Ein interessantes Verhältnis ist es, in welchem diese Skythen zur

hellenistischen Kunst stehen. In gewissem Sinne Vorläufer der

Humanisten, erblicken sie, obwohl barbarischen Blutes, in klassischer

Welt ihr Schönheitsideal. Wie Asoka die persische Steinarchitektur

schützte und förderte, so findet klassische Kunst in Kanischka, dem

bedeutendsten Indoskythenherrscher, einen eifrigen Protektor. Nun

zwingt aber nicht etwa das Machtwort eines orientalischen Despoten

die fremde Formensprache jenen Ländern auf, ohne Rücksicht auf freie

Regung des Volkscharakters. Weit entfernt, daß hellenistisches Wesen

jene Gebiete etwa völlig durchtränkt! Im Gegenteil, alle griechischen

Elemente werden binnen kurzem von Indoskythentum und Buddhismus

aufgesogen. Begünstigt ja naturgemäß die Abgelegenheit des klassischen

Kunstzweiges von vornherein eine originelle Entwicklung, wie sie

dem ureigenen Empfinden dieser Rassenkreuzung entspringt. Frei

kann sich der barocke Geist des indischen Volkselementes in jener

fernen Stilentfaltung geben, kann von griechischer Form ausgehend

eine Bahn beschreiten, wie nimmer etwa -- um durch gegenteiliges

Beispiel zu betonen -- das archaïstische, künstlerisch unproduktive

Rom. Eingehendere Betrachtung wird erweisen, daß der ausgebildete

indoklassische Stil in Wesenheit nur den Ursprung und einzelne

hervorstechende Grundzüge dem Westen verdankt.

[Illustration: Abbildung 19.]

Indoskythische Architektur sucht ihre Betätigung allgemein in denselben

Vorwürfen wie das eigentliche Hindutum, insbesondere an Viháras, den

Klostergebäuden. Sie weist zwar in Kaschmir den dorischen und in

Taxila den jonischen Säulentypus auf, doch erhellt aus diesen Fällen,

daß der eingeborene Künstler nicht derart in die Wesenseigenheit

der beiden Ordnungen einzudringen vermochte, um sie als Grundlage

selbstschöpferischer Ideen zu verwerten. Einzelne Teile der schematisch

behandelten Gebilde sind mit Ornamentfiligran überzogen, damit ist

allgemein die weitere Ausgestaltung am Ende angelangt. Wie wäre aber

auch ein Zusammenklang so völlig verschiedenen Rassenempfindens

denkbar? Hier in dorischer wie jonischer Säule die reine Verkörperung

intellektueller Kunstbegriffe, demgegenüber die dekorationsfreudige

Phantasie des Hindu, deren Schöpfungen gewissermaßen improvisiert

erstehen. Am ehesten mußte der korinthische Stil dem indoskythischen

Volkscharakter zusagen. Die graziös bewegten Kurven des Akanthuslaubes,

sein reiches Detail weckten ein verständnisvolles Interesse. So hat

denn die _indokorinthische_ Ordnung die bei weitem stärkste Verbreitung

zugleich mit einer originellen Durchbildung erfahren.

[Illustration: Abbildung 20.]

