Holzformensprache verarbeitete, durchbrach das erstarrte Glockenschema
des ausschlaggebenden Säulengliedes. Wie am Beispiel des
Gautamiputra-Kellers gestreift, entsprang jetzt aus dem altpersischen
Motive, das seit 250 v. C. kaum von der Grundgestalt losgekommen
war, nach wenigen befreienden Änderungen eine lebendige Entwicklung.
Der Impuls solchen Aufschwunges wird in den Zentralprovinzen gegen
Anfang des 3. Jahrhunderts n. C. merkbar, erst seit 400 etwa gewinnen
aber neue Kapitellformen eine allgemeinere Verbreitung über die
Halbinsel. Mannigfache Spielarten treten auf, doch tauchen sie zumeist
in den pfadlosen Dschungeln indischer Ornamentik bald wieder unter,
oder sie gelangen erst im Mittelalter zu wirklicher Bedeutung wie
beispielsweise eine dem ägyptischen Palmenkapitell ähnliche Gestalt.
Es ist schwer, einen geraden Richtweg durch diesen anfangs fast
systemlos scheinenden Wechsel von Kapitelltypen zu finden, denn nicht
Aufgabe dieser bescheidenen Abhandlung kann es sein, die Nebenzweige zu
berücksichtigen. Manch schönes und interessantes Kapitell Altindiens
wird darum hier vielleicht vergebens gesucht. Ich bitte diesbezüglich
um Nachsicht und Verzeihung, doch halte ich nichtsdestoweniger an
der Hoffnung fest, in rechter Weise eine Skizze der Hauptlinien des
Kapitellstammbaumes zu entwerfen. Nur eine verhältnismäßig geringe
Zahl sich aufeinander aufbauender Phasen ist herausgegriffen, -- nicht
immer die schönsten, doch möglichst kennzeichnende und lehrreiche
Beispiele. An dem beschränkten Illustrationsmateriale aber sollen
dafür Einzel- wie Gesamtanlage, Vorzüge wie Nachteile der jeweiligen
Entwicklungsstufe eingehender kritisiert werden, als dies bei großer
Kapitellzahl angängig wäre.
Zwei Haupttypen überragen am Stammbaume neuen Kapitellgepräges weit
alle anderen Verästelungen -- das Polster- und das Vasenmotiv. Und als
bedeutsamere Form dieser beiden wieder muß die Vase mit Eckgerank unter
dem Abakus gelten, welche durch das ganze Mittelalter noch gewichtigen
Einfluß behauptet. Wie das nächste Kapitel im besonderen ausführen
wird, gibt diese eigenartige Neuschöpfung auf ihrem Werdegange die
Umrißkurve der alten Glocke auf. Der Paralleltypus hingegen bewahrt
bis zu seinem Erlöschen am Ausgange des Altertums immerhin engeren
Anschluß an solche Linienführung. Aber auch hierbei liegt ein völlig
bedeutungsneues Motiv zu Grunde, dem vorliegender Abschnitt über das
Polsterkapitell gewidmet sei.
Als eine Frühphase der direkten Entwicklungslinie -- wenn anders
solche Unterscheidung angehen mag -- sei dem Chaitya 19 zu Ajunta
ein Beispiel entnommen (Abb. 43). Der Keller ist in die letzten
Jahrzehnte des 5. Jahrhunderts zu schätzen. In entfernter Ähnlichkeit
mit persischem Typus erscheint das eng kannelierte Kapitell seiner
Urbedeutung nach aus zwei Teilen bestehend, nämlich dem herabfallenden
Kelchkranz und der aufwärts gerichteten Blütenkrone, einem nur
vereinzelt auftretenden Gliede. Ein Band grenzt die obere Schwellung
der Kelchblätter ab und verleiht mit derart selbständigem Motive
dem Kapitell ein wesentlich anderes Gepräge. Allerdings steht die
starke Einschnürung, welche den Umriß des ganzen Pfeilers stört, im
Widerspruche mit dem naheliegenden Grundgedanken einer Befestigung des
Laubes am Stamme.
[Illustration: Abbildung 43.]
