Man muss Gott nicht versuchen, aber auch die Menschen nicht. Denn im
vorigen Spätjahr kam in dem Wirtshause zu Segringen ein Fremder von
der Armee an, der einen starken Bart hatte und fast wunderlich
aussah, also dass ihm nicht recht zu trauen war. Der sagt zum Wirt,
eh' er etwas zu essen und zu trinken fordert: "Habt Ihr keinen
Barbier im Ort, der mich rasieren kann?" Der Wirt sagt Ja und holt
den Barbierer. Zu dem sagt der Fremde: "Ihr sollt mir den Bart
abnehmen, aber ich habe eine kitzliche Haut. Wenn Ihr mich nicht ins
Gesicht schneidet, so bezahl' ich Euch vier Kronentaler. Wenn Ihr
mich aber schneidet, so stech' ich Euch tot. Ihr wäret nicht der
erste." Wie der erschrockene Mann das hörte (denn der fremde Herr
machte ein Gesicht, als wenn es nicht vexiert wäre, und das
spitzige, kalte Eisen lag auf dem Tisch), so springt er fort und
schickt den Gesellen. Zu dem sagt der Herr das nämliche. Wie der
Gesell das nämliche hört, springt er ebenfalls fort und schickt den
Lehrjungen. Der Lehrjunge lässt sich blenden von dem Geld und denkt:
"Ich wag's. Geratet es und ich schneide ihn nicht, so kann ich mir
für vier Kronentaler einen neuen Rock auf die Kirchweihe kaufen und
einen Schnepper. Geratet's nicht, so weiss ich, was ich tue", und
rasiert den Herrn. Der Herr hält ruhig still, weiss nicht, in
welcher entsetzlichen Todesgefahr er ist, und der verwegene
Lehrjunge spaziert ihm auch ganz kaltblütig mit dem Messer im
Gesicht und um die Nase herum, als wenn's nur um einen Sechser oder
im Fall eines Schnittes um ein Stücklein Zundel oder Fliesspapier
darauf zu tun wäre und nicht um vier Kronentaler und um ein Leben,
und bringt ihm glücklich den Bart aus dem Gesicht ohne Schnitt und
ohne Blut und dachte doch, als er fertig war: "Gottlob!"
Als aber der Herr aufgestanden war und sich im Spiegel beschaut und
abgetrocknet hatte und gibt dem Jungen die vier Kronentaler; sagt er
zu ihm: "Aber junger Mensch, wer hat dir den Mut gegeben, mich zu
rasieren, so doch dein Herr und der Gesell sind fortgesprungen? Denn
wenn du mich geschnitten hättest, so hätt' ich dich erstochen." Der
Lehrjunge aber bedankte sich lächelnd für das schöne Stück Geld und
sagte: "Gnädiger Herr, Ihr hättet mich nicht verstochen, sondern
wenn Ihr gezuckt hättet und ich hätt' Euch ins Gesicht geschnitten,
so wär' ich Euch zuvorgekommen, hätt' Euch augenblicklich die Gurgel
abgehauen und wäre auf- und davongesprungen." Als aber der fremde
Herr das hörte und an die Gefahr dachte, in der er gesessen war,
ward er erst blass vor Schrecken und Todesangst, schenkte dem
Burschen noch einen Kronentaler extra und hat seitdem zu keinem
Barbier mehr gesagt: "Ich steche dich tot, wenn du mich schneidest."