Goldnebel.
Das Gewitter über dem Gebirgssee war vorüber. Fliehend zog das
Wolkenheer nach fernen Thälern, versprengte Reste in den Klüften
zurücklassend und das Banner der siegenden Abendsonne flammte auf den
Felsengipfeln.
Manche Riesentanne lag auf der Höhe, wo die volle Gewalt der
entfesselten Geister des Gebirgs gewüthet, niedergerissen von den
Wirbeln des Wettersturms. Am Mittag war als erstes Schlachtsignal
ein langer dumpfer Donner über das Thal hingerollt und fast bis zum
Untergange der Sonne standen auf den Bergen die dunkeln Schaaren der
luftigen Streiter, deren Schatten den See in Nacht hüllten.
So oft aber auch auf Erden der Kampf des Lichtes gegen die starre
Finsterniß ein vergeblicher sein mag, am Himmel ist der Sieg der
glänzenden Königin über die nächtigen Rebellen gewiß. Und als erst
die kleinste Lücke in die schwarzen Massen gerissen, die erste
Flammensalve der Sonne durch die Wolkenphalangen gebrochen war: da
drang es herein, das uralte, ewig neue, freundliche Wunder, das
Abendroth, unaufhaltsam die Felsenwände überströmend. Und nun brach
sich’s feurig brandend auf der Höhe an einem durchsichtigen Damme von
Tannen, welche wie flammende Christbäume in den Himmel hinausragten --
floß wie Lava, nur verklärend statt zerstörend, über das Geröll und
die steilen Wiesenhänge herab -- drang waldeinwärts wie zur Verfolgung
der geflüchteten Nebel in ihre letzten Schlupfwinkel und legte tausend
Flämmchen an die dunkeln Baumstämme, als wäre der Hochwald erleuchtet
von einem Fackelzuge der Berggeister zur Feier jenes Dichters, der
da nicht geboren ward, sondern vom Anfange +war+. -- -- Und nun
senkt es sich in die Fluten des See’s, der noch hohe Wellen rollt und
zerstiebt auf ihren überschlagenden Gipfeln in Millionen Goldfunken.
-- Längst ist oben reiner Gottesfriede, während es in der Tiefe noch
rauscht und brandet.
Ein Schiffchen durchschneidet den vergoldeten Schaum. Die beiden
Männer, die es trägt, haben beim ersten Nachlassen des Gewitters die
Fahrt gewagt, und ihre glühenden Wangen bezeugen den Kraftaufwand,
welchen der Kampf gegen Sturm und Wellen erforderte. Während der
Aeltere, ein Bewohner der Gegend, mit der Ruhe der Gewohnheit den Krieg
so wie den Frieden der Elemente betrachtet, hat das treue, tiefe Auge
des Jüngern Beides lebendig zurückgespiegelt.
Diese junge, kräftige Seele, die sich in diesem Augenblicke der
siegreichen Macht des Körpers freut, empfängt alle Eindrücke rein und
ganz, und gibt sie eben so wieder. Sie sieht noch nicht „ob jeder
Freude schweben den Geier schon, der sie bedroht.‟ Oder vielmehr der
junge Mann hält ein sicheres Auge, eine feste Hand, eine gute Waffe für
hinreichend, um den Räuber aus den Lüften herabzustürzen.
Seine Erscheinung bietet Nichts von Allem, was die Uebersättigung
interessant nennt. Keine Künstlerlocken wallen um die Stirn, um beim
Aufzucken eines unverstandenen Schmerzes, am Klavier oder an der
Staffelei, geschüttelt zu werden: sein blondes Haar ist kurz und
schlicht. -- Keine Weltgedanken haben Furchen durch die glatte freie
Stirn gezogen, keine Geschichte von gefallenen Engeln und geknickten
Blumen ist auf seinen Wangen zu lesen, und jedes Weib, welches sich auf
das Fach des „Dämonischen‟ versteht, wird ein einziger Blick in die
geistig jungen und doch ernsten, schönen, offenen Züge überzeugen, daß
ihr in der lockenden Aufgabe, dieses Geschöpf Gottes zu verderben,
noch keine zuvorgekommen.
Er hat während der Fahrt seine graue Lodenjacke zu dem im sogenannten
Kränzchen des Schiffes liegenden grünen Hut geworfen und die Hemdermel
hinaufgestreift; der Sprühregen, den der Wind von den Wellen
hinwegpeitscht, näßt seine Brust und die glänzenden, steinernen Muskeln
des Armes. Er freut sich, die volle Kraft ins Ruder pressend, der
Kühlung, während der alte Schiffer seinen warmen Kittel zugeknöpft hat
und über den heißen Uebermuth des jungen Reisenden lächelt, der ihm
kein Fremder, da er in dessen väterlichem Hause vor Jahren gedient.
Das Bett des See’s, dessen ganze Länge der Nachen bei ruhigem glatten
Wasser in einer Stunde durchmessen würde, krümmt sich in seiner Hälfte
fast unter einem rechten Winkel. -- Das Ufer des schmäleren Theiles
-- des sogenannten untern See’s -- in welchem sich unsere Schiffer
befinden, bilden nördlich die jäh abfallenden Wände des Wettersteines,
-- südlich steile Waldhöhen.
Dieses letztere Ufer bietet dem vom Sturme Ueberfallenen die rauhe,
aber freundlich rettende Hand, während an der Felsenbrust des andern
der sichere Untergang seiner harrt.
An einer einzigen Stelle hat ein Bach, welcher durch eine Einklüftung
der Felsenwand in trockenen Monaten als Silberfaden herabrieselt, nach
Regengüssen und im Frühling aber donnernd in den See stürzt, so viel
Sand und Geröll herabgewälzt, daß sich ein etwa funfzig Schritte im
Umfange messendes Stück sanft abgedachten Ufers gebildet hat.
Der Glückliche, welchen der Sturm gerade an diese Stelle treibt, hat
den großen Lebenstreffer aus der schäumenden Urne voll Todesloosen
gezogen und mag, von unersteiglichen Felsen umschlossen, hier harren
bis der Sturm sich legt und eines der vielen den See durcheilenden
Schiffchen ihn aufnimmt.
Ein rothes Kreuz, mit verdorrten Kränzen und Votivbildchen geschmückt,
bezeichnet diese Stelle; unsere Schiffer richteten fast zugleich den
Blick dahin.
Sie gewahrten zwei Gestalten, von Schiffbrüchigen oder vor dem Sturm
dahin Geflüchteten, deren Bewegungen zeigten, daß sie bereits den
Nachen entdeckt. Die Entfernung ließ an der weiblichen ein Gewölk
schwarzer Locken, ein graues Kleid, ein weißes Tuch, einen weißen Arm,
der dasselbe schwang, unterscheiden. Eine männliche neben ihr wirbelte
mit heftigen Gestikulazionen ein an einen Stock gebundenes gelbes
Sacktuch über dem Kopfe herum.
Nachdem der junge Mann im Schiffchen die Zeichen erwiedert, stand die
Dame am Ufer ruhig, den Arm um das rothe Kreuz schlingend, während der
Herr seine Telegrafie noch einige Zeit fortsetzte.
„Da sind wir gerade zurecht gekommen, Herr Arnold,‟ begann der
Schiffer, nach alter Gewohnheit den Vornamen des jungen Mannes
gebrauchend, den er einst auf seinen Armen getragen -- -- „das ist
die gnädige Frau, vom Freinhof. Das ist in dieser Woche das zweite
Malheur. Vorigen Montag war sie mit zwei Herren auf dem Wetterstein.
Es haben ihr Alle gesagt, daß der Nebel einfällt. Aber fort haben sie
müssen und wie sie über den Erzbach hinaus waren, war der Nebel da.
