wäre -- allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung
bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen.
Da er so oft von den peinlichen Pflichten seines Standes gesprochen
hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende
Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den
unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner
Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, --
humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine
Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm
die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden
Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen
selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt.
Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man
schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im
büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben‟ bezeichnen will, so
hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit
verscherzt. -- Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts
als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion
und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für
die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art
nachzuweisen, daß, +wenn+ er nach der Instrukzion gehandelt hätte,
die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen
Mund über die siechen öffentlichen Zustände und über die Taubheit
gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. -- Er schimpfte wie ein
~agent-provocateur~, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche
Schülerarbeit lag tief unter ihm. --
Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der
hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen
Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und
lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung
zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem
Champagner-Souper ~tête-à-tête~, von welchem er eben in der
rosenfarbensten Laune nach Hause kommt.
Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm
den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins
Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem
Kopf!
Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in
seinem Zimmer auf und nieder, -- bleibt vor seinem Sekretär stehen,
-- zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus
und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten
Liebesbriefen. --