Oft sieht die Wahrheit wie eine Lüge aus. Das erfuhr ein Fremder,
der vor einigen Jahren mit einem Schiff aus Westindien an den Küsten
der Ostsee ankam. Damals war der russische Kaiser bei dem König von
Preussen auf Besuch. Beide Potentaten standen in gewöhnlicher
Kleidung, ohne Begleitung, Hand in Hand, als zwei rechte gute
Freunde beieinander am Ufer. So etwas sieht man nicht alle Tage. Der
Fremde dachte auch nicht dran, sondern ging ganz treuherzig auf sie
zu, meinte, es seien zwei Kaufleute oder andere Herren aus der
Gegend, und fing ein Gespräch mit ihnen an, war begierig, allerlei
Neues zu hören, das seit seiner Abwesenheit sich zugetragen habe.
Endlich, da die beiden Monarchen sich leutselig mit ihm
unterhielten, fand er Veranlassung, den einen auf eine höfliche Art
zu fragen, wer er sei. "Ich bin der König von Preussen", sagte der
eine. Das kam nun dem fremden Ankömmling schon ein wenig sonderbar
vor. Doch dachte er: Es ist möglich, und machte vor dem Könige ein
ehrerbietiges Kompliment. Und das war vernünftig. Denn in
zweifelhaften Dingen muss man immer das Sicherste und Beste wählen
und lieber eine Höflichkeit aus Irrtum begehen als eine Grobheit.
Als aber der König weiter sagte und auf seinen Begleiter deutete:
"Dies ist Se. Majestät der russische Kaiser", da war's doch dem
ehrlichen Mann, als wenn zwei lose Vögel ihn zum besten haben
wollten, und sagte: "Wenn ihr Herren mit einem ehrlichen Mann euern
Spass haben wollt, so sucht einen andern als ich bin. Bin ich
deswegen aus Westindien hierher gekommen, dass ich euer Narr sei?"--
Der Kaiser wollte ihn zwar versichern, dass er allerdings derjenige
sei. Allein der Fremde gab kein Gehör mehr. "Ein russischer
Spassvogel möget Ihr sein", sagte er. Als er aber nachher im Grünen
Baum die Sache erzählte und andern Bericht bekam, da kam er ganz
demütig wieder, bat fussfällig um Vergebung, und die grossmütigen
Potentaten verziehen ihm, wie natürlich, und hatten hernach viel
Spass an dem Vorfall.