[Illustration: Abbildung 44.]
Ohne Sinnverwandtschaft mehr mit dem ursprünglichen Blattkranze löst
sich das Neuglied bereits an einem Kapitell des Chaitya 21 zu Ajunta
(Abb. 44), der sich zeitlich dem vorhergehenden unmittelbar anschließt,
in abgeschlossener Auffassung aus der Glockenlinie. Es mutet an, als
habe dem Künstler bei Schöpfung dieses straffgeführten Wulstes eine
festgeschnürte Packung, ein _Unterlagspolster_ als Urbild gedient. Die
gegenüber dem vorigen Beispiele geringere Einschnürung bewirkt eine
entschieden günstigere Umrißkurve des Kapitelles. Der Glockenrest unter
dem Bande erscheint fürder in eine stets wechselnde Folge von Profilen
und Ornamentstreifen umgewandelt.
Die Entwicklungskette des Polsterkapitelles führt nunmehr zu
den monolithen Werken Elloras, deren Alter etwa von 500 bis ins
8. Jahrhundert fällt. Gerade dieser Zeitraum weist die häufigsten
Religionsspaltungen auf, weshalb es hier angebracht sein dürfte, einmal
das Verhältnis altindischer Kulte zu der Formensprache des Landes zu
streifen. Obschon die Hinduarchitektur bis zum Ausgange des Altertums
vorzüglich im Sakralbau Betätigung suchte, vermochte dennoch keine der
verschiedenen Glaubensrichtungen eine eigene Stilrichtung abzusondern.
Vielmehr wurde das Bauschaffen von künstlerischer Gestaltungskraft, von
der Logik der Durchbildung vorwärtsgeleitet, schritt unberührt hinweg
über allen Konfessionswechsel. So sind zu Ellora drei Hauptreligionen
baulich vertreten, ohne daß dies ein Architekturunterschied
kennzeichnet. Darum ist auch eine stilbestimmende Einteilung allein
nach dem Glauben der Meister, wie sie in kunstgeschichtlichen Werken
oft versucht, kaum durchzuführen, in vornherein unmöglich aber in der
gesamten zweiten Hälfte des Altertums. --
Begeistert vergleicht Le Bon[20] die besten Elloragrotten als »l'œuvre
d'un peuple de génies« mit dem Tempel von Karnak als einem solchen
»d'un peuple de géants«. Wenn auch alle Berichte von Augenzeugen
den wirklichen Eindruck dieser Säulenhallen in reichem Farben- und
Skulpturschmucke, im Glanze von Gold und Silber nur unbestimmt
dem geistigen Auge zu skizzieren vermögen, so lassen doch die
folgenden beiden Beispiele ihrer Pfeilerbildung zu gewissem, hier
interessierendem Grade auf den architektonischen Gesamtcharakter
schließen. -- Vor allem tritt die gedrungene Wucht der Säule hervor.
Wird zu bedenken gegeben, daß demgegenüber die freikonstruktive
Stütze der gleichen Epoche durchgehends schlankeren, oft sogar das
korinthische Verhältnis überschreitenden Schaft zeigt, so erscheint
ohne weiteres erwiesen, daß statische Erwägung auf den gedrückten
Pfeilertypus des Grottenbaues führte. Die gewaltige Auflast
des überlagernden Gesteins kam zur Erkenntnis und drängte nach
architektonischer Lösung, wie sie an so manchem Gebilde als gelungen zu
bezeichnen ist. Diese mächtigen Stützen strömen eine ungemein ruhige
und beruhigende Stimmung aus. Und doch wieder umwebt eine gefällige
Grazie die schweren Massen mit reizvollem Ornamentspiel bei geschicktem
Wechsel der Form.
[Illustration: Abbildung 45.]
