„Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Es fehlt nicht an
naheliegenden Beweisen, oder vielmehr an nahestehenden -- sagte
Bernhard, über sein nicht sehr gelungenes Wortspiel lächelnd. Auch
wurde der Bau des protestantischen Bethauses +vor+ jenem der
Kirche unternommen.‟
„Ich muß mir die Bemerkung erlauben, -- warf Arnold ein -- daß
unsere Protestanten, dermalen über dreihundert, eines Gotteshauses
gänzlich entbehrten, während der Gottesdienst der Katholiken niemals
unterbrochen wurde.‟
„Ich habe Sie nicht zu mir bitten lassen, werthester Herr, um Ihnen
irgend Etwas zu sagen, was wie ein Vorwurf klingt. Im Gegentheile bin
ich beauftragt, Ihnen vorläufig, bis es auf solennere Weise geschehen
wird, zu sagen, daß die Kirche Ihrem Vater für den jüngsten Beweis
seiner Treue dankt, und ich, -- der ich während der Krankheit unseres
Prälaten dem Kloster Sankt Martin vorstehe, erfreue mich insbesondere
solcher Gesinnung, da, wie Sie wissen, diese Pfarre von uns aus besetzt
wird.‟
„Mein Vater kann nicht genug danken für die Wahl des Priesters, der nun
seit drei Jahren zum Segen der ganzen Gegend dieses Amt bekleidet.‟
„Hierbei habe ich kein Verdienst; unser Prälat hat damals -- freilich
schon bei geschwächtem Gesundheitszustand -- diese Wahl getroffen.
-- Doch zur Hauptsache. Die Einweihung der auf Kosten Ihres Vaters
erbauten Kirche wird in einigen Wochen stattfinden. -- Ich kann Ihnen
mittheilen, daß Se. Erzbischöfliche Durchlaucht die Absicht haben,
diese Feierlichkeit in eigener Person vorzunehmen, um ihr, zur Erbauung
der in jener Gegend besonders der Stärkung bedürftigen Gläubigen, den
größten Glanz zu verleihen. -- Es würde jedoch sehr guten Eindruck
machen, wenn Ihr Vater in dieser Beziehung ein +Bittschreiben+
an den Herrn Erzbischof richten würde. Es bietet sich hierdurch Ihrem
Vater eine ihm gewiß erwünschte Gelegenheit, seine +Gesinnungen+
in einer so +bestimmten+ Weise auszusprechen, daß in Betreff des
Schutzes, welchen das katholische Element in Korbach gegen das weitere
Umsichgreifen der Irrlehre von ihm zu erwarten berechtigt ist, nie mehr
einem Zweifel oder einer Besorgniß Raum gegeben werden kann. -- Sie
verstehen mich. Ich habe von den wohlwollenden Intenzionen des Herrn
Erzbischofs erst vor wenigen Minuten einen Beweis erhalten, indem Se.
Durchlaucht angedeutet, daß sie die Freigebigkeit Ihres Vaters zur
Kenntniß des päpstlichen Nunzius zu bringen vorhaben, -- -- worauf
vielleicht von Seite des heiligen Vaters ein ehrendes und beglückendes
Zeichen der Befriedigung erfolgen dürfte, welche seinem apostolischen
Herzen solche Handlungen der Pietät gewähren.‟
Pater Bernhard hielt inne und schien die Wirkung dieser Rede abwarten
zu wollen. Als Arnold ruhig, bescheiden, ernst und schweigend stehen
blieb ohne eine Miene zu verändern, fuhr er mit schlecht verhehlter
Gereiztheit fort: „Ich ersuche Sie, werthester Herr, diese Mittheilung
ganz vertraulich Ihrem Vater zu machen, welcher, ich bin davon
überzeugt, ihre Bedeutung zu würdigen wissen wird.‟
„Ich werde mich beeilen, den Auftrag Ew. Hochwürden zu erfüllen.‟
-- -- Arnold empfand beim Weggehen keine drückende Gespensterfurcht
mehr. Es war ihm, als ob der gefürchtete Geist ein Mensch geworden und
vor ihm gestanden, und den fürchtete er nicht.
* *
*
Er fühlte die Nothwendigkeit mündlicher Besprechung mit seinem Vater.
-- Der nächste Morgen trifft ihn im Bahnhofe.
Durch die Fläche, das glänzende Meer von Licht und Widerschein, fliegt
der Train den blauen Bergen zu. -- Nach zwei Stunden umrauschen
ihn statt der Kornfelder die Zwergföhren, womit die steinige Ebene
bepflanzt ist, -- der Vortrab des gewaltigen hohen Waldheeres auf den
Zinnen der ewigen Stadt Gottes, des Hochgebirges: schon unterscheidet
man ihre Felsenmauern und schneebedeckten Thürme, und bald umschließt
sie die Reisenden in den sonnedurchglühten Waggons, und labt sie mit
Harzduft und Wasserrauschen.
In Pottenbach ist längerer Halt. Der aus Süden kommende Train begegnet
hier jenem Arnold’s. Sein Blick ist nach einem hohen fernen Felsen
gerichtet, auf der Höhe der Föhrleiten.. der zackige Stein ist auch
jenseits vom Freinhofe sichtbar; -- so nahe!! -- -- Hoch über die
Gruppe der den andern Train abwartenden Reisenden wegsehend, gewahrt
er nicht den Baron, der, abseits an eine Säule der Halle gelehnt, ihn
einen Moment anblickt und sich langsam abwendet.
Die Dampfpfeife schrillt durch Arnold’s Gedankenmelodie -- wie damals
Knorr’s Stimme durch das erste Gespräch mit Julie, -- die Lokomotive
stößt den zischenden Athem aus der ehernen Lunge -- in einer Minute
fliegen er und Sembrick auseinander, -- leiblich wie es bereits geistig
geschehen. -- In Frauenwang verläßt Arnold die Bahn; ein leichter,
offener Wagen mit kräftigen Pferden wird im Orte gemiethet und führt
ihn dem Korbachthale zu.
Er erreicht es am späten Abende. Noch durch eine Waldschlucht,
einen Felsenpaß und weit und offen liegt es vor ihm. Die Glocke des
Hochofens, das Pochen der Hämmer, das Brausen der gewaltigen Wehre
begrüßen ihn, durch den blauen Schleier, welchen Abendduft und Rauch
der Schmieden über den Thalgrund breiten. Nun fliegt der Wagen vorüber
am mächtigen Bau, wo die Walzen den Begriff der Härte verneinen und das
Metall unter ihrer Gewalt die Rolle des Wachses spielt, -- am Drahtzuge
mit den hundert schnurrenden Spulen, am Hammerwerke, aus dessen offenen
Thüren der Feuerschein bis auf die Brücke fällt -- die von der Straße
abseits zum Wohngebäude führt.... nun durch die alten Linden und
Tannen des Parks -- und das Ziel ist erreicht.
-- -- Das Abendessen stand noch auf dem Tische. Ein heller, vierfacher
Klang tönte durch das Zimmer, als Arnold eintrat.
Das mußte ein +freier+, +lichter+ Gedanke, ein
+gottgefälliger+ Wunsch sein, -- auf dessen Erfüllung diese
vier Männer ihre Gläser zusammenstießen: -- -- Arnold’s Vater -- ihm
gegenüber Sprenger, -- neben ihm der katholische Pfarrer und der
Pastor.
~Clair-obscur.~
Die beiden Geistlichen zogen sich bald zurück, da sie annahmen, daß
nur eine wichtige Ursache Arnold’s schneller Rückkehr nach Korbach zum
Grunde liegen könne. -- Dieser, wissend daß sein Vater kein Geheimniß
für Sprenger habe, erzählte, und nahm so viel vom Freinhofe in seinen
Bericht auf, als eben hinreichte, um den Zusammenhang nicht sowol zu
erklären als zu verwirren.
„Wo der Wind hinweht, ist klar‟ -- meinte Sprenger.
„Viel wichtiger ist, wo er herkommt, erwiderte der alte Korbach.
Sie wissen oben, daß ich das Promemoria vom vorigen Jahre verfaßt
habe, und nun soll ich umsatteln, mich hinten auf’s Steckenpferd des
Ministers setzen und seine Freihandels-Experimente unterstützen, die
uns ruiniren. Wäre eine hübsche Bresche in der Opposizion unserer
Eisen-Industrie u. s. w. Was ich ihnen im Senat zu sagen hätte,
können sie aus unserer Eingabe herauslesen. Sie werden Theorienreiter
genug finden, ich sitze nicht auf. Von der Supplik an den Erzbischof
kann ohnedem keine Rede sein. Die neue Kirche habe ich ihnen bauen
lassen, und damit Basta. Will der Erzbischof herauskommen, so ist es
mir eine Ehre, wenn auch kein Vergnügen, aber mich hinstellen lassen
als verlaufenes Schaf, das zur Herde zukückkehrt, -- darauf können sie
warten.‟
Sprenger war nicht einverstanden. Seine Meinung lautete: „Setze dich
auf sechs Wochen in den Senat und sage ihnen Wahrheiten, welche sie
von keinem Andern hören. Schreibe dem Erzbischofe und bleibe der Herr
vom Hause, indem du ihn ladest. Du kannst mehr in deinem Sinne wirken,
wenn du auf gutem Fuße bleibst. Brichst du offen, -- und die Ablehnung
des Schreibens ist ein direkter Bruch, -- so ist das erste Opfer unser
braver, biederer Pfarrer, und eines schönen Morgens hetzen sie dir die
Arbeiter gegeneinander.‟
Sprenger stand vielleicht auf einer freieren Höhe, als der alte
Korbach. Ihm ging die Erhaltung der Sache stets über Konzessionen in
der Form; er stand +wirklich über+ den Parteien, während sein
Freund dem Namen nach zur einen, mit seinem Herzen zur andern gehörte.
Sprenger hatte die Ueberzeugung, daß ein Kampf mit der herrschenden
katholischen Gewalt nur zum Nachtheile des Herausfordernden ausschlagen
könne. Er sah übrigens ein, daß die gelegte Falle keinen andern
Zweck haben könne, als, entweder diesen Kampf herbeizuführen, oder
ein in seinen Folgen unberechenbares „Korbacher‟ Konkordat. -- Es
lag allerdings die Möglichkeit vor, letzterem in der Ausführung die
schärfsten Spitzen abzubrechen: vielleicht ließ sich durch einige
Form-Zugeständnisse das Verbleiben des Pfarrers erkaufen; vielleicht
war es der kirchlichen Autorität mehr um eine lautklingende, weithin
leuchtende Wahrung des Prinzipes als um die Thatsache zu thun, mehr
um einen breiten goldnen Rahmen für ihr Gnadenbild: war es nur hoch
und glänzend genug hingestellt, so mochte sie dann nicht so genau
nachrechnen, wie viele Kniee im Korbacher Thale sich davor beugten.
Freilich lauter „Vielleicht!‟ -- Auf den Senat legte er weniger Werth
-- es schien ihm höchstens ein entgangener Gewinn: sein Freund mochte
mit sich ausmachen, wie hoch er ihn anschlage, und ihn zurückweisen,
aber im Kampf mit der Kirche sah er nur gewisses Unheil.
Arnold hatte, gleich nach Beendigung seines Berichtes, da er dachte,
sein Vater wolle die Sache mit Sprenger allein besprechen, sich
zur Schwester begeben, welche sich gewöhnlich nach dem Abendessen
zurückzog, während die Männer noch zusammen blieben.
Sprenger hatte seine reichliche Munizion von Gründen des schwersten
Kalibers verschossen: der alte Freund hielt Stand, wich kein Haar
breit. -- Er sah sich nach Verbündeten um.
Die Eine, auf welche er einstens nie vergebens gezählt -- Arnolds
Mutter -- ruhte nun auf der grünen Anhöhe, welche sich am Ende des
Marktes erhebt, in geringer Entfernung von der netten Häusergruppe
der protestantischen Arbeiter -- jener Häuser, in welchen ihr Name
in das tägliche Gebet geflochten wurde, als der Wohlthäterin von
hundert Familien. Aber die letzten Tage ihres segensreichen thätigen
Lebens an der Seite des Gatten, der ihr Werk mit Kraft und Liebe
beschützte, waren durch Sorgen getrübt, welche ihrem hellblickenden
Geiste die allmälig auftauchenden feindlichen Bestrebungen der
ringsum herrschenden Intoleranz erregten. Sie schloß die Augen mit
dem schmerzlichen Gefühle, durch ihre Schöpfung den Frieden der
alten Tage ihres Gatten gefährdet zu haben. An ihr hätte Sprenger
eine Fürsprecherin gefunden bei jedem Schritte, welcher begütigend,
ausgleichend wirken konnte.
Aber nur mit geringer Hoffnung begab er sich zu Helene, welche bei
manchen wichtigen Veranlassungen mehr über den Vater vermocht hatte,
als er und ihr Bruder. Er erzählte ihr Alles.
Das Mädchen hatte eine eigene, reizende Art, zuzuhören. Es war nicht
ein einfaches Merken auf das, was gesprochen wurde, -- sie sah mit
ihren dunkelblauen Augen dem Quell des Gedankens auf den Grund, und der
Erzähler hatte das wohlthuende Gefühl, sie ganz in seinen Gegenstand
versunken, denselben in ihrer Antwort oft vollständiger wiedergegeben
zu sehen. -- In ihr war die Festigkeit und Entschiedenheit des Vaters
in die weichste, reizendste Form gehüllt, -- -- als wäre ein Diamant
in eine offene Rosenknospe gefallen; die Blätter mochten jedem Drucke
nachgeben, durch den leichtesten Nadelstich verwundet werden, -- der
Diamant des Karakters schnitt durch das bunte Glas der Schmeichelei,
durch das falsche Gold der Eitelkeit, durch allen Schein und alles
Unwahre, das sich in ihrer Nähe unbehaglich fühlte.
