Eine seltsame, jedoch wahrhafte Geschichte

Zwei Schiffer fuhren frühmorgens den Strom herab, und der Tag war

schon ins enge, stille Tal gekommen, als sie an der hohen

Felsenwand, genannt die Riesenmauer, vorbeifahren wollten. Es

steigen nämlich daselbst die Felsen fast senkrecht in die Höhe. Weit

oben ist's wie abgeschnitten, und der heilige Nepomuk, ob er gleich

von Stein ist, meint man doch, es müsse ihm schwindlig werden, und

es wird's einem für ihn, wenn man hinaufschaut. Keine Ziege weidet

an dieser Halde, kein Fusspfad führt den Wanderer hinauf oder hinab.

Nur einzelne arme Tannen oder Eichen sind aus den Felsenspalten da

und dort herausgewachsen, mehr hangend als stehend, und nähren sich,

so gut sie können, vom Wasserduft und Sonnenschein. Als aber die

Schiffer gegen die Felsenwand kamen, hörten sie ein klägliches

Notgeschrei, und um einen Buck herumfahrend, sahen sie mit

Entsetzen, dass ein lebendiger Mensch in einsamer Todesnot und Angst

auf einem solchen Eichstämmlein sass und sich mit den Händen an

einem schwachen Ästlein festhielt wie ein furchtsamer Reiter am

Kammhaar, und sah auch wirklich aus, als wenn er in die Luft

hinausreiten wollte, unten Wasser, oben Himmel, vor ihm nichts. Aber

der eine Schiffer verwunderte sich noch viel mehr, als er den Mann

ins Auge fasste und erkannte. "Seid Ihr es, Herr Schulmeister, oder

trügt mich ein Blendwerk?" Ja, es war der Herr Schulmeister, ein

braver, unbescholtener Mann, den der Hausfreund so gut kennt als

sich selbst oder seinen Adjunkt, ein Vater von drei Kindern.

Der Hausfreund müsste sich sehr an dem geneigten Leser oder an

seiner eigenen Beschreibung irren, wenn derselbe früher fragen

sollte, was er doch nicht erfahren wird, wie der Mann auf diesen

Baum hinaufgekommen, als vielmehr, wie er wieder herabgebracht und

aus des Todes Angst und Not gerettet worden sei. Man holte die

längste Feuerleiter im Dorf und stellte sie an dem schmalen Bort

zwischen dem Strom und den Felsen auf. Sie reichte nicht hinan. Man

band die zwei längsten aneinander und richtete sie mit unsäglicher

Mühe und eigener Todesgefahr auf. Sie reichten nicht hinan. Es war

schon 10 Uhr, und die Sonne schwamm über das Tal, als ob sie das

seltsame Schauspiel auch sehen oder Mut und Hoffnung machen wollte

zur Rettung. Man erstieg auf der andern Seite die Anhöhe, schlang

das längste Seil, das zu haben war, um den heiligen Nepomuk und

liess es hinab, dass er es um den Leib binden, sich alsdann mit den

Händen und Füssen gegen die Felsenwand stemmen und seine Auffahrt

regieren sollte. Aber der arme Mann durfte mit den Händen den Ast

nicht verlassen, weil er sonst keine Habung hatte auf dem schwachen

Stamm und unvermeidlich das Gleichgewicht und das Leben hätte

verlieren müssen. Endlich liess man auf die nämliche Art noch einen

Mann von Mut und Kraft zu ihm hinab, der ihm das eine Seil um den

Leib befestigte, und zog alsdann unversehrt einen nach dem andern

herauf. Der Herr Schulmeister aber, als er wieder Boden erfasst und

sozusagen gelandet hatte, küsste er zuerst mit Dank und Gebet die

Füsse des Schutzheiligen, der ihm gleichsam in der Gestalt des Seils

seine hilfreiche Hand hinabgereicht hatte und absichtlich um seiner

Rettung willen da zu stehen schien, und dankte seinen Mitbürgern.

Hernach winkte er seiner zagenden Frau und seinen weinenden Kindern,

die am jenseitigen Ufer standen, dass es jetzt nichts mehr zu sagen

habe. Aber auf die Frage, wie er auf den Baum herabgekommen sei,

konnte er keine Antwort geben, sondern er bewies hernach als ein

Mann, dem an seiner Reputation viel gelegen ist, dass er in dem Dorf

auf dem Berge ein einziges Schöpplein getrunken habe und nüchtern

fortgegangen sei, um nach Hause zu kommen. Was sich aber weiter mit

ihm zugetragen habe, wisse er nicht, sondern, als er aufgewacht sei,

sei er auf dem Baum gesessen.

Dem Hausfreund aber ist es insofern lieb für seine Leser, dass die

Sache im Dunkeln bleibt. Denn ob es gleich muss natürlich zugegangen

sein, so sieht es doch wunderbarer aus und greift besser an, wenn

man nicht weiss, wie. So viel ist klar auf alle Fälle: "Er hat

seinen Engeln über dir Befehl getan, dass sie dich behüten auf

deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen."

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 109 / 197 题