In Wien dachte ein Offizier: Ich will doch auch einmal im Roten
Ochsen zu Mittag essen, und geht in den Roten Ochsen. Da waren
bekannte und unbekannte Menschen, Vornehme und Mittelmässige,
ehrliche Leute und Spitzbuben wie überall. Man ass und trank, der
eine viel, der andere wenig. Man sprach und disputierte von dem und
jenem, zum Exempel von dem Steinregen bei Stannern in Mähren, von
dem Machin in Frankreich, der mit dem grossen Wolf gekämpft hat. Das
sind dem geneigten Leser bekannte Sachen, denn er erfährt alles ein
Jahr früher als andere Leute.--Als nun das Essen fast vorbei war,
einer und der andere trank noch eine halbe Mass Ungarwein zum
Zuspitzen, ein anderer drehte Kügelein aus weichem Brot, als wenn er
ein Apotheker wär' und wollte Pillen machen, ein dritter spielte mit
dem Messer oder mit der Gabel oder mit dem silbernen Löffel. Da sah
der Offizier von ungefähr zu, wie einer in einem grünen Rocke mit
dem silbernen Löffel spielte, und wie ihm der Löffel auf einmal in
den Rockärmel hineinschlüpfte und nicht wieder herauskam.
Ein anderer hätte gedacht: was geht's mich an? und wäre still dazu
gewesen oder hätte grossen Lärm angefangen. Der Offizier dachte: Ich
weiss nicht, wer der grüne Löffelschütz ist, und was es für ein
Verdruss geben kann, und war mausstill, bis der Wirt kam und das
Geld einzog. Als der Wirt kam und das Geld einzog, nahm der Offizier
auch einen silbernen Löffel und steckte ihn zwischen zwei
Knopflöcher im Rocke, zu einem hinein, zum, andern hinaus, wie es
manchmal die Soldaten im Kriege machen, wenn sie den Löffel
mitbringen, aber keine Suppe.--Währenddem der Offizier seine Zeche
bezahlte, und der Wirt schaute ihm auf den Rock, dachte er: Das ist
ein kurioser Verdienstorden, den der Herr da anhängen hat. Der muss
sich im Kampf mit einer Krebssuppe hervorgetan haben, dass er zum
Ehrenzeichen einen silbernen Löffel bekommen hat; oder ist's gar
einer von meinen eigenen? Als aber der Offizier dem Wirt die Zeche
bezahlt hatte, sagte er mit ernsthafter Miene: "Und der Löffel geht
ja drein. Nicht wahr? Die Zeche ist teuer genug dazu." Der Wirt
sagte: "So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Wenn Ihr keinen
Löffel daheim habt, so will ich Euch einen Patentlöffel schenken,
aber meinen silbernen lasst mir da." Da stand der Offizier auf,
klopfte dem Wirt auf die Achsel und lächelte. "Wir haben nur Spass
gemacht", sagte er, "ich und der Herr dort in dem grünen Rocke. Gebt
Ihr Euern Löffel wieder aus dem Ärmel heraus, grüner Herr, so will
ich meinen auch wieder hergeben."
Als der Löffelschütz merkte, dass er verraten sei, und dass ein
ehrliches Auge auf seine unehrliche Hand gesehen hatte, dachte er:
Lieber Spass als Ernst, und gab seinen Löffel ebenfalls her. Also
kam der Wirt wieder zu seinem Eigentum,. und der Löffeldieb lachte
auch--aber nicht lange. Denn als die andern Gäste das sahen, jagten
sie den verratenen Dieb mit Schimpf und Schande und ein paar Tritten
unter der Türe zum Tempel hinaus, und der Wirt schickte ihm den
Hausknecht mit einer Handvoll ungebrannter Asche nach. Den wackern
Offizier aber bewirtete er noch mit einer Bouteille voll Ungarwein
auf das Wohlsein aller ehrlichen Leute.
Merke: Man muss keine silbernen Löffel stehlen.
Merke: Das Recht findet seinen Knecht.