Das wohlfeile Mittagessen

Es ist ein altes Sprichwort: Wer andern eine Grube gräbt, fällt

selber darein.--Aber der Löwenwirt in einem gewissen Städtlein war

schon vorher darin. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurz und

trotzig verlangte er für sein Geld eine gute Fleischsuppe. Hierauf

forderte er auch ein Stück Rindfleisch und ein Gemüs für sein Geld.

Der Wirt fragte ganz höflich, ob ihm nicht auch ein Glas Wein

beliebe? "O freilich ja!", erwiderte der Gast, "wenn ich etwas Gutes

haben kann für mein Geld." Nachdem er sich alles hatte wohl

schmecken lassen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der

Tasche und sagte: "Hier, Herr Wirt, ist mein Geld." Der Wirt sagte:

"Was soll das heissen? Seid Ihr mir nicht einen Taler schuldig?" Der

Gast erwiderte: "Ich habe für keinen Taler Speise von Euch verlangt,

sondern für mein Geld. Hier ist mein Geld. Mehr hab' ich nicht. Habt

Ihr mir zuviel dafür gegeben, so ist's Eure Schuld."--Dieser

Einfall war eigentlich nicht weit her. Es gehörte nur

Unverschämtheit dazu, und ein unbekümmertes Gemüt, wie es am Ende

ablaufen werde. Aber das Beste kommt noch. "Ihr seid ein

durchtriebener Schalk", erwiderte der Wirt, "und hättet wohl etwas

anderes verdient. Aber ich schenke Euch das Mittagessen und hier

noch ein Vierundzwanzigkreuzerstück dazu. Nur seid stille zur Sache

und geht zu meinem Nachbarn, dem Bärenwirt, und macht es ihm

ebenso!" Das sagte er, weil er mit seinem Nachbarn, dem Bärenwirt,

aus Brotneid in Unfrieden lebte und einer dem andern jeglichen Tort

und Schimpf gerne antat und erwiderte. Aber der schlaue Gast griff

lächelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Geld, mit der

andern vorsichtig nach der Türe, wünschte dem Wirt einen guten

Abend, und sagte: "Bei Eurem Nachbarn, dem Herrn Bärenwirt, bin ich

schon gewesen, und eben der hat mich zu Euch geschickt und kein

anderer." So waren im Grunde beide hintergangen, und der dritte

hatte den Nutzen davon. Aber der listige Kunde hätte sich noch

obendrein einen schönen Dank von beiden verdient, wenn sie eine gute

Lehre daraus gezogen und sich miteinander ausgesöhnt hätten. Denn

Frieden ernährt, aber Unfrieden verzehrt.

Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande 1.

In der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll, trieb

ein reicher und vornehmer Mann einen Armen, der ihn um eine Wohltat

anflehte, mit Scheltworten und Schlägen von sich ab, und als er ihn

nicht mehr erreichen konnte, warf er ihn noch mit einem Stein. Die

es sahen, verdross es, aber niemand konnte erraten, warum der arme

Mann den Stein aufhob und, ohne ein Wort zu sagen, in die Tasche

steckte, und niemand dachte daran, dass er ihn von nun an so bei

sich tragen würde. Aber das tat er.

Nach Jahr und Tag hatte der reiche Mann ein Unglück, nämlich er

verübte einen Spitzbubenstreich, und wurde deswegen nicht nur seines

Vermögens verlustig, sondern er musste auch nach dortiger Sitte zur

Schau und Schande, rückwärts auf einen Esel gesetzt, durch die Stadt

reiten. An Spott und Schimpf fehlte es nicht, und der Mann mit dem

rätselhaften Stein in der Tasche stand unter den Zuschauern eben

auch da, und erkannte seinen Beleidiger. Jetzt fuhr er schnell mit

der Hand in die Tasche; jetzt griff er nach dem Stein; jetzt hob er

ihn schon in die Höhe, um ihn wieder nach seinem Beleidiger zu

werfen, und wie von einem guten Geist gewarnt, liess er ihn wieder

fallen und ging mit einem bewegten Gesicht davon.

Daraus kann man lernen: Erstens, man soll im Glück nicht übermütig,

nicht unfreundlich und beleidigend gegen geringe und arme Menschen

sein. Denn es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen

Morgen war, und "wer dir als Freund nichts nutzen kann, der kann

vielleicht als Feind dir schaden". Zweitens, man soll seinem Feind

keinen Stein in der Tasche und keine Rache im Herzen nachtragen.

Denn als der arme Mann den seinen auf die Erde fallen liess und

davonging, sprach er zu sich selber so: "Rache an dem Feind

auszuüben, so lange er reich und glücklich war, das war töricht und

gefährlich; jetzt wo er unglücklich ist, wäre es unmenschlich und

schändlich."

Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande 2.

Ein anderer meinte, es sei schön, Gutes zu tun an seinen Freunden,

und Böses an seinen Feinden. Aber noch ein anderer erwiderte, das

sei schön, an den Freunden Gutes zu tun, und die Feinde zu Freunden

zu machen.

Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande 3.

Es ist doch nicht alles so uneben, was die Morgenländer sagen und

tun.

Einer, namens Lockmann, wurde gefragt, wo er seine feinen und

wohlgefälligen Sitten gelernt habe? Er antwortete: "Bei lauter

unhöflichen und groben Menschen. Ich habe immer das Gegenteil von

demjenigen getan, was mir an ihnen nicht gefallen hat."

Denkwürdigkeiten aus dem Morgenlande 4.

Ein anderer entdeckte seinem Freund das Geheimnis, durch dessen

Kraft er mit den zanksüchtigen Leuten immer in gutem Frieden

ausgekommen sei. Er sagte so: "Ein verständiger Mann und ein

törichter Mann können nicht einen Strohhalm mit einander zerreissen.

Denn wenn der Tor zieht, so lässt der Verständige nach, und wenn

jener nachlässt, so zieht dieser. Aber wenn zwei Unverständige

zusammenkommen, so zerreissen sie eiserne Ketten.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 25 / 197 题