Entwicklung der deckentragenden Säule Altindiens aus ihren einzelnen
Phasen zu ununterbrochener Kette zusammenzufügen. Einmal weisen die
frei errichteten Bauten Lücken unüberbrückbarer Zeitspannen in ihrer
Reihe auf, wie ja kein einziges Beispiel aus der Epoche vor dem 3.
Jahrhundert n. C. vorhanden ist. Andrerseits aber können sich ihre
Reste infolge durch Klima wie Gewalt verursachten trümmerhaften
Zustandes als Quellen der Forschung nicht entfernt mit den unversehrten
Grottenanlagen messen. Zwar nur die innere Raumbildung zeigen die
unterirdischen Werke, doch genügt dies vollkommen für das Thema
vorliegender Abhandlung. Solche Gründe mögen für den Verfasser
sprechen, wenn er zum Stammbaumentwurf des altindischen Pfeilers
zumeist monolithe Schöpfungen als Illustrationsmaterial beibringt.
Immerhin leicht wird es dem architektonisch geschulten Auge gelingen,
den Charakter eines Grottenpfeilers unter Beibehaltung aller typischen
Züge der jeweiligen Entwicklungsstufe zum Säulengepräge freier
Konstruktion umzuwandeln.
[Illustration: Abbildung 29.]
[Illustration: Abbildung 30.]
Das Entstehen des monolithen Bauschaffens in Indien ist meines
Dafürhaltens von folgendem Gesichtspunkte aus zu erklären. Bevorzugte
heimische Architekten hatten die Monumentalität fremdvölkerischer
Steinbauten empfunden und als Gesamtbild in der Erinnerung bewahrt,
allerdings ohne die zugehörigen Konstruktionseinzelheiten. Dies führte
denn darauf, Kultstätten aus dem Felsen herauszuarbeiten. Die erhabene
Innenstimmung der vorschwebenden Monumentalwerke wurde damit in bisher
unerprobtem Materiale erreicht, doch ohne steingerechten Organismus
lediglich als formale Hülle. Vielmehr wurde alle Konstruktion noch
im Sinne des Holzbaues gedacht und dargestellt. Darum in den frühen
Grotten ein gleichsam zu Stein erstarrtes Holzgefüge, das, für
den Neustoff an frei errichteten Bauten angewandt, versagt haben
müßte. Hier aber im Schoße des Felsens bewirkte invornherein die
Gesteinsstruktur den größten Teil der statischen Sicherheit. Nicht gar
lange auch, so beginnt ja die formenflüssige Schaffensfreude indischer
Kunst den ursprünglichen Holzcharakter zu einem Stile umzubilden, der
konstruktiv wie ornamental dem Steine mehr und mehr entspricht.
[Illustration: Abbildung 31.]
Das Hauptgebiet des Grottenbaues ist vorzüglichen Materials zufolge der
Gebirgszug der Westghats. Bevor aber eine anschließende Stufenreihe
altindischer Pfeilerentwicklung dorthin führt, sei als Einleitung das
älteste und einfachste Beispiel des vielgenannten Lomas Rishi-Kellers
(Abb. 29) im Norden von Gayá erwähnt. Bei der Entstehungszeit dieser
Grotte um die Mitte des 3. Jahrhunderts v. C. bietet ihr unmittelbares
Konstruktionsnachbild von Holz in Stein den ersten Beleg für die bisher
vertretene Theorie des Ursprunges raumbildender Steinarchitektur. Die
Arbeit in Granit macht es erklärlich, warum der Hindu, welcher soeben
noch in bildsamem Holze entwarf, an dem Pfeiler ohne jede schmückende
Beigabe lediglich die Funktion im Aufbausysteme zum Ausdruck bringt.
Im Zusammenhange mit der Gesamtkonstruktion zeigt die Stütze insofern
Holzbaugepräge, als ein schlichtes Kantholz oben einwärts geneigt ist,
um den Biegungskräften des eselsrückenförmigen Daches vorteilhaft zu
begegnen. -- Wenige Jahrzehnte späteren Alters, weist die Grotte von
Bhaja (Abb. 30) ähnliche Technik auf. Auch hier einwärtshängend und
noch ohne jede Gliederung nach den Grundregeln einer Säule, erscheint
die achteckige Stütze lediglich als ein Teil des nackten Gerüstes.
