Er dachte sich’s am rothen Kreuze, mit einem Kranze von Alpenrosen. --

Ein rollender Wagen und Stimmen verkündeten die Ankunft des Besitzers

des Freinhofes. -- -- --

Erst lange nachdem jedes Licht verlöscht und jeder Laut verstummt war,

legte sich das Gewölk des Traumes um Seele und Sinne, die Bilder des

Abends mit weichem Schmelz verklärend, -- wie der Goldnebel am See die

Gestalt der -- Geliebten? --

[1] Krummholz.

Der Taschenteufel.

Sechs Stunden nur liegen zwischen dem Augenblicke, wo Arnold von der

jäh aufsteigenden Bergstraße den letzten Blick nach dem Freinhof

geworfen, welchen der weiße über Thal und See liegende Morgennebel

nach wenigen Schritten seinen Augen verhüllte, -- und zwischen jenem,

wo er in der Hauptstadt aus der Halle des Bahnhofes tritt, um sich

in den nächsten Wagen zu werfen, da er in seiner Gebirgstracht auch

nicht die wenigen Straßen durchwandern will, die ihn von seiner in der

hochgelegenen Vorstadt nächst dem Bahnhofe befindlichen Wohnung trennen.

Sein Diener kniet nun vor dem bereits seit einigen Tagen

vorausgeschickten Reisekoffer, reicht ihm Stück für Stück in die Hand

und nach einer Stunde ist Alles geordnet, jedes Ding an der Stelle, die

es einnehmen soll, und so lange er in dieser Wohnung bleibt, einnehmen

wird, und die ganze Einrichtung des kleinen Salons, des Schlafzimmers

und Arbeitskabinets gewährt ein wohlthuendes Bild der Nettigkeit,

Einfachheit, des Praktischen und Zweckmäßigen.

Nun fährt er nach der Fabriksniederlage in der Stadt, wo er von alten

und jungen Bediensteten, vom Geschäftsführer bis zu den Knechten in

den Magazinen, mit achtungsvollen Freudenbezeigungen empfangen wird,

und sich mit Ersterem aufs Comptoir begiebt, wo er in Büchern und

Korrespondenzen arbeitet, -- Bestellung von Aufträgen seines Vaters an

Geschäftsfreunde, -- ein schnelles Mittagsmal in einem Hotel, Besuche

in zwei Maschinenfabriken, bei alten Bekannten seiner Familie und

bei Freunden, welche er mit Ausnahme dessen, nach welchem er sich am

meisten gesehnt, alle zu Hause trifft, haben die zweite Hälfte des

Tages in Anspruch genommen, und er kehrt in seine Wohnung zurück und

setzt sich ans Schreibpult, um dem Vater und der geliebten Schwester

Helene den ersten Gruß aus der Residenz zu senden.

Und diese zwölf thätigen, wechselvollen Stunden hatten die Bilder des

vorigen Abends mit mehr Schleiern bedeckt, als eben so viele Tage eines

einförmigen unbeschäftigten Lebens vermocht hätten.

Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, daß am zweiten oder dritten

Reisetage eine Woche zwischen diesem und dem Abschiede von der Heimat

zu liegen scheint, -- daß ebenso die Eindrücke der Reise von denen,

welche den Rückkehrenden umfangen, schnell in eine gewisse Ferne

gerückt werden?

Mächtig hatte das eigenthümliche, wie mit magnetischen Strichen

bezaubernde Wesen der reizenden jungen Frau auf Arnold gewirkt. Aber

seine gesunde jugendliche Kraft kannte keine Schwelgerei in einem

Gefühle um des Gefühls willen: er goß in eine Flamme, die in ihm

aufzuckte, weder Oel noch Wasser. So viel natürliche Nahrung sie in

seinem Innern vorfand, so lange eben brannte sie und so helle.

Schon auf dem drei Stunden langen Wege über das Gebirge in der

Morgenfrische milderte sich das schmerzliche Gefühl, womit er, aus

seinem Zimmer tretend, zur Gardine des Eckfensters im Schweizerhause

hinaufgeblickt hatte.

Die Reise hatte seinen Blick erweitert, seine edelsten Kräfte

entwickelt und nun war der Augenblick gekommen, wo das Sistem sich

bewähren sollte, welches sein Begleiter, Sprenger, der treffliche,

kluge Freund seines Vaters, befolgt hatte, als er es sich zur Aufgabe

gemacht, der Mentor des jungen Mannes zu sein, ohne es zu scheinen.

Er hatte keinen Sumpf und keine Giftblume vor ihm verhüllt; -- aber

den Sumpf durch kalte ruhige chemische Analise in seine ekelhaften

Bestandtheile aufgelöst, die Giftblume vor den Augen des Jünglings

botanisch zergliedert, medizinisch ihre zerstörende Kraft erwiesen,

ohne Duft und Farbenpracht wegleugnen zu wollen.

Wohl wußte er, daß ein jugendlich heißes Blut weder durch Reflexionen

noch moralische Abschreckungstheorien zu kühlen sei; er eiferte nicht

gegen Weiber, nicht gegen Liebe, ja nicht einmal gegen +Sinnen+liebe,

sondern suchte vor Allem in seinem Telemach jenen Stolz zu entzünden,

der vor Wegwerfen seiner selbst und vor +Zersplitterung+ bewahrt.

Mit klaren Worten gerade aufs Ziel losgehend, mochte er sagen: „Die

Gelegenheit, durch Handeln den höhern Platz, der deinen Kräften

gebührt, einzunehmen, dich +positiv+ auszuzeichnen, ist dir nicht

+immer+, ist dir +jetzt+ nicht geboten: aber +negativ+, durch

Unterlassen, dich vor den meisten deines Alters auszeichnen, das

kannst du immer; -- liebe, wenn dir die Rechte begegnet, mit ganzer

Seele und ganzem Sinne, aber niemals soll dich Eine haben können bloß

deswegen, weil sie dich haben will, und wäre sie die Reizendste ihres

Geschlechts. -- So wenig der Mann sich „heirathen lassen‟ soll, so

wenig soll er sich „verlieben lassen.‟ -- Kurz du darfst nicht Mittel

eines Weiberzweckes werden, sei dieser Zweck die Befriedigung einer

Seelenschwärmerei oder eines Sinnenverlangens. -- Liebe Eine, +welche+

dich liebt, aber nicht, +weil+ sie dich liebt. -- Du wirst Derjenigen,

die dich erfüllen und fürs Leben beglücken kann, nicht begegnen, ohne

dich früher mehr als einmal getäuscht zu haben, das heißt du wirst

nicht heirathen, ohne vorher ein Paar Narrheiten zu begehen, aber es

seien wenigstens selbstständige, aktive Narrheiten, kein „halb zog sie

ihn, halb sank er hin‟ -- kein passives Aufgehen in einer begehrlichen

Laune einer Erfahrnen, welche an deinem frischen unverdorbenen

Wesen die überreizten Nerven kühlen will, wie eine von der

Mysterien-Literatur Uebersättigte sich plötzlich in „Dorfgeschichten‟

und „Zwischen Himmel und Erde‟ stürzt.‟

Sicherlich gibt es keine Erziehungskunst, welche bloß durch aufgeführte

Dämme eine junge Saat vor Ueberflutungen zu schützen vermag. Ein

weiblicher Blumengarten mag auf solche Art eine Weile bewahrt werden:

das männliche Schlacht- und Erntefeld ist nur sicher durch seine

+Höhe+. Gelingt es nicht, das ganze Niveau des innern Menschen zu

heben, so sind alle Dämme, die bald da bald dort durchbrochen werden,

nutzlos.

Arnolds inneres Terrain war keine flache Niederung. Die gefährlichen

Wasser, die ihn einige Monate hindurch in Paris und London umspülten,

reichten nicht hinan. Der vorhergegangene, Geist und Körper stärkende

Aufenthalt im Cockerill’schen Etablissement zu Seraing, wo Arnold,

wie viele andere junge Männer aus guten Häusern, in der Blouse des

Arbeiters in den Maschinenwerkstätten gehämmert und in den übrigen

Stunden Sprachen und wissenschaftliche Studien betrieben, -- hatte ihn

an Kraftentwicklung und an den Genuß des Schaffens gewöhnt. Sprenger

gab sich nie, am wenigsten in Paris, den Anschein ihn zu überwachen,

behielt ihn aber fortwährend im Auge, und hatte die Befriedigung, ihn

aus Versuchungen unbefleckt hervorgehen zu sehen.

Er stellte sich aber die Frage: „Vielleicht +waren+ es für ihn

keine Versuchungen?‟

Wenn er sah, wie die Wange des jungen Mannes nicht nur beim Anblick

eines großen echten Kunstwerkes sich höher färbte, sondern auch in

der mit allem Sinnenreiz durchdufteten Atmosphäre der Oper, wie sein

Auge nicht nur vor Laroche’s Napoleon, sondern auch vor Winterhalter’s

Florinde aufflammte, so sicher er auch den innern Werth beider Bilder

zu beurtheilen vermochte, so mußte sich Sprenger sagen: „er scheint

nie anders als er +ist+, und wenn er das ganze hohe und niedere

Lorettenthum an sich vorübergehen läßt, ohne durch einen Blick zu

verrathen, daß es ihn reizt, so +hat+ es ihn eben nicht gereizt.

-- Für dieses Wasser liegt er schon zu hoch. Ob nur für +dieses+?‟

Die Zukunft allein konnte es beantworten: Sprenger hatte seine Aufgabe

erfüllt und seinen geliebten Arnold so blühend und rein, so reizbar und

offen, nur ernster und kenntnißreich in das Korbachthal zurückgeführt

an das Herz des Vaters und konnte diesem sagen: „Laß ihn nun allein

gehen: führen können wir ihn nicht weiter.‟

Und nach drei im Schoße der Familie zugebrachten Tagen schlug Arnold,

die kurze Fußreise durch das langentbehrte Gebirge vorziehend, den Weg

ein, auf welchem wir ihm begegnet haben, und schritt im frohen Gefühle

einer thätigen, ein bestimmtes Lebensziel verfolgenden Jugendkraft

dahin.