Die reichen blonden Haare hatten jene so seltenen, nicht durch Flechten
und Brennen entstandenen, natürlichen kleinen Wellen, welche das reine
Oval des geistvollen Gesichtes in lebhaft bewegten Linien umspielten,
nicht mit einer glatten, kalten Spiegelfläche einrahmten. Wie war das
blühende Mädchen so blond und weiß -- -- und doch nicht +ein+
schmachtender Zug! -- Alles so lebendig, kräftig und warm! -- Die
Natur hatte da ein Schneeglöckchen mit Nelkenduft geschaffen. --
Als die Erzählung des väterlichen Freundes geendet war, sagte sie nach
kurzem Nachsinnen: „Das ist verlorne Mühe, lieber Sprenger, ich habe
oft Etwas beim Vater erreicht, wenn ich vorangeschickt wurde, selten,
wenn ich nachkam, niemals, wenn etwas schon Verweigertes nur durch
meinen Mund wiederholt wurde. Er sagte mir einmal: Helene, wenn du
mich in fremdem Auftrag küssest, ists gar nicht dein Mund. Ich kenne
auch seine Ansicht. +Meine+ Meinung ist, daß der Vater den Senat
annehmen, dem stolzen Geistlichen aber, der um Etwas gebeten sein will,
was er für sein Leben gern selbst thun wird, +nicht+ schreiben
soll. Ich bin Protestantin, wie meine Mutter, und darum‟ --
„Doch nicht empfindlicher gegen den katholischen Stolz als +ich+?‟
-- unterbrach sie Sprenger.
„Gewiß nicht, auch ehre ich Ihre Klugheitsrücksichten, aber der Vater
hat +doch+ Recht! Unser Korbach wird es aushalten, wie Deutschland
den dreißigjährigen Krieg,‟ schloß sie lächelnd und mit jenem Zuge um
die Lippen, der, wie Sprenger wußte, ein anmuthiges, aber entschiedenes
Nein ausdrückte. --
„Das ist schlimm,‟ sagte er, „Sie waren meine letzte Hoffnung. Ich sehe
nichts Gutes kommen; fürchte selbst Verwicklungen und Gefahren für die
Zukunft Arnolds.‟
„Ich fürchte nichts. Er sprach auch kein Wort mit mir darüber.‟
„Er hielt sich nicht für berechtigt, von der Angelegenheit des Vaters
zu sprechen, bevor dieser sich entschieden, aber ich durfte es mir
erlauben.‟
Sprenger war nun fertig; auch die Beziehung auf Arnold hatte
fehlgeschlagen. --
Der Vater gab diesem folgende Instrukzion: „Sag’ dem Hofrath, daß
ich die Ehre, im Senat zu sitzen, annehme, +wenn+ der Minister
keine Freihandelschimären von mir vertreten sehen will. -- Sie wollen
nur Leute, welche sagen, was man Oben gerne hört, und wer anders
spricht, wird seine Rolle bald ausgespielt haben.‟ -- Er theilte
hierin eine damals allgemein verbreitete, zum Theil später widerlegte
Meinung über die Haltung, welche man vom Reichssenate erwartete.
„Dem Erzbischof aber -- fuhr er fort -- wollen wir weiße Mädeln
entgegenschicken, trommeln und pfeifen und läuten, daß die Glocken
bersten, aber geschrieben wird +nicht+. Und nun mache, daß du
fortkommst, damit sie nicht glauben, ich habe zwei Tage gebraucht, um
mich zu bedenken.‟ Arnold konnte eben noch eine Viertelstunde für
seine Schwester gewinnen. Sie theilten jeden Gedanken, ohne einander
eine Ueberzeugung zu opfern, kaum eine Meinung; -- sie spiegelten im
innigsten Verständniß Eines des Andern Farbe zurück, ohne die eigene
darüber zu verlieren. Er hatte ihr im ersten Briefe aus der Stadt einen
Umriß der Freinhof-Begebenheiten gesendet, und theilte ihr nun auch
das Gespräch mit Günther, und dessen Ansicht mit. Wie sie einander so
gegenüberstanden, sich an beiden Händen hielten, das Mädchen ihm gerade
in die Augen sah, unterbrach sich Arnold mit den Worten: „Deine Augen
werden immer dunkler! Vor der Reise waren es Kornblumen, jetzt sind es
schon Genzianen!‟
„Und am Ende werden sie noch schwarz, und dann siehst du noch lieber
hinein,‟ rief sie lachend. -- -- „Nun aber genug, -- der Vater wird
ungeduldig, -- ich schreibe dir, was etwa noch vorgeht, heute durch die
Fabriksgelegenheit. Sei klug, und grüße mir deinen Günther, -- auch er
hat nicht Recht, -- heute bin ich mit Euch Allen im Krieg.‟ -- --
Ein frischer, herzlicher Kuß, eine Umarmung, -- und Arnold sprang auf
den Wagen, und hatte nun Zeit genug, auf eine für die büreaukratischen
und hierarchischen Ohren annehmbare Form der väterlichen Ablehnungen
zu sinnen, welche ganz nach seinem Herzen waren.
Sicherlich wird es sein Erstes nach der Ankunft in der Stadt sein, sich
der Mission zu entledigen: wir erwarten ihn im Kabinette Blauhorns,
wohin wir ihm voraneilen, und finden uns leider im Gegensatze zu dem
noch friedlichen Korbacher Thal auf dem Schauplatze der bedauerlichsten
Anarchie.
Die Gattin geht mit raschen, sehr hörbaren Schritten auf und nieder,
-- der kleine gelbe Hofrath sitzt zusammengekauert im Lehnstuhl,
auf irgend ein Aeußerstes gebracht, wie ein Igel zur Stachelkugel
eingerollt. Es ist keine Emeute, kein „beklagenswerther Versuch einer
Handvoll Unzufriedener‟, -- der Hofrath hat sich nicht wie gewöhnlich
zusammengerottet, um durch einen Gensdarmenblick seiner Gemahlin
auseinandergetrieben zu werden: -- es ist offene Empörung.
Es mußte ein großer Mißgriff von Seite der obersten Behörde des
Hauses geschehen sein, denn Blauhorn gehörte zu den am leichtesten
zu regierenden Provinzen. Man mußte ihm nur einen Schein von
Volksvertretung lassen. Er sagte gerne Ja, wollte aber gefragt werden;
-- gehorchte willig, wollte aber wissen, wozu seine Steuer von Gehorsam
verwendet werde. Er hatte im Freinhof von Julie den Auftrag erhalten,
seine Frau dringend dahin zu laden, und diese war der Einladung
gefolgt. Nach ihrer Rückkehr lauerte er auf eine Mittheilung, aber
vergebens. Zwei Tage später erhielt er vom Minister den Auftrag an
Arnold, errieth einen Zusammenhang, und schwieg nun ebenso hartnäckig.
-- An den Gedanken einer Wechselwirkung zwischen dem Grafen Breuneck
und seiner Frau hatte er sich gewöhnt; er fing an, sich für einen
Intriganten zu halten und sagte sich vor, er werde, -- da er nun einmal
auf die Süßigkeiten des häuslichen Glückes verzichtet, vom Teufel des
Ehrgeizes geritten, und beherrsche durch seine Frau den Minister; -- er
war ein Tender, der die fixe Idee hat, die Lokomotive zu schieben. --
Nun fühlte er sich als einen hinten angehängten Lastwagen. -- Seine
Frau ihrerseits wollte sehen, wie weit die rebellische Verstocktheit,
dieses Schweigen über den ihr nur zu wohl bekannten gräflichen Auftrag
gehe, und gab ihm achtundvierzigstündige Frist. Als diese verstrichen,
trat sie am Morgen in sein Kabinet mit der Kernschuß-Frage: „Wann
bekommst du Antwort von Korbach?‟
Blauhorn fuhr los: „Er werde dem Minister die Augen über +Alles+
öffnen!‟ Die Frau konnte nicht wohl begreifen, worin dieses +noch+
bestehen solle -- und es entwickelte sich nun das Feuer auf der
ganzen Linie mit solcher Lebhaftigkeit, daß Arnold und der ihm
voranschreitende anmeldende Diener das schwere Posizionsgeschütz der
Hofräthin und das dünne Kleingewehr-Geknatter aus dem Lehnstuhle
deutlich durch die Thür unterscheiden konnten. -- Als dieselbe aufging,
war unter den schnell geordneten Falten der Empfangsgesichter die
Pulverschwärze noch wahrnehmbar, aber der Kampf war bereits entschieden.
„Sie werden, bester Herr Korbach, -- sprach die Hofräthin -- so gütig
sein, mir das Ergebniß Ihrer Anfrage mitzutheilen, da mein Mann an
einer so fürchterlichen Migraine leidet, daß ich ihn nicht sprechen
lasse.‟
„Mein Vater, -- erwiederte Arnold auf einen schweigend zustimmenden
Wink Blauhorns -- wird eine Ehre und ein Glück in der bewußten
Eventualität sehen und hofft dem in ihn gesetzten Vertrauen um so
leichter zu entsprechen, da er überzeugt ist, daß er in keine Kollision
mit gewissen von ihm seiner Zeit ausgesprochenen Ansichten kommen
werde, welche er allerdings nicht aufzugeben vermöchte.‟
Arnold wußte, was ihm die Zusammensetzung dieser hölzernen Frase
gekostet. Er fühlte sich keinen ganzen, aber ein gutes Stück Talleyrand.
„Ich bedauere vorzüglich im Interesse Ihres Herrn Vaters dessen
Auffassung einer Sache, welche wir nunmehr als abgethan betrachten
müssen,‟ -- sagte Blauhorn gemessen und spitzig.
„Herr Korbach hat ja angenommen?‟ rief die Hofräthin.
„Abgelehnt!‟ sagte der Gatte, schneller begreifend. --
Arnolds Schweigen war die beste Politik. Das Gespräch hatte
geringe Lebensfähigkeit und gefror zu zwei oder drei Eisblöcken
von Redensarten, welche dießmal von keinem Gnadenblicke der Dame
geschmolzen wurden. -- --
Als das Paar allein war, wehte auf Blauhorns Stuhllehne die
Siegesfahne. Jetzt dankte er Gott, nicht die Lokomotive zu sein.
„Marianne, sagte er, laß dir dieß zur Warnung sein, keine Intriguen
ohne mich einzufädeln! Zu so etwas muß man geboren sein.‟ Sie
verließ das Zimmer ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Sie fürchtete
sich allerdings, beim Grafen kompromittirt zu sein, doch hatte sie
keine Wahl gehabt -- oder vielmehr nur die Wahl, auf andere Weise
kompromittirt zu werden, -- wie sich später zeigen wird.
In Pater Bernhards Wohnung wurde Arnold von der Mittheilung überrascht,
daß derselbe nach St. Martin abgereist, und den Auftrag hinterlassen
habe, ihn zum Sekretär des Erzbischofs zu führen. Dieser empfing ihn
mit den noch überraschenderen Worten, Se. Erzbischöfliche Durchlaucht
habe befohlen, ihn zu melden.
Nach einigen Minuten stand er vor dem höchst ehrwürdig aussehenden
greisen Priester, welcher mit freundlichem, mildem Blicke und leichtem
Neigen des Kopfes seine Verbeugung erwiederte und mit sanfter Stimme
sagte: „Ich habe Ihnen, werther Herr Korbach, bereits im Allgemeinen
durch den Herrn Prior von St. Martin mittheilen lassen, daß ich die
Einweihung der Kirche in Korbach vornehmen werde, und kann Ihnen nun
sagen, daß ich am Mittwoch über vierzehn Tage daselbst eintreffen
werde. Ich weiß, daß hierdurch auch ein frommer Wunsch Ihres Vaters
erfüllt wird, welchen er wohl, Angesichts einiger früherer unliebsamer
Vorgänge, Bedenken getragen haben dürfte auszusprechen. Ich komme
demselben mit Freuden zuvor, da die Dinge in Korbach eine gute
Wendung nehmen. Es soll der Gesinnung Ihres Vaters an einer kräftigen
Unterstützung von Oben nicht fehlen, ich gedenke dieß bei meiner
Anwesenheit zu beweisen. -- Sollte Sie in Zukunft ein Anliegen zu mir
führen, so werde ich für Sie immer zugänglich sein.‟
Ein Schritt zurück und eine freundlich entlassende Bewegung mit Hand
und Kopf schnitten jede Gegenrede Arnolds ab, selbst wenn er eine
solche bereit gehabt hätte. -- Die Audienz war zu Ende. Nach der
Abschiedsgebehrde konnte er nur bleiben, wenn er ein Schreiben des
Vaters aus der Tasche zu ziehen hatte. Daß er +keines+ habe,
hatte der kluge Kirchenfürst beim ersten Blicke vermuthet und war nach
den ersten zehn Worten davon überzeugt, da er keine Anstalt sah, ein
Derlei zu Tage zu fördern. -- Und +eigentlich+ hatte er auch kein
Schreiben erwartet, sondern -- den alten Korbach selbst. -- -- Ein
sehr bezeichnender Unterschied zwischen der geistlichen und weltlichen
Gewalt lag in der Weise, wie Beide die Ablehnung behandelten. Der
Erzbischof läßt es gar nicht zum Aussprechen des +Nein+ kommen,
nicht einmal gegen Pater Bernhard. Er weiß was +ist+, er hat
ins Herz geschaut, und das genügt. Die weltliche Gewalt begnügt sich
nicht mit faktischem Wissen und Handeln, sie hat noch menschliche
Leidenschaften, keine Rancünen, sie zeigt Gereiztheit. Die Kirche
läßt es nicht auf den Punkt kommen, daß sie beleidigt sein muß, bevor
sie es angezeigt findet. -- Arnold erschien sein Vater wie das arme
Volk in der offiziellen Zeitung bei der Durchreise eines allgeliebten
Herrschers; haben zehn Menschen gerufen, so ist es tausendstimmiger
begeisterter Jubel. Hat sich kein Mund geöffnet, so ist die Rührung
keine lärmend ausbrechende, aber eine um so tiefere. -- Sein Vater
+mußte+ sich nach dem Erzbischof sehnen, laut oder stumm. -- -- --
Nächsten Morgen begrüßte ihn, da er eben die trübe Sündflut des ganzen
unerklärlichen ihm widerlichen Getriebes überschaute ohne Land zu
entdecken, eine Taube mit einem Oelzweig, -- ein Brief Helenens.