-- Sie hat aber einmal hinauf wollen und über Ja und Nein waren sie
in den Leckerstauden[1] und der eine von den Herren, ein Professor
aus der Stadt, kegelt sich den Fuß aus. Zum Glück ist der Nebel nicht
liegen geblieben und da hat der große Herr Knorr, der dort auf dem
Fichtenkegel wohnt, den Professor ganz allein das Stück Weges über den
Kräuterkamm auf die Tannenbachalm getragen, nachher zu uns herunter,
dann haben wir ihn über den See auf den Freinhof geführt. Der Professor
wird sich den Wetterstein merken und der Herr dort beim rothen Kreuz
schaut mir auch darnach aus, als ob er vom See auf eine Weile genug
hätte.‟
Für Arnold, welcher die Gegend seit zwei Jahren nicht betreten hatte,
war der Name „Freinhof‟ ein fremder Klang. Der Alte gab die geforderte
Aufklärung:
„Wenn wir die Herrenleute abgeholt haben, und um die Ecke kommen, in
den obern See, werden wir den Hof gleich sehen. Die Gebäude sind im
vorigen Sommer aus der Erde geschossen. Das Holz war da, denn der große
Fabrikant aus der Stadt, Herr von Kollmann schreibt er sich, hat den
ganzen Wald herum gekauft. Aber für die Ziegelfuhren haben sie eine
Straße über die Föhrleiten gemacht. Bis zum ersten Schnee haben sie’s
unter Dach gebracht, die gnädige Frau, der Herr Knorr heißt sie immer
nur die schöne Frau Julie, ist alle Wochen zweimal herausgekommen und
da hat die Arbeit fliegen müssen. Heuer im Frühjahr waren auch die
Maler und Tapezierer in vier Wochen fertig und jetzt stehen die Gebäude
da, daß einem das Herz lacht.‟
Arnold hatte aufmerksam zugehört, strengte aber sein Auge vergeblich
an, die Gruppe am Felsenufer, von welchem man doch nur etwa zehn
Minuten entfernt war, deutlicher zu unterscheiden, da sie ihm plötzlich
durch ein Phänomen verhüllt wurde, welches sicherlich Jedermann einmal
zu beobachten Gelegenheit hatte.
Es fällt zuweilen, durch einen Riß in den Wolken, ein scharf begrenzter
Lichtstrom, eine strahlende Feuergarbe herein, welche alles hinter
ihr Liegende in einen blendenden Schleier hüllt. Ein solcher Streifen
von Glanznebel legte sich zwischen das Schiffchen und das Ufer und
erst als das leuchtende Hinderniß halb durchdrungen war, konnte Arnold
die Gestalt der Frau wieder unterscheiden, welche, wie von Rosen
übergossen, in Goldzindel gekleidet, wie das verkörperte Abendroth
dastand.
Aber der glühendste Kuß der untergehenden Sonne war auch ihr letzter
gewesen; ein Augenblick, und der Glanznebel verschwand, die Wölkchen
an den Waldhängen, welche wie entzündete Baumwollflocken flammend
aufstiegen, erloschen zu grauer Asche; über den Höhen schwebte noch
eine warme Glorie, aber im Thalgrund über dem See lagen die blauen
kalten Töne des Abends. --
Auch die feenhafte Goldhülle der schönen Frau, deren Züge Arnold nun
deutlich unterschied, war wieder zum einfachen grauen Kleide geworden.
Sie stand vorgebeugt am Rande des Gerölls und hatte die Arme über
der Brust gekreuzt; ihre Blässe und das Zittern, welches die hohe
schlanke Gestalt durchlief, verriethen den ungleichen Kampf zwischen
der kleinen heißen Lebensflamme und dem kalten Hauche des Sees und des
triefenden Felsens.
Arnold gewahrte dennoch ein freundliches Blinken der schwarzen Augen.
Die leichte Geisterbrücke zwischen diesem räthselvollen Augenpaar und
dem lichten offenen des jungen Schiffers war aufgebaut und ein froher
Gruß der Seelen flog auf ihr vom Nachen ans Felsenufer und zurück.
Im nächsten Augenblicke fuhr das leichte Fahrzeug knarrend auf den Sand
und Arnold stand mit einem Sprunge am Ufer.
Julie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte: „In solcher
Lage gibt es keine Fremden! Lassen Sie mich erst danken, wenn Ihr
Werk vollendet ist. Wir waren noch zur rechten Zeit hier gelandet,
und ich habe, als der Sturm nachließ, unsern Fährmann nach dem Hofe
hinübergeschickt, um unsere große Barke zu holen. Ich will sie aber
nicht erwarten, sondern bitte Sie, mich nur gleich von diesem treulosen
Zufluchtsorte wegzuführen, der das Leben mit eisigen Händen langsam
aus den Gliedern zieht,... der See verschlingt es wenigstens in einer
Minute.‟ -- „Vor Allem,‟ sagte Arnold, „nehmen Sie das Einzige, was ich
Ihnen zum Schutze bieten kann, meine Lodenjacke‟ -- er langte sie aus
dem Schiffchen und sie hüllte sich lachend darein mit zwei raschen
Bewegungen voll Weichheit und Grazie -- „und nun meinen weichen grünen
Hut‟ -- sie drückte denselben auf die dichten Locken -- „und nun einige
Tropfen Rum aus meiner Feldflasche‟ -- sie führte sie an die Lippen,
deren hohes Nelkenroth die Kälte nicht zu bleichen vermochte.
Die zwei Tropfen mußten hingereicht haben, das unter Schnee wallende
Blut zu beflügeln: die Wangen färbten sich sanft und der Perlenschimmer
des Auges verwandelte sich in Brillantglanz.
Sie beugte sich einen Augenblick über eine glatte ruhige Stelle des
Wassers zwischen den Steinblöcken und betrachtete ihr herauflächelndes
Spiegelbild mit dem grünen runden Hut und der grauen, grünverbrämten
Jacke.
Arnold hatte noch kein schöneres Weib gesehen.
„Das steht mir doch zehnmal hübscher als alle die albernen Coeffüren,
zu denen meine Haare die Französinnen der Residenz begeistert haben!‟
rief Julie zurücktretend aus und wendete sich nun mit den Worten:
„Aber jetzt schnell ins Schiff, lieber Hofrath!‟ an den kleinen
Mann, der früher das gelbe Tuch geschwenkt hatte und auf dem Sande
herumtrippelnd, prüfend und kopfschüttelnd das Fahrzeug und die Wellen
betrachtete.
Arnold hatte beim Landen seinen Gruß kaum erwiedert. Er war empört beim
Anblick des in einen dichten warmen Plaid gewickelten Mannes, während
die Frau in leichtem Kleide mit offenen Ermeln der kalten Seeluft
preisgegeben war. Er sagte: „Für den Fall, daß der Herr Hofrath länger
hier zu verweilen gedächte, könnte mein Fährmann seinen langen Rock zu
den Schutzmitteln fügen, womit ich ihn bereits ausgestattet sehe.‟ --
„Ich verstehe Sie ganz wohl, junger Mann, -- erwiederte der
Angegriffene -- und Sie haben anscheinend Recht. Diese Dame wird aber
selbst meine Rechtfertigung übernehmen. Vor der Hand erkläre ich nur,
daß ich diesem Nachen um keinen Preis die Last einer vierten Person
aufbürden werde, sondern das Schiff vom Freinhof abwarte, und bemerke,
daß Sie am besten thäten, meinem Beispiele zu folgen.‟ --
„Und wenn der ~Great Eastern~ selbst um jene Ecke gedampft käme,
-- rief Arnold, etwas heftig, gegen Julie gewendet, -- so könnte er
Sie nicht sicherer hinüberbringen, als mein dem Herrn Hofrathe so
unheimliches Fahrzeug! Meinem heutigen Glück können Sie sich ruhig
anvertrauen!‟ -- Er setzte im Geiste dazu: „Lassen Sie doch diesen
Hasenfuß bleiben, wo er will.‟
Julie war von Arnolds Hand gestützt ins Schiffchen gestiegen und
rief dem Zurückbleibenden zu: „So leben Sie glücklich und zufrieden!
auf baldiges Wiedersehen beim Thee!‟ -- und als der Schiffer schon
abgestoßen hatte, wendete sie sich nochmals um, mit freundlich
bittender Stimme rufend: „Guter, lieber Blauhorn! Werden Sie mir denn
vergeben, daß ich durch meinen sträflichen Leichtsinn Ihr Leben in
Gefahr gebracht habe? Nochmals auf Wiedersehen ohne Groll!‟
Arnold, der keinen Blick von ihren Zügen verwendete, sah in
den schwarzen Augen, wie sie zu dem kleinen, bleichen Hofrath
hinüberlachten, ganz den gleichen Glanz, der darin geschimmert, als sie
ihm, Arnold, bei der ersten Begrüßung und dem Sprunge ans Ufer die Hand
geboten. -- Hatten diese Augen nur einen Glanz, diese Mienen, wenn man
so sagen darf, dieselbe weiche schmeichelnde Melodie für alle Menschen
und Lagen?
