Das wohlbezahlte Gespenst

In einem gewissen Dorfe, das ich wohl nennen könnte, geht ein

üblicher Fussweg über den Kirchhof und von da durch den Acker eines

Mannes, der an der Kirche wohnt, und es ist ein Recht. Wenn nun die

Ackerwege bei nasser Witterung schlüpfrig und ungangbar sind, ging

man immer tiefer in den Acker hinein, und zertrat dem Eigentümer die

Saat, so dass bei anhaltend feuchter Witterung der Weg immer breiter

und der Acker immer schmäler wurde, und das war kein Recht. Zum Teil

wusste nun der beschädigte Mann sich wohl zu helfen. Er gab bei Tag,

wenn er sonst nichts zu tun hatte, fleissig acht, und wenn ein

unverständiger Mensch diesen Weg kam, der lieber seine Schuhe als

seines Nachbars Gerstensaat schonte, so lief er schnell hinzu und

pfändete ihn oder tat's mit ein paar Ohrfeigen kurz ab. Bei Nacht

aber, wo man noch am ersten einen guten Weg braucht und sucht, war's

nur desto schlimmer, und die Dornenäste und Rispen, mit welchen er

den Wandernden verständlich machen wollte, wo der Weg sei, waren

allemal in wenig Nächten niedergerissen oder ausgetreten, und

mancher tat's vielleicht mit Fleiss. Aber da kam dem Mann etwas

anderes zustatten. Es wurde auf einmal unsicher auf dem Kirchhofe,

über welchen der Weg ging. Bei trockenem Wetter und etwas hellen

Nächten sah man oft ein langes, weisses Gespenst über die Gräber

wandeln. Wenn es regnete oder sehr finster war, hörte man im

Beinhaus bald ein ängstliches Stöhnen und Winseln, bald ein

Klappern, als wenn alle Totenköpfe und Totengebeine darin lebendig

werden wollten. Wer das hörte, sprang bebend wieder zur nächsten

Kirchhoftüre hinaus, und in kurzer Zeit sah man, sobald der Abend

dämmerte und die letzte Schwalbe aus der Luft verschwunden war,

gewiss keinen Menschen mehr auf dem Kirchhofwege, bis ein

verständiger und herzhafter Mann aus einem benachbarten Dorfe sich

an diesem Ort verspätete und den nächsten Weg nach Haus doch über

diesen verschrienen Platz und über den Gerstenacker nahm. Denn ob

ihm gleich seine Freunde die Gefahr vorstellten und lange abwehrten,

so sagte er doch am Ende: "Wenn es ein Geist ist, geh' ich mit Gott

als ein ehrlicher Mann den nächsten Weg zu meiner Frau und zu meinen

Kindern heim, habe nichts Böses getan, und ein Geist, wenn's auch

der schlimmste unter allen wäre, tut mir nichts. Ist's aber Fleisch

und Bein, so habe ich zwei Fäuste bei mir, die sind auch schon dabei

gewesen." Er ging. Als er aber auf den Kirchhof kam und kaum am

zweiten Grab vorbei war, hörte er hinter sich ein klägliches Ächzen

und Stöhnen, und als er zurückschaute, siehe, da erhob sich hinter

ihm, wie aus einem Grab herauf, eine lange, weisse Gestalt. Der Mond

schimmerte blass über die Gräber. Totenstille war ringsumher, nur

ein paar Fledermäuse flatterten vorüber. Da war dem guten Manne doch

nicht wohl zumute, wie er nachher selber gestand, und wäre gerne

wieder zurückgegangen, wenn er nicht noch einmal an dem Gespenst

hätte vorbeigehen müssen. Was war nun zu tun? Langsam und still ging

er seines Weges zwischen den Gräbern und manchem schwarzen

Totenkreuz vorbei. Langsam und immer ächzend folgte zu seinem

Entsetzen das Gespenst ihm nach, bis an das Ende des Kirchhofs, und

das war in der Ordnung, und bis vor den Kirchhof hinaus, und das war

dumm.

Aber so geht es. Kein Betrüger ist so schlau, er vertratet sich.

Denn sobald der verfolgte Ehrenmann das Gespenst auf dem Acker

erblickte, dachte er bei sich selber: Ein rechtes Gespenst muss wie

eine Schildwache auf seinem Posten bleiben, und ein Geist, der auf

den Kirchhof gehört, geht nicht aufs Ackerfeld. Daher bekam er auf

einmal Mut, drehte sich schnell um, fasste die weisse Gestalt mit

fester Hand und merkte bald, dass er unter einem Leintuch einen

Burschen am Brusttuch habe, der noch nicht auf dem Kirchhof daheim

sei. Er fing daher an, mit der andern Faust auf ihn loszutrommeln,

bis er seinen Mut an ihm gekühlt hatte, und da er vor dem Leintuch

selber nicht sah, wo er hinschlug, so musste das arme Gespenst die

Schläge annehmen, wie sie fielen.

Damit war nun die Sache abgetan, und man hat weiter nichts mehr

davon erfahren, als dass der Eigentümer des Gerstenackers ein paar

Wochen lang mit blauen und gelben Zieraten im Gesicht herumging und

von dieser Stunde an kein Gespenst mehr auf dem Kirchhof zu sehen

war. Denn solche Leute wie unser handfester Ehrenmann, das sind

allein die rechten Geisterbanner, und es wäre zu wünschen, dass

jeder andere Betrüger und Gaukelhans ebenso sein Recht und seinen

Meister finden möchte.

Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes Eine Auswahl aus verschiedenen Quellen · 第 24 / 197 题