Sie schrieb:
„Nach deiner Abreise abermalige Conferenz, zu der ich gerufen wurde.
Ich sagte von Günthers Ansicht über ein Freinhof-Komplott Alles,
was ich sagen konnte ohne deinen mir anvertrauten Herzensschatz zu
enthüllen. -- Niemand findet eine Erklärung. -- Günther, Sprenger und
ich haben verschiedene Meinungen.
Günther hält nach deiner Erzählung den Freinhof für ein Gewebe, wo
mitten die Spinne sitzt, welche auch Julien umklammert, und nach allen
Seiten hin ihre misteriosen Fäden nach den Fliegen ausspannt.
Unser Mentor sagt: Gerade umgekehrt. Im Freinhof sitzt die Fliege,
die Person, welche von all’ den Spinnen in den obern Regionen zu
verschiedenen Zwecken benützt wird.
Ich sage: Beide haben Recht, Beide Unrecht. Es ist da ein Mensch, der
von Einigen zu ihren Zwecken gebraucht wird, und selbst seine eigenen
mit Andern verfolgt.
Ihr sucht überhaupt zu tief -- Ihr wollt eine Freimaurerloge,
Vehmgericht, Falschmünzerbande, kurz irgend eine prächtige
Roman-Teufelei mit einem vielgestaltigen Anführer und Verschwornen in
allen Ständen herausfinden. All das +könnte+ sein, -- aber es
+ist+ eben nicht! Ich sehe das so klar, mit diesen meinen Augen,
die trotz deines Vergleiches kein anderes Blau haben als eine frisch
abgesottene Forelle. Glaub’ mir, hinter der ganzen Geschichte steckt
Nichts als Ein schlechter Mensch, dessen Opfer auch die arme schöne
Frau. Der Vater sagt, von seinen Freunden würde keiner so handeln, und
entsinnt sich keines Feindes. Den Herrn des Freinhofes kennt er gar
nicht. -- Was bei uns vorfällt, erfährst du gleich.‟ -- --
-- -- -- Wer sah am Richtigsten? Der Taschenteufel, -- der vielgereiste
Mentor oder die achtzehnjährigen Genzianen-Augen? --
*
* *
Ein Streiflicht fällt, wenn nicht auf das Gewebe, doch auf die Spinne,
wenn wir Sembrick folgen, der am Nachmittage nach Arnolds Besuch
abgereist, Abends im Freinhofe eingetroffen war.
Mit einem Gewitter hatte drei Tage früher unsere Erzählung begonnen --
es folgte ihm die Abendfeier am Himmel, die zugleich das Morgenroth
einer erwachenden Liebe. -- -- Das heutige war auf den Raum eines
Menschenherzens eingeengt -- es folgt ihm aber kein Abendroth. --
Als Edmund ankam, war Julie auf ihrem Zimmer. -- Er faßte mit ruhiger
Hand ihre dargebotene zitternde. Tiefer Ernst, -- gebändigter Schmerz
lag auf seinem Gesichte -- -- das ihre war eine weiße Rose im Sturm.
„Edmund, ich wußte, daß Sie kommen würden!‟
„Und Sie sind so bewegt, als wäre das Unerwartetste erschienen.‟
„Ich bin’s, weil ich Sie erwartete! Sie erhielten meinen Brief‟ --
„Ich erhielt ihn aus Korbachs Händen heute Morgen, und bin gekommen,
ihn nach seinem ganzen Inhalte zu beantworten.‟
„Ach Gott, Sie sprechen so gemessen, in einem so feierlichen Tone‟ --
„Wie es eine Stunde fordert, in welcher klar werden muß, Julie, was wir
einander sind, und fortan sein können.‟
„Und war denn nicht Alles so klar, wie es sein soll und kann und mag,
sein +wird+, wenn Sie es nicht unklar machen wollen? Edmund, ich
leide genug, -- können denn +Sie+ mich quälen?‟
„Leid von Ihnen fern zu halten war mein Ziel, seit ich Sie gefunden.
Wenn ich es nicht erreicht, noch lange nicht erreichen werde, so liegt
die Schuld nicht im Mangel des Willens, noch der Kraft. Jedes Handeln
ist für jetzt unmöglich!‟
„Unwürdig ist unser jedes Wort, das den Gedanken verschleiert! Sie
wollen mir +nicht+ sagen, daß Sie nicht handeln können, Sie wollen
sagen, daß Sie dabei +allein+ stehen wollen. Was Sie unklar
zwischen uns nennen, das ist der Brief, mit dem ich Arnold sandte! Und
Sie vergessen Ihre Worte: „Noch Eine sichere Hand, eine treue Seele,
auf die Sie zählen können!‟‟
„Ich habe sie nicht vergessen, -- und statt Sie zu fragen, wie Sie in
Korbach den Mann erkannt, auf den ich zählen könne, sage ich Ihnen
geradezu, Sie haben recht gesehen, -- er +ist+ es. Aber die
Zeit ist noch nicht gekommen, -- und wenn sie kommt, so bedürfen Sie
+meiner+ dann nicht mehr.‟
„Edmund, glauben Sie nicht, mich durch Ihre Härte dahin zu bringen,
daß ich etwas sage, was Sie mit Recht verletzte, damit Sie ein hartes
Wort von mir als Schild gegen Ihr eignes Gefühl halten könnten, das
Ihnen sagt: sie bedarf meiner! -- +Was+ ist +anders+ geworden
seit dem Tage, wo Sie von diesem Fenster auf den Berg hinüberblickten
und sagten: So wahr der Geist Gottes über den Wassern und jener Höhe
schwebt, der in das Dunkel, in dem Sie wandeln, hineinrufen wird, es
werde Licht! so lange weiche ich nimmer von Ihnen, bis mit seiner
Hülfe die Fessel gelöst ist! -- Was ist anders geworden? -- nicht ich,
Edmund, aber Sie!‟
„Ich bin, der ich war und sein werde. Ich stand aber nie auf jener
Höhe, wohin mich Ihr Gedanke stellte. Ich habe Nichts gethan, was Sie
berechtigt, mich für ein übermenschliches Wesen zu halten, und das
mußte ich sein, wenn mit dem Entschlusse für Sie zu kämpfen, nicht
der Gedanke erwachen, mich mit Allgewalt durchdringen sollte, es ist
+um+ Sie!‟
(-- -- -- Wenn ein allgegenwärtiger Schutzgeist der Liebe die Worte
hört und wiegt, welche als Bitte oder Schwur von Menschenlippen zu ihm
hinaufgesendet werden, so vernahm er fast zur +selben Minute+
das Wort, das Arnold zu seinem Freunde Günther sprach: Ich handle
+für+ sie, nicht +um+ sie -- -- -- und tief mochte sich unter
dem reinen Gold die Wagschale auf Arnolds Seite neigen. -- -- --)
„So war es nicht immer, sagte Julie mit Innigkeit -- Sie +waren+
wie ich Sie +sah+! Sie standen wirklich auf jener Höhe, nicht
+ich+ habe Sie hinaufgehoben -- -- -- jetzt hinweg mit den
Schranken, welche eine alberne Wortprüderie um uns Frauen ziehen
will: ich selbst will Ihr Inneres vor Ihnen aufdecken. Ich habe Ihre
Liebe zu mir zur Klarheit geführt, bis Sie selbst sagten: „Ich habe
überwunden, und bin im Stande, ohne Wunsch und Verlangen der Freund
eines unglücklichen Weibes zu sein,‟ -- ich lasse Sie auch jetzt nicht
im Dunkel und sage Ihnen, der Gedanke an +Arnold+ ist es, der
Sie zurückgeworfen in eine Tiefe, aus der Sie sich emporgerungen...
Sie sind noch der, als den ich Sie kennen lernte, -- Edmund, -- in
Frauenwang! -- wo Sie jenes Kind gerettet -- wo ich Sie zum ersten
Male sah, als Sie den Sprung des de Lorges, aber nicht zwischen Tiger
und Leu’n thaten -- -- die +konnten+ sich erbarmen, -- sondern an
den feuersprühenden Rachen der Lokomotive hin, -- im letzten Moment,
-- wo es +keiner+ mehr wagte -- und das Mädchen emporrissen! --
-- ich höre noch den Schrei der Umstehenden -- der meine erstickte in
der Brust -- es war ja eines Haares Breite zwischen Tod und Leben! --
und wie Sie das Kind dann ruhig an die Säule hinstellten, aber ohne es
auch nur einmal zu küssen -- -- -- Sie hätten es am nächsten Tage,
vielleicht in der nächsten Stunde nicht wiedererkannt... Da zuckte
mir’s durch die Seele, +der kann+ dein Retter sein! -- Dann
gedacht’ ich der Kälte, mit der sie das dem Tod entrissene liebliche
Geschöpf hingestellt -- als wär’s ein Waarenbündel, -- den nun der
Eigenthümer wegtragen soll! Und eben +darum+, meint’ ich, konnten
+Sie+ es sein! Wie dann die Mutter, die ihr Kind in guter Obhut
geglaubt, herbeistürzte, -- sich zu Ihren Füßen warf, wendeten Sie sich
mit zornigem Auge ab und sagten: Sie sind nicht werth eine Mutter zu
sein! Dann fiel Ihr Blick, als Sie eben den Wagen bestiegen, auf mich
-- Sie sahen, wie ich den meinigen fest und lange auf Sie richtete,
voll Bewunderung Ihrer Entschlossenheit, -- mit dem Gedanken, +dieser
Mann wäre im Stande, auch dich von deinen Eisenschienen aufzuheben+‟
--
„Und dann kalt und ruhig wegzugehen -- -- der Weihrauch der
Bewunderung, die Mirrhe des Dankes, das Gold der echten, reinen
Freundschaft -- -- das sind die Gaben, die selbst der Welterlöser
erhielt, -- sollte ich unzufrieden sein? ich, der ich nichts gethan,
als vielleicht Ihre Geduld, Ihre Hoffnung auf ein gelobtes Land der
Zukunft gestärkt?‟
„Und ist das +Nichts+? -- ist’s denn nicht tausendmal mehr,
als +ich+ bieten konnte? Lebt’ ich nicht ohne Glauben an einen
Menschen, ohne einen Funken Hoffnung eines Glückes, -- und hab’ ich
Ihnen nicht Beides zu danken?‟
„Der Glaube an den Menschen mußte zerfallen, eben als Sie ihn in seiner
ganzen Menschlichkeit vor sich sahen -- -- die Hoffnung eines Glückes
aber sollen Sie so entschieden festhalten, als ich Sie nun verloren
habe.‟
„Und an +welches konnten+ Sie glauben -- --? Edmund, dürfen
+Sie+, die Hand auf Ihr Herz, von Täuschung, -- von Enttäuschung
sprechen? Als Kollmann, der in Frauenwang kein Auge von Ihnen
verwandte, Sie hier vorstellte, als er, -- mir unerklärlich, Ihnen
Alles mittheilte -- -- was Sie von mir nie erfahren hätten, als Sie
dann mit mir darüber sprachen und sagten, ich ruhe nun nicht eher,
als ich in meiner Waffensammlung den Dolch gefunden, der eine Kette
zerschneidet, von welcher kein göttliches und kein menschliches Gesetz
weiß -- da sah ich mit dem Blicke des Weibes in der ersten Stunde,
daß Sie +mich+ nicht -- -- wie jenes Kind hinstellen würden. Ich
bat Kollmann, Sie nicht wiederzubringen, -- vergebens. Ich erhielt
den Befehl mit Ihnen so liebenswürdig zu sein, wie mit allen Jenen,
-- -- deren er bedarf. Auch das sagte ich Ihnen, auf jede Gefahr von
seiner Seite hin. Und als der Augenblick kam, den ich fürchtete, als
Ihr Gefühl, -- wie ein heißer Quell aus Island, der das Felsenstück
wegschleudert, um sich zu befreien, in das lang unterdrückte Wort
ausbrach -- -- habe ich die Augen mit den Händen bedeckt --? habe
ich Sie mit Entsetzen über ein Unerhörtes verlassen? -- haben Sie
eine jener Frasen der fliehenden Koketterie vernommen -- ein „Mein
Herr, was berechtigt Sie --? Ich habe mich in Ihnen getäuscht --?‟
Oder ein ähnliches Nichts? -- -- Hat auch nur ein gepreßter Athemzug,
ein verwirrter Blick Ihnen etwas Anderes gesagt als das heilig wahre
Wort, das ich ruhig sprach: Wenn ich Sie liebte, so würd’ ich so
freudig Ja sagen, als ich mit Schmerz um Ihretwillen Nein sage -- --
so würde ich nicht einmal fragen, ob Sie mich wieder lieben! -- --
Ich wäre darum doch nicht ein Haarbreit von jener Linie gewichen,
die ich mir selbst gezogen, und Sie wären, wenn ich Sie liebte, ganz
so unglücklich gewesen, als Sie jetzt zu sein glauben. Es ist einmal
in den Sternen geschrieben, daß ein Mann keinen andern Preis seines
Handelns und Strebens für eine Frau kennt, als +sie selbst+. Wenn
von Enttäuschung die Rede sein kann, so bin ich es, Edmund, die das
Recht hat zu sagen, Sie haben verheißen und nicht gehalten.‟
-- -- Wenn ich sagte, ich habe überwunden -- erwiederte Edmund mit
sanftem aber festem Tone, so sagte ich damit, -- um Ihr eignes Bild zu
gebrauchen, das Felsstück ist auf den heißen Quell gedrückt -- preßt
ihn in’s Innerste zurück, -- -- Sie haben kein Ueberwallen mehr zu
fürchten. Meine Worte aber, es müsse klar werden, was wir einander
fortan sein können, sollen sagen: Bin +ich+ fortan derjenige,
in dessen Hand Sie die Lösung Ihres Schicksales +allein+ mit
unbedingtem Vertrauen legen wollen? -- Bin ich es, so sollen Sie die
Frau sein, für welche ein Mann, der sie unbegrenzt liebt, +so+
handelt, um jenes höllische Gewebe zu zerreißen, als wäre er ihr Freund
in +dem+ Sinne, den sie verlangt -- -- ohne irgend eine andere
Hoffnung. Bestehen Sie darauf, Ihr Geheimniß mit Korbach zu theilen, so
gebe ich ihm alle Mittel in die Hand, die sich mir, wie ich die Sache
verfolge, bieten werden, und behalte Nichts als das Bewußtsein, bis zum
jetzigen Augenblicke Ihr Vertrauen ungetheilt genossen zu haben. -- Mit
Korbach Hand in Hand gehe ich nicht. -- Unsere Wege führen auseinander.