Insonderheit auf das Thema der Einzelsäule bezüglich seien zwei

charakteristische Stambhabeispiele aus Jamálgiri in Gándhára (Abb. 18

und 19) beigebracht. Auf den ersten Blick wird hellenistische

Herkunft sehr wahrscheinlich. Im Gegensatz zu römischem Schematismus

zeigen die achtblättrigen Akanthuskränze naturalistisch behandelte

Blattgliederung. Dazu tritt als bedeutsames Moment der eigentümliche

Abakus nach Art der bekannten epidaurischen Entwicklungsphase

(Abb. 20) mit noch unverbrochenen Ecken, obwohl schon eleganter

Seiteneinkurvung. -- Doch kommen wir auf die Änderungen zu, die für

indisches Kunstempfinden bezeichnend sind! Der Drang nach dekorativem

Detailreichtum fügt den Laubkreisen des klassischen Urbildes noch einen

vierten in gleicher Höhe mit dem Abakus bei. Die Deckplatte erreicht

in ihrer Breite das 2½fache der gesamten Kapitellhöhe, während der

klassische Typus nur der 1½fachen Maßzahl gleichkommt. Vielleicht will

diese weite Ausladung unserem Gefühle die Gándhárasäule kopfschwer

erscheinen lassen, doch dürfte solches Urteil einer voreinnehmenden

Gewohnheit zu Unrecht entspringen. Die Gliederfolge klassischer

Ordnungen ist nach dem Grundsatze wechselseitigen Tragens und Lastens

entwickelt, nicht wie bei dem indischen Lát eigens zu dem Zwecke des

Einzelstehens, des bloßen Emporhebens einer im Verhältnis leichten

Skulptur. Wo sich eine klassische Einzelsäule im Westen findet, ist

sie durchgängig nach der Architravstütze kopiert. Sicher würde ein

solches Gebilde seltsam anmuten, wäre es nicht von klassisch geschulter

Kritik sanktioniert. -- Der Hindu hingegen betrachtet und gestaltet

das Kapitell als das einzige Glied, welches die vertikale Tendenz

der Einzelsäule nach oben zu durch Kontrastwirkung zu lösen vermag.

Denn die krönende Skulptur erfüllt lediglich die Aufgabe eines rein

dekorativen Abschlusses. Demzufolge hat die starke Ausladung der

Akanthusblätter durchaus organische Berechtigung. Überdies verrät das

ausbiegende Laub jedenfalls ebensoviel Naturtreue wie die klassische

Auffassung, welche das Blattwerk um einen eigentlich tragenden Kern

schmiegt. Selbst aber, wenn in alledem gegenteilige Meinung besteht,

muß die künstlerische Unabhängigkeit, welche die indoskythische

Architektur trotz ihres Ausgehens von klassischer Form in dieser

Kapitellbildung hochhält, gerechterweise gewürdigt werden.

Weiterhin ein wichtiges Zeugnis der Schaffensfreiheit kündet wohl

die Einführung menschlicher Gestalten zwischen das Akanthuslaub.

Diese Statuetten des Buddha und seiner Jünger haben Anlaß zu viel

wissenschaftlicher Fehde gegeben. Fergusson will aus der Tatsache,

daß Figurenschmuck an dem griechisch-korinthischen Kapitell überhaupt

nicht, an dem römischen Typus aber zum ersten Male in den Bädern

des Caracalla erscheint, auf Herkunft und Alter der Gándhárasäulen

schließen.[8] Sollte diese Skulptur wirklich derart schwerwiegende

Beweiskraft, welche auf Analogiebildung in Rom gegründet ist, besitzen?

Meines Dafürhaltens ist das ornamentale Beiwerk zu Zeiten entstanden,

da in der Weltstadt kein Architekt derart barocken Gedanken Ausdruck zu

verleihen gewagt hätte, gesetzt den Fall, daß ihn seine Phantasie in

solche Verlegenheit bringen konnte. Lediglich einen Ausfluß indischer

Dekorationsfreude stellen diese Figürchen dar. Das Künstlerauge sah

in den überhängenden Blattenden natürliche Baldachine für kleine

Gestalten, -- wie nahe liegt doch diese einfache Erklärung!

An Stelle jener vermuteten Entlehnung der Figürchen aus der Spätzeit

römischer Kunst sei besser der tiefgehende hellenistische Einfluß

zur Beachtung herangezogen, welchen Grünwedel[9] in der Plastik

Gándháras nachgewiesen hat. Die Lehre des Zweigeborenen kannte in

alter, reinster Form keine plastische Darstellung des Buddha. Erst

indoklassische Bildnerei schuf den Buddhatypus, wie er im allgemeinen

bis zur Gegenwart herrschend geblieben ist. Lediglich unter diesem

Gesichtspunkte ist bei den Stambhastatuetten ein klassischer Anteil

festzustellen.