Der Pfeiler des gegen 550 entstandenen Indratempels (Abb. 45) hat
ebensoviel vorteilhafte wie abfällige Kritik erfahren. Ohne Rücksicht
darauf gelte er hier lediglich als fernere Stufe der direkten
Säulenlinie. Auf flacher, dem Architrav parallel führender Plinthe
setzt eine Basis von abgewogenen Einzelverhältnissen an. Hauptsächlich
auf Kosten des quadratischen, kannelierten Schaftstückes ist das
wuchtige Säulengepräge erreicht. Ein schlichtes Profil leitet
zu dem eigenartigsten Gliede der Stütze über. Wie die kräftigen
Bärlappblätter nach oben ausbiegend graziös überfallen, das verleiht
mit unaufdringlicher Eleganz dem schweren Pfeiler gewissermaßen
emporstrebende Tendenz, -- überdies eine interessante Erinnerung an den
Urgedanken der Látglocke! Mit den einschnürenden Profilbändern erst
beginnt der ehemalige Bereich des Blattkranzes. Mag immerhin diese
übermäßige Einkurvung die Pfeilerlinie energisch nach oben weisen,
unter rein ästhetischem Gesichtspunkte kann und muß sie verworfen
werden. Wenn aber der schwellende Charakter des Polsters in manchen
Kunstschriften als zu weichlich abgetan wird, könnte man dann nicht
gleichen Rechtes die jonische Volute anfechten, welche noch quellendere
Masse darstellt?
[Illustration: Abbildung 46.]
Bei stetem Wechsel des Kapitelldetails an jedem einzelnen
Grottenpfeiler bleibt doch das Polstermotiv im Grundbegriffe
abgeschlossen bestehen. Erläßlich scheint es darum, hierüber weitere
Beispiele beizubringen. Nur ein Typus vom Schlusse der Baublüte
Elloras sei noch herangezogen, um ein Streiflicht zu werfen auf den
ausschlaggebenden Einfluß, welchen das rein ornamentale Element im
letzten Verlaufe dieser Pfeilerbildung erlangt. Wahrhaftig, eine einzig
dastehende Erscheinung -- diese urindische formenflüssige Dekoration,
deren Züge nahe Anklänge an alle Stilgebiete des Bauschaffens
aufweisen, vom Altertume des Ostens und Westens bis zum kecksten
Rokoko, von altchristlicher Kunst bis zur Spätgotik, und weiter bis
zur Moderne! Naturgemäß lag bei einem Ausleben solch grenzenloser,
allschmückender Phantasie die Gefahr nahe, daß dadurch der organische
Aufbau überwuchert würde. Und tatsächlich lassen die Spätwerke des
Altertums an der Säule immer größere Nachlässigkeit bei abwägender
Wahl der Gesamt- und Einzelverhältnisse erkennen. So führt in den
Grotten die übertriebene Betonung der Kopflast, zumal ein Stocken
der entsprechenden übrigen Gliederdurchbildung eingetreten ist, zu
schwerfällig-schwülstigem Pfeilercharakter, wofür eine Stütze des
Kaïlasa von Ellora (Abb. 46) als Beleg dienen mag.
Das ganze Gebilde erscheint von der Wucht der Auflast niedergedrückt,
und nicht mehr vermag die Dekoration diese Empfindung zu mindern. Breit
absetzend trägt ein postamentartiger Block mit verjüngten Kanten ein
sechzehneckiges Schaftstück, das infolge seines geringen Durchmessers
und seiner kläglichen Höhenverkümmerung den Eindruck erwecken will,
als habe der Architekt alle Zwischentrommeln brüsk unterschlagen.
Fußornament, Einschnürungsprofile und Polster des Kapitelles vertreten
hier im Gesamtumriß den letzten direkten Abkömmling der alten
Glockenkurve, da mit der Kaïlasa-Grotte vom ausgehenden 8. Jahrhundert
diese Hauptlinie für erloschen gelten muß. Nachdem, bis zum 11.
Jahrhundert etwa, besteht eine Periode, die für architektonische
Forschung in undurchdringliches Dunkel gehüllt ist. Später aber läßt
der Säulenbau keine zweifellose Wiederaufnahme dieses alten Motivs
erkennen.
Das letzte Beispiel bildet somit den Abschlußpunkt eines
Jahrtausends altindischer Säulenentwicklung in lückenloser Folge.