Einige Ornamentstücke waren bezeichnenderweise aus Holz angesetzt.
Es kann ja keineswegs in dem Rahmen dieses Essays liegen, eine
beträchtliche Zahl altindischer Pfeilerbildungen beizubringen, die des
Einzelstudiums harren, sondern nur ein Abriß ihres Werdeganges soll
versucht werden. Besondere Gründe aber sprechen dafür, ein ungefähr
gleichaltriges Gegenstück zur letzten Stütze nicht zu übergehen. Einmal
mag der Ganesá Kumbha genannte Kellertempel von Cuttack (Abb. 31) ein
Beispiel der beginnenden Pfeilerentwicklung im äußersten Osten bilden,
dann aber trägt dieser Typus, im Gegensatz zu der Absteifung einer
hochgestelzten Dachkurve zu Bhaja, horizontalen Deckenabschluß. Die
daraus entspringenden Unterschiede treten deutlich hervor. Während
dort der Pfeiler mehr als Glied des gesamten Konstruktionsgerüstes
betrachtet erschien, neigt sich ihm zu Cuttack der Schwerpunkt der
Durchbildung zu. Ein unbewußtes Gefühl für logische Trennung der
Säule in Basis, Schaft und Kapitell scheint schon in dem Ganzen zu
schlummern, doch lebte eben das unverkennbare Vorbild des Baumstammes
noch zu sehr in dem Formensinn des Künstlers, als daß ein klares
Aussprechen solcher Gliederung möglich gewesen wäre. Durch einbiegenden
Kurvenanlauf ist das Gepräge sicherer Standfestigkeit erreicht, --
eine Beobachtung wiederum, die wohl unmittelbar dem Wurzelansatze
des Baumes entstammt. Erst in der Hälfte des Vierkantpfostens setzt
Dekoration mit der Eckfasung an, die in drei Viertel Pfeilerhöhe zu
quadratischem Querschnitt zurückführt. Senkrechte Stellung ist von der
Stütze gerader Decke des Holzbaues beibehalten. Durch Ornament und
Kurvenführung in Holzcharakter einstimmend, stellt die Kopfstrebe als
Ganzes einen merkwürdigen Anhalt an solches Vorbild dar, weil sie als
Steinkonstruktion logischer Berechtigung entbehrt. Seltsamer berührt
es zudem, daß der Architekt damit nicht den Architrav, sondern die
darüber lagernde Decke selbst zu stützen sucht. Soll man annehmen, ein
gedankenloses Nachbilden habe derartigen Lapsus unterlaufen lassen?
Wahrscheinlicher wohl stellt der Architrav den Unterzug einer der
Pfeileranordnung entsprechenden Balkenlage vor, die von bewußten
Kopfbändern verstrebt wurde. -- Dieselben Glieder sind wiederum als
Vorläufer gewisser dem mittelalterlichen Bauschaffen eigener Gebilde zu
betrachten, die am Schafte ansetzend in der Mitte eines Joches einander
gegen die Decke versteifen, während die Säule selbst als eigentliche
Stütze des Architraves weiter emporsteigt. --
[Illustration: Abbildung 32.]
Nach den Erstlingswerken steinerner Raumbildung setzt nun merkbar die
architektonische Begabung des indischen Volksgeistes ein, der nach
Adamy[13] »fähig gewesen wäre, das Vollendetste zu schaffen, seine
Phantasie aber nicht losreißen konnte aus den Fesseln, in die der
erschlaffende Reichtum einer allzugütigen Natur ihn geschlagen«. Ein
halbes Jahrhundert kaum trennt die Grotten zu Bhaja und Cuttack von der
zu Bedsá, doch welcher Unterschied! Die Bahn ist eingeschlagen, auf
welcher die altindische Kunst Schritt vor Schritt vordringt zu eigener
Steinformensprache. Mag ein Säulenkapitell der Vorhalle (Abb. 32)
als Architekturtypus dieses Kellertempels gelten. Unverkennbar
liegt eine Umbildungsphase des Lát in die tragende Säule vor. Ein
frischer, selbstschöpferischer Zug aber durchweht die alten Formen.