„Sie haben -- begann Julie -- dem guten Hofrathe Unrecht gethan. Der
Mann ist in seiner dreifachen Eigenschaft als Gatte einer schönen bösen
Frau, als eingebildeter Kranker und als Mitglied der Kommission, welche
unsere Finanzen in Ordnung bringen soll, ein beklagenswerthes Geschöpf,
und wenn ich ihm meinen Plaid nicht aufgezwungen hätte, so lief ich
die dreifache Gefahr, ihn in eine wirkliche Krankheit zu stürzen, der
bösen Frau in der Untergrabung seines Lebens behülflich zu sein und den
Staat auf unbestimmte Zeit seiner unschätzbaren Leistungen zu berauben.
Ich stellte ihm also das Ultimatum, entweder den Plaid umzulegen
oder denselben von meiner Hand ins Wasser fliegen zu sehen.‟ -- „Das
entschuldigt allerdings den guten Hofrath -- entgegnete Arnold -- aber
nicht minder ungerecht als meine Anklage ist sicherlich der Vorwurf,
den Sie sich +selbst+ machten, als Sie von sträflichem Leichtsinn
gegen sein Leben sprachen... konnten Sie den Sturm vorhersehen?‟ --
„Der Vorwurf war nur gerecht. Ich bestand auf der Fahrt bei stark
umwölktem Himmel und allen Anzeichen des herannahenden Gewitters. Und
wenn mir -- sagte sie mit ernstem Tone -- die Folgen gleichgültig
waren, so hatte ich wahrlich kein Recht, dasselbe von meinem Gaste
vorauszusetzen.‟
Es lag Etwas in Juliens ganzem Wesen, was den Eindruck verhinderte,
den diese Worte unter andern Umständen, oder besser, aus anderem
Munde, auf Arnold gemacht hätten -- nämlich einen unangenehmen. Es war
ihm unmöglich, ihr jene affektirte Gleichgültigkeit gegen das Leben
zuzumuthen, in welcher sich manche in den glücklichsten Verhältnissen,
wofür er die ihrigen hielt, lebende Frauen gefallen, und welche bei
Gelegenheiten, wo es gilt, sich vorzüglich interessant zu machen, als
förmliche Sterbesehnsucht auftritt.
Juliens Worte hatten aber das unverkennbare Gepräge des treuen
Ausdruckes ihres Innern, und vielleicht war es die plötzlich
auftauchende Besorgniß, sie falsch aufgefaßt zu sehen, was sie
bestimmte, in heiterm, fast scherzendem Tone fortzufahren: „Ich
nöthigte den unglücklichen Hofrath in den Nachen des Mannes, den
alle Forellen des Sees unter dem Namen Fischerhans als böses Prinzip
verabscheuen. Ich will nach dem Waldufer, es wird dunkel, der
Hofrath beschwört mich ihm sein Leben zu schenken und Hans beantragt
augenblickliche Umkehr. Ich lachte sie aus und bestehe darauf,
wenigstens quer über die Bucht nach dem Hofe zurückzufahren. -- Wenn
wir’s nicht durchsetzen, sagt Hans, so treibt es uns in den untern See
hinaus, und wenn der Wind gegen den Wetterstein umspringt, -- -- so
haben wir, erwiedere ich, das rothe Kreuz, -- wo wir landen. All das
Gerede war aber schon vergeblich, mit dem ersten Donnerschlag fiel der
Sturm ein, entführte meinen Strohhut, der Regen strömte herab, und nach
einer Viertelstunde, in welcher jeder Augenblick der letzte schien,
stießen wir so gerade und pünktlich auf den Sand am rothen Kreuz, daß
ich Hans vollkommen Recht gebe, wenn er behauptet, mein Schutzengel
allein habe das Schiff gelenkt. -- Als der Sturm nachließ, befahl ich
ihm nach dem Freinhof zu fahren, wo man nichts von unserer Fahrt wußte,
und das Herrenschiff herzuholen. In der Zwischenzeit kam das schöne
Abendroth, kam Ihr Nachen, dem ich mich nun anvertraut habe, obwol
er um nichts besser als der fortgeschickte, -- und ich freue mich,
daß meine Erlösung nicht auf dem geraden, langweiligen, legalen Wege,
sondern gerade +so+ gekommen, +wie+ sie eben gekommen.‟
Es schien Arnold bei Juliens letzten Worten, als ob die Augen doch
nicht nur +einen+ Glanz hätten. Es verstrichen ein Paar Minuten
und er vermochte nicht das Gespräch am Ende des so freundlich
dargebotenen Goldfadens anzuknüpfen. Nur eines Haares Breite lag
zwischen der glücklichsten Antwort und dem schmählichsten Gemeinplatz.
„So viel ist gewiß, sagte er, daß Glück und Verdienst wieder einmal in
grellem Mißverhältnisse stehen. Mir wird die Freude zu Theil, Sie in
meinem Nachen zu führen, -- aber erst nachdem die Vorsehung Sie aus der
wirklichen Gefahr gerettet. Der schöne Traum einer +Rettung+ durch
mein Kommen läßt sich nun einmal nicht festhalten. Er ist verschwunden
wie die Goldstickerei, welche der Glanznebel für mein Auge auf Ihr
graues Kleid geworfen.‟
„Das ist hübsch gesagt, erwiederte sie, -- derselbe Goldnebel hat
auch über Sie, als ich Sie durch ihn herankommen sah, so etwas wie
einen Heiligenschein geworfen. -- Wir haben nun unsere beiderseitigen
Verklärungen abgestreift, so wie die Situazion alles Schauerliche. --
Eine halberfrorne Frau, welche auf ihr Schiff wartete, hat vorgezogen,
in dem Nachen eines jungen Mannes, der ihr seine warme Jacke anbot,
nach Hause zu fahren. -- Das ist Alles, was hinter dem Goldgewölke
liegt.‟
Ein Schatten von tiefem Ernst, der über ihr Gesicht flog, wich eben so
schnell, als sie fortfuhr: „Wenigstens sehe ich, daß Sie ein echter
Deutscher sind: Sie reflektiren, Sie lassen keine Freude bei sich
einziehen, wenn sie sich nicht mit einem vom Verdienst gefertigten
Passe legitimirt, und suchen die Stelle, wo der Regenbogen auf der Erde
steht, zu ergründen, um sich zu überzeugen, ob er auch auf festem Boden
ruhe!‟
Der Vorwurf war ungerecht. Arnold reflektirte nicht, aber Juliens Worte
gaben ihm erst den Stoff dazu.