Zur Vervollständigung der Skizze sei nur noch ein Wort über die
wesensgleiche Verbreitung solcher Form angefügt. Die monolithen
Werke als wertvollste Quellen der Säulenkunde im indischen Altertum
liegen weit über die Halbinsel verstreut. Doch ist allgemein derselbe
Kapitellgrundzug zu verfolgen, wenn auch selbstredend gewisse lokale
Unterschiede der Dekoration nicht ausbleiben, welche dem forschenden
Kenner bedeutsame Merkzeichen bieten. So weisen beispielsweise im Süden
Badami, im fernsten Osten Udayagiri die gleichen Säulenstadien auf wie
Ajunta und Ellora. --
Kapitel 6.
Das Vasenkapitell.
Eine Parallellinie zum Polstermotive nahm noch, wie eingangs vorigen
Kapitels angekündet, von der Glockenform ihren Ursprung, um dann aber
im Verlaufe der Entwicklung weit von dieser Umrißkurve abzugehen.
In dem Vasenkapitelle mit Eckgerank entstand dabei, verglichen mit
der Schwesterbildung, eine entschieden elegantere Anlage, die sich
als eigenartiges Kennzeichen indischer Formengebung selbst durch das
Mittelalter noch lebenskräftig erwiesen hat. Am besten dürfte eine
Reihe einzelner Stufen den Werdegang und die organische Logik des
Motives veranschaulichen. --
Zwei Stützen aus den Tempelbauten von Sánchi bilden die Einleitung. Der
erste Pfeiler ist zeitlich nicht genau bestimmbar, doch wahrscheinlich
etwa gleichen Alters wie der Trisúlstambha von Besnagar; der andre
entstammt dem beginnenden 3. Jahrhundert n. C. Bei grundzügiger
Ähnlichkeit treten doch die einschneidenden Änderungen hervor. Hier
(Abb. 47) der frei herabfallende Blätterkranz, darüber ein kräftiger
Rundstab als Vermittlung zu dem schweren Abakus, -- insgemein
unleugbarer Einklang mit dem Látkapitell derselben Zeit, wovon ein
vergleichender Blick auf Abbildung 15 überzeugen wird. Gegenüber
(Abb. 48) der spätere Typus, dessen Kapitelldetail zwei neue Momente
beherrschen, das einschnürende Profil und der Fortfall oberster
Glockenschwellung. Damit sind die ersten Schritte zur Neuform getan.
Allerdings läßt an diesem Beispiele die Dekoration über einen Wandel
grundlegenden Sinnes im Zweifel. Denn wenn ornamentale Blattspitzen
der Halsprofilierung an den herabhängenden Laubkranz erinnern, so
widerspricht dem andrerseits der Kopfabschluß der Glocke, da die
einzelnen Kanneluren von oben her in leichter Kurve angeschnitten
sind. Es scheint, als ob die Überschneidung in begrenztem Raume die
Glockenschwellung flau wirken ließ und darum zu schärferem Schattenriß
eben mit diesen Kerben führte, -- also lediglich ein Ausfluß
ästhetischen Empfindens ohne Rücksichtnahme auf bedeutungsgemäße
Gestalt!
[Illustration: Abbildung 47.]
[Illustration: Abbildung 48.]
Es stellt aber dieses letzte Kapitell von Sánchi nur einen Übergang dar
zu oben glatt abgeschnittener Endigung, wobei sich die Glockenkappe
ähnlich wie der Hals in Profilbänder umsetzt. Ein Pfeiler aus Eran
(Abb. 49), dessen Entstehung in die Mitte des 4. Jahrhunderts fällt,
zeigt eine Frühstufe solcher Art. Energischer noch bringt die gegen
400 entstandene Stütze von Náchná in Bundelkhand (Abb. 50) die
neue Umrißlinie zum Ausdruck, da alles schmückende Beiwerk an den
kritischen Stellen auf das geringste Maß beschränkt ist. Insonderheit
ist zu beachten, daß hier die Laubkranzdekoration vollbewußt
angewandt erscheint. Der Architekt war demnach noch zu keiner andren
Grundbedeutung der Kapitellgestalt gelangt, was weiterhin die
Richtigkeit der Vermutung beweist, daß sein sicheres perspektivisches
Gefühl trotz naturalistischer Unlogik den geraden Abschluß wählte.