Der meinige ins Weite zurück, nachdem ich einen hellen, leuchtenden
Mittelpunkt meines Lebens gefunden, der seine Kometenbahn in eine
abgeschlossene Sfäre verwandeln konnte, -- und den ich wieder verloren.
Wohin der seine? -- Ich kann den Lauf des tiefen, reinen Wassers nach
dem Meere nicht hemmen, Julie, aber ich grabe ihm auch nicht das Bette
dahin. -- Das verlangen Sie von Sembrick nicht. -- Verlangen Sie es um
Korbach’s willen nicht! -- Vergessen Sie nicht, daß er, um mit mir zu
wirken, Alles wissen muß, und wer verbürgt Ihnen, daß Korbach den Kampf
zwischen der Pflicht, für Sie zu schweigen, und jener, zu entdecken,
+so+ trägt wie ich?‟
„Daran habe ich nie gedacht -- Edmund, Sie glauben unmöglich, daß
Arnold einen Augenblick uneins mit sich sein kann‟ --
„Wie er +handeln+ werde, gewiß nicht; aber täuschen Sie sich
nicht über sein Pflichtgefühl. Er ist mit allen Banden, durch eine
hoffnungsreiche Zukunft an dieses Land gebunden, und kann über
das Bestehende, über die Forderung des Gesetzes nicht so leicht
hinwegsehen! Seine Ansicht, wenn ich ihn in den wenigen Minuten
durchschaut, -- dürfte jener nachgebildet sein, welche das Ideal
jedes jungen Mannes sein soll, -- er wird nicht wie +Max+ seinen
Friedland, seine Liebe opfern, -- aber er wird +empfinden+ wie
dieser, und in den schmerzlichsten Zwiespalt mit sich gerathen.‟
Julie schwieg betroffen -- sie legte die Hand auf’s Herz -- und sagte
nach einigen Minuten leise aber heftig: „Das entscheidet! -- das
allein. Sagen Sie nichts mehr davon -- -- Sie haben mir die Augen über
etwas geöffnet, was ich nicht geahnt. -- -- Und Sie! -- Sie haben von
der Last die sie trugen, geschwiegen, bis Sie dieselbe theilen sollten!
Das ist groß -- das ist wieder +der+ Edmund, zu dem ich wie zum
unbeweglichen Polarstern hinaufgeschaut! Sie geben sich mehr Mühe,
klein zu scheinen, als Andere groß!‟
„Und so bleibe ich denn am hohen kalten Himmel stehen, Julie, und wir
lassen Korbach auf der warmen Erde wandeln, ohne ihn mit der Kette
Ihres Geheimnisses zu umschlingen?‟
„Es soll so sein -- -- ich werde seinen Frieden nicht brechen!‟
„Und wie werden Sie gegen ihn widerrufen, was Sie im Briefe
aussprachen?‟
„Das überlassen Sie mir -- ich werde leicht Hände lösen, die sich nicht
berührt haben -- -- und die Ihre wird die eines treuen Freundes bleiben
wie zuvor?‟ --
„Ich werde wie ein solcher handeln. Und nun, Julie, -- da mir
Alles -- +Alles+ klar, sagen Sie mir, was Sie denn eigentlich
gedacht, beabsichtigt welchen Plan Sie im Aug’ gehabt, als Sie mir
+diesen+ Verbündeten sandten?‟
„Gedacht? -- Plan? -- Was ist denn, -- das Eine ausgenommen, daß ich
mir selbst treu bin und dem, was ich gut nenne, -- was +ist+
denn in mir, was nicht Eingebung des Moments wäre? Was berechne ich?
Eine Stunde lang sah ich Arnold, -- es fiel mir nicht ein, zu denken,
+wie+ er Ihnen beistehen könne -- ich mußte ihn senden, -- fassen
Sie denn nicht, daß ich diesen Augen vertrauen +mußte+? -- Ich
fragte mich ja selbst, warum, und da ich’s nicht weiß, ist es eben ein
Gegebenes, ein Gottgesendetes, wie alles Unerklärliche, das uns hebt
und besser macht! Ich konnte, nachdem ich mit ihm gesprochen, mir einen
Augenblick denken, daß es Nichts in der Welt gebe, was nicht vergeben
und gesühnt werden könne, und das hat mir wohlgethan. Sie sagten, wer
von ganzer Seele liebe, der könne auch von ganzer Seele hassen --
vielleicht bin ich des Ersteren nicht fähig -- denn ich kann mir nun
keinen Haß denken, selbst gegen den, der Alles gethan ihn zu verdienen,
welcher nicht in ein „Gott verzeih dir wie ich!‟ hinschmelzen würde,
wenn er mir auf dem Sterbebette, -- auf meinem oder seinem, die Hand
reichte. Und noch vor wenig Tagen hatte ich -- +Sie+ erschrecken
nicht vor dem Gedanken, aber +ich+ -- hatte ich zu Gott um Rache
gerufen, -- da oben -- an der Stelle selbst! -- Vor Arnold könnte ich
ein solches Gebet nicht laut aussprechen!‟
„Ich hoffe, Sie hatten in der letzten Zeit weniger zu leiden, da
Kollmann, wie ich weiß, selten hier war.‟
„Sie wußten --?‟
„Ich behalte den Freinhof stets im Auge, wenn Sie auch nicht von mir
hören.‟
„Thun Sie, was Sie um meinetwillen für gut finden. Kollmann war
vorgestern hier, eben als Arnold gekommen war. Er ließ mich rufen,
nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen. -- Er lag im Bett,
rauchte seine Zigarre, -- ich saß neben dem Bette, im Nachtkleid,
-- das Fieber schüttelte mich. Er schwieg einige Zeit, -- hatte
die Augenlider gesenkt -- da sah ich wenigstens nicht, was mir das
Fürchterlichste ist. -- -- Sembrick -- haben Sie denn je einen
Menschen mit so weißen Augen gesehen? Es ist gräßlich, wenn er sie
aufschlägt und ich diese Augäpfel -- wie die eines Blinden -- nur
mit zwei schwarzen Punkten mitten, auf mich gerichtet sehe -- -- er
sieht Sie durch und durch, -- aber Sie können ihm nicht hineinsehen,
nicht durch die äußerste Hülle der Seele. -- Die schmalen, eiskalten
Züge, der lippenlose Mund -- das ist Alles nichts gegen diese Augen!
-- Endlich fragt’ er mich, wer im Freinhof -- ich nannte Alle, auch
Arnold -- er sagte: Ich erwartete seine Rückkehr von der Reise und
hätte ihn aufgesucht -- nun kommt er selbst, um so besser, -- so kann
Alles durch dich gehen. -- Ich fragte: Was hast du mit dem vor? -- Nur
Gutes, erwiederte er -- so freundlich lächelnd -- daß ich alle Mächte
des Himmels um Schutz für Arnold anrief. -- Und doch +hat+ er auch
schon Gutes durch mich gethan. Ich fragte, ob ich gehen dürfe, -- er
befahl mir, die Blauhorn durch ihren Mann dringend nach dem Freinhof zu
laden und entließ mich. Am Morgen hatte er noch eine Unterredung mit
Pater Bernhard und reiste ab. -- Ich konnte den ganzen Tag das Bett
nicht verlassen.‟
„Und so wird und muß ein Moment kommen, rief Sembrick mit Schmerz aus,
wo Ihre Kraft zusammenbricht, -- ich fürchte, früher, als ich oder wen
die Vorsehung erwählen wird, Hülfe bringen kann.‟
„Fürchten Sie das nicht, erwiederte Julie lebhaft, fast heiter. --
Sehen Sie meinen Arm an, ist er weniger rund? ist das übertriebene
Korallenroth meines Mundes verschwunden? Ich bin in einzelnen Stunden
viel elender, und Tage und Wochen viel weniger unglücklich als Sie
glauben. Oft fühl’ ich’s gar nicht.‟
„Ihre Abhängigkeit vom Momente, wie Sie’s nannten, ist in Ihrer Lage
ein Gottesgeschenk. Ich gedachte aber des Nervenfiebers, von dem Sie
mir erzählten.‟ --
„Das war bald nach dem ersten Sturme, und gerade damals war die
Sklavenkette leichter. Kollmann sagte: „Ich verlange von dir, daß du so
liebenswürdig, so reizend, so unwiderstehlich sein sollst, als du sein
kannst, gegen Alle, die ich dir bezeichne, dafür magst du es auch gegen
Jeden sein, den du selbst wählest, ich ziehe dir keine Schranken.‟ --
-- Ich bedurfte auch keiner; sie hätten Nichts verhindert, wenn ich von
Gott nicht so geschaffen wäre, daß ich nicht untergehen kann. Meine
Natur stößt nun einmal das Schlechte zurück.‟ --
„Das ist’s, was Ihnen die alleinseligmachende Clique nicht verzeiht
-- hörten Sie’s doch selbst, wie Einer davon zum Andern sagte: Sie
muß doch untergehen, -- sie hat keinen +Halt+, -- wenn sie noch
rein ist, so ist’s nicht die Tugend der Grundsätze, sondern jene
anmaßende, auf sich ruhende! -- -- und diese ist ihnen weit verhaßter
als selbst die Sünde. Diesen Menschen ist eine Frau welche fällt, dann
an dem Blumenstabe des Entsündigungs-Apparates hinaufkriecht und auf
den positiven Krücken weiterhinkt bis zum nächsten Falle, hundertmal
lieber, als eine, die das in ihren Augen unverzeihlichste Verbrechen
begeht, ihrer nicht zu bedürfen, und gut zu bleiben, weil sie eben
nicht anders kann und will!‟
„Ich war gefeiert, und das war ein zweites Vergehen. Ich konnte mich
dessen +freuen+; auch Sie waren in dem Irrthum, daß die Feuerräder
und farbigen Raketen, die ich in der Gesellschaft spielen ließ, nur
am Höllenfeuer des Schmerzes angezündet seien, welche eine heroische
Willenskraft in sprühende Bouquets verwandelte, ich +war+ aber
hundertmal das als was ich +erschien+, ein gefeiertes junges Weib,
das sich des Augenblickes freut.‟
„Für mich war immer Alles rein, Julie, wo die Welt trübe sah -- wenn
ich aber alles Willkürliche, alles Unberechenbare an Ihnen begreife, so
fasse ich das +Eine+ nicht, wie Sie hier -- so nahe jener Stelle,
nach welcher Kollmann drohend den Arm ausstreckt wie ein Wegweiser zur
Hölle, -- wohnen, -- auch nur eine Stunde frei athmen können; und doch
war der Freinhof +Ihr+ Gedanke!‟
„Und das glaubten Sie? weil Sie hörten, daß ich den Plan angegeben,
das Werk gefördert? +Er+ hat es gewollt, -- ein Nein gibt es
ja nicht. Er mochte denken, dieser Ort hält das Bild lebendig, vor
welchem wie vor dem Medusenschilde jeder Gedanke des Widerstandes
erstarrt. -- Vielleicht will er ihn auch überwachen. -- Und neben der
großen teuflischen Idee das kleine Gewimmel von klugen Berechnungen und
Vorahnungen, wie der Freinhof so herrlich allen Zwecken entsprechen
werde, wie da ganz anders auf Jeden gewirkt werden könne, jedes Wort
einen andern Klang habe, wenn es die Weiber beim Ton der Zither, die
Männer beim Male nach der Jagd vernehmen! -- daß ich hier frei athme?
wenn ich den Nächten der +ersten+ Woche nicht erlegen, so war es
gewiß, daß ich in der zweiten Ruhe fand, in der dritten die Besuchenden
empfing, wie Kollmann gebot. -- Ich bin eines stillen Hinliegens in
ewigem Schmerze nicht fähig. Daß aber die Thränen jener Stunden, wo ich
verzweifeln möchte, hinreichen werden, um das frohe Lachen der andern
zu verlöschen, wenn es als Sünde in mein Schuldbuch geschrieben wird,
das hoffe ich so gewiß, als ich mit Arnold an endliche Sühnung jeder
Schuld glaube.‟
„Vielleicht würde auch er fühlen, wenn ihm Ihr Schicksal enthüllt wäre,
daß es Lagen gibt, wo der Mensch erst dann vergibt, wenn Gottes Gericht
über den Schuldigen hereingebrochen, -- so wie Gott vergeben mag, wo
die Menschen gerichtet --!‟
„Edmund --!‟ rief Julie -- -- es war ein Aufschrei des Entsetzens --
ihr Blick eine Bitte um Erbarmen -- --
Er faßte ihre Hand und sprach bedeutungsvoll: „Vergebung! Julie! -- --
Noch sehe ich keinen Ausweg, kein Licht. -- Ich verlasse Sie, um nach
dem Ort zu reisen, wohin Sie nicht denken sollen ohne sich zu erinnern,
daß ich in einem +schwereren+ Kampfe gesiegt als der, dem ich
entgegengehe!‟
„Ich habe Gott darum gebeten, und er hat mich erhört‟ --
„Er wird auch Ihr zweites Gebet hören! -- in wenig Tagen bringe ich
Ihnen Nachricht.‟
-- -- Er schied, und Julie las in seinem letzten Blick voll Schmerz und
Liebe, daß Gott ihr Gebet nicht erhört habe. Das war noch nicht die
hohe, ruhige Flamme, die aus dem Auge des Siegers leuchtet -- es war
nur Ergebung, -- nicht Erhebung.
