Damals war es buchstäblich nichts als das +Gesicht+ Kollmanns,
welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich,
abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich
simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu
geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, -- der Mund, der nichts
als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war,
das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, --
alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick
Etwas in sich „rege werden‟ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen,
welches ihn niemals getäuscht.
Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf
fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und
schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld
datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben
erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam
überlas. Derselbe lautete:
„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu
berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre
alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau
übereinstimmt, sich auf hiesiger Herrschaft vier Monate hindurch
aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von
Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen
und Erz-Analysen vorzunehmen.
„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in
keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen
Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol
gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W.
bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf
freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische
Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.
„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen
Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der
häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und
demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes
Vermögen aber der Gemeinde vermachte. --
„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren
Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten
umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur
lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle,
reisen zu können, wie er denn auch kurze Zeit nach dem Ableben des
Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe u. s. w.‟
Ein zweites Schreiben, aus +Genf+, bestätigt, „daß Kollmann
daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins
Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer
Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände
einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter
bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter
mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in
seine Hände übergegangen.‟ --
Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der
Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war
hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es,
welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und
zugleich das größte Herzeleid bereitete. --
Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner
Reise berührt, und aus +Mannheim+ die Nachricht erhalten, „daß
er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden
lange Unterredungen gehabt, welchen man seines als gefälscht erkannten
Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam.
Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen
als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.‟
Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann
abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war
aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu
seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es
ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den
Fremden als +Wangerode+ gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer
Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da
derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen
gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es
anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator
zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen
Jagd zu machen. --
Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend
über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem
Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß
man diesem Gefühl nicht mehr traute, als den gedankenlosen Zuschriften
von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.
Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte:
die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen
Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein
kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für
ihn war der Mann vor Allem +Emissär+ im +großen Stile+, und
davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten,
kein Orden, kein Konsulsposten ab. --
+Sein+ Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, +seine
Auffassung+ dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.
Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte
in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines
von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde
als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe,
verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet
das Auge nur +einen+ Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den
der es angreift, der ihm +gegenübersteht+.
Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es
theure Raritäten, Rennpferde der Tänzerinnen u. s. w. in seinen
Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den
Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der
Pistole abfordert, +allein+ der „Umsturzmann‟ seines Vermögens,
sondern auch +Jener+, der ihm die mit frischen Transporten
englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus
schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern
Lieblingsobjekte anpreist. -- Der arme reiche Mann wird ihn nicht als
seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, -- Stallknecht, --
+Jeder+ außer ihm. --