Sumpf und Giftblumen lagen wohl tief unter ihm.

Aber ein kristallreiner Gebirgssee, -- und eine weiße Wasserlilie --?

-- -- -- --

-- -- Der Brief nach Korbach war geschlossen und abgesendet. Arnold

wollte spät am Abende seinen geliebten Freund Günther, den er verfehlt

hatte, nochmals aufsuchen, als dieser bei ihm eintrat.

Ein gleiches Gefühl durchdrang beide bei der ersten innigen Umarmung

-- ein sehr ungleiches, als sie einander beim hellen Lampenschimmer

betrachteten. Während Günther freudig ausrief: „Du bist ja ein ganz

prächtiger Junge geworden!‟ vermochte der Andere kaum den Schmerz zu

verbergen, womit er in Günthers lebhaften, ausdrucksvollen Zügen jene

Linien entdeckt hatte, welche gleichsam der Abdruck des Netzes sind,

das eine unerbittliche Macht über ihr auserkornes Opfer geworfen. Nur

die Stunde, wann es zusammengezogen wird, ist ungewiß; die Fäden sind

unzerreißbar.

Reiseerzählungen und die Mittheilungen Günthers über Verhältnisse

und gemeinschaftliche Bekannte in der Residenz füllten ein Paar

Abendstunden. -- Die heitere, sprudelnde Laune des Letzteren hatte

gleichwol nichts von jener überreizten, verzweifelten Lustigkeit an

sich, welche manchmal einen dem Tode Geweihten, seines Zustandes

Bewußten, ergreift. Sie war ihm natürlich, und daß sie durch

Vorstellungen, welche sie in vielen Andern gebrochen hätte, nicht

einmal getrübt wurde, war das Ergebniß eines vollkommenen „mit sich

Fertigseins.‟ --

Das Band zwischen den Freunden war so fest geschlungen, -- sie

hatten sich mit ihren Eigenthümlichkeiten so vollständig in einander

aufgenommen, daß sie nach der Trennung von vierzehn Monaten, so zu

sagen im Buche ihrer Freundschaft ohne Nachblättern da weiterlesen

konnten, wo es aufgeschlagen liegen geblieben war.

Arnold erzählte seine Reise zwar in natürlicher chronologischer Folge,

langte jedoch unverhältnismäßig schnell im Freinhofe an. Er malte so

ruhig und objektiv als möglich, nicht um vor dem Freunde ein halbes

Geheimniß zu bewahren, sondern weil er kein ganzes zu haben glaubte.

Nachdem er ihm die Aufschrift des Briefes, den ihm Julie gegeben

„an Freiherrn Edmund von Sembrick‟ gezeigt, welchen er heute nicht

bestellt hatte wegen des Beisatzes „von 9 bis 10 Morgens zu treffen‟

-- schloß er mit den Worten: „Nun hast du Alles!‟ -- worauf Günther

erwiederte: „Was habe ich? Nichts hab’ ich. Lieber Freund, den Abend im

Freinhof, über den du jetzt in Worten, die eine halbe Stunde dauerten,

+geschwiegen+, den mußt du mir erst erzählen.‟

-- „Ich habe dir Alles gesagt.‟

-- „Ja, Schifffahren, Stranden, Landen, Hutschwenken, Theetrinken, kurz

wo sie hingegangen sind, was sie gethan haben, etwa noch was die Welt

dazu gesagt hätte -- das habe ich Alles bekommen. Was dein +Herz+

dazu gesagt hat, das hast du weggelassen. -- Ich bitte dich zu

bemerken, daß du in deiner Geschichte nur eine halbe Stunde gebraucht

hast, um über Brüssel, London und Paris in den Freinhof zu gelangen,

und dann gerade eben so lang vom rothen Kreuz bis in die Fensterecke

im Musikzimmer. Sei also so gut und rücke heraus, nach unserm alten

Gelöbniß, uns nie Etwas +nachträglich+ zu vertrauen!‟

Er war lachend aufgesprungen und hatte Arnold an beiden Schultern

gefaßt, ihn mit einem Gesicht ansehend, welches eine so unbeschreiblich

komische Mischung von Grimm, gutmüthigem Spott und Bedauern war, daß es

dem Freund, der diese Dekorazion wohl kannte, selten möglich war, auch

nur die Voranstalten dazu ohne Lachen anzusehen. Als ihm jetzt dieses

greuliche, hundert Erinnerungen gemeinschaftlicher Erlebnisse weckende

Gesicht, ein wahres Kunststück Günthers, angrinste, fiel er ihm um den

Hals und rief: „Du alter, guter, einziger Seelenbruder! wenn dir nicht

mit einer Lüge gedient ist, so frage mich nicht weiter, -- ich kann

dir nur die verbrauchten Worte sagen: Ich +weiß+ nicht wie mir

geschehen. Ich weiß nur, daß ich, wenn ich nicht arbeite, immer an sie

denke, und daß mir ist, als wenn ich eine vierzehnmonatliche Reise bloß

nach dem Freinhof gemacht hätte!‟

„Also hat doch der Teufel -- --!‟ rief Günther auf den Boden stampfend,

und unterbrach sich mit den Worten: „Verzeih’, Alter! ich bin

unverbesserlich, aber Gott sei Dank auch unveränderlich +darin+,

daß mir, seit ich meine Mutter verloren, nichts so nah geht als

was dich betrifft. -- Jetzt schreibe mir alle Namen auf, die du im

Freinhof gehört -- einige klingen mir bekannt; ich werde morgen bei dir

frühstücken und dich für deine Duft- und Nebelgeschichte in klingender

Münze bezahlen.‟

Arnold, dessen Gedächtniß jeden an seinen Gehirnwänden hingleitenden

Klang behielt, wußte fast alle Namen und gab den Zettel dem Freunde,

welcher rief: „Und nun leb’ wohl -- bet’ und schlafe, daß dir besser

werde!‟ -- und ging. -- -- -- -- --

Als Arnold allein, -- als die Lampe verlöscht war, trat ein altes

ewiges Naturgesetz in sein Recht: der Schleier des Tages war gefallen

-- der vorige Abend allein stand mit allem Zauber vor Arnolds Lager.

Die duftenden Locken Juliens streiften wieder seine Wange. Er meinte,

er müsse das Fenster öffnen und nach dem Schweizerhause sehen. -- --

Günther las zu Hause den Zettel. -- Die Namen waren für ihn keine

todten Buchstaben, jeder rief ihm Menschen, Thatsachen, Erlebtes und

Gehörtes vor.

Seine Freunde hatten oft von ihm gesagt, er habe einen ~spiritus

familiaris~, einen Taschenteufel, den er um Alles, was da

vorgehe, befrage und der ihn hinter Gardinen und Konferenztische,

in Geschäftsbücher und Liebesbriefe, durch den Schleier, den die

Demuth über gute, und das böse Gewissen über schlechte Thaten legt,

hindurchblicken lasse.

Heimliche Kriegszustände öffentlich friedlicher Familien, verborgene

Krebsschäden scheinbar gesunder Vermögensverhältnisse, -- Ehen, an

deren im Dunkeln gebrochenen Ringe der gelöthete Sprung für die Welt

unsichtbar blieb -- Alles schien im Register des Taschenteufels

aufgezeichnet, der seinem Herrn in jedem Augenblicke das verlangte

Blatt hinhielt. -- Und doch lag ihm nichts ferner als alles Forschen

oder Eindrängen, aller an Weibern bemitleidenswerthe, an Männern

geradezu verächtliche Klatsch. --

„Ich suche nicht und frage um Nichts -- sagte er mit Recht -- die Dinge

kommen zu mir, sie fliegen mir an, wie Eisenfeile dem Magnet.‟ -- Der

Kreis seiner Freunde war klein, der seiner Bekannten unübersehbar. --

Durch seine Stellung als Beamter der Bank und Mitglied der Verwaltung

einer der bedeutenderen industriellen Unternehmungen des Landes war er

mit der Finanzwelt, durch seine leidenschaftliche Liebe zur Malerei und

Musik mit allen Künstlerkreisen in Berührung.

Der Talisman, welcher das Wunder wirkte, daß ein nicht unbedeutender

Mensch kaum einen einzigen Feind hatte, lag in einer Vereinigung von

fester Selbstständigkeit, die sich nie etwas vergab, mit der durch

keine Talente, durch keine sonstigen Vorzüge zu ersetzenden Gottesgabe

der +Liebenswürdigkeit+ -- jener Liebenswürdigkeit, die nicht nur

im ersten Augenblicke, sondern nachhaltend fesselte, weil sie auf dem

festen Unterbau eines streng rechtlichen Karakters ruhte.

-- Ueber das Ganze hin leuchtete eine heitere, oft geradezu tolle

Laune, welche seine schonungslosen Einfälle nur als Schaumperlen im

Champagner, nicht als verletzende Glassplitter erscheinen ließ. -- Er

besaß gewisse Privilegien in seinen Kreisen, von denen er bis an die

äußerste Grenze Gebrauch machte. Es war unter den Frauen ausgemacht,

daß „der Günther Alles sagen dürfe‟ -- -- es lag eben in dem +wie+

-- -- er machte seine Sprünge auf dem Glatteis anscheinend unmöglicher

Gespräche ohne auszugleiten.