So stellt sich die Vermittlung von Glockenrund und viereckiger
Deckplatte zwar noch als das übliche Wulstglied dar, doch wird dieses
in wohlerwogener Absicht von einem den Abakusecken entsprechend
gerichteten Rahmengestell umgrenzt. Die kleinen, schlichten
Vierkantpfosten verkörpern dabei eine geschickte Ecklösung, welche
sich günstig in die perspektive Kapitellwirkung einfügt. Konstruktiv
wie ästhetisch einwandsfrei ist der frühere einfache Abakus der
Ediktsäule als Unterlage des lastenden Architraves in eine Folge von
vier einander überkragenden Platten verwandelt. Dagegen erscheinen die
darüber lagernden Reiterskulpturen ohne Kritik ihrer konstruktiven
Urbedeutung von dem Stambha übertragen. Obgleich der zu Grunde liegende
Sattelholzgedanke des persischen Vorbildes dem altindischen Holzbaue
ebenfalls geläufig war, ist er an dieser Plastik dem Künstler --
seltsam, aber unleugbar -- nicht zur Erkenntnis gekommen. Darauf läßt
die Anordnung der Tierleiber, welche seitlich des Architraves und in
halber Überschneidung vorgenommen ist, schließen. Ein zweckmäßiges
Hineinkomponieren solcher Skulptur in die Masse eines Sattelstückes
ist nicht denkbar. Unbewußterweise hat somit eine Rückkehr des rein
dekorativ an dem Lát weitergeführten Motives zu seiner konstruktiven
Entstehungsstelle stattgefunden, und auch dort wird ihm erst allmählich
wieder die Rolle einer vermittelnden Architravunterlage beigelegt.
Ob dabei die mehr und mehr geschlossene Anlage der Figuren einem
vorteilhaften Herausholen aus dem Steinblocke, engerer Beziehung zum
Holzurbilde oder auch dem Zusammenwirken dieser beiden Möglichkeiten
zuzuschreiben ist, mag bis zu späterer Untersuchung dahingestellt
bleiben. --
Die Vorhallensäule steigt regelgemäß als Träger gerader Decke lotrecht
auf. Wie aber verhält sich das wachsende Verständnis im Steinbaue
gegenüber den einwärts neigenden Stützen des gekurvten Daches?
-- Konstruktiv berechtigt strebten diese Steifen dem seitlichen
Ausdrücken der Holzrippen entgegen, doch in Stein umgesetzt beansprucht
die hochgestelzte Eselsrückendeckung den Pfeiler lediglich auf
Vertikaldruck. Eine interessante Erscheinung ist es nun, wie der
Architekt immer geringere Säulenneigung annimmt, je logischer er im
neuen Materiale urteilen und konstruieren lernt.
[Illustration: Abbildung 33.]
[Illustration: Abbildung 34.]
Zur vollen Reife kommt diese statische Erkenntnis im Keller zu Kárli,
wo genau senkrechte Säulenstellung eintritt. Mit dem Werke, dessen
Beginn 78 v. C. fällt, ist ein Hochstand des altindischen Grottenbaues
erreicht, wie er durch bisherige Funde nicht übertroffen worden ist.
