Über uns Millionen Soldaten sinkt Regen.
Wolken und Tote hauchen dumpfen Geruch,
Blutrieseln singt.
Sternloser Himmel plätschert in Trichtern und Gruben,
Trostloser Wind weht Nebel und Stöhnen in Schlaf.
Aber neben uns wacht der Posten: Verzweiflung.
Weit hinter den Gräben rattern Kolonnen auf Straßen,
Die wie schmale Brücken im endlosen Elend stehn.
Granaten fegen durchs Spiel der schwebenden Feuer.
Ein Gewehr schreit vor Haß.
Seit wieviel hundert Jahren stehn wir im Tode,
In diesem trägen Sumpfe von Hirn und Blut?
Regen rieselt über uns Millionen Soldaten.
Nacht fröstelt in uns und ermüdeter Schmerz.
Das Land dunkelt fremd und kennt uns nicht.
(Verdun 1916)
Geschlechter, ihr nach uns!
1
Von schmerzlicher Welt durchbohrt,
Unfaßbar von Leid überströmt,
Ruf ich dich, Gott.
Geist, zu dem als Kinder wir beteten,
Geist, in dessen Brand als Jünglinge wir dich verneinten,
Geist, der erneut uns zuwuchs aus hartem Gestein
In der Jahre Erkenntnis und Tat.
Verhetzt von Qual, Mensch gegen Mensch
Ist aufgebäumt,
Gegeneinander gerissen in Wut,
Die das eigene Herz zerreißt.
Erniedrigt in Neid, zermartert in Haß
Hör' ich ausgestoßen
Worte der Feindschaft
Aus verzweifeltem Munde.
Ich rufe dich, Gott.
Unter Wolkenzug steh ich,
Horizont kreist berg-blau um meine Augen.
Ich rufe die Hand, die herunter greift
Und Segen austeilt durch ein einziges Wort,
Durch ein Wort, das sieghaft wär
Aus dem Reiche der Ewigkeit:
Menschen!
2
Nicht über die grausam tätigen Hände allein
Ergieße dich, helfender Geist!
Nicht über die donnernde Feindschaft der Stirnen allein,
Die unterm Tage hassend zusammenschmettern.
Doch in die Herzen stürze,
In die verborgensten Falten,
Wo bittre Worte aufgären wie Fäulnis,
Wo böse Tat aufkeimt in verstecktester Feindschaft,
Wo liebeleer Wille aus bleichen Wurzeln sich nährt.
Überschütte doch,
Hülle doch
Alle heimlichste Bitterkeit
In jedem Herzen, in jedem Sinn,
Auch in dem meinen,
Mit deinem Lichte!
3
So wie ich hier steh, -- ein Mensch, der wenig geliebt wird,
Und bin nicht Mutter, die Kinder in dieses gierige Leben geboren,
Und bin nicht Vater, der Träume in tätige Söhne geschaffen,
Und nicht Geliebter, dem Herz und Wille in sanfteste Hand gegeben,
--
Ich bin ein Mensch nur, der fremd und wenig umschlossen
Mit anderen Gästen der Erde den Tag verbringt:
Ich kann den Haß dieser Welt doch nicht mehr tragen,
Ich kann die Qual geheimster Verfeindung nicht mehr ersticken,
Ich werfe mich wild von Leid und Liebe zwischen die meuternden
Menschen
Und weine.
4
Die Zeit steht ehern wie ein Koloß,
Läutet und dröhnt den unerbittlichen Donner,
Übertürmt die wütend flehenden Hände.
Die an ihr reißen.
Wenn Sonne emporschießt wie eine Fanfare,
Wenn die Sterne ihr schweigendes Gloria klingen,
Wenn der Wind über Länder sich biegt, --
Zeit steht, Zeit geschieht, Zeit braust
Und bleibt errichtet,
Drückt uns die Zentnerlast auf versagende Nacken.
Wir werden verzweifeln müssen.
5
Stürze zusammen unsichtbarer Bau,
Gewölbt aus Menschsein und einigstem Gefühl!
Stürze zusammen, heilige Spannung
Über Herz und allverständlichem Wort!
Stürze zusammen, Bogen des Lebens,
Aufsteigend und ruhend über uraltem Grund!
Stürze zusammen, lichtes Gewölbe,
Gefügt aus Erkenntnis rollender Zeiten!
Kein Boden trägt mehr,
Kein Land ruht mehr
In Flut und Getöse.
Weggerissen in Brandung von Schrei und Angst
Zerbirst das Gefüge der Welt.
Nicht Haß hat gesiegt, -- aber Verzweiflung!
Verzweiflung zerrüttet den Bau der Welt.
6
Es gehen Engel in den Städten um.
Und sei's nur _einer_ in den tausend Straßen,
Nur _einer_, dessen Auge Wahrheit leuchtet,
Und dessen Herz im Gang der Welten schlägt, --
Es bieten reine Hände sich ins Leben,
Und reine Stimmen sagen ew'ge Namen.
Doch die Gnade des Glaubens ist uns versagt,
Zu fremd die Liebe, der die Hand sich böte.
Eingefressen in die tiefsten Adern
Treibt die Not den toten Gang
Und vergiftet jeden Wunders zartesten Keim.
Es gehen Engel in den Städten um.
Vergebens!
7
Preßt den Ring des Verzichts um das stürmende Herz!
Nehmt die Hand aus den Händen, die man euch reichte!
Schreitet hinunter in die brodelnde Zeit!
Vergebens Geduld und Schrei und Gebet,
Erfülle dich, tobender Abgrund!
Nicht _wir_ mehr halten und retten,
Nicht _uns_ mehr spannt sich der himmlische Bogen,
_Wir_ sind verdammt.
Aber, Geschlechter ihr, nach uns,
Hebt euch auf aus unserem armen Blut,
Aus dem Schutt unsres Schmerzes
Mit euren Stirnen in das Schneelicht der Gerechtigkeit.
8
Aber Geschlechter ihr, nach uns, hebt euch auf aus unserem dumpfen
Streit!
Unsern Wunden ist der Lohn versagt,
Über unsern Schlachten stand kein Stern,
Über unsern Scharen keine Liebe.
Unsre Sünde trat den Glauben nieder.
Aber Geschlechter ihr, nach uns, euch vertrauen wir.
Wir strömen alle Hoffnung euch ins Blut,
In euere Geburten alle Liebe,
In euren Aufgang alle reinste Tat.
Des Menschen ew'ges Sternbild steig euch auf!
III
Lobpreisung