Dieses allgemeine Vertrauen war es, welches ihm in den verschiedensten

Kreisen jene „Eisenfeile‟ von Mittheilungen zufliegen ließ und dann

verband er, mit Menschenkenntniß und scharfem Verstande kombinirend,

ganz entlegene Daten und gelangte zu den überraschendsten Schlüssen. --

Dem Zustande seines Körpers, an dessen Zerstörung ein Brustübel langsam

aber unaufhaltbar arbeitete, machte er in seiner Lebensweise nicht das

mindeste Zugeständniß. Er war nun einmal entschlossen lieber drei

Monate zu leben als drei Jahre unter Medizinflaschen zu vegetiren. --

Weder schön, noch eine imponirende Erscheinung, hatte er dennoch bei

Frauen entschieden mehr Glück als mancher weit glänzender Begabte, und

da er dem Grundsatze, lieber zu leben als zu vegetiren, leider auch

auf diesem Felde seine Geltung ließ, so hatte an den Linien in seinem

Gesichte, welche Arnold mit Schmerz entdeckte, manche schöne weiße Hand

als Verbündete des dunkeln Zerstörers mit gezeichnet.

Er überdachte alle Mittheilungen Arnolds, citirte den Taschenteufel und

begab sich, nachdem er seinen Stoff geordnet, am nächsten Morgen zum

jungen Freunde, der ihn mit erklärlicher Ungeduld erwartete.

Nach eingenommenem Frühstück zündete er wie in gesunden Tagen seine

Zigarre an und sagte: „Du siehst mit einem so rührenden Jammer meinem

Rauchen zu, daß ich dich vor Allem beruhigen muß. +Das+ schadet

mir nicht; ich bin überzeugt, daß es meinem armen Teufel von Vetter

mit seiner Sparkasse-Anstellung von 500 fl. nicht um ein halbes Jahr

früher zur Erbschaft verhilft. -- Daß ich heute noch lebe, ist mir ganz

angenehm, denn ich glaube dir Einiges leisten zu können. -- Nun frage

ich dich, bist du in einem Stadium, in welchem man dir die Wahrheit

noch ohne Streuzucker geben kann?‟ --

„Sprich und gib was du hast und wie du es hast, ich werde dich nicht

einmal unterbrechen.‟

„Gut! ich kenne, den Knorr ausgenommen, alle Uebrigen so weit, daß

ich ihnen einen kurzen Steckbrief in Frakturschrift voranschicken

kann. -- Zuerst die radikale Blondine; du hast sie Zeltner genannt.

Ihr Mann war im Kriegsministerium, ist weggejagt worden, unter die

Literaten gegangen und hat in Hamburg eine Brochüre drucken lassen,

in welcher der General-Adjutant Graf Greuth so zu sagen ~in

effigie~, moralisch gehangen wird. Zeltner wurde hierauf ~in

persona~, fisisch, eingesperrt, es wurde ihm ein Hochverrathsprozeß

wegen anderer vorgefundener Schriften angehängt, und er sollte sechs

Jahre in Königstadt sitzen. Eine Audienz aber, welche seine Frau beim

General-Adjutanten erwirkt, verbreitet plötzlich neues Licht über die

Sache, der Prozeß wird revidirt und die halbe Strafzeit erlassen. Die

Blonde schien immer noch mehr Licht auf die Sache werfen zu wollen,

denn sie hatte durch drei Monate einen ganzen Cyklus von Audienzen bei

Seiner Excellenz. Es wurde aber nichts weiter revidirt noch gemildert,

und sie soll jetzt bemüht sein, einer noch höheren Person die

Angelegenheit ihres Mannes zu beleuchten, und, wie es heißt mit Erfolg.

-- Weiter. -- Wörlitzer macht alle Geldgeschäfte für den Minister

des Innern, Baron Thorn und für einige spekulirende Diplomaten.

Außerdem gehört er zu denen, welche, wie man zu sagen pflegt, Alles

mitnehmen. Er ist, wenn nicht Thorn’s rechte Hand, wenigstens seine

Wertheim’sche Kassa und hat freien Zutritt bei ihm, und was mehr werth

ist, eine schöne interessante Nichte. Der Baron Sembrick, an den dein

Brief lautet und den ich für ganz honett halte, soll sich für sie

interessiren. -- Ich würde aber an deiner Stelle den Brief doch nur

hinschicken und abwarten, was seinerseits geschieht. -- Nummer drei:

-- der Geistliche, Pater Bernhard, kann kein anderer sein, als der

Prior und wahrscheinliche künftige Prälat von St. Martin und hat vielen

Einfluß auf unsern Erzbischof, der jeden Sommer mehrere Tage dort

zubringt. Ich habe bemerkt, daß immer zur Zeit dieser Besuche irgend

ein oberhirtlicher Wetterstrahl über die ungläubige Welt hinfährt. Der

Pater kommt auch oft hieher, und wohnt dann beim Erzbischof. -- Was den

Husaren-Obersten von Plomberg betrifft, so kannst du seinen Fiaker alle

Abende hinter dem Mersey’schen Palais stehen sehen. Plomberg ist der

Geliebte der alten Gräfin, der Schwester der Obersthofmeisterin unserer

Prinzessin Anna. Sie zahlt alle Jahre seine Schulden. -- Schließlich

Hofrath Blauhorn. Die Julie Kollmann hat dir von seiner bösen Frau

gesprochen. Er ist aber doch nur durch +sie+ vom Finanzminister

in die Kommission ernannt worden. -- Ich gebe dir noch als Vermuthung

gratis in den Kauf, daß die beiden schönen Mädchen, wenn sie wirklich

Leonore und Sidonie heißen, die Töchter des Vizepräsidenten Mildern

sind oder vielmehr des Fürsten Leuchtendorf, bei dessen Kassa der alte

Mildern unverschämt genug ist, die Pension seiner Frau persönlich

zu beheben. -- Knorr macht mir den Eindruck eines Menschen, dessen

eine Hälfte klug genug ist, um die andere, verrückte, als Mittel zu

benützen, sich im Freinhof gut füttern zu lassen. Ich will ihm nicht

Unrecht thun, habe aber solche Kerls gekannt, die sich für ihre grobe

Treuherzigkeit mit feiner Kost bezahlen ließen. -- So weit einstweilen

die Steckbriefe. -- Ganz unbekannt ist mir das alberne Subjekt Reiland.‟

In steigender Aufregung hatte Arnold zugehört. Er gedachte des

Augenblickes, wo er durchs Fenster ins Theezimmer gesehen hatte. Es war

ihm als betrachte er einen Hogarth’schen Kupferstich nach gelesener

Erklärung. -- Die Leuchtkugeln Günthers waren doch noch ganz anders

wirksam als die acht Lampenkugeln. Derselbe fuhr fort:

„Wenn du nun Alles zusammenfassest, so wirst du mir erlauben die

Behauptung aufzustellen, daß die ganze Gesellschaft im Freinhof, wie

sie vor Erscheinung der Frau vom Hause beisammen saß, dasjenige ist,

was wir, denen soziale Stellungen nun einmal nie so weit imponiren,

um ein Kind nicht bei seinem Namen zu nennen, ein +Gesindel+

heißen; von jener Gattung Gesindel, die im Salonwasser nicht nur

gleichberechtigt mitschwimmt, sondern, wegen ihrer Leichtigkeit, sogar

meistens obenauf.‟

Arnold hatte gegen den kräftigen Schlußsatz nichts einzuwenden; es

hatte ihm ja selbst weh gethan, sich +ihr+ Bild in +diesem+

Rahmen zu denken.