Eine Antwort war nicht mehr möglich, denn in dem Augenblicke, wo nun
das Schiff um den Felsenvorsprung bog, welcher die Bucht, an welcher
der Freinhof liegt, bisher verdeckte, schmetterte durch das stille
Halbdunkel ein Ruf -- oder Ton -- oder Aufschrei -- wie ihn nur der
begreift, welcher jemals einen Urbewohner der Berge aus voller Kraft
der Lunge „jodeln‟ gehört --... ein Jodler, der das Echo am Ende
des Sees aus dem ersten Schlummer aufzuschreien zwang, -- das ferne
Waldufer nahm die Herausforderung an und nun scholl es zehnfach zurück
von Berg und Fels und verklang endlich in sanfteren Tonwellen, welche
von dem raschen Ruderschlage übertönt wurden, womit die stattliche,
fest und zierlich gebaute Barke vom Freinhof herankam. In einer Minute
hatte sie den Nachen Arnolds erreicht. --
Der Urheber des gewaltigen Jubelgrußes war aber kein Eingeborner der
Gegend, sondern der vom Schiffer erwähnte „große Herr Knorr,‟ welcher
auf der äußersten Spitze des Vordertheils, gerade über den goldnen
Buchstaben des Namens Julia stand, und mit einem braunen Sammtrock
bekleidet und einem grauen, weichen, vielgeprüften Filzhute bedeckt,
in ungeheurer Länge emporragte, wie der Rauchfang eines Dampfschiffes.
Auf dem mittleren Sitze saß ein Mann in eleganter Sommerkleidung, das
heißt, er war vom Hals bis zu den Kamaschen mit dem gleichen englischen
Stoff von unbestimmter Farbe überzogen und trug einen Panama-Hut mit
Sammtband. „Kannst du denn, -- rief er dem andern zu -- dein höllisches
Gejohle nicht lassen, wo du gar nicht weißt, ob es zur Situazion paßt!‟
-- Der Lange im Sammtrock lachte laut aus seinem struppigen Vollbart
und sagte: „Zu meiner Situazion jedenfalls, und für die deine hindere
ich dich nicht, jedes Geflöte und Gesäusel anzustimmen, welches dir
passend scheint.‟
Julie war beim ersten der vom Panama-Hut mißbilligten Töne rasch im
Schiffchen aufgestanden mit dem Ausrufe: „Da sind sie, die Retter nach
der Gefahr! -- der gute närrische Knorr, vielleicht der einzige Mensch,
der es ganz ehrlich mit mir meint -- und der ewig fein sein wollende
Reiland‟... (es schien Arnold, als ob vor dem Namen Reiland noch das
Wort „unausstehlich‟ halblaut eingeschlüpft wäre).
„Willkommen, willkommen!‟ scholl es von den aneinanderliegenden
Schiffen. „Wir waren so fest überzeugt -- rief Knorr’s gewaltige
Baßstimme -- daß Sie der See verschlungen, schöne Frau Julie, daß Herr
Reiland bereits Trauer um seinen Hut gelegt, und ich einen meiner
Revolvers mitgenommen habe, um mich beim rothen Kreuz nach Erhebung des
Thatbestandes zu erschießen‟ -- er knallte dabei einen der Läufe gegen
die Felsenwand los -- „und nun eine Jubelfanfare für die glückliche
Rettung‟ -- -- er setzte ein chromatisches Posthorn an den Mund, und
ein Geschmetter, welches den vorigen Jodler zu Schanden machte, fiel
mit dem Wiederhall der Pistole zusammen.
„Aber um Gotteswillen, lieber, lieber Knorr -- bat Julie mit
aufgehobenen Händen -- jetzt ein Ende mit Ihrem gräßlichen Unsinn!
Geschwind fort, zum rothen Kreuz, dort finden Sie den verzweifelnden
Blauhorn, den Sie auf der Heimfahrt mit Schießen und Blasen sein Elend
vergessen machen sollen.. Guten Abend, lieber Reiland! Adieu! In einer
Stunde im Schweizerhaus!‟
Der Genannte verbeugte sich mit einem Blick, in welchen er ehrerbietige
Zärtlichkeit, feines Bedauern über Knorr’s Auffassung der Situazion
und noch vielerlei Anderes zu legen gedachte. Knorr aber rief
den vier Ruderern ein Vorwärts! zu, und die Fahrzeuge flogen in
entgegengesetzter Richtung auseinander.
Arnold hatte Welt genug, um manche auf seinen Lippen schwebende Frage
zu unterdrücken. -- Knorr’s vertrauliches „schöne Frau Julie‟ hatte ihn
eben so unangenehm berührt, als Reilands süßes albernes Augenspiel.
-- -- Und wieder in Juliens Zügen das gleiche frohe Aufleuchten beim
Gruße. -- --
Mit einem ihm unerklärlichen Uebergange hatte sich nach der Begegnung
mit der Barke ihr ganzes Wesen verändert. Es war, als ob, wie auf den
Berggipfeln, auch in ihr der letzte Funke der Abendglut verlöscht wäre.
Sie sagte: „Legen Sie Ihr Ruder weg und lassen Sie dem Fährmann allein
die Mühe. Setzen Sie sich zu mir, -- wir kommen doch noch vor den
Andern nach Hause.‟
Es läßt sich denken, daß Arnold schnell und freudig gehorchte.
„Da haben Sie, fuhr sie fort, ein Bild meines Lebens: -- ein Ort, der
die Heimat des Friedens scheint, und aus dem doch alle Ruhe verbannt
ist. -- Wenn ein Augenblick einer ruhigen frohen Träumerei kommt, so
fährt ein greller Mißlaut dazwischen, wie jetzt der tolle Lärm dieses
guten Menschen, und doch verletzt dieser mich hundertmal weniger als
manches Lied mit oder ohne Worten, dessen Ton rein und dessen Sinn
falsch ist -- und das ich doch anhören muß.‟
Sie erschien Arnold mit jedem Augenblicke schöner, als sie, den
Lockenkopf senkend, mit schmerzlichem Lächeln vor sich hinsah.
Er erwiederte: „Und doch ist nun auch dieser grelle Mißlaut verklungen,
und so muß es jeder andere, wenn Sie ihn nicht in Ihrer Seele
nachklingen lassen. Ich vermag nicht über frohe und schmerzliche
Bewegungen in Ihrem innern und äußern Leben zu urtheilen, aber daß
+Sie+ die Gabe besitzen müssen, jede Dissonanz in den Akkord zu
lösen, wenn Sie nur ruhig wollen, davon bin ich fest überzeugt.‟
„+Ruhig wollen?+‟ wiederholte sie -- „Ich kann mir nur ein
heftiges, heißes Wollen denken.... wer Ihr Mittel besitzt, der bedarf
seiner schon nicht mehr!‟
Sie schwieg einen Augenblick, wendete sich gegen ihn und sprach mit
leiser Stimme, aber jedes Wort betonend und langsam: „Könnten denn Sie
Jemanden -- -- so recht innig -- vom Grund des Herzens -- bis in den
Tod -- -- unversöhnlich hassen?‟
Mag man es einen Wahnsinn nennen, daß Arnolds Blut heiß aufwallte und
zum Herzen drang, als die Worte, so langsam einander folgend, jedes die
Erwartung des folgenden spannend, über die wunderbar reizenden Lippen
traten.
Konnte er sich denn auch nur träumen lassen, daß statt „hassen‟ ein
anderes Wort schließen würde? -- Und +wenn+ es kam -- -- hätt’
er sich dessen freuen können? -- War er der Mann, der ein Glück in
einem flüchtigen Abentheuer fand, wenn die Frage von der schlimmsten,
rasch auf ihr Ziel hinsteuernden Koketterie eingegeben war? -- und
welche Erklärung hätte es gegeben für eine +solche+ Frage an einen
jungen Mann, den die schöne Frau eine Stunde lang nicht +kannte+,
sondern +sah+? welche Erklärung, die nicht dem Paradiesvogel ihrer
Anmuth die schönsten Schwungfedern, dem Schmucke ihres Geistes die
glänzendsten Juwelen ausgebrochen hätte?
Doch das +andere+ Wort kam eben +nicht+, und einen Augenblick
später freute er sich dessen.