Rein technisch weicht das indoklassische Kapitell vom Urbilde dadurch

ab, daß es aus einzelnen Teilen besteht. Die untere Hälfte des

Akanthuslaubes wurde aus zwei, drei oder vier Stücken meist gleicher

Größe mittels Eisenklammern zusammengefügt. Die obere Hälfte, welcher

Voluten und Abakus einbegriffen sind, tritt stets viergliedrig auf.

Zwei größere Stücke bilden Breitseiten mit je zwei Voluten, während die

entstehenden Zwischenräume durch Zwickel geschlossen werden. Vermöge

genauer Fugenarbeit wie geschickter Verklammerung erschien das ganze

Kapitell an Ort wie aus einem Gusse. Beim Sturze der Säule allerdings

mußte sich diese Konstruktion sofort lösen, da ein Tonschiefer

Verwendung fand, der bruchfeucht vorzüglich bildsam, später aber

leicht brüchig ist. Damit sind die Kapitellreste meist verloren, da die

großen Stücke zersprangen, die kleinen als Bausteine weiter verwandt

wurden.

Die bedeutende Ausladung des Gándhárakapitelles gewährt der

krönenden Skulptur mit einer breiten Auflagerfläche weitgehende

Dispositionsfreiheit. Ob die übliche Tiergruppe durch eine besondere

Plinthe herausgehoben war, ließ sich bisher an keinem Funde

entscheiden. Immerhin macht die starke Überschneidung von Akanthuslaub

und Kopfschmuck der Säule eine derartige Anlage wahrscheinlich. Art und

Zahl der Tiere wechseln auch bei dem indoklassischen Stambha. Die in

Entwurf wie Ausführung gleich vorzügliche Elefantengruppe vorliegenden

Beispiels (Abb. 19) mag irgend welchen symbolischen Abschluß,

vielleicht durch Vermittlung von Reitern, gefunden haben. Welche

Höhe der unkannelierte Schaft erreichte, ist nirgends zu ermitteln.

Die Basis zeigt trotz beträchtlich veränderter Einzelgliederung noch

direkten Anklang an die klassische Form. Das reiche Schattenspiel und

das energische Ausladen des Kapitelles, ein geschickter Aufbau der

Kopfgruppe, die emporweisende Schlichtheit der unteren Säulenpartie, --

in der Gesamtheit vergegenwärtigt, gewiß ein elegantes, vornehmes Bild!

Wohl mit derselben sicheren, feinfühlenden Hand hat zudem der Meister

einzelne Punkte wie Statuetten, Lotosblüten, Abakusreliefs u. a. durch

bisweilen jetzt noch erkennbaren Gold- und Farbenschmuck hervorgehoben

und damit die Pracht seines Werkes gesteigert.

Die beiden Beispiele aus Jamálgiri genügen, das Verhältnis des

indischen Kunstgeistes zu der Entwicklung klassischen Stiles im

Nordwesten der Halbinsel erkennen zu lassen. Wenn auch von vornherein

das eigentliche Indien die fremde Kunstsprache entschieden abweist,

so bestimmt doch das indische Volkselement gar bedeutsam und

eigenartig die von zuströmender Rasse mitgeführte Formengebung. Soll

aber in besonderer Hinsicht auf altindische Säulenentwicklung die

indoskythische Architektur kurz und bündig beurteilt werden, dann ist

sie, zum mindesten insoweit klassischer Anteil in Betracht kommt, als

episodisch zu bezeichnen. Der indoklassische Typus entbehrt jeden

Einflusses auf den urindischen Säulencharakter! --

[Illustration]

[Illustration]

B. Konstruktive Säulen.

Kapitel 3.

Steinzaunpfeiler.

Der Stambha muß als alleiniger Vertreter der ersten Stufe indischer

Säulenbildung gelten. Nach der frühesten Epoche aber treten Momente

hinzu, die allmählich zu immer höherer Wichtigkeit aufsteigen. Einmal

werden die besonders an Steinzaunpfeilern für den monumentalen

Baustoff entwickelten heimischen Holzformen zu bedeutsamer Verwendung

herangezogen. Dann aber übernimmt die Deckenstütze von dem Lát

überhaupt die Führung und leitet nach ihren Bedürfnissen und

Eigenheiten den Werdegang der altindischen Säule auf bestimmter Bahn.