„Meine Bezeichnung, sagte Günther, ist hart, aber du weißt, daß ich

gewisse Unterscheidungen von ganz, halb und drei Viertel honett nicht

acceptire. Frage dich, ob dieser oder jener Mann, diese oder jene Frau

die volle Achtung deines Vaters und deiner Schwester verdienen -- das

ist der Probierstein -- und Alle, bei denen du +Ja+ sagen kannst,

gehören +herüber+ und alle Andern +hinüber+. -- Nun aber eine

andere, wichtigere Wahrnehmung. -- Es muß dir auffallen, daß alle diese

Elemente im Freinhof ein Gemeinsames haben, noch außer der gebrauchten

Bezeichnung, nämlich: jede dieser Figuren bildet eine Hintertreppe in

eine höhere Region. Du siehst da Telegrafendrähte zusammenlaufen, durch

welche auf die Prinzessin, zwei Minister, den Erzbischof, den alten

Fürsten Leuchtendorf u. s. w. gewirkt werden kann -- alles indirekt

und durch Seitenthüren, nichts gerad und honett, aber vielleicht um so

sicherer. -- -- Ob dieses Zusammentreffen bloß die Folge der chemischen

Verwandtschaft, womit sich dieses Volk überall erkennt und anzieht, --

ob es ein geleitetes, beabsichtigtes ist, dazu habe ich vor der Hand

keinen Schlüssel.‟ --

„Alles was du sagst, nahm Arnold das Wort, hat das Gepräge der

frappantesten Richtigkeit. Es mag sein, daß du in deiner letzten

Hipothese zu weit gehst. Doch hat dieß Alles keine Beziehung auf das,

was +mir+ jener Ort geworden ist. Was gehen mich die übrigen

Besucher dort an? wenn nicht in dem Sinne, daß ich sie auf den Boden

des Sees wünsche, und daß sie Julien vielleicht eben so unleidlich

sind. Wer kann sagen, was sie zwingt, mit allen diesen Gesichtern

freundlich zu sein?‟

-- „Weder du noch ich. Aber das Folgende geht +dich+ an: wenn

der Freinhof ein Punkt ist, wo die besagten Fäden mit Absicht

zusammengezogen sind, so bist +du+ zu einem solchen Faden bestimmt

so gut wie die Andern.‟

-- „Und welcher Prinz oder Minister soll durch +mich+ in Bewegung

gesetzt werden, durch einen unbedeutenden jungen Menschen ohne Rang

und Verbindungen?‟

-- „Keiner; sondern du selbst.‟ -- Günther sprach mit jenem Ernst, der

eben an ihm, im Gegensatz zu seiner gewöhnlichen Laune, um so tiefern

Eindruck zu machen pflegte. -- „Täusche dich nicht hierüber. Gott

erhalte dir deinen Vater lange Jahre, vergiß aber nicht, daß, wenn

er die Augen schließt, du der Herr eines Besitzthums bist, welches

ungefähr eine Million repräsentirt, eine Million in den reellsten

Werthen die sich denken lassen, du bist überdieß -- verzeih die

Impertinenz unter Männern -- ein entschieden schöner Bursche. Weißt du

was das sagen will? Und wenn du albern und häßlich wärst, so ist dein

Vermögen ganz allein hinreichend, um in dir entweder einen Zweck oder

ein Mittel zu sehen.‟ --

-- „Ich gehe noch immer auf Alles ein. Aber alle Namen und alle

Verhältnisse der Personen und deren etwaige Zwecke haben nur dadurch

Interesse für mich, daß sie auf diese Frau Bezug haben; -- welche Rolle

willst du denn +ihr+, die mir nur den Eindruck eines lächelnden

geschmückten Opfers machte, in dieser Gesellschaft, oder diesen

Zwecken gegenüber, anweisen? +Sie+ soll doch nicht die Seele von

Intriguen oder ihre Hand die bewegende Kraft irgend eines unlautern

Getriebes sein? Ich würde dir übrigens Alles vergeben, so lang du sie

nicht gesehen. Weißt du mir denn, nachdem du alle Schattenparthien

beleuchtet, gerade über den hellen, schönen Lichtpunkt nichts zu sagen?‟

„Thatsächliches, über den Lichtpunkt -- Nichts! Daß Kollmann vor

ungefähr dritthalb Jahren hieher gekommen, den Winter über ein großes

Haus gemacht, daß die Frau von allen Frauen verlästert, von allen

Männern gefeiert wurde, daß sie im zweiten Winter verreisten und durch

den Bau des Freinhofes nach der Rückkunft wieder ins Gerede kamen, --

um das zu erfahren, brauchst du +mich+ nicht zu fragen.‟

„Lieber Günther, gestern hast du gesagt, ich hätte dir Nichts erzählt,

-- gabst dich nicht zufrieden, bis ich dich auf den Grund meiner Seele

blicken ließ, und heute hältst +du+ zurück. Deine Meinung über

+sie+ ist es, die ich von dir erwartete.‟

Günther stand auf, stellte sich ihm gegenüber, sah ihm einen Moment

schweigend in die Augen und sagte: „Nun denn --! deine ganze Julie

Kollmann ist eine mit ungewöhnlichen Mitteln begabte +Kokette+!

und wären nicht in dir selbst Zweifel an ihr aufgestiegen, so wäre

dir nicht eingefallen, überhaupt um irgend eines Menschen Meinung zu

fragen. Ich sehe in der affektirten Frase wegen des unversöhnlichen

Hasses, in dem Wechsel von blassen und rothen Dekorazionen, in dem

ganzen geheimnißathmenden Gespräche von Vertrauen und zu gewärtigenden

Opfern, in dem Hinausgehen über alle Grenzen, welche weibliche

Zurückhaltung gegen einen Fremden einzuhalten befiehlt, -- nur eben so

viele Beweise mindestens jener Koketterie, die auch ohne bestimmten

Zweck ihr Feuerwerk vor Jedem spielen läßt, weil sich später ein Zweck

finden kann. -- Auch hat sie gesagt, daß ihr +dein+ Name nicht

+fremd+ sei! Und nun sag ich dir mein Letztes: Ich habe diese

Frau einmal gesehen -- über ihre Schönheit kann nur Eine Stimme sein.

Bist du bloß +verliebt+ in sie -- du kennst die tadelnswerthe

Dehnbarkeit meiner Moral in diesem Punkte, -- so magst du dich,

wenn sie dich erhört, eines der reizendsten Abentheuer auf deiner

Lebensreise freuen. Hast du aber das Unglück sie zu +lieben+, wie

der Franzose sagt ~de la prendre au sérieux~, so ist Alles, was

gut und trefflich an dir, in Gefahr; Alles -- von deinem Herzens- und

Lebensglück angefangen bis -- das getraue ich mir zu behaupten -- bis

zu deinen +Metallfabriken+ herunter. Leb wohl und antworte mir

jetzt nicht.‟

Er bot Arnold die Hand, der sie tief ergriffen faßte und schweigend

drückte; -- seine Augen waren feucht.

So tief er auch vom Anfange der letzten Rede Günthers verletzt war

-- -- in dem Augenblicke fühlte er nicht den Schmerz der Wunde,

sondern nur den Balsam der innigen Liebe, welche in Günthers tiefem

seelenvollen Blicke lag, und in dem schmerzlichen Zuge, welcher über

die sonst so bleichen, nun hochgerötheten Wangen lief.

In heftiger Erregung ging er nach dessen Weggehen einigemale im Zimmer

auf und nieder. Da fiel ihm der Brief an Baron Sembrick in die Augen.

Der mußte denn doch persönlich abgegeben werden.

Zimmerreise.

Edmund von Sembrick wohnte in der Jägerstraße, am entgegengesetzten

Ende der Stadt. Ein Diener in einfacher brauner Livree öffnete das

eiserne Gitter im ersten Stockwerke und fast im selben Augenblicke trat

aus der gegenüber befindlichen Thür ein Mann in schwarzer Kleidung,

mit weißen Haaren und einem klugen Gesichte, welcher Arnold bat einen

Augenblick im Salon zu warten, dessen dunkelbraune hohe Flügelthüre er

öffnete.

Arnold befand sich in einem jener Räume, die durch eigenthümlichen,

individuellen Karakter angenehm berühren, deren Einrichtung kein

Gemeinplatz, keine Zusammenstellung der in den betreffenden Magazinen

von Möbeln und Luxusartikeln vorgefundenen Gegenstände ist, sondern der

Ausdruck des persönlichen Geschmackes, die Ausführung der eigenen Ideen

des Bewohners. -- Die dunkelrothen, mit alten werthvollen Gemälden,

größtentheils Niederländern, bedeckten Tapeten, die hohen, in den

reinsten Renaissance-Formen gearbeiteten Lehnstühle, die Marmorplatte

des Tisches mit acht abgerundeten Ecken, der grüne langwollige, wie

Moos dem Tritte nachgebende Teppich, -- die kunstvolle Zeichnung der

Holzmosaik des Plafonds -- Alles war volle Harmonie in Farbe und Form,

und wo auch der Blick sich hinwendete, fand er einen wohlthuenden

Ruhepunkt und ward durch schöne vermittelnde Linien weitergeleitet.

Der Kammerdiener öffnete nach einigen Augenblicken die schweren

Vorhänge der Thür zu Sembrick’s Kabinet und Arnold stand einer von

jenen Erscheinungen gegenüber, welche nimmer vergessen noch verwechselt

werden können.

Die Natur gräbt zum Ausprägen einiger Gestalten einen +eigenen+

Stempel, den sie dann zerbricht, während die Massen nach gewissen

vorräthigen, ein Paar Tausend verschiedene Typen darstellenden Formen

gegossen scheinen, denen man mit gewissen Varianten immer wieder

begegnet.

Edmund von Sembrick mahnte an ein einziges, -- nur +einmal+

über die Erde gegangenes Vorbild: -- -- der Stempel, nach welchem

+seine+ Züge ausgeprägt schienen, ist vor achtzehn Jahrhunderten

zerbrochen worden. -- --

Es glänzte aber in den Augen dieses Christuskopfes nicht der sanfte

Schimmer der versöhnenden Liebe, sondern das Feuer, vor dem die Käufer

und Verkäufer aus dem Tempel flohen. --

Auch in der Umgebung des Mannes grünten keine Palmen- und Olivenzweige:

-- alte, breite Schwerter, gekreuzte Pistolen, Pulverhörner,

Schrotbeutel, bildeten an der Wand ein von einem geschlossenen Helm

gekröntes Tableau, dessen Devise eben nicht lautete „der Friede sei mit

Euch.‟

Mit stummer Verbeugung erwiederte er Arnold’s Worte: „Ich erfülle

den Auftrag einer Dame, indem ich diesen Brief persönlich übergebe‟

-- erbrach das Siegel, durchflog die Zeilen, und wie groß auch seine

Herrschaft über jedes Zeichen seiner Empfindungen war, verrieth doch

der Schatten, der über die Stirn flog, daß die runden Schriftzüge

verwundende Spitzen für ihn hatten. --

Wenn Arnold, welchem trotz seiner Jugend eine bloße äußere Erscheinung

nicht leicht imponirte, von jener des Barons einen Augenblick

beherrscht war, als ihm dieser im ganzen Nimbus entgegentrat, welchen

die zufällige Aehnlichkeit mit dem alles Erhabenste verkörpernden

Urbilde über seine hohe Gestalt verbreitete, so fand er bei dessen

Kälte, und namentlich beim Anblicke des Waffentableaus, seine ganze

Haltung wieder, und fühlte sich eben als Mann einem Manne gegenüber. --

Sembrick setzte sich, den Brief weglegend, in seinen Lehnstuhl,

wies Arnold einen nebenstehenden und begann: „Die gemeinschaftliche

Bekannte, welche ich meinerseits eine theure, hochverehrte Freundin

nennen darf, spricht den Wunsch aus, daß wir einander kennen lernen,

und es kann mir nur zum Vergnügen gereichen, ihn zu verwirklichen.