Seine Wangen waren aber mit einer im Abenddunkel freilich nicht
sichtbaren Glut übergossen, als er bei der Dissonanz, womit die
Frage schloß, erst klar fühlte, welchen Klang er erwartet... welche
Gedankensünde er gegen +sie+ begangen.
Sie war ihm zu verzeihen. -- „Ich möchte -- sagte er, vor Allem
+Sie+ fragen, wie kann ein so harter, wie ein dreischneidiger
Dolch geschliffener Gedanke aus weichen Frauenlippen kommen?‟
„Vielleicht, entgegnete Julie, -- ist eben nur eine Frau in ihrer
Schwäche eines solchen fähig; ich habe die kräftigsten Charaktere
stets am versöhnlichsten gefunden, vielleicht mit Ausnahme eines
+Einzigen+.‟
„Der +Zweite+, rief Arnold, bin nicht +ich+! Ein dreifaches
Nein! Ein Haß, wie Sie ihn malen, ist ein Ungeheuer unter den
menschlichen Gefühlen, ist vielleicht die einzige, durch nichts zu
tilgende Schuld gegen die Menschennatur! Ob ich zu den kräftigen
Charakteren in Ihrem Sinne gehöre, vermag ich nicht zu entscheiden;
die Ziele und Hindernisse, an denen ich meine Kräfte zu messen habe,
liegen noch vor mir. Daß ich mir aber kein Verbrechen denken kann, das
nicht endlich gesühnt werden, -- und so auch keinen Haß, der nicht
endlich erlöschen könnte, das ist wahr -- so wahr, daß ich Sie --
Vergebung meiner Offenheit! -- innig beklagen würde, wenn Sie das, was
Sie aussprachen, in seiner furchtbaren Bedeutung, in seiner ganzen
tödtlichen Kälte zu fassen, zu begreifen vermöchten!‟
War es doch das Nachzittern des nicht gesprochnen „andern‟ Wortes, das
ihn so heiß gegen den kalten Haß reden ließ?
„Es wird eine Zeit kommen, entgegnete Julie ruhig, wo Sie meine Frage,
die Sie befremden muß, begreifen, -- wo Sie auch den Grund derselben
nicht hören, sondern so zu sagen mit erleben. Ich glaube, Sie werden
unserem Hause, werden mir nicht fremd bleiben. -- Daß Sie den Freinhof
heute nicht verlassen, sondern die Gastfreundschaft annehmen, welche
Ihnen dessen Besitzerin anbietet, versteht sich von selbst. Erst jetzt,
da ich Sie den Bekannten, die Sie treffen, vorzustellen wünsche, bitte
ich Sie mir zu sagen, welchen Namen ich nennen darf.‟
„Ich heiße Arnold Korbach und theile letzteren Namen mit der Besitzung
meines Vaters, dem Korbachthale, sechs Stunden von hier, wo unsere
Metallfabrik liegt. -- Ich habe mehr als ein Jahr auf der Reise
in Begleitung eines Freundes meines Vaters zugebracht und wollte,
nachdem ich nach der Rückkehr einige Tage bei den Meinigen verlebt,
mit dem heutigen Nachttrain nach der Residenz, wo ich noch ein Jahr
künstlerische und technische Studien betreiben werde, um dann die
Leitung unserer Werke zu übernehmen.‟
-- „Ihr Name war für mich kein fremder Klang. Ich hörte Ihres Vaters
bei vielen Gelegenheiten auf eine solche Weise erwähnen, daß ich
mich nun doppelt freue, den Sohn eines von allen Rechtlichen so
hochgeachteten Mannes kennen zu lernen. Der schwere Schlag, welcher im
vorigen Jahre Ihr Haus durch den Tod Ihrer würdigen Mutter getroffen,
deren segensreiches Wirken in weiten Kreisen bekannt war, hat innige
Theilnahme auch bei denen erregt, welche sie nicht persönlich kannten.‟
-- „Die Kreise, von denen diese mir wohlthuenden Worte gelten, sind
zwar höchst achtungswürdige, aber wohl kaum +weite+. Man kannte
meine Mutter als die Gründerin der protestantischen Kolonie in
Korbach, kennt meinen Vater als den Beschützer derselben, -- als
freisinnig, -- verzeiht ihm in gewissen Regionen nicht, daß er, selbst
Katholik, meine Schwester und mich im Glauben der Mutter erziehen ließ,
und -- ich werde mich nicht täuschen, wenn ich annehme, daß bei dem
hier zu Lande herrschenden Geiste die Zahl Derer, welchen ein Unglück
unseres Hauses Freude bereitet, größer ist als jene der freundlich
Theilnehmenden.‟
-- „Ich hörte auch in +diesem+ Sinne sprechen, und Sie können auf
Ihre Feinde nur stolz sein. Glücklich, der in unabhängiger Lage sich
des Beifalls der Guten freuen kann, ohne den Haß der Schlechten zu
scheuen. +Sie+ athmen Freiheit! Ein Wort, das mir wie eine ferne
Kindheitserinnerung klingt. -- Der Schlag der Hämmer in Ihren schönen
Werken, deren blühenden Zustand Alle preisen, mag all’ dieß feindliche
Gerede übertönen. Es freut mich, Sie gerade dieser Bestimmung
entgegengehen zu sehen. Das Bild der Metallfabrik stimmt für mich zu
Ihrem Wesen. Ich konnte mir Sie nicht am Schreibtische als Beamten,
eben so wenig als künftigen Advokaten, Literaten, kurz als ein Mitglied
der schreibenden Welt denken. -- Nun sind wir im Augenblick zur Stelle
-- -- in einiger Zeit wird Knorr auf Ihr Zimmer kommen, Sie ins
Schweizerhaus zu begleiten.. vergessen Sie einstweilen meine seltsame
Frage -- urtheilen Sie überhaupt heute nicht über mich, Sie würden es
vielleicht widerrufen müssen.‟
Arnold drückte die dargebotene Hand. Sie waren gelandet; Hausleute und
Diener des Freinhofes drängten sich unter Aeußerungen der Freude um
Julie, welche freundlich dankte, Arnolds Jacke abstreifte, die sie ihm
lachend über die Schulter hing und, von einem Mädchen gefolgt, nach der
Mitte der Gebäude zuschritt. -- Ein junger Diener in Jagdlivree hatte
Arnolds Reisetasche demselben vorgetragen und führte ihn nach links,
einige Stufen hinan, über einen hölzernen Gang, dessen geschnitzte
zierliche Säulen, von Schlinggewächsen umsponnen, das vorspringende
Dach trugen, in ein im bekannten Stile aller eleganten Chalets
gehaltenes Zimmer, wo ihn aller Comfort empfing, welchen Reichthum
und Geschmack vereinigt dem Gaste zu bieten vermögen. -- Der Erzähler
dieser Geschichte weiß, was er selbst und Tausende seiner Mitgeschöpfe
unter Lokalitäten-Beschreibungen gelitten. Dieses mitleidslose
Herumzerren durch Haupt- und Nebengebäude, das Inventarium sämmtlicher
Einrichtungsgegenstände, meistens nur zu dem Zwecke, die Begabung
des Autors als Dekorateur und seine Fachstudien im Tischler- und
Tapazierer-Handwerk zur Schau zu stellen -- -- dieses Alles bildet ein
dem Gesetze nicht erreichbares Vergehen gegen die Sicherheit des arglos
vertrauenden Lesers, welches als Mißbrauch der schriftstellerischen
Amtsgewalt zu bezeichnen wäre.
Dieser Ansicht gemäß sei hier der reizende Freinhof mit der
rücksichtsvollsten Kürze gezeichnet.
Auf der vom Seeufer sanft aufsteigenden Anhöhe, an den Waldhang
gelehnt, steht das Schweizerhaus, Juliens Wohnung, -- ein Stockwerk
hoch, von uralten Tannen überragt.