Vorliegender Abschnitt soll diese Vorgänge des einzelnen erläutern und

begründen.

Die Literatur weit vor Asokas Zeit bezeugt ein Zusammenwohnen der

Hindus in Dörfern und Städten, doch sind nicht die geringsten baulichen

Reste dieser Frühzeit erhalten. Als Erklärung hierfür kommt der

Baustoff der Siedelungen in Betracht. Die älteste Steinarchitektur

der Halbinsel zeigt so enge Verwandtschaft mit dem Wesen des

Holzbaues, daß dadurch unmittelbar auf vorausgehenden ausschließlichen

Gebrauch der Zimmermannskunst hingewiesen wird. Das Land bietet

seinen Söhnen ja auch die denkbar besten Bauhölzer, das Tékholz,

das Bambusrohr u. a. Keine zwingende Notwendigkeit also, zu der

weit mühevolleren Steintechnik zu greifen, wenn es nicht besonderer

Zweck, etwa Wasserbau oder Schutz gegen Feinde, erforderlich machte.

Der organische Kern der alten Holzbaukunst leuchtet klar aus den

steinernen Nachbildungen hervor, -- beiläufig ein Merkmal dafür, wie

gewichtig die Konstruktion das Gesamtbild solch eines alten, wohl

mit orientalischem Prunke geschmückten Holzbauwerkes bestimmt haben

mag! Lange Erfahrung wie hochgesteigerte Fertigkeit in der Behandlung

dieses bildsamen Stoffes haben die technische Möglichkeit geboten,

die ausgeprägte Dekorationsfreude der indischen Kunst ungehemmt zu

entfalten. Was Wunder, wenn das Wesen dieses Holzbaues mit seinem

wechselvollen Formenreichtum dem Künstler so ans Herz gewachsen ist,

so sein architektonisches Fühlen und Schaffen beherrscht, daß er

sich davon bei neuem, ganz wesensanderen Materiale nicht loszureißen

vermag. Bis weit zum Mittelalter hinüber ist es darum möglich, den

Spuren des Holzcharakters selbst ins Detail nachzugehen. Das indische

Steinbauschaffen des Altertums insonderheit bildet gewissermaßen einen

einzigen großen Nachweis der wichtigen Stellung, welche in seiner

Entwicklung der heimische Holzbau innehatte.

[Illustration: Abbildung 21.]

Allgemein ist ein Bestreben des Menschen nachweisbar, den nächsten

Umkreis seiner Sakralstätten vom Profangetriebe abzutrennen. So

drängte es auch den Buddhisten, Tempel und Stúpas zu umfriedigen. Hier

nun setzt jener umwälzende Einfluß der neuen Lehre auf das indische

Bauschaffen ein; Glaubensbegeisterung sucht den heiligen Orten

durch monumentale Kunstsprache ein würdiges Gepräge zu verleihen.

Ein ursprünglicher Balkenzaun wird unmittelbar in Stein übertragen,

mitsamt Ornamentik wie Konstruktion. Dabei hat Granit oder zumeist

derselbe feinkörnige Sandstein Verwendung gefunden, welcher sich

auch zu den Láts als vorzügliches Übergangsmaterial bot. Bevor

der bedeutsame Zusammenhang dieser »rails« mit dem altindischen

Säulencharakter dargelegt wird, erscheint es unerläßlich, ihr Schema

(Abb. 21) zu entwickeln. In Vierkantpfosten sind seitlich Bohlen von

linsenförmigem Querschnitt eingestemmt; das Rahmholz ist durch Zapfen

in seiner Lage auf den Ständern gefestigt. Die Pfosten zu Bhílsa

oder Buddha-Gayá aus der Mitte des 3. Jahrhunderts v. C. weisen den

vorerst quadratischen Grundriß auf, während an späteren Beispielen

die Pfeilertiefe auf etwa zwei Drittel der Breite vermindert wird.