[Illustration: Abbildung 49.]
[Illustration: Abbildung 50.]
Freudigen Eifers ergriff nun das dekorative Genie des Hindu die
willkommene Aufgabe, der bislang sinnentbehrenden Glockenform mit
weggeschnittener Kappe eine innere Bedeutung und zugleich eine
demgemäße Durchbildung zu eigen zu geben -- und das mit einem
Erfolge, der voller Anerkennung wert ist. Gerade bei derart schroffem
Kopfabschluß drängte besonders nachdrücklich, aber auch besonders
erschwert jener alte Vorwurf zur Lösung, einen Rundquerschnitt des
Kapitelles ungezwungen, elegant in die quadratische Deckplattenform
überzuleiten. Das klassische Altertum hat in zwei vornehmen Schöpfungen
dies Problem entwickelt, -- immerhin aber hier bei der jonischen
Ordnung nicht ohne eine gewisse Einseitigkeit und Gesuchtheit, dort
bei der korinthischen nicht ohne ein Teil naturalistischer Unwahrheit.
Und wenn dem Hindu auch keineswegs die künstlerische Fähigkeit und
technische Vollendung der westlichen Meister zuerkannt werden darf und
soll, so reicht doch wohl hinsichtlich organisch-logischer Berechtigung
sein Überführungsentwurf, wie er im folgenden skizziert, nahe an die
klassischen Typen heran.
Die gestaltende Phantasie legt der kappenlosen Glockenform die
Bedeutung eines _Gefäßes_ unter. In gleichem Maße, wie dieser
Grundgedanke in indischer Formensprache regere Aufnahme findet,
klärt sich allmählich die anfangs derbe Linienführung der Vase
geschmackvoller ab. Dieser eigentliche Kernbegriff des Kumbha,
das ist eines Wasserkruges, nimmt zwar selbst auf den kritischen
Querschnittswechsel keine Rücksicht, wohl aber sein dekoratives
Beiwerk. Am Zusammenschluß von Deckplatte und Vase entstehen unter den
Ecken Stellen, wo ein vermittelndes Füllmotiv angebracht erscheinen
will. Fernerhin aber kriecht die Kumbhakurve mit den einschnürenden
Profilen, wie schon beim Polster, in den Pfeilerumriß hinein und
verleiht dadurch dem Kapitell einen dürftigen und matten Zug. Diese
Sachlage kommt dem Architekten im Verlaufe der Motivdurchbildung
zur Erkenntnis, und so schaltet er durch dekoratives Betonen der
Diagonalaxen des Abakus auf denkbar einfachste und geschickte Weise die
Übelstände aus. An jeder Ecke entspringt ein Rankenbüschel aus der
Vase, deckt durch sein volles, geschlossen behandeltes Laubwerk die
mißlichen Blößen und senkt sich an späteren Bildungen, um bedeutenderen
Schattenriß des Kapitelles zu erzielen, ganz allmählich bis zum
Vasenfuße. Last not least steigert der Kontrast dieser Laubgehänge
gegen den nach oben schwellenden Gefäßrumpf die emporstrebende Tendenz.
Ich kann mich auf Grund umfassender Vergleiche der Überzeugung nicht
verschließen, daß eben ein solcher Charakter das Kumbhakapitell an
den freikonstruktiven Stützen häufigere Verwendung finden ließ als
das gedrückte Polsterglied, dessen ureigenes Gebiet der Grottenbau
mit gewaltiger Überlast blieb. An der Hand einiger Phasen sei diese
Entwicklungsskizze der Vase mit Eckranken etwas weiter ausgeführt.
[Illustration: Abbildung 51.]
[Illustration: Abbildung 52.]
