Mutter, ich weiß ja noch,
Wie ich, ein Knabe,
Aus deinem Schoße stieg
In das Märchen der Blumen
Und aus den Kissen entwehte
Im Kindertraum
Von Mohn und Vergißmeinnicht.
Du aber wachtest durch blasse Nächte,
Und über deinen Worten schwebte
Die Träne des Todes schon.
War es deshalb so süß,
Ihrer Sanftheit zu lauschen
Und einzuschlafen
Unter deiner verwehenden Hand?
Und wie kommt ihr nun wieder,
Wehmut-heilig,
Aus dem Vergangenen --
Mutter und Märchen!
In jeder Stunde kannst du Schicksal lösen,
In jede Stunde Wunder niederstürzen,
Dich in die Güte finden mit den Bösen,
Das Leid der Welt zu einem Lächeln kürzen.
Leg nur die sanfte Hand auf einen Scheitel
Und sag das Wort, das dir im Herzen brennt,
Geh hin und sprich:
Ach, aller Schmerz ist eitel.
Ich bin dir gut. --
Es blüht das Firmament.
II
Die Zeit
Mein Bruder Feind!
Sie haben ein Tuch zwischen uns gehängt,
Mein Bruder,
Durch das unsre Degen nach unsern Herzen bohren.
Wir wollen uns vergeben,
Die wir lieben,
Daß die Waffe so streng unsern Willen zerschnitt.
Sie haben die Macht, die Sprecher der Staaten,
Daß wir töten einer den andern,
Aber nicht,
Daß wir uns hassen, mein Bruder!
Ich liebe dich
Um deines Lebens willen, warm wie das meine,
Um aller Sehnsucht willen, deiner Mütter und Schwestern,
Um deiner Arbeit willen, still und schwer wie die unsre,
Um deiner Schmerzen willen liebe ich dich,
Mein Bruder.
(1914)
Am blassen Morgen fühlt ich mich entstehen
Aus Nacht und Schlaf,
War mir die Welt ein jugendliches Wehen,
Das hold mich traf,
Erlernt ich wieder: Berg und Haus und Baum
Wie Tief-Vergessenes
Und faßte Wirklichkeit nach blindem Traum
Wie Nie-Besessenes.
Da grüßte ich die Schöpfung brüderlich,
Die mir erschienen,
Ding schmiegte lächelnd sich an Ding, -- und ich:
Ding zwischen ihnen.
(Laon)