Die Abfasung zu achteckigem Querschnitt ließ als unteren und oberen

Übergang Halbkreisflächen, in der Mitte aber eine Vollkreisscheibe

entstehen, welche zur Dekoration ja gleichsam herausforderten. Daß

sich in der ornamentalen Behandlung dieser Stellen ein Anlehnen an

das Lotosblütenmotiv assyrisch-persischer Formensprache kundtun

soll,[10] erscheint gesucht. Kaum dürfte andrerseits dem Architekten

die Vermutung Fergussons einleuchten, wonach die Halbmedaillons im

Urbilde Metallplatten darstellen, die als Verbindung der lot- und

wagerechten Zaunteile dienten.[11] Wie sich der verstorbene Forscher

auch diese Konstruktion gedacht haben mag, erscheint sie doch bei der

logisch-werkmäßigen Zimmermannskunst der Inder wenig glaubhaft. Wenn

einmal eine Grundbedeutung dieser Rundornamente gesucht werden soll,

so erscheinen dekorativ behandelte Köpfe von Holznägeln, durch welche

bei einer früheren Konstruktion die Querhölzer mit den Pfosten in

Verband gebracht waren, als wahrscheinlichste Erklärung. Die einseitige

Ausbildung der Halbkreisscheiben ist danach lediglich als willkommener

Übergang vom Vierecks- zum Achtecksquerschnitt zu betrachten. Der

Künstler war sich dann des Ursprunges nicht mehr bewußt, wofür auch die

häufige Verschiebung der Nagelköpfe an konstruktiv unrechten Ort und

beiläufig das Auftreten der Medaillons an den Riegeln zeugen.

[Illustration: Abbildung 22.]

Diese Hauptzüge der Steinzaunpfeiler waren für Gestalt und Dekoration

der deckentragenden Säule zu bedeutsamem Grade vorbildlich.

Vielleicht steht schon das Verhältnis 1:4½ bis 5 von Seitenlänge des

Grundrißquadrates zur Höhe, welches während des Altertums zumeist

an der Stütze innegehalten wird, mit den gleichen Maßzahlen beim

Zaunpfeiler in Zusammenhang, doch dürfte manchem diese Analogie

zufällig erscheinen. So mag denn die Schaftgestaltung an dem Beispiel

aus Amrávatí (Abb. 22), das einem Stúparelief entnommen ist, für

sich selbst sprechen. Der Architekt hat den ganzen, unveränderten

Zaunpfosten als Schaft zwischen Basis und Kapitell eingeschoben und

dadurch eine tragende Säule geschaffen. Zwischen Elementen persischen

Ursprunges das heimische Kantholz, durch Abfasung und Kreisornamente

typisch belebt. Die einzelnen Motive nun, welche gleicherweise am

Zaun- wie Deckenpfeiler bleibend im indischen Bauschaffen auftreten,

erscheinen eingehender Beachtung wert.

[Illustration: Abbildung 23.]

Weitaus am wichtigsten erweist sich in der Folge der

Querschnittswechsel, wie er nach Zimmermannsbrauch durch Kantenabfasung

entstanden war. An dem Zaunpfosten selbst hemmt die Konstruktion

zwar bald den Fortschritt solcher Gliederung, die Stütze jedoch

führt auf gleichem Wege zu immer reicherer Formengebung. Indische

Freude an wechselvollem Ornamentspiele erhebt die Abfasung der Kanten

zu einem Hauptkennzeichen des Pfeilergepräges. Und die Herrschaft

dieser Dekoration hat sich, obgleich nach jeweiligem Zeitgeschmacke

häufigen Verhältnisänderungen zwischen den Schaftstücken der einzelnen

Querschnittspolygone unterworfen, während aller Epochen bis zur

Gegenwart erhalten.

[Illustration: Abbildung 24.]

[Illustration: Abbildung 25.]