* *
*
Sembrick kehrte von der Reise, welche zum Zweck hatte gewisse
Verhältnisse an einem Orte, wohin wir ihm später folgen werden, zu
erkunden, am vierten Tage seiner Verheißung gemäß, zurück.
Mit sichtlicher Betroffenheit vernahm er, daß Kollmann mit Julie den
Tag zuvor den Freinhof verlassen. Es war einiges leichte Reisegepäcke
mitgenommen worden. -- Das Wohin wußte Niemand.
Vergeblich sann Edmund nach. Was Kollmann begann, wurde selten klar,
ehe es durchgeführt war. Er fragte nach Knorr; es war möglich, daß
dieser mehr wußte als die Diener.
Man wies ihm dessen Wohnung, welche übrigens vom ganzen Thalgrunde
aus sichtbar war. Hart am Ende des Parks, der den Hof umgibt, erhebt
sich eine steile, kegelförmige Anhöhe, mit Fichten rings bewachsen,
auf deren Gipfel altes Gemäuer steht: die Ruine einer Kapelle und
eines Gebäudes, welches einige Mönche vor Jahrhunderten bewohnt haben
mögen. Kurze Zeit vor Erbauung des Freinhofes hatte Knorr, auf dessen
Vergangenheit wir später zurückkommen werden, den Waldkegel sammt
der Ruine von der Grundherrschaft, dem Kloster St. Martin angekauft,
das Gebäude so weit herstellen lassen, daß es nun einige freundliche
Wohnzimmer und eine Küche enthielt, und sich mit einer alten Bäuerin,
welche seinen Haushalt besorgte, darin festgesetzt und gegen Alles
behauptet, was, wie wir sogleich hören werden, aufgeboten wurde, um ihn
zu vertreiben. Der übrige Theil der Ruine blieb in dem Zustande, worin
er sie gefunden.
Als Sembrick den Waldpfad hinanstieg, hörte er Schüsse in kurzen
regelmäßigen Zwischenräumen und fand Knorr auf dem kleinen Plateau
vor seiner Wohnung beschäftigt, aus einem achtläufigen Revolver nach
einem, die Spuren zahlloser Kugeln weisenden, Baumstamme zu feuern, auf
welchem mit Kreide Buchstaben, Kreise und sonstige Figuren gezeichnet
waren. Auf der Bank vor der Hausthüre lag ein ganzes Arsenal von vier-,
sechs- und achtläufigen Revolvers nebst Kugeln u. s. w.
„Gegen wen, lieber Knorr -- rief der Baron -- vertheidigen Sie denn Ihr
Raubnest mit einem so mörderischen Feuer?‟
„Gott zum Gruß, verehrter Baron, man muß sich auf dieser Welt voll
ewigen Friedens stets in der Verfassung erhalten, nöthigenfalls ein
Licht auszuschießen, brenne es auf einer Millykerze oder in einem
Kopfe!‟
„Lassen Sie einmal sehen!‟ erwiderte Edmund, dem es darum zu thun war,
Knorr näher kennen zu lernen, den er bis dahin wenig beachtet hatte,
aber nach Reilands Mittheilungen nun nicht für unbedeutend hielt. „Ich
bin auch keiner der schlechtesten Schützen!‟
„Ich bitte anzufangen! Alle sind geladen.‟ Sembrick versandte mit
Meisterhand Kugel auf Kugel nach den Zielen, Knorr aber schoß fast
jedesmal in das Loch, welches jene des Barons gebohrt, welcher sich
endlich für überwunden erklären mußte.
„Nun den letzten Schuß!‟ sagte Knorr. -- „Sehen Sie, der geht auf den
schwarzen Stummel da unten, mit den zwei weißen Augen von Kreide, da
rufe ich immer hinab: Gute Nacht, Nachbar Kollmann, und jage ihm eine
Kugel in die Rinde.‟
„Eine schöne freundnachbarliche Gesinnung! -- rief lachend der Baron,
-- Sie machten ein Gesicht dazu, daß ich kaum bezweifle, Sie möchten
alles Ernstes den Abendgruß hinabsenden, wenn’s gut anginge.‟
„Von Herzen gern! aber es würde vor der Hand zu Nichts führen.
Uebrigens sind Sie herausgekommen, um zu fragen, wohin die Nachbarn
gereist, und ich bedaure nicht mehr zu wissen, als der Stummel dort.
Sie könnten mich aber wenigstens über einiges Andere ausholen!‟
Sembrick ging in Knorrs Stil und Idee ein und entgegnete: „Das hatte
ich vor, und nun möchte ich Ihnen vor Allem auf den Zahn fühlen, warum
Sie Ihren Nachbar, in dessen Hause ich Sie doch traf, ~in effigie~
erschießen, mit dem frommen Hintergedanken, es wirklich zu thun?‟
Statt der Antwort führte Knorr den Baron um das Haus herum in die
Ruine, die hölzerne Stiege hinan, welche die vorige steinerne
im Innern des zur Hälfte eingestürzten Thürmchens ersetzte, von
dessen Höhe man die Rundsicht über das Thal genoß, und sagte, über
die Gegend hinzeigend: „Länderdurst, Herr Baron, das Fantom der
Universalmonarchie, welches meinen Nachbar hetzt, ist jener Grund
unseres Haders, von dem sich sprechen läßt. Ein anderer, triftigerer
liegt freilich vor, davon habe ich aber nicht vor, zu reden. Sehen Sie
um sich! Alles ist sein Gebiet. Bloß mein Fichtenkegel und meine Burg
stecken ihm wie ein Pfahl im Fleisch, daß er sich nicht arrondiren
kann. Zuerst bot er mir den dreifachen, dann den sechsfachen Preis für
den alten Steinhaufen und die Paar Stämme. Ich bin aber kein Fürst
Hohenzollern und trete meine Souverainität um keine preußischen, noch
andere Thaler ab. Da sich aber in der Gegend die Ansicht herausgebildet
hatte, ich sei halb oder dreiviertels verrückt, so überreichte er
dem Landesgericht eine gediegene Abhandlung über meine Narrheit, um
mich unter Kuratel zu bringen und dem Kurator mein Land abzukaufen.
Ich wurde von den Gerichtsräthen und einem Doktor scharf auf meinen
Verstand inquirirt, und es fand sich gerade so viel vor, daß der
Nachbar abgewiesen wurde. Nun bot er mir einen Friedenstraktat, den
Frau Julie unterhandelte. Seitdem sind wir die besten Freunde, wie
Oesterreich und Piemont.‟
„Aber was bewog Sie denn, um dieses höchst romantischen, aber eben so
uncomfortablen Aufenthalts willen einen solchen Vernichtungskampf zu
bestehen?‟
„Es ist sonst kein Platz im Thale, da Alles ihm gehört, und ich muß die
Gegend bewachen, wie ein Bulldog, denn es liegt irgendwo ein Schatz
darin, der gehoben werden muß.‟
Es schien Sembrick, daß nun wirklich eine Saite klinge, welche nicht
nach der Stimmgabel des gesunden Menschenverstandes gestimmt sei. Er
erwiderte: „Da haben Sie vollkommen Recht, und Sie werden ihn auch
finden und heben, wenn Sie genug Geduld und Ausdauer besitzen.‟
„Sie gehen geschickt auf meine fixe Idee ein, Herr Baron, aber es ist
bloß bildlich zu nehmen. -- Sie finden es hier nicht comfortable, aber
glauben Sie mir, es ist auf meinem Thurm gemüthlicher, als da unten im
Freinhof.‟
„Wenigstens gegen einen Handstreich sind Sie mit Ihrer Artillerie und
diesen zwei ungeheuren Hunden gesichert.‟
„Hinter dem Hause sind noch zwei. Es sind drei hohe Tenore und ein
Sopran. Wir fünf zusammen bringen manchmal dem Freund und Nachbar unten
ein Ständchen. Wenn der Vollmond über dem Wetterstein steht und die
leichten Nebel auf- und abkriechen, da fangen meine vier Neufoundländer
alle zu heulen an, und ich begleite sie mit dem Posthorn und knattere
mit den Revolvers dazwischen. Herr Baron, -- -- dem Nachbar klingt das
Geheul meiner Hunde, als ob vier Teufel ein langgezogenes: Du -- --
Schuft -- --! hinausbrüllten! Ich weiß das. Die rechten Teufelsnächte
sind bei uns nicht die schwarzen, sondern eine oder die andere helle,
die die ganze weiße zarte Nebelsippschaft aus den Felsenkammern da
drüben in den Mondschein herauslockt. Wir Beide sind aufgeklärte Männer
und glauben an keine Geister. Aber meine Hunde sind anderer Ansicht.
Nun hat mir das Bezirksamt das Schießen und Hornblasen nach neun Uhr
verboten, und seitdem arbeitet bloß das Vokalquartett.‟
„Sie werden mir glauben, daß mir die Erscheinung Kollmanns so wenig
simpathisch ist, wie Ihnen, allein auf die zwei Worte des Textes, den
Sie der Melodie Ihrer Hunde unterlegen, ließe sich schwer ein Verfahren
gründen; somit muß man eben durch freundschaftliche Theilnahme das,
wie es scheint, nicht immer heitere, Loos dieser Frau zu erleichtern
suchen.‟
Das Gesicht Knorrs nahm einen sehr ernsten Ausdruck an. „Herr Baron,‟
sagte er, „ich habe das Vorhandensein meines Verstandes vor Gericht
erwiesen und ein günstiges Gutachten in meinem Kasten. Auf Grundlage
desselben erkläre ich Ihnen, daß Sie mich jetzt über Etwas sondiren,
wovon Sie mehr wissen, als ich. Wenn ich aber einmal mehr weiß, als
Sie, so werde ich nicht erst warten, bis Sie heraufkommen.‟
Sembrick wollte mit Knorr, über dessen Farbe und Gesinnung er nun im
Reinen war, auf gutem Fuße bleiben, und sagte, dessen geänderten Ton
nicht beachtend: „Wir verstehen uns, -- man muß eben Alles der Zukunft
überlassen, ich bitte Sie nur, der Frau Julie bei ihrer Rückkehr zu
sagen, daß ich +dort+ war, das Terrain geprüft habe und nicht ohne
Hoffnung zurückgekommen; mehr könnte ich auch ihr selbst nicht sagen;
für +jetzt+ sei es aber unmöglich, Etwas zu thun.‟
-- -- Vielleicht war im tiefsten Grunde der Seele des „Siegers über
sich selbst‟ ein Atom von Befriedigung über diese Unmöglichkeit. Er
hatte als Kavalier, als Mann von Ehre die Stellung angenommen, in
welche ihn die letzte Unterredung mit Julie zurückdrängte. Aber
durch die Bande, die das Wort trug, war das Gefühl nicht gebunden.
Er war keineswegs über die Jahre hinaus, wo Gefühle ihre volle
Herrschaft behaupten, -- wenn es überhaupt Jahre gibt, die ein solches
Hinaussein bedingen, -- aber sicher über jene, wo man sich über ihre
Namen täuscht. Wenn er jedoch klar genug über sich selbst war, eine
+Leidenschaft+ nicht +Liebe+ zu nennen, so war dieß zwar
hinreichend, seine edle Natur zum Kampfe gegen dieselbe aufzufordern,
-- aber noch nicht, ihn heute als Sieger vom Freinhofe scheiden zu
lassen.
Mit einem Ausdrucke, welcher der Abglanz der innern Fehde war, sah er
Arnold nach, als er diesen, wie wir erzählt, auf seiner Fahrt nach
Korbach im Bahnhofe zu Pottenbach traf, wo er den Blick nach dem Felsen
auf der Höhe, den Herzensgruß nach dem Freinhofe sandte.
Sembrick war zu ernst gestimmt, um darüber zu lächeln, daß der Gruß
nach dem leeren Schweizerhause hinüberflog.
Der Prior von Sankt Martin.
Aber freundlich mochte der alte Berggeist, wenn er etwa in jener Stunde
von dem die Straße hoch überragenden Felsengipfel der Föhrleiten
sein Gebiet überschaute, gelächelt haben bei jenem Blicke Arnolds.
+Ihm+ hat er Kühlung in labenden Lüften nachgesendet auf seiner
heißen Fahrt. -- Und sicherlich eine Hagelwolke einem +Andern+,
der fast zur selben Stunde nach der Höhe hinaufsieht -- und +auch+
des Freinhofs gedenkt, -- und auch einen Gruß hinübersendet, -- aber
nicht aus treuem Herzen und +blauen+ Augen an die reizende Julie,
sondern aus einer falschen Seele und +pechschwarzen+ Augen an
den Gebieter derselben, den ihm gleichgesinnten und geistesverwandten
Kollmann.
Es ist Pater Bernhard, der Prior von Sankt Martin, den sein Weg nach
dem Stifte, wohin er sich von der Residenz begibt, nahe am Freinhofe
vorüberführt. Wir eilen ihm nach dem Schauplatze seiner gegenwärtigen
Thätigkeit voran, um seine vergangene zu beleuchten.
Das Stift liegt im Gebirge, fünf bis sechs Stunden von Korbach, etwa
halb so weit vom Freinhofe, ein Dreieck mit diesen beiden Punkten
bildend. Es gehört einem Orden, welcher grundsätzlich seine Wohnungen
in Thälern baute, so wie andere auf beherrschenden Höhen.
In seiner abgeschiedenen Lage in einem weiten, tiefen Thale zwischen
den Ausläufern des Hochgebirges, bisher nicht berührt von den Tendenzen
der Zeit, hatte sich das Kloster bis zu den Tagen unserer Begebenheit
begnügt, seine geistliche und weltliche Mission von der realistischen,
soliden Seite aufzufassen, ohne sich in Spekulazion, weder in
transzendentem noch pekuniärem Sinne, einzulassen.