Es könnten, wie ich ihre Lage kenne, Verhältnisse eintreten, die ein

Zusammenwirken ihrer wahren Freunde erwünscht machen, und sie scheint

in diesem Sinne auf Sie zu zählen.‟

„Ich halte es für meine Pflicht, zu bemerken, -- sagte Arnold --

daß ich bisher nicht in der Lage war, das Vertrauen dieser Dame zu

rechtfertigen, daß aber, wenn der feste Entschluß hierzu die Grundlage

der von ihr gewünschten Bekanntschaft sein kann, ich mit Freude die

Hand dazu biete.‟

Es war gut, daß Arnold das Handbieten nicht wörtlich gemeint und die

seinige nicht bewegt hatte, denn die Rechte des Barons blieb in der

Brusttasche stecken, als er sagte: „Das Schicksal dieser Frau ist

allerdings ein solches, welches jeden Mann von Herz und Ehre zur

Theilnahme bewegen muß. Es fragt sich eben, ob Ihr Entschluß aus der

Kenntniß der Verhältnisse, was ich bezweifle, oder aus der ihrer

Person hervorgegangen.‟ --

„Mag bei Ihnen das Eine, bei mir das Andere der Fall sein, -- war

Arnold’s Antwort -- so wird das Ergebniß dasselbe sein, sobald wir uns

+offen+ über Dasjenige verständigen, was gethan werden soll, um in

unglückliche Verhältnisse helfend einzugreifen.‟ --

„Es handelt sich hier um +etwas mehr+. Ich brauche nicht zu

sagen, daß der Eindruck Ihrer Persönlichkeit auf mich vollkommen dem

Sinn dieser Zeilen entspricht. Allein, -- Sie werden einem Manne,

durch dessen Hände in einem bewegten Leben viele Angelegenheiten der

schwierigsten und vertrautesten Art gegangen sind, zu Gute halten, wenn

sein Gang ein wenig rascher ist als der einer jungen Frau. Ich verreise

heute für einige Tage und behalte mir vor, Sie nach Beseitigung einiger

Hindernisse mit Dingen bekannt zu machen, für welche wohl der Rahmen

unseres ersten Gespräches zu eng wäre. Ich werde auf Sie als einen

Gentleman im vollen Sinne zählen können.‟

Arnold konnte durch sein rasches Aufstehen kaum dem des Barons

zuvorkommen; er richtete sich vor diesem mit allem Stolz, der ihm zu

Gebote stand, auf, und sagte: „Ich +hoffe+, mich des Gleichen

zu Ihnen versehen zu dürfen, Herr Baron, und in dieser Voraussetzung

werde ich Vorschläge zur Mitwirkung für eine gute Sache bereitwillig

empfangen.‟

Der Baron neigte den Christuskopf schweigend mit einem kalten Lächeln

und abermals war, wie am rothen Kreuze, eine Geisterbrücke zwischen

zwei Augenpaaren aufgebaut, -- aber die beiden Seelen am Ende derselben

standen einander gegenüber, wie zwei mit gezogenen Kanonen bespickte

Brückenköpfe.

Als die schweren Thürvorhänge wieder zwischen ihnen lagen, nahm

Sembrick Juliens Brief wieder zur Hand und ein innerer Vulkan schien

die künstlichen Eisfelder auf den ausdrucksvollen Zügen zu schmelzen,

als er die Zeilen wiederholt überlas. Sie lauteten: „Ich wünsche, daß

Sie mit dem Ueberbringer, Arnold, dem Sohne des Besitzers von Korbach,

bekannt werden. Ich darf nach dem, was ich durchlebt, auch mit meinen

einundzwanzig Jahren von Menschenkenntniß reden, und sage Ihnen, daß

er ein Mann ist, auf den Sie zählen können. Wenn Sie des letzten

Gespräches zwischen uns gedenken, wo Sie ausriefen: „Nur noch Eine

treue, verläßliche Hand!‟ ohne sich näher über das, was Sie für mich

ersonnen, zu erklären, so werden Sie meine Zeilen vollkommen begreifen.

Man sieht auf den Grund eines tiefen Wassers, wenn es rein ist.

Das seichte gilt oft für tief, wenn es trübe. Wozu ich eine Stunde

gebraucht, dazu wird Ihrem Blick eine Minute genügen.‟ --

„Grenzenlose Unbesonnenheit! rief Sembrick aus, -- -- und eben diesen!

-- Wohl hast du ihn recht gesehen, Julie -- aber dieser Verbündete wäre

schlimmer als ein Feind! -- ein tiefes, reines Wasser nennst du ihn --

du hast hineingeschaut bis auf den Grund -- dein Bild darin gesehen --

genug um das Auge hineinzutauchen, bis die Seele nachsinkt.‟ --

Er wurde in dem Nachsinnen, das diesen Worten folgte, durch den

Eintritt des Kammerdieners unterbrochen, welcher meldete, Herr Reiland

wünsche seine Aufwartung zu machen. --

„Soll sogleich hereinkommen.‟ --

Er nahm wieder seinen Platz ein, und grüßte den Eintretenden mit einer

Handbewegung und den Worten: „Sie kommen wie gerufen.‟

„Ich bin sehr glücklich, Herr Baron,‟ --

„Das freut mich, und ich werde noch mehr dazu beitragen, wenn Sie

schnell und treu berichten.‟

„Ergebenst zu dienen. Am Montag hat die ganze Gesellschaft, von der

ich geschrieben, den Freinhof verlassen. Auch der fremde junge Mann,

Herr Korbach; Frau von Kollmann hatte eine Unterredung mit ihm allein.

In der Nacht war Herr von Kollmann eingetroffen, -- die Frau war eine

Stunde bei ihm, und sie ist in sehr leidendem Zustande auf ihr Zimmer

gekommen.‟

„Wollen Sie mir gefälligst Nachmittags Alles berichten, was Sie über

die Verhältnisse dieses Korbach bis dahin erfahren können. Ich reise

Abends weg. -- Was machen die Ehrenschulden?‟

„Ich gestehe, daß meine Posizion in der Gesellschaft gefährdet ist,

wenn nicht ein wohlwollender Freund‟ -- --

„In Ermangelung eines Freundes -- sagte der Baron mit verächtlichem

Lächeln, wird auch ein einfacher Darleiher auf Nichtwiederzahlen

genügen‟ -- und reichte ihm eine Banknote aus dem Portefeuille. -- „Was

für eine ostensible Rolle spielen Sie denn eigentlich im Freinhofe?‟

„Ach, Herr Baron, man gilt eben durch seine Persönlichkeit; -- wenn

man einmal vorgestellt ist, handelt es sich darum, den Damen angenehm

zu sein, sich mit den Männern auf guten Fuß zu setzen. Auch mit dem

sonderbaren Knorr ist mirs gelungen. Er hat mir angetragen Du zu sagen,

aber auf so eigenthümliche Weise, -- er meinte, ich meinerseits könne

Sie zu ihm sagen, wenn ich wolle, es sei ihm sogar lieber, -- nur

+er+ bringe es nicht über die Lippen; man darf aber an diesen

Menschen nicht unsern Maßstab anlegen.‟ --

„+Unsern+ Maßstab?‟ wiederholte der Baron, seinen Kopf langsam an

der Stuhllehne gegen Reiland wendend -- „wenn ich mich recht entsinne,

so sind Sie bei einer frühern Gelegenheit von Knorr durchgeprügelt

worden? Das ist vermuthlich mit +Ihrem+ Maßstabe geschehen.‟ --

„Es ist wahr, sagte Reiland, dessen Gesicht mit einer rothen

Brühe übergossen war, -- daß dieser Mensch sich in einem seiner

ungeschliffenen Scherze an mir vergriffen, allein die Sache wurde

schnell ausgeglichen -- die Frau vom Hause wußte Alles in ein so

humoristisches Licht zu setzen.....‟

„Ich weiß, ich weiß -- doch genug für jetzt. Leben Sie wohl, Reiland,

und geben Sie sich Mühe!‟

„Ich werde die Ehre haben, nach dem Speisen aufzuwarten.‟

„Wenn Sie nirgends geladen sind, speisen Sie mit Weinrotter.‟

So hieß der alte Kammerdiener des Barons und Reiland nahm die Einladung

mit Vergnügen an. Es gibt eben geborne Bedientenseelen und im

Verhältnisse zu ihrer Gesammtzahl stecken wenige in Livree. Das Kleid

verändert sie auch nicht. Man ziehe ihnen Staatsuniformen über, stelle

sie auf jeden Platz, wo es gilt „Herr‟ zu sein -- und wenn sie vor

Tausenden aufrecht dastehen, +Einer+ wird einmal vorüberfahren,

dem sie den Kutschenschlag zu öffnen, den Mantel nachzutragen bereit

sind, -- wenigstens in moralischem Sinne. -- Reiland wird in einem

fremden Lande, wo ihn Niemand kennt, ohne Bedenken seinen Panama-Hut

mit einem Cilinder mit silberner Borte vertauschen, um den Preis einer

Löhnung, welche das Einkommen übersteigt, das er von Sembrick bezieht.

Vielleicht auch von Andern. -- Er ist noch kein eigentlicher Schurke,

-- er wird noch roth, wie wir gesehen. Die Natur hat eben vergessen

in seinen Teig den Gährstoff zu mischen, und ihm gerade so viel Scham

gelassen, um +vor einem Andern+ zu fühlen, was er Ehrloses gethan.

+Allein+ wohl niemals.

-- -- Sembrick aber überließ sich nun ganz dem Eindrucke des Briefes.

Sein edles Antlitz war ein Kampfplatz von Zorn und Schmerz -- in seiner

Seele kämpfte vielleicht der Engel mit dem Teufel -- Sankt Georg mit

dem Drachen -- der Genius des höheren Menschen mit dem durch Grundsätze

gezähmten Raubthiere der Leidenschaft. -- Wie war es möglich, daß diese

Hand, welche für das breite Ritterschwert geschaffen schien, sich eines

Gewürmes wie Reiland bediente? -- Vielleicht dachte der Christuskopf,

daß die Nachfolger seines Urbildes sich ja auch der Inquisizion

bedienten?