Zwei Pfeiler aus Eran und Udayagiri führen den Ansatz der Ecküberhänge
ein. Man könnte in Frage ziehen, ob dieses Blattwerk trotz seiner
ästhetischen Berechtigung in Wirklichkeit an Punkten möglich ist, wo
der feste Verschluß der Vasenmündung durch die Deckplatte doch in
vornherein ein Durchdringen der Zweige auszuschließen scheint. Wenn
hier eine Deutung gesucht werden soll, so könnte ja der Gefäßrand
irgend welche Ausschnitte als Überlaufsöffnungen enthalten, die von
herausquellender Laubfülle verdeckt sind. Als kurze Büschel spielen
hier die Überhänge noch lediglich eine zum Abakusquadrat vermittelnde
Rolle. An der Säule des Narsinha-Tempels zu Eran (Abb. 51), der gegen
400 zu schätzen ist, hat der Künstler interessanterweise noch einen
Rest der bisher geläufigen Überleitung als zur Deckplatte gehörig
betrachtet und demzufolge die Überhänge erst unter diesem Profile
entspringen lassen. Auch die Halsglieder des Kapitelles sondern sich
noch in gewissem Sinne von der Vasengestaltung ab. Anders schon das
wenige Jahrzehnte spätere Beispiel aus der sogenannten »falschen
Grotte« von Udayagiri (Abb. 52)! Alle Profilbänder sind in die
Kumbhaform klar einbezogen, was weiterhin den Ansatz der Eckranken
unmittelbar unter die Deckplatte verschiebt.
[Illustration: Abbildung 53.]
Mannigfache Spielarten erweisen in der Folge die freie Bildsamkeit
des neuen Kapitellvorwurfes. Ein Moment aber bleibt fest bestehen bei
allem Wechsel der Verhältnisse -- das gleichmäßige Anwachsen der
Rankenlänge. Darum ist in dem jeweiligen Verhältnismaße dieses Gliedes
zur Vasenhöhe ein untrüglicher Schätzungsanhalt für das Säulenalter zu
erblicken. Da aber die Längenzunahme der Überhänge bei dem gestreckten
Glocken- bez. Kumbhatypus jener Zeit übertriebene Vertikaltendenz der
Stütze anzugeben droht, so nimmt die Vase durch Höhenverkürzung wieder
gedrungenere Gestalt an.
[Illustration: Abbildung 54.]
[Illustration: Abbildung 55.]
Anschließende Beispiele, deren zeitliche Folge sich in den Jahrzehnten
vor und nach 600 bewegt, gewähren interessante Einblicke in das rege
Formenschaffen am Kumbhakapitell. In kraftvoll-klarer Schlichtheit
läßt die Säule von Deo-Barnárak (Abb. 53) den grundlegenden Organismus
hervortreten. Zu Jhelam (Abb. 54) ist das Laubwerk neuartig, welches
auf ungezwungene Weise die Ecküberhänge verbindet. Vielleicht
besteht hierbei ein Zusammenhang mit dem vermittelnden Blätterwulst
des Látkapitelles. Als Urmotiv wäre anzunehmen, daß dem vollen
Vasenmunde ein Gebüsch entsprießt, welches die Deckplatte um ein
Stück emporhebt. Der gleiche Grundgedanke ist bestimmter an einem
Pilaster aus der Landschaft Orissa (Abb. 55) zum Ausdrucke gebracht.
Wie eine Verquickung beider Hauptlinien der Kapitellbildung mutet
dieses Beispiel an. Einem Polster gleicht der Vasenrumpf, aus dessen
stark eingezogener Mündung ein volles Zweigbündel aufwächst, um
den Abakusecken entsprechend auf die Schwellung überzufallen. Das
Kapitell aus der Amrita-Grotte zu Udayagiri (Abb. 56) läßt bereits
den Einfluß ahnen, dem auch das Vasenkapitell allmählich anheimfällt,
-- phantastischer Willkür! Beschwingte Fabelwesen treten hier
beispielsweise an die Stelle der schlicht empfundenen Laubüberhänge.
Doch sei es mit dieser einen Probe der Auswüchse, wie sie sich immer
von neuem den Grundzügen des Motivs entsondern, bewendet.
[Illustration: Abbildung 56.]
[Illustration: Abbildung 57.]
Bei solchen Einzelstufen der Durchbildung ist zwecks klarer Erkenntnis
der Grundbegriffe naturalistisch behandeltes Detail bevorzugt worden.