Neben dem Motiv des ganzen Steinzaunes, welches in der buddhistischen

Ornamentik unter anderem als Architravrelief hervorragende Rolle

spielt, wird das Medaillon den geläufigsten Ausdrücken altindischer

Formensprache hinzugefügt. Gern greift der Architekt, wenn es gilt,

an Pfeilern eine einfache Grundgestalt in anderen Querschnitt

oder sonstwelche ornamentale Bereicherung überzuführen, zu diesem

altbewährten Kunstmittel, was einige Beispiele erläutern mögen (Abb.

23-26). Interessant ist an der Tempelsäule von Konch (Abb. 24) der

Übergang aus dem Schafte zum Kapitell mittels der halben Rosette,

welche sich mit dem entsprechenden Ornamente des Kragsteines zu

einem Ganzen vereint. Aus neo-brahmanischer Zeit schon stammt der

Pfeiler von Nawagaon (Abb. 25), und doch erinnert er noch unmittelbar

an Zaunpfostengepräge. In der Ausbildung der Medaillons herrscht

reiche Abwechslung. Neben dem stilisierten Blütenmotiv weisen die

Scheiben allgemein eine Umrahmung auf, worein Stúpas, Bäume, Tier- und

Menschengestalten (Abb. 26), ja ganze Scenen weltlichen und religiösen

Lebens entworfen sind. Ein freies Künstlertum konnte sich an diesen

Pfosten entfalten, -- einzelnen frommen Schenkungen aus der Gemeinde.

So bindet sich denn bei manchen Beispielen der Bildhauer überhaupt

nicht an Fasung und Kreisornamente, sondern teilt, um den Spielraum

seiner Dekoration zu erweitern, die Frontflächen des Vierkantpfeilers

durch wagrechte Steinzaunbänder in mehrere Felder auf. Oder aber er

beschränkt auch diese Gliederung auf ein Mindestmaß und arbeitet als

Hauptmotiv eine einzige Figur an (Abb. 27). Auf groteskem Ungeheuer

oder Zwerggeschöpf steht in sinnlich-anmutiger Pose eine Tänzerin.

Deutlich verrät das Werk, wie der Künstler bestrebt war, das weibliche

Schönheitsideal seines Volkes zu erreichen. Ein interessanter Beweis

zudem gegen die Vermutung klassischen Einflusses auf ältestindische

Bildnerei! Dort in griechischer Kunst reines, natürliches Ebenmaß

aller Körperformen, hier hingegen der künstlerische Niederschlag einer

üppigen erotischen Phantasie. -- Eine merkwürdige Ähnlichkeit dieser

Reliefgestalten mit manchen europäischen Skulpturen des Mittelalters

ist nicht abzuweisen, obgleich selbstredend jeder Zusammenhang

ausgeschlossen bleibt. In gleicher Auffassung wie der Wandschmuck

assyrisch-persischer Pylonen zeigen die Torpfeiler der Steinzäune zu

Bhílsa und Garhwá große, hütende Gestalten. Erst gegen Ausgang des

Altertums greift die Verwendung angearbeiteter Einzelfiguren öfter auf

die Stütze über.

[Illustration: Abbildung 26.]

[Illustration: Abbildung 27.]