Der feste steinerne Unterbau enthält zwei Dienerwohnungen, eine
Küche und Kammern; der obere Theil, aus röthlich braunem Holze,
zwei große Zimmer nach dem See hin, welche als Gesellschafts- und
Musiksalon dienen, und vier kleine Piecen nach der Waldseite: Juliens
Schlafgemach, ihr Boudoir, ein Bibliothekzimmer, ein Maler-Atelier.
Offene Gänge mit schlanken hölzernen Säulen und leichtem Dache
verbinden das Schweizerhaus mit den beiden ebenerdigen Flügeln. An
den hohen Bogenfenstern dieser aus rothen Ziegeln aufgeführten, mit
grauem Schiefer gedeckten Gebäude läuft, in der Höhe von sechs Stufen,
eine Gallerie hin, über welche wir, und zwar im linken Flügel, der die
Fremdenzimmer enthält, bereits Arnold begleitet haben. -- Den rechten
Flügel bewohnt der Herr des Hauses bei seinen in den ungleichsten
Zwischenräumen stattfindenden Besuchen des Freinhofes.
Etwa hundert Schritte von diesem Flügel, durch Baumgruppen von den
Wohngebäuden getrennt, durch eine schattige Zufahrt mit denselben
verbunden, liegen die Wirthschaftsgebäude.
-- -- -- Julie war vor ihrem Mädchen die Treppe hinaufgeflogen in ihr
Boudoir, hatte sich auf die Ottomane geworfen, und lag einige Minuten
regungslos, ein Marmorbild, mit geschlossenen Augen da. Das Mädchen
stand schweigend und betrachtete sie mit sanftem mitleidigen Blick; sie
sah dieses Bild wohl nicht zum erstenmale. Julie schien nach einiger
Zeit aus einem Mittelzustande zwischen Schlaf und Ohnmacht zu erwachen,
und sagte leise und freundlich: „Nimm die Lampe weg, Martha, und komm
in einer halben Stunde‟ -- und als sie im dunkeln Gemach allein war,
drückte sie das Gesicht in die Kissen und zog, von Fieberschauer
geschüttelt, einen Shawl fest um sich. Ob der zitternde Athem, der
fliegende Puls, -- ein Schmerzenslaut, der sich aus ihrer Brust rang,
von einem Leiden des schönen Körpers, ob von einer tieferen, nur in
einsamer Minute die Fesseln brechenden Seelenqual herrührten? --
Vielleicht würde, hätte er sie belauschen können, derjenige die rechte
Antwort getroffen haben, der sie doch nur eine Stunde lang kannte, --
Arnold, wenn anders der Wunsch zu errathen die Fähigkeit des Errathens
schärft.
Seele und Sinne hatten in der kurzen Stunde einen tiefen Eindruck
empfangen. Er war aber gewohnt, keinen Eindruck in träumerischem
Halbdunkel zu lassen: er war vor Allem wahr gegen sich selbst. Mit
bestimmten Fragen beleuchtete er jedes nebelhafte Gebild in seinem
Innern, bis es Gestalt und klaren Umriß gewann, und dann ward es warm
im Herzen gehegt oder kalt abgestoßen.
Er fragte sich: Kannst du dich einer Empfindung entsinnen wie die,
welche diese Frau in dir erregt? -- Nein. -- Kannst du dieses Gewoge
von Eindrücken, welche dich während dieser Spanne Zeit bald erfreuten
bald verletzten, Liebe nennen? -- Nein. -- Wie nennst du es also? -- Er
fand aber keine Antwort.
-- Nachdem er sich in seinem Zimmer eingerichtet und den Inhalt seiner
Reisetasche, -- Zeichenmappe, Tagebuch, -- geordnet auf dem Tische
lagen, trat er ans Fenster und sah nach dem stillen See hinaus. Die
Bilder des Abends begannen den dunkeln Raum vor seinen Augen zu füllen:
er duldete dießmal die Träumerei und stellte sich keine Fragen mehr.
Alle glänzenden und bleichen Bilder verschwanden aber plötzlich, wie
Geister beim Hahnenrufe, bei den Tönen, welche die Ankunft Knorrs und
seiner Gefährten verkündeten.
Er sah sie landen und sich nach dem Fremdenflügel wenden, -- trat vom
Fenster zurück und in der folgenden Minute wurde die Thür aufgerissen
und Knorr schritt herein.
Seine Erscheinung war darnach angethan, um Arnold vollends aus seiner
Gedankenflut auf den festen Boden der Wirklichkeit zu heben. Knorr aber
mußte den festen Boden mit wirklichem Wasser vertauscht haben, denn
dasselbe triefte noch von seinen am Leibe hängenden Kleidern, rieselte
von den Haaren, perlte im Bart, und die damit gesättigte Hutkrempe hing
schlaff über die Stirne. Er warf das formlose Filzgebilde in einen
Winkel und sich selbst in ein Fauteuil, mit den Worten: „Ich schlage
vor, uns einander nicht vorzustellen, überhaupt unsere Bekanntschaft
gar nicht anzufangen, sondern bloß fortzusetzen. +Meinen+ Namen
hat Ihnen Frau Julie bereits gesagt und jedenfalls ein Beiwort
angefügt, welches näher oder ferner mit dem Begriffe von „verrückt‟
verwandt ist. Ich dagegen sah Sie zum erstenmal, als Sie aufs
Aufopferndste bemüht waren, eine schöne Frau im Dunkeln über einen See
zu fahren.‟
„Welche aber, unterbrach ihn Arnold, Ihren Namen nicht bloß in
Begleitung des obigen Beiwortes, sondern auch mit einem Zusatze nannte,
welcher beweist, wie hoch Sie in ihrer Meinung stehen.‟
„So hoffe ich,‟ sagte Knorr, „und was nochmals das Beiwort betrifft, so
ist im Freinhof und im übrigen Europa die Grenze zwischen verrückt und
gescheidt noch nicht ausgemittelt worden.‟ --
„Jedenfalls, rief Arnold, müssen Sie vor Entscheidung dieser Grenzfrage
trockene Kleider anziehen und das sogleich, sonst müssen Sie krank
werden.‟
„Auch das wünscht’ ich der Neuheit wegen einmal zu versuchen, sagte
Knorr, und unserm Doktor zu Lieb, der bei dem Gesundheitszustand dieser
Gegend sein Dasein bloß durch Wilddiebstahl fristet. Mit mir hat es
aber keine Gefahr: ich werde trocknen, indem ich Ihnen erzähle, warum
ich naß bin. Die hölzerne Julia, weniger leicht gebaut und eben so
unberechenbar wie ihre lebendige Namensschwester, war nicht dicht ans
Ufer zu bringen. Wollte man alle Gewalt anwenden, so verrannte sich der
tiefe Kiel in den Sand, oder die Julia keilte sich zwischen die Steine
und nahm Schaden, und der Hofrath, Reiland, die Schiffsleute und ich
konnten als sieben linke Schächer über Nacht am rothen Kreuz hängen. Da
Herr von Blauhorn zu weinen anfing, that ich einen Satz ins Wasser,
nahm ihn auf die Schulter und schritt, wie der große Christof mit dem
Weltheiland, auf die Julia zu. Da geräth mein linker Stiefel auf einen
lockern Stein, die ganze Gruppe stürzt in sich zusammen und ich liege,
meiner vollständigen Länge nach, auf dem Rücken im hochaufspritzenden
Gewässer und habe die Selbstverleugnung, in dieser Verfassung meine
Bürde mit den Armen über meiner Brust in die Luft zu halten, bis die
Schiffsleute dieselbe übernehmen. Das Wasser, welches da von mir wie
von einem Regenschirm abtropft, war Zeuge dieser That.‟ --
Arnold fühlte sich von der ehrlichen Seele, die aus den großen, derben
Zügen des Erzählers leuchtete, angezogen, und sagte: „Sie haben
scherzend erzählt, und im Ernst sehr schön gehandelt.‟
„Ich denke wohl‟ -- erwiderte Knorr, seinen Filz ausdrückend und
schritt von dannen, da Arnold entschieden auf dem Kleiderwechsel
bestand und seine Begleitung in das Schweizerhaus ablehnte.
