Das erste Dokument ist fast drei Jahre alt. --

Damals war es buchstäblich nichts als das +Gesicht+ Kollmanns,

welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich,

abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich

simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu

geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, -- der Mund, der nichts

als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war,

das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, --

alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick

Etwas in sich „rege werden‟ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen,

welches ihn niemals getäuscht.

Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf

fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und

schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld

datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben

erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam

überlas. Derselbe lautete:

„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu

berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre

alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau

übereinstimmt, sich auf hiesiger Herrschaft vier Monate hindurch

aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von

Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen

und Erz-Analysen vorzunehmen.

„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in

keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen

Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol

gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W.

bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf

freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische

Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.

„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen

Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der

häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und

demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes

Vermögen aber der Gemeinde vermachte. --

„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren

Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten

umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur

lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle,

reisen zu können, wie er denn auch kurze Zeit nach dem Ableben des

Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe u. s. w.‟

Ein zweites Schreiben, aus +Genf+, bestätigt, „daß Kollmann

daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins

Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer

Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände

einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter

bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter

mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in

seine Hände übergegangen.‟ --

Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der

Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war

hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es,

welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und

zugleich das größte Herzeleid bereitete. --

Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner

Reise berührt, und aus +Mannheim+ die Nachricht erhalten, „daß

er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden

lange Unterredungen gehabt, welchen man seines als gefälscht erkannten

Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam.

Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen

als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.‟

Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann

abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war

aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu

seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es

ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den

Fremden als +Wangerode+ gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer

Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da

derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen

gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es

anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator

zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen

Jagd zu machen. --

Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend

über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem

Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß

man diesem Gefühl nicht mehr traute, als den gedankenlosen Zuschriften

von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.

Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte:

die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen

Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein

kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für

ihn war der Mann vor Allem +Emissär+ im +großen Stile+, und

davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten,

kein Orden, kein Konsulsposten ab. --

+Sein+ Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, +seine

Auffassung+ dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.

Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte

in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines

von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde

als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe,

verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet

das Auge nur +einen+ Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den

der es angreift, der ihm +gegenübersteht+.

Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es

theure Raritäten, Rennpferde der Tänzerinnen u. s. w. in seinen

Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den

Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der

Pistole abfordert, +allein+ der „Umsturzmann‟ seines Vermögens,

sondern auch +Jener+, der ihm die mit frischen Transporten

englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus

schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern

Lieblingsobjekte anpreist. -- Der arme reiche Mann wird ihn nicht als

seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, -- Stallknecht, --

+Jeder+ außer ihm. --

Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram. · 第 18 / 27 题