Einem Schneider in der Stadt waren seit ein paar Jahren die Nadeln
ein wenig verrostet und die Schere zusammengewachsen; also nährt er
sich, so gut er kann. "Gevatter", sagt zu ihm der Peruckenmacher,
"Ihr tragt nicht gerne schwer; wollt Ihr nicht dem Herrn Dechant von
Brassenheim eine neue Perücke bringen in einer Schachtel? Sie ist
leicht, und er zahlt Euch den Gang."--"Gevatter", sagt der
Schneider, "es ist ohnedem Jahrmarkt in Brassenheim. Leiht mir die
Kleider, die Euch der irrende Ritter im Versatz gelassen hat, der
Euch angeschmiert hat, so stell' ich auf dem Jahrmarkt etwas vor."
Der Adjunkt hat die Tugend, wenn er auf drei Stunden im Revier einen
Markt weiss, so ist ihm der Gang auch nicht zu weit, und ist er von
dem Hausfreund wohl bezahlt, so gibt er dem Jahrmarkt viel zu lösen
für neue weltliche Lieder und feine Damaszener Maultrommeln. Also
sass jetzt der Adjunkt auch zu Brassenheim im Wilden Mann und
musterte die Lieder. Erstes Lied: Ein Lämmlein trank vom frischen
usw. Zweites Lied: Schönstes Hirschlein über die Massen usw. Drittes
Lied: Kein schöner Leben auf Erden usw. und probierte die Trommeln.
Kommt auf einmal der Schneider herein mit rotem Rock, hirschledernen
Beinkleidern, Halbstiefeln und Zotteln daran und zwei Sporen. Der
Wirt zog höflich die Kappe ab, die Gäste auch, und: "Hat Euch, Herr
Ritter, der Hausknecht das Pferd schon in den Stall geführt?" fragte
ihn der Wirt. "Mein Normänder, der Scheck?" sagte der Schneider.
"Ich hab' ihn au Cerf eingestellt, im Hirschen. Ich will hier nur
ein Schöpplein trinken. Ich bin der berühmte Adelstan und reise auf
Menschenkenntnis und Weinkunde. Platz da!" sagte er zum Adjunkt.
"Holla", denkt der Adjunkt, "der meint auch, grob sei vornehm. Was
gilt's, er ist nicht weit her?" Als aber der Schneider die Gerte
breit über den Tisch legte und räusperte sich wie ein Kamel und
betrachtete die Leute mit einem Brennglas und den Adjunkt auch,
steht der Adjunkt langsam auf und sagt dem Wirt etwas halblaut in
das Ohr. Ein Ehninger, der es hörte, sagt: "Herr Landsmann, Ihr seid
auf der rechten Spur. Ich hab' ihn gesehn die Stiefel am Bach
abwaschen und eine Gerte schneiden. Er ist zu Fuss gekommen." Ein
Scherenschleifer sagte: "Ich kenn' ihn wohl, er ist einmal ein
Schneider gewesen. Jetzt hat er sich zur Ruh' gesetzt und tut
Botengänge um den Lohn." Also geht der Wirt ein wenig hinaus und
kommt wieder herein. "So kann denn doch kein hiesiger Markt ohne ein
Unglück vorübergehen", sagt er im Hereinkommen. "Da suchen die
Hatschierer in allen Wirtshäusern einen Herrn in einem roten Rocke,
der heute durch die Dörfer galoppiert ist und ein Kind zu Tod
geritten hat." Da schauten alle Gäste den Ritter Adelstan an; der
sagte in der Angst: "Mein Rock ist eher gelb als rot." Aber der
Ehninger sagte: "Nein, aber Euer Gesicht ist eher blass als gelb,
und hat auf einmal viel Schweisstropfen darauf geregnet. Gestehts,
Ihr seid nicht geritten."--"Doch, er ist geritten", sagte der Wirt;
"ich hab' ihm eben das Ross draussen angebunden. Es ist losgerissen
im Hirsch und sucht ihn. Hat nicht Euer Normänder die Mähnen unten
am Hals und gespaltene Hufe, und wenn er wiehert, sollte man schier
nicht meinen, dass es ein Ross ist! Zahlt Euer Schöpplein und reitet
ordentlich heim." Als er aber vor das Haus kam und den Normänder
sah, den ihm der Wirt an die Türe gebunden hat, wollte er nicht
aufsitzen, sondern ging zu Fuss zum Flecken heraus und wurde von den
Gästen entsetzlich verhöhnt.
Merke: Man muss nie mehr scheinen wollen, als man ist und als man
sich zu bleiben getrauen kann wegen der Zukunft.