Frei und reizvoll entfaltet sich hier die Dekoration, und doch wieder
ordnet sie sich zu rechtem Grade dem konstruktiven Organismus unter,
welcher die Holzbaumängel der monolithen Vorläufer meidet. In dem
gedämpften Lichte der Grotte erwecken wuchtige, enggesetzte Stützen
mit reichem Kopfschmucke nach Schilderung Fergussons[14] wie andrer
Augenzeugen[15] eine selten erhabene Stimmung. Der Pfeilerabstand,
welcher der längsten Basisseite gleichkommt, bildet, gegenüber den
beträchtlich größeren Säulenweiten der am Holzbausysteme hängenden
früheren Beispiele, einen neuen Beleg dafür, daß der Architekt nunmehr
im freikonstruktiven Bauschaffen das neue Material wesensgerecht zu
verwenden weiß. Auf den ersten Blick fesselt der Pfeiler (Abb. 33)
durch die Sicherheit der Proportion, welche sich hauptsächlich
in der klaren Scheidung von Basis, Schaft und Kapitell sowie dem
kraftvollen, doch keineswegs schwerfälligen Gesamtcharakter offenbart,
und verdient so als hochwichtige Entwicklungsstufe der altindischen
Stütze gerechte Würdigung. -- Vom Boden bis zur Scheitelhöhe der
Reiter erreicht die Säule 5,70 m. Der Architekt hat den Druck des
Pfeilers als eines Trägers gewaltiger Last durch vermittelnde,
abgetreppte Unterlagsplatten gleichmäßig auf größere Grundfläche
verteilt. Mit dieser konstruktiv-praktischen Logik ist zugleich der
ästhetische Zweck eines Überganges aus der Erdgleiche zu der straffen
Vertikaltendenz des Schaftes erfüllt. Nun aber setzt unmittelbar über
den Platten ein vasenförmiges Glied an, das in klassischer Kunst kein
Gegenstück hat und darum unserem Formengefühle seltsam erscheinen
mag. Woher dieses eigenartige Gebilde? -- Die Analogie solcher Form
in assyrisch-persischer Architektur dürfte ein Wegzeichen zur rechten
Deutung bieten. Ein vergleichender Blick auf die Basis der Grottensäule
von Iskelib (Abb. 34) beispielsweise ersieht dieselbe Grundgestaltung,
deren Ursprungserklärung in der Kürze darzulegen versucht sei. --
Die südliche Regenzeit bewirkte Fäulnis am Fuße der alten Holzsäule,
deshalb wurde der Stamm durch eine Unterlagsplatte von Stein oder
Bronze über den Boden erhoben. Um dabei die Zapfen- oder Einlaßöffnung
gegen eindringendes Wasser zu schützen, umwickelte man die kritische
Stelle anfangs mit Binsenseilen, daher in der alten Architektur des
Orients oft ein oder mehrere Ringe als Basis. Fortgeschrittenere
Technik aber hüllte den Pfostenfuß in einen Metallschuh, wie dies
heute noch in Japan gebräuchlich. Dieser Schutz mag dem auf unsere
Zeit überkommenen Türzapfen von Balawat (Abb. 35) geähnelt haben,
nur wird die bronzene Hülle festen Standes wegen nicht spitz in den
Unterbau eingelassen worden sein. Die rein formale Nachbildung des
Schuhes in Stein hat nun die vasenförmige Basis ergeben, wobei aber
unentschieden bleiben muß, ob dieser Grundbegriff auch dem indischen
Holzbaue geläufig war, oder ob lediglich die Steinform aus persischer
Kunst übernommen wurde. -- Auf derartigem Basisgliede also erhebt sich
zu Kárli ein achteckiger Schaft, dessen Diameter etwa ein Sechstel der
Pfeilerhöhe bis Oberkante Abakus beträgt. Während an zeitlich kurz
vorausgehenden Kapitellen die Querschnittsfigur des Schaftes ohne
weiteres auf die Glocke übergeführt ist, vielleicht da als letzter Rest
an die ehemaligen Einzelblätter erinnernd, steht hier eine eigenartige,
belebende Kannelur in ansprechenderem Einklang mit dem polygonalen
Schafte. Nach Art des Beispieles von Bedsá hat die elegante Überleitung
der Glocke zu den vier Deckplattengliedern statt. Als krönender Schmuck
des Abakus tragen zwei kniende Elefanten, gleich trefflich in Anlage
wie Ausführung, je zwei verschlungene Gestalten. Die Komposition
der Skulptur ist sichtlich aus einem vorstehenden Stück des Blockes
entwickelt, der als Unterlage des Architraves dient, doch wird der
Gedanke an bewußten Sattelholzursprung durch die Anordnung rechtwinklig
zum Architrave hinfällig. --
[Illustration: Abbildung 35.]