Es verging eine halbe Stunde, bis sich die Fenster desselben erhellten.
Er sah nach und nach mehrere Gäste des Freinhofes von seinem Flügel
aus hinübergehen. Der Diener hatte erzählt, daß ein Theil der
Gesellschaft, auf einem anderweitigen Ausfluge gleichfalls vom Gewitter
überrascht, fast gleichzeitig mit Arnold angelangt war. -- Er folgte
nach einiger Zeit, und als er über die von außen auf die Gallerie des
Schweizerhauses führende Treppe an das erste offene Fenster des Salons
gelangte, wurde er, aus dem Dunkel kommend, von dem Glanz geblendet,
der ihm entgegenstrahlte.
Die sechs Kristallkugeln der Hänglampe im Verein mit der großen Lampe
des Theetisches gossen fast überreiches Licht über den behaglichen
Raum. Die Geister Aladins schienen einen kleinen Salon der Residenz
mit seinem ganzen weichen, glänzenden, warmen, duftenden Inhalte
aufgehoben, über die Berge hingetragen und in die braunrothen Wände des
Schweizerhauses niedergesenkt zu haben.
Er überblickte die Gesellschaft. Auf dem Ecksofa am Theetische war
Reiland um eine blonde junge Frau beflissen, welche ihm zerstreut
zuhörte und die lebhaften Augen klug und beobachtend von einem
Mitgliede der Gesellschaft zum andern fliegen und nur manchmal auf
ihrer Häckelarbeit ruhen ließ. Ihre Gestalt und Haltung machte den
Eindruck der Selbstständigkeit und Entschiedenheit, welcher durch
weiche, schöne Züge gemildert wurde. Das Fauteuil neben ihr besetzte
ein Herr, in dessen Zügen nebst der entschieden günstigsten Meinung
von sich selbst, auch die Kurse von Kredit und Nordbahn zu lesen
waren. Er demonstrirte irgend Etwas mit großer Lebhaftigkeit einem vor
ihm stehenden Husaren-Obersten und einem dürren, scharf und falsch
blickenden Geistlichen. An einem Seitentischchen im Journal lesend,
saß Knorr in einem, dem riesenhaften schwarzen Holofernes-Kopfe zur
besondern Folie dienenden weißen Drill-Anzuge --, das Höchste, was
er an „Staat‟ entwickelte, wenn es galt zu repräsentiren, wie bei
den seltenen Besuchen, womit er, und zwar erst in neuerer Zeit, den
Kollmann’schen Salon beehrte. Ihm gegenüber der Hofrath, blaß und in
sich zusammengeschrumpft, mit Bleistift in seine Tablettes schreibend.
Zwei schöne Mädchen von etwa sechszehn und achtzehn Jahren schwätzten
mit einigen jungen Leuten, deren Schablonengesichter durch die
Gebirgstracht, die sie zum Freinhofbesuch angelegt, noch unbedeutender
als gewöhnlich erschienen.
Einen Augenblick fühlte sich Arnold von der ganzen fremden Welt, die
ihm durch die leichten Vorhänge entgegenglänzte, so abgestoßen, daß ihn
der Gedanke anwandelte, auf seine Zimmer zu gehen, einen Brief mit Dank
und Lebewohl an Julie zu schreiben, und dann -- die Reisetasche gepackt
-- in die Nacht hinaus -- über die Föhrleiten zum Bahnhofe... Der Abend
sollte dann ein für sich bestehendes Bild, das mit seinem früheren und
späteren Leben nicht zusammenhing, sollte nur die letzte und schönste
seiner Reiseerinnerungen bleiben.
Doch fühlte er schnell das Unpassende eines solchen Benehmens. Hätte
er sich mit gewohnter Gewissenhaftigkeit befragt, so hätte die Antwort
gelautet: du bleibst nicht weil das Gehen unpassend ist, sondern weil
du sie nochmals sehen willst.
Er trat ein; die Gesellschaft ohne sie schien ihm ein
Wachsfigurenkabinet. -- Nach leichter Erwiederung seines leichten
allgemeinen Grußes kümmerte sich Niemand um ihn, außer Knorr,
welcher aufstand, ihn in ein Fenster zog und sagte: „Studiren Sie
sich die Gesichter und sagen Sie mir aufrichtig, welches Ihnen
das unausstehlichste wäre.‟ Arnold lächelte und entschied für den
Geistlichen. „Ins Schwarze getroffen! -- sagte Knorr. -- Uebrigens wird
noch der Herr des Hauses in der Nacht erwartet.‟ --
Jetzt flog die Thür des Boudoirs auf, und im hellblauen Kleide, rothe
Mohnblumen im Haar, trat Julie herein, mit leichtem elastischen
Schritte, ein strahlendes Lächeln um die frischen Lippen, Rosenflammen
auf den Wangen, Liebreiz und frohes Leben in jedem Zuge des Gesichtes,
jeder Wellenlinie der Gestalt, und das Siriusfeuer ihrer Augen
durchflog elektrisch den Kreis, der sich um sie zusammendrängte.
In den ersten drei Minuten waren auf jeden der Anwesenden von der
Springflut ihrer Begrüßungsworte einige Tropfen gefallen: Jeder mochte
das Gefühl des Bevorzugtseins haben. Eine Umarmung der blonden Frau,
ein Handreichen an den Obersten, den Banquier und Knorr, eine für den
feineren Beobachter fast ironische Verbeugung vor dem Geistlichen,
zwei Küsse auf die beiden Mädchenstirnen -- -- das folgte einander
in leichtem Fluge, wie wenn der Wind die Blüten vom Baume weht. --
Und nun klangen die Stimmen in jenen Chor zusammen, welchen manchmal
eine Gesellschaft in dem Moment anstimmt, wo ein Alle gleichmäßig
berührender Gegenstand wie das heutige Gewitter und die Wechselfälle
der Seefahrt sich darbietet, den nun Alle wie einen Ballon aus den
Raquettes des Gespräches umherfliegen lassen und dem Nachbar zuwerfen,
bis Jeder sein ~heureux mot~, seine Frase los geworden.
Julie durchbrach den Kreis, ging auf Arnold zu und führte ihn an der
Hand zum Sofa mit den Worten: „Wir haben heute zusammen die Launen
eines treulosen Elementes getragen, nun bleiben Sie mein Nachbar und
ruhen Sie hier im Genusse, den jedes überstandene Leiden gewährt.‟ --
Arnold, der um die Welt gern wieder auf dem treulosen Elemente gewesen
wäre, entgegnete: „So erquicklich auch die jetzige Lage, so wüßte
ich doch nicht, daß sie vor jener, die Sie als überstandenes Leiden
betrachten, für mich einen andern Vorzug hätte, als den, Sie selbst in
schöner, behaglicher Sicherheit zu sehen.‟
„Nun müssen Sie noch dazusetzen -- sagte Julie, daß für den Mann der
Kampf mit den Fluten beglückender ist als der Frieden am Samovar,
und beidem ist genügt, sowohl der Galanterie, die Sie im Westen
gelernt, als dem Stückchen Nordlandsrecke und Junker Frithiof, das Sie
aus der Heimat mitgenommen und, in seiner besten Bedeutung, wieder
zurückgebracht haben.‟ --
„Wie kann man einen so traurigen Namen haben? wer heißt doch Friedhof!‟
rief der Banquier Hr. v. Wörlitzer aus; und da gewisse Fragezeichen
auf der Stirn des Obersten und des Hofraths verriethen, daß auch
sie sich nicht in der Lage befanden, das Mißverständniß zu lösen,
so nahm Reiland das Wort und sagte: „Herr von Plomberg, der Mann
des Schwertes, ist durch seine Thaten auf dem Schlachtfelde der
Verpflichtung enthoben, die erdichteten der alten +Germanen+ zu
lesen, und sowohl der Herr Hofrath, als Herr von Wörlitzer, der Mann
des allbeherrschenden Goldes, dürften bei ihren reellen Geschäften
kaum Muße finden, sich mit den Nebelbildern altdeutscher Poesie zu
befassen.‟
„Gehorsamer Diener, rief der Oberst, meinen Sie vielleicht die Thaten
im letzten Feldzug, wo mein Regiment immer da stand, wo es kein Mensch
brauchte? In den Stunden unsers müßigen Zuschauens, wo wir uns nicht
rühren durften, wenn unsere Leute unter unsern Augen zusammengehauen
wurden, hätte ich den ganzen Junker Friedhof oder wie er heißt zehnmal
auswendig lernen können!‟ -- Das Gesicht, welches Knorr bei Reilands
vermittelnder Anrede aufgezogen hatte, läßt sich nicht beschreiben. „Da
haben wir das tägliche Brot, die Politik,‟ brummte er vor sich hin.