In weltlicher Beziehung kehrten seine Kühe, Ochsen und Schweine mit
Medaillen behangen von den Viehausstellungen zurück, die Stämme seiner
Waldungen wurden zu den profansten Bauwerken der gottlosen Industrie um
schweres Geld gekauft, auf seinen Feldern schienen die sieben fetten
Jahre Egiptens in Permanenz erklärt.
Der Prälat hatte, während Viele seiner Standesgenossen sich an
Akziengesellschaften betheiligten, ja selbst durch vertraute Hände
in Fonds zu operiren versuchten, die bedeutenden Geldkräfte seines
Klosters auf Bodenkultur verwendet, jede Verbesserung und praktisch
bewährte Neuerung auf seinem Gebiete durchgeführt, ohne Opfer zu
scheuen, aber auch ohne den Zweck zu erreichen, den er nächst dem
Gedeihen des Klosters im Auge hatte, nämlich die Bauern zur Nachfolge
zu bewegen. -- Sie schrieben in bequemer Verstocktheit den Wohlstand
der Klosterwirthschaft, im Gegensatze zu ihren eignen magern Kühen
und Feldern, lieber einem besondern Schutze des Himmels zu, als ihrer
eigenen Faulheit und Indolenz.
In geistlicher Hinsicht beschränkte sich das Kloster St. Martin
auf die unteren, sinnenfälligen Funkzionen, die grobe Arbeit an
der Kultusmaschine. Es hatte ein gut organisirtes, lebhaftes
Wallfahrtswesen, führte ein reiches Lager von Rosenkränzen und
Heiligenporträts auf Hausenblase und auf Spitzenpapier und Goldgrund,
-- worunter namentlich ein St. Martin, seines aufsteigenden Schimmels
und carminrothen Mantels halber, starken Absatz fand, -- und besaß ein
in diskreten Zwischenräumen wirksames Mirakelbild.
Die jungen Kleriker wurden zu tüchtigen Oekonomen, und, in Betreff der
Seelsorge, zu Leuten herangebildet, welche zwar nicht mit dem feinen
hochkirchlichen Fleuret zu fechten, aber mit den Schwefelstangen und
Pechkränzen, welche die alte theologische Rüstkammer darbot, umzugehen
wußten. -- Die Männer, mit welchen das Kloster die vielen von ihm
abhängigen Pfarren besetzte, gehörten fast Alle zu jenem zähen, rothen,
kräftigen Schlage von Landgeistlichen, welche mit nie ermüdendem
Pflichtgefühl die Speise des Trostes in der Nacht Stunden weit durch
den Schnee in die Hütte des Holzknechtes tragen, -- dafür aber auch
keine „Narren ihr Lebelang‟ sind. Sondern -- sie halten Weib, Wein
und Gesang -- statt des letzteren häufig Blas- und Streichinstrumente
-- für Gottesgaben, deren letztere die Kirche überhaupt gestattet,
die erstere aber, so zu sagen, nur auf erlaubtem Wege verboten, auf
verbotenem aber stillschweigend erlaubt habe, -- in welcher Beziehung
auch das natürliche, gesunde Urtheil der Gemeinde stets ziemlich
nachsichtig gefunden wird, wenn der Geistliche sonst seine Pflicht
gegen sie erfüllt.
Ein einziger Posten erforderte in neuerer Zeit einen höher gebildeten,
taktvollen, aufgeklärten Priester, einen Mann von anderer Befähigung,
als welche für die Bauerndörfer ausreichte. Dieß war das Korbachthal.
Der kluge und wohldenkende Prälat hatte den einzigen hiezu vollkommen
Geeigneten in der Person des bereits erwähnten Pfarrers Namens
+Valentin+ ausersehen.
Die Stürme, welche im Jahre 1848 in den Ebenen wütheten, brachen
sich an den Bergen, und der einzige Windstoß, welcher nach St.
Martin hinüberwehte, war eine halbe Kompagnie Studenten, welche
auf requirirten Wagen angefahren kamen, das Kloster für aufgehoben
erklärten, an die Thore „Nazionaleigenthum‟ anschrieben, und wieder
abfuhren, nachdem sie von den Geistlichen gut bewirthet und von den
Bauern mit Erschlagen bedroht worden waren. --
Der Prälat begriff seine Zeit, und fürchtete für den materiellen
Bestand seines Stiftes Nichts von den Ideen des Fortschrittes, gegen
deren geistige Wirkungen der Zustand der Bewohner und Umwohner
hinreichende Bürgschaft bot, und deren etwaigen gewaltsamen
Kundgebungen die Regierung mit dem Bajonette und der Bauer
mit dem Dreschflegel entgegentrat. Er fürchtete die Ideen des
+Rückschrittes+. Sie schienen ihm +allein+ gefährlich für die
Ruhe, das Bestehen und Gedeihen dieses behaglichen, gesunden Körpers,
der ein überlebtes Prinzip mit einer noch für ein halbes Jahrhundert
ausreichenden Lebenskraft repräsentiren konnte, wenn er in seinem
Organismus nicht gestört wurde. --
Er las das von der Regierung abgeschlossene Konkordat gleich so vielen
Helldenkenden seines Standes mit dem Vorgefühle der schlimmsten
Folgen, und die höchste kirchliche Gewalt machte ihm den Eindruck jenes
Verstorbenen zu Edimburg, auf dessen Grabstein die Worte stehen: „Ich
war gesund, wollte noch gesünder sein, nahm Medizin und starb.‟ --
„Wir wollen es besser haben als gut, -- sagte er, und werden es
schlechter haben.‟ --
Als einige Zeit hierauf ein Besuch des Erzbischofs, mit welchem er
bisher auf freundlichem Fuße gestanden, erfolgte und dieser nach
vielen Fragen über die Zustände des Klosters die Wiedereinführung
der alten, strengen, seit einem Jahrhundert außer Uebung gekommenen
Ordensregel verkündigte, trat er ihm mit Energie entgegen und setzte
das Unangemessene und Nachtheilige einer solchen Maßregel zuerst
mündlich, und später in einer schriftlichen Eingabe auseinander.
Nach wenigen Tagen erschien eine im gregorianischen Stile gehaltene,
niederschmetternde Zurechtweisung, welche das Gefühl des biedern
Prälaten, der durch fünfundzwanzig Jahre dem Stifte zur Zufriedenheit
seiner Untergebenen vorgestanden, so verletzte, daß er in eine schwere
Krankheit verfiel, von welcher er sich nicht wieder erholte.
Pater Bernhard übernahm nun als Prior die faktische Leitung und stellte
sich an die Spitze der sehr kleinen Partei im Kloster, welche sich
dem Konkordat mit allen seinen Konsequenzen anschloß, und aus den
wenigen Ehrgeizigen bestand, die durch ihre, mit jener der Mehrheit
kontrastirende Haltung die Gunst des Erzbischofs zu gewinnen suchten,
dessen Vertrauen der Prior nun in hohem Grade besaß.
Dieser war vor Jahren mit Bewilligung des Prälaten aus dem Kloster,
und als Erzieher in das Haus des Fürsten Leuchtendorf getreten, dessen
Günther bei Aufzählung der Freinhof-Gesellschaft erwähnt hatte, als er
zwei dort auf Besuch anwesende Fräulein als seine Töchter bezeichnete.
Er eignete sich einen Grad von wissenschaftlicher und Weltbildung
an, welche ihn vor seinen Mitbrüdern auszeichnete, die von seinen
vielversprechenden Mittheilungen bestochen, ihn zum Prior wählten, als
dessen Stelle erledigt worden.
Pater Bernhard kehrte als solcher ins Kloster zurück und sein nächstes
Ziel war nun der Krummstab des infulirten Prälaten.
Seine Stellung war eine schwierige. Starb der Prälat, so wurde seine
Stelle durch Wahl besetzt und diese Wahl fand durch Stimmenmehrheit
statt. Durch sein Auftreten für den Erzbischof hatte er aber alle
Popularität verloren.
Er segelte mit vieler Geschicklichkeit durch die Klippen. Nachdem
er sich zuerst die Gunst seines Beschützers gesichert, indem er
in kräftigen, beredten Worten den Geistlichen die Nothwendigkeit
auseinandersetzte, sich den Bestimmungen desselben zu fügen,
bearbeitete er Jeden einzeln und machte ihm begreiflich, daß in der
+Ausführung+ dieser Bestimmungen alle erdenklichen Erleichterungen
eintreten könnten, wenn ein Mann auf dem Prälatenstuhle säße, der ein
Auge zudrücke. Allerdings hatten die Brüder dieses Augezudrücken von
Jedem aus ihnen so sicher und sicherer zu erwarten als von ihm; wählten
sie aber einen Andern, so blieb seine Feindschaft und jeden Augenblick
Denunziazion beim Erzbischofe zu fürchten.
Er brachte es auf diesem Wege durch Furcht und Hoffnungen dahin, daß
er gegenwärtig mit Sicherheit auf eine Majorität von drei Viertheilen
rechnen konnte.
Sein nächstes Ziel schien erreicht und er dachte bereits über dasselbe
hinaus.
Dieser Mann baute die Schlösser seiner Zukunft so, daß wenn das
Nächste unter Dach gebracht, ein zweites in halber Höhe dastand und
zu einem dritten bereits die Grundfesten gelegt wurden. Er war in
seinem fünfunddreißigsten Jahre und hatte keineswegs vor, weitere
fünfunddreißig Jahre als Muster-Oekonom und behaglich friedlicher
Oberhirt des Waldklosters zu verleben. Wenn er jetzt schon in
seinen Gedanken über den noch von einem Andern besetzten, erst zu
besteigenden Prälatenstuhl hinausflog nach einem erzbischöflichen, so
ist es natürlich, daß er gegen die Abendsonne seines Lebens keinen
andern Schutz träumte, als den Schatten der breiten Krempe eines
Kardinalshutes.
Der Erzbischof, ein Menschenkenner wie wenige, wußte den Mann nach
seiner Brauchbarkeit zu würdigen, ohne ihn zu überschätzen. Er hielt
ihn für fähig, auf dem Schlachtfelde der streitenden Kirche ein
Armeekorps kühn und klug zu kommandiren, nicht aber in den geheimen
Berathungen am grünen Tische des hohen kirchlichen Generalstabes
mitzustimmen. Er durchschaute seine Pläne, vielleicht seinen
Gedankenflug bis zum runden Hute, er sah aber auch das Bleigewicht,
welches nach seiner Ansicht diesen Flug hemmte.
Dieß Gewicht war die +Eitelkeit+ des Priors, die ihn hinderte
+vollständig+ im +Prinzip aufzugehen+. Er konnte sich die
kleine Befriedigung nicht versagen, seinen inneren freieren Standpunkt
bei gewissen Gelegenheiten gegen Solche zur Schau zu tragen, welche er
auf dem gleichen vermuthete, um intelligenten Männern gegenüber das
~prestige~ der eignen Intelligenz zu wahren. In keinem Stande ist
aber so unbedingt wie in dem seinigen ein gegenseitiges Zugeben des
Unglaubens an gewisse Satzungen verboten: der Aspirant auf eine hohe
Stufe in der Hierarchie darf mit sich allein, in seinen vier Wänden,
vor seinem Spiegel nicht anders sprechen und erscheinen als vor dem
Fremden. Zwei Kirchenfürsten mögen ihren beiderseitigen Standpunkt noch
so klar erkennen: sie werden nie, nicht im vertraulichsten Gespräche,
die Form der Ueberzeugung ablegen. -- Pater Bernhard ließ so gern ein
„wir verstehen uns‟ durchblicken, -- er war Parvenü, indem er sich
gern als Eingeweihten gab, der vor einem andern Eingeweihten die Maske
lüften dürfe.
Vielleicht würde der Prior diese Schwäche ablegen, wenn er erst die
rechte, wirkliche Höhe erklommen. Jedenfalls mußte dem Erzbischof,
der die Zügel in seiner Diözese straff anzuziehen beschlossen hatte,
ein Kopf und eine Hand wie die des Pater Bernhard in einem Zeitpunkte
erwünscht sein, wo das Kloster St. Martin durch die Verhältnisse in
Korbach besondere Bedeutung gewann.
Die protestantische Kolonie war von einer kleinen Niederlassung von
sechs oder acht Familien im Lauf eines Jahres durch Einwanderung auf
mehr als 300 Seelen angewachsen. Zwischen den Arbeitern der beiden
Konfessionen bestand ein ungetrübt freundliches Einvernehmen. Die Wahl
der ins Land gezogenen Protestanten war durchgehends auf sittliche,
fleißige, verträgliche Leute gefallen, welche sich gegen die Katholiken
so zuvorkommend benahmen, daß die beiden Seelsorger in ihrem Bestreben,
die Eintracht zu erhalten, das leichteste Spiel hatten.
Dieses Hand in Hand Gehen konnte nach der Ueberzeugung des Erzbischofs
nur zum Nachtheile des Katholizismus ausschlagen.
Der sogenannte „aufgeklärte Katholik‟ der gebildeten Stände -- eine
Sekte, welche die Kirche nun einmal dulden muß, und welche, wenn nicht
mit+wiegt+, wenigstens mit+zählt+ -- wird sich im Verkehr
mit dem gebildeten Protestanten vor dem „Ansteckungsstoffe‟ bewahren:
es ist wenigstens so leicht keine Abtrünnigkeit zu fürchten, da die
Anschauung nahezu die gleiche ist, und, Ausnahmsfälle abgerechnet,
Jeder aus Gefühls- oder Konvenienzgründen seine Form beibehält.
Nicht so der gemeine Mann, -- der Arbeiter. Ist er einmal in
beständigem Verkehre mit den Bekennern der andern Konfession auf den
Punkt der Reflexion gelangt, wo er mehr als +einen+ Weg nach jenem
Himmel für möglich hält, der ihn für die zehn täglichen Arbeitsstunden
seines Erdenlebens entschädigen soll, so wird es nur eines lockenden
materiellen Anstoßes bedürfen und der Schritt hinüber ist geschehen.