Wenn das nächste Beispiel (Abb. 36) dem gegen die Grotte von Kárli
stark abfallenden Nahapana-Keller zu Nassick, dessen Alter um das
Ende des 1. Jahrhunderts n. C. einzuschätzen ist, entnommen wird,
so geschieht dies außer unter dem allgemeinen Gesichtspunkte, eine
fortlaufende zeitliche Reihe zu verfolgen, besonders als Stichprobe der
ferneren Skulpturanlage auf dem Abakus. Es ordnen sich die geschlossen
behandelten Höckerochsen als interessante Gruppierungsvariante in die
Richtung des zwischengeschobenen Architraves, was deutlich erkennen
läßt, daß hierbei höchstens der Gedanke einer gabelförmigen Sicherung
gegen seitliches Verschieben, keineswegs aber einer Untersattelung
zu Grunde liegen kann. Die schematisch-rohe Technik des Pfeilers hält
in der Folge der Säulengebilde lange hinaus an. So trägt noch die
Stütze der Gautamiputra-Grotte zu Nassick (Abb. 37) aus dem Anfange
des 4. Jahrhunderts dasselbe Gesamtgepräge zur Schau. Diese Zeit
des Verfalles bildet in der Architekturgeschichte Altindiens einen
bedeutungsvollen Abschnitt. Es zeigt das Stocken der Ausbildung
ererbten Formenschemas, daß der Künstler solch begrenztem Gebiete
keinen Reiz mehr abzugewinnen vermochte. Sein Schaffensdrang brauchte
und suchte neue Anregung, um vollkundig des Steincharakters Originelles
hervorzubringen. So deckt sich diese Episode altindischer Kunst mit
der häufigen und wohlerklärlichen Erscheinung, daß aus einer Brachzeit
desto kräftigere Blüte entspringt.
[Illustration: Abbildung 36.]
[Illustration: Abbildung 37.]
Gegen Ende der Zeit zwischen der Entstehung beider Pfeiler keimt das
neue Leben auf, wofür gerade an der Gautamiputra-Säule interessante
Anzeichen nachzuweisen sind. Zwei Momente erscheinen hier, welche in
der Folge rasch hervorragende Bedeutung erlangen. Einmal das Band um
die Einkurvung der Glocke. Am vorliegenden Typus zwar entstehen dadurch
Teilglieder, wie sie der Engländer drastisch als »pudding forms« zu
bezeichnen pflegt, doch stellt ja allein schon der bestimmte Hinweis
auf eine Stelle, wovon neue Formengebung des Kapitelles ihren Ausgang
nehmen konnte und sollte, einen Markstein der Säulenentwicklung dar.
-- Als andrer Punkt nimmt die Abakuskrönung mit dem Beispiel der
Gautamiputra-Grotte wirklich tragendes Gepräge an, indem sich die von
dem Lát her bekannte, zentral nach den Deckplattenecken gerichtete
Löwengruppe dem Architrave unterlagert. Man könnte billig zweifeln,
ob der Architekt wohl mit klarer Absicht solch organische Verwendung
gewählt habe, wenn nicht gleichzeitige und unmittelbar folgende
Bildungen ähnlicher Art denselben Grundbegriff aufwiesen. Tatsächlich
ist der Urzweck dieser Skulptur nunmehr neu entdeckt. Damit soll nicht
gesagt sein, daß etwa im Steinbau eine allmähliche Rückentwicklung der
rein dekorativ auf die Stütze übernommenen Plastik zum ursprünglichen
Sattelholzgedanken stattgefunden habe, welcher gerade um diese
Zeit durch die Halbinsel allgemeine Aufnahme zu finden beginnt.
Eher mag umgekehrt dieses unmittelbare Nachbilden der heimischen
Holzkonstruktion zur sinngemäßen Erkenntnis der Skulptur gewichtig
beigewirkt haben.
[Illustration: Abbildung 38.]
