Es ist nichts lehrreicher als die Aufmerksamkeit, wie in dem
menschlichen Leben alles zusammenhängt, wenn man es zu entdecken
vermag, z. B. Zahnschmerzen und das Glück eines Ehepaars, und wie
selbst das, was unrecht und verboten ist, wieder gutgemacht werden
kann, wenn's an den rechten Mann oder an die rechte Frau kommt, und
wie in dem grossen, unaufhörlichen Wechsel der Dinge alles einzelne
wieder verschwimmt, dass man ihm nimmer nachkommt, und doch getan
bleibt und nicht verloren geht, es sei gut oder bös. Gleich als wenn
man ein Glas Wasser in den Rhein ausgiesst, kein Sterblicher ist
imstand, es wieder herauszuschöpfen, sondern es ist jetzt dem Rhein
vermählt und augenblicklich verschwemmt in der grossen Flut. Ja,
wenn die Sonne Wasser aufzieht, wie man zu sagen pflegt, sind ein
paar Tröpflein davon vielleicht auch dabei und fallen irgendwo, in
Bayern oder Lothringen, wieder aus einer Wasserwolke vom Himmel
herab und erquicken ein Blümlein.
Eine Dienstmagd, jung und brav, auch hübsch, und ein Knecht gleicher
Qualität dienten miteinander auf einem Edelhof und hätten nicht so
gerne Kaffee getrunken oder alle Tage Braten gegessen, als vielmehr
einander geheiratet. Allein sie waren Leibeigene, insoweit, dass sie
verpflichtet waren, eine gewisse Zeit Hofdienste zu tun, und die
Edelfrau auf dem Hofe wollte sie nicht früher aus dem Dienst
entlassen, weil sie so brav waren in ihrer Aufführung und so
fleissig und treu in ihren Geschäften. Deswegen sassen sie oft
beisammen und weinten, oder sie weinte, und er nagte an einem
Holzsplitter. Ein ander Mal, wie die menschliche Laune wechselt,
sprachen sie sich Mut ein, dass es ja nur noch um zwei Jährlein zu
tun sei, und freuten sich schon zum voraus ihres zukünftigen Glücks,
"wenn du mein Weib bist"--sagte er--"und ich dein Mann", und
einmal vergassen sie sogar die Zukunft und meinten, es sei jetzt.
Nach Verlauf aber eines Jahres hat die Frau auf dem Edelhof in der
Nacht desperates Zahnweh, nicht gerade deswegen. Sie steht aus dem
Bette auf und wirft sich auf einen Stuhl, sie läuft aus einer Stube
in die andere, aus der andern in die dritte. In der dritten setzt
sie sich gegenüber einem Fensterlein, das in die Küche geht, mit
einem weissen Vorhang davor, und das Zahnweh wird ihr nun bald
vergehen. Sie sitzt jetzt am rechten Orte dazu. Denn auf einmal
sieht sie hell werden hinter dem weissen Vorhang, sie hört etwas
sich bewegen, sie hört etwas flüstern und knistern, sie schiebt
leise das Vorhänglein weg, und in der Küche stehen der Knecht und
die Magd an einem Feuerlein nachts um zwölf Uhr und legen Späne an
das Feuer, und auf dem Feuer steht ein Pfännlein.--Bereits gibt das
Zahnweh ein wenig nach.--"O ihr gottloses Lumpenpack", sagte sie
inwendig für sich. "So ist denn keinem Menschen mehr zu trauen. Habt
ihr nicht alle Tage euer ordentliches Essen. Ist es euch nicht gut
genug? Müsst ihr mich noch in der Nacht bestehlen und Leckerbissen
kochen!" Nach einiger Zeit stellt das Weibsbild das Pfännlein von
dem Feuer, als ob sie jetzt die Leckerbissen verzehren wollten, der
Knecht aber geht zur Türe hinaus.--"Wie der Tag anbricht, lass ich
beide in das Gefängnis werfen", so fuhr die Edelfrau fort, "und jage
sie weg ohne ehrlichen Abschied. Am Ende wird mir die Dirne auch
noch schwanger von dem Burschen in meinem eigenen Haus. So weit
soll's mir nicht kommen." Indem kommt der Knecht zurück und bringt
ein vierteljähriges Kind auf dem Arme und gibt's der Mutter auf die
Schoss. Da hörte plötzlich das Zahnweh der Edelfrau auf wie
weggeflogen. Die Mutter gibt dem Kindlein aus der Pfanne den Brei,
sie legt es an die mütterliche Brust, und der Schein des abnehmenden
Feuers ging zur rechten Zeit über ihr Angesicht, als sie mit nassen
Blicken ihr Kindlein noch einmal beschaute und dem Vater zurückgab
und etwas zu ihm sagte. Denn da ward das Herz der Edelfrau wunderbar
bewegt und kam auf andere Gedanken. Denn es war ihr, als ob die
Mutter mit den nassen Blicken gesagt hätte: "Gott wird des armen
Würmleins sich auch erbarmen", und als ob sie dazu bestimmt wäre.