Daneben nun machte sich noch eine stilisierende Richtung geltend,
die ja häufig schon durch die Materialbeschaffenheit bedingt war. Ein
Beispiel aus Eran (Abb. 57) zeigt die Sicherheit, welche dem Hindu
auch bei dieser Behandlung eigen war. Außerdem ergaben sich zwischen
beiden diametral gegenüberstehenden Linien die verschiedenartigsten
Kreuzungen. Gerade diese wechselvolle Formengebung aber trug bedeutsam
dazu bei, das Kumbhakapitell von abgeschlossener Reife, wie sie den
klassischen Kapitellgedanken beschieden, abzuhalten. Immerhin bietet
allein sein Organismus ein fruchtbares Motiv, das wohl wert erscheint,
in das moderne Kunstschaffen aufgenommen zu werden.
Vielleicht hat es verwundert, daß bei sämtlichen Pfeilern
vorliegenden Kapitels die zumeist recht interessante Schaftgestaltung
unberücksichtigt geblieben ist. Dies findet Grund darin, daß diese
allgemein entsprechend bereits behandelter Entwicklung statthat.
Ergänzender Erwähnung nötig erscheint nur noch ein Wechsel der
Gliederverhältnisse, der mit dem Vasenkapitell verbunden gegen die
Rüste des Altertums fast typisch auftritt. Der quadratische Pfeilerfuß
-- gleichgültig, ob mit oder ohne Basisgliederung, -- gewinnt immer
mehr an Höhe, bis zu etwa zwei Drittel der gesamten Schaftlänge,
wodurch für das Abfasen in polygonale Querschnittsformen ein
beschränktes Feld übrig bleibt. Der quadratische Teil entbehrt jeden
Schmuckes. Vielmehr wird alle Dekoration auf das obere Stück gehäuft.
Die Skizze des altindischen Stützencharakters ist damit zu Ende
geführt. Denn es erscheint nicht erforderlich, hierzu auf die
klassische Strömung an der Nordwestgrenze der Halbinsel einzugehen.
Nicht wie bei den Láts Gándháras regte in der konstruktiven Säule
ein nur der Heimat eigentümlicher Vorwurf den Architekten an, aus
fremder Formensprache heraus Originelles zu schaffen. Wo der Hindu
in diesem Gebiete veranlaßt wurde, die abendländischen Ordnungen
zur Stützenbildung zu verwenden, da begnügte er sich, abgesehen vom
indokorinthischen Stile, im Grunde damit, einzelne Teile mit Ornament
zu überziehen. So muß denn eine zusammenfassende Kritik trotz jener
lokalen Kreuzung heimischen Geistes mit der korinthischen Ordnung
entschieden der klassischen Kunst jeden Einfluß auf eigentlich
indischen Säulencharakter absprechen.
[Illustration]
[Illustration]
Schlußwort.
Einen ungewundenen Richtpfad durch das Labyrinth altindischer
Säulenformen haben wir in den vorausgehenden Betrachtungen gefunden;
feste Grundzüge der Entwicklung leuchten durch den vorerst verwirrenden
Schleier einer phantastischen Dekoration. Die einzelnen zu vollen
Begriffen abgeschlossenen Bildungen halten sich sehr konservativ im
Säulencharakter. Wenn nun auch rituales Gesetz die Tradition einmal
sanktionierter Motive gefestigt haben mag, so liegt der Hauptgrund
dieser Erscheinung doch wohl darin, daß der Hindu eine organische
Logik als Lebensbedingung gedeihlichen Weiterschreitens erkannt hatte
und zu wahren bedacht war. Welcher hohen künstlerischen Selbstzucht
es aber hierzu benötigte, läßt sich schon aus vorliegendem Essay zu
gewissem Grade ermessen. Immerhin gibt ähnlicherweise, wie in der
altindischen Literatur die Poesie auf die abstraktesten Wissenszweige
bedeutsam hinüberspielt, in der Architektur mehr ein freies Gefühl für
die Harmonie der Verhältnisse, ein sicher disponierender Blick den
Ausschlag als konstruktives Gesetz.