Denn zum Hauptteile erweist sich der Holzbau Altindiens als Quickborn
der Neugestaltung, die an den nächsten Beispielen das archaïstisch
erstarrte Traditionsschema der Säule durchbricht. Grundzüge derselben
Herkunft hatten im Vereine mit indopersischer Látformensprache die
altindische Stütze als ausgesprochenen Typus erstehen lassen; jetzt
wieder knüpft ein frischer Aufschwung der Säulenentwicklung engere
Beziehungen zu diesem heimischen Kunstzweige an, im eigenartigen
Umschaffen früherer wie Übernehmen neuer Motive. Als kennzeichnendste
Neuform aber des Pfeilerbildes tritt eben das Sattelholz -- oder, wenn
man will, das Kragsteinglied -- heraus, dessen Geschichte ein kurzer
Überblick verfolgen mag.
[Illustration: Abbildung 39.]
Bekanntlich stellt das untergelegte Balkenstück ein zentralasiatisches
Urmotiv dar, das sich nach Dieulafoy[16] an Blockbauten von Ghilan
und Mazendéran (Abb. 38) bis zur Gegenwart erhalten hat. Als Beleg
dafür, daß diese Konstruktion auch dem altindischen Holzbaue eigen war,
mag ein interessantes Steinzaunrelief von Bhárhut aus der Mitte des
3. Jahrhunderts v. C. dienen (Abb. 38). Auf Steinbau überführt, bewahrt
sich das Sattelholz als Kragsteinanlage, welche die freitragende Länge
des Architraves verkürzt, konstruktive Berechtigung. Aus diesem Grunde
hat es an frühesten, rein konstruktiv behandelten Granitbauten der
Hindus Verwendung gefunden. Der sogenannte »große Kachahri« in Dhamnár
(Abb. 39), um hierzu nur ein Beispiel unter mehreren herauszugreifen,
zeigt auf dem schlichten Vierkantpfeiler allein das Kragsteinkapitell.
Etwa vom 3. Jahrhundert n. C. ab prägte eine umfassende Verbreitung
dieses Motiv allmählich zu einem Hauptzuge der stützenden Säule aus.
Kaum absehbar erscheint der Wechsel der Durchbildung, welche das Glied
dann insgesamt erfahren hat. Naturgemäß mußte der Kragstein stets
unmittelbar unter dem Architrav bleiben, ganz unabhängig von Anlage
und Ausgestaltung des eigentlichen Kapitelles. Vorerst folgt die
Auskragung in ihrer Aufgabe, die Durchbruchsgefahr des Steinbalkens
zu verringern, lediglich dessen Richtung. Hat die einer Überblattung
zweier Hölzer entsprechende Architravkreuzung statt, so werden vier
Kragstücke erforderlich. Mit der Zeit aber findet diese Form teilweise
zu rein dekorativen Zwecken Verwendung. Endlich begnügt man sich
auch mit der Vierzahl nicht mehr, wie ja eine Regel des altindischen
Architekturlehrbuches von Mánará[17] besagt, daß die Kragsteinanlage
aus ein bis acht Strahlen bestehen kann, je nachdem Konstruktion oder
Dekoration es beanspruchen. -- Nach Einschaltung dieses Überblickes
mag nun dem Kragsteinmotiv weitere Würdigung in der fortgeführten
Beispielreihe altindischer Pfeilerentwicklung zu teil werden.
[Illustration: Abbildung 40.]
Nassick, dessen Säulen jene Periode des Niederganges vertraten, mag
zu interessantem Vergleiche auch ein Beispiel der neuen Strömung
beibringen. Der Yádnya Srí-Vihára, dem die Stütze (Abb. 40) entnommen,
ist gegen Anfang des 5. Jahrhunderts einzuschätzen. Entschieden weist
dieses Pfeilergepräge auf enges Anlehnen an ein Holzvorbild hin, sowohl
mit dem konstruktiv klar entwickelten Sattelholzmotive als mit der
schnitzartigen Gesamtbehandlung des Schaftes. Aus der Flacharbeit sind
die pflanzlichen Ecküberhänge hervorzuheben, da sie einen der beiden
Haupttypen fernerer Kapitellbildung andeuten, wie sie in den nächsten
Abschnitten erläutert werden.
