Eine sonderbare Wirtszeche

Manchmal gelingt ein mutwilliger Einfall, manchmal kostet's den

Rock, oft sogar die Haut dazu. Diesmal aber nur den Rock. Denn

obgleich einmal drei lustige Studenten auf einer Reise keinen roten

Heller mehr in der Tasche hatten, alles war verjubelt, so gingen sie

doch noch einmal in ein Wirtshaus und dachten, sie wollten sich

schon wieder hinaus helfen und doch nicht wie Schelmen davon

schleichen, und es war ihnen gar recht, dass die junge und artige

Wirtin ganz allein in der Stube war. Sie assen und tranken guten

Mutes und führten miteinander ein gar gelehrtes Gespräch, als wenn

die Welt schon viele tausend Jahre alt wäre und noch ebenso lang

stehen würde, und dass in jedem Jahr, an jedem Tag und in jeder

Stunde des Jahrs alles wieder so komme und sei, wie es am nämlichen

Tag und in der nämlichen Stunde vor sechstausend Jahren auch gewesen

sei. "Ja", sagte endlich einer zur Wirtin--die mit einer Stickerei

seitwärts am Fenster sass und aufmerksam zuhörte--"ja, Frau Wirtin,

das müssen wir aus unsern gelehrten Büchern wissen." Und einer war

so keck und behauptete, er könne sich wieder dunkel erinnern, dass

sie vor sechstausend Jahren schon einmal da gewesen seien, und das

hübsche, freundliche Gesicht der Frau Wirtin sei ihm noch

wohlbekannt. Das Gespräch wurde noch lange fortgesetzt, und je mehr

die Wirtin alles zu glauben schien, desto besser liessen sich die

jungen Schwenkfelder den Wein und Braten und manche Bretzel

schmecken, bis eine Rechnung von 5 fl. 16 kr. auf der Kreide stand.

Als sie genug gegessen und getrunken hatten, rückten sie mit der

List heraus, worauf es abgesehen war.

"Frau Wirtin", sagte einer, "es steht diesmal um unsere Batzen nicht

gut, denn es sind der Wirtshäuser zu viele an der Strasse. Da wir

aber an Euch eine verständige Frau gefunden haben, so hoffen wir als

alte Freunde hier Kredit zu haben, und wenn's Euch recht ist, so

wollen wir in sechstausend Jahren, wenn wir wiederkommen, die alte

Zeche samt der neuen bezahlen." Die verständige Wirtin nahm das

nicht übel auf, war's vollkommen zufrieden und freute sich, dass die

Herren so vorlieb genommen, stellte sich aber unvermerkt vor die

Stubentüre und bat, die Herren möchten nur so gut sein und jetzt die

5 fl. 16 kr. bezahlen, die sie vor sechstausend Jahren schuldig

geblieben seien, weil doch alles schon einmal so gewesen sei, wie es

wieder komme. Zum Unglück trat eben der Vorgesetzte des Ortes mit

ein paar braven Männern in die Stube, um miteinander ein Glas Wein

in Ehren zu trinken. Das war den gefangenen Vögeln gar nicht lieb.

Denn jetzt wurde von Amts wegen das Urteil gefällt und vollzogen:

"Es sei aller Ehren wert, wenn man sechstausend Jahre lang geborgt

habe. Die Herren sollten also augenblicklich ihre alte Schuld

bezahlen, oder ihre noch ziemlich neuen Oberröcke in Versatz geben."

Dies letzte musste geschehen, und die Wirtin versprach, in

sechstausend Jahren, wenn sie wieder kommen und besser als jetzt bei

Batzen seien, ihnen alles, Stück für Stück, wieder zuzustellen.

Dies ist geschehen im Jahr 1805 am 17ten April im Wirtshause zu

Segringen.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 110 / 197 题