Er schien endlich mit einem Entschlusse im Reinen; abzureisen hatte er

wirklich vorgehabt, nur das Ziel wurde verändert.

In nicht geringerer Aufregung, als in welcher Sembrick zurückgeblieben,

war Arnold die Treppe hinabgegangen. -- Der Baron hatte ihn nicht nur

in der Sache, sondern auch in der Form in einer solchen Entfernung

gehalten, daß ihn neben der breiten Wunde des beleidigten Stolzes auch

der feine tiefe Stich der verletzten Eitelkeit brannte, so wenig er

auch von letzterer in sich hatte.

Sembrick hatte Julie eine theure hochverehrte Freundin genannt. Julie

hatte gesagt, sie habe einen einzigen +starken+ Karakter gekannt,

der jenes „unversöhnlichen Hasses‟ fähig. Das war Sembrick! -- trotz

aller der ewigen Liebe abgeborgten Linien seines Gesichtes. -- Dann

überdachte er seine eigenen Worte, und war wenigstens mit seiner

Haltung gegen den Baron am Ende des Gespräches zufrieden. Aber Alles

war ja Nebensache gegen die wahrhaft brennende Frage: in welcher

Beziehung steht dieser Mann zu +ihr+?

Er hing, wie der Taucher, im Wirbelwasser der Zweifel, von Haifischen

und Molchen der Eifersucht umringt, aber aus der Tiefe ragte das

Felsenriff des Glaubens -- an den einzigen langen tiefen Blick,

der den Worten: „Ich vertraue Ihnen‟ -- auf ihrem Wege über dunkle

Rosen geleuchtet.. und er hielt es fest. -- -- Doch fühlte er, daß

er +kämpfe+, daß er den Schatz dieses Vertrauens gegen Etwas

+vertheidige+. --

Seine Natur ließ ihn nicht lange in der Tiefe der Charibde hangen --

an den spitzen Korallen. Den Becher der Hoffnung, daß +sie+ aus

Allem rein hervorgehen müsse, in der Hand, tauchte er kräftig auf in

die ihn rufende Welt der Wirklichkeit, der unerbittlichen materiellen

Beschäftigung.

Wer ihn eine Stunde später im Comptoir sah, und hörte, wie er die neuen

Bestellungen des Marine-Kommando’s mit dem Geschäftsführer besprach und

nach allen Gesichtspunkten erörterte, der konnte in den ruhigen, in die

Rechnungen vertieften Augen nichts von dem lesen, was seit dem Morgen

durch die Seele gegangen war.

Und er selbst ahnte noch weniger, was der Abend bringe.

Er suchte an demselben Günther auf. Dieser lachte ihn aus und sagte:

„Ich habe mir von der persönlichen Uebergabe nichts Erquickliches

versprochen; übrigens hast du deine Sache, nach den Umständen, gut

gemacht, -- Rückzug mit etwas dünnen, kriegerischen Ehren, wenigstens

todesmuthig, wenn nicht siegesmuthig. Ich bin aber, trotz der Meinung,

die ich so unverhohlen und, ich gestehe es, rücksichtslos über die

Kollmann aussprach, überzeugt, daß sie +diese+ Wendung nicht

beabsichtigte. Sie glaubt offenbar mehr über ihn zu vermögen, als der

Fall ist.‟

„Das Schlimmste ist nur,‟ rief Arnold mit einem Aerger, in dem einmal

seine ganze Jugendlichkeit zum Vorschein kam, „daß nun alle Wege, alle

Brücken zwischen mir und dem Freinhofe abgerissen sind! Ich war ja nur

hingegangen, um mir einen Verkehr mit +dort+ zu erhalten! Jetzt

stehe ich vor der chinesischen Mauer!‟ --

„Armer Kalaf! sei ruhig und glaube mir, die Turandot wird +selbst+

den Schleier zurückschlagen. Und wenn du +nicht+ ihr Kalaf bist,

-- bedenke die Möglichkeit -- wenn Sembrick es wäre, so wird es dir

nicht schaden, wenn du deinen Kopf noch ein Paar Tage herumträgst.‟

„Und +wenn+ er es ist,‟ sagte Arnold entschieden, „so werd’

ich, weiß Gott, meinen Kopf behalten; das Herz hat damit nichts zu

schaffen. Halte mich auch nicht für so blind und taub, daß ich das

Richtige in deinen Urtheilen nicht unterscheide. Ich gestehe dir ja,

daß ich mir selbst Fragen über Julie stellen muß, die ich noch nicht

lösen kann, wie es mein Herz verlangt.‟ --

„Vielleicht sind wir der Lösung in einer halben Stunde näher: damit

du siehst, daß ich keine Schadenfreude über die abgebrochnen Brücken

habe, baue +ich+ dir selbst eine. Mittags erhielt ich einen Zettel

von meinem alten Freund und deinem ehemaligen Meister, dem gar zu

vortrefflichen Harkeboom -- sagte Günther, den Namen eine Elle lang

ausziehend im norddeutschen Accent. -- Harkeboom hat die Ferientage zu

einem Ausfluge benützt, von dem er mit verletztem Fuße zurückgebracht

worden, und da ich nicht glaube, daß alle Professoren der Akademie sich

in das Gebirg geworfen und die Beine gebrochen haben, so ist +er+

es, von dem dein Schiffer erzählte, -- das unglückliche Opfer, welches

Julie auf den Wetterstein geführt. Er bittet mich, ihn zu besuchen,

wird sich jedenfalls ungemein freuen dich wiederzusehen, und wenn du

willst, so gehen wir gleich.‟

Günther handelte nicht ohne eine kleine Perfidie. Als Arnold ihn rasch

umarmte und nach dem Hute griff, dachte er: freue dich nicht zu sehr!

Er rechnete auf das ruhige, nicht leicht zu bestechende Urtheil des

im reifsten Mannesalter stehenden, gebildeten und liebenswürdigen

Künstlers.

Es war ziemlich spät am Abende, als sie bei ihm eintraten. Der

Professor saß aufrecht im Bette, ein Buch lag auf der rothen

Seidendecke.

„Wer kommt?‟ rief er mit seinem vollen schönen Organe. --

„Gute Freunde!‟ erwiederten die Beiden, welche erst die Staffelei

umgehen mußten, welche mitten stehend das Kabinet in zwei Hälften

theilte.

„Ach das ist doch gar zu schön, Ihr lieben, vortrefflichen Menschen,

daß Ihr des alten Harkeboom nicht vergeßt, und nu gar mein treuer guter

Korbach!!‟ Und so klang es fort in gemüthlicher Breite und mit einem

gewissen wohltönenden Pomp aus der breiten Brust des Professors, dessen

kahler Vorderkopf und wasserblaue freundliche Augen sich zu Sembricks

Erscheinung verhielten, wie ein Albrecht Dürer zu einem Salvator Rosa.

Schwerlich konnte Günthers Kreuzzug zur Bekehrung des Freundes mit

einem unglücklicheren Manöver beginnen als mit dem, freilich durch

die Terrainverhältnisse gebotenen, Flankenmarsche um die Staffelei,

auf welcher ein fertiger Freinhof mit angefangenem Wetterstein auf

schwarzem Wolkengrunde wie eine maskirte Batterie lauerte. -- Ein Blick

Arnolds hatte Günther über die Wirkung ihres Feuers belehrt.

Der Professor hatte seine Erzählung des Ausfluges begonnen und

seinen Unfall beschrieben „und wie dann der Herr Knorre, ein gar zu

köstlicher, origineller Mensch, ihn mit seiner Riesenstärke eine volle

Stunde weit geschleppt, und die liebenswürd’ge Frau Kollman, ein

wahrer Schatz von einem Frauchen, neben ihnen hergegangen, und daß er

über ihrem herzlichen Geplauder fast seines Schmerzes, und einer ganz

unbeschreiblich ergreifenden Szene vergessen;‟ -- -- --

„Aber wie haben Sie denn eigentlich, -- Sie unverbesserlicher alter

Sünder -- unterbrach ihn Günther, diesen Schatz von einem Frauchen

kennen gelernt?‟

„Sehr einfach, sagte der brave Mann nach einem Gelächter „wie Orgelton

und Glockenklang,‟ sie ist im Frühlinge in mein Atelier gekommen und

hat zwei Bilder bestellt, -- es war eben ganz kurze Zeit nachdem ich

den Unterricht der Prinzessin Marie übernommen hatte.‟

Arnold erhielt einen nicht sehr leichten Tritt auf seinen Fuß, womit

Günther den Zuwachs einer neuen Hintertreppe bezeichnete.

„Dann erhielt ich, fuhr Harkeboom fort, eine gar freundliche Einladung

nach der schönen Besitzung, wo ich die Feiertage zubrachte, und in der

Frau des Hauses eine ganz treffliche Dilettantin fand. -- Da habe ich

den ganzen Tag Studien gemacht -- unter andern die Ansicht, die ich

dort auszuführen angefangen -- das ist der Wetterstein; aber was meine

Gedanken am meisten beschäftigt, das konnte ich nicht hineinmalen.