* * * * *
Und so kam es auch. In wenigen Minuten hatte sich das Gespräch der
Tagesfragen bemächtigt und trug den Charakter jener allgemeinen
Verstimmung und Gereiztheit an sich, welcher seit dem letzten
Friedensschlusse auch die konservativsten Elemente ergriffen hatte.
Der Oberst, der Geistliche, der Banquier, der Hofrath konnten als
Vertreter der Stände gelten, welche die Grundpfeiler des Bestehenden
vorstellen, aber Alle waren darüber einig, daß die öffentlichen
Zustände beklagenswerther geworden als je, mit dem Unterschiede, daß
der Soldat und der Geistliche das Heilmittel in einem entschiedenen
+Rückwärts+ erblickten, -- der Banquier in einem entschiedenen
+Vorwärts+, während der Hofrath zwischen den Kontrasten
durchlavirte.
Besonders lebhaften Antheil nahm die blonde junge Frau, welche, als
dieses Thema auftauchte, in kurzen scharfen Sätzen die Meinungen
zusammenfaßte, und den beurtheilten Personen und Verhältnissen jene
schonungslosen Bezeichnungen gab, welche die Standeskonvenienz den
Männern verbot. Das Gespräch durchlief seine natürlichen Stadien der
Gährung und endigte, wie all’ die Tausende seinesgleichen, mit dem
Refrain: „So kann es nicht bleiben.‟
Bald nach Beginn desselben hatte Julie sich erhoben, Arnold gewinkt
ihr zu folgen und ging mit ihm in den Musiksalon, wo sie sich in eine
Causeuse in der Fensterecke setzte.
„Wir sehen uns +nun+ erst eigentlich +wieder+, -- begann sie,
denn bei der Gesellschaft draußen waren Sie mir so ferne als in Ihrem
Zimmer im Fremdenflügel. Waren Sie denn nicht überrascht, fuhr sie
lächelnd mit Selbstironie fort, mich als Rose wiederzufinden, nachdem
Sie mich als Lilie verlassen hatten?‟
„Ich gestehe, daß entweder die natürlichen Umwandlungen Ihres Wesens
wunderbar rasch vor sich gehen, oder daß Sie eine, ich möchte sagen,
übermenschliche Kraft besitzen, um so zu scheinen -- -- denn was
kann eine Frau, welche angegriffen, leidend, nach einer bestandenen
Lebensgefahr zurückkehrt, bewegen, eine Stunde später eine solche Fülle
von geselliger Liebenswürdigkeit zu entwickeln, während ihr vielleicht
die Einsamkeit ein Labsal wäre, -- und einen Frohsinn -- verzeihen Sie
mir den Ausdruck, -- zur +Schau+ zu tragen, der Sie, wenn ich nach
dem Eindruck der kurzen Seefahrt über Ihr Wesen urtheilen dürfte, ein
Opfer kostet, -- -- das Diejenigen, denen es gebracht wird, kaum zu
erkennen scheinen?‟
Julie sah ihn überrascht, -- sinnend, -- erfreut an und sagte:
„Genug, ich +besitze+ diese Kraft; was mich bewegt, sie
anzuwenden, wird Ihnen so wenig ein Räthsel bleiben, als meine
befremdende Frage auf der Heimfahrt.‟
„Ein Räthsel ist mir der ganze heutige Abend, von dem Augenblicke an,
wo ich Sie am Felsenufer begrüßte, bis zum jetzigen. Der Freinhof
selbst war ja wie ein Märchen vor mir aufgetaucht an einer Stelle, von
welcher mir, als ich sie vor Jahren betrat, nur das Bild der tiefsten
Einsamkeit und Abgeschiedenheit geblieben. Ihre Worte aber, aus der
Luft des freundlichen Scherzes in geheimen Tiefen tauchend, klingen
mir, wenn auch als +ungelöste+ Räthsel, in der Seele nach, und
werden mich begleiten, wohin mich das Leben auch führe. Eine Unwahrheit
wäre es aber, wenn ich sagte, daß der Eindruck, den ich mitnehme, ein
froher, glücklicher ist. Sie sind beides +nicht+.‟
„Arnold!‟ erwiederte sie, und ihre duftigen Locken berührten fast
seine Wange -- „ich spreche zu Ihnen, wie keine Frau vor mir zu Ihnen
gesprochen, vielleicht keine sprechen wird. Ich vertraue Ihnen, weil
die Wahrheit selbst ihre Gestalt der Lüge geborgt haben müßte, wenn aus
Ihren Augen ein falsches Gemüth blicken könnte. Ich sage Ihnen, ich
+weiß+, daß Sie den Freinhof, daß Sie mich nicht vergessen werden,
-- weiß, daß wenn ich einen Beweis dieses Gedenkens, selbst ein Opfer
von Ihnen forderte, Sie mir Alles verheißen, Alles erfüllen würden.‟
Arnold war, wie ein im Blumenduft Schlummernder, betäubt: das war
wieder der tiefe in der Seele nachzitternde Ton der Stimme -- waren
wieder die langsam, in spannenden Zwischenräumen einander folgenden
Worte.
Sie neigte sich im Sprechen zu ihm, und der reiche Flor der
wundervollen Formen lag warm mit mattem Glanze vor seinen verwirrten
Augen. -- --
Er fand keine Worte als die Bitte, jenen Beweis, jenes Opfer zu nennen!
Sie erwiederte: „Die Zeit, wo Sie Ihr Wort erfüllen, wird kommen! --
-- Wenn ich Sie errathe, so kann Ihnen in der Gesellschaft, zu der wir
nun zurückkehren, nicht heimisch zu Muthe sein; wenn Sie sie verlassen,
nehmen Sie von Niemandem Abschied; es wird, wie es hier gehalten wird,
Keinem auffallen. Den Brief, den ich Ihnen hier gebe, sind Sie so
freundlich, in der Stadt an seine Adresse zu geben. Und nun, da Sie vor
Tagesanbruch über die Höhe wollen -- sagen wir uns hier Lebewohl, --
auf Wiedersehen!‟
Ihre Hand hatte während des ganzen Gespräches in seiner geruht; sie zog
sie bei den letzten Worten zurück, stand schnell auf, und im nächsten
Augenblicke schlugen die Wellen der Gesellschaft über die Blumenauen
zusammen, welche für Arnold mit Zauberschnelle erblüht waren in der
tropischen Wärme des Gespräches im matt erleuchteten Musiksalon -- --
in welchem wohl noch keine Melodie einen Hörer mächtiger ergriffen
haben mochte. -- -- --
Sie tönte fort durch die stille Nacht, als er in seinem Gemache am
Fenster stand und auf den dunkeln See hinaussah.
Hell flammten die Lichter im Schweizerhause. Es war ihm peinlich, sich
diese Gesellschaft als Rahmen des Bildes zu denken, das ihn erfüllte.