Und an eine solche Mehrheit der Wege lernten die katholischen Arbeiter
glauben, wenn sie das Wort der Duldung aus dem Munde des eigenen
Priesters vernahmen, und an ihren Kameraden jene Redlichkeit und
Zufriedenheit im Leben, jenes ruhige Gottvertrauen im Sterben sahen,
welches eben die Wirkung des echten der drei Ringe Nathans.
Als die Nachricht von dem abgeschlossenen Konkordate nach Korbach kam,
wurde sie von den Protestanten mit großer Bestürzung aufgenommen. Der
alte Korbach erklärte ihnen, daß sie nichts zu besorgen hätten, -- er
werde sie kräftiger unterstützen als bisher, -- ihr Bethaus könne man
nicht sperren, ihren eigenen Friedhof hätten sie ohnedem, und was die
gemischten Ehen betreffe, so müsse nun einmal in Zukunft ein Theil
dem andern nachgeben, -- sie würden sammt ihren Kindern selig werden,
ob sie vom Pfarrer oder vom Pastor getraut seien. Schwerer waren die
Katholiken zu beschwichtigen. Als sie von Beichtzwang, Kirchenstrafen
u. drgl. hörten, erklärte eine große Anzahl, daß sie beim ersten
Versuche einer gewaltsamen Durchführung augenblicklich zum Pastor gehen
und sich „lutherisch machen lassen‟ wollten. Pfarrer Valentin beruhigte
sie mit der auf eigene Gefahr gegebenen Versicherung, es seien dieß
Uebertreibungen von Solchen, die es schlecht mit der Kirche meinten.
-- Die Gemüther beruhigten sich, die schlimmsten Befürchtungen trafen
nicht ein, da mehrere der aufreizendsten Verfügungen des Konkordats auf
dem Papiere blieben. --
Man hatte in der Hauptstadt davon zu sprechen angefangen. Die frommen
Zirkel, deren Mittelpunkt Prinzessin Marie, hatten bereits einen
Kreuzzug gegen Korbach gepredigt, die Oberhofmeisterin Gräfin Merfey
Bernhard im Leuchtendorf’schen Salon gefragt, ob denn sein Prälat
~les bras croisés~ dem Unwesen zusehen werde -- und er hatte
geantwortet, der kranke Herr sei unzurechnungsfähig, ein energischer
Hirt würde die Herde bald von räudigen Schafen reinigen.
Nun kam die glänzende Gabe zum Kirchenbau; die Prinzessin hielt sich an
die Thatsache in der offiziellen Zeitung und hielt den alten Korbach
für einen Bekehrten.
In diesem unentschiedenen Zustande waren die Dinge bei Bernhard’s
Wiedereintritt ins Kloster, und er fand ihn für seine Pläne höchst
ungelegen.
An seiner Wahl zum Abte nicht mehr zweifelnd hatte er vor, den Antritt
des hohen Amtes durch einen großen, weithin glänzenden ~coup
d’état~ zu bezeichnen. -- Der Thron von St. Martin sollte jetzt
erst aufgerichtet werden, eine neue Aera für das Stift beginnen.
Nicht mehr die grobe Arbeit an der Kultusmaschine, das Segnen der
Wallfahrter, und ebensowenig die Oekonomie, die Anwendung der neuesten
Mästungs- und Düngungsmethoden sollte die Mission des Prälaten des
Waldklosters sein, sondern er mußte Sitz und Stimme in der Konferenz
der hohen kirchlichen Diplomatie haben, -- römisch-katholischer
Staatsmann werden.
Und hierzu war ein konkordatgemäßer Eclat erforderlich, und ein
schöneres Feld nicht denkbar als die Korbacher Frage. -- Mit der Mine,
welche dort den Protestantismus in die Luft sprengte, flog Pater
Bernhard zugleich in die Sonnennähe der zufriedengestellten höchsten
Hierarchie. Nun herrschte aber dort tiefer Friede, und um ihn zu
brechen, bedurfte es eines ~casus belli~.
Inzwischen verschlimmerte sich der Zustand des Prälaten, die Aerzte
gaben ihm nur noch Tage. Die Zeit drängte, einen Operazionsplan zu
fassen. Es fehlte dem Prior noch immer das gewisse +Etwas+, die
+Handhabe+.
Er kannte einen einzigen Mann, mit dem er sich zu berathen gedachte: --
Kollmann.
Als dieser seinen Grundbesitz am See, mit Ausnahme des von Knorr
vorweg okkupirten Fichtenkegels, vom Stifte ankaufte, war Bernhard
während der betreffenden Unterhandlung mit ihm öfter in Berührung
gekommen. Sie hatten einander beobachtet und insofern ein verwandtes
Element gefunden, als jeder in dem Andern einen Mann erkannte, der weit
aussehende Pläne verfolgte.
Während aber Kollmann durch die glänzenden schwarzen Granaten, die
unter den dichten Brauen des Priors saßen, diesen bis auf den Grund
durchblickte, sah Bernhard durch das trübe Milchglas der sogenannten
weißen Augen nicht tiefer als jeder Andere. Kollmann, der jedes Wort,
das er für nothwendig hielt, um seinen Gedanken zu verbergen, in einer
Weise sprach, als kehre er das Innerste der Seele heraus, hatte das
Vertrauen Bernhard’s gewonnen, indem er ihm sagte: „Ich kann keine
schönen Frasen machen, und sage Ihnen geradezu, daß es unverzeihlich
und unverantwortlich ist, daß ein Mann, in dem ich den künftigen
Fürst-Erzbischof sehe, aus Lauheit und Mangel an Selbstvertrauen die
Hände in den Schoß legt, statt die Zügel zu ergreifen.‟
Eine feine Schmeichelei hätte den Prior vielleicht stutzig gemacht.
Die ganz plumpe hielt er für keine. Nachdem er sich ziemlich weit
gegen ihn entwickelt, trat Kollmann in sein Schweigen und seine
Unsichtbarkeit zurück. Bernhard gedachte nun seiner Worte: „Sie werden
lange suchen, bis Sie einen Mann finden, der Sie versteht; wenn Sie des
Suchens satt, werden Sie zu mir kommen und finden, was Sie brauchen.‟
Nun suchte er ihn auf, -- sprach Anfangs reservirt, im Tone des
Ueberzeugten, von Umtrieben der Feinde des Glaubens in Korbach, --
innerem Berufe, kräftig einzugreifen. Kollmann erwiederte: „Sie führen
die Sprache eines Missionärs, nicht eines künftigen Kirchenhauptes.‟ --
Der Prior rückte weiter heraus, bis Jener merkte, daß es sich um den
Mechanismus handle, den man in Korbach spielen lassen wollte, und über
welchen er offenbar nicht im Reinen war. Endlich sagte er: „Ich werde
Ihre Sache machen. Sie fällt mit einer der meinigen zusammen. Beehren
Sie mich in drei Tagen im Freinhofe.‟
Der Prior schied mit dem unangenehmen Gefühle einer verlornen
Schachpartie, wenn man sich für den Meister hält. „Beehren Sie mich
in drei Tagen,‟ war eben nicht die Sprache eines „+Werkzeuges+.‟
-- Auch hatte er gegen Kollmann auf eine Weise gesprochen, die
seinem hohen Gönner sehr mißfallen haben dürfte, und fühlte sich
gewissermaßen der Diskrezion seines Alliirten anheimgegeben.
Dennoch kam er wieder, an jenem Abende, wo Arnold im Freinhofe eintraf,
den er, als ihn Julie vorstellte, beobachtete, ohne sich ihm zu
nähern, um keinem etwaigen Plane des noch nicht anwesenden Kollmann
vorzugreifen. Dieser ließ ihn, wie wir wissen, am nächsten Morgen zu
sich bitten. Er könnte auch auf mein Zimmer kommen, dachte der Prior,
ging aber hinüber.
„Sie brauchen einen Krieg, begann Kollmann -- ich liefere Ihnen den
Kriegsfall. -- Den Krieg führen Sie auf Ihrem Gebiete, ich unterstütze
Sie auf einem andern. In dieser Angelegenheit ist rasches Handeln
nöthig. Wir dürfen nicht vergessen, daß, wenn dem Protestantismus dort
das Genick gebrochen werden soll, dieß nur geschehen kann, so lange
der alte Korbach Herr ist. Man kann ihm als Katholiken in anderer
Weise beikommen als dem jungen. Nach meiner Ansicht muß die Sache so
angegriffen werden, daß den Gegnern die reichen Mittel zur Durchführung
ihres Prinzipes etwas verkürzt werden. Folglich handelt es sich darum,
sie auf dem industriellen Felde anzugreifen. -- Die Korbacher Fabrik
verdankt aber ihren Wohlstand vor Allem den Staatsbestellungen. --
Es wird somit eine weitere Aufgabe sein, sie mit den Behörden zu
überwerfen. -- -- Leichter wäre dieß Alles vor der Ankunft des jungen
Korbach gegangen, doch zweifle ich auch jetzt nicht am Gelingen. -- Wir
wollen übrigens als die besten Freunde des Alten auftreten.‟
Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte Bernhard hierauf den Plan in
Betreff des Schreibens an den Erzbischof entwickeln. -- Er begriff
nicht, welche weittragende Wirkung die kleinliche Intrigue mit dem
Briefe haben solle. Kollmann fuhr fort: „Der Erzbischof ist jetzt mild
gegen Korbach, und Sie brauchen ihn hart. Zweifeln Sie nicht, daß er,
so wenig Gereiztheit er zeigt, mit dem vollen apostolischen Grimm
bewaffnet nach Korbach kommen wird. Zweifeln Sie ebensowenig, daß der
Alte eine Haltung bei der Feierlichkeit annimmt, welche diesen Grimm
steigert. Indessen werden Sie Prälat. Ihr Erstes ist, daß Sie den
Pfarrer abberufen. Der Erzbischof wird einen Hirtenbrief erlassen, mit
dem der Nachfolger Valentin’s auftritt. Es wird zu einem Konflikt, zu
einem +Exzeß+ in Korbach kommen -- ein Paar zerschlagene Räder
und Drahtspulen -- vielleicht auch ein Paar Knochen. Sie fliegen nach
der Residenz -- die Prinzessin, die ganze Partei gibt Ihnen allen
~appui~; -- es kann der Fall eintreten, daß Sie die weltliche
Gewalt requiriren: in vier Wochen können Sie als der Bezwinger des
Protestantismus in Korbach dastehen.‟ Der Prior hatte nun die Wahl,
entweder zu antworten: Herr, Ihr ganzer Plan ist eine reine Infamie,
eine Niederträchtigkeit -- oder einfach und schlecht auf Alles
einzugehen.
Und +viel zu viele Minuten+ hatte er mit der Antwort gezögert,
um noch als Priester mit einem Donnerworte der gerechten Entrüstung
loszubrechen -- -- mit diesem Schweigen hatte er den +Priester+
abgelegt -- den +Pfaffen+ angezogen. -- Es war ein historischer
Moment in seinem Leben. --
Er begab sich nach der Hauptstadt und es gelang ihm nicht ohne
Mühe, den Erzbischof für die Idee mit dem Briefe zu gewinnen, und
dieß nur dadurch, daß er sie weniger als einen +Prüfstein+ der
anscheinend gebesserten Gesinnungen Korbach’s, als vielmehr als eine
diesem dargebotene Gelegenheit, sie auf solenne Weise auszusprechen,
darstellte. Während er Arnold’s Rückkehr erwartete, wurde er durch die
Nachricht, daß der Prälat nur noch Stunden zu leben habe, nach St.
Martin gerufen.
Er fand ihn bereits in der Todtenkapelle. Wahrer, tiefer Schmerz lag
auf den Gesichtern der Geistlichen, die um ihn beteten. Als der Prior
mit offizieller Trauermiene an den Sarg trat, niederkniete, ein Gebet
sprach, den Todten mit Weihwasser besprengte, erschienen ihnen die
Tropfen auf dem biedern Antlitz des geliebten Herrn wie Thränen um die
gute alte Zeit des Waldklosters.
Der Prior begab sich auf sein Zimmer, berief Einen seiner Vertrauten
und ließ sich über die letzten Tage und Stunden des Verstorbenen
berichten. Er vernahm, daß derselbe meistens in halbbewußtlosem
Zustande gelegen, in der letzten Nacht aber plötzlich zu voller
Besinnung erwacht sei. Er habe Papier und Bleistift verlangt, und mit
einer Allen unbegreiflichen Kraft längere Zeit geschrieben, das Papier
zusammengefaltet, von einem seiner Lieblinge, dem jungen Pater Leo,
siegeln lassen, und die Adresse geschrieben, die Niemand gesehen.
Hierauf habe er den Jäger Schellhammer rufen lassen, -- als dieser
eintrat, alle Anwesenden in das Nebenzimmer geschickt, und einige
Minuten mit ihm gesprochen. Der Jäger, der ihm viele Jahre gedient, sei
weinend weggegangen. Der Prälat habe nach Mitternacht alle Geistlichen
zusammenrufen lassen, sie gebeten, sein Andenken in Liebe zu bewahren,
ihm zu vergeben, wenn er einen von ihnen beleidigt, sie gesegnet, --
dann still gebetet, und sich hinübergelegt. Sie hätten lange Zeit
geglaubt, er schlummere nur. -- Unbegreiflich sei ihnen Allen seine
Geistesklarheit, nach so langem Siechthum, in den letzten Momenten
gewesen.
Pater Bernhard sandte sogleich in die Wohnung des Jägers. Es erschien
dessen Frau, welche erzählte, daß ihr Mann, als er vom Prälaten
gekommen, schweigend seine Jagdtasche, deren er sich auch auf Reisen
und Botengängen bediente, umgehängt, den Stock in die Hand genommen
und mitten in der Nacht fortgegangen sei; auf ihre Frage: wohin? habe
er nur geantwortet, er komme nächsten Abend zurück. -- Der Prior
überzeugte sich bald, daß die Frau wirklich nicht mehr wisse, und
entließ sie.