Diese Frau hatte die Parthie nach diesem Berge projektirt, und als

sie widerrathen wurde, so ernst und entschieden erklärt, sie gehe

allein, daß ich mich denn doch schämte. Herr Knorre sagte, sie wäre vor

einem Jahre an demselben Tage hinaufgegangen. Nun hatten wir die Höhe

erstiegen, welche ganz senkrecht nach dem See zu abfällt, -- da macht

sie uns ein Zeichen, zu bleiben, und steigt auf einen etwa ein Paar

hundert Schritte höheren etwas überhängenden Vorsprung des Felsens,

sieht einen Augenblick hinunter, dann kniet sie nieder; Knorre sagt:

„Lassen wir sie mit ihrem Herrgott allein, sie ist ihm doch dort um

zweihundert Klafter näher als unten am See.‟ -- Nach einiger Zeit

kommt sie vom Gipfel herunter; -- ich habe in meinem Leben kein so

ergreifendes Bild gesehen... die Spuren der Thränen auf den Wangen,

die Locken im Winde fliegend, ein Zucken um die Lippen und eine Flamme

in den Augen, wie von der ungeheuersten schmerzlichsten Erregung; --

wenn die Frau da oben gebetet, so wars kein Herr dein Wille geschehe,

sondern ein Gebet um einen Wetterstrahl aus den rings aufsteigenden

schwarzen Wolken, ob auf ihr eigenes Haupt oder ein anderes, das weiß

der, an den’s gerichtet war! Das Bild möcht ich malen können: ich habe

denn doch eine Skizze versucht -- -- es ist eben nicht ganz mißlungen

-- ach wollten Sie wohl, lieber Korbach, sich die Mühe nehmen den

grünen Karton dort am Fenster zu öffnen -- da liegt’s ganz oben!‟ --

Im nächsten Augenblicke hielt Arnold mit zitternder Hand das Blatt

gegen das Licht; es zeigte einen mit kühnen Strichen meisterhaft

hingeworfenen Umriß.

„Obgleich nun, erzählte der Künstler weiter, die Frau sich keine

Mühe gab, die Zeichen ihres Gemüthszustandes zu verbergen, so lag

in den ersten Worten, die sie an uns richtete, ein so entschiedenes

Ablehnen jeder Frage oder Theilnahme, daß von einem Besprechen dieser

Szene keine Rede sein konnte, und nach kurzer Zeit war sie in den

gewöhnlichen Ton übergegangen. -- Wir sind doch einverstanden, meine

Freunde, daß der Moment der Skizze, von der sich Arnold heute nicht

mehr trennen zu wollen scheint, unter uns bleibt? Es muß da ein

psychologisches Geheimniß dahinterstecken, das wir ehren wollen. -- Da

seht Ihr immer das Bild an! Gallait hätt’s freilich anders gemacht; ich

konnt’ es noch nicht herausbringen, -- aber Etwas habe ich mir doch

mitgenommen -- ihre herrliche Hand, die ich in Gyps modellirt habe --

-- reine Antike! -- ach lieber Günther, ziehen Sie doch gefälligst den

Vorhang von jener Etagère weg!‟ -- --

Ehe er aufstehen konnte, hatte Arnold das weiße Modell auf rothem

Marmorsockel enthüllt, -- und während Harkeboom seinem vormaligen

Schüler begreiflich machte, daß man ein Modell nicht mittelst Anfühlen

und Wärmen in der Hand, sondern mit dem Auge studiere, hatte Günther

Zeit, die Resultate des kurzen Feldzuges zu betrachten. --

Das Freinhofgemälde, die Erzählung, die Hand, die Aquarell-Skizze --

das war Montebello, Palestro, Magenta, -- Solferino. Er trat einen

Augenblick vor den Spiegel und sagte ganz leise zu seinem Bild: O König

Wiswamitra, was für ein Ochs bist du! -- oder warst du heute... Doch --

früher oder später +mußt’+ es so kommen.

-- -- -- Die Freunde gingen schweigend nebeneinander. Endlich begann

Arnold:

„Ist das auch Koketterie?‟

„Nein. -- Um so schlimmer; was soll werden?‟

„Gehandelt muß werden!‟

„Wie das? Da du unter Handeln schwerlich ein Beseitigen Kollmanns

verstehen wirst, von einem einfachen Abenteuer aber, wie ich nun

erkenne, keine Rede sein kann, so sehe ich nur das selige Elend eines

ziel- und endlosen Verhältnisses, welches entweder ins Materielle

herabsinkt, oder in welchem, wenn es oben schweben bleibt, deine ganze

selbstständige Existenz aufgeht.‟

„Ich handle nicht +um+ sie, sondern +für+ sie. Unter Handeln

verstehe ich das Aufbieten aller meiner inneren und äußeren Mittel,

um den Schleier zu zerreißen und, was Feindliches für sie dahinter,

zu bekämpfen. Halte mich aber nicht für so blond-gemüthlich und

germanisch-treuherzig, daß ich ohne Bienenkappe in das Wespennest

steche. Ich bin durch dich vor dieser Umgebung gewarnt. Wenn ich noch

heute früh fragte, was sie mit einem unbedeutenden jungen Menschen

vorhaben können, fühle ich mich nun bedeutend genug, für meine erste,

einzige, herzinnige Liebe ihnen Allen den Handschuh hinzuwerfen. -- Und

wenn du mich meine Geschäfte mit lässiger Hand führen siehst, wenn ich

träume, statt zu arbeiten, wenn ich über dem Pochen meines Herzens die

Hämmer in Korbach vergesse, dann, und nicht früher, erlaube ich dir zu

sagen, daß meine Selbstständigkeit in einem seligen Elend aufgegangen.

Dich aber bitte ich, mir mit deinem scharfen Auge zur Seite zu stehen,

welches eben nur dort irrte, wo es nicht +selbst+ gesehen.‟

-- Günther wußte, was er für heute von seinem scharfen Auge zu halten

habe, erwiederte aber -- der vollendeten Thatsache gegenüberstehend --

mit Nachdruck und Herzlichkeit: „So lange ich zu leben habe, rechne auf

mich, -- Gott mit dir!‟ -- -- -- -- --

Arnold war am nächsten Morgen in froherer, selbst ruhigerer Stimmung

erwacht, als an beiden vorigen Tagen. Er war vollkommen klar über

sein Gefühl geworden. Aber bald empfand er, daß nichts eine bestimmte

Gestalt gewonnen, als eben nur sein eigenes Gefühl. Er stand gerüstet

da, das Silberschild der jugendlichen Zuversicht am Arm, das Schwert

des festen, von Liebe entflammten Willens in der Hand, -- es fehlte

nichts als nur der Feind. Nicht einmal der Schleier, hinter dem er

lauern sollte, war zu fassen.

Günther suchte er nicht auf. Er scheute sich, nach dem erlassenen

Manifeste: „Gehandelt muß werden!‟ in seiner dermaligen Rathlosigkeit

vor ihn zu treten, und fürchtete ein gewisses lächerliches Streiflicht

von Don Quixote, -- Prinzessinnen befreien, -- Riesen erlegen. -- Desto

lebhafter interessirte er sich für den Zustand des wackern Professors,

den er in drei Tagen zweimal besuchte. Allein der Deckel des Kartons

lag plump und dumm auf der Skizze und die Hand auf dem rothen Sockel

rührte keinen Finger, um den Vorhang wegzuschieben. Harkeboom sagte

ihm mit dem herrlichsten Organ gar zu gute und herzliche Dinge, war

aber, mit leichten Wendungen, nicht wieder auf den Wetterstein zu

bringen, und einen Satz, welcher ungefähr gesagt hätte: Herr, ich bin

da, um Etwas von Julie Kollmann zu sehen und zu hören, -- brachte er

nicht über die Lippen. -- Da die Hand und das Bild unsichtbar blieben,

überließ er das Bein Harkebooms dem natürlichen Heilungsprozesse und

ging nicht weiter hin. --

Tag auf Tag verging: er mußte Schwert und Schild an die Wand hängen.

Kaum vermochte das Eiswasser der Arbeit seinen heißen Aerger zu kühlen.

-- -- Ereignisse von eingreifender Bedeutung fliegen selten einzeln,

meistens in Schaaren, wie Zugvögel am Himmel unseres Lebens auf, --

seien es Schwalben, die einen Frühling bringen, oder Krähen, die eine

Leiche wittern. Nachdem eine Woche lang an Arnolds Firmamente nichts

aufgeflogen, als das Sperlingsgewimmel der täglichen Geschäfte, trat

ihm eines Abends der Comptoirdiener mit zwei Vögeln von unbekanntem

Gefieder, -- zwei Briefen von fremder Hand entgegen.

Der eine lautete: „Ich bitte Euer Wohlgeboren, mich wo möglich morgen

zwischen drei und vier Uhr mit einem Besuche zu beehren, zum Zwecke

einer, wie ich annehmen darf, für Sie interessanten und erfreulichen

Mittheilung. Mit größter Hochachtung u. s. w. -- Blauhorn, Hofrath.‟ --

Der zweite enthielt eine Visitenkarte: ~P. Bernardus, Prior Conventus

Sti. Martini~, -- und die darunter geschriebenen Worte „ersucht

~p. t.~ Herrn Korbach ~jun.~ sich morgen vier Uhr gefälligst

zu ihm in das Erzbischöfliche Palais zu bemühen.‟

Die gegebenen Stunden trafen so aufeinander, daß eben Zeit bleiben

mochte für den Weg vom Staat zur Kirche. -- Arnold gab sich keine

vergebliche Mühe zu errathen, was die Brieftauben brächten. Was an

ihrem Halse hing, war allerdings nicht vom Freinhofe, aber die Hand,

die sie fliegen ließ, konnte nur dort zu finden sein. --

-- -- -- Der Hofrath wohnte dem Finanzministerium gegenüber. Der

Minister, Graf Breuneck, konnte in seine Fenster sehen und that es

auch; ein Umstand, den Herr von Blauhorn nicht versäumte gegen jeden

Besuchenden hervorzuheben.

Als Arnold dem Diener seine Karte gab, sagte dieser, der Herr habe

befohlen ihn sogleich in sein Kabinet zu führen.