Gerechte Anerkennung gebührt dem künstlerischen Hochstande dieser

indischen Bildnerei in ihrer ältesten, besten Zeit, wie bei Gelegenheit

der Láts bereits betont worden ist. Voll Leben und Naturtreue die

scenischen Darstellungen, ausdrucksfähig und ausdrucksvoll die

figuralen Gebilde, mustergültig im detaillierten Ornamententwurf,

so betritt die Plastik an den buddhistischen Steinzäunen den Plan

der Kunstgeschichte. Doch ihre zeitliche Folge bedeutet, wie

schon erwähnt, eine einzige, nur episodenhaft unterbrochene Bahn

des Niederganges. Wohl hat die Verquickung heimisch-orientalischer

mit klassischer Bildhauerkunst im Indusstromgebiet auch späterhin

vorteilhaften Zusammenklang ergeben, doch fand dieser eben keine

Aufnahme in der skulpturellen Gesamtentwicklung Indiens, welche die

gröbsten Mißgriffe aufweist. Verlieh man ja beispielsweise göttlich

erhabenem Wesen durch kolossale Größe inmitten kleiner Gestalten,

göttlicher Macht durch entsprechende Anzahl von Köpfen und Gliedmaßen

Ausdruck. Dieser Entartung steht aber das eigentliche Bauschaffen, als

raumbildende Kunst fußend auf praktischer Anschauung und Erkenntnis,

ziemlich fern und leitet insonderheit die altindische Säulenbildung auf

klar übersehbarem Wege vorwärts.

[Illustration: Abbildung 28.]

Stellt schon der Pfosten des Steinbalkenzaunes zu gewissem Grade eine

Vorstufe der typischen Deckenstütze dar, so nähern sich die Säulen der

Railtore, der _Toráns_, dem Ziele noch bedeutend mehr. Unmittelbar ist

in solchem Toránpfeiler eine Übergangsphase der Látformensprache auf

die konstruktive Säule erhalten. Freilich darf man dabei nicht an jenes

bekannte Zauntor von Sánchi denken, welches gewöhnlich als Paradestück

des Dekorationsreichtums oder des unendlich mühevollen Reliefdetails

in kunsthistorischen Werken angeführt wird. Schon des späten Alters

wegen (1. Jahrh. n. C.) erscheint dieses Exemplar der Toranlagen,

deren Absenker sich bis zur Gegenwart erhalten haben in den Pailus und

Torüs der gelben Rasse, für unsre Betrachtung nicht geeignet. Eher

mag ein Beispiel aus Bhárhut (Abb. 28), wo sich seit der Entdeckung

des Ortes durch Cunningham der Steinzaunforschung die ergiebigsten

Quellen erschlossen haben, den Zusammenhang eines Toránpfeilers mit

der Einzelsäule kundtun. Ein vergleichender Blick läßt erkennen, daß

der Künstler gekoppelte Láts durch Verkürzung und Überführung des

Schaftes in achteckigen Querschnitt zum Architravträger umgewandelt

hat, ohne im übrigen die Eigenheiten des Stambha aufzugeben. Darin ist

jene Grundregel altindischer Architektur bestimmt ausgesprochen, an

der Einzelsäule den Querschnitt stets rund, am Konstruktionspfeiler

hingegen polygonal zu wählen.

Soll aus dem vorliegenden Kapitel ein zusammenfassendes Ergebnis

gefolgert werden, so spielt der Zaunpfeiler in der altindischen

Säulenentwicklung bedeutsame Rolle. An diesem Gliede fand der

Architekt die denkbar günstigste Gelegenheit, den heimischen Holzstil

nach seines Volkes eigenem Fühlen in Steinformen zu verwandeln.

Ohne Rivalität fremder Kunst konnte hier aus dem phantastischen

Sinn des Inders für wechselvolle Gliederung und Ornamentik eine

Dekoration, welche allmählich ausschlaggebende Wichtigkeit erlangte,

ihre Grundzüge heranbilden. Denn der Künstler behandelte ja in jedem

Pfeiler ein für sich abgeschlossenes Stück, das nicht, wenn verfehlt,

ein ganzes Bauwerk für immer beeinträchtigen mußte, wie etwa bei den

Grottentempeln der Fall. Gar mancher mit den Steinzaunpfosten verwandte

Zug gemahnt in den weiteren Kapiteln daran, daß der Entwerfende zur

Durchbildung des altindischen Pfeilers Erfahrung und Vorstudien

dorther geholt hat. Jedes einzelne derartige Beispiel aber wird jenes

Urteil Fergussons über den erst von neuer Forschung recht gewürdigten

Steinbalkenzaun bestätigen, »that this was the feature on which the

early Buddhist architects lavished all the resources of their art, and

from the study of which we may consequently expect to learn most.«[12]

Kapitel 4.

Deckentragende Säulen.

Die altindische Säule: Ein Beitrag zur Säulenkunde · 第 2 / 5 段