Am frühen Morgen traf ein Schreiben des erzbischöflichen Sekretärs an
ihn ein, welches lautete wie folgt: „Ich habe die Ehre, im Auftrage
Seiner Durchlaucht Hochderen Wunsch zu melden, daß Hochdieselben,
wenn es Gott gefallen sollte, den Herrn Prälaten, wie die Aerzte
vermuthen, in Bälde abzuberufen, das Kapitel zur Erwählung seines
Nachfolgers ungesäumt, ja selbst vor der Bestattung des Verewigten,
zusammenberufen, da bekannte Verhältnisse die Wiederbesetzung des
Stuhles von St. Martin dringend nöthig erscheinen lassen. Es ist ein
neuer Beweggrund, welcher als Ew. Hochwürden bekannt vorausgesetzt
wird, unmittelbar nach Ihrer Abreise hinzugetreten. Womit ich die Ehre
habe u. s. w.‟
Der Prior wußte, daß mit letzterem nur die Antwort des alten Korbach
gemeint sein könnte, und gedachte Kollmanns, und dessen richtiger
Berechnung. -- Er ließ Vormittags sämmtliche Geistliche zu sich
berufen, verkündete den Zusammentritt des Wahlkapitels für nächsten
Morgen und versäumte nicht, ihnen in einigen Worten seine Beziehungen
zum Erzbischofe, so wie Alles, wodurch er bereits früher auf sie
gewirkt, zu Gemüthe zu führen.
Im Laufe des Tages kamen zahlreiche Besuche von Bekannten und Freunden
des Verstorbenen, und Schaaren von Landleuten drängten sich in die
Kapelle, um den allgemein geliebten Herrn nochmals zu sehen. Unter den
Besuchern war auch der Bischof von Rothenau, welches Städtchen eine
halbe Tagereise von St. Martin liegt. Pater Bernhard, der seinen Besuch
erwartet hatte, empfing ihn mit allem Ceremoniell, führte ihn in die
Kapelle, und hatte hierauf eine lange Unterredung mit ihm, worin er die
Grundzüge der in der Verwaltung des Klosters nothwendigen Veränderungen
entwickelte, und ihn um seinen kräftigen Beistand in den bevorstehenden
schwierigen Tagen bat. Der Bischof, wohl wissend, daß der Prior nicht
ohne seine Gründe zu haben, eine solche Sprache führe, betrachtete
und behandelte ihn als künftigen Kollegen, und Pater Bernhard genoß
den Vorgeschmack der Würde mit der ganzen Befriedigung, welche die
Erstlingsfrüchte jedes Strebens gewähren, und welche durch den Genuß
der späteren, wenn gleich reicheren, nicht übertroffen wird.
Als der Bischof sich zur Abreise anschickte, erbat sich der Prior die
Ehre, ihn bis nach einem, ungefähr zwei Stunden entfernten Orte zu
begleiten, nahm im Wagen des Gastes neben diesem Platz, und ließ den
eigenen, zu seiner Rückfahrt, leer nachfolgen.
-- -- -- Der Tag neigte sich zu Ende. Der vergoldete Thurmknopf
spiegelte die letzten Sonnenstrahlen zurück, und die letzten
Glockenklänge zerrannen im Schweigen des Abends.
Gruppen der Landleute standen unter den Linden im Klosterhofe. Sie
sprachen über den verstorbenen Prälaten, machten ihre Bemerkungen über
den Prior, von dem sie wenig Gutes erwarteten, -- und wie sie eben mit
traurigen Gesichtern und Manche mit nassen Augen andächtig und scheu
durch die Todtenkapelle am Paradebett vorübergezogen, -- gingen sie
nun, zuerst Einige, dann Alle, in das dem Klosterthor gegenüberliegende
Wirthshaus.
Der Bauer hält in dieser Gegend den Leichenschmaus, auch wenn ihm Weib
oder Kind stirbt. Er faßt das Sterben überhaupt anders auf, als der
Gebildete: er kennt kein lirisches Raffinement des Sterbens, keine
jener Reflexionen, welche wie Schallgewölbe jeden Schmerzenslaut
zehnfach verstärken. Der Verstorbene „hat es überstanden, -- der
Herrgott hat ihn zu sich genommen.‟ -- Die Arbeit geht fort. --
-- Nun wendeten die traurigen Zecher die Blicke nach der Bergstraße,
welche von der Waldhöhe über einen Wiesenhang herab nach dem Thore
des äußeren, mit einer niedrigen Mauer umfangenen Hofes führt. Der
klingende Ton des Radschuhes hatte sie aufmerksam gemacht auf die
grüne Kalesche, welche, mit zwei starken schönen Eisenschimmeln
bespannt, nach wenigen Minuten durch den Thorbogen rollte, und vor dem
Klostergebäude hielt.
Neben dem Kutscher saß der Jäger Schellhammer, welcher absprang und
den Schlag öffnete. Ein junges Mädchen im braunen Reisekleide mit
rundem Strohhut und blonden Wellenscheiteln war mit leichtem Sprunge am
Boden, ohne seiner Hülfe zu bedürfen, und bot nun die Hand dem Vater.
-- Einige der Landleute waren aufgestanden und umgaben -- den alten
Korbach, der sie freundlich grüßte. Er kam zwar nur ein- oder zweimal
im Jahre nach St. Martin, aber Viele aus der Gegend kannten ihn und
nannten den Uebrigen den Namen des Mannes, der seines Karakters und
Reichthums wegen in allgemeinem Ansehen stand.
Die Angekommenen schritten zuerst nach der Kirche, wohin sich Helene
begab, da ihr nach dem Klostergesetze der Eintritt in die sogenannte
Klausur, innerhalb welcher die Wohnungen der Geistlichen liegen,
untersagt ist. Sie wartete daselbst, bis sie der Vater nach der
Todtenkapelle abholen würde.
Dieser ging durch den Kreuzgang nach dem Refektorium, wo die
Geistlichen um diese Stunde zum Abendessen versammelt waren.
Die Tafel nahm nur die Hälfte des langen schmalen Saales ein, dessen
andere im Halbdunkel lag. Der alte Korbach trat ein und schritt bis
nahe an den beleuchteten Tisch, bevor ihn Jemand erkannte, -- nun aber
erhoben sich Alle mit dem herzlichsten, freudigsten Gruße, drückten
seine Hand, nöthigten ihn zum Mahle. -- Er nahm seinen Platz neben Leo,
den er als Freund des Prälaten kannte, und sprach: „Ich bin zu mancher
Zeit gekommen, meine hochwürdigen Herren, um Ihre Gastfreundschaft
zu genießen, heute aber komme ich, um die letzte Pflicht gegen Ihren
Prälaten zu erfüllen, mit dem ich zwar selten, aber immer nur in
freundschaftlicher Weise im Leben zusammengetroffen. Ich kann seiner
Bestattung nicht beiwohnen, da ich morgen in Korbach sein muß und noch
in der Nacht zurückfahre. Wenn Sie Ihr Mahl geendet, werden Sie mich zu
ihm führen; ich habe meine Tochter mitgebracht, deren Gebet Sie nicht
für weniger fromm und gottgefällig halten werden, weil sie nicht der
katholischen Gemeinde angehört.‟
„Wir halten dafür, sagte Leo, daß jedes Gebet Gott gefällt, das aus
reinem Herzen kommt!‟
„So ist es!‟ riefen Andere. -- -- Der Prior war ja mit dem Bischof
weggefahren. --
Während der wenigen Minuten, welche die Abendtafel noch währte, sagte
Korbach leise zu Leo: „Ich möchte die Todtenkapelle am liebsten in
Gesellschaft von lauter wahren Freunden des Verstorbenen betreten; ich
höre, daß nicht +Alle+ so denken, wie Sie und Gott sei Dank! die
Meisten.‟
„Die vier hier Fehlenden, welche jetzt bei ihm beten, denken wie wir
über ihn, erwiderte Leo, -- die Andern, die Sie begleiten werden, waren
ihm gleichfalls theuer, die es nicht gut mit ihm meinten, gehen nicht
nach der Kapelle, wenn sie nicht die Ordnung des Gebetes trifft.‟
Man erhob sich. Korbach ging, von Leo begleitet, nach der Kirche, um
Helene zu holen, von dort durch den dunkeln Gang nach der Kapelle,
wohin außer den das Stundengebet verrichtenden, noch drei andere
Priester gekommen waren.
Die Flammen von dreißig Kerzen durchstrahlten den heilig stillen Raum.
-- Die Wände waren mit schwarzem Tuche bekleidet; mitten erhob sich
auf drei Stufen der Katafalk mit der Leiche in vollem Ornate. Auf den
Zügen des Todten lag der volle Gottesfrieden, mit dem der Gerechte
entschlummert.
Helene trat an den Sarg, faltete die Hände und sah mit den tiefblauen
feuchten Augen nach den festgeschlossenen des Verstorbenen, dann kniete
sie an den Stufen nieder und betete.
Die acht Geistlichen standen um sie und den Vater, der gleichfalls
einige Minuten in stiller Andacht das Bild des Friedens und der
Verklärung betrachtete.
Dann stieg er mit langsamem, festem Schritte die Stufen hinan, stellte
sich dicht neben den Sarg, seine Rechte auf die zusammengefalteten
Hände des Todten legend, und sprach laut und mit feierlicher Betonung:
„In diesem Raume, meine hochwürdigen Herren, hat wohl nur der geweihte
Priester das Recht, sein Wort vernehmen zu lassen‟ -- die Geistlichen
näherten sich aufmerksam und schweigend. -- „Wenn ich spreche, so ist
es, weil der Mund dessen, für den ich spreche, für immer geschlossen
ist.‟
„Was ich Ihnen mittheile, ist so heilig, wie irgend ein Gebet, es ist
das letzte Wort, das der Verblichene an Ihren würdigen Bruder, den
Pfarrer von Korbach gerichtet hat, -- mit welchem er ihm und Ihnen
Allen sein letztes Lebewohl sagt.
„Es sind die Zeilen, die er auf seinem Sterbebette geschrieben, in
der Nacht seines Todes abgesendet, eine Stunde ehe dieses von echter
Christentugend erfüllte Herz stillgestanden. Ich bin, Sie wissen es,
Keiner von denen, welche vor manchen strengen Augen Gnade finden, --
man nennt mich einen Freigeist, aber, daß Gott dem Manne, der durch
Monate so selten sein volles Bewußtsein hatte, in der letzten Stunde
die Kraft verlieh, seine Gedanken, sein Gebet für Sie in so herrlichen
Worten niederzuschreiben, das ist nach meinem Gefühl und Glauben ein
+Wunder+ im wahren Sinne und ein Zeichen, daß ihm diese Gedanken
+wohlgefällig+ waren.
„Vernehmen Sie den Inhalt dieses Schreibens, das ich Ihnen gegen den
Willen des Empfängers -- aber im Geist und Sinne dessen mittheile, den
Sie mit mir beweinen!‟
Kein Athemzug war vernehmbar. Alle Blicke hingen an den Zügen des
Mannes, dessen imponirende Gestalt höher, dessen Stimme bewegter wurde,
als er das Papier entfaltete und las:
„Mein theurer, innigst geliebter Bruder! Nach wenigen Stunden werde ich
Rechenschaft ablegen über mein Amt, vor dem Throne dessen, der es mir
verliehen. Durch Sie bitte ich Alle, die meiner Obhut vertraut waren,
mir ihre Liebe zu bewahren. Ich scheide mit dem innigsten, heißesten
Danke für ihre Treue, und wenn mich Gott aufnimmt in die Wohnung des
Lichtes, so werde ich ihn um Beistand bitten in den schweren Zeiten,
die ihnen bevorstehen. Meine Brüder werden den ersten Kampf zu bestehen
haben bei der Wahl meines Nachfolgers. Mögen sie muthig an ihrer
Ueberzeugung festhalten, unbekümmert um Menschengunst und Drohung. --
Sie, mein geliebter Valentin, werden vielleicht von den meisten Brüdern
als der Würdigste erkannt werden, wie +ich+ Sie dafür erkenne und vor
dem Allmächtigen nennen würde, wenn er mich von seinem Throne fragte,
wer soll Hirt meiner Herde sein. -- Und somit werden Sie wenigstens
+Eine+ Stimme für sich haben, die aber auf Erden nicht zählt! Wenn aber
unter den Brüdern, was ich zu meiner Beruhigung im Sterben glaube,
Mancher ist, der so denkt wie ich, so werden sie +muthig+ und +treu+ im
+Tode+ zu +mir+ halten, wie es Alle im +Leben+ gethan!‟
Mit flammendem Auge, kraftvoller und doch vor Erregung zitternder
Stimme hatte Korbach die letzten Worte gesprochen.
Nun legte er den Brief auf die Brust der Leiche und schloß: „Ich habe
Ihnen, meine hochwürdigen Freunde, hiemit die letzte Bitte Ihres in den
Frieden vorangegangenen Herrn und Vaters vorgetragen, meine Pflicht
gegen ihn ist erfüllt.‟ --
Dann stieg er die Stufen herab, faßte die Hand der Tochter, die
bewundernd und ergriffen den Vater unverwandt angeblickt, den sie nie
mit so hinreißender Begeisterung sprechen gehört, -- und wollte die
Kapelle verlassen; da trat Leo vor ihn hin und sagte: „Nehmen Sie die
Ueberzeugung mit, daß +mehr+ als Einer treu und muthig zu dem
Verklärten hält!‟ „Wir, wir Alle halten zu ihm!‟ tönte es durch den
Raum -- ein achtfacher Widerhall der Einen Stimme, -- die auf Erden
nicht zählte. -- -- -- -- -- --
Der grüne Wagen rollte wieder durch das Klosterthor, den Wiesenhang
hinan, -- in den Tannenwald, -- fort durch die sternenhelle Nacht.
Helene hatte den Arm um den Vater geschlungen und küßte ihn mit
Innigkeit. -- „Ich habe gesprochen, wie es vom Herzen kam, sagte er,
und ich hoffe, es ist zum Herzen gegangen; das sind aber +acht+,
-- und im Kapitel werden +vierundzwanzig+ stimmen.‟ --