„Ich kann nicht umhin, Herr Hofrath, begann Arnold, Ihnen vor Allem

ein Wort des Bedauerns über meine, wie ich mich baldigst überzeugte,

ungegründete, jedenfalls voreilige Bemerkung am rothen Kreuze zu

sagen, und bitte, dieselbe der Vergessenheit zu übergeben.‟

„Sie wäre mir nie wieder eingefallen, wenn Sie mich nicht daran

erinnerten. Uebrigens war der Schein zu sehr gegen mich. Ein

ritterlicher junger Mann konnte kaum anders sprechen. -- Doch nun

zum Gegenstande unserer Unterredung. -- Wir haben, wie Sie wissen,

eine Kommission gebildet, deren Aufgabe es ist, zu ermitteln, auf

welche Weise unsere Finanzlage verbessert werden könne. Dieselbe

hat ihre Arbeit nahezu vollendet, welche nun einer Prüfung in der

höchsten Region unterzogen werden soll. -- Es sollen zu diesem Zwecke

von der höchsten Behörde, dem Reichssenate, zeitweilige berathende

Mitglieder aus den verschiedenen Ständen zugezogen werden, von denen

eine gediegene Ansicht in ihrer Sfäre zu erwarten. Es ist mit größter

Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß den Mitgliedern des auf solche

Weise vielleicht um die doppelte Anzahl der bisherigen vermehrten

Senates eine Anzahl anderer hochwichtiger Gegenstände zur Berathung

vorgelegt werde, nach jenem, welcher ursprünglich seine Neugestaltung

motivirte. -- Sie begreifen die ganze Wichtigkeit eines solchen

Postens. Der Name Ihres geehrten Herrn Vaters hat in den industriellen

Kreisen einen Klang wie wenige; seine Erfahrungen, vielseitigen

Kenntnisse und erprobte Gesinnung sind allgemein anerkannt, und es

dürfte sich die ehrenvollste Gelegenheit finden, sie zur Geltung zu

bringen. Se. Excellenz werden auf die Wahl der erwähnten zeitweiligen

Senatsmitglieder -- denen übrigens ein bleibendes Zeichen der

Anerkennung nicht fehlen dürfte -- einen gewissen Einfluß nehmen,

-- und es ist mir die Andeutung gemacht worden, daß die Zuziehung

Ihres Herrn Vaters den Absichten Sr. Excellenz entsprechen würde. Ich

habe, von Ihrer Anwesenheit zufällig in Kenntniß, nicht gesäumt, die

Ermächtigung des Ministers zu meiner heutigen Mittheilung vertraulich

einzuholen, und ersuche Sie, als das natürliche Organ, über dieselbe

mit Ihrem Vater zu sprechen. Es könnte, so wenig eine Ablehnung

denkbar, ein Hinderniß seinerseits obwalten, und ein etwaiger direkter

Antrag Sr. Excellenz muß gegen jedes Nichteingehen gesichert werden.‟

„Ich danke für die mich ehrende Wahl zur Vermittlung‟ --

„Es handelt sich um keine Vermittlung, sondern um ein indirektes

Sondiren, ob Ihr Vater die ihn vor allen Standesgenossen ehrende

Auszeichnung auch in diesem Sinne auffasse.‟

„Ich glaube nun meinen Auftrag‟ --

„Verzeihen Sie, lieber Herr Korbach, es ist auch kein Auftrag, sondern

eine vertrauliche Insinuazion von mir.‟ --

„Ich werde meinen Vater fragen, ob er zeitweiliges Mitglied des

+Reichssenats+ zur Prüfung der Kommissionsarbeit werden will -- sagte

Arnold mit offenem Lächeln, das Spinnengewebe der Unterscheidungen

durchreißend -- ich werde Ihnen dann die +Antwort+ sagen, und Sie,

verehrter Herr Hofrath, werden das +Weitere+ machen.‟

„Ich glaube wenigstens, die Meinung Sr. Excellenz richtig aufgefaßt --

-- da sehen Sie, der Herr Minister sieht eben herüber -- mein ganzes

Haus liegt offen vor meinem Chef -- -- was wollte ich doch sagen‟ --

-- Graf Breuneck hatte sich wirklich drüben gezeigt und einen Blick

herübergeworfen, aber die Schußlinie desselben schien Arnold nicht in

das Fenster des Kabinets, sondern in ein anderes einzufallen. --

Da der Hofrath den verlornen Faden nicht wiederfand, so empfahl sich

Arnold und schritt, von ihm begleitet, durch das anstoßende Zimmer,

wo die schöne böse Frau, deren Julie erwähnt hatte, im Fenster stand.

Sie wendete sich um, erwiederte seine Verbeugung mit freundlich

würdevollem Kopfneigen und ließ einen Blick von Schutz und Gnade an ihm

hinabgleiten.

-- -- Er hatte gestern zu Günther gesagt: „Ich werfe ihnen Allen den

Handschuh hin!‟ Das schienen eben keine +Feinde+. +Waren+ es aber

Feinde, so mochten sie sich wohl -- das fühlte er -- nicht bedenken,

den Handschuh aufzuheben.

Es war ihm keine Zeit gegeben, für jetzt über Blauhorn’s Mittheilung

nachzudenken, denn nur eine Entfernung von wenigen Minuten trennte ihn

vom erzbischöflichen Palais.

-- -- Er wurde in die Wohnung des Pater Bernhard, und, da dieser eben

beim Erzbischof, über lange Gänge in einen großen Saal geführt, wo er

sich in ein mit rothem Sammet gepolstertes Sofa mit weißem Gestell und

Goldleisten setzte und lange wartete.

Der Eindruck der jetzigen Umgebung überwog den der eben erhaltenen

Mittheilung. -- Der Auftrag Blauhorn’s hatte seine Gedanken bereits zum

Vater, in die Heimat geleitet: in dem erzbischöflichen Saale gedachte

er nun des Pfarrgartens in Korbach, -- wie da die Rosen dufteten und

Weinranken die Fenstergitter umspannen. Wie da Alles grünte und blühte,

als wären Worte Gottes vom Abendwinde aus der Kirche herübergetragen

worden und befruchtend auf das Gartenland gefallen, zum Dank für die

Lindenblüthen, die durch das offene Fenster auf die Kanzel geweht

wurden. Wie war da Alles frohes Leben und thätige Liebe! Er gedachte

auch des Klosters Sankt Martin, wo der Kreuzgang den kleinen Garten

voll Blumenpracht und Sonnenglanz umschloß, und die nickenden Schatten

der jungen Birken auf den Gesichtern der alten Aebte spielten, deren

Bilder in langer Reihe die Wand bedecken. Der Ruß von Jahrhunderten

liegt auf diesen weingrünen Fässern des heiligen Geistes, aber die

Augen blicken noch glänzend und heiter, voll Glaubenskraft.... In

allen Erinnerungen seiner Kindheit tönt der Lerchentriller mit dem

Glockenklang zusammen. -- Er hatte das heilige Wort nur aus dem Munde

des würdigen, freundlichen Pfarrers vernommen, der von der Kanzel

herabstieg, um das zu vollbringen, was er oben gesprochen.

Die Kirche war klein und eng, die Klosterhallen dumpf, und doch hatte

er so frei darin geathmet, doch flogen Gefühl und Gedanke so hoch über

das goldne Thurmkreuz hinaus!

Und hier in dem hohen, weiten Saale fällt es ihm so schwer auf die

Brust, drückt ihn eine schwüle, den Geist narkotisirende Luft.

Es ist nicht die gewöhnliche, allbekannte geistliche Atmosfäre, die

sich analisiren, materiell erklären läßt: dieselbe besteht einfach

aus etwas Weihrauch, der von der Kirche herüberdringt, gewissen

Exhalazionen der Gewänder, alten Schränke und Bücher, -- Weinduft, und

dem Abgang jener wahren, vollkommenen Sauberkeit, welche nur das Werk

einer sorgenden Hausfrau.

Was +hier+ drückt, ist nichts Materielles, sondern etwas

rein Geistiges. -- Es ist eine Gespensterfurcht, die eben nur den

ungläubig Eintretenden zur Strafe befällt. Er sieht den Geist des

geheimen Staatsministeriums des +Dogma+, -- den Gegensatz zur

lebendigen Kraft der christlichen +Liebe+; -- das Gespenst des

Torquemada, wie es am hellen Tage in den modernsten Gestalten durch

die parkettirten Säle zieht. -- Das ist eben Vision des Unglaubens!

Der Fromme ist gefeit dagegen und weiß, daß unsere Kirchenfürsten sich

nicht träumen lassen jene Zeit heraufzubeschwören! -- -- +Wozu+

auch?

Arnold war nicht gegen die Gespenster gefeit: er glaubte jeden

Augenblick eines aus der hohen Flügelthür treten zu sehen. -- Es trat

endlich der Dünnste unter den „Dünnen‟ des Anastasius Grün heraus,

-- das Gesicht, dem er im Freinhofe die Palme der Unausstehlichkeit

gereicht, und das ihm heute weniger so erschien, weil es ernst war, --

nicht so liebreich! so schelmisch! --

„Ich habe Sie lange warten lassen, werther Herr Korbach, da ich eben

mit Sr. Erzbischöflichen Durchlaucht die Angelegenheit besprochen,

um deretwillen ich Sie bitten ließ. -- Ihr Vater hat durch seine

glänzende Munificenz in Betreff der Erbauung der, wie wir vernehmen nun

vollendeten neuen Kirche in Korbach den schmerzlichen Eindruck mehr

als verlöscht, welchen seine Haltung dem Protestantismus gegenüber,

oder leider vielmehr diesem zur Seite, auf das Herz unseres Oberhirten

gemacht hat.‟

Dissolving Views: Romanfragmente von Leo Wolfram. · 第 15 / 27 题