Ja, es fuhr ihr mit Grausen durch die Seele, was für ein Unglück in
ihrem Hause hätte geschehen können, wenn nicht Gott das Herz der
Eltern vor einem schweren Verbrechen bewahrt hätte.
Am frühen Morgen aber liess sie beide Eltern vor sich bescheiden.
Beide sahen einander an. "Was gilt's",--sagte sie--"wir bekommen
unsere Freiheit."--"Oder auch nicht",--sagte er. Die Edelfrau
aber, als sie hereingetreten waren, redete sie ernsthaft und
gebieterisch an: "Wo habt ihr euer Kind?" Da glaubten beide in den
Boden zu versinken vor Schrecken und Scham und schauten einander
verstohlenerweise an, gleichsam ob das andere noch da sei. "Wo ihr
euer Kind habt",--wiederholte die Edelfrau.--"Weil wir denn doch
eins haben",--stotterte endlich der Vater,--"in der Holzkammer
hinter einer Beige." Als es aber der Bursche holen musste, bracht'
er es, wie es war in einem alten Felleisen. Es war reinlich gehalten
und gebüschelt auf einem Bettlein von Heu und weinte, als ob es
schon wusste, wie man es machen muss. Da erbarmte sich das Herz der
Edelfrau noch mehr, und als die treue Magd und Mutter reuevoll und
mit Tränen bat, sie und ihr unschuldiges Kind nicht unglücklich zu
machen, konnte die Edelfrau ihre Rührung nicht mehr verbergen:
"Nein, ich will euch nicht unglücklich machen",--sagte sie. "Ich
will euch die Härte vergelten, die ich an euch begangen habe. Ich
will euch den Kummer versüssen, den ihr getragen habt. Ich will eure
Sünde wieder gut machen. Ich will euch die Barmherzigkeit vergelten,
die ihr an euerm Kinde getan habt." Meint man nicht, man höre den
lieben Herr Gott reden in den Propheten oder in den Psalmen? Ein
Gemüt, das zum Guten bewegt ist und sich der Elenden annimmt und die
Gefallenen aufrichtet, ein solches Gemüt zieht nämlich das Ebenbild
Gottes an und fällt deswegen auch in seine Sprache.--"Ihr könnt
euch am Sonntag in der Stille zusammengeben lassen",--sagte die
Edelfrau. "Ich will euch ein angenehmes Heiratsgut stiften. Ich will
aus eurem Kinde etwas werden lassen. Ist's ein Büblein?"--Also
wurden sie am nächsten Sonntag auf Geheiss der Edelfrau
zusammengegeben und lebten seitdem in Liebe und Frieden ehelich
beisammen. Das Büblein aber kann jetzt schon Haselnüsse aufbeissen
und lernt fleissig und hat runde, rote Backen.--Was aber weiter
daraus werden soll, weiss der, der den Himmel mit der Spanne misst
und den Staub der Erde mit einem Dreiling.