[Illustration: Abbildung 41.]
Hier aber sei weiter dem unmittelbaren Einflusse nachgegangen, welchen
das Rückgreifen auf den Holzbau bewirkt hat. Mit Eifer und Geschick
überträgt der Hindu eine gefällige Grazie wechselnden polygonalen
Querschnittes, die durch reizvolles Ornamentspiel erhöht wird, auf den
Steinpfeiler. Ein feinzügelndes Gefühl hält bei dieser Gliederung die
schmückende Phantasie noch im rechten Geleise, so daß der Organismus
des Gesamtgebildes klar den dekorativen Reichtum durchleuchtet. Aus
den künstlerisch hochbewerteten Grotten Nr. 16 und 17 zu Ajunta, die
aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts stammen, sind hierzu zwei
Beispiele herausgegriffen.
[Illustration: Abbildung 42.]
Auf einer Plinthe, die dem Architrave parallel führt, setzt mit
leichtem Anlaufe der kraftvolle Pfeiler des Vihára 16 (Abb. 41)
an. Durch Fasung geht die Vierkantform zum Achteck und dieses dann
zum Sechzehneck über. Nach kreisförmigem Bande nimmt der Schaft
wieder Achtecksquerschnitt an, um endlich in quadratischer Platte
seinen Abschluß zu finden. In abgeklärter Eleganz ladet darüber das
Kragsteinglied der Architravrichtung folgend aus. -- Grundzügige
Ähnlichkeit und gleichen Hochstand zeigt das Beispiel aus dem Vihára 17
(Abb. 42) -- und doch wieder eine verschiedenartige Lösung desselben
Vorwurfes! Nach der Abfasung ins Achteck nimmt der Pfeiler in
beiläufig ein Drittel Höhe unter Vermittlung typischer Halbmedaillons
sechzehnteilige Kannelur an, und das gleiche Ornament führt hiervon
unmittelbar in quadratischen Schaftquerschnitt zurück. Die Kreuzanlage
des Kragsteinkapitelles setzt sich aus zwei tragenden Figürchen in
hockender Stellung und einer Achse ähnlich der am Bruderpfeiler von
Vihára 16 zusammen. Die Decke bietet übrigens ein interessantes
Nachbild altindischer Holzkonstruktion, wie sie auf der Halbinsel heute
noch gebräuchlich.[18]
Die beiden Pfeiler können und sollen nur als Stichproben des
Säulengepräges in den Ajuntagrotten gelten, wo ja jedes andere Beispiel
für sich abgeschlossen behandelt ist. Mag Fergussons[19] Urteil als das
eines Augenzeugen und bedeutendsten Kenners altindischer Architektur
angeführt sein, dieser stets wechselnden Formengebung gerecht zu
werden. Es besagt über Ajunta: »The pillars in these caves are almost
indefinitely varied, generally in pairs, but no pillars in any one
cave are at all like those in any other. In each cave, however, there
is a general harmony of design and of form, which prevents their
variety from being unpleasing. The effect on the contrary is singularly
harmonious and satisfactory.«
Unwillkürlich schweift bei dieser Schilderung ein vergleichender
Blick hinüber zu den europäischen Säulenbauten des Altertums. Jene
abgeklärte Vollendung der klassischen Ordnung, die an ihr jeweiliges,
bis ins kleinste erwogenes Gesetz der Verhältnisse gebunden, mangelt
den altindischen Monumenten, wenn auch ein Kernsystem des Pfeilers
als Leitmotiv alle seine Spielarten durchklingt. Doch, Hand aufs
Herz, ob nicht ein Hauch der Eintönigkeit manche Werke der Antike
umweht? -- Gerade das unendlich wechselreiche Detail altindischer
Säulenarchitektur wird demgegenüber immer aufs neue intime, eigenartige
Reize offenbaren, immer aufs neue zu fesseln wissen.
Kapitel 5.
Das Polsterkapitell.